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Stagiaires in Auslands-Redaktionen

Lukas Messmer berichtet aus Laos

Lukas Messmer (1984) schreibt vom November 2012 bis Februar 2013 für die laotische Zeitung Vientiane Times. Er hat an der Universität Zürich Allgemeine Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft studiert. Seine journalistische Laufbahn begann 2006 lokal im Zürcher Oberland. Bis vor dem Abflug nach Laos wra Messmer Samstagsredaktor beim «Sonntag». Fünf Jahre lang war er mit Leib und Seele Redaktionsmitglied der Zürcher Studierendenzeitung.

Lukas Messmer (DEZA/MAZ)

21. November 2012

"Laos? Ist das in Afrika?" Es gibt Ausnahmen, aber ein ziemlich hoher Anteil der Schweizerinnen und Schweizer kennen das südostasiatische Land nicht. Es ist versteckt sich auch ziemlich gut auf der Landkarte: Mitten auf dem Mekong-Delta, eingenistet im Gebirge zwischen Thailand, Kambodscha, Vietnam, China und Myanmar. Unter Backpackern ist es mittlerweile bekannt – bald zu bekannt? – als letzte unberührte Perle Südostasiens.

Auch die Manager des Bangkoker Suvarnabhumi-Flughafens setzen das Land an die Peripherie. Laos gehört nicht zum Kerngeschäft, die Lao Airlines fliegen ab Gate F1. So weit vom Zentrum der gigantischen, silbernen Hallen entfernt, dass man sich wie in einer Abstellkammer vorkommt. Eine Gruppe Inder, bärtig und mit Turbanen, dreht enttäuscht um sucht weiter nach ihrem Abflugsort.

Dabei war von weitem klar, dass die hier nicht hingehören: Einerseits haben die laotischen Stewardessen allen Lao-Airlines-Passagieren einen grünen Aufkleber mit einem lächelnden Airbus auf die Brust geklebt (die Inder hatten keinen!), andererseits hätten sie nicht den übrigen Wartenden gepasst. Hier sitzen einige falangs, einer mit laotischer Frau, drei Backpacker und ich. Sonst nur Laoten. Ich kann sie nicht unterscheiden von Kambodschanern oder Thailändern. Trotzdem sind die anders. Irgendwie ländlich. Wie wenn sich eine Familie aus der Zürcher Landschaft schick anzieht und im Hauptbahnhof steht.

Die Reise nach Vientiane ist kurz. Ein nagelneuer Airbus, grasgrüne Sitze, sogar mit LCD-Screens, die aber nicht funktionieren. Die cabin crew bemüht sich auf dem knapp einstündigen Flug durch tiefschwarze, regnerische Nacht ein Essen zu servieren. Es gelingt. Stolz verräumen die Stewards die Metallwägelchen, nur Sekunden, bevor der Pilot sie wegen Landung mahnt, sich anzuschnallen.

Nach einem Visa (mittlerweile klar: das falsche), vorbei an grimmigen Grenzwachtpolizisten betrete ich dann endlich Laos. In Flughafentempel Bangkok war es nur eine Duftnote, aber hier schägt Südostasien mit seiner ganzen Wucht zu. VT-Manager Cid bringt mich zum Ministry of Culture, Information and Tourism Guesthouse. Ein Loch – egal, Hauptsache angekommen. Unter einem Ventilator, der dröhnt wie eine Hummel derselben Grösse verbringe ich die Nacht. Der Pilot der Lao Airlines, der 36° C ankuendigte, muss falsch gelegen haben. Nach Mitternacht wird es angenehm kühl.


Blick auf die Rue Sethathilath

Der erste Tag hier in Vientiane transformiert die Abschiedstrauer in eine gespannte Vorfreude. Neugierige Gesichter auf der VT-Redaktion und Hilfsbereitschaft überall. Hier im Internetcafé sitzen rechts und links von mir deutsche Touristen und diskutieren, welche Destinationen sie noch "machen" wollen. Wie die meisten, "machten" sie bereits Luang Prabang, Van Vieng und was dazwischen lag. Die Stadt ist voll von Ihnen: Kurze Hosen, Lonely Planet und Flip Flops. Nicht, dass ich das schlecht fände; ich bin ganz einfach froh, keiner von Ihnen zu sein. Zwar bin auch ich ein falang, aber doch einer, der hier arbeitet.

Am Montag beginnt offiziell die Arbeit. Seit 1994 existiert die Vientiane Times, die einzige englischsprachige, laotische Zeitung. Sie ist im Informations-Ministerium eingegliedert und liest sich auch so. Meinen Arbeitsplatz im "Newsroom" habe ich bereits eingeweiht.


Das Redaktionsgebäude der Vientiane Times.

 

24. November 2012 - Chilbi

Am Montag beginnt das dreitägige That-Luang-Festival. Es ist die wichtigste Feier im laotischen Kalender. Rund um das Pha That Luang – die goldene Stupa – beginnt schon eine Woche zu vor eine riesige Chilbi. Meine Chefin will, dass ich ab Montag hingehe und so fuhr ich bereits heute mit meinem neu erworbenen 1-PS-Gefährt zum laotischen Nationalheiligtum, das 1992 Hammer und Sichel auf der laotischen Flagge ersetzte und seither drauf prangt. Ganz verabschieden wollte man sich aber von den kommunistischen Wahrzeichen doch nicht: Sie wurden quasi outgesourct und jeder Fahnen-Verkäufer hat neben der Nationalflagge nun auch eine rote mit gelber Sichel und gelbem Hammer im Sortiment.

Die Velos hier haben alle ihre Tücken. Die chinesischen seien besser als die vietnamesischen als die thailändischen, sagte ein Laote, ich entschied mich für die Mitte und fahre nun einen Drahtesel aus Vietnam. Mit einer Acht im Vorderrad und tückischen Bremsen.

Vientiane ist eine luftige Stadt. Viele brachen Flächen, kaum hohe Gebäude. Wie in allen asiatischen Städten sind Inder und Chinesen stark vertreten. Zwischen den integrierten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden hat die laotische Regierung weisse Brachialbauten hingepflanzt. Ministerien, Kulturhalle und Präsidentenpalast in tempelähnlicher Architektur wechseln sich ab mit winzigen Essensständen und Werkstätten. Sonst ragen nur die Banken und Telekommunikationsfirmen in den Himmel. Westliche Megafirmen gibt es keine. Lokale Franchisen und Tochterfirmen kommen aus China, Vietnam oder Thailand.

Beim Pha That Luang herrscht Ausnahmezustand. Der riesige, offizielle Platz bleibt offiziellen Händlern vorbehalten, ausserhalb aber drängeln sich abertausende Garküchen an die Absperrgitter: Planierte Tintenfische, Hühnchen am Spiess und Reis im Bambusrohr bieten sie feil. Der Platz ist rappelvoll. Popmusik plärrt ohrenbetäubend aus den Lautsprechern. Mönche bereiten in orangen Roben das Fest vor.

Die laotischen Frauen tragen alle den traditionellen Sarong, der zum Betreten des Tempels vonnöten ist. Jungs mit Gel-Frisur stöbern an den Kleiderständern. Die Struktur ähnelt der eines europäischen Musikfestivals. Alle grossen Marken sind vertreten: Samsung, Oishi-Tee, chinesische Produkte und sogar Ovomaltine (hier: Ovaltine). Daneben lokale Händler mit Billigwaren. Ein lottriges Riesenrädchen und ein klappriges Karrussell werden von Kindern belagert.

Youtube-Video

Ab Montag finden hier die offiziellen Zeremonien statt, über die ich hoffentlich in der Zeitung schreiben werde. Die laotischen Reporter sind mir gegenüber vorsichtig interessiert – kommunizieren tut aber niemand. Letzte Woche verlieh die Regierung dem Regionsverantwortlichen des schweizerischen roten Kreuzes eine Medaille für seine Verdienste. Gleich neben der Redaktion. Mir sagte davon niemand etwas, den Tipp gab mir jemand von den englischen sub-editors, ich ging eine halbe Stunde zu spät hin, kam noch rechtzeitig, was aber auch nichts brachte: Die Stories schreiben alle alleine, Nachfragen tun sie selten. Mein Vorgänger hatte recht: Ohne Eigeninitiative würde ich hier in drei Monaten nur wenige Zeilen schreiben.

 

30.11.2012

Der erste Eindruck von Laos gleicht den weissen Regierungsgebäuden, die hier überall herumstehen: Grell und hübsch leuchten sie in der Sonne, viel ist nie los und die Menschen lächeln alle freundlich. Was hinter der Fassade steckt, merkt man erst nach einiger Zeit. Das Dunkel hinter den weissen Wänden erschliesst sich nicht einmal den seit vielen Jahren hier wohnenden Europäern. Man hört viele Geschichten, ob sie ins Reich der Legenden gehören, ist schwierig zu beurteilen. Nach einer Woche ist nun zum ersten Mal ist mein europäisches Verständnis von Journalismus mit dem hiesigen zusammengeprallt.

Der Kommentar war meiner Chefin war knapp und klar: "I disagree." Auf einer Stadtkarte hatte ich eine Moschee entdeckt und dachte, die verfügbaren Informationen zu den Muslimen hier kombiniert mit einem Besuch in gäben ein hübsches Feature. Meine Chefin: "You can write about monks." Theravada-Buddhismus ist hier die traditionelle Religion.

Vientiane ist eine einzige grosse Familie. Das sagen alle, die länger hier sind. Auch die Redaktion ist eine Familie. Der Bruder meiner Chefin sitzt im Politbüro. "Our ministry", sagt sie, als wir am That Luang Festival nach tausenden privaten Verkäufern auf die offiziellen Souvenirläden stossen. Es ist das "Ministry of Information, Culture and Tourism", dessen Abteilung wir sind.

Beim traditionellen Hockey-Spiel zwischen einer Mannschaft der Gemeinde und einer der Regierung frage ich sie, für welche Mannschaft sie sei, nach einer langen Pause antwortet sie: "government." Der beste Reporter im Newsroom heiratet in den nächsten Wochen die Tochter des Verlagsmanagers. Wir schreiben hier alle für die Regierung. Man hört von Zitaten einer Dorfbewohnerin, die um 180 Grad gedreht wurden, von einer scharfen Kritik zu einer Zustimmung für eine vietnamesische Gummiplantage.

Mit neu gedruckten Visitenkarten (100 Stück, 10$) ging ich letzte Woche hier in der Expat-Community auf Promotour (ohne Karte ist man hier ein Niemand). Die einen belächeln die VT und versuchen, sie für ihre eigene Agenda zu nutzen. Sie schicken Artikel über ihre Projekte, die wir häufig 1:1 abdrucken. Andere wiederum hassen das "propaganda newspaper". Die Augenbrauen ziehen jedenfalls alle zuerst einmal erstaunt in die Höhe, wenn sie von einem "internship at the Vientiane Times" hören. Was aber niemand bestreiten kann: Wer wissen will, was hier geschieht, muss die "Vientiane Times" lesen. Die Auflage ist 3000 Exemplare, Zahlen zur Leserschaft gibt es nicht. Wer Werbung machen will, tut dies hier. Die hard facts stehen meistens im Blatt. Durch die klare Haltung und die Berechenbarkeit der Zeitung kann man sich häufig die negativen Aspekte der berichteten Ereignisse auch selbst zusammenreimen. Bauprojekte wie Strassen, Dämme oder Plantagen bedeuten Enteignungen, Umweltschäden und häufig ein wenig Korruption. In Van Vieng hat die Polizei in den letzten Monaten aufgeräumt. Die Zahl der Toten war aber um ein Vielfaches höher als hier (nur einer) angegeben.

Die Menschen selbst sind hingegen wunderbar, gastfreundlich und humorvoll. Das grosse Thema letzte Woche war das That Luang Festival. Ich konnte mit dem VT-Reporterteam mitgehen, inklusive traditionellem Mittagessen mit "baby eggs", halb ausgebrüteten und gekochten Eiern. Ich schrieb zwei Artikel. Einen über die Festlichkeiten im Wat Si Muang, die etwas kleiner, aber auch schöner waren als die grosse Party beim nationalen Monument. Artikel als PDF. In bewegten Bildern:

Youtube-Video 1:

 

Ein zweites Feature schrieb ich über die buddhistische Almosenzeremonie am frühen Morgen. Um vier Uhr früh radelte ich zum Pha That Luang. Acht Uhr hätte auch gereicht. Artikel als PDF.

Am Nachmittag fand auf dem Platz noch das traditionelle Tikhy-Spiel statt. Die Mannschaft der Bürger gewann 5-4. Die Regeln sind einfach: 60 Männer auf dem Platz, ein Holzball von der Grösse einer Kanonenkugel, das Runde muss ins Eckige. Es folgt Chaos.

Youtube-Video 2:

 

Die Idee ist wohl, dass ich hauptsächlich solche Features schreibe, die Sicht eines Europäers auf die laotische Kultur und Sehenswürdigkeiten. Das wäre aber schade. Es wäre interessant, auch einen Einblick in die Nachrichten-Produktion zu erhalten, von welcher ich momentan komplett abgetrennt bin.

 

6.12.2012

Alle, die hier leben, halten den Verkehr in Vientiane für grausam. Ein Expat, der hier eine Bar führt, fährt weder Velo noch Auto noch Roller. Er hat panische Angst davor, bewegt sich nur noch zu Fuss in den Blocks rund um sein Lokal. Alle, die er kenne, hätten Verkehrsunfälle gehabt. Niemand trage Helm.

Das etwas übertrieben. Wer mit wachen Sinnen und gemächlichem Tempo fährt, sollte die Blechlawinen überleben. Fürwahr, die nouveau riche von Laos kauft als erstes einen grossen, silbrigen Van, die nun überall die Strassen verstopfen, aber da gibt es andere Städte-Moloche, auch hier in Asien, deren Asphalt noch viel krasseren Verkehr erdulden muss.

Ein Problem ist jedoch, dass die Strassen nicht für die vielen Autos gebaut worden sind: Es gibt keine Parkplätze – man versetze sich kurz in das Hirn eines Zürcher-SVP-Verkehrspolitikers im Jahr 2042 in einem Zürich, in dem Rot-Grün in dreissig Jahren alle Parkplätze abgebaut hat. Etwa so muss sich fühlen, wer mit einem Hilux durch die hiesigen Strassen brettert. Wer seinen Van parkiert, der kann nur hoffen, nicht von allen Seiten zugeparkt zu werden. Auch ein Velo schützt davor nicht:

Die Verstopfung wär geringer, würden die Vientianer nicht hauptsächlich Pickups kaufen. Jedes vierte Auto hier ist ein Toyota Hilux – weltweit bekannt als eines der unzerstörbarsten Autos überhaupt. Ein Basismodell soll nach dem Rezeptionisten meines Guesthouses (sein Nebenjob, sonst studiert er Geographie) 37'500 US-Dollar kosten, was für laotische Einkommen eine astronomische Summe ist. Auch in Thailand ist der Hilux sehr populär, dort wird er mit Cristiano Ronaldo vermarktet. Weil hier alle thailändisches TV gucken, mag das einen Einfluss haben. Ich habe mich dann versucht, in einer Art Porträt der Stadt aus der Sicht eines Touristen an diese Frage anzunähern. Der Text "Vientiane: the city that's a village at heart" erschien heute in der VT.

Gestern Abend um acht Uhr rief mich der Chefredaktor an. Er wollte keine Gratis-Werbung für Toyota machen und so fügten sie im Korrektorat den folgenden Satz noch hinzu: «In fact, it's not when compared to the cheaper Korean and Chinese pickups».
Da hat er recht. Allerdings steht der Satz jetzt etwas quer im Text. Es hat mich ziemlich erstaunt, dass der Artikel so erscheinen konnte, die Tonalität ist doch etwas anders als in den klassischen Features der Vientiane Times.

 

8.12.2012

Letzte Woche brach plötzlich Unruhe im Newsroom aus. Die Sessel leerten sich. Weil alle Lao sprechen, kriege ich jeweils nicht mit, was gerade passiert, höre aber ziemlich gut heraus, wenn jemand über mich spricht. Ein Kollege, in der Schweiz wohl einem "Blattmacher" entsprechend, sagte also zu meiner Chefin "pangsihaudap chaikhawLUKASxian luangdong" oder so ähnlich. Auf Nachfrage: "Miss Lao! You want to see?" Er will mir Miss Laos zeigen?

Natürlich gerne! Wir, die Vientiane Times, sind Sponsoren der Miss-Lao-Wahl. Also kamen alle 20 Miss-Kandidatinnen in der Redaktion vorbei – ein ungewöhnliches Highlight im muffigen Newsroom! Jeder zückt seine Kamera und blitzt los. Die Missen sitzen höflich im Konferenzraum und stellen sich vor. Hier sind auch die Miss-Wahlen kommunistisch: Alle tragen exakt das Gleiche. Fotos, Geschnatter (der männlichen Redaktionskollegen) und Höflichkeitsformeln machen die Runde.

Der Chef schenkte nun mit einer gütigen Geste allen eine Vientiane-Times-Stofftasche. Nicht gerade ein hippes Accessoire. Nun stehen alle aufgedonnert im Newsroom, mit einer Öko-Hippi-Tragetasche an der Schulter worauf steht: "Vientiane Times – Fast Reliable Responsible". Ein schmunzelnswerter Anblick. Danach enstehen sofort lebendige Diskussionen, wer denn nun die Schönste im Land werden soll. Favoritinnen: M1, M9, M10, M16 und M20.

Gestern abend war dann Wahl. Ich habe mich sehr bemüht, ein Ticket zu bekommen. Vergeblich. "Only one entry", sagte die Dame am Empfang. Der Reporter, den ich begleitete, entschuldigte sich. Ich sei der Fotograf. Ich sei extra aus der Schweiz gekommen. Sie blieb hart. Er entschuldigte sich und entschuldigte sich, bei ihr und bei mir. Nix zu machen.

Jänu. Vielleicht hätte auch ein australischer Kollege und sub-editor nicht mitkommen sollen, den wir reinschmuggeln wollten. Er stand in Flip-Flops in der Empfangshalle des Don Chan Palace. Sein Hemd hatten wir vorher extra noch in die Hose gestopft. Sein Habitus passte aber irgendwie nicht in die piekfeine Atmosphäre. Was bedeutet: Man trägt Anzug - und Roller sowie Velofahrer werden höflich weggewiesen. Er fuhr Roller, ich Velo. Was mir blieb, war ein Foto von aussen. Dafür wettete ich noch zwei Beerlao auf die M1, mit dem Rezeptionisten meines Guesthouses und mit Mr. S, dem Reporter. Leider verloren. M20 gewann.

 
   

16.12.2012

Das schwierigste am laotischen Journalistenleben ist etwas, was sich Herr Schweizer 2.0 gar nicht mehr gewöhnt ist: Das Beschaffen von Information. Emails werden nicht beantwortet. Im Internet ist sowieso niemand präsent. Telefonanrufe nehmen alle mit "Sabaidee" ab, gefolgt von "No, no!" wenn ich nach Englischkenntnissen frage. Nur schon die Vorstellung, dass ein Journalist anruft, scheint abwegig zu sein. Zuerst bitte Brief mit Stempel schicken!

Dazu kommt die Sprachbarriere, die zwischen den Expats und den Laoten steht wie der geplante Xayaburi-Staudamm. Hätte ich mir doch den vierwöchigen Intensiv-Sprachkurs bei den Missionaren gegönnt.

Und so scanne ich das Internet, die Zeitungen, die Tafeln mit Kleinanzeigen oder fahre mit dem Velo durch die Stadt, bis etwas Berichtenswertes zum Vorschein kommt. So fand ich den Chessclub Vientiane. Gleich am ersten Sonntag ging ich hin, spielte einige Partien und kriegte dabei den Kontakt von John, dem Sekretär der National Chess Federation of Laos. Der Präsident ist ein Parteimann und macht nichts ausser Repräsentieren. Dann mit John einige Emails ausgetauscht, ich würde gerne über Schach in Laos schreiben, er sagte, er melde sich.

Nach klingelt das Telefon: "This afternoon, 2pm!"
"Ok!"

Als ich den Raum betrat, sass eine fünfköpfige Delegation aus Burma da. Jeder mit einem 250cl-Fläschchen "Tiger Drinking Water" vor sich, die bei jedem Treffen gereicht werden. Lange Einführungen, Willkommensgrüsse, ich hatte keinen Plan, um was es geht und nach vierzig Minuten dreht sich John zu mir um und sagt: "Now you can ask questions!". Ziemlich perplex fragte ich irgendwas, warum Schach gut für Kinder sei oder so ähnlich, da ich immer noch begriffen hatte, was das Ganze eigentlich bedeuten sollte. Zum Glück sprach Maung Maung Lwin gut Englisch.

Der Hintergrund: Schach hat in Laos keine Tradition. Als der zwielichtige FIDE-Präsident Kirsan Illyumzhinov im Jahr 2010 wohl für seine Wiederwahl die Stimme von Laos kaufen wollte, bekam John als Dank dafür einiges an Material geschenkt. Auch die Asian Chess Federation unterstützt das Land. Was John, ein lustiges Männlein mit Glatze und Schnurrbart, ausserdem Katholik, mit all den Ressourcen tut, weiss allerdings niemand so recht. Die Expats vom Schachklub, die helfen wollen, ignoriert er. Die Schüler, die an ein Turnier nach Vietnam gingen, gewannen keine einzige Partie. Wie viele Schüler der anvisierten 17 Provinzen wirklich Schach spielen bleibt dahingestellt. Laos halt. Aber: Ungefähr 200 Schüler spielen jetzt immerhin regelmässig Schach.

Ich glaube jedenfalls, die Burmesen haben vor zwei Jahren hier Schachlehrer ausgebildet und waren nun auf Besuch. Nach den Floskeln sind wir rumgestiefelt, schauten Schülern, die wohl extra dahin beordert worden waren, beim Spielen zu und machten ein Erinnerungsfoto mit einem laotischen Regelbuch in den Händen. Danach zog der Tross wieder ab.

John: "I call you!"
"Ok!"

Da ich nicht davon ausgehe, habe ich die News "Myanmar Chess Federation visits Lao counterpart" geschrieben. Sonst gibts halt noch ein Feature. Wir hatten auch die Idee, eine Simultan-Vorstellung zu organisieren. Vielleicht kommt die VT ja dann vorbei.

 

26.12.2012

PSY ist überall. Der koreanische Popstar mit dem kantigen Gesicht penetriert den Alltag in Vientiane vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Das erste Mal traf ich den Oppa am That Luang Festival. Am Hauptplatz verkauften koreanische Multis generische Produkte, auf dem Markt spielten die Elektrohändler Gangnam Style.

Musik hört hier in Laos niemand. Es ist eher ein Zudröhnen mit Bässen. Das kann kaum an der Technik liegen, aber hier gibt es nur zwei Lautstärken: Stille oder maximaler Lärmpegel. Wer sich im Zürcher Ausgang beklagt, die Musik sei zu laut, soll das hiesige Nachtleben mal auschecken. Volles Rohr, nicht nur im Klub, sondern auch am Strassenrand, immer und überall. Das Wort "Lärmklage" muss auf laotisch erst noch kreiert werden. Und immer wieder: GANGNAM STYLE!

Kürzlich war hier in Vientiane das jährliche Konzert von COPE, einer NGO, die sich für UXO-Opfer einsetzt, Prothesen finanziert und die Räumung von bombenverseuchtem Gebiet vorantreibt (Laos ist das per capita am heftigsten US-bombardierte Gebiet des Indochina-Kriegs). Es war eine Art Heimwehkonzert für die Expat-Community, die einmal im Jahr nach einem Rockkonzert à l'Europe lechzt. PSY war auch da:

Dass Kindervorführungen üblicherweise zu dem Hit stattfinden, der zuoberst in den Charts steht, scheint ein weltumspannendes Prinzip zu sein. Vorletzte Woche besuchte ich eine Schule für autistische Kinder. Die Entwicklungsstörung ist hier völlig unbekannt. Die Schüler übten für eine Aufführung vor den Eltern zu Weihnachten. Zu welchem Song? Gangnam Style! Der Text "Lao parents try to raise awareness about autism" ist die Ausbeute. Der Mann der Schuldirektorin ist der Autor des "Kulturschock Laos" in der Reise-Know-How-Reihe, wie ich per Zufall noch rausgefunden habe. Vientiane ist klein.

Die Musikszene generell ist eintönig. Schnulzige Thai-Songs, einige wenige auf laotisch, sonst internationale House-Beats. Es scheint eine Metal- und Rockszene zu geben, die Bands treten aber nie auf und werden von der breiten Masse nicht wirklich gehört, glaube ich. Ein Expat in einer Expat-Bar (Entwicklungsökonom, seit einem Dutzend Jahren hier) sagte, das Indiz für die Armut an moderner laotischer Kultur sei, dass es nur zwei Adjektive auf laotisch gebe, um Musik zu umschreiben: "funny" und "not funny".

Übrigens das gescheiteste, was zu PSY bisher geschrieben wurde:

The Obligatory Gangnam Style Post
Gangnam Style by PSY

 

31.12.2012

Um literarisch Zugang zu Laos zu finden, muss man zwei Bücher lesen: Zuerst "Another Quiet American" von Brett Dakin und dann "The Coroner's Lunch" von Colin Cotterill (von der Dr.-Siri-Reihe gibt mittlerweile acht Bände, hier der erste auf Deutsch für die Englisch-faulen). Dakins Buch ist eine Art langer Blog über die Zeit eines Amerikaners, der bei der Tourismus-Behörde arbeitete (bevor es Blogs gab): Informativ, lustig und mit viel Hintergrund.

Interessanter ist aber die Geschichte von Cotterills Büchern. Die ersten zwei Bände hatte ich an einem der ersten Wochenenden am Stück verschlungen. Sie liegen in jedem bookstore zuoberst, jeder Expat kennt sie und mag sie – unter Laoten sind sie aber völlig unbekannt. Das hat mehrere Gründe: Eine Übersetzung ist schwierig und dann droht die Zensur des Informationsministeriums. Der britische Channel 4 hat bereits eine Repo gedreht:

Zum meinem grossen Erstaunen (etwa so: O_______o) waren Cotterills Bücher in den letzten zehn Jahren NOCH NICHT EIN EINZIGES MAL IN DER VIENTIANE TIMES. Dabei erschien der erste Band 2003. Fast jede Zeitung auf dieser Erde hat mittlerweile darüber geschrieben. Die New York Times gleich dreimal: Eins, zwei, drei.

Das schöne an Laos ist, dass sich alles Wichtige auf einigen Quadratkilometern in Vientiane konzentriert. Zugang zu Leuten zu erhalten ist einfach, wenn man sie findet und sofern sie Expats sind. Verleger und Autor waren schnell gefunden. Offenbar hatte die Vientiane Times eine solche Art Text immer als Werbung verstanden und wollte Geld dafür. Also tat ichs selbst und schmuggelte die Story am Marketing-Desk vorbei: "Dr Siri may soon be investigating in Laos". Sogar mit Aufhänger – die Bücher werden zur Zeit auf laotisch übersetzt.

Ob die Bücher Erfolg haben werden? Das Land hat leider null Lesekultur. Niemand liest. Keine Zeitungen, keine Bücher. Wenn ich Leute frage, ob sie lesen, sagen sie es sei anstrengend. Der Blattmacher, der rechts neben mir sitzt, hats mir gerade so erklärt: "Not many bookshops. And the books are to expensive. We have no possibility to rent books." Also ein Angebotsproblem? Was, wenn die Nachfrage da wäre, dann gäbe es Skaleneffekte bei der Produktion, einen Büchermarkt etc. etc.? "Not many bookstores", sagt er. Auch sonst weiss niemand eine Antwort (die meisten reagieren etwa so: ¯\_(ツ)_/¯).

Der Text erschien 1:1. Die "kritischen" Passagen – den Verweis auf China zum Beispiel – wollte niemand ändern. Meine Chefin fragte mich lediglich, ob ich mit Mister Siri gesprochen hätte (das wäre eigentlich ganz interessant gewesen). Insgesamt ist das Stück etwas zu wirr und zu langfädig geworden. Weniger wäre mehr gewesen.

 

10.1.2013 - Als freier Journalist mit Basis Vientiane zu arbeiten hat so seine Tücken...

Niemand interessiert sich wirklich für das Land. Das ist verständlich, it's backwater, für den Westen ökonomisch uninteressant. Alle rennen zur Zeit nach Burma und China ist sowieso wichtiger. Um eine Geschichte irgendwo in ein Schweizer Blatt zu hieven muss man harte Sisyphus-Arbeit leisten. Als Honorar gibts dann Hungerlöhne (nach Schweizer Standard, nach Lao Standard entspricht eines zweieinhalb Monatslöhnen).

Regionalität ist eine Trumpfkarte, die man ausspielen muss. So ergaben sich zwei Texte über das Swiss Laos Hospital Project: Ein Porträt über die Krankenschwester Laila Forster erschien in der Südostschweiz (einmal in der Gaster/See-Ausgabe und eine Woche später nochmals im Glarner-Split) und eines über die Hebamme Marie-Louise Rubin in den Schaffhauser Nachrichten (ja, die drucken tatsächlich schwarz-weiss). Wie es der Zufall so wollte, kam ich im November etwa gleichzeitig hier an wie das ganze Team, das zweimal im Jahr für einige Wochen hier ist. So entstand auch noch ein Text in der Vientiane Times. Hier sind alle:

Laila Forster in der Südostschweiz:
"In den Ferien setzt sie sich in Laos ein"
Marie-Louise Rubin in den Schaffhauser Nachrichten:
"Die laotischen Kinder schreien nie"
News in der Vientiane Times:
"Over 7 tonnes of medical supplies from Switzerland arrive in Vientiane".

Ich habe das Kernteam – die meisten arbeiten auf der Neonatologie im Spital Zollikerberg – persönlich kennengelernt, besuchte sie im Mother & Child Health Hospital hier in Vientiane und kann das Projekt mit ganzen Herzen weiterempfehlen.

Es gibt viele Hilfsprojekte hier, viele sind dubios, aber das Swiss Laos Hospital Project ist meines Erachtens eines das wirklich sinnvoll, durchdacht und effizient ist. Einige nennen Dr. Urs Lauper, den Gründer, den "Beatocello" von Laos. Da würde er sich wahrscheinlich vehement dagegen wehren, die Projekte sind auch ganz anders ausgerichtet: Beat Richner führt in Kambodscha die Spitäler und zahlt Gehälter mit den Spenden. Hier in Laos setzt das Team hauptsächlich auf Wissenstransfer, Ausbildung und Unterstützung. Aber der Vergleich zeigt, dass das Projekt geschätzt und als wichtig erachtet wird.

Viel mehr gibt es nicht zu sagen, ich bin nach den drei Texten ausgeschrieben. Das Team würde sich aber sicher über einen Like auf ihrer Facebook-Page freuen! Da gibts auch regelmässige Updates.

 

21.1.2013

Vor bald eineinhalb Monaten war ich zum ersten Mal ausserhalb der Stadt. Mit dem roten Kreuz durfte ich eine Woche mitfahren und besuchte Spitäler, Gesundheitszentren in Dörfern und Gesundheitsdepartemente, embedded journalism, quasi. Die Idee war, einen Eindruck von den so genannten "Health Equity Funds" zu kriegen und so führte mich Mr Virasak und seinem Team durch die Provinzen Sékong und Salavan. Um hier nicht technischer zu werden sei auf den Text in der "Vientiane Times" verwiesen, der Text ist es bereits genug: "The challenge of providing health services to the poor". Alle involvierten Parteien waren sehr besorgt, dass auch ja alles richtig steht und niemand schlecht wegkommt. Das hat dem Text einiges von seinem ursprünglichen Schwung genommen.

Am ersten Tag stoppten wir bei einem riesigen Buddha in Paksé, der Chef holte sich eine Portion Glück für seinen Heimflug nach Vientiane und wir für unsere Pickup-Tour. Dann ging der Trip im A/C-klimatisierten Toyota Hilux Vigo in Richtung Sékong. Das ist eine andere Welt dort draussen. Das dörfliche Vientiane ist im Gegensatz zur provincial capital von Sekong, Muang Lamam, eine Grosstadt. Keine Strassennamen, kein Haus ist höher als zwei Stockwerke, einige wenige Restaurants. Mr Virasak, aus Savannakhét, jammerte ausgiebig über das harte Leben hier auf seinem Aussenposten.

Der Zeitvertrieb: Pétanque! Ein französisch-schweizerisches Paar arbeitet hier seit zwei Jahren auf einem Tuberkulose-Projekt. In der Trockenzeit fahren sie in die Dörfer, in der Regenzeit bleiben sie in Lamam. Die Dreckstrassen sind bei Regen unbefahrbar. Neben ihrem schmucken Häuschen haben sie eine Pétanque-Bahn bauen lassen. Natürlich hat mein Team übel aufs Dach bekommen.

Weiter nach Salavan. Rote Dreckstrassen. Dschungel. Das Klima ändert sich dauernd: kalt, heiss, windig, still. Hauptsächlich ethnische Minoritäten leben hier. Sie verstehen häufig gar kein Lao. Mr Virasak führt Gespräche über Abrechnungsmodalitäten, Formulare und die Leistungen der HEFs. Ich schlafe zwischendurch auf dem Beifahrersitz neben Son, unserem Fahrer. Die Strasse durch den Distrikt Taoy ist brandneu. Man kann sich bildlich vorstellen, wie die Dorfbewohner früher die 50 Kilometer in der sengenden Sonne zu Fuss gegangen sind.

Wer denkt, nach Besuchen in Luang Prabang, Vientiane und im Süden habe man Laos gesehen, vergisst, dass 85 Prozent auf dem Land und von Reis- und Subsistenzwirtschaft leben. Die Kluft zwischen den jahrhundertealten Dörfern und dem modernen Vientiane ist riesig. Interessant ist darum, welche zwei Dinge es immer sofort auftauchen, kaum wird ein Gebiet erschlossen: Handys und Beerlao.

 

29.1.2013

Die Zeit fliegt nur so vorbei. Die Produktivität sinkt. Das europäische Arbeitsethos verlässt langsam meine Seele und laotische lazyness kriecht hinein. Auch Beerlao macht träge, und ohne Beerlao geht hier nichts. Dazu eine Episode: Gestern wollte ich im Zirkus Tickets für eine Abendvorstellung kaufen. Für so was muss man hinfahren und für so was habe ich meine neue Honda gekauft (OK, es ist keine Honda und OK, der Töff war nicht neu, aber es steht Honda drauf und er läuft prima). 200 Franken für einen Kolao sind ein Schnäppchen. Nach einigen Reparaturen springt beim Wiederverkauf vielleicht sogar ein wenig Profit raus. Die richtige Farbe hat das Motorbike jedenfalls, rot und schwarz sind cool, grün und andere Farben will niemand. Vorne klebt irgendein Idol, hinten ein Hello-Kitty-Plastikkleber, da soll stehen "I love you and miss you very much". Nice.

Aber zurück zum Beerlao. Ich fahre also da auf den Parkplatz, 5000 Kip, parkiere und frage nach Tickets. Die Parkticket-Verkäuferinnen schütteln mitleidig den Kopf. Weil man hier immer mindestens an drei Orten nachfragen sollte, versuche ich es an drei weiteren Orten. Sie schütteln alle mitleidig den Kopf. Aus dem Innern des einem Zirkuszelts nachempfundenen Gebäudes dröhnt vietnamesische Musik und Klatschen. Essensstände und Spielzeugverkäufer buhlen um die Aufmerksamkeit des falangs, der nicht begriffen hat, dass die Zirkusvorführungen wohl das einzige im Land sind, wo man nicht einfach hinfahren kann.

Ich hole den Töff, zücke mein Parkticket. Die Laoten am Parkticketverkaufstischchen (das macht man nie alleine, zwei Frauen und drei Männern sitzen da, eine Flasche Beerlao auf dem Tisch) grinsen breit und nehmen das Ticket. Sieben Minuten Parkzeit, 50 Rappen Parkgebühr: easy money! Aber irgendwie scheint das ihnen dann doch zu abzockerisch zu sein. Eine kurze Diskussion und der Mann füllt kurzerhand eine halbe 66cl-Flasche Beerlao ab und streckt mir das Glas hin: "Mot!" Austrinken! Ich sitze auf dem tuckernden Töff, es ist zwei Uhr nachmittags und muss das Bier exen, alles andere wäre unfreundlich. Es ist meine Entschädigung für den horrenden Parkpreis und mein Unglück mit den Tickets. Solche Episoden gibt es viele. Ohne Beerlao geht hier nichts. Dazu folgendes:

In 2012, the company was able to distribute more than 350 million litres. The company capacity production of beer increased from 200 million litres per year in 2010 to 280 million litres in 2013 and it will pay its efforts to brew 400 million litres by 2015. Quelle: KPL

Beerlao hat hier 99 Prozent Marktanteil. Exportiert wird nicht viel, das heisst die Laoten trinken etwa 60 Liter Bier pro Kopf und Jahr. Ein einziges Bier aus einer einzigen Brauerei. Die Schweizer trinken 52 Liter pro Kopf und Jahr. Unzählige Biere aus 280 verschiedenen Brauereien. Es braucht keine Entscheidungen beim Bierkosum, denn es ist immer Beerlao: Motorradkauf-Feier, Hauseinweihung, Freitagabend, Samstagabend, Hochzeiten, Büro-Umtrunk oder einfach so.

Aber eben, die Senkung der Produktivität. Das passiert hier einfach. Das hat nicht nur mit Beerlao zu tun. Wer hier weiterschuftet wie ein Europäer, den halten die Laoten für nicht ganz richtig im Kopf. Wenn zu viel los ist, droht ein "headache", wer zu "busy" ist, wird krank. Zur Assimilation gehört ein wenig lazyness also dazu. Nichtsdestotrotz war der Januar einigermassen stressig. Denn letzte Woche fand hier in Vientiane das ASEAN Tourist Forum statt. Alles, wo "ASEAN" draufsteht ist für die "Vientiane Times" ein grosses Ding, besonders, wenn es hier in Laos stattfindet. Einen solchen Anlass zu organisieren, bedeutet internationale Aufmerksamkeit. Ausserdem können so all die gigantischen Hallen und schicken Unterkünfte, die unter zwielichtigen Umständen für das ASEM-Meeting Ende 2012 (Burkalter und Widmer-Schlumpf waren auch da) gebaut wurden, wiederverwertet werden.

Was das ATF genau soll habe ich bis heute nicht ganz begriffen. Touristiker fluchen darüber. Eine Homepage gibt es nicht (gibt es eigentlich nie bei laotischen Anlässen). Ganze Hotelkomplexe sind dafür gebucht und die bestehenden Reservationen storniert worden. Die Standmieten sollen überteuert sein. Die "Vientiane Times" setzte alles daran, die Schönheiten von Laos zu propagieren. Dazu haben sie auch mich eingespannt.

Viertägige Töfftour in Zentrallaos:
"Motorbike diaries in the karts of Khammuan" Einige zusätzliche Eindrücke in diesem Fotoalbum

Die berühmte Konglor Höhle:
"Tham Konglor: Laos' most scenic trading route"

Der Buddha Park gleich ausserhalb von Vientiane:
"Xieng Khuang: a blend of Buddhism, Hinduism and the bizarre"

Das palm leaf manuscript festival in Ban Na Xone:
"A festival for hand-written palm leaf manuscripts"

Der letzte Text entstand unabhängig vom ATF. Ich hatte das Projekt zur Digitalisierung und Veröffentlichung der laotischen Manuskripte im Internet gefunden (zuvor war ich im Staatsarchiv Zürich im TKR-Projekt angestellt, muss wohl darum irgendwie darauf gestossen sein) so ergab sich diese Geschichte. Weil ein Loch da war, publizierten wir sie eben mit ATF-Logo. Warum auch nicht.

Weil gerade merke, dass dieser Text etwas eklektisch geworden ist, zuletzt noch dieses Video hier zur Tatsache, dass zur Zeit dry season sein sollte:

 

 

24.2.2013 - Letzter Tagebucheintrag

Ich sitze auf einer hölzernen Terrasse auf Don Khone, einer der 4000 Mekong-Inseln ganz im Süden von Laos. Wir sind mit Motorbikes auf die Insel rüber geschippert und werden nach ein wenig island hopping zum Vat Phu ans Festival fahren.

Unten rauscht grün das Wasser vorbei, ein leichter Wind weht, im Hintergrund scheppert Lamvong, der traditionelle Tanz, aus Musikboxen. Der Newsroom der Vientiane Times ist bereits sehr weit weg. Ein idealer Zeitpunkt um ein letztes Mal zu rapportieren. Es waren unglaublich bereichernde drei Monate, sie haben mir einen tiefen Einblick in das Land gewährt und gingen viel zu schnell vorüber.

Es war einiges los in den letzten Wochen: das chinesische Neujahr, Barbecues, Badmington (alles verloren) und viele gute Gespräche mit Expats und hiesigen Vientianern und Vientianerinnen. Ein Businesstrip nach Vangvieng hat meine Nachfolgerin Deborah Rast journalistisch verwertet (siehe ihr Blog). Hier noch ein lustiges Video von unserem Veloausflug zur Tham Phu Kham:

 

Am Mittwoch der letzten Woche kam der News-Chef aufgeregt zu mir und sagte, dass am Donnerstag um 15 Uhr noch eine kleine Abschiedsparty stattfände. Zuvor war allen sehr besorgt, wo, wie und wann ich mich denn verabschieden würde, ich dachte, ich mache das dann am Freitag spontan. Der Apéro ging à la française über die Bühne: Baguette, Paté, Hühnchen mit laotischen Häppchen dazwischen.

Typisch laotisch: Jede Gelegenheit zu trinken, essen oder spielen wird gnadenlos genutzt. Der 5-Liter-Rotwein-Karton stand bereit. Man nutzte den Anlass und feierte auch gleich die Ankunft von Deborah Rast (seit zwei Wochen hier) und einer australischen Volunteerin (schon drei (!) Monate hier). So wunderbar unkompliziert können nur die Laoten sein.

Nun bleibt also das Aufbereiten. Dort ein report, da ein Fragebogen. Die Kurzfassung: Die Stage war für mich persönlich äusserst bereichernd, auf einer professionellen Ebene hingegen eher etwas mau. Auch für die "Vientiane Times" ist ein Rückblick fällig, obwohl ich weiss, dass in den letzten zehn Jahren hunderte von Seiten mit Verbesserungsvorschlägen geschrieben, aber nie beachtet worden sind.

Insgesamt ist es erstaunlich, wie man ein Land anders erfährt, wenn man dort lebt statt nur durchreist. Klar, der Unterschied war mir schon vorher schon klar, aber dessen Grösse ist doch sehr erstaunlich. Er wird einem bewusst, wenn man mit Touristen spricht, die hinter der wunderhübschen Fassade die Realität nicht sehen (wollen?).

Geschrieben habe ich noch einen Text über essbare Insekten ("The world is craving for crickets") und eine kleine Repo für die ZS ("Betriebswirtschafter fahren Pickup"). Fürs Saldo habe ich noch die Lebenskosten hier recherchiert ("Leben im Ausland: Vientiane, Laos"). Noch folgen wird etwas im "Sonntag", Reiseberichte und ein Erfahrungsbericht in einem Journalisten-Magazin. Total habe ich etwas über 30 Texte geschrieben, davon 10 Blog-Einträge hier und 13 Artikel in der Vientiane Times. Einige hatten jedenfalls Freude daran. Ich hab einen Aushang im Book-Café, beim Verleger der Dr.-Siri-Romane gekriegt!

Gerade weil ich nur geschrieben habe, reizt es mich, noch ein anderes Projektchen bei der Vientiane Times zu verwirklichen: Ein kleiner workshop übers Schreiben von Features mit den jüngeren Journalisten. Ich habe die Verantwortlichen gefragt und sie fanden die Idee alle gut. Gehen werde ich jedenfalls noch nicht gerade. Das Land hat es mir angetan. Und der Drang, in den survival-of-the-fittest-Kampf der Schweizer Verlage und Zeitungen zurückzukehren, hält sich in Grenzen. Weiterbloggen werden ich hier.

Nun wartet eine dreiwöchige Reise durchs Land. Zuerst durch den Süden, dann durch den Norden. Es ist Trockenzeit, das Land ist braun, die Flüsse grün. Das wird sich in der Regenzeit ändern: Dann sind die Flüsse braun und das Land wird grün. Nach den ersten Tagen durch den Süden sahen wir vor allem eins: Wasserfälle – die weltweit wohl am meisten überschätzte Sehenswürdigkeit. Obwohl, der Tad Yuang auf dem Bolaven-Plateau war ganz hübsch.

Es tut durchaus gut, wieder für einige Zeit ein Tourist zu sein. Man wird, als weisshäutiger falang, sowieso immer für einen gehalten. Pop kan mai, Vientiane Times!

Ende des MAZ-Tagebuchs.

 
Weiterbloggen werden ich hier  

 

 
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