Spielerisches Lernen wird erwachsen


Spielerisches Lernen ist eine anspruchsvolle und ernsthafte Tätigkeit. Sowohl Kinder als auch Erwachsene nutzen diese Lernstrategie mit grossem Erfolg. Dies belegen Fallbeispiele aus ganz unterschiedlichen Fachgebieten.

von Felix Hilfiker 

Kinder sind fähig, im Spiel auf ungezwungene und kreative Art zu lernen. Erwachsene, so die Annahme, verlieren diese Fähigkeit und verfügen stattdessen über systematischere Lernstrategien. 

Diese These wird in so verschiedenen Gebieten wie der Werbung, der Reformpädagogik oder der Therapieforschung hinterfragt. Dabei kann sich das Spielen zuweilen als harteArbeit entpuppen, während das Lernen so nebenbei geschieht und zudem Spass macht.

Spielen müssen, lernen dürfen?

«Spielen kann mit kognitiver Leistung zu tun haben, und lernen kann spielerisch sein», weiss Primarlehrerin Catherine Müller aus Erfahrung. Die Ko-Leiterin des Grundstufen-Versuchs an der Schule Unterstrass in Zürich stellt die Wertungen der Begriffe Spielen, Lernen und Arbeiten gerne auf den Kopf. Im Schulprojekt fasst die Pädagogin die drei Tätigkeiten bewusst mit dem Begriff  «Tun» zusammen.

Catherine Müller schildert in einem NZZ-Artikel vom November 2002 anschaulich die fliessenden Übergänge zwischen spielerischem Lernen und lernendem Spielen. Solche Wechsel werden im Schulprojekt mit einfachen Mitteln unterstützt und gefördert.

Lernen führt zu Glücksgefühlen

Spielen ist oft nicht einfach, meist aber eine lustvoll ausgeübte Tätigkeit. Erkenntnisse aus der Psychologie widersprechen dem Mythos des spielerischen Lernens als einer leichten, nicht ernst zu nehmenden Sache. Gerade weil im Spiel häufig eine ausgewogene Balance zwischen Anforderungen und Können erreicht wird, macht es Spass.

Glücksgefühle («Flow»-Erlebnisse) treten vor allem dann auf, wenn eine Tätigkeit einerseits als anpruchsvoll erlebt wird und man sich andererseits diesen Anforderungen gewachsen fühlt. Im Flow-Zustand verschmelzen Handeln und Bewusstsein; man ist vollkommen auf die Tätigkeit konzentriert. Solche Zustände sind typisch für das spielerische Lernen. Deshalb kommt ihm eine grosse Bedeutung zu. Zu Unrecht wurde es lange Zeit als Vorstufe des Lernens aus den Schulstuben verdrängt und in die Kindergärten verbannt.

Spielerisch lernen – ein Werbeslogan?

Die Werbung nutzt den Begriff des spielerischen Lernens ganz gezielt. Mit der Attraktivität des Spiels wird um die Aufmerksamkeit und die Gunst der Kinder geworben.

Eine kleine Netz-Recherche zeigt, dass Kinder fast alles spielerisch lernen. Die Suchmaschine Google lieferte für die Kombination der Suchwörter «lernen – spielerisch – Kinder» rund 1300 Treffer. Kinder lernen Bruchrechnen auf Englisch, Sätze bilden, sich in der Natur zurechtfinden, Schach spielen, Nein zu sagen gegen sexuelle Gewalt und mit dem PC umgehen. Sie lernen Lesen, Schreiben, Zeichnen und Gefahren einschätzen. Und sie lernen auch, was Biodiversität ist – spielerisch.

Dabei wird das spielerische Element oft überzeichnet. In Realität werden da Kurse angeboten, Legasthenie-Probleme angegangen, Nachhilfestunden erteilt und Themen präsentiert, für die sich die Kinder bestimmt nur interessieren, wenn ihre Eltern gehörig Druck machen.

Spielerisch Lernen in jedem Alter

Wenn Erwachsene spielerisch lernen, dann vielleicht in Zusammenhang mit Freizeitaktivitäten – Spass darf sein. Oder aber in Notsituationen, weil alle andern verfügbaren Lernstrategien versagen. Die Vermutung, dass es sich dabei um einen Rückfall in kindliche Verhaltensweisen handelt, entspricht einem Vorurteil. Spielerisches Lernen ist effizient – in jedem Alter.

Kursveranstalter haben längst erkannt, dass auch Erwachsene gerne spielen und im Spiel lustvoll Neues lernen. Ein Beispiel: Im Kurs 46 der Volkshochschule Aargau üben ältere Personen die Grundlagen zur Bedienung des Computers. Mit Malprogammen lernen sie «spielerisch» den Umgang mit der Maus.

Spielerisch Aggressionen abbauen

Im Therapieprojekt  «Hypermediastation» werden Jugendliche behandelt, die gelernt haben, in schwierigsten Verhältnissen zurechtzukommen und zu überleben. In der psychotherapeutischen Arbeit mit diesen Jugendlichen dienen Computerspiele unter anderem dazu, Aggressionen abzubauen. Durch den Einsatz professioneller Computersoftware konnte auch soziales Lernen unterstützt werden

Dabei hat sich gezeigt, dass die Jugendlichen die Fähigkeit, wie Kinder «spielerisch ihre Welt zu erobern», nicht verlernt haben. Der Rückgriff auf so genannt kindliche Lernstrategien erweist sich als effektvolle therapeutische Intervention. Blockierte Lern- und Reifungsprozesse können so wieder in Gang gebracht werden 

 

 

 

Der Artikel «Erfahrungen mit der Grundstufe aus Unterstrass» erschien in einem NZZ-Dossier vor der Abstimmung über die Zürcher Volksschulreform:

NZZ-Artikel, 06/11/2002 (pdf)

 

Fachartikel von Urs Schallberger und Regula Pfister, Universität Zürich:

«Flowerleben in Arbeit und Freizeit» (pdf)

 

Kurse der Volkshochschule Aargau:

Kursprogramm (html)

 

Therapieprojekt «Hypermediastation», eine öffentliche Studieninformation der Universität Genf:

Projektbericht (html)

 



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