Veranstaltung

Das war der MAZ-Recherchetag 26

Was macht guten Recherche-Journalismus aus? Der MAZ-Recherchetag 26 versuchte diese Frage mit namhaften Journalistinnen und Journalisten zu beantworten – und Lust zu machen auf eigene Recherchen.

In der Keynote sprach der israelische Fotojournalist Oren Ziv (u.a. +972 Magazine) über die Restriktionen für unabhängige Berichterstattung in Israel während und auch nach dem Gaza-Krieg. Ziv schilderte, wie staatlich legitimierte Gewalt gegen Palästinenser und die Unterdrückung von Kritik den journalistischen Alltag prägen – und beschrieb, wie viele etablierte israelische Medien sich inzwischen massiver Selbstzensur unterwerfen. Das mache unabhängige Recherchen umso wichtiger. Zum Beispiel die Recherchen dazu, wie die israelische Armee 3D-Modelle aus Online-Marktplätzen nutzte, um Angriffe auf zivile Ziele visuell zu rechtfertigen.

Making of wichtiger Recherchen des vergangenen Jahres

In fünf Inputs gaben Cathrin Boss (Tamedia), Sandro Büchler (St. Galler Tagblatt), Thomas Angeli (Beobachter), Oliver Christe (WAV-Recherchekollektiv) und Adina Renner (NZZ) Einblicke in ihre Recherchen. Es ging um die Sorgfalt bei sensiblen Gesprächen mit Angehörigen von Verstorbenen in einer Psychiatrieklinik, um juristische Kämpfe bis vor Bundesgericht rund um einen Umweltskandal, um die aufwändige Recherche zu Online-Betrügern, um die systematische Fleissarbeit, um relevante Pensionskassen-Investments zu vergleichen, oder um die Kombination von OSINT-Methoden mit Berichten von lokalen Journalistinnen und Journalisten aus unzugänglichen Gebieten wie Gaza.

Recherche-Handwerk

Um konkrete Arbeitstechniken ging es in sechs anderen. Fiona Endres (SRF) und Janina Bauer (freie Reporterin) entzauberten das Fach der Investigativ-Journalistin als lernbares Handwerk – wo scheitern eher die Regel ist als die Ausnahme. Der Fall Nzoy (Carlos Hanimann, Republik, und Stan Michel, Forensic Borders) verband klassische Recherche mit Methoden der Forensic Architecture. Maj-Britt Horlacher und Conradin Zellweger zeigten: Sicher Arbeiten kann man lernen – und es ist ein Muss, nicht nur bei Geheimdienstrecherchen. Am Beispiel des WOZ Rüstungsreport erklärte Jan Jirát, wie offene Datensätze kollaborativ genutzt werden können. Und sowohl Hanna Fröhlich von Correctiv Schweiz wie Cécile Tran-Tien von RTS zeigten, wie sie Bürgerinnen und Bürger systematisch in ihre Recherche einbeziehen.

Und was ist mit KI?

Die vier Inputs von Reto Vogt (MAZ), Julian Schmiedli und Keto Schumacher (SRF), Tom Vaillant (20 Minuten), Alexandra Stark und Dominique Strebel (Beobachter) zeigten eindrucksvoll, wie KI den journalistischen Alltag bereits heute verändert: Automatisierte Agenten übernehmen wiederkehrende Rechercheaufgaben, während Analysewerkzeuge für TikTok bei Algorithmus-Recherchen helfen. Und KI kann auch dabei helfen, OSINT-Tools einfacher zu nutzen oder systematisch and er eigenen Recherchethese zu arbeiten.

Skepsis und Enthusiasmus im Plenum

In der anschliessenden Plenumsdiskussion zeigte sich, dass immer noch viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Nutzung von KI in der Recherche skeptisch gegenüberstehen. Andere nutzen KI bereits standartmässig zum Fakten checken eigener Texte, zum Durchforsten von Studien oder nutzen OSINT-Tools, die mit KI arbeiten. Insbesondere in stark normierten Bereichen oder beim Durchsuchen sehr grosser Datensätze kommt KI bei einigen bereits oft zum Einsatz, vereinzelt auch beim Programmieren eigener Tools. Doch die Aufgabe, seine Quellen dann nochmals händisch zu überprüfen, bleibt zentral – so das Fazit der Diskussion.

Fotograf: Glen Gabriel

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