1000 Jugendliche ohne Lehrstelle?


Die Lehrstellen-Situation im Kanton Zürich ist dramatisch. Die Nachfrage an Stellen steigt, das Angebot sinkt. Der Kanton reagiert mit Appellen an private Unternehmen und schafft zusätzlich 40 Lehrstellen. Die Lehrstellen-Initiative, über die am 18.Mai abgestimmt wird, erhält zusätzliche Brisanz.

von Daniel Ryser

Im Sommer 2003 sind 1000 Schulabgänger ohne Lehrstelle: Das Angebot geht im Kanton Zürich um rund 500 Stellen zurück, während im Sommer zirka 500 Schülerinnen und Schüler mehr als im Vorjahr die Schule verlassen werden.

Durch gezielte Appelle sollen private und öffentliche Arbeitgeber motiviert werden, zusätzliche Lehrstellen anzubieten. Die öffentlichen Arbeitgeber wollen mit gutem Beispiel vorangehen: Der Kanton kündigte 40 neue Lehrstellen an. Kritiker glauben jedoch nicht, dass private Unternehmen diesem Beispiel folgen werden. Sie werfen den Privaten vor, ihre Verantwortung gegenüber der Jugend nicht mehr wahrzunehmen.

Eine Initiative soll's richten

In Zeitungen wird vor allem die „schizophrene Haltung“ von privaten Arbeitgebern kritisiert. Sie würden in ihren Reden nicht müde werden, die Vorzüge der hiesigen dualen Berufsbildung zu loben. Gleichzeitig würden sie sich aber immer mehr um die Schaffung neuer Lehrstellen drücken.

Inzwischen bieten gerade noch 17 Prozent der Unternehmen Ausbildungen an. Abhilfe schaffen soll die Lehrstellen-Initiative, über die am 18.Mai abgestimmt wird. Sie verlangt ein Bonus-Malus-System: Betriebe, die bei der Ausbildung von Lehrlingen kneifen, müssen in einen Fonds einzahlen. Ausbildungswillige Betriebe werden finanziell belohnt.

Ein solches Anreizsystem greife in die Markfreiheit ein, sagen Kritiker der Initiative. Befürworter halten dagegen, dass es gemessen an der positiven Wirkung zu Gunsten der Jugend, ein kleiner Eingriff sei.

Warum werden Lehrstellen abgebaut?

  • 68 Prozent der Firmen bieten gleich viele Lehrstellen wie im Vorjahr an.

  • 12 Prozent beschäftigen ab kommendem Sommer sogar mehr Lehrlinge.

  • Knapp 20 Prozent der Lehrfirmen bauen Lehrstellen ab. Als Gründe gaben sie vor allem die konjunkturelle Lage oder interne Umstrukturierungen an.

Dies sind die Ergebnisse einer Umfrage bei 600 Lehrbetrieben im Kanton Zürich. Bei den 72 Unternehmen, die KV-Stellen abbauten, gaben 78 Prozent an, dies sei wegen der KV-Reform geschehen. Der Aufwand für die Lehrlingsbetreuung sei zu gross, der Nutzen zu klein.

KV-Reform gilt ab Sommer 2003

Mit der KV-Reform sind die Lehren im kaufmännischen Bereich überarbeitet worden.  Anstelle der bisherigen Bürolehre werden neu drei dreijährige Ausbildungsgänge angeboten:

  • eine Basisausbildung
  • eine erweiterte Bildung 
  • ein Profil mit integrierter Berufsmaturität.

Neu wird auch die betriebliche Ausbildung bewertet. Sie hat für die Abschlussprüfung gleich viel Gewicht wie die schulischen Leistungen. Durch die Reform steigen die Anforderungen an Lehrbetriebe beträchtlich.

Viele kleinere Unternehmen haben deshalb Lehrstellen gestrichen und wollen abwarten, welche Erfahrungen Grossunternehmen mit dem neuen Ausbildungsmodell machen.

Hoffnungsträger 10. Schuljahr

„Gewinner“ dieser Situation sind Brückenangebote wie das 10.Schuljahr. Solche Vorbereitungsjahre boomen, der Ansturm ist enorm. Man hofft auch darauf, dass im Zuge der KV-Reform gute Erfahrungen mit dem neuen Modell gemacht werden, und somit kleinere Unternehmen ab Sommer 2004 wieder bereit sind, Lehrlinge aufzunehmen.

Die Schüler sollen in dem Zwischenjahr ihr Wissen vertiefen können und sich selber besser einschätzen lernen. Andere, so ein Schulleiter, bräuchten einfach noch ein Jahr Zeit, um ihre Berufswahl treffen zu können. Vermehrt besuchen auch gute Sekundarschüler das 10.Schuljahr. Auch sie haben in der angespannten Situation Mühe, eine Lehrstelle zu finden.

Der Schulleiter des 10.Schuljahres Horgen weiss: Brückenjahre schieben das Problem, eine Stelle zu finden, nur auf – sofern sich die Situation innerhalb des Jahres nicht verbessert.

Arbeitsmarktzahlen sind ernüchternd

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt bleibt weiter angespannt. Das zeigen die neusten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco):

  • Die Arbeitslosenquote ist in der Schweiz von 3,8 auf 3,9 Prozent gestiegen.
  • Im Kanton Zürich liegt sie neu bei 4,6 Prozent.
  • Ende Februar waren landesweit 142023 Menschen arbeitslos, so viele wie seit Mai 1998 nicht mehr.

Die Jugend ist im Schnitt noch etwas besser dran: Die Altersklasse der 15- bis 19-jährigen liegt mit 2,4 Prozent unter dem Durchschnitt. Vor allem betroffen ist die Altersklassen der 35- bis 39-jährigen. Dort liegt die Arbeitslosenquote bei 4,9 Prozent.


nach oben