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Wie viel KI gehört in den Journalismus?

Künstliche Intelligenz schreibt und denkt in allen Schweizer Medienhäusern mit. Die entscheidenden Fragen lauten: Wie viel und ab wann sollten Zeitungen das deklarieren?

«Absurd» sei es, wenn Medienhäuser einen Text, der zu 95 Prozent gepromptet ist, als menschengemacht definieren. Das sagte Ringier-CEO Marc Walder zur NZZ. Die Zahl ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde laut WoZ in einem internen Meeting bei Tamedia genannt: «Wir zeichnen KI auch dann nicht aus, wenn sie zu 95 Prozent den Text geschrieben hätte», soll Nadia Kohler, die KI-Verantwortliche des Hauses intern gesagt haben.

Walder setzt die Grenzen anders – diffuser: «Das Medium muss die Regeln so festsetzen, dass die Glaubwürdigkeit nicht gefährdet ist und der Konsument einen Mehrwert hat.» Er würde keinen Bericht über ein Fussballspiel lesen, der komplett KI-generiert ist, findet aber KI-generierte Zusammenfassungen am Anfang eines Textes sinnvoll.

Was sagen die Medienhäuser dazu?
Am 28. Mai um 14 Uhr organisiert das MAZ eine Online-Diskussion zum Thema KI-Kennzeichnung im Journalismus.

Mit dabei sind: Nadia Kohler (Tamedia), Thomas Benkö (Ringier), Barnaby Skinner (NZZ), Philip Kübler (Pro Litteris) und weitere. Moderiert von Reto Vogt.
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Pro Litteris gibt Walder Recht. «Tritt die Maschine an die Stelle des kreativ schaffenden Menschen, dann fehlt es an der gesetzlichen Voraussetzung für einen Rechtsschutz», heisst es auf deren Website. Weil die Abgrenzung aber schwierig ist, stützt sich Pro Litteris auf die «Selbstdeklaration der Rechteinhaber:innen».

Die Zahl, die niemand kennt

Eine Prozentzahl könne aber nicht die Antwort auf die Frage sein, welchen Anteil die KI an einem menschlichen Werk haben darf – «solange die Berechnung und Aussagekraft dieser Zahl nicht feststehen». Wer schon mal mit KI gearbeitet hat, weiss: Das ist mindestens technisch unmöglich. Weder bei Bildern noch bei Text gibt es Tools, die treffsicher feststellen können, wie viel KI in einem Werk steckt. Richtigerweise schreibt deshalb Pro Litteris: «Der Anteil Mensch und Maschine lässt sich nicht messen und nachvollziehen, ohne den Entstehungsprozess zu kennen oder zu untersuchen.»

Eben gerade deshalb ist die Haltung von Tamedia in der Sache mindestens konsequent. Die scheidende Präsidentin der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK), Anna Jobin, forscht an der  Universität Fribourg zu digitaler Ethik und sagte zum Magazin Schweizer Journalist:in: Für sie sei es zweitrangig ob ein Text mit Hilfe einer Feder oder einer Software erstellt wurde – sofern er journalistischen Kriterien entspreche und die volle Verantwortung übernommen werde.

Letzteres ist entscheidend: KI kann vieles, aber niemals für Fehler haften oder Verantwortung übernehmen. Diese liegt immer bei den Menschen dahinter, also Journalist:innen, Redaktionen, Verlagen. Eine Deklaration ist deshalb kein Rechtsproblem, sondern ein Vertrauensproblem. Leser:innen wollen wissen, wer hinter einem Text steht und wer dafür geradestehen muss. Nicht weil ein Algorithmus mitgeschrieben hat, sondern weil jemand entschieden hat, was veröffentlicht wird.

Vertrauen ist die Währung

Denn unter dem Strich geht’s in den meisten Medienhäusern immer noch darum, Umsatz mit Abos zu generieren. Die Bereitschaft, für Journalismus zu zahlen, hängt nicht davon ab, ob ein Text zu 30 oder 95 Prozent mit KI entstanden ist. Sie hängt primär davon ab, ob Leser:innen einer Marke oder einem Namen vertrauen, wahrheitsgetreu informiert zu werden. Und das geht auch mit 95 Prozent KI, solange die verbleibenden fünf Prozent die Verantwortung übernehmen.

Eine «Absurdität», wie Marc Walder das nennt, ist das meiner Meinung nach jedenfalls nicht. Sondern wohl eher gelebte Praxis in den Newsrooms dieses Landes. Auch in seinem.

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