Nicht Fragen stellen, sondern Leute zum Reden bringen

Staatsanwälte und Journalisten sind sich nicht immer grün. Während der Staatsanwalt feststellen will, ob das Gesetz verletzt wurde, kämpfen Journalisten in erster Linie um die Geschichte, sie wollen den Primeur. Diese beiden Zielsetzungen vertragen sich nicht immer. Beiden Tätigkeiten gemein ist etwa die Arbeit im Dienst der Wahrheit und die Suche nach Informationen. So können beide Berufsgruppen voneinander lernen.

 

Am dritten Schweizer Recherchetag sprach der bekannte Rechercheur Urs Paul Engeler über die Lage des Recherche-Journalismus in der Schweiz. Er zieht ein mehrheitlich positives Fazit: "In unserem Land wird recherchiert, im vergangenen konnten wieder einige brisante Geschichten aufgedeckt werden." Engeler formulierte als oberstes Ziel der Medien, die Öffentlichkeit mit allen Informationen zu versorgen. Er spricht aber auch ein Problem an: "Bei Recherchen ist man vielfach auf Fremdinformationen angewiesen, es ist oft gar nicht möglich, weitreichende Geschichten ausschliesslich auf eigene Faust zu ermitteln." All diese Informationen müssen dabei stets auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden. Für Journalisten gehört dies zu den grundlegenden Sorgfaltspflichten, auch Staatsanwälte verdienen damit ihr tägliches Brot. Aus beiden Tätigkeiten entspringt also grosse Verantwortung, sowohl Staatsanwälte als auch Journalisten sind der Wahrheit verpflichtet.

 

Warum Journalisten von Staatsanwälten lernen können

Was für den Staatsanwalt die Einvernahme, ist für den Journalisten das Informantengespräch. Beide haben das gleiche Ziel: Der Informant soll möglichst viele, qualitativ gute Informationen liefern, damit der Strafverfolger seinen Fall, der Medienschaffende seine Geschichte möglichst bald abschliessen kann. Hierzu wenden Staatsanwälte verschiedene Techniken an. Um eines vorweg zu nehmen: Journalisten können von diesen Taktiken durchaus lernen. Vieles machen sie zwar intuitiv richtig, die Theorien zu journalistischen Befragungsmethoden sind aber ungleich jünger und weniger gut erarbeitet als diejenigen der Staatsanwälte. So brachte es Catherine Boss vom Recherchedesk der SonntagsZeitung auf den Punkt.      

 

Die Vorbereitung auf Befragungen

Christoph Ill ist leitender Staatsanwalt in St.Gallen. In seiner Funktion als Studienleiter am MAS Forensics an der Universität Luzern bildet er zudem angehende Staatsanwälte aus und lehrt diese unter anderem auch die richtigen Befragungstechniken. Bereits seine erste Theorie hat es in sich: "Nur wer spricht, gibt Informationen ... und die Bereitschaft zu sprechen hängt wesentlich von der Atmosphäre ab." Staatsanwälte bereiten das Gespräch akribisch vor und versuchen so eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Sie stellen sich Fragen zur Person, die befragt werden soll, zum Sachverhalt und zur Umgebung, in der die Befragung stattfindet. Das sind alles Details, um die sich auch ein recherchierender Journalist, bereits vor dem ersten Treffen mit dem Informanten, kümmern muss. Der Grundsatz ist hier sowohl bei Journalisten als auch bei Staatsanwälten gleich: Je besser die Vorbereitung, desto ergiebiger das Gespräch. Der Einzuvernehmende oder der Informant fühlt sich ernst genommen und verstanden, die Atmosphäre stimmt.

 

 

                                                                       

                                                                        Christoph Ill, Staatsanwalt

 

 Das A und O der Personalisierung

Gegenüber Journalisten sind Staatsanwälte aber im Nachteil: Sie operieren in einem engen, formellen Korsett. Zudem müssen sie zu Beginn des Gesprächs die Personalien feststellen und eine Rechtsbelehrung verlesen. Das schafft eine Distanz, die Staatsanwälte zu entschärfen versuchen, indem sie ausführlich über Sinn und Zweck des Gesprächs informieren. "Erfährt jemand die Gründe für seine Befragung, ist er eher bereit, Auskunft zu geben", erklärt Ill. Trotzdem hat die Journalistin Catherine Boss bei ihrer Recherchetätigkeit aber bereits die Erfahrung gemacht, dass Auskunftspersonen mit Journalisten offener sprechen als mit dem Staatsanwalt. Auch Boss pocht auf die Wichtigkeit der Personalisierung: "Es braucht viel Geduld, um bei Gesprächen mit Informanten ans Ziel zu gelangen." Ein erstes Treffen genüge meist nicht, potenzielle Auskunftgeber brauchen Zeit, um sich zu öffnen. Nicht selten lässt der Informant die Katze erst bei einem zweiten oder dritten Treffen aus dem Sack.

 

Elementar für eine erfolgreiche Befragung ist der Eindruck, den der Fragesteller hinterlässt. Journalistin Boss meint dazu: "Den richtigen Tonfall treffen, das richtige Auftreten wählen. Weder devot noch überheblich: Es ist keine leichte Aufgabe, professionell, konzentriert und doch einfühlsam zu sein.“ Und fügt bei: „Das kann man lernen." Staatsanwalt Ill hat dazu eine Schulungsmethode erarbeitet. "Wir fragen uns, mit wem wir selber gerne sprechen würden. Bei der Übung kommen immer wieder dieselben Charaktereigenschaften zum  Vorschein." So zählen unter anderem Freundlichkeit, Kompetenz, Geduld, eine vorurteilsfreie Meinungsbildung, Ehrlichkeit und Interesse zu den Tugenden eines erfolgreichen Ermittlers. Diese Übung kann jeder Journalist für sich selber machen, Selbstreflexion führt zu besseren Gesprächsresultaten.  

 

Von der Personalisierung zum Gespräch

Wurde die richtige Atmosphäre hergestellt, beginnen Staatsanwälte mit dem Gespräch. Dabei orientieren sie sich an einer Hypothese, die sie bereits vor dem Gespräch aufgestellt haben. Ähnlich die Journalisten: Viele arbeiten bei ihren Nachforschungen mit der sogenannten "umgedrehten Recherche." Dabei wird eine Annahme aufgestellt, welche die Journalisten bei ihren Ermittlungen zu beweisen versuchen. Diese Hypothese dient ihnen als roter Faden. Sie hilft ihnen dabei, sich im Dickicht von (grösseren) Recherchen nicht zu verzetteln. Natürlich muss diese Hypothese im Verlauf der Recherche allenfalls angepasst werden. Sowohl Staatsanwaltschaften als auch Journalisten führen das Gespräch dann aufgrund der von ihnen ausgearbeiteten Fragen: "Was wollen wir in Erfahrung bringen? Welche Informationen haben wir und was fehlt noch? In welcher Reihenfolge führe ich die Gespräche?" Erfolgreiche Ermittler, das können sowohl Staatsanwälte als auch Journalisten sein, sind sich über diese Antworten bereits vor dem Gespräch im  Klaren. Um den Wahrheitsgehalt der Informationen zu überprüfen, benutzen Staatsanwälte dann einen simplen Trick: Sie stellen auch Fragen, deren Antworten ihnen bereits bekannt sind. Wichtig dabei ist aber die richtige Fragestellung: Man darf mit der Frage keine Antwortvorgabe liefern. Derart erzielte Äusserungen sind für Staatsanwälte nicht verwertbar. Das gilt auch für Journalisten.

 

Die richtige Fragestellung

Nur wer richtig fragt, erhält auch eine gute Antwort. Die gute Frage verfolgt dabei stets ein Ziel, behandelt nur jeweils einen Punkt und wird unmissverständlich formuliert, wodurch sie leicht verständlich ist. Wie bereits angesprochen, darf sie auch keine Antwortvorgaben enthalten. Dann benennen Ill und Boss einen Trick, den sie beide bereits erfolgreich benutzt haben: "Die Pausen nach einer Frage aushalten." Man dürfe auch mal still bleiben, sind sich die Beiden einig. "Damit geraten die Leute unter Druck, die Frage zu beantworten. Dies kann zu erstaunlichen Resultaten führen."

 

Während des Gesprächs gelten für Staatsanwälte und Journalisten die gleichen Regeln. Vorverurteilungen sind fatal. Man darf nicht moralisieren. Ill erklärt: "Die Befragung ist nicht der Moment, in dem geurteilt wird. Es ist egal, was jemand verbrochen hat, die Befragung gilt der Wahrheitsfindung." Distanz ist also gefragt. Das sieht auch Catherin Boss so: "Wir müssen zu Informanten die nötige Distanz wahren, weil sonst unsere Unabhängigkeit leidet – und weil wir uns andernfalls zu tief in deren Geschichte reinziehen lassen." Diese Distanz darf aber nicht zulasten des Interesses gehen. Nur wer an den Menschen und ihren Geschichten wirklich interessiert sei, finde auch Informanten, so Boss.

 

 

                                                                        

                                                                                    Catherine Boss, SonntagsZeitung

 

Der Befragungstrichter

Anders als die meisten Journalisten greifen Staatsanwälte bei der Befragung von Zeugen auf ein eigentliches Modell zurück: Auf den Befragungstrichter. Nach dieser Methode ermuntert der Staatsanwalt den zu Befragenden zuerst, das Erlebte so ausführlich wie möglich wiederzugeben. Gemäss Ill sind in diesem so genannten freien Bericht gelieferte Informationen wertvoller als Antworten auf spezifische Fragen. Das weiss auch die langjährige Journalistin Catherine Boss, die anmerkt, dass wichtige Informationen vielfach in scheinbar unwichtigen Nebensätzen fallen. Dies bedeutet aber auch, dass sowohl Staatsanwälte als auch Journalisten Ausschweifungen zulassen müssen. Geduld ist gefragt!

 

Gemäss der Methode des Befragungstrichters fragen Staatsanwälte mit der Zeit immer konfrontativer. Jede erklärungsbedürftige Aussage wird mit einem "Wieso" hinterfragt. Verstrickt sich der Zeuge dabei in Widersprüche, beginnt der Staatsanwalt wieder von vorne und lädt wiederum zu einem neuen offenen Bericht ein – nun unter den neuen Annahmen . Dieses Prozedere wird auch bei einem eventuellen Geständnis wiederholt. Die unten stehende Grafik liefert einen Überblick über diese Befragungsmethode (siehe Dossier «Wie Strafverfolger Fragen stellen», Seite 7, unter Recherchetag 2015, Anm. d. Red.). Das Modell muss allerdings auf die Ausgangslage angepasst werden. Es ist in dieser Form nur bei Zeugenbefragungen sowie bei Opfer- und Täterbefragungen anwendbar, wenn nur eine Tathandlung vorliegt und wenn ein räumlich und zeitlich klar überblickbarer Sachverhalt abgeklärt werden muss.

 

Rückversetzungs- und Ankermethode

Staatsanwälte benützen bei ihren Befragungen noch zwei weitere Methoden. Eine davon, ist die Rückversetzungsmethode. Dabei stellt sich der zu Befragende die Situation und den Ort nochmals vor. Er wird aufgefordert zu beschreiben, was er genau wahrgenommen hat. "Was haben Sie gesehen, gehört und gefühlt? Machen Sie sich ein Bild davon." Das führt in der Regel zu ausdrucksstarken Antworten. Ill meint dazu: "Wir würden bei Befragungen viel bessere Resultate erzielen, wenn wir sie an den Tatorten durchführen würden." Der zweite Kniff bei den offenen Berichten nennt sich Ankersetzung. Beim freien Erzählen liefert der Zeuge/Täter selber sogenannte Anker, welche die Untersuchungsbehörden einfach überprüfen kann -  etwa Hinweise auf ein Telefongespräch oder auf eine Kreditkartenzahlung. Der offene Bericht hat zudem noch einen weiteren Vorteil: "Es ist nicht nur interessant zu hören, was jemand sagt, auch was er nicht sagt, ist von Bedeutung", so Ill.

 

Kontrahenten trotz Gemeinsamkeiten

Der Staatsanwalt hat bei Befragungen mehr rechtliche Möglichkeiten als der Journalist, ist dabei aber auch stark an rechtliche Normen gebunden. Um das Vertrauen eines Informanten zu gewinnen, muss der Journalist dagegen die Spielregeln selber festlegen. Er muss alle Massnahmen zum Quellenschutz treffen, mit dem Informanten die Spielregeln klären und alles unternehmen, damit sein Informant nicht auffliegt. Ist dies trotzdem der Fall, werden aus Journalisten und Staatsanwälten schnell Kontrahenten. "Es kommt immer wieder zu erfolgreichen Untersuchungen von Strafverfolgern, weil wir unvorsichtig sind", so Boss. "Der erfolgreiche Quellenschutz fängt aber bereits beim ersten Kontakt an. Wir haben eine Schutzpflicht gegenüber unseren Informanten."

 

Dieselben Probleme und Lösungsansätze

Staatsanwälte und Journalisten können voneinander profitieren, sie haben dieselben Probleme, müssen beide etwa grosse Datenmengen verarbeiten und analysieren. Auch die Lösungsansätze sind gleich, obwohl die journalistische Arbeit eher dem Job von Polizeibehörden ähnelt. Beide decken sie Fakten auf, die Staatsanwaltschaft erhellt diese und versucht sie zu einem Abschluss, zu einem Urteil zu bringen.

 

"Bei der Staatsanwaltschaft ist die Belastung bei jahrelangen Untersuchungen sehr gross", antwortet Ill, angesprochen auf die Vor- und Nachteile beider Berufe. "Journalisten kennen keinen Untersuchungsgrundsatz, sie können die Themen bei Bedarf fallen lassen und auswechseln.“ Boss stimmt zu: "Ausserdem kann ich mir meine Themen selber aussuchen, diesen Vorteil hat ein Staatsanwalt nicht." Auf die Frage, was er während des Recherchetags gelernt habe, antwortet Ill: "Davon überzeugt zu sein, dass ich in einer heiklen Recherche die entscheidende Information finden werde, auch wenn es beinahe aussichtslos erscheint." Und was lernt die Journalistin Catherine Boss von Staatsanwalt Ill? "Die ausgefeilten Befragungsmethoden haben mir Eindruck gemacht.“.

 

Sowohl Staatsanwälte als auch Journalisten wollen die Wahrheit finden. Die Rahmenbedingungen sind zwar nicht vollständig identisch, trotzdem sind die Methoden sehr ähnlich. Aller Gemeinsamkeiten zum Trotz: Im Falle von unwahrer Berichterstattung und/oder unzureichendem Quellenschutz ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen Journalisten oder gegen ihre Quellen. Ein ähnliches Szenario spielt sich ab, wenn Staatsanwälte ihre Macht missbrauchen. Sie finden sich in den Nachrichten wieder, nicht selten auf den Titelseiten.

 

Text: Tobias Tscherrig

Bilder: MAZ / Jae-in Moon