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Wozu noch Journalismus? Diese Frage stellt das MAZ Persönlichkeiten aus Medien, Kultur, Politik, Sport und Wirtschaft. Hier finden Sie die Antworten – jede Woche zwei neue.

 

MEDIEN

 

Salvador Atasoy, Doktorand der Universität Zürich und Journalist bei SRDRS / Information

Salvador Atasoy

Braucht es künftig noch Journalistinnen und Journalisten?

Wer mit «Nein» antwortet, will heute nicht mehr nur provozieren. Er kann auch auf eine Reihe guter Argumente verweisen.

Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels aus Wissenschaft und journalistischer Praxis erklären:

Betrachten wir dazu den Lifestyle-, genauer den Modediskurs (analog zum Politik- oder Wirtschafts-Diskurs). Dieser Diskurs ist wie kein anderer den gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Etwaige Konsequenzen der Digitalisierung und damit der «Demokratisierung» der Kommunikation, wenn wir sie der Einfachheit so nennen wollen, lassen sich an diesem Diskurs besonders gut aufzeigen.

Der Medientheorie nach liegt die Deutungshoheit des medialen (Mode-)Diskurses beim (Mode-)Journalisten. In der Praxis sieht das wie folgt aus: Die Modeindustrie präsentiert ihre Kreationen an Modeschauen in Mailand und Paris. Der Journalist sitzt in der ersten Reihe. Er rapportiert und interpretiert. Seine Berichterstattung bestimmt den medialen Diskurs. Zumindest war das bis anhin so.

Seit ein paar Jahren werden Journalisten zunehmend von Menschen mit Netbooks und Digitalkameras verdrängt. Diese meist jungen Leute haben in der Regel keine journalistische Ausbildung mehr. Die journalistische Haltung kennen sie folglich nicht, denn sie produzieren nur noch für ihre eigenen Medien – sprich Blogs, Podcasts, Newsletters u.a..

Kaum ist die Mode-Schau vorbei, stehen Fotos und Informationen dezentral zur Nutzung online. Für immer mehr interessierte Rezipienten findet der Mode-Diskurs deshalb auch oder gar ausschliesslich online statt. Die Mode-Industrie hat reagiert und lädt Blogger gezielt zu Modeschauen ein. Was klassische Modemagazine Wochen später berichten, ist für viele Rezipienten daher keine wissenswerte Neuigkeit mehr.

Der Theorie nach hat der (Mode-)Journalist damit die Deutungshoheit über den medialen (Mode-)Diskurs verloren. Ähnliches ist dereinst im Wirtschafts- und Politik-Diskurs denkbar. Die zu Beginn gestellte Frage könnte daher auch lauten: Kann der Journalist die Deutungshoheit über den medialen Diskurs zurück gewinnen? Und wenn ja, wie?

Die Überlegung der Medientheoretiker und Verleger, der Journalist müsse nur professionell und multimedial alle Kanäle bedienen um Blogger zu überstimmen, greift wohl etwas zu kurz. Denn alleine mit Überpräsenz, Geschwindigkeit und Penetranz lässt sich keine Deutungshoheit mehr herstellen. In der Theorie funktioniert dies nur in absoluten Herrschaften – in der Praxis gar nicht. Ganz abgesehen davon sind die Nicht-Journalisten in der digitalen Welt längst in der Überzahl.

Die Digitalisierung verändert den medialen Diskurs, sie definiert ihn neu. Warum also sollte die Medientheorie nicht auch den Journalismus und das journalistische Verständnis neu definieren, um der Deutungshoheit über den eigenen Diskurs gerecht zu werden? Folgende Punkte müsste man dabei beachten:
Die «News», das Ereignis findet heute 24/7 statt. Der Rezipient ist nicht mehr an einzelne Medien oder Distributionskanäle gebunden. Der Rezipient wird mit Informationen überhäuft, das einzelne Ereingis verliert an Wichtigkeit.  Die Gesellschaft besteht aus hochspezialisierten Individuen.

Der Theorie nach hätte dies für den Journalismus folgende Konsequenzen: Das Gate-Keeping wird noch wichtiger. Der Journalismus muss professioneller werden – Analyse, Recherche, Erfahrung, Wissen, vernetztes Denken und Quellenpflege werden zum Wettbewerbsvorteil. Universitäres Denken und journalistische Praxis müssen enger verknüpft werden. Der Journalismus wird teurer.

Dies hätte Folgen für die journalistische Praxis. Ein Ereignis wäre künftig nur noch Denkanstoss und nicht mehr Hauptinhalt einer Geschichte. Neue Verbreitungstechniken, Stichwort «iPad», bestimmen die Art des medialen Diskurses. Team-Arbeit, denkbar auch in Zusammenarbeit mit Universitäten, wie dies in den USA bereits probiert wird,  würde in den Vordergrund rücken.
 
Die Vision heisst folglich nicht unbedingt «Newsroom» sondern «Think-Teams». Die Deutungshoheit des Diskurses würde dann nicht mehr dem Journalisten, sondern einer kollaborierenden Gruppe unterliegen. Hierin liegt eine der Stärken der traditionellen journalistischen Arbeit. Denn das Internet ist dezentral organisiert. Lokale Teamarbeit ist die Schwäche des «Web 2.0».

 

Susan Boos, Chefredaktorin Die Wochenzeitung WOZ

Susan Boos

Weil ich sonst arbeitslos wäre und nicht mehr tun könnte, was ich am besten kann oder am liebsten tue, was nicht immer dasselbe ist. Man könnte ausschweifen und hinzufügen: Es braucht Journalismus für die Aufklärung – ohne krepiert die Demokratie. Daran glauben wir aufrichtigen und aufgeklärten JournalistInnen, weil sonst alles, was wir tun, zum Hobby verkäme. Aber stimmt es auch? Droht dem Journalismus nicht ein ähnliches Schicksal wie dem Indium? Dieses seltene Metall steckt in Handys, Bildschirmen oder Sonnenkollektoren, wird immer knapper und könnte in zehn, zwanzig Jahren ganz verloren sein – sprich auf dem Müll lagern.

JournalistInnen dürfte es immer geben, keine Bange. Aber vielleicht landet einmal der Journalismus auf dem Müll. Wenn die Mehrheit einer Gesellschaft nicht mehr unterscheiden kann zwischen Qualitäts- und Wegwerf-Journalismus, zwischen Rercherche und Hetze, zwischen Analyse und Verschwörungstheorie. Warum dann noch Journalismus? Schlicht, weil es das Handwerk ist, das die Gegenwart und die Machtverhältnisse ergründen kann. Was auch immer kommt: Etwas anderes haben wir nicht.

 

Balz Bruppacher, Journalist, ehemaliger Chefredaktor des Schweizer Dienstes der Nachrichtenagentur AP/ddp

Balz Bruppacher

Wozu noch Journalismus? (und zehn weitere Fragen)

  1. Fühlen Sie sich über das Geschehen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gut informiert?

  2. Können Sie sich im Internet einen gültigen Überblick über das Tagesgeschehen verschaffen?

  3. Tun Sie das auch?

  4. Wenn Sie wählen müssten: Würden Sie lieber auf Information oder auf Unterhaltung verzichten?

  5. Was stellen Sie sich unter nachhaltigem Journalismus vor?

  6. Welche Beispiele aus welchen Medien kommen Ihnen in den Sinn?

  7. Gehören die Nachrichtenmedien zum Industrie- oder zum Dienstleistungssektor?

  8. Können Sie in Zeitschriften die Inserate und den redaktionellen Teil auf Anhieb auseinanderhalten?

  9. Bescheidenheit, Fachkenntnisse, Fairness, Fantasie, Hartnäckigkeit, Mut, Neugier, Selbstkritik, Sorgfalt, Unabhängigkeit : Welches sind die drei wichtigsten Voraussetzungen für guten Journalismus?

  10. An welchen drei dieser Tugenden mangelt es heute am meisten im Journalismus?
 

Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR idée suisse

roger de weck

Wozu noch Journalismus? Nach wie vor zwecks Aufklärung – wozu denn sonst? Seit der «Relation aller fürnemmen und gedenckwürdigen Historien», die als erste Zeitung 1605 in Strassburg erschien, ging es um das Aufklärerische. Und um gute Geschichten.

 

Urs Gossweiler, CEO der Gossweiler Media

Urs Gossweiler

Statement zur Zukunft des Journalismus
Multimedialität als Herausforderung und Chance

Heute sind sich Mediennutzer gewohnt, innert weniger Klicks einen Artikel, die passenden Bilder dazu, einen Fernsehbeitrag und Originaltöne zu einem Thema zu finden. Niemand wundert sich mehr darüber, dass Youtube zu jedem noch so kleinen Ereignis ein Video ausspuckt. Der Umgang mit multimedialen Inhalten ist selbst-verständlich geworden, weil das Internet die Möglichkeiten dazu bietet. Der Nutzer hat sich daran gewöhnt und hat daraus ein Bedürfnis zum Konsum von multimedialem Content entwickelt. Doch welcher Verlag kann von sich behaupten dieses Bedürfnis vollumfänglich zu befriedigen?

Multimediajournalisten sind gefragt

Es wird immer weniger spezialisierte Printjournalisten, Fernseh-journalisten und Radiojournalisten geben, weil es Journalisten braucht, die dem heutigen Selbstverständnis der multimedialen Nutzung der Konsumenten gerecht werden. Journalisten müssen die heutige Multimedialität nicht nur konsumieren, sondern selbst auch produzieren können. Der neue multimediale Journalist muss innert kurzer Zeit fähig sein, den Output für sämtliche Medienkanäle selbst zu generieren. Solche Journalisten sind noch rar.

Grosse Medienkonzerne überleben

Wenn die Verlage einerseits begreifen, dass sie multimedialer werden müssen, um dem Bedürfnis der Kunden gerecht zu werden, und andererseits nur wenige Journalisten heute in der Lage sind, multimediale Inhalte in Personalunion herzustellen, ergibt sich folgendes Problem: Es überleben die grossen Medienkonzerne, die es sich leisten können, an eine Geschichte fünf Leute zu hängen, welche den multimedialen Output innert kurzer Zeit generieren. Dadurch werden nur noch Grossereignisse in den Medien abgebildet, weil kleinere Geschehnisse für die Verlage nicht finanzierbar sind. Lokale Ereignisse werden höchstens monomedial abgebildet und werden für die Nutzer uninteressant, weil sie sich Multimedialität gewöhnt sind.

Kleine Ereignisse wandern ins Web 2.0

Die kleinen Geschehnisse werden in Nischenmärkte gedrängt und nur noch von unbezahlten Privatpersonen im Web 2.0 publiziert und diskutiert. Eine Entwicklung, die vom journalistischen, demokratischen, gesellschaftlichen und föderalistischen Standpunkt aus nicht befürwortet werden kann. Wenn lokale Geschehnisse, sei dies aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Kultur oder im Sport nicht mehr in einer breiten Gesellschaftsschicht diskutiert werden können, weil sich die Diskurse nur noch in spezialisierten Foren auf Facebook, Twitter, Blogs und co fortsetzen, so verarmt unsere Gesellschaft. Der lokale Zusammenhalt und das Wissen, was sich im Umfeld des Wohnorts ereignet, geht verloren. Wenn sich die Verlage dessen nicht bewusst werden, wird die Schweiz, die zu Recht stolz auf ihre föderalistisch-demokratische Struktur ist, zunehmend vor sich hin erodieren.

Alleskönner sind gefragt

Für Journalisten heisst dies, dass sie neben den journalistischen Grundanforderungen zusätzlich kostengünstig fähig sein müssen, gut zu texten, schöne Bilder zu schiessen, eine Videokamera zu bedienen und ein Mikrofon richtig zu platzieren. Der Umgang mit multimedialen Produktionsabläufen und die multimedialen Kenntnisse der Journalisten müssen in der Aus-und Weiterbildung gezielt vermittelt werden. Auch die Verlagshäuser sind gefordert: Sie müssen Redaktionssysteme bereitstellen, welche den Eigenschaften der
neuen Journalisten Rechnung trägt und die Multimedialität vereinfacht.

Mehr multimediale Qualität, mehr Aufmerksamkeit, mehr Werbeeinnahmen

Wenn der Mediennutzer merkt, dass er im Multimediaverbund der Verlage mehr und qualitativ Besseres geboten bekommt, als er im Internet selbst findet, wird er seine Aufmerksamkeit vermehrt den Verlagen schenken. Damit wird der Kreis geschlossen, denn wer mehr Aufmerksamkeit erhält, wird auch mehr und wertvollere Werbung verkaufen können, was zur Folge hat, dass eine qualitativ hochstehende Publizistik finanziert werden kann.

 

Colette Gradwohl, Chefredaktorin Der Landbote

Colette Gradwohl

Wozu noch Journalismus?

Mehr als ein Dutzend beflügelnde Antworten aus berufenen Federn liegen bereits vor. Die Frage hat schon früher Journalisten und Medienfachleute umgetrieben. Und auch wenn die Zeiten und Verhältnisse zum Teil andere waren, manche Antwort hat sie überdauert, ist möglicherweise aktueller, gültiger und wegleitender denn je.

«Das Alpha und Omega des Journalismus ist das Verstehen und Verstandenwerden. Die Menschen sollen über das vermittelnde Geschäft des Journalismus zu Verstehenden gemacht werden.»
Hermann Boventer

«My only interest is to make a contribution to better knowledge and better thinking.»
Eugene Meyer (als er 1933 in Washington die «Post» kaufte, die spätere «Washington Post»)

«Journalism provides something unique to a culture – independent, reliable, accurate and comprehensive information that citizens require to be free.»
Bill Kovach/Tom Rosenstiel

«Das Verstehenwollen ist ein starkes Verlangen, das sich unter dem Eindruck zunehmender Komplizierung der gesellschaftlichen Organisation noch weiter ausbilden wird.»
Jürg Tobler

«Die Medien bleiben, allem Strukturwandel zum Trotz, Sachwalter der Öffentlichkeit.»
Anton Hügli

«Zeitungsschreiber und Professoren, zwischen ihnen liegt, wenn nicht eine Welt, so doch eine Kenntnis von dieser Welt. Eine Kenntnis, die nicht aus Büchern zu holen ist.»
Carl von Ossietzky   

«Es ist unvorstellbar, eine Welt ohne Zeitung zu haben, das hiesse, eine Welt ohne neugierige Menschen.»
Josef Joffe

«In the long run, people will pay attention to journalism only if they think it tells them something they must know.»
James Fallows

Die neuste Studie «World Press Trends», die anfangs August vom Weltverband der Zeitungen und Nachrichtenmedien (WAN-IFRA) vorgestellt wurde, belegt: 1,7 Milliarden Menschen lesen täglich eine Tageszeitung. Dies entspricht 25 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung. 2009 wurden weltweit 12’477 Zeitungen verlegt. Dies entspricht einem Zuwachs von 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
 

Kurt Imhof, Prof. Kommunikationswissenschaften und Soziologie, Universität Zürich

Kurt Imhof

Wozu noch Journalismus?

Das «noch» in der Frage lässt zwei Interpretationen zu: 1. Es braucht Journalismus im Zeitalter der Netzwerkmedien nicht mehr. 2. Der Journalismus hat so stark an Geltung verloren, dass sein Nutzen fraglich wird.

ad 1: Netzsurfer bilden keine Gesellschaft
Netwerkmedien wie Blogs, Talks und Social Web bilden fluide themenzentrierte Öffentlichkeiten. D.h. sie können die unabdingbaren Grundfunktionen demokratischer Öffentlichkeit nicht selbst erfüllen. Die Demokratie setzt eine medienvermittelte Öffentlichkeit voraus, die als permanenter Entdeckungszusammenhang allgemeinverbindlich zu lösender Probleme, der Kontrolle und Legitimation der politischen Institutionen und der Integration der Bürgerinnen und Bürger dient. Gesellschaftsweite Koorientierung ist ohne dauerhaft institutionalisierte Informationsmedien nicht zu haben ohne diese Koorientierung funktioniert die Demokratie nicht.

ad 2: Der Geltungsverlust stimmt und ist gefährlich.
Das Qualitätsbewusstsein hat sich auf Seiten der Medienmacher wie der Medienkonsumenten massiv verändert, der Journalismus verliert auf fatale Weise an Berufsprestige und die erfahrenen Journalisten in arrivierten Medien haben eine tiefe Berufszufriedenheit. Besonders gravierend sind die Sozialisationseffekte beim Publikum der 15 bis 35 jährigen, die massgeblich über Gratisangebote (Print/Online/Privatradios) die Gesellschaft wahrnehmen. Sie migrieren viel zu wenig auf Bezahlmedien, verunmöglichen dadurch die Geschäftsmodelle, die guten Journalismus finanzieren können und bilden auch die Rekrutierungsgenerationen eines reputationsschädigenden Billig-Journalismus der Rezyklierung von Newssites, in Gratiszeitungen und bei Privatradios. Diese Gattungen haben allesamt nicht genügend Ressourcen für eine professionellen Journalismus.

Fazit: Was braucht die Demokratie?
Wenn den Demokraten die Demokratie lieb ist, dann kommen wir ohne neue Finanzierungsgrundlagen für guten Journalismus nicht aus. Professioneller Journalismus ist der wichtigste Service public in Demokratien. Nötig ist das Folgende: 1. Die primären Träger der Publizistik sind neben den öffentlichen Medien die Abonnementszeitungen. Deren Geschäftsmodell funktioniert freilich nicht mehr. Wir müssen zu einem Mediensystem kommen, das durch staatliche und zivilgesellschaftliche Mittel (im Rahmen einer eidgenössischen Stiftung) auf der Basis von Qualitätskriterien guten Journalismus – unabhängig von seinen Plattformen – fördert. 2. Die Selbstkannibalisierung des professionellen Journalismus durch Gratismedien muss on- und offline beendet werden. Auch die Medienkonsumenten müssen lernen, dass guter Journalismus nicht gratis zu haben ist. 3. Es braucht eine unabhängige Medienbeobachtung, die die Qualitätsstandards erarbeitet und prüft, auf deren Basis die Finanzierung eines professionellen Journalismus gesichert werden kann.
 

Roger Köppel, Chefredaktor und Verleger Weltwoche

Roger Koeppel

Natürlich braucht es Journalisten, die ihre Aufgabe ernst nehmen. Journalisten müssen schreiben, was ist. Sie haben die Realität zu spiegeln, Missstände aufzudecken und Meinungsvielfalt herzustellen. Demokratien neigen zu Konformismus. Journalisten müssen Gegensteuer geben, skeptisch bleiben. Was nicht von selber ans Licht kommt, aber ans Licht kommen muss, haben Journalisten zu enthüllen. Der Staat ist das grösste Machtmonopol im Land. Die wichtigste Aufgabe des Journalisten ist die Kontrolle des Staates und seiner Organe. Diese Aufgabe kann an keine andere gesellschaftliche Instanz delegiert werden. Ohne die Kritik und Skepsis hervorragender Journalisten und Zeitungen kann die Schweiz nicht funktionieren. Journalisten sind entscheidend dafür mitverantwortlich, dass die Schweiz zukunftsfähig bleibt und Wohlstand produziert.

 

Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen und derzeit am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University, USA

Miriam Meckel

Wenn wir uns im Internet umschauen, dann stellen wir fest, dass es eine ganze Reihe von neuen Inhalten gibt, die tatsächlich netzspezifisch innovativ sind oder die eine Hybridform aus traditionellen Inhaltskategorien und neuen Formen der Netzkommunikation darstellen. Dazu gehören zum Beispiel Weblogs. Ausserdem erwachsen dem Internet neue Erzählkulturen, die sich alle Möglichkeiten und Formen der Informationsvermittlung und des Erzählens dienstbar machen. Dazu zählen journalistische Artikel oder auch Romane, an denen interessierte Leser im Netz mitschreiben können, um so wiederum zu Autoren zu werden. ...... Wer sich allein aus Blogs informieren will, muss viel Zeit und Energie aufwenden. Deshalb bleibt auch im Internet ein Platz für guten Journalismus. Seine Funktion ist es, einen Beitrag für die sachliche, soziale und zeitliche Synchronisation unserer Gesellschaft zu liefern. Sein Mittel ist die Thematisierung oder das Agenda Setting. Und sein Leitcode ist aktuell/nicht aktuell. Wenn wir uns als Bürger, Konsumenten, soziale Gefährten jeden Tag neu verständigen wollen, brauchen wir diesen Journalismus, der Recherche, investigatives Arbeiten und eine professionelle Beobachtungsgabe sowie ein entsprechendes Einschätzungs- und Einordnungsvermögen voraussetzt.

Die Aktualität ist dabei der zeitliche Filter, mit dem auch der Journalismus im Netz seine Auswahl trifft, Themen für die Leser selektiert. Und zuweilen ist dieser Filter durch die Beschleunigung so eng geworden, dass nur noch der Zeitfaktor eine Rolle spielt und andere Selektionskriterien auf der Strecke bleiben. Schnelligkeit schlägt Sachgenauigkeit und Relevanz. Im Netz wird das zum Teil so bleiben. Aber in den traditionellen Medien erleben wir seit einiger Zeit eine erfreuliche Neubesinnung auf die sachliche und soziale Aktualität in Form von debattenorientierter Hintergrundberichterstattung, längeren Stücken, fast literarisch erzählenden Reportagen. Dafür bleibt die Sprache auch so wichtig, weil sie nicht nur Instrument, sondern im Wortsinne Verwirklichungsmedium des Journalismus ist. Die Formen werden also vielfältiger. Aber die Kernaufgabe des Journalismus bleibt bestehen ebenso wie seine exklusive Codierung durch Aktualität. Wenn er sie im Sinne gesellschaftlicher Synchronisation zu nutzen versteht und dabei nicht die Ohren vor dem «writing out loud» verschliesst, dürfen wir uns auf die Zukunft des Journalismus freuen. Er wird dann weit mehr hervorbringen, als «content» zu beschreiben vermag.

 

Markus Spillmann, Chefredaktor NZZ / Leiter Publizistik in der NZZ Mediengruppe

Markus Spillmann

Eigenartig, diese Frage – ich habe sie mir in meinem ganzen Berufsleben so noch nie gestellt. Offenbar nehme ich etwas für selbstverständlich, das es nicht ist; oder etwa nicht mehr?

Hätte die Frage gelautet, «wozu noch guter Journalismus?», wäre mir eine Antwort leichter gefallen. Journalismus ist mehr als handwerkliches Genügen, mehr als die rein funktionale Haltung, Inhalte kostenlos oder gegen Entgelt zu produzieren. Denn das können viele – und immer mehr, der technologische Fortschritt sei Dank. Guter Journalismus aber definiert sich über Kompetenzen, über Talente, über Fleiss und Ehrgeiz, über Idealismus und – ja – Passion. Handwerkliches Genügen ist dabei eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung. Denn auch schlechter Journalismus kann handwerklich hervorragend gemacht sein. Jeder Chirug kann mit akuraten Schnitten den Blinddarm herausoperieren.  Allein: Ohne richtige Diagnose, warum der Patient über Bauchschmerzen klagt, ist der Eingriff unter Umständen nichts wert.

Warum also Journalismus – den guten? – Nun, weil es in einer Welt voller Informationen Platz hat für eine Berufsgattung, die für andere Menschen diese Informationsfülle sichtet, ordnet, nach Relevanz prüft, Mehrwerte schafft durch Ausleuchtung und Hintergrund, durch Recherche und Offenlegung, durch Analyse und – ja, gerade auch in Zeiten der Vielstimmigkeit – durch Meinung. Das galt vor 100 Jahren genauso wie es heute gilt – und es wird auch morgen noch so sein.

Das Handwerkliche mag sich ändern, das Prinzip aber bleibt sich gleich: Guter Journalismus schafft Ordnung, sorgt für Transparenz, reduziert Komplexitäten, bietet einen Kompass und leuchtet den Weg. Journalismus ist mehr als das Nachplappern von Informationen; Journalismus schafft Inhalte. Das war, das ist und das bleibt eine hehre Aufgabe, eine wunderschöne Herausforderung, nicht ohne Fallstricke, nicht ohne Widersprüche. Vielleicht liebe ich meinen Beruf deshalb so sehr, und vielleicht ist das auch der Grund, dass ich mir diese Frage nie gestellt habe. Kurzum: Ich bin Journalist.

 

Margrit Sprecher, freie Journalistin

Margrit Sprecher

Es ist nicht die Frage, die erschreckt. Es ist die Tatsache, dass sie gestellt wird. So tief also ist unser Selbstbewusstsein schon gesunken. Nur, weil sich Heerscharen von Hobby-Tippern im Internet tummeln und ihre momentanen Befindlichkeiten ins All schleudern, fragen sich ausgebildete JournalistInnen ernsthaft: Braucht es uns noch? Nur weil die Online-Dienste der Medien – dank ihrer Kürze und Aktualität –  immer häufiger genutzt werden, bangen wir: Mag noch jemand Zeitung lesen?

Kein Gourmetkoch schliesst sein Restaurant, weil die Fastfood-Ketten boomen. Denn er weiss: Seine Gerichte werden nicht bloss konsumiert und gleich wieder vergessen. Sein Gast studiert, bewertet und geniesst das Gebotene. So wie der Leser eine gute Zeitungen und Zeitschrift. Gute Blätter sind kreativ, sorgen für Ambiente und Zwischentöne. Sie fügen die Info-Fetzen aus dem Internet und den Gratis-Zeitungen zum Bild,  erkennen Zusammenhänge und liefern Tiefenschärfe. Gut möglich, dass wir es uns diesbezüglich zu lange zu leicht gemacht haben. Höchste Zeit, dies zu ändern.

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Albert P. Stäheli, CEO NZZ-Mediengruppe

Albert P. Staeheli

Der gegenwärtige Strukturwandel stellt vor allem Zeitungsverlage vor grosse Herausforderungen. Sie bewegen sich zukünftig mit ihrem Geschäftsmodell auf zunehmend unsicherem Terrain. An der Notwendigkeit des Journalismus ändert sich deswegen aber im Grunde nichts. Die Gesellschaft braucht ihn aus den klassischen Gründen: zur Herstellung von Öffentlichkeit, zur Kontrolle staatlicher und anderer Gewalten und für den Einzelnen zur Meinungsbildung und Orientierung. Die kurze Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass wir auch im digitalen Zeitalter auf professionelle und unabhängige Intermediäre angewiesen sind. Recherche, Analyse, Bewertung und Auswahl, sind in der zunehmenden Informationsflut sogar wichtiger denn je. Nach dem ersten Hype um Bürgerjournalismus, Blogs und Social Networks scheint sich langsam die Erkenntnis herauszukristallisieren, dass diese neuen Kommunikationsformen zwar willkommen sind, aber nur Ergänzungen zur professionellen Publizistik darstellen können.

Schwieriger zu beantworten ist denn auch die Frage, wie erfolgreicher Journalismus künftig aussehen wird. Um bestehen zu können, müssen Medienunternehmen ihre Produkte an das veränderte Marktumfeld anpassen, sie noch weiter differenzieren und profilieren. Die Glaubwürdigkeit von Medienmarken wird nicht durch Werbung erzeugt, sondern durch andauernde Kompetenz und Verlässlichkeit im redaktionellen Inhalt. Das geht nur mit einem professionellen, ausdifferenzierten Journalismus, der es schafft, Inhalte sowohl zielgruppen- wie auch mediengerecht zu verbreiten. In dieser stärkeren Fokussierung auf die Bedürfnisse der Mediennutzer steckt wohl eine wesentliche Veränderung im beruflichen Selbstverständnis der Journalisten. Man darf dies aber nicht falsch verstehen: Unabhängigkeit und Skepsis nach allen Seiten muss nach wie vor zur Grundausstattung im Journalismus gehören. Neben der reinen Fachkompetenz werden aber Fähigkeiten in Bezug auf Darstellungsform und Verbreitungsweg an Bedeutung gewinnen.
 

Pietro Supino, Verleger und Präsident des Verwaltungsrats Tamedia AG

Pietro Supino

«Journalismus war, ist und bleibt sehr wichtig. Die Menschen auf der Welt rücken immer näher zusammen. Gleichzeitig fragmentiert sich die Gesellschaft immer mehr. Das stark wachsende Angebot unterschiedlicher Kommunikationsplattformen ermöglicht es jeder Gruppe mit gemeinsamen Interessen, über geografische und soziale Grenzen hinweg untereinander zu kommunizieren. Die Folge sind eng verknüpfte, von anderen aber ebenso klar abgegrenzte Teilgesellschaften.

Guter Journalismus und die Geschichten, die diesen Journalismus auszeichnen, bilden Klammern um unsere fragmentierte Gesellschaft. Guter Journalismus bewegt sich über gesellschaftliche Grenzen hinweg und schafft Möglichkeiten eines verbindenden Diskurses. Unsere Herausforderung als Verleger ist es, vor dem Hintergrund des gewaltigen Strukturwandels gleichzeitig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und unsere traditionsreichen Medien in ihren jeweiligen Eigenarten in die Zukunft zu führen, ohne dabei unsere auch politische Unabhängigkeit zu verlieren.Ich bin guten Mutes, dass uns dies gelingen wird. Denn guter Journalismus ist, davon bin überzeugt, für die Gesellschaft unverzichtbar.»

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Martin Wagner, ehemals Verleger BaZ

Martin Wagner

Die Frage «Wozu noch Journalismus» möchte ich mit einem heute noch in allen Teilen geltenden Zitat von Thomas Jefferson, dem 3. Präsidenten der USA, beantworten, das aus dem Jahre 1787 stammt: «Der Weg, um die irreguläre Beeinflussung der Menschen zu verhindern, besteht darin, sie via Zeitungskanal voll über ihre Angelegenheiten zu informieren und dafür zu sorgen, dass die Zeitungen die gesamte Masse der Menschen erreichen. Unsere Regierungen basieren auf der freien Meinung der Menschen, und wenn ich wählen müsste zwischen einer Regierung ohne Zeitungen oder zwischen Zeitungen ohne Regierung würde ich mich für letzteres entscheiden.»

Jefferson trat also bereits Ende des 18. Jahrhunderts aus freiheitlichen und demokratischen Überlegungen für eine freie Presse und eine subventionierte Postzustellung der Zeitungen ein. Journalisten müssen heute wie eh und je dafür sorgen, dass Leute, die im öffentlichen oder im privaten Sektor oder im Nonprofit-Bereich an der Macht sind oder nach Macht streben für ihr Wirken zur Rechenschaft gezogen werden. Sie müssen die Informationsbedürfnisse der Menschen, für die sie schreiben, als legitim betrachten. Sie müssen plausible Methoden anwenden, um die Wahrheit von der Unwahrheit zu trennen oder zumindest dafür sorgen, dass Lügner und Betrüger die Menschen nicht in Katastrophen führen. Schliesslich muss der Journalismuss auch weiterhin das Frühwarnsystem der Nation bilden, damit möglichst viele Probleme vorhersehbar werden und gelöst werden können bevor sie zu Krisen ausarten.

Ich bin also nicht der Meinung, dass sich der Jounalismus in seinem Kern ändert. Die Aufgabe ist die gleiche geblieben, geändert haben sich lediglich die Verbreitungsmodalitäten.

 

Peter Wanner, Verleger AZ Medien

Peter Wanner

Journalismus braucht es mehr denn je. Und zwar guten. Warum?

Weil wir die Welt sonst nicht mehr begreifen. Weil wir nicht mehr verstehen, was vor sich geht.

Diese Welt ist verrückt geworden, sie stürzt von Krise zu Krise. Die Märkte sind nicht mehr im Gleichgewicht, vieles ist aus dem Lot geraten. Selbstgemachte Naturkatastrophen wie die Oelpest im Golf von Mexiko gehören schon fast zur Tagesordnung. Auf die Finanz- und Wirtschaftskrise folgt eine gigantische Schuldenkrise – mit unabsehbaren Folgen. Ein täglich sich abspielender Wahnsinn, an den wir uns gewohnt haben. Gutes Unterhaltungskino.

Weil sich die Ereignisse derart überschlagen, die Probleme immer komplexer werden, das Tempo ständig zunimmt, sind die meisten Politiker überfordert. Sie hinken mit der Problemlösung hinterher. Gouverner, c`ést prévoir – das war einmal. Regierende und Politiker sind längst zu Feuerwehrleuten mutiert – andauernd damit beschäftigt, Brände zu löschen.

Hier muss guter Journalismus ansetzen. Die aus den Fugen geratene Welt, all die verrückten Dinge und Bilder, die wir sehen, wollen erklärt werden. Warum ist es so und nicht anders gekommen? Was haben sich die Akteure dabei gedacht? Wie hat es sich wirklich abgespielt? Wer sind die Verantwortlichen? Wer die Drahtzieher? Was stimmt und was stimmt nicht? Wo wird vertuscht und wo wird schamlos gelogen?

Guter Journalismus muss nicht neu erfunden werden, er muss sich nur auf seine Vorbilder und auf eine einfache und eindringliche Sprache besinnen. Angetrieben von unablässiger Neugierde, von unersättlichem Erkenntnisdrang geht der Vollblutjournalist ans Thema heran, leuchtet hinter die Fassade, recherchiert hartnäckig, bohrt tiefer, kommt auf den Punkt und hilft so der Wahrheit auf die Sprünge. Was für ein spannender Beruf!

Die Realität so darzustellen, wie sie wirklich ist in all ihren Facetten - das ist faszinierend genug. Es braucht gar keine Zuspitzung, keine Uebertreibung. Denn längst gilt: La réalité dépasse la fiction.
 

KULTUR

 

Daniel de Roulet, Schriftsteller

Daniel de Roulet

Les journalistes exercent un métier né avec les révolutions bourgeoises de la fin du 17ème siècle. Ils ont accompagné ces révolutions de manière critique. Maintenant que les révolutions bourgeoises virent au populisme, elles n’ont plus besoin du journalisme. Quelques potins people, blogs et talks suffisent. Ce n’est donc pas une question de technologie, comme on veut le faire croire, c’est une question politique.

Chaque fois que je connais quelque chose à un sujet et que je le vois traité par un journaliste, je ne le reconnais plus. Les journalistes désormais sont paresseux, se copient les uns les autres, ne se donnent plus la peine d’enquêter, de lire ou de voir sur place ce dont ils nous parlent. Ils se cachent derrière les progrès de l’ère digitale pour crier misère, alors que s’ils disparaissent c’est parce que leur fonction historique se termine. Quand je rencontre un journaliste il est sympathique et souriant mais très vite il me parle de son métier qui, dit-il, est menacé. Comme si le métier des autres n’était pas menacé, comme si, lui ou elle, journaliste n’avait pas pendant des années expliqué aux autres qu’ils devaient être mobiles, globalisés, adaptés. Maintenant ils voudraient qu’on les plaigne. Si ces énervés, consensuels et gouvernementaux, disparaissent, je m’en réjouirais. Il en restera peut-être quelques-uns, ceux qui pensent par eux-mêmes, qui ne se croient pas omniscients et au service de la langue de leurs maîtres. Mais ceux-là ne seront plus journalistes. Ce seront à nouveau des intellectuels, capables de prendre des risques sans être couchés (embedded) dans le lit du pouvoir. Avec leur langue et leurs yeux pour voir et même pour pleurer.

 

Valentin Gröbner, Professor am Historischen Seminar der Universität Luzern

Valentin Groebner

In der feedback-Schlaufe

Worauf bezieht sich das «noch» in der Frage «Wozu noch Journalismus?» Als Historiker würde ich sagen: auf das Jahr 1964. Damals, im selben Jahr wie Marshall McLuhans «Understanding Media», erschien ein Buch von Stanislaw Lem, das «Summa Technologiae» hiess – keiner der Science Fiction-Romane, die den Polen berühmt gemacht haben, sondern ein höchst ernsthafter Versuch zur Logik technischer Entwicklungen. Darin gibt es ein lesenswertes Kapitel zur Informationsexplosion, die Lem in ironischer Parallele zum Rüstungswettlauf des Kalten Kriegs «die Megabit-Bombe» nennt. Was geschieht in einer Gesellschaft, wenn plötzlich unendlich viel Information für alle verfügbar wird, weit mehr als je gelesen, ausgewertet und verarbeitet werden kann?

Im Jahr darauf erschien Michael Frayns Roman «Tin Men». Der formulierte sozusagen die Antwort auf Lems Frage nach den Wirkungen der Informationsflut, und die hiess: elektronische Datenverarbeitung, medial umgesetzt. Das «William Morris Institute of Automation Research» entwickelt eine gewaltige Rechenmaschine, die komplette Zeitungen voller aktueller Nachricht produzieren kann. Der Supercomputer in Frayns Roman arbeitet unabhängig davon, was tatsächlich geschieht; er wertet vielmehr Umfragergebnisse aus, welche Berichte beim Publikum den grössten Erfolg gehabt haben, und variiert sie dann nach den Wünschen der Leser. Soll es jeden Monat einen Flugzeugabsturz geben oder öfter? Soll das Opfer im täglichen Mordfall ein kleines Mädchen, eine alte Dame oder eine schwangere junge Frau sein? Damit, so der strahlende Chef des Forschungsinstituts, werde es erstmals möglich, Zeitungen ökonomisch erfolgreich und gleichzeitig kostengünstig zu produzieren. Sein Untergebener, Spezialist für automatisierte Sportberichterstattung, träumt währenddessen davon, eine Roman zu schreiben, verbringt aber seine Zeit damit, hymnische Rezensionen auf sein eigenes literarisches Meisterwerk zu verfassen, das noch nicht existiert, plus vorgebliche Interviews mit dem hochbegabten Autor.

Die Abkopplung des Medialen und seine Selbstbestätigung in feedback-Schlaufen sind also möglicherweise um einiges älter als das Internet und die digitale Bauchrednerei in den Blogs. In der Online-Ausgabe des «Tages-Anzeigers» und einiger anderer Nachrichtenportale erscheinen heute diejenigen Schlaglinien zuoberst, die am häufigsten angeklickt werden – Michael Frayn und Stanislaw Lem hätte das eingeleuchtet. Wahrscheinlich steckt darin eine gute Nachricht. Unsere Befürchtungen über die Zukunft sind so eindringlich wirksam, weil wir sie schon kennen, aus der Vergangenheit. Der Boom des Medienbranche in den 1960er-Jahren war von Beginn an begleitet von düsteren dystopischen Prophezeiungen über die drohende Herrschaft von Simulation und Manipulation. Interessanterweise erscheinen ganz ähnliche Szenarien heute wieder, wenn von sinkenden Auflagen, schrumpfenden Anzeigeneinnahmen und der Verflüssigung aller Inhalte in der Bannerwerbung und Klick-Ökonomie des Internets die Rede ist.

Nachrichten und der Glaube an sie sind dem Fiktiven eng verbunden; möglicherweise sind sie einfach das moderne Gegenstück zur Religiosität des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Nachrichten gleichen insofern religiösen Ritualen der Vormoderne, als sie ihren Konsumenten eine temporäre Ablenkung von alltäglichen Routinen verschaffen und die ebenso konstante Illusion einer Begegnung mit Ereignissen, die sehr viel grösser, authentischer und relevanter erscheinen als die eigenen. Wie religiöse Traktate und Predigten früherer Jahrhunderte, so hat der boshafte Peter Carey 1987 geschrieben, versorgten Nachrichten ihr Publikum mit einer konstanten Folge von Ereignissen, die sich jenseits des unmittelbaren Alltags- und Wahrnehmungshorizonts abspielen. Und wie die Schreckbilder der vormodernen Religiosität seien diese Nachrichten gerade dann beruhigend, wenn sie von Schrecklichem berichteten; denn dieses Bedrohliche lasse das Vertraute des eigenen Alltags umso spürbarer werden, und lasse sich obendrein dazu gebrauchen, der eigenen Gruppe den Status eines bedrohten Opfers zuzuschreiben. Der Bezug aufs vertraute Lokale steigert diese Wirkung noch – das hätte man den Bettelordenspredigern des 14. und den Flugblattschreibern des 16. Jahrhunderts nicht extra erklären müssen. Michael Frayns «Tin Men» auch nicht.

Was passiert nun, wenn der Journalismus sich heute seiner eigenen Krise annimmt? Nachrichten haben jenseits ihrer selbstgemachten Echo-Schlaufen auch reale Effekte – und zwar gerade dann, wenn es Rückkopplung geht. Im eigenen Alltag und gerade im vielgerühmten lokalen Kontext nimmt das häufig eher unangenehme Formen an. Denn auch das ist eine weitverbreitete Erfahrung der letzten Jahrzehnte: Wenn etwas als Nachricht und «Geheimtipp» in der Zeitung kam, war es damit vorbei – das schöne Wohnquartier mit den billigen Mieten, der stille Badeplatz am See, der gute Ort zum Essen oder zum Tanzengehen. Der Ort wurde dadurch anders, dass der Journalismus ihn entdeckte, und das, so wussten alle Beteiligten, war ein unumkehrbarer Prozess. Mediale Berichterstattung hat die Macht, ihre Gegenstände – das gilt für vergnügte Untergrund-Bands ebenso wie für „unberührte“ Ausflugsziele - in eigenartig unechte und grelle Kopien ihrer selbst zu verwandeln. Da ist es mir eigentlich fast lieber, wenn sich die Journalisten vornehmlich mit Selbstaufgeblasenem befassen, da kann nichts kaputtgehen. Und ihre Inhalte mit jener fiktiven Wunderwelt abstimmen, die die Ökonomie aller Nachrichtenmedien in den letzten Jahrzehnten stark mitbestimmt hat und die zum Wirklichkeitsgehalt der Nachrichten in einem interessanten dialektischen Kontrast steht – der Werbung.

Oder doch nicht? In jeder Stadt, die mehr als eine halbe Million Einwohner hat, so hat Sven Omdal, Chefredakteur der angesehehen norwegischen Zeitung Samtiden unlängst geschrieben, nimmt die politische Korruption massiv zu, wenn es dort keine Tageszeitung mehr gibt, die diesen Namen verdient.

Wenn Sie ihn verdient.

Haben Sie schon einmal einen guten investigativen Artikel im Internet gefunden, einfach so? Ach ja, wikileaks. Aber wo haben Sie davon gelesen?

Willkommen im Jahr 1964. Wo sind eigentlich die Beatles?
 

Jürg Halter, Dichter und Musiker (Kutti MC)

Jürg Halter

Wozu noch Journalismus?

Die unaufhörliche Flut an Informationen auf allen Kanälen zu jeder Zeit und die stete Versuchung vor ihr zu kapitulieren. Den Kopf ins Eisfach zu stecken, um zu rufen: Hier bleibe ich!

Die unaufhörliche Flut an Informationen auf allen Kanälen zu jeder Zeit: Als aufmerksamer Konsument von Medien muss man sich ständig fragen: Wer entscheidet weshalb über bestimmte Formen und Inhalte? Wer besitzt welches Medium? Das Gegebene nicht als das Gegebene betrachten.

Durch das Internet, mit all seinen Seiten, Blogs und Foren, nimmt die Medienvielfalt zahlenmässig weiter zu, gleichzeitig wird es immer aufwendiger qualitativ Relevantes in all dem Müll zu finden.

Denn jeder hat eine Meinung, jeder kann sich selbstgerecht als Meinungsmacher hervortun, aber die wenigsten von ihnen haben eine ihrem Gegenstand entsprechende Kompetenz. Eine gefährliche Entwicklung. Billigmeinungen für Gratiskonsumenten. Viertelwissen für Viertelwissende.

Die Frage stellt sich: Will uns jemand von wirklich Entscheidenden ablenken?

Heroische, weil unkorrumpierbare Journalisten braucht es also mehr denn je. Andererseits muss der Konsument wieder vermehrt bereit dazu sein, den gebührenden Preis dafür zu bezahlen. Qualität gibt es nicht gratis. Eine verantwortungsbewusste Recherche besteht nicht aus Copy-Paste.

Ein ständig sich selbst, die Sprache und seine Quellen hinterfragender Journalist ist ein Held. Einer, der sich täglich höchst kritisch der Flut an Informationen stellt; auswählt, vergleicht, nachvollziehbar darüber urteilt, aufklärt. Einer, der dem Konsumenten nicht sagt, was er hören will, sondern was Sache ist. Einer, der einer immer zu hinterfragenden Wahrheit, statt dem Publikum dient, dieses also aufrichtig ernst nimmt. Und somit auch sich selbst.

Solch konsequente Helden sind selten, aber zu jeder Zeit unbedingt nötig. Nicht zuletzt zur Aufrechterhaltung oder Einforderung einer Demokratie.


(c) Fotograf: Matthias Günter

 

Ludwig Hasler, Publizist, Philosoph

Ludwig Hasler

Fragen wir doch gleich: Wozu noch Demokratie? Solange das Volk in allen wichtigen Fragen das letzte Wort hat, braucht es Informationen, die nicht aus PR-Abteilungen kommen, Argumente, die nicht von Interessenvertretern vorgekaut sind. Für diesen Service public bleibt Journalismus die erste Adresse – gerade im Zeitalter der digitalen «Schwarmintellingenz»: Wenn angeblich jede Information jederzeit verfügbar wird, wächst das Bedürfnis nach einer Autorität, die auswählt, nachforscht, durchblickt, klug, scharfzüngig, erhellend formuliert.

Die Frage wirkt also rhetorisch – und taugt doch zur Klärung des Selbstverständnisses. Journalisten sind selber schuld, wenn die Blogosphäre gerade für intelligente Zeitgenossen interessanter wird als das routinierte Einerlei mancher Tagesmedien; sie machen sich selber überflüssig, wenn sie bloss weiter reichen, was ins Netz gestellt, in Communiques geschrieben wird. Journalismus überlebt als Aufmischer der Infoklumpen, als intelligentes Ferment der Meinungsträgheit. Er muss weg von der einschläfernden Konsenskultur – hin zur Lust auf Dissens, zum Anzetteln leidenschaftlicher Debatten. Journalismus als Fegefeuer der Denkfaulheit: unabhängig, engagiert, unverschämt.

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Peter von Matt, Publizist und emeritierter Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich

Man muss unterscheiden zwischen dem Medium und der gesellschaftlichen Aufgabe des Journalismus. Die Medien ändern sich. Wie sie das tun, zeichnet sich in der Tendenz ab. Wie sehr sie es tun werden, ist nicht vorherzusagen. Der gänzliche Untergang der Printmedien ist unwahrscheinlich, eine stärkere funktionale Ausdifferenzierung dagegen anzunehmen. Dies hängt zusammen mit der gesellschaftlichen Aufgabe des Journalismus. Information über das jeweils Neue kann jedes Medium liefern.

Information mit Einordnung in die relevanten Kontexte aber, mit systematischer Prüfung der Stichhaltigkeit, mit Abwägung der möglichen Konsequenzen und Reflexion der historischen Bedingungen erbringt nur der Qualitätsjournalismus. Dieser steht einerseits den Blogs gegenüber, in denen über alles irgendwas gesagt wird, und andererseits den Talks, in denen möglichst Kontroverses möglichst laut gesagt wird. Beide blockieren die folgerichtige Analyse. Für diese braucht es den Journalismus von Rang.

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Milena Moser, Schriftstellerin

Milena Moser

Journalisten erklären die Welt. So, dass man sie versteht. Das ist eine Vertrauensposition. Sie setzt voraus, dass Journalisten wissen, worüber sie schreiben. Dass sie selber hinschauen, nachdenken und Schlüsse ziehen - ohne die Copy-Paste-Funktion zu verwenden. Das braucht Zeit, und das braucht Geld.
Die Antwort ist eineinhalb Kilo schwer und heisst «The San Francisco Panorama» – ein 320 Seiten starkes Experiment des Schriftstellers Dave Eggers («Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität»), der einfach einmal zeigen wollte, was wirklich möglich ist. Was eine Zeitung – im Gegensatz zum Internet – sein kann. Zusammen mit befreundeten arbeitslosen Journalisten kreierte er ein wahres Meisterwerk: mit Originalcomics, hundert Seiten Literaturbeilage, einem sechzehnseitigen Essay von Stephen King über ein Football-Spiel, mit herausnehmbaren Postern, Tusch- Illustrationen, auf grünem und rosa Papier gedruckt und in einem Format, das eigentlich nur auf einem altmodischen Lehnsessel ganz auseinandergefaltet werden kann. Dafür lagen gleich zwei handliche Magazine bei, eines allein für Reportagen.

Das «San Francisco Panorama» war satt mit Anzeigen gespickt und in wenigen Stunden ausverkauft. Eggers schloss daraus, dass Leser durchaus bereit sind, mehr für eine Zeitung zu bezahlen, solange sie auch mehr von ihr bekommen. Fehlt nur noch jemand, der bereit ist, so eine Zeitung auch zu machen. Jeden Tag.

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Peter Stamm, Schriftsteller

Peter Stamm (Foto Gaby Gerster)

Die Journalistin, den Journalisten, die es auch in Zukunft brauchen wird, sind nicht primär jene, die PR-Texte bearbeiten, Agenturmeldungen auswählen oder Lifestyle-Kolumnen verfassen. Was kein Pressesprecher, keine Agentur und kein Blogger den Journalisten abnehmen kann, sind die Recherche, die Analyse, der eigenständige Kommentar.

Je mehr Journalistinnen und Journalisten in die Kommunikationsberatung und in die Public Relations abwandern, desto dringender brauchen wir die übrigen, die aus den leeren aber immer effektiveren Texten, mit denen Politiker und Wirtschaftsunternehmen uns abfüttern, die Wahrheit oder die Unwahrheit herausdestillieren. Dafür braucht es nicht nur hohe Sachkenntnis, sondern immer dringender ein gutes Ohr für Sprache und eine Genauigkeit im Schreiben. Denn die Arbeit am Text ist immer auch eine Arbeit am Gedanken.
(Foto: Gaby Gerster)

 

POLITIK

 

Christine Beerli, Fürsprecherin, Vizepräsidentin des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK )

Christine Beerli

Braucht es künftig noch Journalismus und damit JournalistInnen?

welch eine Frage – natürlich, mehr denn je!

Die technologische Revolution wird die Art der Präsentation und Übermittlung der Informationen tiefgreifend beeinflussen. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass jemand entscheiden muss, was aus der unendlichen Vielfalt der täglichen Ereignisse Informationscharakter hat und in welcher Art der Sachverhalt  aufbereitet und der Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Da die Interessen des Publikum ausgesprochen heterogen sind, sind die «Informationsprofis» gehalten, sich zu spezialisieren, um die Nachfrage nach Einsicht in spezielle Gebiete kompetent und zeitgerecht abzudecken. Politik, Sport, Kultur, Gesellschaft, Wohnen, Garten, Schönheit, Tiere, Reisen und viele weitere mehr – alle Bereiche wollen bearbeitet sein. In einem Umfeld, in dem viele Menschen keine Zeit mehr haben – oder sich keine Zeit mehr nehmen – Bücher zu lesen, ist die journalistische Aufbereitung von Wissen von grösster Bedeutung. Sie ermöglicht vielen Menschen einen Einblick und anderen den Anstoss, sich vertieft mit einer Materie auseinanderzusetzen. Ich habe persönlich viele Bücher erst gelesen, weil ich vorher über sie gelesen habe – und dies war immer ein Gewinn.

Journalismus hat grosse Bedeutung weit über den politischen Journalismus hinaus – es liegt mir daran, dies festzuhalten, da ich mich nunmehr doch dem Bereich der «Politberichterstattung» zuwenden möchte.

Es gibt keine freie, offene, demokratische Gesellschaft ohne freie Medien und unabhängige JournalistInnen (Medienschaffende). Dies ist eine Binsenwahrheit – aber wert wiederholt zu werden. Freiheit und Unabhängigkeit – natürlich von staatlicher Einflussnahme und Gewalt. Hier sind die Gefahren in vielen Ländern offensichtlich und müssen bekämpft werden.

Freiheit und Unabhängigkeit können aber in unseren Breitengraden auch auf subtilere Art in Gefahr geraten: wirtschaftliche Macht (oder Ohnmacht) macht ihren Einfluss geltend. Redaktionen werden aus finanziellen Gründen bis unter die Schmerzgrenze verkleinert, der Druck auf den einzelnen Mitarbeitenden wächst – es steht keine Zeit mehr für seriöse Recherchen zur Verfügung und der Markt erwartet sensationelle Geschichten. Braucht es hier nicht fast übermenschlich viel Kraft, sich den Freiraum zu wahren und – vielleicht auf Kosten der Karriere – seinem Berufsethos nachzuleben? Und doch sind dies genau die JounalistInnen, die die heutige Welt so dringend braucht: neugierig, mutig, hartnäckig, in die Tiefe gehend, sachkundig, unvoreingenommen und verantwortungsbewusst. Ohne sie gehen wir in der Flut der ungefilterten – oder schlimmer noch – bewusst aufbereiteten und ausgelesenen Informationen unter!

 

Korpskommandant André Blattmann, Chef der Armee

André Blattmann

Wozu noch Journalismus?

Die Presse und somit der Journalismus gelten gemeinhin als vierte Gewalt im Staat. Ihre Legitimation in Frage zu stellen wäre unklug – der Journalismus gehört zu einer funktionierenden Demokratie wie es Legislative, Exekutive und Judikative tun.

Journalisten können erklären, Wissen «transportieren», sichtbar machen, aufdecken und sogar anwaltschaftlich vorgehen. Das sind wichtige Aufgaben, gerade auch im Hinblick auf unsere Milizarmee. Die Armee ist kein Selbstzweck – sie schützt Land und Leute. Und gerade deshalb müssen unsere Bürgerinnen und Bürger wissen, wenn Missstände vorhanden sind. Hier trägt seriöser Journalismus einen wichtigen Teil zur Ordnung bei.

Die mediale Kontrolle der Armee ist in der Schweiz sehr ausgeprägt. Nicht zuletzt ist dies auf eine weitere grosse Stärke unsere Milizarmee zurückzuführen: sie besteht aus selbstverantwortlichen Bürgern. Der Angehörige der Armee ist ein Bürger in Uniform und dieser Bürger in Uniform ist die beste Garantie für eine funktionierende demokratische Kontrolle der Armee. Ein einzigartiges System als Grundlage für eine einzigartige Erfolgsgeschichte eines Landes, das seit über 160 Jahren von einem Krieg auf eigenem Territorium verschont geblieben ist.

Zur journalistischen Aufgabe gehört es denn auch, die vielen guten Leistungen zu dokumentieren, die unsere Armee zu Gunsten der Sicherheit erbringt. Den Schweizerinnen und Schweizern die Bedeutung der Sicherheit und den Nutzen der Milizarmee in Erinnerung zu rufen, auch das ist eine journalistische Aufgabe. In diesem Sinne verstehe ich die Zusammenarbeit mit den Medien durchaus als echte Partnerschaft für unser Gemeinwesen. Eine Partnerschaft, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert und die ich weiter pflegen will.

Ich bin überzeugt, dass guter Journalismus wesentlich dazu beiträgt, unsere Demokratie zu stärken. Umso bedauerlicher ist es folglich, wenn primär Emotionen bewirtschaftet, abgeschrieben und auf Thesen basiert wird. Als Bürger und Armeechef erwarte ich von unseren Journalisten, dass sie der Wahrheit verpflichtet sind – getreu dem angelsächsischem Motto: «Facts are sacred, opinion is free.»  Für diese Freiheit steht denn auch die Schweizer Armee ein – heute und in Zukunft!

 

Achille Casanova, già Vicecancelliere della Confederazione e Portavoce del Consiglio federale. Ombudsmann DRS

Achille Casanova (MAZ-Stement)

Per qualcuno che per quasi cinquant’anni ha operato nel e con il giornalismo, la domanda può sembrare inutilmente provocatoria. Non è infatti facile mettere in dubbio il lavoro di una vita.

Eppure con l’avvento sempre più incisivo di internet, Twitter, Facebook, SMS ed altri simili strumenti di comunicazione la domanda è legittima e importante. Al giorno d’oggi con un semplice click ci si culla nell’illusione di essere informati su tutto quello che succede. Per di più gratuitamente. E allora, perché permetterci ancora un costoso giornalismo?

Eppure, proprio perché le informazioni corrono con la velocità dell’elettronica, il giornalismo assume ancora maggior importanza. Non per niente lo stesso Presidente Obama ha recentemente espresso il suo scetticismo nei confronti dei «New Media». In un discorso davanti agli studenti dell’università di Hampton il Presidente americano ha sottolineato che i media moderni ci bombardano 24 ore al giorno e per 7 giorni alla settimana con infiniti contenuti ed argomenti, di cui molti non corrispondono alla realtà. Con strumenti quali iPods e iPads, Xboxen e PlayStations le informazioni diventano diversione e intrattenimento e non sono più veicolo di emancipazione e di sviluppo personale. Ciò non è grave solo per i giovani, ma anche per la stessa democrazia.

Il ruolo del giornalismo e del giornalista rimane dunque estremamente importante. Cercare le informazioni, selezionarle, valutarle, spiegarle, inserirle nel loro contesto e commentarle rimane una impellente necessità di fronte ad una realtà politica, economica e sociale sempre più complessa. La funzione del giornalista di esaminare in modo critico quanto i detentori del potere dicono e fanno, rimane essenziale per il buon funzionamento della democrazia.  Che questo lavoro sia sempre più difficile in un periodo come l’attuale, caratterizzato da difficoltà economiche di stampa scritta, radio e televisione, non incide sulla necessità di dover continuare a disporre di un giornalismo di qualità.

Preoccupa nondimeno che, stando a recenti sondaggi, giornalisti e media arrivino all’ultimo posto della graduatoria per quel che concerne la credibilità. Un fatto questo che deve far riflettere e che conferma l’importanza della formazione dei giornalisti ma anche della difesa dei veri valori del giornalismo nei confronti di pur legittime preoccupazioni pecuniarie.

Foto: (c) SF Oscar Alessio

 

Hans-Jürg Fehr, Nationalrat

Hans-Juerg Fehr

Wer in einer Gesellschaft von Individuen leben will, die eigenständig denken und verantwortungsbewusst handeln können, wer in einem demokratisch organisierten Staat leben will, dessen wichtigste Entscheidungen Bürgerinnen und Bürger fällen, die den Durchblick haben, kommt ohne guten Journalismus nicht ans Ziel.

Gut ist Journalismus dann,

_wenn er die relevanten Informationen sucht und liefert,

_wenn er die Hintergründe dazu ausleuchtet und Erkentnisse ermöglicht,

_wenn er nach den bequemen auch die unbequemen Fragen stellt,

_wenn er aufdeckt statt zudeckt,

_wenn er grundsätzlich machtkritisch operiert,

_wenn er bei den Lesenden, Hörenden und Sehenden das Beurteilungsvermögen schärft, ihre Argumentationsfähigkeit verbessert, Meinungen bilden und Entscheidungen fällen hilft.
Guter Journalismus ist unverzichtbar, erst recht in Zeiten, in denen der schlechte grassiert.

 

Anne-Marie Huber-Hotz, ehem. Bundeskanzlerin, Präsidentin SGG, Vizepräsidentin SRK und Fachhochschulrat HSLU

Anne-Marie Huber-Hotz

Trotz der rasanten Entwicklung in der Information und Kommunikation braucht es auch in Zukunft Journalismus, d.h. Berichterstattung über das tägliche Geschehen. Mit der Globalisierung wird auch dieses Geschehen immer umfangreicher und komplexer.
Die Herausforderung für Journalistinnen und Journalisten besteht darin,  aus dieser Masse an Informationen die für ihre Zielgruppen relevanten Informationen so auszuwählen, aufzubereiten und zu vermitteln, dass sie sich ein möglichst «wahres» Bild über das Geschehen und die Zusammenhänge machen können. «Wahrheit», Echtheit zu vermitteln ist eine Kunst, die vom Vermittler – vom Journalisten/in und Verleger/in – nicht nur eine hohe ethische Gesinnung voraussetzt, sondern auch Können.  Deshalb ist die Ausbildung äusserst wichtig. Sie muss – wie der Journalismus selbst – höchsten Qualitätsansprüchen genügen.  Informationsvermittlung und Kommunikation sind mehr als ein auf Gewinn und Sensation ausgerichtetes Business, sie sind eine staatspolitische Aufgabe.

 

Bundesrat Moritz Leuenberger, Vorsteher UVEK

«Medienkonsumenten sind auch Bürger.

Wozu noch Journalismus? Ein Seufzer, den Zeitungsleserinnen, Fernsehzuschauer und Journalistinnen gleichermassen zum Himmel senden, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die Entwicklung der Medienlandschaft der letzten Jahre könnte ja tatsächlich den Eindruck vermitteln, der Journalismus werde nach und nach abgeschafft. Traditionsreiche Zeitungstitel sind im Zuge von Fusionen verschwunden. Die verbliebenen Redaktionen wurden unter wirtschaftlichem Druck merklich ausgedünnt. Dies schlägt sich in Qualitätseinbussen nieder. Gründlich recherchierte Artikel sind selten geworden, Journalistinnen und Journalisten sind unter Druck, rasch und viel zu produzieren. Gratiszeitungen richten ihren Journalismus nach den Kriterien der Werbung und der Effekthascherei aus.

Dieser kulturpessimistischen Bilanz muss aber sogleich ein ganzheitlicher Blick folgen. Während sich der Blätterwald gelichtet hat, hat sich die Informationsfülle verdichtet. Wir informieren uns gleichzeitig über immer mehr Kanäle: Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet, SMS, Twitter, Facebook. Wir merken dabei: Eine Vielfalt an Informationsträgern, die schier unendliche Mengen an Informationen verbreiten, bedeutet nicht automatisch, dass wir besser informiert wären.

Wer auf dem Meer unterwegs ist, braucht Navigationshilfen. Aufklären, einordnen, gewichten, übersetzen: Auf diese Kernkompetenzen des Journalismus sind wir dringend angewiesen. Journalismus sollte seinen Lesern, Zuhörerinnen und Zuschauern die Fakten so vermitteln, dass sie selber zur freien Meinungsbildung fähig werden. Medienkonsumenten sind auch Bürger. Dies ist – gerade in unserer direkten Demokratie - die grosse gesellschaftliche und politische Aufgabe des Journalismus. Sie darf auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht geopfert werden. Das MAZ trägt seit 25 Jahren dazu bei, das Bewusstsein für diese Verantwortung zu schärfen. Diesen Beitrag braucht es heute mehr denn je.»  

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Louis Schelbert, Nationalrat

Louis Schelbert

Die erzählte Geschichte ist eine anthropologische Konstante. Heute gibt es sie vom Mund zum Ohr so gut wie via Satellit. Was technisch dazu kam, wurde zur Ergänzung.

Der Univox-Bericht 2009 sagt: Zwei Drittel der Bevölkerung schauen täglich TV, 60 Prozent lesen jeden Tag Zeitung und 46 Prozent hören täglich Radio. Journalismus wird also genutzt – und er ist notwendig. Journalistinnen wählen aus der Unendlichkeit der Informationsfülle aus. Sie stellen in einem handhabbaren Rahmen Wichtiges übersichtlich dar, gewichten, kommentieren. Zeitungen oder Radios auf der Höhe der Zeit führen über sich hinaus, kombinieren mit andern Medien wie dem Internet, wo quasi unendlich Stoff abrufbereit lagert.

Die Vielfalt leidet unter den Gesetzen des Marktes. Heute gehören Medien jeglichen Zuschnitts zum gleichen Haus. Doch ohne Divergenz keine Einheit, so einfach und kompliziert ist es. In der Medienkonzentration sehe ich die grösste Gefahr. Journalismus muss der Aufrechterhaltung der Vielfalt dienen. Das gilt weltweit und liegt auch im Interesse der Demokratie.

 

Corinne Schmidhauser, Anwältin, Präsidentin Antidoping Schweiz, Grössrätin Kt. Bern, ehem. Skirennfahrerin

Corinne Schmidhauser

Guten Journalismus heute

Wir sind mitten in einer Informationsinflation, einer Inflation des Halbwissens auch, des schon-mal-irgendwo-gelesen-haben’s, meist on- manchmal auch offline. Das «Informationsmonopol» ist den Journalisten längst abhanden gekommen.
Immer wichtiger deshalb für mich als Userin: kann ich der Quelle meiner Informationen trauen? Was ist wahr und was ist cyper-(trash) talk?

Seriöse Wissensvermittlung scheint mir wichtiger denn je.
Verantwortungsvolles umgehen mit den Quellen – zentral!
Aber guter Journalismus ist mehr: Dieser Journalist, diese Journalistin gibt mir das Gefühl, sie habe nachgedacht, bevor sie geschrieben oder gesendet hat. Er gibt mir die Sicherheit, dass er akribisch korrekt recherchiert hat, sie lässt mich mit ihren Augen  Zusammenhänge erkennen, lässt mich mein Halbwissen verifizieren oder dementieren und das Vertrauen gewinne ich, weil er auch den Genitiv und die Orthografie kennt. Durchaus spielerisch, durchaus modern, aber bitte in einer Sprache, nicht im Slang des Porträtierten.

Das möchte ich lesen, das möchte ich hören oder sehen – das bin ich auch bereit zu honorieren. Aber nur das. Lässig hingeworfenes Halbwissen, schlecht recherchierte, oder schlimmer, falsch zitierte, Quellen, schludrig geschriebene Essays, sprachlich in falschen Bildern aufbereitet – ärgern mich und lassen mich die Seite drehen oder weiterklicken. Das bekomme ich ohne weiteres auch im Facebook, auf Twitter, überall halt. Kostenlos. Vertrauenslos.

Ich weiss, die Ansprüche sind hoch und ich weiss auch, dass die Wirtschaftlichkeit dieses hohen Gutes (noch) nicht überall erkannt ist. Aber ich bin überzeugt, dass sich die Spreu vom Weizen trennen wird, weil das eine hat keinen Mehrwert (mehr) in unserer vernetzten Welt. Ich glaube, dass die allgemeine Verfügbarkeit von Informationshäppchen eine Chance ist für den qualitativen Journalismus. Aber nur für ihn. Das ist ein Wunsch und ein Ziel zugleich. Ein lohnenswertes Ziel finde ich. Denn ich gebe es gerne zu, ich schätze guten Journalismus ausserordentlich, für mich persönlich, aber mehr noch, für unsere Gesellschaft als Ganzes.
 

René Rhinow, Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes

René Rhinow

Welche Journalisten und Journalistinnen braucht das Land?

Die Frage verleitet dazu, vom guten Journalismus zu träumen. Ohne Rücksicht auf dessen Rahmenbedingungen und Realisierungschancen. Aber ausgerichtet auf einen Journalismus, der für unsere rechtsstaatliche Demokratie und die Bedürfnisse einer aufgeklärten Leserschaft essentiell ist. Ich greife 5 Stichworte heraus, die für mich beim politischen Journalismus im Vordergrund stehen:

Kompetenz: Verständnis für Geschichte und Eigenheiten von Staat und Politik in unserem Land. Wie sollen die Vorgänge und Hintergründe des politischen Geschehens  gedeutet, bewertet und kommentiert werden, wenn es an entsprechenden Kenntnissen fehlt?

Unabhängigkeit: Politische Medienschaffende sind zwar Teil der Politik (auch wenn sie es nicht immer wahrhaben wollen). Sie machen Politik, sind aber nicht institutionell eingebunden. Das ist ihre grosse Chance. Sie müssen den Spagat zwischen dem «Dazugehören» und der kritischen Distanz positiv bewältigen und dürfen sich nicht vereinnahmen lassen.

Selbstkritik: Ein guter Journalismus entgeht der Gefahr, sich auf das Podest der Selbstgerechtigkeit zu schwingen, jede Kritik (auch diejenige der Kritisierten) vorschnell als Medienschelte abzutun, sich den Mantel der Unfehlbarkeit umzuhängen. Wer «politisiert», mit dem darf auch politisiert werden.

Verantwortung: Journalismus findet in der breiten Öffentlichkeit satt; er schafft vielfach Öffentlichkeit. Er kann dadurch vielfache und bedeutende Wirkungen auslösen, z.B. Stimmungen entfachen, Meinungsträger beeinflussen, Menschen glorifizieren oder blossstellen. Er «antwortet» auf politisches Geschehen und trägt deshalb Verantwortung für sein Tun. Dies gilt vor allem auch beim sog. investigativen Journalismus.

Fairness: Zur Verantwortung gehört auch das Bemühen, einer Sache oder einer Person gerecht zu werden, bewusste selektive Wahrnehmungen zu unterlassen, mit Menschen menschenwürdig umzugehen. Menschenrechte und Persönlichkeitsschutz der Bundesverfassung gelten auch für den Journalismus.
 

SPORT

 

Ottmar Hitzfeld, Coach der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft

Wenn Journalisten mir Fragen stellen, die ich als gut einstufe und die mich zum Nachdenken anregen, ja, bisweilen zwingen, spiele ich bisweilen etwas auf Zeit, so dass der Journalist oder die Journalistin meint, nachlegen respektive präzisieren zu müssen. Derweil kann ich meine Gedanken für die Antwort auf die Frage ordnen und antworten.

Für eine Antwort auf die Frage, ob es (noch) Journalismus braucht, besteht kein Bedarf auf Zeit zu spielen. Denn meine Antwort ist klar, wohl überlegt und lautet Ja! Unbedingt! Mehr denn je!

Dieses laute Ja formuliert sich nicht ohne Blick auf die jüngste Entwicklung in der viel zitierten und viel zitierenden Medienbranche. Denn deren modernste Eigenschaft scheint nicht nur zu sein, dass Informationen kostenlos zu haben sind, sondern auch schnell, schneller und immer noch schneller. Die Qualität dieser Berichterstattung hält das Tempo durchaus mit – aber die Richtung dieser Entwicklung stimmt für mich nicht und die Folgen sind Oberflächlichkeiten, aufgebauschte Belanglosigkeiten, inszenierter Starkult, Ungenauigkeiten, Teilwahrheiten und leider auch Unwahrheiten.

Dass derlei, nicht selten noch effektvoll animiert durch Fotos oder Video-Clips, in Sekundenschnelle um die Welt geht, ist das Eine. Dass solche «News» und Storys oft genug unwiderfragt weiter verbreitet oder gar Effekt haschend angereichert werden, ist das Andere. Und weder das Eine, noch das Andere entspricht meinen Vorstellungen von seriösem Journalismus, den es in Zeiten mit derartigen medialen Facetten braucht. Unbedingt. Mehr denn je.

Für die seriösen Inhalte von Berichten, Reportagen, Porträts, Interviews, Hintergrund-Storys oder Kommentaren braucht es Journalistinnen und Journalisten mit solider Ausbildung, angeeigneter Erfahrung im Beruf. Und es braucht Medienhäuser, die auf diese Arten Medienschaffende und Medienschaffen setzen, die Zeit geben für tiefgründige Recherchen. Fernsehen, Radio, Internet sind schnelle Medien, um so wichtiger ist darum für mich, dass insbesondere bezahlte Tageszeitungen nicht deren Tempo und Rhythmus mitzugehen versuchen, sondern deren «Basics» ergänzen, vertiefen, werten und einordnen. Das ist mein Qualitätsanspruch (ohne Blick auf Wirtschafts- oder Anzeigensituation), das ist mein unbedingter Wunsch, und er ist stärker denn je.

 

WIRTSCHAFT

 

Ariane Ehrat, CEO Engadin St. Moritz

Ariane Ehrat

Solider Journalismus erwünscht

Liebe Journalistin, lieber Journalist

Eines vorweg: Sie, die heute mitten im journalistischen Berufsleben stehen, erleben eine herausfordernde Ära.

Die mir gestellte Frage lautet: Wozu noch Journalismus?
Auf das Risiko hin, dass Sie mich für sehr konservativ halten, behaupte ich: Journalismus ist eine berufliche Disziplin mit Rechten und Pflichten wie andere Berufe sie auch haben und einhalten sollten.

Medienschaffende braucht es da, wo es wichtig ist, Informationen aufzunehmen, zu analysieren, wiederzugeben oder je nach Gefäss zu bewerten. Oft liegen diese Informationen nicht vor der eigenen Haustüre, sondern müssen über weite Strecken oder Wissensbarrieren hinweg eingeholt und ausgetauscht sowie beurteilt werden.

Wenn ich mich für den Journalismus ausspreche, meine ich die Berichterstattung und Meinungsbildung in ihrer ganzen lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Breite und Tiefe.

Dabei bin ich mir bewusst, dass die Medienlandschaft umgepflügt worden ist respektive immer noch umgepflügt wird.

Glaubwürdigkeit und Verantwortung
Einfach auszuüben ist dieser Beruf sicher nicht. Journalisten mit fundierter Ausbildung und genügend Zeit für Recherchen sollten meines Erachtens unabdingbare Ressourcen jedes Mediums sein. Nur wer recherchiert hat und die Fakten kennt, kann diese objektiv beurteilen. Und nur dann sollte er oder sie Beiträge publizieren.

Pfannenfertige Convenience-Produkte schmecken halt weder im Journalismus noch in der Kulinarik gleich gut wie Gerichte aus der Haute Cuisine.

Da Nachrichten immer hybrider, das heisst über immer mehr Kanäle verbreitet werden, sollte dem Ehrenkodex umso mehr Sorge getragen werden. Mir scheint es wichtig, dass Themen relevant oder zumindest interessant sind, Nachricht und Kommentar getrennt werden und publizierte Fakten der Wahrheit entsprechen.

Qualität statt Kopie
Als Tourismusdirektorin lese ich manchmal Artikel über Engadin St. Moritz, ohne meine Arbeit darin wieder zu erkennen. In solchen Momenten wünsche ich mir eine solide und verlässliche Medienlandschaft. Eine Landschaft mit mehr Pflicht statt Kür, die auf bestmöglicher Ausbildung basiert und die aktuellen Themen ausgewogen wiedergibt. Ich wünsche mir aber auch eine Medienlandschaft, die trotz aller wirtschaftlichen Unbill gesund ist und immer mal wieder eine erfreuliche Blüte hervorbringt.

Die alten Pflichten sind auch die neuen
Für mich ist ein Leben ohne Medienschaffende undenkbar. Ich schätze es, über meinen Tellerrand hinaus über Neuigkeiten ins Bild gesetzt zu werden sowie die Möglichkeit zu haben, via Medien die Aktivitäten von Engadin St. Moritz einem breiten Publikum bekannt zu machen. Auch lebe ich gut damit, wenn über mich oder über unsere Region kritisch berichtet wird – solange Fakten ausgewogen zum Zug kommen und nicht nur eine einzige Sichtweise dargestellt wird.

Sie sehen, ich stehe den Medien pragmatisch gegenüber. Ich kehre zum Ausgang meiner Überlegungen zurück: Journalismus ist eine berufliche Disziplin mit Rechten und Pflichten wie andere Berufe sie auch haben und einhalten sollten. Aus dieser Sicht ist Journalismus äusserst erhaltenswert.

 

René Prêtre, Chefarzt Herzchirurgie, Kinderspital Zürich; Schweizer des Jahres 2009

René Prêtre

  • Encore pour quoi le journalisme?

– Pour mon café matinal!

Les spécialistes vous donneront, hiérarchisées, les raisons du bien fondé du journalisme. Moi, instinctivement, je lui octroie trois missions. D’abord, celle d’informer. M’informer de ce qui se passe dans le monde, dans mon pays, autour de chez moi. Me donner un tableau impressionniste de mon époque et de ses changements. Ensuite, celle de traiter et de prioriser les informations. Le bruit de fond des changements et des nouveautés est devenu trop intense pour quiconque de pouvoir maintenir une vision d’ensemble. L’importance ou l’insignifiance de ces informations ainsi que leurs portées apparaissent rarement immédiatement et exige du recul et une bonne connaissance du domaine pour être correctement démêlé. Ce travail de débrouillage, de vulgarisation nécessite souvent encore un commentaire ou un éditorial pour me permettre d’apprécier l’ampleur d’un événement ou d’une décision, car mon seul «bon sens» ne suffit souvent plus pour me faire une idée critique. Combien de fois n’ai-je pas recentré mon opinion à la suite d’une telle analyse, parce que la vérité était masquée ou trop enfouie? Quant à mes convictions les plus solides, j’aime les mesurer aux arguments de mes contradicteurs pour être sûr de leur véracité, de leur bien-fondé? La vérité, qu’elle soit personnelle ou collective, reste une notion spatiale et temporelle. Elle n’est déjà plus la même ailleurs, dans une autre contrée, et elle évolue avec le temps. C’est la confrontation de ses convictions à ces analyses critiques qui permet le plus sûrement et le plus rapidement leur ajustement et de rester en phase avec soi-même et avec son temps. Enfin, et c’est sa mission la plus noble: celle de la recherche et de la défense de la vérité. Par elle, le journalisme participe au maintient d’une certaine justice et joue un rôle de contre-pouvoir, s’il y a lieu. Il endosse d’une certaine manière le rôle de procureur de notre société.

Toute la presse est aujourd’hui pressurisé par des contraintes économiques impitoyables et doit céder, à des degrés divers, à la dictature des «audimats», c’est à dire souvent à la facilité, au consensus, et parfois même à la censure. Une partie d’elle, qui a abandonné tout sens critique ou de révolte et ne brasse l’information plus que dans un courant populiste, en a même perdu son âme. C’est aussi à cette presse-là, devenue dangereuse parce que assujettie, manipulatrice et parfois destructive, que le vrai journalisme doit fournir un contrepoids objectif, comme celui qu’il oppose aux excès du pouvoir ou de la société.

Cette dérive vers des informations «chocs», réductrices et superficielles a aussi touché des domaines comme le nôtre, pourtant réputé pour sa rigueur scientifique. Longtemps, les sociétés scientifiques donnaient le ton à notre médecine, en organisant leur congrès et publiant dans leur journal les articles qu’elles avaient choisis pour leur valeur et leur robustesse scientifique. Progressivement, des sessions et des parutions parallèles, sponsorées par l’industrie médicale, ont gagné la faveur de notre public parce que plus ludiques, plus spectaculaires et souvent associés à des avantages divers. Ces manifestations, un temps snobées par les sociétés savantes, sont maintenant en partie intégrées dans les programmes officiels. Ce compromis entre quête austère de la vérité absolue et intégration de manifestations «populaires» donne aujourd’hui les meilleures chances de maintenir l’intérêt du public avec des données objectives et fiables.

Le journalisme s’est fait doubler dans sa première mission – celle d’informer – par des moyens modernes, nettement plus rapides: ils utilisent la vitesse de la lumière! Il se trouve en revanche raffermi dans sa fonction de triage et de traitement de l’information pour nous permettre de surnager le tsunami quotidien de nouveautés, dont la majorité n’est que d’une importance marginale, souvent parasitaire, parfois perfide. Il se trouve enfin renforcé dans sa mission indispensable de gardien de nos règles et de notre société.

Tous les matins, c’est la radio qui me réveille et m’informe des premières nouvelles du jour. A l’heure du café, quelques instants plus tard, je l’avoue, je balaye le «20 Minutes» parce qu’il est à portée de main, et que sa lecture, plus imagée que typographique est facile. Le soir, je regarde le journal d’actualité à la TV et souvent je lis un journal ou un hebdomadaire. Le dimanche est sacré. Je le commence avec un trio «café-croissant-journal» immuable. Là, l’attaque du «dominical» est à la fois physique, en malmenant ses pages, et ludique en parcourant ses articles. Ce sont en effet d’abord les titres et les illustrations qui retiennent mon attention, avant une lecture plus assidue des chapitres qui m’auront accroché. Cette lecture, dont l’ordre garde un caractère anarchique et aléatoire, se prolonge jusque tard dans la matinée, et reprendra tout au long de la journée et durant les premiers jours de la semaine. A ce stade, le journal est physiquement mort, car trop trituré, déchiré, démantelé.

Le dimanche est aussi le jour où j’aime lire les articles bien écrits, apprécier cette véritable littérature, où les mots, les phrases ont un rythme, une mélodie. On repère assez vite ces journalistes qui ont cette élégance ou ce mordant dans leur plume, et on dévore leurs articles, quel qu’en soit le contenu. Ces derniers temps, ce sont les articles sportifs du «Tour de France» qui m’ont procuré cette joie, et même cette admiration: «j’aurais bien aimé avoir écrit cet article».

Comme beaucoup, je ne conçois pas un plat de spaghetti bien relevé sans un verre de bon vin rouge. De même, je ne conçois pas mon dimanche matin sans le rituel café-croissant-journal. Cette journée est salutaire car c’est celle de la décompression d’une semaine souvent trop chargée, celle où les soucis, les problèmes sont mis en veilleuse et perdent de leur emprise. Et ces matins-là, à la question, «Wozu noch Journalism?», ma réponse, nonchalante mais sincère, serait: „Pour mon café matinal!“.

 

Marion Starck, Präsidentin des Schweizerischen Public Relations Institut (SPRI) und Inhaberin der Managementberatung Starck Public Relations in Zürich

Marion Starck

Die technologische Revolution versprach uns eine bessere und schnellere Kommunikation. Auf den Journalismus bezogen kann man heute nur das zweite Versprechen als eingelöst betrachten. Je mehr Menschen ihre Informationen aus dem Internet und Gratiszeitungen beziehen oder aufs Handy laden, desto eher geben sie sich zufrieden mit oberflächlichen Headlines und pauschalen Einschätzungen. Mit der beschleunigten Kommunikation steigt für Journalistinnen und Journalisten auch der Druck, Informationen so schnell wie möglich zu verbreiten.

Auf der Strecke bleiben dabei vermehrt das Recherchieren und Hinterfragen. Schon jetzt ist die Grenze zwischen «neutralen» und bezahlten Inhalten zunehmend verschwommen. Der Journalist droht zum blossen Handwerker degradiert zu werden, dessen Richtschnur und Wegweiser das Internet ist. Für diese Art von Journalismus braucht es lediglich Schreiber ohne Ansprüche, Arbeiter ohne Meinung.

Aber brauchen wir nicht gerade jetzt Journalisten mit kritischem Geist und wegweisenden Ideen, wenn wir weiterhin über das Weltgeschehen informiert sein wollen? Muss auf die technologische nun nicht eine ideologische Revolution folgen? Der Paradigmenwechsel kann doch sicherlich nicht darin bestehen, die journalistischen Anforderungen in Frage zu stellen, anstatt die Geschäftsmodelle der Medienunternehmen und das Verhalten der Konsumenten. Sonst könnte es sein, dass sich eines Tages unsere Wahrnehmung hinter dem iPad nur noch auf einen virtuellen Raum beschränkt.

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Peter Sauber, Unternehmer, Sauber Motorsport

Peter Sauber

Als Formel-1-Team leben wir unmittelbar davon, dass die Medien über unseren Sport berichten. Deshalb ist uns eine gute Zusammenarbeit wichtig. Allerdings muss ich sagen, dass sich das Medienumfeld im vergangenen Jahrzehnt drastisch verändert hat und für uns schwieriger geworden ist. Insbesondere das Internet spielt dabei eine entscheidende Rolle. Meldungen aus teilweise unbekannten Quellen, von Leuten, die in einer dunklen Kammer sitzen, gehen in Sekundenschnelle um die Welt. In der Formel 1, in der jeder Schritt der Fahrer oder Teamchefs entweder durch Fotos, oder neuerdings Videos, festgehalten wird, sind wir diesem Medium besonders intensiv ausgesetzt.

Ich stelle fest, dass eine Kultur des Abschreibens Einzug gehalten hat. So verbreiten sich Meldungen, richtige und falsche, in kürzester Zeit, immer mit globaler Reichweite. Durch die Schnelligkeit des Internets geraten zudem Printmedien unter Druck. Oftmals leidet dann die Qualität. Braucht es künftig Journalismus? Ja, es braucht ihn sogar mehr denn je. Es braucht gut ausgebildete JournalistInnen, die sich interessieren, die recherchieren, die Dinge hinterfragen, die Fakten verifizieren, und die sich ihrer Verantwortung bewusst sind.

 
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