Das Kannli - Andreas Babst, NZZ Sportreporter


 

Sie nennt uns Schmutzkinder. Wir müssen immer bis zum Schluss warten, ganz hinten anstehen, und wenn wir an der Reihe sind, dann rümpft sie die Nase und ihr Gesicht wird noch runzeliger. Für jeden von uns ein Rümpfen, für Samuel mit den kaputten Hosen, für Margritli mit den strähnigen Haaren, für mich mit der dreckigen Schürze. Und für jeden von uns ein „Schmutzkind“, sie sagt es so, dass Spucketröpfchen in die Milch vor ihr fallen.

 

Die Mutter hat mich ins Haus der Alten geschickt. Das Kannli für die Milch und zwei Geldstücke hat sie mir in die Hand gedrückt, „mach hurtig“, hat sie gesagt, und ist wieder ans Spinnrad gehockt. Der Vater hat gar nicht aufgeschaut. Er schaut nie auf, er hockt am Webstuhl, und schickt das Schiffli hin und her und hin und her. Einmal hab ich ihn am Hosenbein gezogen und immer fester gezogen, bis er runtergeschaut hat. Ganz traurig sah er aus.

 

Der Samuel hat seine Milch. Das Margritli bekommt sie gerade. Das Margritli hat nur ein kleines Schüsseli dabei, das Margritli sei arm sagt meine Mutter, dem Margritli sein Vater trinke lieber Wein als Milch, sagt sie, drum geht’s dem Margritli schlecht. „Sind wir auch arm?“, hab ich gefragt und die Mutter hat mir den Kopf gestreichelt. Jetzt steh ich vor der Alten und geb ihr meine zwei Münzen, „vierzig Rappen, das gibt ein Liter“, knurrt sie und die Münzen verschwinden in ihrem Rock. Ich weiss nicht wie viel ein Liter ist. Aber es reicht, um das Kannli mit Milch zu bödelen, schwer ist’s jetzt. Draussen warten Samuel und Margritli, bis zur Kirche gehen wir zusammen.

 

Manchmal macht der Samuel auf dem Heimweg s’Chalb. Dann balanciert er sein Milchkannli auf dem Kopf oder auf der flachen Hand. Der Samuel ist etwas älter als ich, wohl so alt wie meine Brüder. Die würden auch gern Milch holen. Aber die Eltern brauchen sie, vier Hände mehr bei der Arbeit, Stoffe schneiden und rollen. Ich helf der Mutter manchmal am Spinnrad. Sie ist oft müde, weil sie hat einen dicken Bauch und bald haben wir noch zwei Hände mehr zum Helfen. Bei der Kirche geht das Margritli links, der Samuel und ich rechts, raus aus dem Dorf, ein Stück haben wir noch den gleichen Weg. Der Samuel macht schon wieder s’Chalb. Jetzt probiert er wieder das Milchkannli auf dem Kopf zu balancieren. „Probier’s auch“, sagt er, und ich will ja keine Zwätschge sein. Er nimmt mein Kannli und stellt es mir auf den Kopf, wie einen kalten schweren Hut. Dann passiert das Unglück.

 

Ich mach ein paar Schritte, das Kannli auf dem Kopf und ich spür, wie die Milch hin und her schwappt und mir Tröpfchen in die Haare spritzen. „Nimm’s mir runter“, sag ich dem Samuel, aber der lacht nur. „Nimm’s mir runter“, sag ich jetzt lauter und quengle sogar ein bisschen. „Nimm’s selber runter“, sagt der Samuel und läuft davon, über die Wiese, heim zum Haus hinter dem Hügel. Und ich steh da allein mit dem Kannli auf dem Kopf und fang an zu weinen. Und weil ich nicht einfach weinen will, versuch ich das Kannli selber vom Kopf zu lüfpen aber es ist halt schwer und die Milch schwappt, und sie schwappt so fest auf eine Seite, dass ich das Kannli nicht mehr halten kann und es zu Boden fällt.

 

Die Milch fliesst über die Kieselsteine. Wie ein weisser Fluss, der sich zu vielen Bächlein verwzeigt, nicht mehr weiss, sondern grau, weil sich Kiesel, Milch und Dreck vermischen. Und dann stocken die Bächlein, sie werden langsam und schwerfällig und immer grauer und irgendwann fliessen sie gar nicht mehr, weil die Milch zu Schlamm geworden ist. Im Kannli ist nur noch ein Gutsch, nicht einmal genug, um den Metallboden zu verstecken.

 

Ich weine noch mehr. Wegen der Milch, wegen der Ohrfeige, die ich von der Mutter bekomme, weil ich zwei Geldstücke verschwendet habe, wegen den Schlägen von meinen Brüdern, weil es zum Znacht wieder nur Härdöpfel gibt, wegen der traurigen Augen vom Vater. Und ich weiss, dass ich mit dem fast leeren Kannli nicht heimkann. Also dreh ich um.

 

Die Tür der Alten steht nicht mehr offen. Es ist ein kleines Haus, eine Stube, ein Hinterzimmer. Sie lebt allein, sagt meine Mutter, der Mann sei schon lange tot, und die Töchter wegverheiratet. Jeden Morgen holt die Alte Milch bei den Bauern, so früh, die Milch ist noch warm. Sie lädt sie auf einen Leiterwagen und zieht ihn durchs Dorf, wenn es noch dunkel ist. Und zu Hause stellt sie die Milch in die Stube, und sie wird kalt, und sobald die Sonne aufgeht kommen die Leute, um sie der Alten abzukaufen. Dann, ganz zum Schluss, kommen wir Schmutzkinder. Wie vorhin, als Gritli und Samuel vor mir standen. Wie lang ist das her? Ein Glockenschlag? Die beiden sind längst daheim.

 

Ich war noch nie alleine bei der Alten. Die Hände zittern mir, als ich die Türfalle zu mir runterziehe, ich brauch beide Hände und stell das Michkannli zu Boden. Die Tür ist nicht abgeschlossen.

 

Im Haus ist es still. Der Zuber voll Milch steht noch immer in der Stube auf dem Holzstuhl. Auf dem Tisch die Schöpfbecher, einer gross, einer ein Schöpfbecherli. Ich seh die Alte nicht. Ich hör die Alte nicht. Ich riech sie. Wie das Stück Leinwand im Keller, das der Vater nicht verkaufen konnte, das dort im Kellereck immer gelber und fauliger wird. Einmal haben mich meine Brüder darin eingewickelt; ich habe versucht die Luft anzuhalten, aber irgendwann ging‘s nicht mehr und der modrige Geruch kroch mir in Mund und Nase. So riecht im Haus der Alten. Als ich meine Mutter mal fragte, wieso das ganze Dorf dort Milch kauft, sagte sie: „So war’s schon immer.“ Schon meine Mutter war bei der Alten Milch holen, hat sie erzählt, schon damals sei sie alt gewesen.

 

Im Hinterzimmer scharrt etwas. Wie eine Katze. Die Tür ist nur angelehnt. Ich muss nur mit einer Hand dagegen drücken und sie schwingt auf, aber nicht ganz. Etwas blockiert hinter der Tür. Ich steck den Kopf durch den Spalt, sehe ein Bett am anderen Ende des Raums und einen Schrank und was die Tür blockiert hat: Ein Fuss. Der Rest der Alten liegt ausgestreckt auf dem Boden, ihr Kopf ist fast beim Bettpfosten, so klein ist ihre Kammer. Sie liegt da, auf dem Rücken, nur die die Finger der linken Hand bewegen sich. Die Fingernägel kratzen auf dem Holzboden. Dann stöhnt sie. „Schmutzkind“, diesmal kommt keine Spucke aus dem Mund, sie ist ihr um die Lippen eingetrocknet.

 

Ich seh sie an, einen Moment nur, grad so lange, wie Vaters Schiffli von einer Seite des Webstuhls zur andern braucht. Dann schliess ich die Tür.

 

Das Kannli steht noch vor der Haustür. Ich tauche es in den Milchzuber, ganz hinein, bis es verschwindet in der Milch, ich drücke es so weit runter, bis der Boden des Kannlis und der Boden des Zubers sich treffen; ein Scheppern blubbert an die Oberfläche. Ich halte das Kannli mit beiden Händen, bis über die Ellenbogen versink ich im Zuber, meine Ärmel saugen sich voll mit Milch und das Weiss ist jetzt ganz nah bei meiner Nasenspitze.

 

Ich streck die Zunge raus. Sie reicht bis in die Milch. Es schmeckt frisch und süss. Und wie eine Geiss beginn ich zu schlabbern. Immer mehr, ich schlürfe und schlürfe die kalte Milch. So lange bis ich keinen Durst mehr habe und keinen Hunger.

 

Mit einem Ruck zieh ich mein Kannli aus dem Zuber. Milch spritzt mir auf die schmutzige Schürze. Ich kann es fast nicht mehr tragen, so schwer ist es.

 

Im Hinterzimmer kratzt es.

 

„Mach hurtig“, hat die Mutter gesagt, ich lauf Richtung Kirche, heim, so schnell es halt geht mit dem vollen Kannli.

 


Sprache ist noch immer das wichtigste Werkzeug der Journalistinnen – trotz Videoboom und Fotoschwemme. Mit Worten beschreiben Journalisten fremde Welten, so dass im Kopf der Leserinnen Bilder entstehen. Bilder, die an Erinnerungen anknüpfen, aber diese mit neuen Details ergänzen, sie mit verändertem Strich weiterziehen, so dass eine Verbindung entsteht zwischen der eigenen und der fremden Welt. Das weitet den Blick, erlaubt es, sich in andere Menschen einzufühlen, andere Milieus zu verstehen. Solche Sprache informiert nicht nur das Hirn, sondern auch Herz und Seele.

 

Deshalb lernen Studierende an der Schweizer Journalistenschule MAZ nicht nur, Informationen zu exakten Nachrichten zu verdichten. Nein, sie üben sich auch darin, kreativ zu schreiben, so dass Porträts und Reportagen, Glossen und Kolumnen den Horizont der Leser erweitern.

Andreas Babst ist das beispielhaft gelungen mit einer Fingerübung, die ein Bild zum Leben erweckt («Milchausmessen» von Friedrich Stirnimann). Babst verwandelt die Momentaufnahme in eine Geschichte, die Menschen und ihre Lebensumstände lebendig werden lässt. Worte und Syntax spiegeln Denken und Fühlen der Hauptperson. So charakterisiert auch die Sprache die Erzählerin und ihre Zeit. Babst spielt mit Nahaufnahme und Totale, mit Staccato und Lento, mit wiederkehrenden Motiven und unseren Sinnen, so dass wir die Milch schmecken, die Stimme der Alten hören, die Hundeaugen des Vaters sehen und Frust und Lust der Erzählerin körperlich spüren. Das ist grosses Kino.

 

Dominique Strebel, Studienleiter Diplomausbildung Journalismus