Newsletter – KI & Digitales

Es kommt darauf an

Die Debatte um den KI-Einsatz im Journalismus muss differenziert geführt werden.
Schreibmaschine

Wie gross darf der KI-Anteil eines journalistischen Textes sein, und spielt das überhaupt eine Rolle, wenn dieser am Schluss rund ist und alle Fakten stimmen? Während die meisten Leser:innen diese Fragen relativ deutlich beantworten – ja, es spielt eine Rolle und der Anteil soll möglichst tief sein –, gibt’s in der Medienbranche zwei Lager: die Befürworter:innen des KI-Einsatzes und dessen Gegnerschaft.

So einfach ist es aber nicht. Die Fragen verdienen eine differenziertere Betrachtung. Die Antwort auf die eingangs gestellten Fragen sollte nämlich «Es kommt darauf an» lauten.

Es kommt zunächst darauf an, in welcher Phase der Texterstellung KI eingesetzt wird: Vor und nach dem eigentlichen Schreiben ist der KI-Einsatz unbestritten, konkret in Recherche, Textproduktion (SEO, Titel, Lead, Verlängern oder Kürzen) oder beim Korrektorat ist künstliche Intelligenz unbestritten eine grosse Hilfe und soll unbedingt genutzt werden.

Aber auch beim Schreibprozess selbst kommt es darauf an: auf die Textsorte. Während ich es unbedenklich finde, sich beim Verarbeiten von Medienmitteilungen oder Erstellen von Kurznews helfen zu lassen, halte ich es für problematisch, wenn KI bei Analysen, Hintergrundberichten, Leitartikeln, Meinungsbeiträgen oder Kolumnen von Beginn weg an Bord ist.

Schreiben ist ein Prozess, der viel Zeit und Mühe kostet. Zumindest bei mir ist es ausserdem auch ein Prozess, der mich zum Denken anregt, mich auf Ideen oder Aspekte bringt, die mir ohne das Tippen nicht eingefallen wären. Ein guter Text ist nicht nur deshalb gut, weil er sich gut liest, sondern weil jemand dafür gearbeitet und vor allem nachgedacht hat. Diese Haltung vertritt unter anderem «Der Spiegel».

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Wenn ich mir als Journalist:in ständig beim Schreiben helfen lasse – sei es bei Einstiegen, Übergängen oder guten Schlusspointen –, verlerne ich irgendwann mein Handwerk, das ich mir über die letzten zwanzig Jahre angeeignet habe. Aber auch für junge Kolleg:innen ist es unerlässlich zu wissen, was einen guten Text ausmacht und wie man ihn schreibt. Wie sollen sie sonst beurteilen, ob ein KI-Vorschlag gut oder bloss banal ist?

Persönlich überlege ich mir, für mich selbst einen KI-freien Wochentag zu etablieren; einen Mindday am Monday zum Beispiel. Denn wenn wir Journalist:innen durch übermässigen KI-Einsatz unseren Leser:innen Fatales beibringen: Warum sollte jemand noch für Journalismus zahlen, wenn er oder sie ihn gleich selbst prompten kann? Und aus der Perspektive der Journalist:innen gesprochen: Wenn ich einen Text mit KI schreibe, dann unterstreiche ich damit deutlich, was mir meine eigenen Gedanken wert sind: nicht besonders viel.

Was ist Ihre Perspektive? Schreiben Sie mir an reto.vogt@maz.ch. Ich freue mich auf Ihre Sichtweise.

Reto Vogt CPO Bis bald am MAZ!
Reto Vogt
CPO

 

PS: Kein einziger Buchstabe dieses Textes wurde von einer KI geschrieben.

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