Der Mensch - beschränkt lernfähig?


Die Ansicht, das Gehirn eines Neugeborenen sei eine Tabula Rasa, hat sich überlebt.  Einigkeit herrscht noch darüber, dass Wissen generell nicht vererbt werden kann. Was befähigt zum lernen? Ist der Mensch einzigartig in seiner Lernfähigkeit?

von Shusha Maier

Lernen wird definiert als eine durch Erfahrung entstandene Verhaltensänderung. Lernen kann als Prozess verstanden werden, der bestimmte Organismen auf Grund früherer Erfahrungen situations-angemessen zu reagieren.

Menschliches Lernen sei zumeist einsichtiges Lernen behaupten Psychologen. Diese Art von Lernen setze Bewusstsein voraus über das der Mensch verfügt.

Einige Irrtümer

Viele Menschen sind heute noch der Überzeugung , dass die in einem Leben erworbenen Eigenschaften und Fähigkeiten auf die Nachkommen übergehen. Dieser Irrtum wird allgemein Jean-Baptiste Lamarck zugeschrieben. Tatsächlich wird nichts an unsere Nachkommen weitergegeben - jede Generation beginnt von Neuem.

Die abendländische Wissenschaft hat die Urverwandtschaft von Mensch und Affe erkannt. Sie hat aber alles dazu getan, Menschen und nicht menschliche Primaten deutlich gegeneinander abzusetzen. Neue Feldstudien widerlegen dies. Soziales Lernen hat z.B. bei Schimpansen einen hohen Stellenwert . Sie können nicht nur nacheifern, sondern auch imitieren.

Soziales Lernen und soziale Normen, zwei als wesentlich erachtete Mechanismen von Kultur, sind bei Schimpansen im natürlichen Biotop nachgewiesen.

Hirn und Stimmband und Ernährung

Die Hirngröße hat ihren größten Schub erfahren, als die frühen Hominini von den Bäumen auf den Boden übersiedelten. Die akustische Kommunikation zur Regulierung und Kontrolle sozialer Prozesse wird als entscheidender Auslöser für die Evolution der menschlichen Sprache angenommen.


Als weiterer Selektionsfaktor für Sprache wird der aufrechte Gang angeführt. Er scheint erhebliche Einflüsse auf die Evolution von Sprache sowohl im motorischen wie im kognitiven Bereich gehabt zu haben: der für die Spracherzeugung wichtige Kehlkopf liegt tiefer, die Stimmbänder sind demzufolge anders konstruiert.


Ein großes Gehirn ist mit hohen energetische Kosten für den Organismus verbunden. Der Ernährungsplan musste umgestellt werden: die Umstellung auf energiereiche, leicht verdaulicher Fleischnahrung und die damit verbundene Reduktion des Verdauungstraktes sind wesentliche Voraussetzungen für die Umgestaltungsvorgänge, die im Gehirn zur Sprachentwicklung notwendig waren.

Der Mensch hat lediglich einen Vorsprung...

  • Der Mensch hat einen Vokaltrakt, mit der er Laute - Vokale und Konsonanten - erzeugen kann
  • Der Mensch erzeugt mit einer endlichen Anzahl von Lauten in einer bestimmten Ordnung und Abfolge (Syntax) eine unendliche Anzahl von Bedeutungen
  • Der Mensch praktiziert eine Symbolsprache

 

...aber er ist nicht einzigartig
Über die Eigenschaften der menschlichen Sprache lässt sich allerdings nicht herleiten, dass nicht-menschliche Primaten keine Sprachfähigkeit hätten. Versuche mit der amerikanischen Taubstummensprache ASL (american sign language) haben gezeigt, dass Schimpansen einige für Sprache notwendige Voraussetzungen beherrschen:

  • Verknüpfung abstrakter Bedeutungen mit Symbolen

  • Verwendung dieser Symbole in neuen Situationen
     

Lernen ist kulturabhängig

In der Welt der Wissenschaft ist eine stete Weiterentwicklung zu beobachten, in den vergangenen Jahrzehnten sogar mit zunehmender Geschwindigkeit. Es scheint die Annahme berechtigt zu sein, dass Wissen im kognitiven Bereich «vererbt» werden kann.

Strategien, die das Leben erträglich, sogar glücklich machen, muss jeder – den vielen hundert Ratgebern zum Trotz – für sich selbst entwickeln. Zwar können Kinder heute früher lesen, rechnen, lernen schon im Kindergarten Fremdsprachen und wissen generell viel mehr als die Generation davor in selben Alter.

Liebesfähigkeit, Leidensfähigkeit und die Bereitschaft, Glück anzunehmen wenn es einem begegnet, muss sich jeder selbst erarbeiten. Dieses einsame Lernen scheint ein wesentlicher Punkt der kulturellen Entwicklung zu sein, die Basis kulturellen Lebens.

«Du sollst nicht töten» steht zwar als zentrale Forderung im am besten bekannten Vademecum für kultiviertes Zusammenleben aller Zeiten – und bleibt genau so lange unbeachtet. Die jüngsten politischen Entwicklungen sind Beleg genug.



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