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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Livia Willi berichtet aus Vietnam
Livia Willi (1979) arbeitet seit Anfang Januar 2010 als Journalistin bei der englischsprachigen Zeitung Viet Nam News in Hanoi, Vietnam. Im August 2009 schloss sie ein zweijähriges Stage bei der Nachrichtenagentur SDA ab, wo sie seit September 2009 als Redaktorin im Ressort Wirtschaft tätig ist. Sie studierte an der Universität Freiburg Jura und reichte 2010 ihre Diplomarbeit für den MAZ-Lehrgang Nachrichtenjournalistin ein.
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Sonntag, 3.1.2010
Mein Motorradtaxi-Fahrer reagiert schnell. Er weicht den Kisten bereits aus, als ich sie noch gar nicht auf die Strasse fallen sehe. Der Motorrad-Fahrer vor uns hatte sie nicht fest genug auf seinen Gepäckträger geschnallt. Im Vergleich dazu sieht der Goldfische-Transport einiges professioneller aus: Der Scooter-Fahrer links von uns führt Dutzende mit Wasser und Fischen gefüllte Plastiksäcke mit sich. Diese hängen an einem zylinderförmigen Metallgestell, das an Rücksitz und Gepäckträger festgemacht ist. Ich habe den Eindruck, dass es kaum etwas gibt, das hier nicht auf einem Motor- oder Fahrrad transportiert wird. Meterhohe Pflanzen, riesige Säcke mit Kleidern, eine Waschmaschine oder Ziegelsteine, mit denen man eine stattliche Mauer bauen könnte, sind nur einige Beispiele dafür.
Wie der Verkehr rauschen auch meine ersten Stunden in Hanoi nur so an mir vorbei. Einzig die neue Währung bereitet mir Mühe. Es fällt mir schwer, ganze drei 10'000-Dong-Noten aus der Hand zu geben. Doch das kostet eine Scooter-Fahrt quer durch die Stadt nun mal (umgerechnet rund 1.70 Franken).

Montag, 4.1.2010
Mein erster Tag auf der Viet Nam News. Ich warte auf die stellvertretende Chefredaktorin und trinke bereits die dritte Tasse Grüntee. Sie befinde sich gerade in einer Sitzung, erklärt mir ihre Assistentin fragenden Blickes. Kein Mensch auf der Redaktion rechnet mit mir, obwohl ich das Datum meines Arbeitsbeginns bereits vor Monaten mit der dafür zuständigen Frau in der Sitzung vereinbart hatte. Aber vielleicht lag gerade darin das Problem. „Are you the new intern from Australia?“, fragt sie mich, als sie nach einer Stunde auftaucht. Sie ist selbst nicht überzeugt von ihrer Frage. Nach einem kurzen Gespräch mit mir huscht sie ab in die nächste Sitzung. Und dafür habe ich auf ein Nudelsuppen-Frühstück verzichtet, wundere ich mich.
Was mich tröstet, sind die ersten paar Kolleginnen, die ich an diesem Tag kennen lerne. Sie organisieren einen temporären Arbeitsplatz für mich und sind ausnahmslos freundlich. Die Redaktion der Viet Nam News ist fast ausschliesslich weiblich, und das ohne jegliche Frauenquote. Das sei reiner Zufall, sagt meine Schreibtisch-Nachbarin Ha. Ich höre und staune.

Später streckt mir Ha eine kleine rote Schachtel hin. Es gebe Grund zum Feiern. Ihre Kollegin, an deren Namen ich mich leider nicht mehr erinnere, werde in zwei Wochen heiraten. Als ich die Schachtel öffne, weiss ich nicht, was ich vor mir habe. Ist es etwas zum Essen oder handelt es sich um Knetmasse, mit der ich ein Haus, ein Kind oder eine Frucht formen soll im Sinne der bevorstehenden Trauung? Erleichtert sehe ich Ha in die gelbe Masse beissen. Ich probiere das Klebreis-Ding ebenfalls – und kann den gummiartig-süssen Bissen leider nur tapfer hinunterwürgen. Unter dem Vorwand, den Rest als Souvenir nach Hause zu bringen, verstaue ich ihn in meiner Tasche, um sie später zu fotografieren. Und wegzuwerfen. Vietnamesische Verlobungs-Tradition hin oder her.
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Mittwoch, 6. Januar 2010
Man kann sich in Hanoi vegetarisch ernähren. Aber es ist unmöglich, Vegetarierin zu bleiben, wenn man die traditionelle vietnamesische Küche entdecken will. Ich habe mich heute wieder in eine der unzähligen Suppen-Buden gesetzt, auf einen dieser tiefen, bunten Plastikhocker, die mich jedes Mal wie eine Gigantin aussehen lassen. Ich wollte eine Nudelsuppe (Pho) ohne Fleisch zum Frühstück, doch lag es wahrscheinlich an meiner Bestellung auf Nicht-Vietnamesisch, dass die Suppe, die mir serviert wurde, praktisch nur aus gebratenen Fleischbällchen bestand. Ich finde grundsätzlich, dass man Essen nicht wegwerfen sollte - auch wenn man nach meinem letzten Blog-Eintrag vielleicht einen anderen Eindruck von mir haben könnte. Und es scheint, dass ich Rindfleisch nach 15 Jahren fleischloser Ernährung noch immer vertrage.
Es liegt übrigens nicht nur an meiner Neugier, dass ich seit meiner Ankunft kein einziges Weizen- oder Milchprodukt mehr gegessen habe. Gemäss meinem Reiseführer lautet ein vietnamesisches Sprichwort: "Wer mit Schale und Essstäbchen umzugehen versteht, weiss auch mit Worten umzugehen." Ich hoffe, dass für Westler nicht dieselben Massstäbe gelten und übe fleissig weiter, bis der Tag kommt, an dem ich es nicht mehr aushalte ohne Müesli. Dies dürfte allerdings noch etwas dauern, denn die vietnamesische Küche ist sehr gut und vielfältig. Meist spezialisieren sich die Strassenköche auf eine bestimmte Speise. Hier eine Variante von Frühlingsrollen:

Donnerstag, 7. Januar 2010
Ich kann einatmen. Es hat über Nacht geregnet, und ich trage seit gestern gelegentlich eine Atemschutzmaske. Die Luft auf Hanois Verkehrsstrassen ist eine echte Herausforderung, und dies nicht nur für meine verwöhnten Lungen. Viele Verkehrsteilnehmer tragen solche Masken, man kann sie in allen Farben und Mustern kaufen. Manche binden sich auch einfach ein Tuch über den Mund. Am besten würde man gleich noch eine Schutzbrille tragen, denn die Partikel aus Abgas und Staub brennen zuweilen ganz schön in den Augen.


Doch das Beste kommt erst: Ich habe mir heute abend ein nigelnagelneues Velo gekauft. Es war zuerst nicht einfach, einen Velohändler zu finden. Schliesslich fand ich eine ganze Velohändler-Familie. Die Eltern gaben dem Velo noch den letzten Schliff, bevor ich es für 800'000 Dong (rund 44 Franken) - inklusive Körbchen, Licht und Schloss - erwarb. Der Einstieg in den Abendverkehr war nicht einfach. Ich radelte ganze 1,5 Stunden, bis ich zu Hause ankam, da ich mich immer wieder verirrte. Ich schätze, dass man dieselbe Strecke unter idealen Bedingungen in der halben Zeit zurücklegen könnte. Nennt man das lost in transition?

Nicht unerwähnt lassen möchte ich zudem die Anekdote mit meiner Kollegin Hoa vom Inland-Ressort. Als sie am Nachmittag hörte, dass ich auf der Suche nach einem Velo bin, stellte sie mir ohne zu Zögern ihr eigenes zur Verfügung, das sie nie benutzt, da sie - natürlich - einen Roller hat. Sie hatte das Velo seit Monaten unbenutzt im Parking-Geschoss des Redaktionsgebäudes stehen gelassen, und entsprechend sah es auch aus, doch Hoa begleitete mich sofort zu einem Velo-Service um die Ecke, um die platten Reifen aufpumpen zu lassen.
Als ich am Abend nach Hause fahren wollte, war die Luft aber leider schon wieder raus. Da die Bremsen ebenfalls nicht allzu gut funktionierten und das alte Gefährt kein Licht hatte, entschied ich mich, meine Suche nach einem funktionstüchtigen Modell fortzusetzen. Denn der Verkehr ist auch mit guten Bremsen wild genug. Da wirken Bussen zuweilen skurril.
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Samstag, 9. Januar 2010
Ich bin erst nach zwölf Stunden Schlaf aufgewacht. Die langen Velofahrten, der Jet-Lag und die vielen neuen Eindrücke von vergangener Woche haben ihren Tribut gefordert. Ich wohne zwar in einem relativ ruhigen Haus, da es nicht direkt an einer Hauptstrasse steht. Aber das Brummen der Scooter hört man selbst in meinem Schlafzimmer, und natürlich wird auch im Quartier ständig gehupt, weil der Strassenverkehr in Hanoi ohne Hupen schlicht nicht denkbar wäre. Vor unserer Haustür liegt ein Netz aus lauter verwinkelten Strässchen mit vielen kleinen Geschäften und Bäuerinnen, die ihre Waren unter freiem Himmel anbieten. Zudem rufen, diskutieren und bauen meine Nachbarn immer irgendetwas, und aus allen Richtungen bellen Hunde. Das Leben ist hier klar und deutlich zu hören, doch daran habe ich mich bereits gewöhnt.

Heute Mittag weckte mich ein anderer Lärm. Als ich mein Schlafzimmerfenster öffnete, hörte es sich so an: . Unsere Nachbarn würden jeden Samstag ein Karaoke veranstalten, sagte meine WG-Mitbewohnerin Ziska. Gut zu wissen. Um meine Ohren zu schonen, fuhr ich in den botanischen Garten. Mit dem Velo bin ich in zehn Minuten dort. Ich schätze dieses kleine, ruhige, grüne Sauerstoffzelt sehr. Hier kann man lesen, joggen, und täglich frisch Vermählte dabei beobachten, wie sie sich fotografieren lassen:
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Dienstag, 12. Januar 2010
Auf meinem Weg zur Arbeit fahre ich an einer Lenin-Denkmal vorbei. Diese ist etwas zwischen beeindruckend und erdrückend. Es ist immer interessant, zu sehen, wer sich gerade auf dem Platz aufhält. Meist sind es vietnamesische Schulklassen oder Fruchtverkäuferinnen, die hoffen, dass ihnen der eine oder andere Tourist über den Weg läuft. Abends ist der Platz ein beliebter Treffpunkt für Teenager. Heute sah ich einen einsamen vietnamesischen Skateboard-Fahrer mit Kopfhörern, der fleissig seine Sprünge und Drehungen übte. Ich habe mich gefragt, was Lenin wohl über die Szene denken würde, wenn er noch am Leben wäre.

Als ich am Nachmittag auf der Redaktion erscheine, überrascht mich meine Kollegin Ha mit zwei Freikarten für ein Jazz-Konzert. Das Quyen Thien Dac-Quartett spielt am gleichen Abend John Coltrane im Opernhaus. Die vietnamesische Interpretation von Coltrane lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Leider finde ich auf die Schnelle niemanden, der mit mir hingehen kann.
Beim Eingang zur Oper will ich einer jungen Vietnamesin gerade meine zweite Freikarte schenken, als eine Frau auftaucht und energisch auf mich einredet. Ich verstehe kein Wort von dem vietnamesischen Redeschwall, und versuche sie abzuwimmeln, was mir nicht gelingt. Schliesslich reisst sie mir die Karte aus der Hand. Ich schnappe sie mir sofort wieder zurück, bin inzwischen ziemlich wütend, und sage zu der Frau laut und deutlich, dass sie endlich verschwinden soll, was sie dann auch macht. Ein solches Verhalten lasse ich nicht durchgehen, auch wenn sie das Geld wahrscheinlich braucht.
Als die Jazz-Musiker „Love Supreme“ spielen, verstaue ich das Erlebnis in meiner inneren Allzweck-Kiste mit der Aufschrift „Fragezeichen“, die zum Einsatz kommt, wenn ich die Leute auch mit Hilfe von Händen und Füssen nicht verstehe. Das schwierigste an meinem Aufenthalt hier ist bisher die sprachliche Barriere. Die wenigsten Leute hier sprechen Englisch oder Französisch, und wenn, dann häufig nur ein paar wenige Worte. Mir bleiben noch etwas mehr als sechs Wochen. Ich brauche dringend ein paar Vietnamesisch-Stunden, damit ich wenigstens sagen kann „lassen sie mich in Ruhe“. |
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Donnerstag, 14. Januar 2010
Der Hoan Kiem-See ist zwar nicht der grösste See in Hanoi, aber eines der Wahrzeichen der Stadt. Der Name Hoan Kiem bedeutet "das zurückgegebene Schwert" und stammt von einer Legende aus dem 15. Jahrhundert. Ein vietnamesischer Held gewann demnach zahlreiche Schlachten gegen die Chinesen mit Hilfe eines Schwertes, das er zuvor aus dem See gefischt hatte. Als er nach seiner Rückkehr dem Geist des Sees danken wollte, erschien eine riesige Schildkröte und nahm ihm das Schwert wieder ab.
Als ich heute Mittag am Ufer des grünen Tümpels entlang lief, machte sich plötzlich eine grosse Aufregung breit. Über hundert Menschen, Bewohner von Hanoi wie Touristen, drängten sich auf die Südseite des Sees und schauten konzentriert auf seine Oberfläche. Ich verstand nicht, was es mit der Aufruhr auf sich hatte, bis mir ein vietnamesischer Student erklärte, dass man DIE Schildkröte sehen könne. Sie soll mehrere hundert Jahre alt sowie gigantisch gross sein und noch immer im See leben. Ich gaffte zwar ebenfalls ein paar Minuten - konnte aber nichts entdecken, ausser vielleicht, dass die Stelle im See, die alle interessierte, etwas dunkler war als der Rest. Das Wasser ist ohnehin eine einzige Ansammlung von Algen, das Gewässer könnte nicht trüber sein. Schade, dass ich meine Kamera nicht dabei hatte. Die Menschenansammlung hätte bestimmt ein hübsches Bild ergeben.
Den Tieren ist zudem eigens ein Pavillon im Hoan Kiem-See gewidmet:
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Samstag, 16. Januar 2010
Ich weiss jetzt zwar, wie man frische Frühlingsrollen, Fischsuppe, frittierte Tofubällchen, und Crevetten auf vietnamesische Art kocht. Trotzdem frage ich mich nach meinem dreistündigen Kochkurs ernsthaft, ob ich die Zutaten jemals wieder finden werde. Die verschiedenen Minze-Sorten, das richtige Reispapier oder die gerösteten Schalotten sind weder hier noch in der Schweiz leicht zu finden. Dies aus unterschiedlichen Gründen: Während in der Schweiz viele Zutaten für die vietnamesische Küche vermutlich schlicht nicht zu finden sind, gibt es sie hier zwar im Überfluss, aber das Problem liegt woanders: Vietnamesen erledigen ihre Essens- und sonstigen Einkäufe üblicherweise nicht in Supermärkten (obschon es solche gibt), sondern auf dem Markt.
Dieser hat vielfältige Erscheinungsformen. Neben den tausenden von winzigen Läden gibt es Velos, die als Verkaufsfläche dienen, Frauen, die ihre Waren an die Schultern gehängt oder auf dem Kopf durch die Strassen tragen, oder solche, die ihr Gemüse auf dem Trottoir ausbreiten. Häufig gibt es hier ganze Strassen, in denen man eine bestimmte Ware findet: Schuh-Strassen, Möbel-Strassen, Esswaren-Strassen, Bilder-Strassen, Blumenstrassen. Doch wo wird was angeboten? Und wie verständige ich mich? Diese Probleme können eine Fremde wie mich schon mal Stunden kosten, und wenn man nicht ständig um den Preis handelt, zahlt man ständig viel zu viel. Wenn ich am Ende die Hälfte des ursprünglichen Preises bezahle, ist das zwar immer noch zu viel, aber zumindest habe ich es versucht.



Dienstag, 19. Januar 2010
Wahrscheinlich war eine einzige Muschel schuld, sage ich mir, nachdem ich in der Nacht zum Montag schon zum vierten Mal zur Toilette gerannt bin. Der Abend war nett, das Restaurant schön, die Meeresfrüchte gut - nur leider wollten sie nicht bleiben, wo sie hingehören.
Keine Sorge, das kann mir in der Schweiz auch passieren, simsle ich am nächsten Morgen der Kollegin, als ich ihr mitteile, weshalb ich nicht zur Arbeit erscheine. Sie und zwei weitere Kolleginnen waren es, die mich in das Restaurant mitgenommen haben. Sie kamen glücklicherweise unbeschadet davon.
Der vietnamesische "Hot pot" ist vergleichbar mit Fondue Chinoise: Man stellt eine Pfanne auf eine Herdplatte in der Mitte des Tisches, kocht Bouillon darin, und wirft die Zutaten hinein. Ich werde es bestimmt wieder mal essen. Das nächste Mal aber ohne Muscheln.
Mittwoch, 20. Januar 2010
Man kann vietnamesische Frühlingsrollen auch ohne Reispapier essen. Man muss die Zutaten einfach als Salat betrachten, dann schmeckt das ganz gut. Ich habe zwar Reispapier gefunden, aber offensichtlich nicht das richtige. Es ist brüchig. Wasser hilft auch nicht weiter, sondern löst es auf. Und die vietnamesische Aufschrift auf der Packung bringt mir genauso viel, wie wenn sie chinesisch wäre.
Die Kochlehrerin sagte am Samstag: "Das Kochen selbst geht in der vietnamesischen Küche blitzschnell. Es ist die Vorbereitung, die zeitaufwändig ist." Nach einer zweistündigen Einkaufstour verstehe ich, was sie meinte. |
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Samstag, 23. Januar 2010.
Ein erstes Kapitel ist abgeschlossen. Die ersten drei Wochen arbeitete ich im Lifestyle-Ressort der Viet Nam News (VNS), wo sich manche Kolleginnen während der Arbeit auch schon mal die Fingernägel lackieren. Doch auch wenn mir die Themen im Lifestyle-Ressort nicht wirklich zusagten (ich schrieb unter anderem eine Restaurantkritik), gab mir die Arbeit eine Möglichkeit, immer wieder neue Leute kennen zu lernen.
Die verbleibenden fünf Wochen werde ich im Inland-Ressort (Domestic Section) arbeiten. Letzte Woche erhielt ich erneut einigen Anschauungsunterricht zur politischen Berichterstattung in Vietnam, als in Ho-Chi-Minh-Stadt ein wichtiger Prozess gegen vier Regierungskritiker lief. Sie wurden alle zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. In der VNS sahen die Artikel dazu so aus: 20.01.2010 und 21.01.2010
Und so berichtete eine andere vietnamesische News-Seite - Text 1, Text 2.
Montag, 25. Januar 2010
Heute habe ich die Ratte auch gesehen. Als mir mein Kollege Ben vor einer Woche erzählte, eine Ratte sei bei ihm über die Tastatur gerannt, dachte ich, das sei wieder mal einer seiner Scherze. Wie naiv von mir. Sie kam aus dem Bücherregal, lief über zwei Pulte der vorderen Tischreihe und kroch wieder zurück ins Regal.

Mittwoch / Donnerstag, 27. & 28. Januar 2010
Endlich mal raus aus der Stadt. Die vietnamesischen DEZA-Mitarbeiter fahren mich mit einem kleinen Bus nach Nam Dinh, eine Küstenprovinz Nordvietnams, damit ich mir ein Bild von ihrem Ziegel-Projekt machen kann. Auf der Fahrt wird mir die Grösse dieses Landes so richtig bewusst: Mit 331’690 km2 ist Vietnam etwa acht Mal grösser als die Schweiz. Die Landstrassen auf dem Weg dorthin sind zwar meist geteert, aber oft sehr schlecht erhalten und daher holprig, und der Fahrer verfährt sich zweimal. Kein Wunder, die Landschaft sieht zum Teil wirklich etwas eintönig aus: Ein Feld neben dem anderen, die Bauern arbeiten knietief im Wasser.

Wir sind über 3 Stunden unterwegs, bis wir im ersten Dorf halten. Dort schauen wir uns zwei traditionelle Ziegel-Öfen an.


Die vietnamesische Regierung will diese Brennöfen verbieten, da sie Umwelt und Gesundheit schaden. Am Nachmittag besuchen wir einen moderneren, umweltverträglicheren Ofen, dessen Bau von der DEZA unterstützt wurde. Die Fahrt in das andere Dorf in derselben Provinz dauert weitere zwei Stunden. Wir kehren erst um neun Uhr abends nach Hanoi zurück.
Am Mittwoch geht es in das Zentrum Thai Nguyen-Provinz, nördlich von Hanoi. Dort besuchen wir ein Rechtshilfe-Projekt, das die DEZA ebenfalls unterstützt. Ziel des Projekts ist es, dass auch arme Leute aus ländlichen Gebieten ihre Rechte verteidigen können. Die Projektmitarbeiter informieren sie über ihre Rechte und stellen ihnen wenn nötig einen Anwalt zur Verfügung, für den sie nichts zahlen müssen. Am Nachmittag treffe ich drei Betroffene, die mir von ihren positiven Erfahrungen mit dem Projekt erzählen. Meine zahlreichen Interviews werden während der beiden Tage jeweils vom vietnamesischen PR-Mitarbeiter der DEZA übersetzt, was gar nicht anders möglich, aber auch sehr anstrengend ist. Das Übersetzungs-Verhältnis ist im Schnitt 30 zu 1: Auf dreissig vietnamesische Sätze der Befragten folgt ein auf Englisch übersetzter und auch meine Fragen klingen auf Vietnamesisch immer viermal so lange. |
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Freitag, 29. Januar 2010
Nach meiner ersten Lektion kann jetzt Dinge wie „hallo“, „danke“ und „es tut mir leid“ auf Vietnamesisch sagen und schreiben. Jedenfalls konnte ich das noch vor zwei Stunden. Denn gar nichts ist einfach in dieser Sprache. Wenigstens sind die lateinischen Schriftzeichen eine Orientierungshilfe. Ich mache mir keine Illusionen. Wenn ich nach meinem Aufenthalt in Vietnam ein paar wenige Sätze weiss, ist das ziemlich gut. Vielleicht sollte ich es eben doch mal mit Karaoke versuchen: http://www.youtube.com/watch?v=2Ep-vhs0ml8.
Samstag / Sonntag, 30. & 31. Januar 2010
Man kann nicht nach Vietnam reisen, ohne die Ha Long-Bucht zu besuchen. Selbstverständlich bin ich nicht die einzige, die so denkt und beim Bootsanleger in Ha Long-Stadt auf die Abfahrt wartet. Doch sobald ich auf der Dschunke sitze und sehe, wie gut wir Touristen uns auf die vielen Boote in dieser riesigen Bucht verteilen, vergesse ich den Lärm der Grossstadt. Und atme tief ein.


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Mittwoch, 3. Februar 2010
Ich habe Karten für die letzte Abendvorstellung des Wasserpuppentheaters ergattert. Ich quetsche mich umgeben von Touristen aus aller Welt in meinen Theatersessel, der mir natürlich keine Möglichkeit gewährt, gerade zu sitzen. Die Stuhlreihen in Vietnam sind einfach immer zu nah aneinander gebaut!
Das Spektakel beginnt. Die farbenfrohen Drachen, Fische und Menschen wirbeln in dem Wasserbecken herum, dass es nur so spritzt. Oder müsste ich schreiben „werden herumgewirbelt“? Hinter der Kulisse (ein Bambusvorhang) bewegen neun Leute die Puppen, die ihrerseits an langen Stangen befestigt sind. Neben dem Bassin sitzt eine vietnamesische Musikgruppe, die spielt, singt und singend erzählt. Obwohl ich kein Wort verstehe, finde ich die kurze Aufführung trotzdem irgendwie bezaubernd, und wie das richtige Leben: Die Fäden – oder wie in diesem Fall die Stangen - bewegen oft andere.
Samstag, 6. Februar 2010
In Hanoi herrscht Tet-Stimmung. Und gleichzeitig Frühlingsstimmung, denn seit einer Woche ist es hier richtig warm (28 Grad im Durchschnitt). Doch die beiden Dinge gehören ohnehin zusammen. Tet ist die gängige Abkürzung für Tet Nguyen Dan, das vietnamesische Mond-Neujahr-Fest. Für die Vietnamesen ist Tet das Fest des Jahres und hat daher einen Stellenwert wie für uns Weihnachten, Neujahr und Ostern zusammen. Der erste Tag im neuen Jahr wird dieses Jahr der 14. Februar 2010 sein. Dann beginnt das Jahr des Tigers, die Tage des Büffels sind also gezählt.
Jetzt, wo es nur noch eine Woche dauert bis Tet, mischt sich eine Magie in das lärmige Chaos der Strassen Hanois. Die Pfirsichblütenbäume und –Äste sind für die Vietnamesen so etwas wie für uns Weihnachtsbäume, sie werden rege gekauft und transportiert und sind daher momentan wirklich überall zu sehen.
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Donnerstag, 11. Februar 2010
Ho Chi Minh sieht frischer aus als ich erwartet habe. Immerhin starb er vor über 40 Jahren (1969). Klar, er ist schon sehr bleich, wie er da aufgebahrt im Mausoleum liegt. Aber die jährliche Balsamierkur in Russland bringt ein erstaunliches Ergebnis hervor. Onkel Ho, wie der Befreiungskämpfer und frühere Präsident Vietnams hier meist genannt wird, ist DER Nationalheld der Vietnamesen. Auf dem Platz vor dem Mausoleum verlas er am 2. September 1945 die Unabhängigkeitserklärung Vietnams von Frankreich. Eigentlich wollte Onkel Ho kremiert werden. Doch bei einem Helden ignoriert man das Testament schon mal, wie es scheint.

Samstag, 13. Februar 2010
Die Tet-Feierlichkeiten nähern sich ihrem Höhepunkt. Meine Arbeitskollegin Hoa nimmt mich zum Tet-Essen mit, das im Haus ihrer Grosseltern stattfindet. Diese wohnen in der Provinz Pho Tho im Nordwesten Hanois. Der Raum im Kleinwagen wird voll ausgenutzt: Ein Freund der Familie fährt, rechts davon sitzt Hoas Schwägerin mit ihrem Bébé, und wir teilen uns den Rücksitz mit Hoas Mutter.
Unterwegs machen wir auf einem buddhistischen Friedhof halt. Hoa und ihre Mutter zünden Räucherstäbchen an und stecken sie ins Grab der Ur-Ur-Grossmutter meiner Kollegin. Danach legen sie Früchte auf den Grabstein. In Vietnam werden Ahnen verehrt wie Götter. Jedes Haus hat einen Altar, wo man ihnen gedenkt und versucht, ihre Stimmung positiv zu beeinflussen. Ein Grab nach ein paar Jahren aufzuheben, wäre hier undenkbar.
Als die Räucherstäbchen erlischen, verbrennen die beiden Frauen bündelweise Falschgeld auf dem Boden neben dem Grab. Das ist inzwischen kein ungewohnter Anblick mehr für mich. Ich beobachte das häufig auf den Trottoirs von Hanoi. Das bringt Glück, heisst es. Zu Tet schenkt man einander echtes Geld in kleinen bunten Couverts. Das soll ebenfalls Glück bringen, auch wenn es meist umgerechnet nur ein paar Franken sind.
Nach über zwei Stunden Autofahrt sind wir da. Hoas Grossmutter ist 98 Jahre alt, ihr Grossvater drei Jahre jünger. Ich frage Hoa, weshalb ihre Grosseltern so alt geworden sind. "Ihr Geheimnis ist das Leben auf dem Land und viele Kinder," sagt sie. Ihre Familie väterlicherseits ist nicht nur gross, sondern auch lebhaft, und das Essen schmeckt gut. Auch wenn ich mich nur mit drei Leuten (und mit einer davon, Hoa, richtig) unterhalten kann, wird es mir nie langweilig. Das einzige Problem ist, dass ich den ganzen Tag friere, und meine Nase läuft ununterbrochen Die Temperatur ist in der Nacht auf Freitag um die Hälfte gesunken, und heute ist es noch kälter (13 Grad). Das Wetter ist besonders relativ.
Bevor ich am späten Abend in Hanoi aus dem Haus gehe, ziehe ich sogar meinen Wintermantel an, den ich aus der Schweiz mitgebracht habe. Die Gassen in der Altstadt sind heute besonders voll mit Menschen, und wie immer faszinierend. Als wir kurz vor Mitternacht unsere Bar verlassen, steht vor jedem Hauseingang ein kleiner Gabentisch mit Essen und Räucherstäbchen drauf, meist betet jemand davor. Man wolle die Götter gnädig stimmen, wenn sie um Mitternacht um die Häuser flitzen, erklärt Hoa. Die Feuerwerke beim Hoan Kiem See sind leider eine Enttäuschung. Wegen der Dunstglocke, die über Hanoi liegt, sieht man sie kaum. Dafür sind die vielen Luftballons ganz hübsch. Am besten gefallen mir die Tiger.

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Sonntag, 14. bis Freitag, 19. Februar 2010
Tet dauert natürlich länger als nur ein Wochenende. Die Viet Nam News erscheint erst am Freitag wieder. Daher ist es Zeit für eine kleine Reise. Mein Nachtzug rollt um elf Uhr abends los Richtung Ho-Chi-Minh-Stadt (Sai Gon). Ich selbst werde auf halber Strecke aussteigen. Mein Ziel ist Da Nang, rund 800 km südlich von Hanoi. Ich habe 14 Stunden Zugfahrt vor mir.
In meinem Viererabteil schlafen ein Vietnamese und zwei Französinnen. Eine der beiden Frauen ist korpulent. Ihre Liege befindet sich genau über mir. Es ist nicht einfach, einzuschlafen. Geschlagene zwei Stunden liege ich wach und werde den Gedanken nicht los, dass diese Betten eigentlich für zierliche Vietnamesinnen gebaut sind. Der Zug rüttelt stark. Ich wache im Stundentakt auf, trotz Oropax.
Am Montagnachmittag komme ich in an. Es ist wie erwartet deutlich wärmer als in Hanoi. Danach geht es mit dem Taxi 30 km weiter südlich in das malerische Hafenstädtchen Hoi An. Dieses gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe: Die Altstadt ist eine Mischung aus vietnamesischer, chinesischer, japanischer und europäischer Architektur, die zum Teil bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht.
Die japanische Brücke von Hoi An (16. Jahrhundert):

Nur 5 km entfernt von Hoi An liegt ein kilometerlanger Sandstrand. Kein Wunder, hat es so viele Touristen hier. Im Meer schwimmen kann ich trotzdem nur an den ersten beiden Tagen. Danach kommen Wolken und Wind.

Es ist Freitag: Eine Zeitungsverkäuferin wirbt für die aktuelle Ausgabe der Viet Nam News.
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Mittwoch, 24. Februar 2010
Heute ist mein letzter Artikel in der Viet Nam News erschienen. Ich schreibe darin über ein Projekt der DEZA zur nachhaltigen Herstellung von Ziegelsteinen (pdf). Meinen früheren Bericht über ein DEZA-Projekt (pdf) möchte ich meinen Blog-Lesern ebenfalls nicht vorenthalten.
Freitag, 26. Februar 2010
Heute kurz vor Mitternacht wird mein Flugzeug abheben. Vorhin trank ich meinen letzten starken, eisgekühlten, vietnamesischen Kaffee. Danach hat mich zum letzten Mal ein Motorradtaxi-Fahrer nach Hause gefahren. Auf Nimmerwiedersehen, meine Velohändlerfamilie, vier Reparaturen auf Garantie innerhalb von acht Wochen sind genug. Anne-Julie, ich wünsche dir viel Glück mit meinem Velo, das mir trotz aller technischer Störungen ein treuer Begleiter war. Köchinnen und Köche meines geliebten vegetarisch-vietnamesischen Restaurants Ha Thanh, verborgen in einer der vielen Gässchen zwischen der Doi Can und der Kim Ma, wann veröffentlicht ihr endlich ein Kochbuch? Bewohner Hanois, ich werde eurer allgegenwärtiges Leben auf der Strasse vermissen, auch wenn es manchmal anstrengend war.
In der Schweiz lebt man im Vergleich dazu wie unter einer Glocke, geruch- und geräuschlos. Auf Wiedersehen, Hanoi, du widerspenstige Schönheit. Deine Magie legt sich wie ein heilsames Pflaster über die Härte und Schwierigkeiten des Alltags. Ich komme wieder.
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MAZ - aktuell
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