Januarloch
   

Schweizer Tiefenrausch

   
     

Es ist mächtig, ziemlich düster, schwindelerregend und grenzt ins Unermessliche. Manchmal ist es richtig heimtückisch, schleicht sich an und schlägt hinterrücks zu. Gnadenlos. Obwohl man es eigentlich gewusst hat, denn es kommt bestimmt. Und zum Glück ist es bald wieder Geschichte: Das Januarloch.

   
     

Alljährlich dient es breiten Bevölkerungsteilen als Universalerklärung für Beziehungskrisen, für das Loch auf dem Konto und leere Esslokale. Es ist, als ob nach feierlicher Weihnachtsgesellschaft mit anschliessendem Silvester-Supergau die Menschheit in tiefster Depression versinken würde. Postum präsentiert sich die Quittung für den fest-täglichen Überfluss im ersten Monat des neuen Jahres.

 

Dieses Gesellschaftsereignis ist jedoch rein helvetischer Natur. Fragt man einen deutschen Landsmann nach dem Januarloch, so erntet man höchstens ein unverständliches "Januar-WAS?" als Antwort. Weder Duden noch Fremdwörterbuch kennen dieses bedeutungsschwangere Wort. In Deutschland existiert schlechthin kein Januar-loch. Das gehört ganz und gar uns Eidgenossen, wenn auch nicht allen. Denn in den Wörterbüchern für Französisch und Italienisch klafft ebenfalls eine Lücke zwischen Januar und Japan. So ist der Standort zumindest grossräumig lokalisiert. Das ominöse Loch gähnt irgendwo zwischen Röschtigraben und Landesgrenze.

 

Den Ausdruck genau zu definieren, ist allerdings schwierig, denn jeder empfindet ihn anders. Platz Nummer eins nimmt sicher das Loch im Geldbeutel ein. Dank Ausverkauf fällt man nicht tiefer in die finanzielle Kluft, dagegen wird beispielsweise gerade im Januar das Lottospiel gleich 50 Prozent teurer . Als Begleiterscheinungen drückt der Weihnachtsschmaus arg auf die Waage oder die Stimmung liegt im Graubereich. Dennoch zeichnet sich in den Köpfen vieler Geplagter ein positiver Trend ab. Der erste Monat im Jahr wird zunehmend als Neuanfang angesehen und der Begriff an sich ins Alltagsvokabular übernommen.

 

So könnte es sein, dass aus dem unheilvollen Loch irgendwann ein Hoch wird, ganz nach dem Motto "neues Jahr, neues Glück". Vielleicht reicht es sogar für einen Eintrag in den Duden: "Januarhoch, schweizerisch für einen gelungenen Neuanfang im Januar ". Das wäre doch ein guter Start in den Februar.

 
   

Autorin: Susanne Goldschmid