Tag der Alkoholprävention
   

Süchtig und flüchtig

   
     

Ein Wartesaal - der perfekte Ort um zu warten, auf den nächsten Zug, oder aber auf den nächsten Schluck.

   
     

Die Uhr zeigt 10.13 Uhr. Es ist Freitag und es riecht nach Alkohol im etwa 20 m2 grossen Raum im Luzerner Bahnhof. Ausser der Heizung ist nichts zu hören. An den weissen Wänden hängen eingerahmte Werbeplakate der SBB: "Fernsehprogramm überflogen und nichts Spannendes gefunden? Dann werfen sie doch die Zeitung weg." Auf der kreisförmigen Bank sitzt eine Frau. Sie liest Zeitung. Gerade hat sie wieder auf die Uhr geschaut, zum zweiten Mal innert dieser Minute. Auf der anderen Seite der Bank liegen zwei junge Männer zwischen 25 und 35 Jahren. Sie schlafen, bewegen sich nicht und geben keine Geräusche von sich. Der eine ist grossgewachsen, trägt graue Adidas-Trainingshosen, eine schwarze befleckte Jacke und schwarze abgenutzte Turnschuhe. Sein Gesicht ist gegen die Bank gewendet. Er findet leicht Platz auf der schmalen Bank. Sein Kollege sitzt dicht neben ihm. Er trägt schwarze, glänzende Schuhe, als würde er für eine Bank arbeiten. Die Basketmütze hat er tief ins Gesicht gezogen und die Hände in die Jackentaschen gesteckt. Sie haben kein Gepäck mit sich. Um die beiden schlafenden Männer liegen Bierflaschen. Neun Stück, à 5dl. Alle sind leer und liegen umgekippt auf dem Boden und auf der Bank.

 

Die beiden jungen Männer sind zwei von rund 350'000 Schweizer und Schweizerinnen, die regelmässig zuviel trinken - abhängig sind. Beratungsstellen und Polizei befürchten, dass die Dunkelziffer von Alkoholsüchtigen um ein Vielfaches höher liegt.

 

Passagiere betreten und verlassen den Raum. Sie bleiben nur kurz. Die Frau mit der Zeitung ist immer noch am Warten. Plötzlich, sie erhebt sich, läuft schnurgerade Richtung Ausgang, wirft die Zeitung in den Abfall und kehrt an ihren Platz zurück. Wahrscheinlich fühlte sie sich durch die SBB-Plakate inspiriert.

 

Inspirieren lassen sollten sich auch die zuständigen Stellen der Alkoholprävention. Die Eidgenössische Alkoholverwaltung steuert und koordiniert die Massnahmen gegen den Alkoholmissbrauch in der Schweiz. Trotz intensiver Präventionsarbeit steigt die Zahl der Alkoholkranken stetig. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schätzt, dass uns die Folgen des Alkoholmissbrauchs jährlich rund 6,5 Milliarden Franken kosten.

 

Nun sind Atemzüge hörbar; tiefe, mit langen Pausen dazwischen. Sie gehören zum Mann mit der Basketmütze. Eine etwa 55jährige Frau, elegant gekleidet, mit schwarzer Lederhandtasche und Rollkoffer, steht ausserhalb des Wartesaals. Ihr Mann, Brille und weisses Haar, hat wenige Sekunden zuvor den Saal betreten und winkt sie nun mit der Hand herein. Sie öffnet die Türe, jedoch nur einen Spalt, ihre Augen wandern, machen die Runde und verharren. Sie starrt die schlafenden Männer an. Nur kurz, zwei Sekunden. Sie ruft ihrem Mann zu: "Du muesch doch nid da inne sitze!" Der Mann erhebt sich ohne Worte und verlässt den Saal.

 

Wenige Minuten später betritt ein etwa 75jähriger Mann den Raum. Auch er wendet sich von den jungen Männern ab, deren Atem immer noch stark nach Alkohol riecht. Der Mann verlangsamt seinen Laufschritt, bleibt stehen - aber es keinen Platz mehr auf der begehrten Seite. Der Betagte, er zögert ein wenig, bevor er umkehrt und sich neben die schlafenden Männer setzt. Er versucht, sie nicht anzuschauen. Doch sein Blick wandert immer kurz zur linken Seite und dann ganz schnell wieder zurück. Er stellt seine Kommissionen in der Coop Tasche auf den Boden, zwischen seine Beine. Zusätzlich hält er die Tragtasche mit der Hand fest. Das wäre aber nicht nötig, denn die Tasche ist nur halb gefüllt.

 

Die wartenden Personen fühlen sich nicht wohl im Wartesaal - zusammen mit Alkoholikern. "Dasch doch ä Souerei, so öppis", ärgert sich ein Mann im Anzug.

 

Das Natel des Mannes mit der Basketmütze klingelt. Er wacht auf, seine Hände suchen zitternd nach dem Mobiltelefon. Doch das Klingeln hat schon wieder aufgehört - der Anruf ist verpasst und der Mann bereits wieder eingeschlafen.

 

11.15 Uhr. Von aussen nähern sich zwei Polizisten der Luzerner Stadtpolizei. Ein etwa 190cm grosser, muskulöser Mann und seine kleiner gewachsene, jüngere Kollegin mit kurzem Haar. Beide sind mit Taschenlampe, Pistole, Schlagstock und Handschellen ausgerüstet. Sie betreten den Raum. Leise und achtsam. Sie sagen freundlich guten Tag. Ausser der Polizei und den alkoholisierten Männer ist niemand mehr m Raum. Die Polizisten gehen auf sie zu. Sie stehen direkt vor ihnen. Ihre Körper berühren sich fast, so gering ist der Abstand. Der Polizist bückt sich ein wenig, damit er auf Kopfhöhe des Mannes mit der Basketmütze ist. Er brüllt: "Moritz." Beide erwachen sofort, beginnen ein gebrochenes Deutsch zu sprechen, wollen erklären, dass sie ihre Ausweise nicht dabei haben, doch soweit kommen sie nicht. Der Polizist fordert sie auf, aufzustehen und mitzukommen. Er droht mit Handschellen und begründet sein Verhalten: "Wir müssen hart durchgreifen, sonst breitet sich der Alkohol überall aus. Mit Alkoholikern darf man nicht zimperlich umgehen, sonst machen sie was sie wollen." Moritz und sein Kollege wehren sich nicht. Sie ziehen die Köpfe ein und verlassen schlaftrunken den Raum. Heute hat es nicht geklappt, die Polizei hat sie geschnappt. Doch morgen werden sie es wieder versuchen: einen Ort zu finden, wo sie anonym konsumieren und ungestört ausschlafen können. Und damit sind sie nicht alleine.

 
   

Autorin: Stefanie Liechti