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Das Revival der Bildreportage wird kommen

Neue Erzählformate im Web und auf Social Media bieten grosse Chancen, sowohl für Fotografen wie auch für die Redaktionen, mit denen sie zusammenarbeiten. MAZ-Dozent Kevin Mertens weiss, was das für die Arbeit auf der Bildredaktion bedeutet.

Ende April 2019 lanciert das MAZ die Masterclass «Visual Storytelling Lab». Kevin Mertens, Gründer und Chefredakteur emerge-mag.com, zeigt die innovativsten digitalen Publikationen und weist den Weg zu besseren visuellen Geschichten für Online und Social Media. 

 

Beat Rüdt, MAZ-Studienleiter, hat beim «Visual Storyteller» im Vorfeld nachgefragt, wie es um die Fotografie in den elektronischen Medien steht:

 

Stichwort Bilderflut im Web: Hat es da überhaupt noch einen Platz für hochwertige Fotografie?

Ja, hat es! Natürlich ist die Bilder- und Informationsflut auch sehr problematisch, aber gerade die jüngere Generation schaut sich im Netz gerne starke visuelle Geschichten an und sieht darin auch definitiv nicht eine minderwertigere Präsentationsform für Fotografie, im Vergleich zu Print. Viele bevorzugen sogar mittlerweile die digitalen Möglichkeiten – sie kennen es ja teilweise auch kaum anders, Nachrichten oder allgemeine redaktionelle Inhalte werden eben im Web/mobile konsumiert, gedruckte Zeitungen oder Magazine abonnieren unter den jungen Leuten, mit denen ich spreche, kaum welche. Daneben gehen sie eher dann tatsächlich in Ausstellungen und schauen sich die Bilder auf der Wand an oder sammeln Fotobücher.

 

Es ist eher das Problem, in der Masse nicht den Überblick zu verlieren und die hochwertigen Sachen zu finden, aber da müssen neben der Öffentlichkeit, die sich immer stärker auch grundsätzlich mit Medien und Information auseinandersetzen muss, die Publikationen neue Standards setzen und daran mitwirken, eine «redaktionelle» Gesellschaft zu entwickeln, die Qualität erkennt und wertschätzt.

 

Wie muss man sich präsentieren, damit man nicht nur dabei ist, sondern wahrgenommen wird?

Die New York Times hat es schon in ihrem 2017 erschienenen 2020 Report klar als ersten Punkt benannt: «The report needs to become more visual.» Daran führt meiner Meinung nach kein Weg dran vorbei, wenn Publikationen besser wahrgenommen werden wollen. Und die NYT macht es auch vor. Sie veröffentlichen als digitale Publikation unglaublich gute Visual Stories und entwickeln ihren Auftritt kontinuierlich weiter und setzen ganz klar auf hochwertige Fotografie, Illustrationen und modernes Editorial Design. Natürlich haben sie auch ein starkes finanzielles Konstrukt geschaffen, das ihnen auch viel Raum zum Experimentieren gibt und Projekte ermöglicht, die kleinere Publikationen nicht so einfach realisieren können. Aber es gibt auch einfache, kostengünstige Möglichkeiten, die visuelle Präsentation von Nachrichteninhalt deutlich zu verbessern. Und wenn man sich kleinere digitale Publikationen in der D-A-CH Region anschaut, dann ist ja oft auch die Technik überhaupt nicht das Problem, sondern eher zu kleine Bildredaktionen, geringe Budgets für Aufträge beziehungsweise gutes Agenturmaterial und zu wenig zeitliche Ressourcen für die Produktion von visuell stärker geprägten Beiträgen.

 

Die klassische Bildreportage ist praktisch ausgestorben. Wie stehen die Chancen, dass sie in der digitalen Welt ihr Revival erlebt?

Ich bin auf jeden Fall optimistisch, dass die Bildreportage ein Revival erleben wird. Das tolle an einer digitalen Publikation ist ja, dass es theoretisch möglich ist zu jedem Artikel eine ganze Serie von Bildern zu stellen. Es gibt keine begrenzte Anzahl von Seiten wie im Print. Dazu ein Beispiel aus meiner Zeit bei einer Tageszeitung: Gerade für die Lokalberichterstattung wurden sehr viele Fotoaufträge rausgegeben. Die Fotojournalistinnen und -journalisten haben oft wirklich schöne kleine Reportagen geliefert, aber daraus wurde meist nur ein Foto als Seitenaufmacher gedruckt und auch online wurde dann nur das eine Foto verwendet. Dabei wäre ja gerade auch für online wunderbares Fotomaterial da gewesen, um einen visuell spannenden Beitrag zu gestalten. Klar, das müsste man natürlich auch zusätzlich honorieren, und es ist aus bildredaktioneller Sicht etwas aufwendiger in der Produktion – das ist für manche Publikationen nach wie vor ein Problem. Aber viele Publikationen erholen sich langsam von der «Krise» und realisieren zunehmend, wie wichtig hochwertige visuelle Inhalte in der Onlinestrategie sind, da werden die Budgets und Ressourcen der Bildredaktionen auch wieder wachsen, das hoffe ich doch sehr.

 

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Bild: Philipp Blum