Wie China lernt


Die Analphabetenrate liegt in China bei 16%. Von den unter 35 jährigen können 5,5% nichts mit Schriftzeichen anfangen. Vor allem der Mangel an finanziellen Ressourcen verhindert die Verwirklichung des Rechts auf Bildung.

von Ivana Kardosch

Bildung für alle! Dieses Ideal hatte sich die chinesische Regierung vor zwanzig Jahren auf die Fahne geschrieben. Das Land hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich stark verändert und will auch für solide Bildung sorgen.

 Erziehung diente in China seit jeher der moralischen Bildung. Moderne Fachkenntnisse wurden erstmals unter westlichem Einfluss Ende des 19. Jahrhunderts in das Bildungswesen aufgenommen, verschwanden in der Volksrepublik aber wieder. Unter Mao lautete das Bildungsideal nämlich  „rot und fachkundig“. Die politische Bewusstseinsbildung wurde nach 1949 für wichtiger erachtet als die Vermittlung von Fachkenntnissen. Die Konsequenzen waren folgende:

Chinas Fachwissen vor und nach Mao

Unter Mao stand  die Vermittlung von Ideologie an erster Stelle. Dies geschah in Massenkampagnen und in Verbindung von Studium und produktiver Arbeit. Prüfungen und elitäre Bildungseinrichtungen wurden abgeschafft.

In der Kulturrevolution wurden für mehrere Jahre Universitäten und Fachhochschulen, teilweise sogar reguläre Schulen geschlossen. So wurde einer ganzen Generation eine formale Bildung vorenthalten.

Anschluss an die Welt

Die neue Regierung beschloss, dem Land sein Fachwissen zurück zu geben. Prüfungen und Eliteschulen wurden wieder eingeführt.

Schwerpunkte der Bildungsreform, die Ende der siebziger Jahre begann, waren die allgemeine Schulpflicht, die Verbesserung der Qualität des Lehrkörpers, der Ausbau des Berufsschulwesens, die Hochschulreform und die Abschaffung des Analphabetismus. Waren diese Massnahmen erfolgreich?

Schulabbrecher und Wanderarbeiter

Die Statistik sagt, dass 98,5 % der Kinder eingeschult werden und davon 78,4% die Mittelschule erreichen. Diese Zahlen stimmen so nicht.

Eine große Anzahl der Schulpflichtigen auf dem Lande bricht die Schule vorzeitig ab. Grund dafür sind zu hohe Gebühren, welche die Schulen trotz Schulgeldfreiheit für alle möglichen Zwecke erheben dürfen (Schulbücher, Lehrergehälter und Versicherungen). Ausserdem setzen  viele Eltern ihre Kinder frühzeitig als Arbeitskräfte in den ländlichen Haushalten ein.

In den Städten wächst inzwischen ein neues Problem heran: Die Kinder von Wanderarbeitern. In den Städten von Chinas aufstrebenden Küstenprovinzen leben 2 bis 3 Millionen Kinder von Wanderarbeitern. Da der Staat die soziale Verantwortung immer mehr an die Provinzen abgibt, bleiben trotz Hilfsprojekten diese Kinder vom Schulbesuch ausgeschlossen.

Wer ist Analphabet?

Landesweit beträgt die Analphabetenrate noch 20 Prozent. Davon entfallen gut 90 Prozent auf die ländlichen Gebiete und 70 Prozent auf den weiblichen Bevölkerungsanteil.

Die unterentwickelten Gebiete weisen die höchste Analphabetenrate auf. Als unterentwickelt gilt ein Gebiet, wenn das durchschnittliche pro Kopf Einkommen der Einwohner unter 800 Yuan (rund 100 Dollar) pro Jahr liegt. Demzufolge gelten von den knapp 3000 Landkreisen in China ganze 600 als nationale Armutskreise. 

Zielgruppen von Hilfsprojekten sind Menschen zwischen 15 und 40 Jahren, die weniger als 500 Schriftzeichen kennen. Wer mehr Zeichen kennt, gilt als halb alphabetisiert. Als alphabetisiert wird bezeichnet, wer 2000 Schriftzeichen beherrscht.

Zweiklassenbildung

Keine Epoche in China hat punkto Bildungsniveau so grosse Fortschritte erzielt wie die nachmaoistischen Periode - trotz noch hoher Analphabetenrate. Sie wurden allerdings mit dem großen Nachteil erkauft, dass es im Bildungswesen heute keine Chancengleichheit gibt.

Zwei voneinander unabhängige Bildungssysteme sind entstanden:

  • Ein gut entwickeltes städtisches Schulsystem, das ein breites Angebot von beruflicher Ausbildung bis hin zur Elitebildung bereithält

  • Ein unterentwickeltes ländliches Schulwesen, das gekennzeichnet ist durch Unterfinanzierung, schlechte Lehrer und mangelhafte Ausstattung.

Zunehmend hängt die schulische Karriere vom Geldbeutel der Eltern ab. Tatsachen, die China noch einige Lektionen kosten wird.

 

 

Wer sich bildet bei einem erfahrenen Lehrer und die nötige Begabung hat, der muss ein Weiser werden; ich wüsste nicht, wie es anders möglich wäre. (Lü Bu We, 3.Jhd v. Chr.)

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