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Stagiaires in Auslands-Redaktionen

Franziska Engelhardt berichtet aus Nicaragua

Von Mitte Januar bis Mitte April 2010 ist Franziska Engelhardt (1977) Stagiaire bei der Zeitung El Nuevo Diario in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua. Seit 2006 arbeitet sie in der Online-Redaktion der Tagesschau, Schweizer Fernsehen, und schliesst 2010 den Diplomstudiengang am MAZ ab. Ursprünglich hat sie die kaufmännische Lehre absolviert und anschliessend verschiedene Tätigkeiten ausgeübt, dabei war sie oft im Ausland. Zum Journalismus fand sie nach der Matura auf dem zweiten Bildungsweg (KME).

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Franziska Engelhardt (MAZ-Stage)

23. April 2010 – Der Stage ist vorbei

Nach diesen drei Monaten finde sogar ich, dass die „Güggel“ singen und nicht krähen.

Eine Woche später als geplant beende ich meinen Stage im „El Nuevo Diario“. Die Arbeit auf der Redaktion war ein wunderbares Erlebnis. Ich habe Land und Bewohner durch die journalistische Tätigkeit in kurzer Zeit intensiv kennen gelernt. Auch, dass vieles weniger Ernst genommen wird - bis jetzt warte ich auf meine versprochenen eigenen Computer.

Eines der prägendsten Erlebnisse - Der Besuch in der Chureca. Foto: Heydi Salazar

Weil ich mehrere Male auf der Müllhalde „La Chureca“ war, habe ich es bis zum Übernamen „La Churequera“ geschafft.

Meine geschätzten MitarbeiterInnen.

Mein letzter Artikel über den Machismo auf dem Land und die Mikrofinanzierung, die den Frauen zu mehr Selbstvertrauen verhilft, erscheint dieses Wochenende.

Der Mann, der unter anderem für diese Mikrofinanzierung verantwortlich ist, heisst Peter Bischof. Er ist der Koordinator der Schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit in Zentralamerika (DEZA). Hier geht es zum einstündigen Porträt von ihm, das im Radio LoRa ausgestrahlt wurde.

Radiosendung: Porträt von Peter Bischof und seiner Musik

Es beginnt definitiv eine neue Epoche. Am Morgen bin ich aufgewacht durch Donnergrollen. Zuerst dachte ich, dass es mehrere schwere Lastwagen sind. Aber kurze Zeit später hörte ich schwere Tropfen auf dem Wellblechdach. Im Zimmer hätte man das eigene Wort nicht mehr verstanden. Ein Platzregen, einfach stundenlang. Das erste Wasser, das offenbar die letzten fünf trockenen Monate wettmachen will. Der Winter ist da. Es hat auf gut 30 Grad abgekühlt. Passend, um jetzt auf Reisen zu gehen.

 

22. April 2010 - Organisiertes Scharmützel

Krawalle vor dem Parlament in Managua.

Artikel von Franziska Engelhardt über die Krawalle - für die NZZ

Das erste Mal, seitdem ich hier bin, und das erste Mal seit einem halben Jahr gibt es in Managua Ausschreitungen. Angefangen haben sie mit einer Attacke auf das Hotel Holiday Inn, wo die Liberalen Parteien sich versammelt hatten, um ein umstrittenes Dekret des Präsidenten zu verhindern. Drei Abgeordnete wurden verletzt und die Touristen evakuiert.

Am zweiten Tag gehe ich mit zwei Reportern hin. Das Verrückte ist: die Polizei schaut praktisch tatenlos zu. Die angeblichen Anhänger der Sandinisten versperren die Strassen mit Bussen und brennenden Reifen und schiessen ungehindert Steine und Knallkörper auf das Parlament. Sie verunmöglichen so eine Session im Parlament.

Diesen Morgen ist es vergleichbar ruhig, weil sich keine Abgeordneten in die Nähe des Parlaments wagen.

Einige Oppositionspolitiker sitzen deshalb im Parteisitz des Präsidentschaftskandidaten Eduardo Montealegre und können nicht heraus, weil sich auch hier die Demonstranten versammelt haben. Die „Chaoten“, wie wir sie nennen, haben Strümpfe über ihren Köpfen und steinzeitliche Knallkörper-Pistolen (mir fehlt das Fachjargon), auf denen „FSLN“ (Sandinistische Nationale Befreiungsfront) darauf gemalt ist. Die Knaller explodieren mal dort, mal da. Die meisten Schützen sind um die 16 Jahre alt. Sie haben mehrheitlich keine Ahnung, worum es in diesem Dekret eigentlich geht.

Es ist kein Geheimnis, dass sie offenbar Auftrags-Chaoten sind – die so genannten Orteguisten. Mit den Bussen sind sie aus verschiedenen Vierteln und einer Nachbarstadt herangekarrt worden, um Unruhe zu stiften. Viele von ihnen sind Bandenmitglieder, denen sie zum Randalieren 100 Córdobas pro Tag bezahlen, Munition, Kleidung und Verpflegung offerieren. Einige sind tätowiert und posieren für Fotos mit Gesten der berüchtigten Banden Lateinamerikas, der „Salvatruchas“ oder der „Maras“.

Wer ist ihr Auftraggeber? Laut verschiedenen Quellen die Regierung selbst. Weil die Bevölkerung weiss, was für gewaltbereite Jugendliche sich an solchen Demonstrationen aufhalten, geht sonst gar niemand hin.

Währenddem die Vandale auf einen unbeteiligten aus einer Garage herausfahrenden Pick-Up eindreschen, versucht es die Polizei nicht einmal zu verhindern. Diese ist eine weitere Figur im politischen Spiel: die Mehrheit der Polizisten sind Sandinisten und haben kein Interesse daran, die Oppositionspolitiker zu schützen. Sie haben sich zwar kurzfristig zu einer Mauer formiert, aber mehr mit den Demonstranten gewitzelt.

Der Vormittag, den ich bei den Chaoten verbringe, verläuft relativ ruhig. Ausser die ständigen Böller, die fast einen Tinnitus verursachen. Wir Medienleute können unter anderem auch ins Haus, wo Montealegre zweimal eine Pressekonferenz abhält und sich darüber aufregt, dass sie im Haus gefangen sind und von der Polizei keinen Schutz erwarten können. Am Tag zuvor wurden mehrere Abgeordnete verletzt. In der Tat ist die Polizei nicht in der Lage die paar hundert Leute vom Parteihaus mitten in einem gehobenen Wohnviertel zu vertreiben.

Präsidentschaftskandidat Montealegre im Parteihaus.

Und da sind nicht alle Fernsehstationen Managuas anwesend.

Mittagszeit. Ein Grossteil der Vandale zieht es zu den Bussen, wo Verpflegung auf sie wartet. Nebenbei können sie aber auch sonst Durst und Hunger stillen. Die Demonstrationen ziehen Wasser und Glaceverkäufer an.


Das Geschäft lief vor dem Mittag ausgezeichnet.

Am Nachmittag gehe ich zurück in die Redaktion und dann geht es erst richtig los. Der Pick-Up eines Abgeordneten wird angezündet und ein Journalist verprügelt. Die Polizei kann nichts verhindern.

 

19. April 2010 - Chronik auf der Titelseite

Der Chefredaktor wollte, dass ich einen Artikel verfasse über meine Eindrücke und Erlebnisse meines 3-monatigen Stages. Daraus wurde eine ganze Seite, die sie heute auf der Titelseite mit einem Foto von mir ankündigen.

Ankündigung auf der Titelseite (PDF)
Erlebnisbericht – (PDF)

Es ist mir ein bisschen peinlich, da ich es nicht so wichtig finde, was eine Schweizerin während drei Monaten hier erlebt. In der Schweiz und in sehr vielen anderen Ländern der Welt, ist die Veröffentlichung eines so grossen Erlebnisberichtes ja unvorstellbar.

Aber der Artikel ist offenbar auf grosses Interesse gestossen. Die meisten Leute in der Redaktion haben mich darauf angesprochen, die meisten positiv, andere haben sich auch geärgert, dass ich die Themen anspreche, die sowieso für jeden offensichtlich sind, wie z.B. das Problem mit dem herumliegenden Abfall. Im Internet ist der Artikel der meist gelesene und hat über hundert Kommentare (sogar auf Deutsch). Auch hier, die meisten positiv, dass ich die Realität reflektiere. Unter den Schreibenden sind viele Nicaraguaner, die im Ausland leben. Eine unter anderem in Schaffhausen.

Den Artikel zu verfassen, war ziemlich schwierig, weil ich nicht als überhebliche Schweizerin daherkommen wollte, die mit dem Zeigefinger auf die Mängel des Landes, insbesondere der Hauptstadt, aufmerksam machen wollte. Neben dem Abfallproblem erwähne ich die viele Sachen, über die ich auch bereits im Tagebuch geschrieben habe: Problem, die Strassen zu überqueren oder an einem Kreisel Sport zu treiben, die Schwierigkeit als Journalistin mit den Behörden zu arbeiten oder sich in der Stadt zu recht zu finden, weil die Strassen keine Namen haben, ... etc. Aber auch die schönen Dinge Nicaraguas: die Musik, das Tanzen, die Gastfreundschaft, die wunderbaren Palmenstrände...

 

16. April 2010 - Die Macht von 30'000 Exemplaren

Zeitungsverkäufer am Lichtsignal – am einzigen Ort, wo viele Leute passieren

Daniel Ortega stört sich besonders an den beiden einzigen Zeitungen in Nicaragua. An der „La Prensa“ und am „El Nuevo Diario“. Die Prensa, die Konkurrenz, hat eine leicht grössere Auflage als der Diario. Sie ist sehr regierungskritisch und schiesst gegen alles, was nach Sandinismus riecht. Der Diario ist ein bisschen differenzierter, ursprünglich war die Zeitung links, so wie es die Regierung einmal war. Mit den diktatorischen Zügen Ortegas nimmt die Kritik aber immer mehr zu. Deshalb sind jetzt beide Zeitungen ein Dorn im Auge der Regierung. (s. Blog-Eintrag unten)

Die harte Nachtarbeit im ohrenbetäubenden Maschinengeknatter.


Warten, bis der Druck richtig sitzt. Die Rolle wiegt 350 Kilogramm.

Meine letzte Woche besuche ich nach Redaktionsschluss die Druckerei. Die Maschine ist 55 Jahre alt. Die Männer streichen die Farbe mit dicken Pinseln an die Walzen. Gleich Antik, wie die Arbeitsgewohnheit des Gründers Dr. Danilo Aguirre: aus seinem Büro in der Redaktion klappert jeweils abends die Tastatur seiner Schreibmaschine. Er liest jeden Artikel persönlich und ändert auf seiner Maschine. Die Editoren müssen die Umgestaltungen anschliessend im Dokument im Computer vornehmen. Aguirre will nichts mit der neuen Technik zu tun haben.

Um Mitternacht sitzt der Druck.



Die Zeitungen werden automatisch gefalzt.

Nach dem Druck werden die 30'000 Exemplare von Hand zu kleinen Paketen geschnürt und in verschiedenen Wagen direkt ins ganze Land gefahren. Einen Teil fliegt an die Atlantikküste. Obwohl es sehr wenige Exemplare sind, haben sie ihre Wirkung, weil jede Zeitung von durchschnittlich sechs verschiedenen Leuten gelesen wird. Die meisten Nicaraguaner können sich die 7 Córdobas  (35 Rappen) nicht leisten für eine eigene Zeitung. Und die Zeitungen sind für die elektronischen Medien, wie auch sonst in der Welt, eine Referenz.

Abwägen und „bündele“.

 

15. April 2010 – Ortega ist mir entwischt

Seit dem Anfang meines Stages im El Nuevo Diario, wollte ich unbedingt an eine Pressekonferenz von Präsident Daniel Ortega. Und das ist für Journalisten etwas ganz Schwieriges. Wer nicht autorisierter Sandinist ist, kommt nicht an diesen Mann heran.

Daniel Ortega versprüht Optimismus auf den Strassen, aber bleibt unantastbar.

Er geht kritischen Fragen so am einfachsten aus dem Weg. Von Pressekonferenzen erfahren die unabhängigen Medien erst, wenn sie bereits angefangen haben. Hinfahren lohnt sich dann kaum, weil die Journalisten entweder nicht hereingelassen oder zumindest auf Distanz gehalten werden.

Deshalb funktioniert die Berichterstattung hauptsächlich übers Mitverfolgen, was die staatlichen Medien senden. Die Pressekonferenzen werden in Radio und Fernsehen eins zu eins übertragen. Die Politik-Journalisten der Zeitung sitzen dann vor ihrem Radiogerät aus den achtziger Jahren und lauschen den Kampfreden und Bauchpinseleien des Präsidenten oder sie halten ihre Diktiergeräte an die Fernseher.

Sandinist empfängt Sozialisten – Chávez bei seiner Ankunft in Managua. Foto: Melvin Vargas

Umso ärgerlicher war der heutige Tag, an dem ich fünf Stunden Gelegenheit gehabt hätte, nicht nur Ortega sondern auch seinen grossen Bruder und Sponsor Hugo Chávez zu sehen. Zu seinem Staatsbesuch haben sich die beiden eine besonders volksnahe Route ausgedacht: direkt nach der Ankunft Chávez am Flughafen sind sie mit einem Konvoi durch die Strassen Managuas gerollt. Dabei sind sie jeweils an den Lichtsignalen ausgestiegen, um von ihren Anhängern gefeiert zu werden.

Die Ortega-Anhänger und Chávez-Fans am Kreisel des Metro-Centro zelebrieren ihre Compañeros zu lauter Musik

Ich kam, als die Party auf den Strassen zwar noch lief, der Konvoi aber schon vorbei gezogen war. Den ganzen Tag hatte ich auf dem Land verbracht, um über ein Mikrofinanzierungs-Projekt zu berichten, das die DEZA, Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, unterstützt. Das wird mein letzter Artikel für die Zeitung.

Artikel von Franziska Engelhardt über Mikrofinanzierung - für die WOZ

Die Kreisel geschmückt mit den Sozialisten-Köpfen Latein-Amerikas.

 

13. April 2010 - Das Land in der Stadt

Eines der ebenso wichtigen Transportmittel habe ich fast vergessen. Das Pferd. Sie traben zwischen Lastwagen und Taxis mitten im Stossverkehr. Auf den angespannten Karren wird alles  transportiert: Abfall für die Chureca, gesammeltes Altmetall, bis zu halben Autos. Leider hatte ich die Kamera damals nicht dabei. Das Auto haben die glücklichen Finder ein paar hundert Meter weiter auf der Strasse vollends verschrottet.

Brav einreihen hinter mir im Taxi am Lichtsignal einer dreispurigen Strasse.

Die Pferdebesitzer sind meist arme Leute vom Lande, die sich kein anderes Transportmittel leisten können. Sie kommen mit ihren geernteten Früchten und Gemüse in die Stadt und verkaufen sie auf der Strasse. Mit dem Megafon fahren sie durch die Strasse und künden ihre Papayas, Ananas und Kochbananen an. Besonders beliebt zum Weckruf um 6 Uhr morgens.

Die Landwirtschaft gibt es aber auch in der Stadt. Plötzlich tauchen Kuhherden auf. Wie hier vor der Redaktion grasen sie auf den Inseln der fünfspurigen Carretera Norte.

Zum Glück habe ich nicht gesehen, wie sie versuchen, die dicht befahrenen Strassen zu überqueren. Von einer ganzen Herde haben die Fahrer vermutlich Respekt. Nicht so bei Hunden. Die Strassenköter sind mit der Gefahr aufgewachsen. Schwangere Hunde, dünne Hunde rennen wie verstörte Hühner auf den Mittelstreifen zu - kommt ein Auto zu schnell, rennen sie kurz zurück und versuchen es von neuem.

Verkehrsungeübte Hunde haben gar keine Chance. Ich sass im Bus, als ein gesunder Hund in der grösse eines Schäfers mit einem Motorrad zusammenprallte. Der Fahrer kam ins Wanken und stellte sich quer, während dem der Hund heulend wieder zurück zu seinem Herrchen auf die andere Strassenseite wollte, wobei ihn beim Überqueren der nächsten Strasse fast unser Bus überfahren hätte. Vor Entsetzen habe ich im Bus meine Arme in die Luft geworfen. Die Leute haben mich mit Unverständnis angeschaut.

Immer wieder gibt es solche Hunde, die es definitiv nicht von der einen zur anderen Seite schaffen. Mit erstarrten Beinen nach oben liegen sie am Strassenrand. Vermutlich werden sie von den Würmern weggetragen.

 

10. April 2010 - Wenn heiraten zur Qual wird

Mein Magen erholt sich langsam. Deshalb gehe ich mit der Familie an die Hochzeit einer Cousine. Auch dieses Haus ist direkt an der Hauptstrasse. Wir sind spät dran. Durch die Gitter sieht man bereits die Gäste auf den Plastikstühlen sitzen. Wir gesellen uns dazu und warten und warten. Währenddem findet im Innern des Hauses ein endloser Sound-Check statt mit Reggaeton und Kuschelrock. Es macht es unmöglich, sich wenigstens mit dem Nachbarn zu unterhalten.

Alle versuchen sich mit einem Blatt Papier ein bisschen Luft zu zufächern, von der Hitze läuft der Schweiss herunter. Etwas zu trinken wird nicht angeboten. Bräutigam und Familie sind noch zu fest mit Vorbereiten beschäftigt. Brautzeugen, die das ganze Fest in die Hand nehmen, gibt es hier nicht. Unterdessen erfahren wir, dass der Anwalt, der getraut hätte, einen Autounfall hatte. Ein Ersatzmann sei unterwegs.

Ich falle fast vom Stuhl nach zwei Stunden ohne Wasser. Ein Glas Leitungswasser tu ich meinem delikaten Magen jetzt grad nicht an, deshalb beleitet mich Carmens Freund Yader über die Strasse, um etwas zu trinken kaufen. Es ist stockdunkel. Kaum haben wir das Wasser gekauft, hinkt uns der Vater der Braut hinterher. Wir sollen sofort zurückkommen, denn wir befinden uns auf dem Territorium des Barrios Dimitrov. Eines der berüchtigtsten Viertel Managuas. Obwohl er nichts auf sich hatte, verlor der Vater vor ein paar Jahren bei einem „versehentlichen“ Überfall ein Auge. Er kannte die Banditen, hat sie aber nicht bei der Polizei angezeigt, weil dies verhängnisvoll für seine Familie hätte sein können. So einfach kommen die Banditen davon.

Der Papa führt die Braut traditionsgemäss zum Altar, zum Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn.

Nach fast drei Stunden vermählt der Ersatz-Anwalt das junge Brautpaar, emotionslos liest er die Zeilen herunter und verdreht die ganze Zeit „ledig“ und „verheiratet“. Während der ganzen Zeremonie lacht das Paar nicht einmal. Danach zwängen sich alle in den kleinen Disco-Raum, um den beiden beim ersten Tanz zu Celine Dions Titanic-Lied zu zuschauen. Die Boxen überschlagen sich.

Die Musik dröhnt weiter, während dem alle versuchen, einen Tisch für sich zu ergattern - immer familienweise, die Verwandtschaft vermischt sich an der Hochzeit nicht miteinander. Dann kommt das grosse Fressen. 1. Teller mit Tortilla und Rindfleisch. Magen voll. Aber es kommen noch zwei weitere mit anderen Spezialitäten. Dazu Gaseosa „Coca Cola“. Zum Glück setzt sich das Essen beim Tanzen. Egal wie laut die Musik ist, es tanzt die Grossmutter und das Enkelkind. Dann hat es wieder ein bisschen Platz für den Hochzeitskuchen.

Hier huscht dem Bräutigam zum ersten Mal am ganzen Abend so was wie ein Lächeln über das Gesicht.

 

8. April 2010 - Parasiten zu Besuch

Irgendwann musste es ja kommen. Ich kann nicht sagen, was genau meinen Magen zum Straucheln brachte und mich schliesslich ganz elendiglich flach legte. Die Krankenschwester Marielle Vogler meines ersten Radio-Interviews (siehe 12. März 2010) hat mich gewarnt, dass nach drei Monaten das Immunsystem einen Taucher machen würde. Praktisch auf den Tag genau ist dies eingetroffen. Alle sind sich einig, Parasiten haben sich bei mir eingenistet. Jetzt schlucke ich Tabletten, dass sie gar nicht erst Gefallen daran finden.

Das Wasser im Behälter ganz hinten in der improvisierten Kantine der Zeitung könnte der Übeltäter sein.

Obwohl es Leitungswasser ist, sei die Qualität hier besonders gut. Ich war es satt, immer Flaschen zu kaufen, habe mich wohl schon zu sehr „Nica“ gefühlt und am Montag fast nur noch davon getrunken. Vielleicht doch etwas zu früh für meinen Schweizer Magen.

In diesem Raum, Foto oben, verpflegt sich fast die gesamte Redaktion. Er ist im Durchgang zu den Toiletten, quasi eine Nische ohne Fenster. Keinen stört es. Es gibt pünktlich um 12 Uhr eine Schlange vor der Mikrowelle und wer fertig gegessen hat, muss seinen Platz für den nächsten Hungrigen räumen.

Das Essen nehmen die Meistens in einem Tupperware von zu hause mit oder kaufen sich eine Portion, die täglich fast identisch aussieht, an einem Strassenstand. Im Namen der Parasiten stelle ich hier ein paar nicaraguanische Gerichte vor. 

Das Mittagsmenu

Reis, Bohnen, Poulet und Kohl

Reis, Bohnen, frittierte Banane, Fleischklösse

Reis, gekochte Bananen, Fleischklösse und Salat für die Schweizerin

Das Sonntagsmenu

Der Pazifik komprimiert. Fischsuppe in einem Restaurant.

Der Klassiker: Rindfleisch, frittierten Käse, Gallo Pinto (Bohnen und Reis) Kohl auf frittierten Bananen-Streifen

Das Strassenmenu – Die Fritanga, Hauptsache frittiert

In jeder Ortschaft kann man der Nase nach, nach gegrilltem Fleisch. Günstig und lecker.

Serviert im Bananenblatt und Plastiksack: Bananenstreifen, Reis, Kohl, Poulet. Im Magen vermischt sich sowieso alles.

Über Essensgewohnheiten spreche ich auch im zweiten im Radio LoRa ausgestrahlten Radiointerview  mit Teresa Horbaty, einer Schweiz-Nicaragua-Doppelbürgerin, die 13 Jahre in Lausanne und Winterthur gelebt hat.

Link zum Radio-Beitrag

 

Ostern 2010 – Alles, ausser Eier suchen

Über die Ostertage erhalte ich eine kleine Kostprobe, von dem, was der Nicaraguaner in seiner heiligen Ferienwoche tut. Wichtiger Punkt: zu hause bleiben zum Ausruhen, was schwierig ist bei 40 Grad. Deshalb kaufen die, die sich gegen den Strand entscheiden kleine Plastikplanschbecken. An jeder Ecke Managuas schiessen die plötzlich aus dem Boden.

Wir haben keines, deshalb entschliessen wir uns, lieber auf der Strasse in der Sonne brüten, bei einer Prozession in der Kolonialstadt León.

Kinder schleppen während des Umzugs Jesus und Maria durch die Strassen. Alle drei Meter stellen sie die Figuren auf den Boden, weil sie zu schwer sind.

Verschiedene Kirchen veranstalten während der heiligen Tage Prozessionen. Die Bewohner können kurz zuvor Wünsche für Segnungen deponieren. Der ganze Tross hält jeweils vor dem Haus des Bittstellers an und der Pfarrer liest die Botschaft über die Lautsprecher.

Immer, wenn sich der Umzug fortbewegt, spielt ein kleines Orchester ein paar schleppende Takte Musik.

Es ist trotzdem zu heiss, um auf den Strassen herumzustehen. Deshalb geht’s ab zum eine halbe Stunde entfernten Strand per Taxi.

Grosse Wellen reichen bis zu den Füssen der Frauen, die sich mitsamt ihren Kleidern erfrischen. 

Die hohen Wellen reizen, um sich unverzüglich hineinzustürzen. Aber leider kommen wir völlig unvorbereitet, ohne Badeanzüge und ohne Ersatzkleider. Deshalb tun wir, was ebenfalls zu Nicaraguas Oster-Ritual gehört, an der Strandbar Bier und Rum Flor de Caña trinken.

 

 

1. April 2010 - Sommer und Semana Santa

Die Oster- bzw. Sommerferien haben bereits am Montag angefangen. Ganz Managua fährt an den Strand. Obwohl, dann doch wieder nicht alle. Viele tun sich das nicht an, weil offenbar auch viele organisierte Banden dorthin pilgern und es wegen übermässigem Alkoholkonsum äusserst aggressiv sein könne.

Die Redaktion bleibt vier Tage geschlossen und 24 Stunden bewacht von einem Aufseher.

Für die letzte Ausgabe am Mittwoch vor der viertägigen Zeitungspause schickt der Chefredaktor die Fotografin Heydi und mich an den nächsten Strand Pochomil für ein Foto für die Titelseite. Und zwar: eine hübsche junge Frau im Bikini. Der Witz, die meisten Nicaraguanerinnen baden mit Shorts und T-Shirt – offenbar aus Scham. Wir beide sind überhaupt nicht einverstanden mit der gesuchten Idee. Lieber würden wir ein Bild zurück bringen von den ganzen Sippen, die am Strand sitzen mit ihren Kühlboxen und ihre mitgebrachten Tortillas und Bohnen auf einem Feuerchen aufwärmen. Den Abfall schwemmt dann das Meer weg.

Trotzdem tauchen zwei Badenixen im Bikini auf. Heydi fotografiert sie widerwillig aus dem Hinterhalt.

Anschliessend fragen, ob sie damit einverstanden sind, dass sie auf der Titelseite erscheinen, tun wir nicht. Das sei nicht nötig.

 

29. März 2010 - Abfall trennen in Nicaragua

Artikel von Franziska Engelhardt über die "Chureca" - für die WOZ

Mit den Fingerspitzen und geschlossenen Augen habe ich das erste Mal eine Batterie in den Abfalleimer geworfen. Meine Frage, wohin damit, ist auf Unverständnis gestossen. Glas, Büchsen, Plastik, Essensreste, gebrauchtes Toiletten-Papier, alles landet im selben Eimer und wird dann - wenn nicht direkt vor dem Haus verbrannt oder in den Fluss geworfen - in die Müllhalde gefahren. Sie ist mitten in der Stadt, direkt am grossen See von Managua. Die „Chureca“ ist die grösste Deponie Zentralamerikas. Hier beginnt die Abfalltrennung. Reportage über die "Chureca" - PDF-Fassung

Täglich werden hier 1’250 Tonnen Abfall abgeladen.

Die Situation der Menschen die dort arbeiten und sogar dort Leben interessiert mich. Die Fotografin Heydi kommt mit, dank ihrer Bekanntschaft mit einem Projektleiter der Deponie gehen wir mitten rein ins Gewühl.

Maria del Socorro González ganz rechts arbeitet seit 15 Jahren hier. Sie und ihre Kollegen beklagen sich besonders über den unerträglichen Rauch.

Insgesamt liegen hier 8 Mio. Kubikmeter Abfall. Hier landet der gesamte produzierte Unrat der Millionenstadt.

Über 2000 Männer, Frauen und Kinder arbeiten täglich im giftigen Ambiente. Der ganze Abfallberg brennt konstant. Das bedeutet, Rauch von verbranntem Plastik über Batterien bis Spital-Abfällen verpestet die Luft. Er frisst sich innert Minuten in den Körper. Die Augen tränen, die Atemwege füllen sich mit giftigen Gasen. Der Gestank des Abfalls geht völlig unter.

Die Verneblung. Die Sicht ändert innert Sekunden, wie der Nebel auf einer Bergspitze.

Sicht auf den See Managuas. Er ist eine giftige Kloake.

Einzig die Arbeiter eines Projekts zur Umlagerung des Abfalls tragen Schutzmasken.

Die Müllsucher arbeiten ohne professionellen Atemschutz. Behelfsmässig montieren einige Tücher über Mund und Nase.

Einige spezialisieren sich auf das Sammeln von Pet, andere auf Metalle oder Glas. Am Nachmittag kommen jeweils die Käufer. Das Kilo Pet kostet weniger als 10 Rappen. An einem Durchschnittstag verdient ein Pet-Sammler 2.50 Franken. Und die anderen Aufgaben sind nicht viel lukrativer.

100329_END_85: 30 Jahre in der Chureca.


Die Augen tränen auch hunderte Meter weiter weg vom Brandherd.

Auf dem Areal haben sich seit seiner Existenz Anfang der 70 Jahre über 220 Familien niedergelassen. Jede hat durchschnittlich 6 Kinder. Insgesamt leben rund 1200 Menschen hier.

Auf dem Abfall-Hügel lebt ein paar seit 30 Jahren in ihrer Hütte mit drei Wänden.

Freizeit zwischen Schule und der Abfallsuche; neben denFüssen liegen die Kuhbeine vom Schlachter.

Jeweils am Morgen laden Laster abgelaufenes Essen von Supermärkten oder Köpfe und Beine vom Schlachthof ab. Mit Messer und Eimer stehen die Bewohner bereit.

Zwei Mädchen vor ihrem Haus.

In der „Siedlung“ spielt ein Mädchen mit einem grossen Fund.

Die 78-jährige Bewohnerin schützt sich mit der Hand vor dem Rauch, der von der Deponie bis in die Häuser dringt. Sie beklagt sich, dass sie deswegen nicht schlafen kann.

Die „Güggel“ sind überall.


Geier, Kühe, Hunde, Menschen, alle suchen etwas Essbares auf dem brennenden Hügel.

Wie überlebt man einen Tag in der grössten Kloake Nicaraguas? Das ist meine Geschichte und der Titel: Einen Besuch in der Hölle namens Chureca.

Die Gesundheit dieser Leute muss im übelsten Zustand sein. Allein der 5-stündige Besuch verursacht Nachwehen. Kopfweh und Halsweh, als ob ich 50 Packungen Zigaretten geraucht hätte und rote brennende Augen. Der Rauch hängt noch am nächsten Tag nach einer Dusche in den Haaren, Hals und Augen schmerzen weiter und die Fotokamera stinkt noch fünf Tage nach „Chureca“.

 

 

24. März 2010

Der Artikel über Homosexuelle und Trans hat eingeschlagen. Seit seiner Publikation ist er unter den meistgelesenen Artikeln und hat massenhaft Kommentare. Ein Schlagabtausch zwischen religiösen Fanatikern, Homophoben und Befürwortern der sexuellen Vielfalt.

Unter anderem war kurze Zeit folgender Kommentar publiziert, bevor ihn die Webredaktorin eliminiert hat: Beginnen wir mit der Akzeptanz von Schwulen und Lesben, dann kommen die Pädophilen, die Psychopathen und die Serien-Mörder. So wollt ihr ein Leben ohne Regeln und Moral.
Artikel: Wie akzeptiert ist die sexuelle Vielfalt in Nicaragua?

PDF zum Artikel

Währenddem in Mexiko-City und in Argentinien Homosexuelle heiraten können, ist Nicaragua noch nicht annähernd soweit. Bis Juli 2008 konnten homosexuelle Paare eingelocht werden. Viele Medien rücken immer noch die sexuelle Präferenz ins Zentrum: Bei einem Unfall heisst es nicht, ein Mann wurde überfahren, sondern, ein Schwuler war unvorsichtig und ist beim Überqueren der Strasse überfahren worden.

Kurz vor der Publikation habe ich mich mit einem Redaktor in eine Diskussion verwickelt, weil er mir klar machen wollte, dass diese Schwule nur immer noch mehr Rechte wollen, mehr als die „normalen“ Leute haben und dass sie sowieso krank sind. Kein Wunder, er ist Evangelist und in eben solchen Kirchen predigen sie die Homophobie, wie mir die Vertreterin der neuen Sektion „sexuelle Vielfalt“ in der Verwaltung erklärt hat. Diese Abteilung gibt es seit Dezember 2009.

El Nuevo Diario hat mit der Publikation einen „mutigen Schritt“ getan. Der Chefredaktor sagte mir kurz davor, dass er sehr beunruhigt sei, den Artikel zu veröffentlichen. Aber jetzt sind sie Stolz, als Einzige das Thema aufgenommen zu haben.

 

18. März 2010

Von A nach B kommen in Managua.

Die Busse platzen zu Stosszeiten aus allen Nähten.

Der Bus ist unsicher, weil jederzeit Räuber einsteigen können. Das Taxi ist noch unsicherer, weil dich der Taxifahrer ausrauben kann. Aber „ni modo“ (es ist, wie es ist), irgendwie muss man ja vorwärts kommen, wenn es schon zu fuss nicht geht. Eine 7-minütige Taxifahrt zur Redaktion kostet ca. 30 Córdobas, umgerechnet 1 Franken 50. Der Bus 2.5 Córdobas, das sind weniger als 10 Rappen, egal wie weit.

Die Bushaltestellen haben sich meist irgendwie etabliert. Ganz ohne Häuschen oder Tafel. Manchmal nehmen sie einen auch mitten auf der Strecke mit. Meine Haltestelle ist auf der gegenüberliegenden Strassenseite, vis à vis des Hauses unter einem Baum. Das heisst, zuerst vier Strassen überqueren im Hindernislauf. Wenn an der Haltestelle schon ein dutzend Leute warten, weiss ich, dass der Bus aus allen Nähten platzt. Beim Einsteigen halte ich die 2.50 bereit. Der Bus fährt bereits los, wenn die Letzten noch nicht einmal auf der ersten Stufe stehen. Dann heisst es, festhalten, wo man kann, im besten Fall an den an den Decken montierten Stangen.

Einsteigen im Schnellzugtempo, sonst ist der Bus weg.


Am Magnet klebt das Wechselgeld.

Zum Glück ist die Konstruktion für kleine Leute, die meisten Busse sind ausrangierte gelbe Schulbusse aus den USA, andere neuere kommen aus Russland, die - offenbar wegen der Hitze in Managua - oft den Geist aufgeben. In den alten Bussen sind Sitze jeglicher Art hereinmontiert worden. Auf beiden Seiten hat es jeweils zwei Plätze und eben in der Mitte hängen zur Stosszeit beidseits der Sitze die Leute im Klammergriff an den Stangen. Durch die Mitte zwängen sich die neuen Passagiere, so weit wie es geht. Nicht selten stupft mich jemand an und offeriert mir den Platz (weil ich eine „Chela“, Ausländerin, bin). Neben mir kann ein Greis auf wackligen Beinen stehen oder eine Frau mit dem Kind auf dem Arm. Ziel aller ist es, sich bis zur Wunschdestination durch die Menge gezwängt zu haben, um ordnungsgemäss hinten wieder auszusteigen.

Manche Busfahrer machen richtig Stimmung - mit lauter Musik oder einer Henkerfahrt. Dieser ist für das Foto-Shooting extra auf die Seite gefahren.

Die Überfälle auf Busse haben in letzter Zeit etwas nachgelassen. Aber jeder kann ein Lied davon singen. Meine Doña Cándida hatte zweimal die Pistole am Kopf, als Diebe den gesamten Bus stürmten. Andere hatten intimere Erlebnisse: Ein Mann setzt sich neben einen  und fragt nach der Uhrzeit, bewundert die Uhr oder das Handy und zeigt im Gegenzug seine Pistole oder Machete und bittet um alles, was mehr als 20 Rappen Wert hat, alles ganz ruhig. Zum Abschluss gibt’s einen kollegialen Handschlag und weg.

Wenn ich am morgen knapp bin, halte ich die schon fast voll besetzten Taxis an, strecke den Kopf ins Auto und sage, wohin ich will. Wenn es auf der Route der Personen ist, die bereits drin sitzen, dann nimmt mich der Fahrer mit. In der Stosszeit sind die Taxis Sammeltaxis. Wenn die Leute vertrauenswürdig aussehen, ist die Überfall-Gefahr sehr klein. Zwei jungen Schweizerinnen sind in einer anderen Stadt komplett ausgeraubt worden. Ich habe die beiden zufälligerweise grad kurz danach getroffen, als ich in der Schweizer Kooperation der DEZA war.

Sie sassen im Taxi, als mehrere Männer eingestiegen waren. Während sie ihre Augen geschlossen halten mussten, schnappten sich die Diebe sämtliche Wertsachen und der Gipfel, die Postcards. Bei einem Geldautomaten haben sie mit den Codes alles abgehoben, was auf einmal möglich war und ihnen die Karten zurückgegeben. Plus 300 Córdobas, damit sie wenigstens noch bis nach Managua kommen würden. Überhaupt seien die Diebe eigentlich ganz anständig gewesen und hätten sie auch nicht mit einer Waffe bedroht. Aber dies wohl nur, weil sie so gut kooperiert hätten. Die Schweizer Kooperation hat anschliessend ebenfalls kooperiert und ihnen die kommenden Nächte in Managua ein Hotel organisiert.

 

 

Wochenende 13./14. März 2010

Die Zeit auf dem Land ist stehen geblieben. Ein Besuch in Camuapa, einem kleinen Städtchen zweieinhalb Busstunden von Managua entfernt und Heimatort von Doña Cándida. Hauptfortbewegungsmittel sind Pferde.

Milchtransport für die Bewohner. Nur, wo ist der Cowboy?

Kurze Zeit später taucht er auf und reitet davon.

Wir folgen seinen Spuren, in der Mittagshitze verlassen wir das Städtchen und marschieren auf staubigen Strassen und über gelbe ausgetrocknete Weiden. Kein Mensch begegnet uns.

Nach einer Stunde sehen wir von weitem eine Finca, ein kleiner Hof. Von Tieren keine Spur, die scheinen sich im Schatten versteckt zu haben.

Wir rufen „Buenas“ in der Nica-Manier, um uns bemerkbar zu machen.

Und es ist jemand zu hause. Pablo, ein Mitarbeiter der Finca, begrüsst uns.

In der Küche haben wir den Beweis, dass wir auf der richtigen Spur waren. Die Milchkannen stehen bereit, um wieder aufgefüllt zu werden.

Auf der Veranda empfängt uns Carlos, der Cowboy. Er ist der Cousin von Xiomara und Carmen. Doña Cándida ist auf dieser Finca aufgewachsen, zusammen mit ihren sechs Geschwistern. Wie klein Camuapa doch ist.

Wir übernachten bei Verwandten im Städtchen. Das Haus besteht aus Brettern. Der Boden ist, wie die Natur ihn geschaffen hat, aus Erde. Insgesamt fünf Frauen schlafen in einem Raum unter Moskitonetzen. Wir übernachten zu viert im hinteren Teil des Hauses. Im formidablen Neubau, der finanziert worden ist vom Mann der 22-jährigen Bahena. Auf den Valentinstag schenkte er ihr eine Stereoanlage. Ihr Vermählter ist bald 60 Jahre alt, kommt ursprünglich aus dem selben Dorf aber wohnt in den USA. Alle paar Monate besucht er seine Heimat. Bahena graust es davor, Nicaragua zu verlassen. Aber das Heiratsangebot konnte sie nicht abschlagen.

Am Morgen frisieren sich die beiden Hausältesten für die Messe.

Die 88-jährige Grossmutter hat vor zwei Wochen das „Licht Gottes“ am Ende des Tunnels gesehen. Aber ihre Zeit ist offenbar noch nicht abgelaufen. Das morgendliche Ritual geht weiter.

Eine alte Bekannte, die bei den Frauen Unterschlupf gefunden hat. Doña Cándida kennt sie von früher und hat heute noch Angst vor ihr. Sie hat früher offenbar Hexen-Rituale gemacht.

Vor der Abreise gehen wir auf den Friedhof von Camuapa

Während Doña Cándida die Gräber ihrer Mutter und eines Bruders von hängengebliebenen Plastiksäcken und ausgetrockneten Blumen säubert, fotografiere ich.

In meinem Fokus ist Jesus, aber vor allem die im Vergleich pompösen Grabstädten im Hintergrund. Beim Verlassen des Friedhofs zeigt Doña Cándida zu eben diesen farbigen Häusern... da liegen die Überreste ihres Grossvaters.

 

Freitag, 12. März 2010

Kurz nach der Revolution gekommen und geblieben. Marielle Vogler aus Lungern-Schönbühl hat vor 25 Jahren ihren Job als Krankenschwester am Uni-Spital Zürich aufgegeben, um in Nicaragua ein paar Monate mitzuhelfen, das Gesundheitssystem des Landes neu aufzubauen.

Schweizerinnen und Schweizer, die in Managua leben. Sie ist die erste Person, die ich in einer Serie fürs Radio LoRa porträtiere. In der einstündigen Sendung reden wir über ihre Idee der Revolution, über das schwere Herz während der Fasnachtszeit und über das Leben, wenn täglich Strom und Wasser abgestellt werden. Dazu spiele ich Musik, die sie im jetzigen Leben begleitet und solche, die sie an ihre Heimat erinnert.

MP3: Radio-Sendung mit Marielle Vogler
Link zu Radio LoRa

Der Artikel über die sexuelle Vielfalt in Nicaragua ist noch nicht veröffentlicht worden. Er wird grösser als vorerst geplant, mit weiteren Stimmen von Experten. Nur ist das wieder sehr schwierig mit den Experten. Das letzte Interview mit einer Sexualmedizinerin ist erst heute möglich. Zum Termin um 16 Uhr stehen der Fotograf und ich in der Klinik. Leider sei sie soeben gegangen, weil wir angeblich um 15 Uhr verabredet waren.

Unser Chauffeur ist auch schon wieder weg. Weder der Fotograf noch ich haben Saldo auf unseren Handys, um einen neuen in der Redaktion zu bestellen. Das Telefon der Klinik erlaubt nur anrufe aufs Festnetz (Telefonieren aufs Handy-Netz kostet hier das 10-fache verglichen mit der Schweiz, die beiden einzigen Mobil-Anbieter sind Banditen). Wir beide haben nur die Natel-Nummern der Redaktoren dabei... Die Klinik-Angestellten suchen die Nummer unserer Redaktion in ihren verschiedenen Notizbüchern, mit einem Augenzwinkern. Bis sie sie gefunden haben, ist der Chauffeur wieder von allein zurück, bevor wir gehen, diktiert sie uns die Nummer, damit wir sie in unserem Handy speichern. Auf Montag haben wir uns erneut mit der Frau Doktor verabredet.

 

Montag, 8. März 2010

Das Fitness-Werk ist vollbracht. Der Artikel über die (Un)-möglichkeit in Managua zu joggen, erscheint am Montag in der Zeitung.

Artikel: Joggen ist in Mode, nur wo?

Der Artikel gibt in der Redaktion zu reden und vielen eine neue Ausrede, Sport zu treiben: Rennen ist gut, aber zu gefährlich. Er ist Anstoss für eine neue Geschichte über die vielen Übergewichtigen in diesem armen Land. Aber diese übernimmt eine Arbeitskollegin.

Mein nächster Artikel wird vermutlich besonders den Web-Redaktorinnen viel Arbeit geben. Zum Internationalen Frauentag fahre ich mit dem Fotografen Carlos Cortés, mit dem ich bereits auf der Insel Ometepe war, zum Umzug. Auf dem Motorrad.

Schleichwege: Mit dem Töff durch die Barrios Managuas, die am Tag so friedlich wirken. In der Nacht bekämpfen sich hier die Banden.

Kinderarbeit am Lichtsignal: Ohne Scheibe dazwischen kommt man dem Scheibenputzer noch näher.

Ich bin erstaunt, wie viele Frauen und Männer mit marschieren. Weil ein anderer Journalist den Frauentag abdeckt, suche ich einen besonderen Aspekt. Und finde ihn. Trans- und Homosexuelle nehmen auch am Umzug teil. Sie fühlen sich doppelt diskriminiert in diesem Land. Und sie sprechen offen über ihre Probleme, was selten ist, wie mir Frank sagt.

Gegen 1000 DemonstrantInnen marschieren für mehr „Respekt für die Frau“.

Das Ziel der Kundgebung mit Reden und Rap.

Der Chefredaktor ist leicht irritiert, als ich ihm den Vorschlag unterbreite. Aber er meint, dass die Zeitung auch Randgruppen Platz gibt. Ich solle mich einfach zurückhalten. In der Schweiz gäbe es keinen Aufstand. Aber hier werden Homosexuelle grausam verspottet. Unter anderem sagte mir eine Frau, dass sie schon früh gemerkt hat, dass sie lesbisch ist, aber ihre Familie sie so gedrängt hat, dass sie mit einem Mann ein Kind gezeugt hat. Heute lebt sie mit ihrer Partnerin. Eine andere sagt, wenn sie auf der Strasse ihre Freundin küsst, werden sie auf vulgäre Weise von den Männern als Schweine beschimpft. Andere Männer wiederum sagten den küssenden Frauen, sie würden aus ihnen schon richtige Weiber machen.

Mal schauen, was mit der Publikation passiert, ich habe schliesslich nur wiedergegeben, was mir die Trans- und Homosexuellen offen gelegt haben.

Zum Anlass des Internationalen Frauentags habe ich am Sonntag die arbeitenden Frauen im Markt gefragt, ob sie glücklich sind. Frauen, die seit Jahren bis Jahrezehnten tagtäglich ihre Sachen verkaufen oder Tortillas braten. Sie leben von der Hand in den Mund und die meisten sagen trotzdem, dass sie glücklich sind, grade dank der Arbeit.

Artikel: Sind Managuas Frauen glücklich?

 

Freitag, 6. März 2010 - Bienvenido a Nicaragua

Die ganze Woche warte ich vergebens auf die Informationen der Polizei. Trotz weiteren Versprechen und anständigen Aufforderungen, telefonisch und per Mail. Dafür hat mir der Sportredaktor Francisco ein Interview mit dem Sport-Department vermittelt. Ohne Kontakt ist es unmöglich, dass die Funktionäre Auskunft geben. Die müssten immer zuerst ganz oben um Erlaubnis bitten und das tun sich die meisten schon gar nicht an.

Im Lärm der ratternden Klimaanlage windet der Berater des Sportchefs sich um meine Frage, was die Stadt an Sportanlagen für die Bevölkerung bietet. Er wird nicht müde, über die frühren Regierungen zu wettern und die jetzige sandinistische zu loben. Er ist stolz darauf, dass sich die Leute selbst den Kreisel erobert haben, auch er jogge da täglich um fünf Uhr früh und kreuze sich dabei jeweils mit mindestens fünf anderen Staatsangestellten.

Leicht entnervt transkribiere ich die brauchbaren Teile des Interviews, bis um 16 Uhr Francisco vor mir steht und mich bittet, das Interview nicht zu verwenden. Der Ober-Sport-Chef habe dem Interviewten fast den Kopf abgerissen, als er vom Interview gehört habe. Die Publikation riskiere, dass der Berater gefeuert wird und der Sportjournalisten seinen guten Kontakt mit der Stadt verliert. Der Chefredaktor und ich einigen uns darauf, nur das allerwichtigste ohne weitere Namensnennung in den Artikel zu nehmen. Meine Redaktionskollegen sagen dazu nur: Bienvenido a Nicaragua (Willkommen im nicaraguanischen Journalistenalltag).

Am Wochenende schreibe ich den Artikel fertig, ich habe wieder Dienst. Leider nur mit der simplen Anhörung der Gegenseite und ohne harte Fakten. Den einzigen Fakt, der mir nichts bringt ist, dass in Nicaragua alle zwei Tage im Schnitt 1,2 Leute ermordet werden und sich das Land, nach Costa Rica, als sicherstes in Mittelamerika sieht.

Montag, 1. März 2010 - Die Auskunftsträgheit der Behörden

Montag 9 Uhr. Mit dem Polizei-Journalisten Carlos Larios klopfe ich an die Tür des Polizisten und: erwischt. Donald López sitzt an seinem Pult. Nach einer kurzen Erklärung über den Inhalt meine Jogger-Reportage unterbricht er die Kaffee-Gespräche mit seinen Arbeitskollegen und ich darf ihn ausfragen. Er gibt zu, dass sie einige Probleme haben, um die Strassen Managuas sicher zu halten. Daten über die Kriminalität kann er mir nicht geben, am Nachmittag seien sie bereit.

Fabricio Muñoz, der Assistent des Polizeichefs im Distrikt des gefragten Kreisels.

Unterdessen organisiert mir Carlos ein Interview mit dem Polizeichef eines anderen Distrikts.  Als wir ankommen, hat dieser dann doch keine Zeit, aber immerhin schickt er uns nicht weg, sondern sein Assistent hält den Kopf hin. Zusätzlich verspricht er mir, die Informationen über Überfälle und Morde zu mailen. Um mich nicht länger unnötig in der ganzen Stadt hin und her jagen zu lassen, habe ich seit heute eine vereinfachte Mailadresse: franziska@elnuevodiario.com.ni

Am Nachmittag schaue ich nochmals bei Donald rein. Unterdessen spaziere ich ganz selbstverständlich am Polizeiempfang vorbei. Leider sind die Daten noch nicht ganz bereit, aber die Polizistin, die am Computer angeblich grade daran arbeitet, wird sie mir noch heute schicken, sagt er freundlich und empfiehlt mir einige Sehenswürdigkeiten in Nicaragua.

Wochenende 27./ 28. Februar 2010 - Bauchvollschlagen in Chinandega

Mit Heidy, einer Fotografin der Zeitung (die Kombination mit mir verursacht jeweils Konfusionen, wenn wir uns gemeinsam vorstellen) und ihrem Mann Jorge fahren wir ins eineinhalb Stunden entfernte Chinandega. Auf halber Strecke stinkt es nach Gummi und die Bremsen funktionieren nicht mehr. Am Strassenrand sind einige hilfsbereite Männer, es werden immer mehr. Bis sogar ein Mechaniker aufkreuzt und den Schaden irgendwie behebt.

Jeder will ein Experte sein.

Im Innenhofe des Hauses kochen wir den ganzen Tag, vor allem viel Fleisch und viel Knoblauch. Die ganze Verwandtschaft hilft mit für das Fest von Heidys Mutter.

Poulet und Rindfleisch für 50 Personen.


Knoblauch für eine ganze Armee.


Unterdessen verwöhnen die kleinsten der Familie das ramponierte Auto mit einer Spezial-Politur.

Am Abend servieren wir den 50 Gästen jeweils einen Teller mit Reis, Bohnen-Püree, Salat, Tortilla, ein Stück knoblauchdurchtränktes Fleisch und dazu Coca Cola oder ein tiefrote Limonade, die nach Kaugummi schmeckt. Neben dem Essen ist der Höhepunkt des Abends der Geburtstagstanz. Ein Gast wechselt sich ab mit dem nächsten um mit der Jubilarin ein paar Takte zu tanzen. Mit allen, von der Grossmutter über Enkelin bis zur Chela, also mir. Und nach dem Höhepunkt ist für zwei Drittel der Gäste die Party vorbei. Mit vollen Bäuchen gehen sie nach Hause. Dem sagen sie hier: „Indio comido, puesto al camino“ (so viel wie, Ranzen vollgeschlagen und weg).

Heidys Mutter im orange-rosa Oberteil beim Geburtstagstanz.


Indio comido, puesto al camino.

Am nächsten Tag wäre kurz vor der Abreise ein Bad im Meer angesagt. Grossmutter, Mutter, Kinder ... sieben Leute im Auto, als es plötzlich wieder stinkt und aus der rechten Seite des Rads Rauch aufsteigt. Gestrandet auf halbem Weg zur Abkühlung. Glücklicherweise ist Jorge unterdessen selber zum Experten geworden. Wir schaffen es eine Stunde später zum Strand und dann sogar bis nach Managua.

6 Leute gestrandet, plus mir, 7. Alle passen irgendwie ins Fahrzeug.

Freitag 26. Februar 2010 - Unterdrückung des Bewegungsdrangs

Die Fitness beschränkt sich auf das Überqueren der Strassen.

An einem normalen Arbeitstag lege ich durchschnittlich 300 Meter zu Fuss zurück. 100 Schritte vom Haus über die Strasse zum Bus, (die einzige Anstrengung, wenn ich keinen Sitzplatz haben, aber dazu ein andermal) vom Bus 20 Schritte in die Redaktion und wenn ich den ganzen Tag schreibe, bleibt nicht mehr als der Gang zur Toilette und zur Essensecke und am Abend wieder dieselbe Anzahl Schritte zurück zum Haus. In der Stadt spazieren, geschweige denn Joggen, ist fast unmöglich, weil an jeder Ecke ein Dieb auflauern könnte.  Das ist die Anregung meiner nächsten Reportage. Wie halten sich die Bewohner fit trotz ihren frittierten Nationalspeisen. Nicht enorm erfolgreich, wie die vielen gut beleibten Körper verraten.

Hier ist ein Fitness-Center, in einem Raum hinter der Mauer stehen ein paar Kraftmaschinen.

Und die, die versuchen Sport zu treiben ohne Geld auszugeben, rennen um den Kreisel „Rotonda de la Virgen“ wie ich es bereits am Anfang meines Aufenthalts beobachtet habe (Blog Eintrag vom 14.1.). Die Leute rennen in Symbiose mit den Fahrzeugen um den Kreisel. Die meisten Frauen tragen für die optimale Fettverbrennung ein Plastik-Oberteil. Ich halte die schwitzenden Sportler auf und die meisten geben breitwillig Auskunft über ihren Bewegungsdrang. Die meisten verstehen nicht, wieso sie die Abgase stören sollten. Sie kommen, weil sie Pfunde verlieren wollen, weil der Arzt ihnen dazu geraten hat und besonders, weil sich hier so viele Leute ansammeln. Das ist ihr Schutz vor einem Überfall auf der Strasse und sei es nur wegen ihrem Handy. Auch dass jederzeit ein betrunkener Chauffeur auf das ungeschützte Trottoir rasen könnte, was auch passiert, nehmen sie in Kauf. Es gibt sonst keinen anderen Ort in der Nähe zum Joggen. In den Parks wurden zu viele Leute ermordet oder vergewaltigt.

Die Polizei markiert nicht genug Präsenz (das einzige, was sie tun, ist Bussen verteilen). Über die Sicherheit der Jogger will ich mich persönlich mit der Polizei unterhalten. Trotz Termin um 10 Uhr ist der Chef für öffentliche Sicherheit nicht im Büro. Am Telefon sagt er mir, wir hätten um 14 Uhr und nicht um 10 Uhr abgemacht. Glücklicherweise kann ich das auf 14 Uhr gesetzte Interview mit dem Direktor des Instituts für Herz-und Kreislauf des Gesundheitsministeriums vorverschieben.

Während ich mit ihm spreche, kommen eine Frau und ein Mann mit einer Kamera herein und beginnen das Gespräch zu filmen. Ich wundere mich zwar kurz, dass auch andere Journalisten kommen, aber führe das Interview weiter. Unter anderem antwortet er mir, dass die Abgase nach seinen Kenntnissen keine Schäden für die Gesundheit bringen, im Gegenteil, er lobt alle, die am Kreisel joggen und würde auch seine Patienten dorthin schicken. Ich staune bei dieser Antwort, aber noch mehr, als mir mein Fotograf anschliessend erklärt, dass die Leute vom Gesundheitsministerium das Interview zur Kontrolle aufgenommen haben.

Warten im Polizeidistrikt. Vielleicht taucht Donald ja doch plötzlich auf.

Um 14 Uhr ist mein Polizist Donald López erneut abwesend. Am Telefon vertröstet er mich auf ein Interview mit einem seiner Untergeordneten. Aber dieser weigert sich und die Polizistin am Empfang macht keine Anstalten, uns auf irgendeiner Art weiterzuhelfen.

Mit dem Polizei-Journalisten fahre ich am Nachmittag zur Presseverantwortlichen der Polizei, die sich künstlich aufregt über das Verhalten ihrer Mitarbeiter. Am Telefon mit Donald sagt sie ihm, wie wichtig es sei, dass die Polizei in der Reportage des El Nuevo Diario vorkomme und er verspricht mir einen nächsten Interviewtermin. Montag 9 Uhr.

 

25. Februar 2010 - Im Missen-Rausch

Die Königin des Karneval

Nicaragua ist mindestens so fanatisch auf ihre Missen wie die Schweiz. Jeder Fernsehkanal, und davon hat es alleine in Managua elf verschiedene, berichtet täglich über die bevorstehende Wahl, in jeder Ausgabe der beiden Zeitungen strahlen seit Wochen die Nominierten auf den Seiten der „Variedades“ und meine „kleine Schwester“ Carmen, stürzt sich jeden Abend die neusten Fotos, die sie dann ausführlich dokumentiert. Nächstes Jahr bewirbt auch sie sich, in meinen Augen nicht chancenlos.

Auch in der Mittagspause in der Zeitung sind die Damen Tischgespräch. Besonders wenn sie höchst persönlich die Redaktion zum Fototermin mit dem Direktor beehren. Leider habe ich die Misscn-Invasion zweimal verpasst. Aber dafür steht plötzlich eine andere Schönheit mit dem Krönli in der Hand in der Redaktion.

Die Aufregung um die „Reina del Carnaval“ hält sich in Grenzen.

Kurz vor den bevorstehenden Miss Wahlen ist die „Reina del Carnaval“ erkürt worden. Ihre Wahl hat in Managua in einem Einkaufszentrum stattgefunden, nachdem offenbar ein Umzug durch gewisse Strassen Managuas gezogen ist. Was es genau ausmacht, dass sie von der Miss deklassiert wird, habe ich nicht herausgefunden, auf jeden Fall ist die Aufregung in der Redaktion gering. Aber immerhin hat es auch sie auf die Titelseite geschafft.

Das Rennen der schönsten Nicaraguanerin macht schlussendlich zum ersten Mal eine Schwarze aus der Atlantik-Küste, auch meine Favoritin. Sie sorgt für viel Gesprächsstoff und erhält zugleich den Titel der „Obama Nicaraguas“. Ein wichtiger Schritt für die Dunkelhäutigen an der Karibik-Küste, die afrikanischer Herkunft sind, kreolisch sprechen und sich diskriminiert fühlen von den Mestizen, der spanischen sprechenden Mehrheit des Landes.

Link: Miss Nicaragua

 

20. Februar 2010

In Granada findet das „Internationale Festival der Poesie“ statt. Die Ortschaft am See von Nicaragua ist eine Touristenfalle wegen der Bauten aus der Kolonialzeit, die sich teilweise noch in ziemlich gutem Zustand befinden. Es wimmelt von ungewohnt vielen Ausländern. Gemeinsam mit einem anderen Journalisten verbringen wir den ganzen Tag am Festival. Er schreibt eine Chronik und ich Suche die „Internationalität“ des Festivals.

Dichter aus 56 Ländern sind hier. Keiner aus der Schweiz. Aber dafür interviewe ich sonst verschiedenste Leute aus der ganzen Welt. Haiti, Frankreich, Irak, Guadeloupe, Mazedonien, Japan, Deutschland... Sie rezitieren ihre Gedichte in ihrer Sprache. Danach liest sie jemand auf Spanisch.

Ich habe mir einen Tag in geschlossenen Räumen vorgestellt, aber es kommt ganz anders. Heute ist der Karneval der Poesie. Die Dichter führen den Umzug durch das Städtchen an und sprechen ihre Gedichte von einer Kanzel aus auf einem „Poesie-Mobil“.

Mazedonisch oder arabisch inmitten einer ohnehin fremden Welt – es hat mir tatsächlich Hühnerhaut verursacht.

Dahinter folgt ein bunter, lauter Haufen von Tänzern und Musikern und kleinen Geistern. Sie zelebrieren die nicaraguanische Kultur und dies zieht mehr Besucher an, als die Poesie an sich. Auch die erkennbaren Ausländer, die ich frage sind alle entweder zufällig grad hier in den Ferien und die anderen, die in der Nähe wohnen, sind hauptsächlich wegen des Karnevals nach Granada gekommen. Neben den Interviews bleibt mir Zeit zum Fotografieren. Der Umzug geht durch die ganze Ortschaft und hält immer wieder an, wenn die Dichter auf die Kanzel steigen.

Schüler am Umzug. Der Junge trinkt sein Wasser aus dem klassischen Plastiksack.

Ein Folklore-Tanz. Die Männer sind flankiert von Frauen, ganz im Hintergrund und ganz vorne von einer, die in ihrem Hawai-Outfit ein bisschen aus der Reihe tanzt.

Und zum Tanz das richtige Sound-System: der Junge ist spätestens nach diesem Karneval taub. Die Dezibel überschreiten jegliche Höchst-Zulassungswerte eines Oxas.

Die älteren Semester mit ihren schönen Hüten am Umzug tanzen in ihren Sandalen bis zum Schluss.

Nicaraguanischer Volkstanz.

Eine kleine Monster-Familie am Rande des Karnevals. Die stolze Mutter ist 27 Jahre alt.

„El Güegüense o Macho Ratón“ ist eine Figur einer Tanzkomödie aus der Kolonialzeit

Die Sonne geht unter, der Karneval ist vorbei. Im Hintergrund die Kathedrale von Granada aus dem Jahr 1880.

Nach 18 Uhr erreicht der Umzug endlich sein Ziel am See. Für einen Tag der Poesie mit chicen Schuhen, schmerzen mir die Füsse. José, Molina (der andere Journalist und der Fotograf) und ich humpeln zurück zum Auto, welches unser Fahrer den ganzen Tag bewacht hat ohne etwas vom Jubeltrubel mitzubekommen.

Die Reportage über die „Internationalität“ des Festivals

 

13./ 14. Februar 2010

Ein Wochenende im Zeichen der Liebe und der Arbeit.

„Eine schöne Rose“ zum Valentinstag an der Kreuzung der Carretera Norte      Foto: Oscar Sánchez

Ich bin jetzt so fest in der Redaktion integriert, dass auch ich meinen „turno“ am Wochenende habe. Pünktlich zum Valentinstag am Sonntag soll ich eine bunte Geschichte über die Gepflogenheiten der Managuaerinnen und Managuaer am Tag der Liebe schreiben. Der amerikanische Einfluss färbt ab, dieser Tag ist hier enorm wichtig. Besonders die jungen Männer stehen unter Druck, dass sie ihren Lieben einen speziellen Tag bescheren - trotz Geldmangel. Besonders gravierend dieses Jahr ist, dass der „Tag der Liebe und Freundschaft“ auf einen Sonntag fällt, einen Tag vor dem Zahltag. Am Ende der 15 Tage sind bei den meisten Leuten die Taschen komplett leer.

Anstatt in die Multi-Center zu gehen, wie vom Chefredaktor vorgeschlagen, interviewe ich zuerst die Verkäuferinnen an den Lichtsignalen. Wasser, Orangen, Mangos, Autoputzspezialwaschlappen, Schuhwichse - an den grösseren Kreuzungen der Stadt zwängen sich Frauen, Männer, Kinder und Rollstuhlfahrer mit allem möglichen auf ihren Köpfen und in den Händen durch die stehenden Autos und lehnen sich in die heruntergekurbelten Fenster.

Carla Telléz verkauft Rosen anstatt Fensterputzmittel in der Hoffnung aufs grosse Geschäft  Foto: Oscar Sánchez

Und wenn das Licht auf grün ändert retten sie sich auf die Grasinsel oder bleiben reglos in der Mitte stehen, während die Autos beidseits an ihnen vorbeibrausen. Der Fotograf und ich gesellen uns zu ihnen in den Mittelstreifen. Die meisten haben ihre übliche Ware mit Rosen ausgetauscht. Ich interviewe Carla Telléz, 26, Mutter von zwei Kindern. Sie strahlt. Ich auch. Es ist eine aussergewöhnliche Begegnung für uns beide. Was für ein Privileg als Journalistin unterwegs zu sein. Sie unterbricht ihre Arbeit und gibt ausgiebig Auskunft über ihr Leben. Seit 5 Jahren verkauft sie an diesem Lichtsignal Fensterputzmittel. Seit drei Jahren Rosen am Valentinstag, weil sie da normalerweise das Dreifache an einem Tag verdient. Rund 30 Franken. Aber bis jetzt hat sie noch keine einzige verkauft. Trotzdem lacht sie voller Optimismus. Ihre beiden Kinder gehen zur Schule, auf keinen Fall will sie, dass auch sie hier an der Kreuzung arbeiten.

Zwei Stunden später und weiteren Interviews mit Blumenverkäufern, Konsumenten und Liebespaaren fahren wir an ihre Kreuzung. Gerne hätte ich sie gefragt, wie viele Rosen sie unterdessen verkauft hat, aber leider wechselt die Ampel grün. Beim Vorbeifahren bemerkt sie uns und strahlt uns an und es bleibt nur Zeit, um zu winken.

Heute schon eine Rose gekauft? Foto: Oscar Sánchez

Beitrag Valentinstag. Publiziert am Sonntag und auf der Titelseite mit Foto angekündigt.

Am Sonntag bin ich weiter auf Liebeskurs. Eine Massenhochzeit in Ciudad Sandino, ein berüchtigtes Vorort Managuas, in das man besser vor Sonnenuntergang wieder weg ist. Am Tag ist alles friedlich. 64 Paare sagen sich im 4-minuten-Takt „Ja“. Die Hauptmotivation dieser unemotionalen Variante zu heiraten ist, dass es gratis ist, wie mir alle Paare anvertraut haben, mit denen ich gesprochen habe. Eine evangelische Organisation stellt sämtliche Standesbeamte zur Verfügung. Ihre Motivation: die Pflege der traditionellen Familie. Und jeden Donnerstagabend bieten sie Gratis-Kurse an, über Erziehung und Hausfrieden,

Beitrag Massenhochzeit

Einen Artikel mehr für Montag, aber am Sonntagabend bin ich nudelfertig und dazu eine Sehnenscheidenentzündung. Am Montag darf ich ruhen.

Die Enttäuschung: beide Artikel werden mit falschen Fotos publiziert. Carla Telléz ist eine andere Person und auch die beiden heiratenden Personen sind nicht jene, die es sein sollten. Ein Zufall mehrerer Fehler der Editoren. Sie entschuldigen sich, aber dies nützt meinen richtigen „Protagonisten“ leider nichts.

 

11. Februar 2010

Ein Kultur-Abend im Teatro Rubén Darío. Das Nationaltheater trägt den Namen des Schriftstellers und Diplomaten Rubén Darío († 1916). Er ist der Nationalheld der Nicaraguaner und das Theater in Managua ist ihr Stolz. Es ist das sinnbildliche Erbe des antiken Managua, es überlebte das Erdbeben 1972.

Managua von einer ungewohnt mondänen Seite. Der Eingang des Theaters Rubén Darío.

Ein alter Redaktionsfuchs hat mir seine persönliche Einladung der Spanischen Botschaft an die „Noche de Zarzuela“  weiterverschenkt, weil er verhindert ist. Und er rät mir, pünktlich zu sein. Um halb acht schliessen die Türen. Als sich „meine kleine Schwester“ Carmen und ich kurz vor halb auf unsere Plätze begleiten lassen, ist der Saal halb leer. Langsam tröpfeln mehr und mehr Zuschauern herein, chic gekleidet. Um acht ist das Theater fast voll. Plötzlich stehen alle auf. „Die Nationalhymne“, erklärt mir Carmen. Schweinwerfer beleuchten die Flagge auf der Bühne.

Die Nationalhymne vor dem Konzert.

Dann geht es los. Einerseits mit der Musik: Dirigent, Orchester und aus Spanien eingeflogener Sänger. Und gleichzeitig der Chor der Handys. Drei Reihen vor uns klingelt ein Telefon, nur wenige Minuten später  in derselben Reihe ein Handy mit Klapperschlangen-Klingelton, das nächste mit dem letzen Salsa-Hit. Die Leute nehmen ab und springen raus. Kommen wieder rein und die nächsten wieder raus. Andere erklären grad im Saal, dass sie an einem Konzert sind oder unterhalten sich mit dem Sitznachbar. Eine Frau vor mir wendet mit jedem Geräusch den Kopf und würde mit ihrem Blick töten, wenn sie könnte. Ich amüsiere mich. Das ist das Problem, die Leute hier haben keine Kultur, erklärt der Fuchs, als ich ihm das Spektakel schildere.

Das Theater ist auch ein Museum. Und darin posiert die schöne Carmen.

 

9. Februar 2010

Morgens um sechs holt mich Ramón, ein Fahrer der Zeitung, zuhause ab. Zusammen mit der Fotografin Heydi fahren wir nach Chinandega an eine Aktion der „Operación Sonrisa“ (Aktion/ Operation Lächeln, im doppelten Sinne).  Ärzte aus verschiedenen Ländern operieren gratis Kinder mit Hasenscharten. Aus den abgelegensten Dörfern Nicaraguas kommen hauptsächlich Mütter mit ihren Kindern. Die Klinik gleicht einer Bungalowanlage, nur sind in den Zimmern Operationssäle und Krankenbetten. Auf dem improvisierten Freiluft-Wartesaal warten unter den Bäumen auf Plastikstühlen dutzende Frauen mit ihren Kindern auf dem Schoss.

Für die Reportage suche ich mir eine Frau aus, die vier Tage gereist ist, um ihr Kind operieren zu lassen. Becker hat keine Oberlippe. Sein Mund ist bis zur Nase offen. Ohne Schutz zeigen sich die kleinen Zähnchen. Es ist das zweite Kind von Mariana. Sie ist 21-jährig und ihr fehlen die fünf vorderen Zähne. Die hatten Löcher und wurden ihr deshalb herausgerissen, erklärt sie schüchtern, aber als ob es das normalste der Welt wäre. Durch diese enorme Zahnlücke spricht die junge Frau wie ein Kind. Die Fotografin nimmt ihren Kiefer in die Hand, inspiziert ihren offenen Mund und meint, die Zähne seien sicher kaputt gegangen, weil es da, wo sie lebt, in den Bergen, so kalt sei (um 20 Grad) und sie viel heissen Kaffee trinken würden. Mariana ist aus dem hintersten Winkel in Nähe der Grenze zu Honduras. Dort arbeiten sie und ihr Mann auf einem Maisfeld. Um den Bus in der nächsten Ortschaft zu nehmen, ist sie mit ihrem Kind im Arm zwei Stunden gelaufen.

Der Zweck der Reportage ist es, ein Kind zu begleiten. Das heisst auch in den Operationssaal. Nach einigem Hin und Her erhalten Heydi und ich die grünen OP-Kleider und stehen kurz darauf im OP. Das erste Mal in meinem Leben. Wenn eine Operation im Fernseher läuft, schalte ich immer sofort um. Der Oberarzt scherzt, dass sie ein Kissen bereitlegen sollen. Ein Journalist, der das letzte Mal dabei war, sei in Ohnmacht gefallen. Um mit ihm zu sprechen, bleibt mir nichts anderes übrig, als neben ihn zu stehen und das Mikrofon vor seine Nase zu halten, während er operiert. Es sieht aus wie eine klaffende Wunde, Hautfetzen und viel Blut unterhalb einer Nase in einem toten Gesicht. Ein Auge unter den Plastikkleber ist halb offen.

Der Arzt sagt nur, die Nerven und drückt es wieder zu. Die Oberlippe ist aufgeschnitten bis zum Gaumen. Da flicken sie ein Loch, durch das bis jetzt immer essen und Wasser direkt in die Nase geflossen ist. Im OP-Saal läuft Musik, 80ies-Pop. Dass es ihnen nicht langweilig werde, lachen sie. Ich zwinge mich immer wieder hinzuschauen und frage mich, wie sie jemals diese einzelnen Hautfezen wieder zu einem Mund zusammen nähen werden. Aber sie schaffen es. Kurze Zeit später lebt der Mensch wieder, mit Nase und Mund. Und ich habe es ebenfalls überlebt, sogar ganz ohne flaues Gefühl im Magen.

Zu Mittag essen wir bei Heydis Mutter, die in der Nähe des Spitals wohnt. Die ganze Verwandtschaft schaut vorbei, während wir unser Reis mit Poulet essen.

Heydis Cousinen mit ihren Chocoyos. Die Vögel sind beliebte Haustiere und reisen oft mit ihren Besitzern im Bus mit. Ganz ohne angebunden zu sein.

Die Verwandtschaft verabschiedet uns nach unserem Blitzbesuch.

Aus dem Tag wird eine ganzseitige Reportage publiziert.

 

 

Samstag, 6. Februar 2010

Es ist unglaublich heiss. Jetzt verstehe ich, wieso sich die Leute vor zwei Wochen über die Kälte beklagten. Der Ventilator, der bis jetzt ungebraucht im Zimmer stand, wirbelt zwar den Staub im Zimmer durcheinander, aber er fühlt sich an wie ein Heissluftgebläse. Die Leute auf der Strasse schützen sich mit allem möglichen gegen die Sonne oder ganz klassisch mit dem Parasol (Sonnenschirm aber eigentlich Regenschirm). Und es soll jetzt jeden Monat, den ich hier bin, noch heisser werden. Ich sehne mich nach der abgekühlten Redaktion.

Gefühlte 40 °C im Schatten.

4. Februar 2010

Chefredaktor Roberto Collado schickt mich immer mehr an Pressekonferenzen, worüber ich auf den nächsten Tag eine Nachricht schreibe. Das sind harte Tage. Wenn ich Pech habe, komme ich an die Pressekonferenz, wenn sie schon angefangen hat. Noch schlimmer, wenn er mir vorher nicht sagen kann, worum es genau geht. So passiert heute: Termin ist um 16 Uhr in der Sinapred. Das Selbe Ministerium hat auch die „Evakuierung der Insel Ometepe“ organisiert, worüber ich meine erste Reportage geschrieben habe. Als ich mit dem Fotografen am Hauptsitz ankomme, verweisen sie uns weiter zu einem Hotel, wo die Veranstaltung stattfindet, das mein Fotograf kennt. Der Fahrer ist schon weg. Als er uns abholt, fährt er uns zum 200 Meter entfernten Hotel. Zu Fuss dorthin gehen war für den Fotografen keine Option.

Leider ist es die Veranstaltung aber auch nicht hier, sondern in einem anderen, im Hotel Intercontinental, viel weiter weg. Als wir ankommen ist die PK fast fertig. Es ist ein Kongress mit der EU. Es geht darum, in welchen Regionen sie Hilfsgelder für den Katastrophenschutz einsetzen will. Der internationale Kongress mit 110 internationalen Gästen verschiedener Organisationen geht nach der PK gleich weiter. Widerwillig organisiert mir die Presse-Organisatorin einige Stimmen aus dem Raum. Glücklicherweise ist auch ein Deutscher dabei, der mir breitwillig zusammenfasst, was geschehen ist. Presseinformationen gibt es auch hier nicht. Der Artikel wird knapp auf Redaktionsschluss fertig. Ein 15 Stunden-Tag, und das war nicht der Einzige.

Zusammengestürzt und nie mehr aufgebaut:

Dadurch, dass ich von einem zum nächsten Ort fahre, lerne ich die Stadt immer besser kennen. Wenn Zeit bleibt, dann zeigen mir Fahrer und Fotografen gerne einige Sehenswürdigkeiten. So wie ein kleines Freiluft-Museum auf der Strasse vor dem Gebäude der Nationalversammlung. Früher war darin eine Bank. Hier war vor dem Erdbeben die Hauptstrasse. Beide Strassenseiten säumten mehrstöckige Häuser und Werbetafeln. Die historische Ausstellung zeigt u.a. Bilder von „Vorher“ und „Nachher“.  

Im Hintergrund einige der letzten stehenden hohen Gebäude. Das einstige Bankenviertel an der Hauptstrasse.

Oben links: das frühere Bürgermeisteramt. Unten links: eine belebte Strasse, die zur Kathedrale führt. Jeweils rechts, wie es heute aussieht. Sich selbst überlassene Flecken Erde, die voller Abfall sind und von Obdachlosen bewohnt werden.

Historischer Tag auf dem Platz der Kathedrale am 20. Juli 1979: Die Sandinisten werden nach dem Sturz des Diktators Somoza jubelnd empfangen.

Besuch am historischen Ort am 4. Februar 2010: Der Fotograf Melvin plaziert mich vor die Kathedrale, die vom Einsturz gefährdet ist seit dem Erdbeben. Hier, wo früher das historische Zentrum war, passiert heute gar nichts mehr. Ausser, dass Strassenkinder vereinzelten Besuchern auflauern, um ein Caramelo (Zältli) oder einen Córdoba (5 Rappen) zu erbetteln.

2. Februar 2010

In der Redaktion habe ich momentan keinen eigenen Computer. Deshalb schreibe ich auf meinem Mac. Bis jetzt habe ich den Compi einer Kollegin (Francis) benutzt, die in den Ferien war. Die halbe Redaktion heisst Fran... in irgendeiner Form: Don Francisco, der Chef -  Francisco, der Sportredaktor – Francis, die Webredaktorin – Franziska, la Suiza. Alle fühlen sich angesprochen. Einige nennen mich deshalb „Panchita“ (eine andere spanische Variante), damit es weniger Konfusionen gibt. Zurück zum Compi. Seit dem Anfang versprach der Chefredaktor, dass ich bald meinen eigenen haben werde... Da kann ich grau werden, befürchten meine Kollegen. Ein Editor schreibt auf einem mit blau eingefärbtem Bildschirm, und er wartet seit Monaten auf das versprochene Ersatzstück. Und grad letzte Woche hat ein PC mit einem lauten Zischen und Gurgeln den Geist aufgegeben, während eine Redaktorin am Schreiben war. Rauch ist aus der Kiste gestiegen.

Die Technik hat mir auch sonst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Da ich offenbar die einzige bin, die Englisch kann, habe ich die ehrenvolle Aufgabe erhalten, ein Interview mit Richard Clayerdmann zu führen. Dies telefonisch, bevor er am Samstag sein Konzert in Managua gibt. Das hat mich besonders belustigt, weil ich in jungen Jahren meiner Klavier-Zeit seinen Hit „Ballade pour Adeline“ vorwärts und rückwärts gespielt habe. Ich bin dabei etwa da stehen geblieben, wie er. Noch heute zerrt er von diesem Erfolg anno 1979. Der Blondschopf veröffentlicht auch nur Fotos aus der damaligen Zeit.

Das Interview war ein Desaster. Ich habe am Telefon fast kein Wort verstanden, weil die Verbindung nach Europa sich so anhört, als ob das Gespräch zuerst dreimal die Erde umkreisen müsste und der Herr Clayderman konnte sich kaum auf Englisch ausdrücken. Aus Zeitdruck seinerseits und akustischen Schwierigkeiten habe ich gar nicht erst auf Französisch gewechselt und voll auf das angesteckte Aufnahmegerät gehofft. Meine Kollegin der „Unterhaltung“ hat dieses aber leider in den falschen Ausgang gesteckt. Mit Ach und Krach und x-fachem Nachhören habe ich das Interview irgendwie aufs Blatt gebracht. Und die Redaktion hat das Endprodukt sogar gelobt.

Interview mit Richard Clayderman

 

Sonntag, 31.1.2010

Mein erster Besuch am nicaraguanischen Pazifik bei Tageslicht.

Um sechs Uhr morgens spazieren wir am menschenleeren Strand. Traumhaft. Es sei niemand hier wegen der Jahreszeit. Stimmt, schliesslich ist es ja Winter. An Ostern sei der Strand überfüllt. Ich frage mich, wo all diese Leute dann schlafen. Hotels oder ähnliches habe ich hier, am scheinbaren Ende der Welt, keine gesehen. Ausser ein bisschen weiter vorne gab es ein Schild zu einem Surfcamp. Die Wellen sind wahrlich ausgezeichnet hier.

 

Tausend Fotos fürs Facebook: Amarelis und Carmen posieren am Strand...


... und im Wasser.

Auf dem Rundgang durch den Ort sehen wir auch die Schattenseite der Strandidylle. Die Lagune in der Ortschaft, die so malerisch aussieht, steht in Tat und Wahrheit vor Dreck. Der Abfall der Bewohner, und weiss Gott was sonst noch alles, landet hier. Es stinkt fürchterlich.

Die malerische Lagune direkt vor der Bar des Örtchens Giquilillo, in derer Kloake sich nur die Schweine wälzen. (Ich hab’s gesehen)

Hier landet alles Überflüssige: es fehlt nicht nur an Möglichkeiten, sondern auch am Wille, den Abfall zu entsorgen.

Ein Tag am Meer. Oder besser gesagt ein halber Tag. Um 13 Uhr fährt bereits wieder der Bus. Die Haltestelle befindet sich vis à vis der Kloake.

Samstag, 30.1.2010

Wochenende. Xiomara organisiert einen Ausflug mit der Familie und Freunden an den Pazifik. Verwandte ihres Kollegen Juan Carlos haben ein Strandhaus in der Nähe von Chinandega, im Norden Nicaraguas. Um sechs Uhr stehen wir auf nach einer kurzen Nacht. Am Abend zuvor waren wir auf einem Abschiedsfest eines Journalisten der Redaktion.

Warten im klimatisierten Tankstellen-Bistro. Im Hintergrund die Schlange für den Geldautomaten. Es ist Zahltag.

Nach zweieinhalb Stunden Busfahrt warten wir in einer Tankstelle in Chinandega auf ihren Juan Carlos. Er organisiert unser Mittagessen und braucht noch Zeit. Und noch mehr Zeit... Wie gestrandet sitzen wir im „On the Run“. Übermüdet. Offenbar ist es ein Treffpunkt der Gringos (Amis) zum Kaffeetrinken. Zum ersten Mal höre so viel Englisch, wie noch nie seitdem ich hier bin. Draussen hält ein Strassenjunge die Türe auf für Ankömmlinge. Ein Mann schlägt auf ihn ein, wie auf einen streunenden Hund und versucht ihn zu verjagen. Aber der Junge bleibt. Nach zweieinhalb Stunden hastet Juan auf uns zu. Von da fahren wir mit dem Taxi zum Markt für noch mehr Proviant, während auf der Fahrt die hintere Autotüre aufgeht und fast unser ganzes Gepäck herausfällt.

Die Marktfrau mit dem typischen Hut aus der Region Chinandega.


Warten auf den Bus zum Strand. Die Bushaltestelle der Transporte nach Giquilillo.


Ein Zeitungsverkäufer mit dem „El Nuevo Diario“ in seiner rechten Hand.

Eineinhalb Stunden später sitzen wir im Bus. Bis er abfährt drängen sich Verkäufer mit jeglichen Waren durch den Gang, der mit Menschen verstopft ist, die keinen Sitzplatz mehr haben. Orangen, Zahnbürsten, Batterien, in Teller angerichtete Spezialitäten, Guetzli. Es ist gegen 40 Grad heiss. An jeder Haltestelle drängen sich neue Verkäufer in den Bus. Die Fahrt dauert. Um 17 Uhr kommen wir in Giquilillo an, der Endstation. Nach einer Tagesreise für eine Strecke von ca.100 Kilometer.

Trotz Gedränge und ruckartigem Fahrstil schafft es der Kuchen bis zum Ziel.


Bekanntschaft im Bus.

Die Hütten sind auf Sand gebaut. Davor sitzen ganze Sippen. Unser „Strandhaus“ ist ein bisschen solider gebaut. Es besteht hauptsächlich aus einem offenen Raum, der mit einem Dach bedeckt ist. Auf je einer Seite hat es einen geschlossenen kleinen Raum. Wir öffnen einen davon vorsichtig. Und wir stören: aus dem dunklen Raum schwirren Fledermäuse. Gegen hundert schwirren aus allen Löchern, die wir öffnen. Auch aus dem Plumpsklo...die kleine Schwester überrascht eine Fledermaus, die sich im Klo eingenistet hat. Seit den letzten Osterferien war niemand mehr hier. Das Haus hat zwar Strom, aber Wasser und keine Betten. Nur eine Hängematte. Die Kommunikation der beiden Organisatoren hat ein bisschen gehapert. Nach einem Bad bei Vollmond im Pazifik sind wir entspannter und legen uns auf die auf dem Steinboden ausgebreiteten Leintücher. Die Nacht ist hart.

Unser Strandhaus.



Frühstück auf dem einzigen Tischlein.

 

29.1.2010

5 Uhr Tagwach. Um 5:45 sind wir die einzigen Pünktlichen. Der See lockt zum Morgenschwumm. Wir vertrösten uns auf den Nachmittag vor der Abreise. Dann geht es los. Wieder auf dem Pick-up zu den ersten Leuten, die aus ihren Häusern gejagt werden.

Die beiden Fotografen: links, Oscar der „Prensa“, rechts, „mein“ Fotograf, Frank Cortez.

Der Tag wird eine Verfrachtung vom einen zum nächsten Ort. Nicht nur die „Evakuierten“. Die Bewohner machen freiwillig mit. Rund 2500 nehmen teil von insgesamt rund 20'000, die auf dieser Seite der Insel leben mit dem bedrohlichen Vulkan. Wir durchleben alle Szenarien: Zuerst Leute aus den Häusern holen, dann schön zivilisiert in einer Reihe versammeln und auf die Transporter warten. Die Leute machen geduldig mit. Sie freuen sich das etwas geht. Einzelne nehmen ihre Pferde und Hunde mit einem Strick um den Hals mit. Wenn ich die älteren Leute frage, ob sie Angst haben vom Vulkan, weil einige bereits einen Ausbruch erlebt haben, dann sagen die meisten... Nein. Gott werde ihnen schon helfen oder wenn nicht Gott dann lobpreisen sie die Regierung Ortega, die sie retten würde. Die Kolonne der Fahrzeuge wird immer grösser. Alles was vier Räder hat wird mit Menschen vollgestopft. Busse, Lastwagen, Pick-Ups und Viehtransporter.

Ein Flüchtlingstransport wie richtig, hätten die Leute kein Lachen auf dem Gesicht.

Auf der staubigen Strasse gibt es zwischendurch immer wieder improvisierte Unfälle, damit die Brigadisten, die Jungen des Zivilschutzes, erste Hilfe leisten können. Die Fotografen und Kameramänner rennen jedem einzelnen „Unfallopfer“ hinterher. Alle mögliche Unglücke haben sich die Organisatoren ausgedacht: von Steinen getroffene Menschen (durch den Vulkan), von eingestürzten Häusern Verschüttete und Halbtote durch zusammen gestossene Fahrzeuge. Einzelne junge Brigadisten sagen mir, dass sie noch keinen 1. Hilfe-Kurs gehabt haben, aber immerhin daran interessiert seien.

Mit der Aktion haben sie auf der ganzen Insel die Fluchtwege beschildert.

Währenddessen wird die Kolonne auf der staubigen Strasse immer wieder aufgehalten und die Hitze wird immer unerträglicher. Die Leute bleiben geduldig eingepfercht auf ihren Plätzen. Ohne Wasser oder Sonnenschutz. Wir quetschen uns alle in einen Minibus. Ein Radioreporter sendet während der Fahrt live das Neuste der Übung. Ich merke es nur, weil es ein komisches Echo gibt aus dem Radio und die Journalisten kurz still sind. Offenbar ist es normal.

Die Übung geht weiter. Noch Stunden. Ein Teil davon ist die „Evakuation der Insel“. Die Bewohner werden auf die Fähren verfrachtet. Darauf sind bereits einige Touristen aus Kanada, die das Geschehen leicht verwirrt mitverfolgen. Sie haben nichts von der Übung gewusst, sagt mir eine ältere Dame. Und eine Jüngere flippt fast aus, weil sie anscheinend bereits zwei Stunden darauf warten, dass das Schiff ablegt.

Ein „Flüchtlings-Transport“ vor dem rauchenden „Concepción“.

Von weitem sehen die vollen Schiffe immer dramatischer aus. Wie ein Exodus. Aber weil es nur eine Übung ist. Steigen alle wieder aus und strömen zur letzten Station. Dem „Flüchtlingslager“. Für die Eventualität, dass nur eine Seite vom Vulkanausbruch betroffen wäre. Das Camp befindet sich auf einem Gelände mit einem wunderbaren Blick auf den Vulkan. Inzwischen ist es zwei Uhr am Nachmittag. Die Hitze ist unerträglich. An der prallen Sonne stehen die Freiwilligen in langen Schlangen für Essen und Getränke. Ich bewundere ihre Geduld.

Um 15 Uhr drücken auch wir unser Mittagessen herunter weil um 15:30 Uhr die Fähre zum Festland losfährt. Für einen Schwumm und Erholung blieb keine Minute.

Dafür komme ich anschliessend richtig zum schreiben. Am Samstag wird eine ganze Seite über den Ausflug publiziert.

Einen Teil der Journalisten, die mitgereist sind.

Link: Reportage über Evakuierung der Insel Ometepes

28.1.2010

Ich habe Glück. Auf der Insel Ometepe organisiert die Regierung eine Notfall-Übung. Die Evakuation der gesamten Insel im Falle eines Vulkanausbruchs. Finanziell unterstützt wird die Übung unter anderem von der Schweiz (DEZA). Die Insel ist durch Vulkane entstanden. Einer der beiden ist immer noch aktiv, der Vulkan Concepción. Der letzte Ausbruch war in den 50er Jahren. Aber in den letzten Wochen hat er an Aktivität zugenommen.

Der Chefredaktor schickt mich für eine Reportage hin mit einem Fotografen. Einige der Redaktion waren noch nie auf der Insel, die als „Die“ Touristenattraktion gilt. Einerseits habe ich den Ausländerbonus, andererseits wollen sie auch nicht so richtig weg für eine Nacht. Mit Müh und Not kann ein Fotograf überhaupt so spontan mitkommen. Und erst noch der, den ich kaum verstehe. Als ob die Nicas nicht schon genug unverständlich sprechen würden. Sie sagen das „S“ nicht, sprechen unglaublich schnell und haben für jedes spanische Wort irgendein Synonym. Und Frank Cortez brummt zudem noch undefinierbare Worte in seinen grauen Bart.

Zwei Stunden Fahrt auf der Ladefläche des Pick-Ups.

Beim Regierungsgebäude sind wir die ersten. Wir warten drinnen, während sich draussen die ankommenden Journalisten in den bereitstehenden Minibus stehlen. Irgendwann ist er voll. Nur wir stehen draussen, zusammen mit dem selben Journalisten und demselben Fotografen der Konkurrenz, die schon beim letzten Ausflug zu den Englisch-Schülern mitkamen. Spitze Organisation. Mein Fotograf möchte das ganze Sausen lassen. Aber nach einiger Überzeugungsarbeit schaffen wir es auf die nächste improvisierte Ladung. Ein Pick-Up der Organisation holt uns ab. Platz hat es nur noch auf der Ladefläche. Zwei Stunden lang rasen wir durch die Landschaft, damit wir die Fähre nicht verpassen. Und wir schaffen es auf die Minute.

Vulkan am Horizont: Die Schönheit des „Concepción“ entschädigt die Holper-Fahrt.

Es ist schon dunkel als wir in San Juan del Sur ankommen nach einer 6-stündigen Reise. In unserer Unterkunft dauert es erneut gut eine Stunde, bis alle ihre Zimmerschlüssel erhalten. Eine wunderschöne Anlage mit kleinen Bungalows am Strand. Es gibt nur Dreier-Zimmer. Ich teile meines mit zwei anderen Journalistinnen von Radio und TV. Keine Minute geben sie uns zum Verschnaufen: sofort versammeln im auf gegen Null Grad abgekühlten Raum zur Information der morgigen Übung. Anwesend sind zig Militärs, Polizisten und Organisatoren. Der General brüllt die Details der anstehenden Mission den versammelten Journalisten entgegen. Ich kann mich kaum konzentrieren, aber Wilder, der Journalist der „Prensa“, sagt nur, dass die Militärs immer so sprechen. Um 21 Uhr eröffnen sie uns dann, dass die Übung im Übrigen nicht wie angekündigt um neun Uhr stattfindet, sondern bereits um 6 Uhr morgens.

 

24.1.2010

Kuchen: Der Klassiker

Coca Cola und Kuchen. Liot, eine Politikjournalistin, hat Geburtstag. Ihre Kollegen schenken ihr zwei Geburtstagskuchen. Sie bestehen aus Biskuitteig und einer dicken Schicht flüssigem Merengue. Es muss entweder der Beste sein oder es gibt keinen anderen. Abgesehen von der Verziehrung, habe ich hier bis jetzt immer den selben Kuchen gegegessen. Einfach, aber fein und besonders süss. Dazu gibt es Cola und ein anderes rosarotes Getränk, das nach Kaugummi schmeckt.

Redaktion: Einblick in die Sektore, National, Wirtschaft und Politik.

23.1.2010

Der Chefredaktor schickt mich mit einem Fotografen zu einem Sommercamp für Jugendliche. Eine Woche Englisch-Intensiv für Nicaraguaner aus öffentlichen Schulen. Die meisten stammen aus armen Familien. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind in eine Privatschule, weil die öffentlichen einen schlechten Ruf haben – schlechte Lehrer, zu viele Kinder pro Klasse, hohe Kriminalität.

Der Fahrer bringt uns zur amerikanische Botschaft, welche das Camp organisiert hat. Hier steigen wir in eine Auto der Amerikaner, zusammen mit einem Journalist und dem Fotografen der Konkurrenz „La Prensa“. Wir fahren auf das Land, in der nähe von Granada. Das erste mal, dass ich die Stadt verlasse. Satte, grüne Landschaften. Leider kann ich diese kaum geniessen, weil ich mich konzentrieren muss. Eine Organisatorin erzählt uns auf dem ganzen Weg die Details des Camps. Ein Informationsblatt oder Pressebericht gibt es nicht.

Das Camp befindet sich auf einem Hügel in einer geistlichen Ruhestätte von Nonnen. Aus verschiedenen Räumen dringen Stimmen. In einem Saal spielt eine Gruppe “Suche eine Persönlichkeit“. In ihrer Pause mache ich ein paar Interviews mit den Kindern. Es wird mein erster Artikel, der am nächsten Tag in der Zeitung erscheint.

Artikel ueber Englisch-Intensiv-Woche

20.1.2010

Draussen ist es über 35 Grad heiss und drinnen mindestens 20 Grad kälter. Zum Glück hat mich Anita, meine Vorgängerin schon davor gewarnt, dass in der Redaktion des „El Nuevo Diario“ die Klimaanlage zelebriert wird. Trotz Jeans und Pulli hol ich mir am ersten Tag bei der Arbeit eine üble Erkältung. Die Redaktoren lachen sich kaputt, ich sollte mich an die Kälte gewöhnt sein als Schweizerin. Sie ignorieren die beiden ratternden Klimaanlagen an der Decke, die ihre kalte Luft in das Grossraumbüro hauchen.

Der Eingang des „El Nuevo Diario“

Das Ambiente unter den Redaktoren ist dafür umso wärmer. Jeden Tag nimmt mich jemand mit auf Tour, damit ich die Leute kennen lerne –  die Journalisten, die Fotografen und die Fahrer. Es hat ein dutzend Fahrer, die einen an Veranstaltungen fahren und sogar warten. Und das kann manchmal dauern. Einer meiner ersten Besuche ist mit Carlos beim Militär. Ein Telefoninterview mit dem Oberbefehlshaber auf Haiti ist auf 14 Uhr angesagt. Wir sind spät dran. Eine Journalistin der Konkurrenz „La Prensa“ wartet schon. Und so geht es weiter. Langsam trudeln immer mehr Journis. Alle kennen sich, nur ich bin der Exot. Nach einer kurzen Angewöhnungszeit fragen sie mich aus über den Journalismus in der Schweiz und wie viel ein Journalist da verdient. Eine unangenehme Frage. Ich untertreibe, wobei ihnen trotzdem der Kiefer runter fällt. Mit den Kosten einer Tasse Kaffee oder der Wohnungsmiete versuche ich zu relativieren, aber es kommt nicht richtig an. Ein Journalist verdient hier einen Hungerlohn. Durschnittlich 300 Dolar pro Monat. Ein Radiojournalist wird oft nur durch die Werbungen bezahlt, die er selber finden muss.

Nach eineinhalb Stunden öffnet der Pressechef seine Türe und alle rennen los. Den besten Platz schnappt sich mein Kollege. Er interviewt den Mann in Haiti, während dem sich alle um das Telefon drängen und ihre Aufnahmegeräte hinhalten. Die Kameraleute filmen das Telefon ab. Die Verbindung ist schlecht und immer wieder klingeln Handys der Journis. Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei. Dann stehen wieder alle Schlange, um die aktuellsten Fotos auf ihre Memory-Sticks zu laden.

Journalisten drängen sich um eine Sandinistin in der „Asamblea Nacional“.

Ähnlich geht es zu und her in der Nationalversammlung, der „Asamblea Nacional“. Die Journalisten dürfen sich in einem Ring um die Abgeordneten bewegen. Je nach Partei sitzen sie links oder rechts. Und ebenso geben die Politiker ihre Interviews. Wenn ein Sandinist zu den Journis gerufen wird, steht er an den linken Ringrand, während dem sich alle Reporter in den kleinen Platz zwängen, um ihre Aufnahmegeräte hinzuhalten - auch die Printjournalisten. Als nächstes sagt einer der Opposition etwas, dann rennt die gesamte Meute auf die rechte Seite.

Der rechte Flügel der Nationalversammlung, im Hintergrund die Journalisten im Ring.

 

17.1.2010

Mein Radius um das Haus wird immer grösser. Zu fuss ist dies die Strasse hoch und runter bis zum nächsten Laden. Weiter geht es per Bus oder Taxi. Und meistens begleitet mich Doña Cándida. In dieser chaotischen Stadt kommt kein Mensch zurecht, der nicht hier aufgewachsen ist. Da die Strassen keine Namen haben, gibt es auch keinen Stadtplan. Ich komme zum Schluss: Managua ist gar keine Stadt, sondern eine Aneinanderreihung von Vororten. Lange habe ich gebraucht, um einzusehen, dass es kein Zentrum gibt. Keine Strassencafés, keine Einkaufsmeile, keine Altstadt.

Der Grund: 1972 hat ein Erdbeben die Stadt fast vollständig zerstört. Die Bilder aus Haiti erinnern die Nicaraguaner an ihre Geschichte. Präsident Daniel Ortega hat deshalb Rettungskräfte, Geld und Nahrung nach Haiti geschickt. Das zweitärmste Land des amerikanischen Kontinents unterstützt das ärmste. Eine untypische Geste, wie meine Gast-Familie beim Nachrichtenschauen anerkennend zugibt. Das Erdbeben auf Haiti beschäftigt alle Medien. Sie fragen sich: „Wie sicher ist Managua heute?“ Die Angst vor dem nächsten Erdbeben ist geweckt.

Beim Wiederaufbau ist Managua in alle Richtungen aus dem Boden geschossen. Zwischen vom Staat gebauten Strassen und Vierteln, so genannten „Colonias“, haben Zugewanderte oder sonst arme Leute jedes Fleckchen freie Erde besetzt. Es entstanden die „Barrios“, die sich sonst meist an den Rändern der Grossstädte befinden. Managua ist ein Flickenteppich mit rund 2 Millionen Einwohnern. Fast 20 Prozent der Bevölkerung lebt hier.

Der Abschied von Franklin im Einkaufszentrum. Xiomara, Doña Cándida und Carmen, ganz links.

Da alles planlos entstand, heissen viele Adressen: „donde fue ... el cine González“ (da, wo früher ... das Kino González war, oder da, wo früher „el arbolito“ war – der kleine Baum, oder da, wo früher das Restaurant Clara war).

Die Knotenpunkte von Managua sind heute die Einkaufszentren. Wo sich früher das Stadtzentrum befand, steht heute das Metro-Centro, in welchem mich Xiomara nach meiner Ankunft herumgeführt hatte. Spezielle Momente werden in den Zentren gefeiert. So auch der Abschied meines Gastbruders Franklin, der in Costa Rica Arbeit gefunden hat. Zum Abschied essen wir Pizza im Papa John’s. A la Americana.

Und dann kommt ein grosser Moment für mich. Wir fahren zum See. Ich habe fast vergessen, dass Managua an einem riesigen See liegt. Zu fünft quetschen wir uns ins Taxi. Es ist am Eindunkeln. Von weitem sehe ich einige der einzigen Überbleibsel des antiken Managua. So das Theater Rúben Darío oder die alte Kathedrale. Dazwischen sind freie Flächen übersäht mit schwarzen Plastikplachen. Die Behausungen der Ärmsten der Armen. Dann erreichen wir den See  von Managua, „el Xolotlan“. Seit  einem Jahr kann man sich hier bewegen. Früher sei der Gestank unerträglich gewesen. Das ganze Abwasser der Stadt wurde direkt in den See geleitet. Jetzt haben sie den Hafen herausgeputzt und am Malecón Bars eröffnet. Je nach Windrichtung ist das Biertrinken kein Vergnügen.

Der neue Hafen „Puerto Salvador Allende“ am See von Managua

 

14.1.2010

Früh morgens stehen sie vor der Tür. Zwei Männer mit Werkzeugkiste und dem Spiegel unter dem Arm. Die Tage zuvor war bereits zweimal ein Mitarbeiter hier. Der erste hat die Wand ausgemessen, um dann auf der gewünschten Höhe mit dem Bleistift einen Strich zu ziehen. Der Nächste ist wegen einer Bestätigung gekommen und nun sind sie da, um das Werk zu vollenden. Der Obermonteur und sein Gehilfe. Der Monteur bohrt, der Gehilfe reicht ihm die Schrauben und bläst den Staub von den Verankerungen. Nach zwanzig Minuten sind die Vollbringer weg. Der Spiegel hängt. 40 Dollar hat der Home-Service gekostet. In Schweizer Brockenhäuser würden sie uns solche Spiegel nachwerfen. Aber mit dem Home-Service können sie nicht mithalten.

Der grosse Moment: der Spiegel wird aufgehängt.

Von der Stadt habe ich immer noch nicht viel mehr gesehen. Dementsprechend habe ich mich auch noch nicht sehr viel bewegt. Am Abend nimmt mich die Familie deshalb zu einem Ort, wo die Leute Sport treiben. Wir gehen das erste Mal weiter als bis zur Busstation, der Strasse entlang, teilweise auf trottoir-ähnlichen Wegen und sonst auf den Inseln zwischen den Strassen im Gänsemarsch. Überall liegen leere Flaschen, Plastikstücke und Aschehäufchen, weil einige Leute ihren Abfall hier ganz einfach so entsorgen. Unser Ziel ist eine Kreisel-Insel. Um sie herum führt eine 4-spurige Strasse. Ganze Familien halten sich an den Händen und warten auf die passende Lücke, um dann über die Strasse zu rennen. Auf der Insel strahlt ein grosser Christbaum in Weihnachtsbeleuchtung. Bei der Landung in Managua habe ich so einen gesehen. Sie stehen auf verschiedenen Kreiseln in der ganzen Stadt. Ein Geschenk der Sandinisten-Regierung Ortega. Die Lämpchen leuchten das ganze Jahr über.

Die „Rotonda de la Virgen“.

Auf einem Sockel thront die Jungfrau Maria. Unter ihr tummeln sich Kinder auf dem Spielplatz, verkaufen Frauen Fleisch-Spiesse, trainieren Jungs Fussball und machen Mädchen Bauchübungen. Der Treffpunkt für Freizeitler und Sportler. Zum Einwärmen rennen und walken sie um den Kreisel. Die Abgase? Nein, die stören nicht, sagt Doña Cándida und nimmt mich auf drei Runden mit.

Stretching auf dem Sockel der Jungfrau Maria.

Beim Rückweg ist es dunkel. Wir überqueren die Strasse wie auf einem Hindernislauf. Eigentlich gäbe es eine Überführung, nur beachtet die keiner. Dann gehen wir in der Mitte der Strasse. Es ist etwa ein so angenehmes Gefühl, wie wenn man auf der A2 der Leitplanke entlang spazieren würde. Die Strassen sind nicht beleuchtet, ebenso wenig die Wege entlang der Häuser. Deshalb gehen wir auch nicht mehr den gleichen Weg, wie wir gekommen sind. Die Banden aus den Barrios könnten uns anfallen. Wenn wir hingegen in der Mitte der Strasse gehen, könne sie wegen der Autos nicht flüchten. Zwei Polizisten stehen ebenfalls in der Mitte der Strasse. Die ersten, die ich sehe. Sobald es dunkel ist, gibt es kaum noch Leute auf der Strasse. Alleine unterwegs zu sein, wird gar nicht empfohlen.

12.1.2010

Das Haus an der Villa San Jacinto.....xxx  ist herausgeputzt aber einfach. Der vordere Teil ist solid. Die Zimmer um den Hof im hinteren Teil des Hauses haben Bretterwände und Wellblechdächer. Im kleinen Innenhof ist der einzige Wasseranschluss des Hauses. Zähneputzen vor dem Schlafengehen unter dem Sternenhimmel. Dann ist es aber bald vorbei mit der Idylle. Der Fernseher des Nachbars dringt durch die dünnen Wände und der Lärm der Strasse, besonders wenn eine Horde Motorradfreaks ein Rennen vor der Haustüre veranstaltet. Aber schlimmer sind die Hähne. Die verabschieden sich mit ihrem Gekrächze vor Mitternacht und begrüssen den Tag ab 3 Uhr morgens bis es hell ist. Einer stimmt an, die anderen setzen ein. Jeder Nachbar scheint mindestens einen Hahn im Hof zu beherbergen. Und sie stören sich offenbar nicht am Gekrächze. Die Nicaraguaner nennen es sogar liebevoll: El gallo canta – der Hahn singt.

Die Hausherrin Doña Cándida zeigt, wie sie die Kleider wäscht.

Nach einer schlaflosen Nacht hilft ein Eimer kaltes Wasser. So dusche ich mich hier. Zwar gibt es so etwas wie eine Dusche, aber daraus tröpfelt nur selten ein dünner Strahl. Deshalb schöpfe ich Wasser aus dem Trog im Hof und fülle Eimer um Eimer. Nicht nur um zu duschen. Auch um damit das WC zu spülen, die Kleider zu waschen oder das Geschirr zu spülen. Viel Handarbeit. Besonders an das Freilicht-Duschen am Trog an der prallen Sonne habe ich mich schnell gewöhnt.

8.1.2010

Eine Woche bin ich in Managua und ich habe keine Orientierung. Alles scheint sich um die Hauptstrassen abzuspielen. Eine davon führt direkt am Haus vorbei, in dem ich wohne. Es ist eine vierspurige Strasse. Dazwischen hat es dünne Grasstreifen, auf die man sich retten kann, wenn man die Strasse überqueren muss, um zum Beispiel den Bus zu erwischen. Es hat weder Zebrastreifen noch Lichtsignale.

Die Aussicht von meinem Haus.

Auf meine erste Busfahrt nimmt mich Xiomara mit. Sie ist Redaktorin in der Zeitung „El Nuevo Diario“ , bei der ich bald meinen Stage beginne. Bei Xiomaras Familie wohne ich. Die Fahrt führt an der Redaktion vorbei. Auch diese ist an einer Hauptstrasse. Aber das Ziel ist ein Einkaufszentrum. Das Metro-Centro. Das erste, das sie mir voller Stolz zeigt und wo sie einen Spiegel kaufen will für mein Zimmer. In den Läden langweilen sich die Verkäufer. Die Spiegel haben alle Schnörkel und kosten um die 80 Dollar. Absurd viel Geld. Sie ruft eine Bekannte an, die uns zu einer Werkstatt für Glas und Metall schickt. Wir gehen die Hauptstrasse entlang, Busse und Autos rasen uns entgegen. In der Werkstatt erklärt uns eine Mitarbeiterin am Eingangstisch, dass morgen jemand bei uns vorbei kommen würde, um die Wand auszumessen. Dann gebe es einen Kostenvoranschlag.

Links kommen meine Mitbewohnerinnen grad aus dem Haus, rechts ist der Zahnarzt, clínica dental.

Xiomara gibt die Adresse an:„Villa San Jacinto, casa de B-I-211 de los semáforos de la Miguel Gutiérrez dos cuadras arriba, continuo a la clínica dental“. Das ist viel mehr eine Beschreibung. Die Strassen haben keine Namen, die Häuser keine Nummern. Nur nicht die Adresse verlieren, ich wäre verloren.

 
   
   
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