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«Stirbt der Journalismus, stirbt auch das freie Wort»

Die Diplomfeier des Jahrgangs 2015 – 2017: Kraftvolle Appelle, für relevanten Journalismus zu kämpfen, und Ratschläge einer Slam-Poetin, wie das «Post-MAZ-Syndrom» zu bewältigen ist – den 38 Absolventinnen und Absolventen bot sich im Luzerner Kleintheater ein pralles Programm.

«Was macht Journalismus gerade jetzt besonders spannend? Und wie schafft ihr es, ihn umzusetzen?», fragte Studienleiter Dominique Strebel die Gäste Nadja Schnetzler und Patrik Müller. Beide stehen für diametral unterschiedliche Geschäftsmodelle.

 

Nadja Schnetzler gehört als Collaboration Coach zur Crew von Project R, das als alternatives Startup antritt und dessen Gedeihen von der Branche nun mit Spannung verfolgt wird. Patrik Müller, Chefredaktor der AZ und der Schweiz am Wochenende, hingegen muss derzeit tiefgreifende Veränderungsprozesse in bislang «klassisch» aufgestellten Redaktionen managen.

 

Dominique Strebel, Studienleiter Diplomausbildung

 

«Ohne Journalismus keine Demokratie. Stirbt der Journalismus, dann stirbt auch das freie Wort», so Schnetzler auf Strebels Fragen. In ihren Thesen appellierte sie an die jungen Journalistinnen und Journalisten, ihre Aufgabe als vierte Gewalt wahr zu nehmen – nämlich «Kritik an der Macht zu üben. Sonst ist Journalismus nur noch Entertainment.»

 

Müller ist überzeugt: «Journalismus ist sinnhafter denn je. Das verdanken wir auch Donald Trump und all den Diskussionen drum herum. Denn die Leute spüren: Es ist eben ein Unterschied, als Journalist zu arbeiten oder einfach etwas in die Welt hinaus zu posaunen.» Journalismus habe Zukunft, und dafür garantierten, so Müller, gerade auch die jungen Journalistinnen und Journalisten am Anfang ihrer Karriere («kluge und intelligente Köpfe»).

 

(v.l.n.r.) Nadja Schnetzler, Dominique Strebel, Patrik Müller

 

Was muss Journalismus leisten? In dieser Frage lagen Schnetzler und Müller also auf ähnlicher Line. Anders hingegen bei den jeweiligen Business-Modellen. Bei Project R «steht die Unabhängigkeit der Redaktion zuoberst», so Schnetzler, «wir wollen wenig Hierarchien». Denn nur so seien «Reibung und Debatten möglich». Mehr als zwei Drittel des Budgets werde Project R in reinen Journalismus investieren.

 

Jetzt muss das Team jedoch erst einmal Geld auftreiben – via Crowdfunding und durch Genossenschafter, sowie die Leserinnen und Leser, die das Projekt dereinst zu ihrem machen sollen. «In fünf Jahren wollen wir 22‘000 Mitglieder haben», hofft Schnetzler.

 

Auch Müller hofft, dass die Leute langfristig für gut recherchierte Informationen zahlen. «Der Gratiswahn macht uns aber allen zu schaffen.» Noch immer stamme die Hälfte der AZ-Einnahmen aus Inseraten. Doch langfristig müsse journalistische Arbeit angemessen bezahlt werden. Müller setzt vor allem auf Journalismus aus den Regionen, gerade in Zeiten der Globalisierung. «Das ist unser Geschäft, und nicht Hundefutter zu verkaufen.»

 

MAZ-Direktor Diego Yanez dankte in seiner kurzen Ansprache allen, die die Studierenden unterstützt haben, «in welcher Form auch immer. Und den Redaktionen, die in euch investiert haben.»

 

Diego Yanez, Direktor

 

Die Diplome gingen in diesem Jahr erstmals auch an fünf Studierende der Vertiefungsrichtung Online – eine Premiere am MAZ. Wie haben die Absolventen das neue Modell erlebt? Auch wenn Manches zu Beginn erst einmal unklar gewesen sei, «bin ich froh um die Entwicklung, die ich durchgemacht habe», sagt Martin Burkhalter, BZ. Und Lina Giusto, AZ: «Es war manchmal wie ein Beruf nebenbei. Denn Vieles, was ich am MAZ gelernt habe, konnte ich auf der Redaktion so nicht umsetzen».

 

Lara Stoll, Slam-Poetin

 

«Herzlich Willkommen im Post-MAZ-Syndrom! » So leitete Slam-Poetin Lara Stoll  („Ich bin die Trudy Gerster 2.0“) ihre «Diplomrede» ein. Und gab den Diplomierten wertvolle Tipps auf den Weg. Etwa diesen: «Sucht euch erst einmal einen lukrativen Nebenjob…»

 

Hier geht’s zu ihrer Diplomrede.

 

Herzliche Gratulation!

Die Diplomausbildung Journalismus abgeschlossen haben (in Klammern die Redaktionen des Volontariats):

 

 

Christoph Albrecht (BZ), Sven Altermatt (AZ), Alexandra Aregger (Radio Sunshine), Raya Badraun (St. Galler Tagblatt), Livio Brandenberg (Luzerner Zeitung), Martin Burkhalter (BZ), Fabia Caduff (RTR), Cathrin Caprez (diverse Medien), Livio Chistell (RTR), Yaël Debelle (Beobachter), Fabienne Eichelberger (Schweizer Familie), Fiona Endres (SonntagsZeitung), Gion Gieri Flepp (RTR), Severin Furter (Volksstimme), Lina Giusto (AZ), Matthias Gräub (Tierwelt), Raphael Gutzwiller (Luzerner Zeitung), Raoul Hüppi (Radio Top), Kristina Ivancic (Südostschweiz), Anne-Sophie Keller (Migros Magazin), Caroline Kienberger (diverse Medien), Vanessa Kobelt (Radio L), Noemi Landolt (AZ), Salome Müller (Tages-Anzeiger), Evelyne Murer (Tele1), Onur Ogul (diverse Medien), Deborah Onnis (AZ), Flavio Razzino (Toggenburger Zeitung/See & Gaster Zeitung), Esthy Rüdiger (Bieler Tagblatt), Simon Schär (Radio neo 1), Patrice Siegrist (Tages-Anzeiger), Carmen Stalder (Bieler Tagblatt), Janne Strebel (Radio 24), Lisa Stutz (Wohler Anzeiger), Andrea Tedeschi (diverse Medien), Jennifer Vollstuber (Radio Munot), Fabio Vonarburg (AZ), Flavio Zwahlen (Wochenspiegel).

 

Weitere Fotos der Diplomfeier auf Flickr

 

Fotos: Jakob Ineichen