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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Anemi Wick berichtet aus Hanoi
Seit Anfang Februar 2009 ist die Luzernerin Anemi Wick (Jg. 1975) Stagiaire bei der englischsprachigen Tageszeitung «Viet Nam News» in Hanoi (http://vietnamnews.vnagency.com.vn). Die MAZ-Absolventin arbeitet seit 2003 als freie Journalistin in Berlin.
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4. 2. 2009 - Hanoi hupt - Der erste Tag: Geräusche, Gerüche, Gewusel und Gegensätze. Viele Fragen und eine Antwort, die ich nicht verstehe
"Madame!" - Die Frau will mir kitschige Postkarten verkaufen. "Madame!" - Eine zweite zupft mich am Ärmel und deutet auf eine Plastiktüte voller Kleider. "Madame!" - Frische Ananas. "Madame!" - Nein, ich will mich nicht hinten auf sein Motorrad schwingen und mich durch die Stadt fahren lassen. Im Gehen winke ich nach allen Seiten ab, kopfschüttelnd, und versuche gleichzeitig, den hupenden Rollern auszuweichen, die wie ein Hornissenschwarm durch die Hang Ngang-Strasse brausen.
Auf dem Trottoir ist kein Durchkommen, weil hier Leute essen/kochen/Schuhe putzen/Fleisch zerhacken/Gemüse verkaufen/Motorräder parken/Putzeimer auskippen. Ich fühle mich wie eine Figur in einem hektischen Jump 'n' Run-Computerspiel. Stehen bleiben geht hier nicht, meine Augen zappen durch die Strasse, Gesichter, Farben, Formen, flüchtige, abgehackte Momente. Korbträgerin, links vorbei, Achtung, Hupen, Schüssel mit Chili-Schoten am Boden, nicht stolpern. Ich lasse mich weiterspülen, habe vergessen, wo ich eigentlich hin wollte.
Immer wieder sehe ich Frauen zu zweit hintereinander auf kleinen Plastikhockern sitzen, die hintere zupft der vorderen mit einer Pinzette am Kopf herum. Was machen die da bloss? "Madame!" - Einer hochschwangeren Frau kaufe ich einen Stadtplan ab.

Mobile Ananas-Verkäuferinnen
Vietnams Hauptstadt hupt und brummt. Pausenlos, ruhelos, eingepackt in ihren Dunst. Sie riecht mal nach Fisch, mal nach Räucherstäbchen, mal nach Urin, mal nach Zitronenblättern. Vor ein paar Stunden bin ich hier gelandet, am Morgen kurz vor 8 Uhr. 18 Grad, bedeckt, etwas schwül. Eine Taxifahrt zum Hotel, vorbei an Reisfeldern, auf denen sich Wasserbüffel, vor einfache Pflüge gespannt, Schritt für Schritt vorwärtskämpfen. Dazwischen riesige Werbetafeln, die Autos und Unterhaltungselektronik anpreisen. Und vorbei an Fabrikhallen: Canon. Panasonic.
Im Hotel arbeitet ein junger Mann, er ist etwa gleich gross wie ich, und noch zierlicher. Er hatte sich meine Rolltasche - 29 Kilo - auf die Schulter gewuchtet und stapfte zügig die Treppe hoch, ein Lied vor sich hin pfeifend. Ohne Halt bis in die vierte Etage, ich kam kaum hinterher. "You are very strong", sagte ich. Angesichts seiner Statur konnte das aber nur eine mentale Sache sein...

Blick vom Hotelbalkon im Hoan Kiem District, Old Quarter
Vor dem Abflug, in der Wartehalle am Flughafen Frankfurt, sassen Westler neben Westlern und Asiaten neben Asiaten. Selten ein Westler neben einem Asiaten. Und wenn, dann hatten sie sich voneinander abgewandt, ganz krumm sassen sie da und sahen aus, als würden sie in der nächsten Sekunde von ihren Sitzen kippen.
Jetzt sitze ich am Ufer des Hoan Kiem Sees im Zentrum von Hanoi. Ein Mann hat sich neben mich gesetzt, ein bisschen an seinen Zehen herumgezupft und mir dann eine Zigarette angeboten. "Aus welchem Land kommst du?", fragt er mich. Auf Vietnamesisch. "Tôi là người Thụy Sỹ" - ich bin Schweizerin. Sprachkurs "Vietnamesisch für Anfänger", Lektion 1 Dialog 1.2. Ich bin vorbereitet, ein bisschen. Ich frage ihn, was er arbeitet, und verstehe die Antwort nicht. Er fragt nach meinem Alter und wie viele Kinder ich habe, ich antworte und frage zurück. Wir schweigen eine Weile und starren aufs Wasser, auf den giftgrünen Algenteppich. Dann fragt er, ob ich einen Kaffee trinken möchte. Oder ein Bier. Không. Nein. Ich gehe nicht mit dem 44-jährigen Vater einer Tochter Kaffee oder Bier trinken. |
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5. 2. 2009
Wolken, Blumen und Shrimps im Grossraumbüro - Begrüssung in der Redaktion: Von der Kunst, sich vietnamesische Namen zu merken
Er warnt mich vor "strange food", Leitungswasser und Eiswürfeln. Davon kriege man Magenprobleme. Phuc war früher ein Chefredaktor, jetzt ist er im Ruhestand, eigentlich. Ich habe heute Nachmittag meinen ersten Termin im Gebäude der staatlichen Nachrichtenagentur Viet Nam News Agency. Phuc fragt mich, ob ich im Osten oder im Westen Berlins wohne. Er habe in Berlin einmal einen Journalismus-Kurs besucht, vor zwanzig Jahren vielleicht, es könne aber auch schon dreissig Jahre her sein.
Die "Viet Nam News" wurde schon im Flugzeug nach Hanoi verteilt, sie berichtete unter anderem darüber, dass ausländische Investoren die Landwirtschaft meiden, über die Hühnergrippe in der Provinz Ca Mau, über eine überfüllte Fähre auf dem Gianh River, die gesunken ist und 42 Menschen das Leben gekostet hat. Universitätsdozenten sollen künftig die Abschlussexamen an der High School beaufsichtigen, um zu verhindern, dass die Schüler mogeln. Auf den Seiten "Life&Style" stand ein langer Agenturtext über die Fashion Week Berlin - "Cheap fashion puts Berlin on the map".
Im Grossraumbüro werde ich der Verantwortlichen des Ressorts International vorgestellt. Man hat mir noch keinen festen Arbeitsplatz organisiert, das ist ihr offensichtlich peinlich. Kein Problem, wirklich nicht, sage ich. Damals, an meinem ersten Tag bei der Zeitung in Berlin sei das auch nicht anders gewesen.
Ich werde zu den Ressorts Domestic, Lifestyle&Sports und Sunday geführt. Alle Ressortleiterinnen nehmen sich sehr viel Zeit, fragen, wann ich angekommen bin, wo ich wohne, wie ich in Hanoi zurechtkomme, wollen wissen, über welche Themen ich normalerweise schreibe, erklären mir ihre Seiten, besprechen mit mir, in welchen Bereichen ich Geschichten schreiben könnte. Auch ich habe tausend Fragen und das dringende Bedürfnis, meine ersten Eindrücke mit ihnen zu teilen. Alle sind sehr herzlich, obwohl sie doch bestimmt gerade im Produktionsstress sind, den gibt es um diese Uhrzeit wohl in allen Tageszeitungs-Redaktionen dieser Welt. Vielleicht gibt es in Vietnam einfach Dinge, die noch wichtiger sind?
In der Sunday-Ecke findet sich ein Platz für mich mit Internet-Anschluss, der heute nicht besetzt ist. Ich stehe wieder auf und mache die gleiche Runde nochmals. Um mir die Namen der Editors aufzuschreiben; Ha, Hoa, My Ha - anders kann ich sie mir beim besten Willen nicht merken. Und wir kommen wieder ins Gespräch. Eine Kollegin erklärt mir, was die Namen bedeuten: Wolke zum Beispiel. Blume. Fluss. Offenbar gibt es in Vietnam nicht sehr viele verschiedene Vornamen, denn in diesem Grossraum gibt es zu jedem Namen jeweils etwa drei oder vier weitere Kolleginnen, die den gleichen haben. Deshalb geben mir manche noch einen Mittelnamen oder einen Übernamen an. Eine Ha wird "Ha Tom" gerufen, weil: "Tom" bedeute "Shrimps" und sei der Übername von Has Tochter. Alles klar?


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6. 2. 2009
Schweine-Fasnacht - Reporterin Liên schreibt über einen alten Brauch in La Phù
"Kannst du auf Vietnamesisch von null bis Zehn zählen?", fragt mich Reporterin Liên. Klar kann ich. Không, một, hai, ba... Lien sitzt in der Redaktion am Schreibtisch neben mir. Sie zeigt mir, was sie gestern geschrieben hat: Einen Artikel über die Opferschweine-Zeremonie im Dorf La Phù. Die Schweine werden vor dem Fest geschlachtet und gesäubert. Die Ohren, Augen, die Nase, die Füsse und der ganze Körper des Schweins werden mit bunten Scherenschnitten verziert. Die Opfertiere werden auf Sänften durch das Dorf getragen - und zwar von jeweils acht "grossen, unverheirateten und gut gebildeten" Männern. Niemand wisse genau, wann dieser Brauch begann. Einheimische glaubten, schreibt Liên, dass damit ursprünglich der Dorfheld Tĩnh Quốc geehrt wurde - er soll zu König Hùngs Zeiten für seine Soldaten ein Festmahl gegeben haben, bevor diese in den Kampf zogen. Die Bewohner der Region sollen Tĩnh Quốc Schweine geschenkt haben, um ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen.
Liên ist 25 Jahre alt und hat Internationale Beziehungen studiert. Sie fährt mit dem Motorrad zur Arbeit, "wie alle hier", und wohnt noch bei ihren Eltern, "wie alle unverheirateten Vietnamesen." Sie fragt, ob ich schon verheiratet sei. In Vietnam, sagt sie, heirate man so mit 25. Ich frage sie, ob sie bald heiraten werde. "Nein", sagt sie, und ich habe das Gefühl, dass sie dieses Thema im Moment nicht weiter vertiefen möchte. Wir vernetzen uns auf Facebook, ihr Profil dort besteht überwiegend aus Einträgen auf Französisch und Englisch.
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Zuvor, am Morgen, habe ich das DEZA-Büro besucht. Von dort oben, im 16. Stock, blickte ich zum ersten Mal über die Dächer Hanois. Und sah den Smog. Klimaschutz ist eines der Themen, die mich interessieren. Khuat Quang Hung, der PR-Manager, informierte mich über aktuelle Projekte, es geht unter anderem um Armutsbekämpfung in ländlichen Gebieten, Rechtshilfe, Gleichstellung und häusliche Gewalt, und wir besprechen, welche davon ich besuchen könnte. Seit Oktober 1971 (also noch während des Krieges, der hier übrigens "American War" genannt wird), unterhält die Schweiz diplomatische Beziehungen mit Vietnam. Das Büro in Hanoi wurde 1995 eröffnet.
Mit der frankophonen Schweizer Mitarbeiterin spreche ich ebenfalls Englisch, und als ich dann vor einer Deutschschweizerin stehe, habe ich in den ersten paar Sekunden Mühe, sprachlich Tritt zu fassen; Vietnamesisch, Englisch, Hochdeutsch - wann hatte ich eigentlich zuletzt Schweizerdeutsch gesprochen?
6. 2. 2009
Taxi ohne Umarmung - Wie ich meinen Arbeitsweg bestreite
Was wäre ein vernünftiger Preis für eine Fahrt mit der Velo-Rikscha ins French Quarter? Ich frage die Frau an der Hotel-Reception. Sie überlegt. "Das hängt vom Fahrer ab." Alle Preise sind hier verhandelbar, und für Westler ist es automatisch teurer. "30.000 Dong", sagt sie, "nimm ein Motorrad-Taxi, dann kostet es nur 20.000 Dong". Das sind umgerechnet etwa 1,30 Schweizer Franken. Hinten auf dem Motorrad, mit einem wildfremden Fahrer? Ich nehme eine Velo-Rikscha. für 30.000 Dong.
Auf dem Rückweg von der Redaktion zum Hotel steige ich dann doch aufs Motorrad. Velo-Rikschas sind etwas für Touristen, ich bin mir dabei blöd, fast ein bisschen herrisch vorgekommen. Die Motorradfahrer stehen an jeder Ecke und rufen "Madame!" oder "Taxi!", "xe om" nennt sich dieses Mitfahren. "Xe" ist die Bezeichnung für Fahrzeug, "om" bedeutet Umarmen. Ich erfahre von einer vietnamesischen Freundin, dass es ausserdem die Bezeichnung "bia om", also die "Bierumarmung" gibt, und was es damit auf sich hat. Aber dazu später.
Zurück zum xe om. Manche der Fahrer seien frühere Soldaten, die meisten seien Arbeitslose, steht in meinem Hanoi-Reiseführer von "Lonely Planet". Und weiter: "Hoffe, dass du eine gute Wahl getroffen hast, denn du gibst dein Leben in seine Hand." Na dann... Besonders schnell können die ja ohnehin nicht fahren, bei diesem Verkehr, sage ich mir und handle meinen ersten Fahrer auf Vietnamesisch von 50.000 Dong herunter auf 20.000 Dong. "Ðắt quá!" - zu teuer! Ich nehme an, dass es sich nicht unbedingt schickt, den Fahrer tatsächlich zu umarmen, so versuche ich, mich während der Fahrt irgendwo hinten am Motorrad festzuhalten. |
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8. 2. 2009
Sprachkurs im Park - Duy gibt mir Vietnamesisch-Nachhilfe und erklärt mir, warum er Jura studiert
"Du musst die Wörter auswendig lernen!" Duy ist sehr streng mit mir. Zusammen mit ein paar anderen Studenten hatte er mich gestern am Ufer des Hoan Kiem Sees angesprochen. "Do you speak English?" Ich dachte erst, er sei der Soundsovielte, der mir etwas verkaufen will, aber er erklärte mir, dass er sein Englisch üben wolle. Ich fragte ihn, ob er mir dafür ein bisschen Vietnamesisch beibringe, und wir verabredeten uns für heute Nachmittag in einem kleinen Park. Ich habe mein Lehrbuch mitgebracht, und Duy bringt mir ein paar neue Wörter und Sätze bei. Ein neunjähriger Junge bleibt stehen und plappert die Sätze nach, die mir Duy aufgeschrieben hat, und ich plappere wiederum dem Jungen nach. Dann beginnt der Junge, in perfektem Englisch zu plaudern. Ich bin baff.
Duy ist Jura-Student und 21 Jahre alt. Wenn er lacht, fallen ihm seine schwarzen Haare über die Augen. Er spricht sehr gut Englisch, und er ist ehrgeizig. Ich frage ihn, warum er sich für ein Jura-Studium entschieden hat, und warum ihm Englisch so wichtig ist. "Weil ich denke, dass es viele Englisch sprechende Juristen brauchen wird, für die ausländischen Investoren." Klingt vernünftig. Er fragt, warum ich Journalistin geworden bin, und warum ich nach Vietnam gereist bin. Ich sage (zugegebenermassen etwas hoch gegriffen), dass ich den Lesern die Welt erklären will, so wie sie wirklich ist und wie sie sich dreht, und ich sie dafür auch selbst begreifen muss. Eine waschechte Phil.-I-Antwort. Er fragt mich, wie alt ich bin, und ob ich verheiratet bin und Kinder habe. Dann fragt er: "In welchem Alter heiratet man denn in der Schweiz?" Gute Frage. "Meist so mit Ende zwanzig. Manche später. Manche gar nie." Pluralismus. Individualismus. Sie machen Antworten halt manchmal etwas komplizierter.
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Sie schmeisst Geld ins Feuer. Auf dem Nachhauseweg, es ist schon dunkel, sehe ich eine junge Frau, die auf dem Trottoir vor einer grossen Tonschüssel sitzt und darin bündelweise Geldnoten verbrennt. ich hocke mich dazu und frage: "Entschuldigung, wofür ist das?"

Die Antwort wird folgen. Irgendwann in diesem Tagebuch. Auch die zur Bierumarmung und zum Haare-Zupfen. Bleiben Sie dran... |
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9. 2. 2009
"Very rich" - Anemi und die 50 Reporter
Ich bringe Schweizer Schokolade für die Redaktionskollegen - so ganz klischeemässig. Ich gehe zu jedem hin, den ich noch nicht kennen gelernt habe, und stelle mich vor. Rund 50 Reporter arbeiten hier. Die Viet Nam News umfasst um die 30 Seiten, Tabloid-Format, Sonntags erscheint eine Ausgabe mit vielen längeren Features, und das monatlich erscheinende Magazin "Outlook" wird auch von dieser Redaktion gemacht. Auch wenn natürlich nicht alle Reporter im Büro sind - mein Rundgang dauert weit mehr als drei Stunden. Jeder bietet mir einen Stuhl an, ich muss erzählen, Baby-Fotos auf Handy-Displays bewundern, mich vor Taschendieben in der Stadt warnen lassen. Ob ich in der Schweiz französisch spreche? Die Schweiz sei "very rich", sehr reich, sagt eine Kollegin. Eine andere sagt: "Oh, Lindt, meine Lieblingsmarke!"
Eigentlich hätte ich ja zu tun, das Ressort Sonntag braucht einen Restaurantkritiker. Ich schlage ihnen ein Restaurant vor, mein Vorschlag wird geprüft und für gut befunden. Ich trage noch eine Idee für eine Reportage vor. Sie wird noch geprüft.
Auch die "Sub-Editors" lerne ich kennen. Das sind zehn ausländische Redaktorinnen und Redaktoren aus Australien, den USA und Schottland, die die Texte der Reporter redigieren. |
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10. 2. 2009
Augen zu und durch - Mittagspause auf vietnamesisch
Kollegin Liên liegt auf der Tastatur und pennt. Am Schreibtisch sitzend, den Kopf in den Armen vergraben. Als ich gegen 13.45 Uhr in die Redaktion komme, ist im Grossraum das Deckenlicht ausgeschaltet. Ich sehe mehrere andere schlafende Kolleginnen, in ihren Stühlen zusammengesunken, die Füsse auf einem zweiten Stuhl hochgelegt, den Oberkörper mit einer Jacke zugedeckt. Ich bin mitten im Power Nap reingeplatzt! Vorsichtig schleiche ich an meinen Platz. Kurze Zeit später geht das Licht an, und Liên erwacht. Ob dies bei uns nicht üblich sei, fragt sie mich. Nicht offiziell, sage ich - wenn Schweizer Redaktoren am Arbeitsplatz schlafen wollten, müssten sie mit offenen Augen träumen, auf den Monitor starrend, Arbeit vortäuschend.
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In der Provinz Quang Ninh ist eine Frau mit dem H5N1-Virus infiziert worden, steht heute in der Viet Nam News. In Hanoi habe es am vergangenen Donnerstag zudem Tumulte gegeben, als Einheimische versuchten, Ortsbehörden am Keulen von 1500 Hühnern zu hindern. Die Leute hätten sich Hühner geschnappt und seien davongerannt. |
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11. 2. 2009
Karton gegen den Durst - Vom Einwandern, Vietnamesisch sprechen und Geld wechseln
Weshalb wandern Ausländer nach Vietnam ein? Während ich an meiner Restaurant-Kritik arbeite, erfahre ich eine dieser vielen Geschichten: Matt, ein Restaurantbesitzer aus England, kam vor knapp fünf Jahren nach Hanoi. Mit seiner Frau, einer Kanadierin, die an der International School eine Stelle bekommen hatte. In den ersten Monaten hatte er beneidenswerterweise gar nichts zu tun, er lernte die Stadt kennen, von Café zu Café tourend, Bücher lesend. Er lernte Vietnamesisch, er zählte beim Treppensteigen seine Schritte. Wir unterhalten uns über Fettnäpfchen, die die hiesige Sprache bereit hält - denn viele Wörter können, ein bisschen anders ausgesprochen, etwas komplett anderes bedeuten. "Bia" bedeutet "Bier", "bìa", mit einem tieferen, sinkenden Ton ausgesprochen bedeutet "Karton". Den richtigen Ton zu treffen, ist die hohe Kunst jeder Kommunikation überall auf der Welt; im Vietnamesischen gilt dies verstärkt, auch nach dem dritten oder vierten Bier. (Ich habe jetzt absichtlich ein unverfängliches, einfaches Beispiel gewählt.) Und man kann sich in dieser Sprache in sechs verschiedenen Tonhöhen vertun...
Wir sprechen über eine neue Kategorie von Vietnam-Reisenden, die die Finanzkrise hervorgebracht hat, und die in Matts Restaurant kommen: Westler, die ihren Job verloren haben und mit ihrer Abfindung durch die Welt reisen. "Sie haben Geld, sie haben Zeit, und sie haben nichts zu verlieren." Mehr als 4 Millionen Besucher aus aller Welt seien im Jahr 2008 nach Vietnam gekommen, Tendenz steigend, schreibt die Reiseagentur Sorija Reisen in einer Pressemitteilung. Und weiter: "Die Tourismusbranche bringt die von Kriegen zerstörte Wirtschaft des Landes wieder in Schwung. Statt weinende sieht man lachende Gesichter, die ihre Vergangenheit gut überwunden haben. Mit Ihrem Reisen in diese Region leisten Sie einen Beitrag zur Bekämpfung der Armut in diesen noch immer unterentwickelten Ländern."
Eine Zeit lang hatte Matt einen Englisch-Kurs unterrichtet. Geschmack am Gastgewerbe fand er, als er in einer neu eröffneten Bar zum Spass unbezahlt mithalf. "Wir haben nicht vor, Vietnam wieder zu verlassen", sagt der 34-jährige ehemalige Supermarkt-Manager, der bald Vater wird.
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Die Leiterin des Ressorts Sonntag schreibt meinen Vornamen auf Anhieb richtig. Ohne überhaupt danach zu fragen, als ich an ihren Schreibtisch komme. In der Schweiz oder in Deutschland passiert mir das praktisch nie.
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Der Geldautomat hat einen 500.000-Dong-Schein ausgespuckt. Das entspricht etwa 33 Schweizer Franken. Kein Mensch kann hier im Alltagsleben etwas mit solch grossen Noten anfangen - wer hat schon so viel Wechselgeld, und ausserdem will ich nicht, nachdem ich einen Preis mühsam heruntergehandelt habe, einen solchen Schein zücken und wie ein schwer reicher Westler dastehen (obwohl ich das ohnehin schon tue - Madame aus Thụy Sỹ-Land). Ich frage im Hotel, ob sie mir den kleiner machen können. Können sie nicht. Wo kann ich hier in der Nähe wechseln? "Normalerweise im Hotel." Hm.
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Ich schaffe es nicht, die xe om-Fahrer tiefer als 15.000 Dong herunterzuhandeln. Ein erfahrener Expat aus Deutschland rät mir, stattdessen Taxi zu fahren, die seinen für die Strecke günstiger zu kriegen. Er selbst besitzt einen Roller. Tú, eine Vietnamesische Deutsch-Studentin, die ich gestern kennen gelernt habe, fragt mich, warum ich nicht den Bus nehme, der sei klimatisiert. Sie fährt Moped. Eigentlich will ich mir ja ein Velo anschaffen, wie mein Vorgänger Stefan und eine Schweizer Mitarbeiterin vom DEZA. Heute gehe ich zu Fuss.
13. 2. 2009
Hanoi hupt - Das Video
Impressionen aus dem Alltag auf den Strassen Hanois (Ton einschalten!)

14. 2. 2009
Turteln am See - Valentinstag in Hanoi
Ja, den Valentinstag kennt man auch hier.

15. 2. 2009
Obamas Horoskop - Über das Jahr des Büffels
In der Sonntags-Ausgabe der Viet Nam News (die ich schon am Samstag Nachmittag an einem Zeitungsstand kaufen konnte) lese ich einen Kommentar über das Jahr des Büffels. Es hat am 26. Januar begonnen, mit dem Têt-Fest, dem Neujahrsfest nach Mondkalender. Zwölf Tierkreiszeichen wechseln sich im Jahreszyklus ab.
Früher, steht im Kommentar, habe der Büffel als Familienmitglied gegolten - das starke, hart arbeitende Tier im Reisfeld, Quelle und Symbol für Wohlstand, Existenz und die Hoffnung auf eine gute Zukunft. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung des Landes sei in irgend einer Form in der Landwirtschaft involviert, die meisten hätten täglichen Kontakt mit diesem Tier. In der Kunst wird es häufig dargestellt.
Menschen, die im Jahr des Büffels geboren sind, gelten für ältere Generationen oft als gewissenhaft und langsam, einem gutmütigen Büffel gleich, bei ihnen trete der Erfolg erst spät im Leben ein. Aber dies seinen nur die Grübeleien der Älteren, tröstet der Autor, und führt eine Reihe von erfolgreichen Büffel-Künstlern auf. Dieses Jahr des Büffels werde harte Arbeit, Fleiss und Aufrichtigkeit fordern - alles Tugenden, die nun gefragt seien, um die Wirtschaft wieder aufzubauen. Diese Charakterzüge habe US-Präsident Obama, der nun berühmteste Mensch, der im Jahr des Büffels geboren sei, in seiner Antrittsrede genannt.

Und nun zum Wetter: Duchschnittstemperatur: 19,5-20,5°C, Höchstwerte: 27-29°C, Mindestwerte: 16-18°C, Wind: 7-14km/h

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16. 2. 2009
Wohin mit dem Rotz? - Ein mutmasslicher Franzose und seine Tischsitten
Mist. Meine Nase läuft. In diesem Restaurant gibt es keine Servietten. Nur diese feuchten Erfrischungstüchlein, wie sie hier oft vor dem Essen serviert werden. Ich sitze im "Phở 24" auf eine schnelle Nudelsuppe. Ein älterer Herr, ein Westler, sitzt mir gegenüber und liest den "Courier du Vietnam". Er macht alles sehr zackig, blättern, bestellen, essen. Ebenso zackig zieht er die Nase hoch, mit einem schnellen, zischenden Geräusch. Wie die Einheimischen, denke ich. Und tue es ihm gleich.
18. 2. 2009
Hinter geschlossenen Türen - häusliche Gewalt in Vietnam
In Hanoi gibt es seit knapp zwei Jahren ein Frauenhaus, das erste in ganz Vietnam. Ich habe es heute zusammen mit Hung, dem PR-Manager vom DEZA-Büro, besucht. Zuvor waren wir im Center for Women and Development, einem imposanten Gebäude mit zwölf Stockwerken. Die Direktorin und die Vize-Direktorin der staatlichen Women's Union haben mir eine Power-Point-Präsentation über das Projekt "Peace House Project" gezeigt und meine Fragen beantwortet. In dem Center befindet sich auch der Kindergarten für die Kinder der Mütter, die ins Frauenhaus geflüchtet sind. Eines der Kinder schenkt mir ein Bonbon, ich sage "cảm ơn!" (danke), und ein Kind ruft "merci beaucoup!"
Ein Fahrer der DEZA bringt uns zu der geheimen Adresse des Frauenhauses. Hier werden Opfer häuslicher Gewalt betreut, es gibt noch ein zweites Haus für Opfer von Menschenhandel. In jeder fünften Familie gehört häusliche Gewalt zur Realität, in Form von Schlägen, verbaler Gewalt oder sexuellem Missbrauch; dies geht aus einer Erhebung des Komitees für Soziales der Nationalversammlung hervor, die in acht Regionen des Landes durchgeführt wurde.
19. 2. 2009
Die Sozialistische Republik Vietnam - Ein paar Zahlen
Einwohner: 86 Millionen (Vgl. Deutschland: 82,3 Millionen)
Fläche: 326'797 Quadratkilometer (Vgl. Deutschland: 357'050 Quadratkilometer)
Hauptstadt: Hanoi mit 6,2 Millionen Einwohner seit Eingliederung mehrerer Provinzteile im August 2008
BIP pro Einwohner: USD 722.68
Lebenserwartung (Frauen/Männer): 74.33 Jahre/68.52 Jahre
Volksgruppen: 87% Kinh (Vietnamesen), über 50 nationale Minderheiten, unter anderem Hmong, Thai, Khmer, Chinesen (3%)
Religionen: 6 offizielle Religionen: Buddhismus, Hoa Hao, Caodaismus, Katholizismus, Protestantismus, Islam
Verkehrsunfälle: 2008 gab es in Vietnam jeden Tag durchschnittlich 35 Verkehrsunfälle (Vgl. zum Vorjahr: -12.5%) mit 32 Toten und 22 Verletzten. Bei der Anzahl der Verkehrstoten rangiert Vietnam laut Auswärtigem Amt Deutschland in der Weltstatistik ganz vorn.
Karte
(Quellen: CIA - The World Factbook; eda.admin.ch; auswaertiges-amt.de, gso.gov.vn)

20. 2. 2009
Die Familie in einer globalisierten Welt - Wenn Vietnamesinnen einen Ausländer heiraten
Ich liefere im Layout nochmals ein paar Fotos ab, weil meine aus dem System verschwunden sind. Redaktionsalltag, wie man ihn halt so kennt, hier und dort und überall. Dann ein kleiner Erfahrungsaustausch mit der Ressortleiterin International. Ob es bei uns auch Leute gebe, die die Texte redigieren. Hier würden danach immer noch zu viele Fehler im Blatt stehen, meint sie. Ja, damit hätten wir auch überall zu kämpfen, sage ich, aufgrund des Spardrucks immer mehr.
Sie will meine Meinung zum aktuellen "Outlook" dem monatlich erscheinenden Magazin der Viet Nam News, hören. Die Cover Story: Unter dem Titel "For better or worse" geht es um interkulturelle Ehen. Eine Vietnamesin, die einen Inder geheiratet hat, sagt, man müsse die Unterschiede gegenseitig akzeptieren, aber dieser Prozess sei oft sogar einfacher als mit Partnern aus der eigenen Kultur. Ein Australier findet, dass Vietnamesinnen eine "bessere Einstellung zur Heirat und der Rolle einer guten Ehefrau mitbringen als viele Australierinnen und Westlerinnen“. Soso. Eine 20-jährige Vietnamesische Studentin sagt: "Dating is cool, but not marriage." Eine ältere Frau befürchtet, dass Westler nicht viel davon halten würden, in einem Drei-Generationen-Haus zu leben. "Ich will nicht in einem Altersheim enden." Die Autorin hatte mir erzählt, dass sie wohl Vietnamesinnen findet, die einen Ausländer geheiratet hätten, aber keine Vietnamesischen Männer mit einer Ausländerin als Ehefrau.
Interkulturelle Ehen seien seit dem "doi moi", der marktwirtschaftlichen Liberalisierung Mitte der 80er Jahre, zunehmend im Trend und würden oft als Ausweg aus der Armut gesehen. Frauen würden aber Gefahr laufen, Opfer von häuslicher Gewalt oder sexueller Sklaverei zu werden - etwa wenn sie per dubioser Heiratsvermittlung an einen Mann in Taiwan oder Südkorea geraten. Bis 2008 hätten 100'000 Vietnamesinnen einen Taiwanesen geheiratet. Irgendwann fragt man sich dann auch, wen all die überschüssigen Männer heiraten sollen.

23. 2. 2009
Glück gehabt! - Wie ein Hund dem Kochtopf entrinnt
Luyens Hund will sich nicht fotografieren lassen. Er heisst "Chance" - "Weil ich ihm eine zweite Chance gegeben habe: Ich werde ihn nicht essen", erklärt mir Luyen. Ich besuche sie während meiner Recherche für eine Reportage, sie wohnt in der Ciputra Hanoi International City, einer neuen Überbauung am Stadtrand.
Luyen kocht mir zum Frühstück eine "phở", eine Nudelsuppe. Sie hatte viele Jahre lang in den USA gelebt und dort einen Engländer geheiratet. Vor vier Jahren kehrte sie mit ihrer Familie nach Vietnam zurück.

Am Nachmittag nimmt mich Luyen mit zu einer Hauseinweihungsparty in der Nachbarschaft. Hier feiern nur Frauen, viele aus Indonesien und Malaysia, darunter eine Botschaftergattin, eine Japanerin, Frauen mit Kopftuch und solche, die einen Minirock tragen und rauchen. Eine trägt hochhackige Schuhe von Zara - die gleichen, wie ich sie mir im vergangenen Sommer in Berlin gekauft hatte

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25. 2. 2009
Wer hat den Längsten im ganzen Land? - Männer und ihre Fingernägel
Heute bin ich nebenbei der Frage auf den Grund gegangen, warum viele Vietnamesische Männer derart lange Fingernägel spazieren führen. Der Daumennagel meines xe-om-Fahrers auf dem Foto gehört noch zu den moderaten Exemplaren.

Wer die Antwort wissen möchte: Am Montag steht's in der Mittellandzeitung, auf Seite 2. Dort erscheint wöchentlich meine Kolumne "Xin chao Ha Noi". Ansonsten muss man sich halt noch ein bisschen gedulden.
26. 2. 2009
Ein guter Tag für Affen? - Von Terminen, die in den Sternen stehen
"Wirst du am Dienstag auch hingehen, zu dieser Tagung?", frage ich Huong, eine Arbeitskollegin vom Ressort Domestic. "Dienstag ist der 3. März. Ich muss schauen, ob dies ein guter Tag für mich ist", sagt sie und klickt sich durch eine Internetseite. Dann sagt sie: "Am 3. März kann man ganz viele Dinge tun. Auch zum Arzt gehen, zum Beispiel. Am Tag darauf sollte man jedoch nicht weit verreisen."
Huong ist im Jahr des Affen geboren. Sie hat gerade im Mondkalender-Horoskop nachgeschaut. "Ist der 3. März also ein guter Tag für diese Tagung?", frage ich. "Ja." - "Heisst das, du würdest nicht hingehen, wenn es kein guter Tag wäre?" Ich kann manchmal ziemlich blöd fragen. "Ach, ich mach das nur aus Spass. Nun ja, wenn ich etwas wirklich Wichtiges vor hätte, etwa eine Reise in den Süden, würde ich sie verschieben, wenn dafür kein guter Tag wäre." Na zum Glück wird diese Tagung in Hanoi abgehalten. Und am 3. März, nicht am 4. Aber die Organisatoren der Veranstaltung werden sich bei der Festsetzung dieses Termins ja wahrscheinlich auch etwas dabei gedacht haben. |
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1. 3. 2009
"...denn ich bin Hypochonder" - Ein Leser und die Vogelgrippe
Die Auflage der Viet Nam News liegt so etwa bei 15'000 bis 17'000 Exemplaren, einmal habe ich auch was von 30'000 gehört. Sie wird logischerweise vor allem von Ausländern gelesen, von Expats und Touristen. Einer von ihnen ist der Kollege Thomas Haemmerli, Kolumnist bei der SonntagsZeitung, der zurzeit in Saigon lebt. Die Lektüre war ihm sogar eine Kolumne wert - er schreibt: "Meine Tageszeitung heisst Viet Nam News und vermeldet gerne grosse Fortschritte im Stahlsektor." (weiter...)
2. 3. 2009
Ha ist nicht da - und wo soll ich hin?
Mein Platz ist besetzt. Als ich heute in die Redaktion komme, sitzt ein älterer Herr auf meinem Stuhl, arbeitet am PC und telefoniert. "Du kommst zu spät", sagt Liên knapp. "Entschuldige, aber ich hatte einen Termin", versuche ich, sie zu besänftigen.
Es ist mitnichten ungewöhnlich, dass ich meinen Platz teilen muss. Verlasse ich ihn mal, und sei es nur für fünf Minuten, wird das hier ausgenutzt. Denn viele Reporter verfügen nicht über ein eigenes Telefon. Und wenn ich sitze, stehen sie neben mir und telefonieren einfach im Stehen, nur manchmal ziehen sie sich das Telefon an den Nebentisch. Stört mich nicht weiter, aber das hier scheint länger zu dauern, und so suche ich Ha - diejenige unter den Has, die Ressortleiterin International ist. Im Handy habe ich ihre Nummer unter "Ha International" abgespeichert, denn man lernt schnell - ich habe schon mindestens zwei vietnamesische Namen in meinem Speicher stehen, bei denen ich keinen Schimmer mehr habe, wer das ist.
Ha weiss immer für alles eine Lösung. Aber Ha ist nicht da. Also bitte ich im Ressort Sonntag um Asyl, lande dann aber auf Has Platz. Auf ihrem Schreibtisch liegt unter anderem so ein gelbliches Häufchen, es sieht aus wie Tabak, ist aber wahrscheinlich etwas Essbares. Ich richte mich ein und beginne zu arbeiten, dann kommt Ha, und ich wechsle auf einen freien Platz bei den Sub-Editors. Dort gefällt es mir so richtig, weil hier alles so schön funktioniert, samt Internet-Verbindung. An meinem alten Platz kommt mir eine Internet-Recherche vor, als würde ich mit einem Rennvelo auf einem steilen Schotterweg bergauf fahren und bei einem Sturz immer wieder den halben Berg hinunterpurzeln. Wie ich also gerade so schön arbeite, in Gedanken geradeaus radle und mich freue, baut sich Liên neben mir auf. "Na, wie läuft's?", frage ich gut gelaunt. "Ich bin traurig." - "Was ist denn bloss passiert?" - "Du sitzt nicht neben mir."
"Oh." Ach Gottchen! Und dann noch dieser Blick! Ich versuche, ihr zu erklären, dass es doch nur vorübergehend ist, dass ich es doch auch nicht einfach habe, und das mit dem Internet... Aber - dieser Blick. Wie kann ich jetzt nur an Arbeit denken! "Nur vorübergehend", sagt sie. "Ich gehe jetzt."
3. 3. 2009
Verbranntes Geld - Die Lösung
"Entschuldigung, wofür ist das?", hatte ich die junge Frau, die auf der Strasse Geld verbrannte, gefragt. "Für meine Familie", sagte sie. Und mangels Sprachkenntnissen auf beiden Seiten konnten wir dieses Gespräch nicht weiter vertiefen.
Geld legen die Menschen hier auch auf kleine Altare. Es wird nachher, zu bestimmten Anlässen, verbrannt. "Für die Ahnen, für verstorbene Familienmitglieder", klärt mich meine Kollegin Liên auf. Es gibt in Hanoi in einer bestimmten Strasse Geschäfte, die kleine Metallöfen verkaufen, die extra dazu da sind, um Geld zu verbrennen. "Und was können sie sich damit im Himmel kaufen?", will ich wissen. Liên schaut mich an. "Alles, was sie wollen." Nahrung. Kleider. Häuser. Und ja, auch Motorräder. "Wie ist das in deinem Land?" Liên kann schwierige Fragen stellen. Worauf ich meine Antworten meist mit "Also bei uns in der Schweiz ist das sehr unterschiedlich..." einleite. Jetzt also die Sache mit der Religion. Ich erkläre ihr, dass wir Blumen auf Gräber legen. In der Kirche Kerzen anzünden. Und dass die Schweizer dazu neigen, zu glauben, dass im Himmel alles gratis ist. Dafür sonst nirgends.
Nun kann es sich in Vietnam natürlich kaum jemand leisten, bündelweise echtes Geld ins Feuer zu werfen. Es sind unechte Noten, Spielgeld sozusagen, das es in der Altstadt zu kaufen gibt - auch dafür gibt es spezielle Läden. Die Geschäfte an der Hang Ma-Strasse sind auf den Wohlstand der Ahnen spezialisiert. In diesen Läden werden auch Hemden mit Krawatte und Luxusgüter wie noble Villen, High-End-Flachbildschirm-Fernseher, Karaoke-Maschinen und Honda-Scooter verkauft. Alles Materielle, was das Herz begehrt. Alles aus Papier. Zum Verbrennen. Für das paradiesische Leben danach. |
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6. 3. 2009
"Lieber würd' ich sterben" - Mein Artikel über häusliche Gewalt
Heute ist mein Artikel über das Frauenhaus und das neue Gesetz gegen häusliche Gewalt in der Viet Nam News erschienen. Agentur-Stil. (Lesen...)

Ms Thuy, Director der Vietnam Women's Union, an der Veranstaltung am 3. März anlässlich des Welt-Frauentages am Sonntag.
Über Frauen in Vietnam und häusliche Gewalt sprachen ausserdem der Country Director des Deutschen Entwicklungsdienstes, ein Vertreter des Taipei Economic & Cultural Office aus Taiwan und ein Vertreter des Vietnamesischen Justizministeriums, der ein Seminar über das neue Gesetz gegen häusliche Gewalt hielt. Der DED-Vertreter hatte zur Vorbereitung seiner Rede "Frauen in Vietnam" gegoogelt und lauter Heirats- und Dating-Anzeigen, adressiert an ausländische Männer, gefunden. Er sagte: "Ich befürchte, dass diese Frauen nicht das finden, wonach sie suchen." Ein paar Blumen zum Frauentag seien nicht genug - was dieses Land in diesem Zusammenhang brauche, sei ein Wertewandel. Der Mann aus Taiwan sprach von seiner Mutter, die ihn gross gezogen, seiner Ehefrau, und seiner Tochter, seiner Zukunft.

In Hanoi sieht man die Frauen arbeiten, auf Baustellen, bei der Müllabfuhr, in Büros, eigentlich überall, und man sieht die Männer uniformiert und weiss behandschuht rumstehen oder sitzend rauchen, Bier trinken und Brettspiele spielen.

7. 3. 2009
Onkel Ho - Ein Kurz-Besuch
Besuch im Ho Chi Minh-Mausoleum. Hier liegt er (1890-1969), einbalsamiert. Man wird schweigend in Zweierreihe an ihm vorbeigeschleust. Wenn man nicht aufschliesst, wird man von uniformierten Männern mit weissen Handschuhen weitergeschoben.
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11. 3. 2009
Mein Fenster zum Hof - Hier wohnen meine Nachbarn
Heute hat meine Nachbarin hinter unserem Haus Papiergeld verbrannt. "What's your name?", hat sie mich gefragt. Hier in diesem engen Hof waschen die Nachbarn auch ihre Kleider, und die Kräuter fürs Essen. Wenn sie nicht da sind, kriechen hier unglaublich grosse Ratten herum.

12. 3. 2009
Mädchen mit Uniformmütze - Besuch in einem Kindergarten
Ein Mädchen spielt Verkehrspolizist. Ein Junge wiegt eine Puppe im Arm, ein anderer spielt mit Plastikherd, Töpfen, Essstäbchen und Stoffkrabben Chöcherlis. In einem Kindergarten in der Provinz Ninh Binh. Davon, und was die Schweiz damit zu tun hat, werde ich demnächst in einem Bericht erzählen.


Der "men without alcohol abuse club", ebenfalls während des DEZA-Besuchs in Ninh Binh. Im Kulturzentrum treffen sich Männer - die meisten davon sind in der Landwirtschaft tätig - zu Gesprächsrunden über Familienkonflikte. Dabei wird oft geklatscht, gesungen, und Gedichte über dieses Thema werden vorgetragen, die von den Teilnehmern geschrieben wurden.

Ein Teil dieser Gespräche, Lieder und Gedichte wird über die öffentlichen Lautsprecher des Districts gesendet; eine Art Behördenradio überall in Vietnam, um möglichst viele Leute zu erreichen, auch die auf den Reisfeldern. Gesendet werden unter anderem auch Wetterberichte und Informationen über neue Gesetze. Laut, blechern, und auch gerne ganz früh am Morgen.

Ein public loudspeaker in Hanoi.
15. 3. 2009
Im Wörterbuch nachgeschaut? - Babel oder Kommunikation total?
In vielen Geschäften der Stadt sprechen die Verkäuferinnen und Verkäufer kein Wort Englisch. Und manchmal reicht auch mein Vietnamesisch nicht aus, und es hilft kein Zeichnen, kein Vorturnen, kein auf das Wort im Wörterbuch zeigen. Und manchmal ist alles wieder ganz anders. Ich bin erkältet und lasse mir von meiner Freundin Tu alle wichtigen Sätze auf Vietnamesisch aufschreiben: Ich habe Husten, kein Fieber, brauche etwas gegen Schnupfen. Damit stolziere ich siegessicher in die Apotheke. Die Frau dort sagt in bestem Englisch: "Ah, hast du im Wörterbuch nachgeschaut?"

Bei mir in der Strasse kaufe ich Grüntee und ein paar andere Sachen und gebe mir grosse Mühe, auf Vietnamesisch zu kommunizieren. Am Ende nennt der ältere Herr den Preis auf Deutsch: "Fünfundzwanzig." Dann fragt er mich: "Berlin oder Brandenburg?" Er selbst habe in Oranienburg gewohnt. Einige ehemalige DDR-Gastarbeiter aus Vietnam hatte ich schon vor meiner Abreise in Berlin kennen gelernt, während der Recherche für diesen Artikel.
Auf dem Nachhauseweg sehe ich einen Mann aus einem Restaurant kommen. Er grüsst mich auf Deutsch mit "Morgen!" - "Morgen", sage ich zurück, und er sagt: "Nee, Abend!", und lacht. Mich wundert hier schon lange nichts mehr.
16. 3. 2009
Touch Screens, Scanner und Effizienz - One-Stop-Shops in Vietnam
Der Behörden-Dschungel in Vietnam. Die DEZA hilft, hier Ordnung reinzubringen, und den Verwaltungsservice kundenfreundlicher zu machen. Probleme, die gelöst werden müssen: Ineffizienz, Bürokratismus, Korruption. Heute besuchen wir einen "One-Stop-Shop" oder "guichet unique" in Nam Dinh. Statt von Büro zu Büro zu rennen, nicht zu wissen, wie lange so ein Vorgang dauert, Geld bezahlen zu müssen, um diesen ein bisschen zu "beschleunigen", bekommen die Bewohner den Service - etwa Baugenehmigungen, Gewerbeanmeldungen oder Geburtszertifikate - hier an einem Ort. Für jede Art der Anfrage gibt es hier einen entsprechenden Knopf, eine Maschine spuckt eine Wartenummer für den entsprechenden Schalter aus, ein moderner Touch-Screen-Flachbildschirm erklärt den Vorgang. Daneben steht ein Gerät, mit dem die Kunden den Strichcode auf ihrem Formular scannen können, dann erscheint auf einem anderen Bildschirm der Status ihrer Anfrage. Wie man sieht, geht das alles jetzt so schnell, dass sich einige Kunden nicht einmal mehr die Mühe machen, ihren Moped-Helm abzulegen:



Am Nachmittag besuchen wir zwei Community-Management-Projekte. Die eine Community, bestehend aus 258 Menschen, 73 Familien, wohnt ziemlich weit weg vom Schuss. Es ist für die Leute hier schwierig, ein Krankenhaus oder eine Apotheke zu erreichen. Deshalb haben sich vier Ärzte im Ruhestand organisiert, 24 Stunden am Tag ist nun mindestens einer von ihnen erreichbar. Aus der "medical box" beziehen sie die wichtigsten Medikamente.

Die zweite Community, 284 Menschen, haben die öffentliche Toilette nach ihrem vierzigjährigen Bestehen dem Grundboden gleich gemacht und an ihrer Stelle einen Gemeinschafts-Treffpunkt gebaut. Mittlerweile verfügt jede Familie hier über eine eigene Toilette. Die wichtigste Erkenntnis sei, sagen mir die Leute aus der Community, das sie zusammenkämen und gemeinsam Entscheidungen treffen und Probleme lösen - und nicht einfach warten, bis die Regierung etwas unternehme.
17. 3. 2009
Licht aus, Mast weg - und andere Dinge, die mal funktionieren, mal nicht
Seit über einem Tag keine Internet-Verbindung im Haus. Nicht, dass diese überhaupt je durchgehend funktionieren würde, aber einen solch lang andauernden Ausfall ist dann doch nicht die Regel. Und dann wird der Energieversorgung wieder mal eine Verschnaufpause gegönnt - Stromausfall. Dunkelheit im Kühlschrank, im Badezimmer, überall, und keinen Kaffee. Als ich das Haus verlasse, sehe ich, woran das eventuell liegen könnte: Vor dem Eingang wird gerade ein Strommast gefällt. Jawohl, gefällt, genau so muss man sich das vorstellen. Ich flüchte in die Redaktion. Als ich abends nach Hause komme,hängt der ganze Kabelsalat, der zuvor am Mast hing, irgendwie zwischen den Häusern. Und immer noch nix Internet. Aber das Licht funktioniert wieder.

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24. 3. 2009
Kindergarten kids learn gender equality - Der Artikel mit der Verkehrspolizistin
So. Der Artikel über den Kindergarten und das Projekt in der Provinz Ninh Binh ist als Seitenaufmacher erschienen - zumindest die eine Hälfte davon. Streckenweise ist es zwar, nach dem x-ten mal redigieren, so was wie eine ungefähre Zusammenfassung dessen, was im ursprünglichen Artikel stand - aber da darf man nicht zu eitel sein. (Lesen...)

25. 3. 2009
Darf ich mal here pab schen? - Aber manchmal verstehen wir uns.
Heute sitze ich an einem Arbeitsplatz zwischen den Sub-Editors. Die US-Amerikanische Kollegin neben mir hat am oberen Rand des Monitors einen Spruch auf Englisch kleben, irgend etwas über milchige Kühe, die für eine Familie soundsoviele tausend Dong pro Tag abholen. Der Satz hört sich ein bisschen an wie eine unausgeschlafene Eselsbrücke für ein schwieriges Passwort. Ich erfahre, dass die Kollegen manchmal die lustigsten und herzigsten Sätze aus den Artikeln, die sie als Muttersprachler zum Redigieren bekommen, sammeln. Ich hoffe im Stillen, nie selbst in diesem redaktionsinternen Hohlspiegel zu landen.
Schönes zum Thema Sprach-Wirrwarr entdecke ich auch in einem Phrasenbuch "German for Vietnamese", das ich in einem Buchladen gefunden habe:

Ich will mich darüber aber nicht lustig machen. Dass man miteinander kommunizieren will und sich für die Sprache des Anderen interessiert, ist das, was zählt. Und umgekehrt sind unsere Sprachbemühungen für die Einheimischen mindestens genauso amüsant. Sie lachen eigentlich meistens, wenn ich irgend etwas sage. Nicht nur dann, wenn ich beim Wäsche-Service frage, ob ich die Kleider "nächstes Jahr" abholen kann, statt "morgen". Und die Adresse unseres Hauses kann ich immer noch nicht sattelfest mit der richtigen Betonung aussprechen, daher fahren mich die Taxi- und xe-om-Fahrer spät abends oft irgendwo hin, nur nicht nach Hause.
25. 3. 2009
Absturz, Igitt! und keine Dusche - der ganz normale Wahnsinn
Nochmals zum Arbeitsplatz bei den Sub-Editors: Der Monitor ist uralt und unscharf. nach einer Stunde brennen mir die Augen. Ich habe keine Internet-Verbindung. Der Computer kann keine PDF-Dateien lesen. Ich öffne diese an einem anderen Computer und will sie ausdrucken. Der Drucker seufzt und kapituliert. "Wegen der Luftfeuchtigkeit", sagen die Kollegen. Ich versuche es an einem dritten Computer, der an einen anderen Drucker angeschlossen ist. Der findet meinen USB-Stick nicht. "Warum gibst du nicht einfach auf und gehst nach Hause?", fragt mich die Amerikanische Kollegin neben mir. "Das habe ich schon gestern getan", sage ich.
Ich hole mir Hilfe bei Ha, Ha International, denn Ha gibt niemals auf. Dann werden alle Bildschirme in unserer Reihe schwarz. "Oh, da hat wohl jemand komisch geatmet", sagt die Amerikanische Kollegin. Sie ist schon etwas länger hier und hat sich diesen Sarkasmus zugelegt. Irgend jemand regt sich darüber auf, dass jemand gestern den Namen des Irakischen Staatspräsidenten falsch geschrieben hat. "Talibani" statt "Talabani". Ein Westler. Gestern war gestern. Ich habe mein Word-Dokument nicht abgespeichert.
Ha fischt mein PDF über ein Programm zum Schutz der Wälder vor Abholzung aus dem Drucker, der plötzlich druckt wie wild, es quillt aus ihm heraus wie aus dem Töpfchen mit dem süssen Brei. Irgend etwas riecht nach Baby-Popo. Es sind die Feuchttücher der Amerikanischen Kollegin, die sich damit ständig die Finger abwischt. Ich beisse in ein - Dings, das ich mir unterwegs gekauft hatte. Was auch immer das ist, es hat eine Cremefüllung. Und ist innerlich ziemlich verschimmelt. Ich würge leise. Ich gehe nach Hause. Dort haben sie uns schon wieder das Wasser abgestellt. |
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31. 3. 2009
Im Wald mit den Co Tu - Das Forest-Projekt
Ich besuche ein Community Forest Management-Projekt in der Provinz Thua Thien Hue in Zentralvietnam. Dort leben Menschen, die der ethnischen Minderheit Co Tu angehören, in den Wäldern. Diese Wälder sind in einem sehr schlechten Zustand. Statt den Dorfbewohnern nun einfach zu verbieten, die Wälder weiter planlos abzuholzen - sie rodeten den Wald, weil sie das Holz brauchen, und weil sie dadurch Platz für Reisfelder schaffen, denn von irgend etwas müssen sie ja leben - werden sie beim Schutz und der Pflege der Wälder und deren nachhaltigen Nutzung integriert. Die Wälder in der Projektregion gehören nicht mehr allen und niemandem, sondern die Dorfgemeinschaften bekommen eine bestimmte Fläche zugeschrieben, für die sie nun verantwortlich sind. Hung, der PR-Manager vom DEZA-Kooperationsbüro, dreht mit einem TV-Team aus Hanoi ein Video über das Projekt. Er ist gleichzeitig mein Dolmetscher und der einzige, der Englisch spricht.
Was sonst noch geschah: Diverse Meetings auf Provinz-, District-, und Community- bzw. Commune-Level mit Präsentationen, für mich streckenweise schwer nachvollziehbar. Mittagessen mit der Übersetzung: "Das ist Fisch und dies ist Frosch." Letzterer mit Haut und Knochen, viel mehr ist ja auch nicht dran an so einem Frosch. Ich hatte dessen Geschmack weniger speziell erwartet, als er dann tatsächlich war. Bierglas nicht austrinken, sonst wird immer nachgeschenkt. Wenn der Chef "hundert Prozent" sagt, dann bedeutet dies Bierglas austrinken. Ich war drauf und dran und willens, mir alles in den Schlund zu kippen, um den Frosch runterzuspühlen, aber Hung hielt mich gerade noch davon ab. Und schnell selber mit den Stäbchen zugreifen, bevor einem komische Froschteile ins Schüsselchen gereicht werden.
Im Dorf A Xach ein Meeting in einem traditionellen Haus der Co Tu auf Pfählen, knappe zwei Meter über dem Boden. Solche Häuser kann man auch im Ethnologischen Museum in Hanoi bewundern. In A Xach besteht die Hauswand aber aus Beton statt aus Holz, aus bekannten Gründen. Boden aus Bambus mit Löchern, vorsichtig gehen. Ich möchte mit einer Dorfbewohnerin sprechen, sie fragen, ob das Projekt was bringt. Sie heisst Cai, ist 48 Jahre alt und hat sieben Kinder. Sie sagt, sie sei nun glücklicher, es sei einfacher, da es im Wald klare Begrenzungen gebe. Sie besitze neun Schweine, die Enten und Hühner seien alle krank geworden und gestorben. Sie nehme nicht viel aus dem Wald, nur Kräuter. Von den Dorfbewohnern können 60 Prozent lesen und schreiben, erfahre ich. Die Kinder gehen zur Schule. Die Co Tu sprechen ihr eigenes Dialekt, können aber auch Vietnamesisch. Über die Regeln und Bestimmungen zur Waldnutzung wird im Dorf abgestimmt.

Co Tu-Frauen (ganz links: Ms Cai)

Das Haus für die Treffen der Dorfgemeinschaft
Titanic im Dschungel
Dann gehen wir in den Dschungel. Mit dem Patrol Team aus der Dorfgemeinschaft, das im Gebiet patrouilliert, damit keiner unerlaubt abholzt. Man erkennt sie an der roten Armbinde. Die Vertreter des Forestry Departments haben sich zuvor Guimmilatschen gekauft. Die Kollegin vom TV-Team geht mit Ballerinas in den Dschungel. Der Pfad ist teilweise bergig und steil. Wir schreiten durch "poor forest", der Wald hier ist in einem schlechten Zustand. Ich frage mich, ob es hier Mücken gibt, die das Dengue-Fieber übertragen. Kann man Tropen-Anti-Brumm eigentlich wegschwitzen? Die Kollegin vom TV-Team fragt mich, ob ich ein zweites Haargummi habe. Ich gebe ihr meins. Meine Haare kleben mir im Gesicht, aber dafür fühle ich mich ein bisschen heldenhaft. Die Schweizer Bergziege hüpft in gefälschten Adidas-Turnschuhen durch den Dschungel, der Chef des Forestry Departments lacht und schnauft. Tiger gibt es hier keine mehr, so weit ich weiss. Die sind in Vietnam fast ausgerottet. Irgendwelche Insekten zirpen unglaublich laut, es ist mehr ein Knarren. Mein Magen rumort. Der Frosch?

Das Wald-Team aus dem Co Tu-Dorf muss im Hintergrund mit krummen Messern im Wald herumjäten. Ein Mann mit einem gelben Helm steht vor der Kamera und beantwortet Fragen. Was sagt er? "Das gleiche wie im Meeting." Hm. Ich will jemanden vom Wald-Team befragen. Er jätet im Wald, damit kleine Bäume wachsen können. Man müsse den Wald schützen, für die nächste Generation, sagt er. Er heisst Tien, ist 33 Jahre alt und hat drei Kinder.



Die Einheimischen müssen das Equipment schleppen (rechts: Mr. Tien)
Einer vom Patrol Team trägt ein Megaphon. Dieses kann Sirenengeheul von sich geben, und die Melodie von "Titanic". "My Heart Will Go On" schallt durch den Dschungel. Ach ja, und der Mercedes Sprinter, mit dem wir durch die Provinz fuhren, dudelte im Rückwärtsgang "Happy Birthday". Der Fahrer sei kein Fahrer von der DEZA, sagte Hung. Fahrer von der DEZA würden sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten.




Kaum im Hotel in Hue angekommen, spielt mein Verdauungstrakt verrückt. Und es ist auf einen Schlag ruhig, ich vermisse den Zauber dieses Tages, die hektische Unklarheit, all die Geräusche, das Verwirrende, Unübersetzte, dieses ständige was-kommt-wohl-jetzt? und die Dinge, die man in jeder Sprache versteht, und am meisten die lustigen Leute, mit denen ich unterwegs gewesen bin. Und später, so gegen 3 Uhr morgens, mache ich Liegestützen über der Toilette.
Der Dreh im Busch - Das Video: Dschungel.wmv
1. 4. 2004
Wo Bomben fielen und Kinder geboren wurden - Die Entmilitarisierte Zone
Um 6 Uhr morgens, drei Stunden nach dem letzten Kotzen, stehe ich in der Hotellobby und warte auf meinen Tourbus nach Quang Tri, der Provinz nördlich von Hue. Ich habe eine Tagestour in die ehemalige "Entmilitarisierte Zone" (DMZ) jeweils fünf Kilometer nördlich und und südlich des Ben Hai Rivers, der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südvietnam, gebucht. Was gibt es hier, im Gebiet der damals am härtesten umkämpften Schlachtfeldern im südlichen Teil, mehr als dreissig Jahre nach Kriegsende noch zu sehen? Wenig. Und viel.
Strassen, die einmal zum Ho-Chi-Minh-Pfad gehörten.
Bombenkrater.
Das Wrack eines abgestürzten US-Flugzeugs. Alte Helikopter.
Ein Museum mit alten Fotos, die nur mehr oder weniger erfolgreich der Luftfeuchtigkeit trotzen. Auf mehreren Bildbeschriftungen steht, dass die Amerikaner "in Panik flüchteten". Auch ein paar Verteidigungswaffen von ethnischen Minderheiten, die damals hier lebten, sind ausgestellt: Pfeile und Bogen.
"Rock Pile", ein Berg, der den Amerikanern als Ausguck diente.
Ein Dorf der ethnischen Minderheit Bru Van Kieu. Nur die Kinder sind zu Hause, die Eltern arbeiten auf den Feldern. In einer Hütte brennt ein offenes Feuer. In den meisten Hütten steht ein Fernseher.
Bettelnde Kinder.
Plakate. Eines davon macht Drogenkonsumenten darauf aufmerksam, saubere spritzen zu verwenden.
Die Wälder sehen trostlos aus, viele Hänge wurden abgeholzt und abgebrannt für Reisfelder, die Erosion tat ein Übriges.
Einer der vielen Militärfriedhöfe der Vietcong, tausende von Gräbern, die meisten anonym. Einige wenige Grabsteine wurden nachträglich beschriftet. So weit ich verstanden habe, seien tote Soldaten ihren Verwandten im Traum erschienen und hätten ihnen mitgeteilt, in welchem Grab sie lägen. An den Inschriften kann man erkennen, dass auch diese Soldaten meist keine 25 Jahre alt wurden.
Verlassene Dörfer, deren frühere Bewohner nach dem Krieg mit den Booten geflüchtet waren - die "Boat People".




Und schliesslich die Vinh Moc Tunnels - geheime, finstere Tunnel, durch die man als Westler nur gebückt gehen kann. Hier, unter der Erde, lebten mehrere hundert Zivilisten während sechs Jahren versteckt, 17 Kinder wurden hier unten geboren. Rundherum: Bombenkrater.
Nichts für Klaustrophobiker - Die Vinh Moc Tunnels (Video)
Die Tunnels werden als Tour-Highlight angepriesen. Für mich war das Highlight der Tourguide Tam mit seinen Erzählungen. Er wuchs auf der südlichen Seite in einem kleinen Dorf auf. Er sang für uns ein altes Lied aus dem Süden, das davon handelt, dass die Frauen ihre Männer vermissen und umgekehrt. Tam erklärte uns auch, inwiefern die Lieder im Süden sich von denen im Norden unterschieden:
"It made us sad" - Tams Lied (Video)
17. 4. 2009
"As per your request" - Das Making of einer Geschichte, Teil 1
Ich soll eine Geschichte über die Tourismus-Industrie schreiben. Ich bitte den Sekretär des stellvertretenden Leiters der zuständigen Behörde um einen Termin mit ebendiesem. Er schickt mir seine (?) E-Mail-Adresse per SMS, so weit, so gut. Ich frage beim Information Manager eines EU-geförderten Projekts nach. Er empfängt mich ein paar Tage später. Bevor ich das Gebäude betrete, schaue ich nochmals im Block nach, wie er heisst - denn ich bin immer noch unfassbar schlecht darin, mir Namen (von Leuten, Strassen, etc.) zu merken. Alles klingt gleich, oder ähnlich, oder unaussprechbar. So bekomme ich etwa e-Mails von zwei verschiedenen Trans und drei unterschiedlichen Hungs, neben mehreren Varianten des Namens Thuy.
Der Information Manager wirft im Konferenzraum die Klimaanlage an, damit wir nicht allzu sehr an Tisch und Stuhl herumkleben. Er spricht fliessend Englisch, aber das Problem ist hier meist der Akzent der Gesprächspartner. Dieser verlangt einem höchste Konzentration ab. Beispiel: "Tr" wird im Vietnamesischen als "tsch" ausgesprochen, und so wird auch im Englischen gerne mal aus "train" in der Aussprache "tschain" - das versteht man dann erst aus dem Kontext. Und andersrum ist es wohl genauso schwierig: Man fragt im Restaurant nach "sour cream", und die Bedienung sagt verständnislos "shower cream??" Oder man bestellt die Rechnung und bekommt stattdessen eine Flasche Ketchup.
Zurück zum Tourismus-Termin: Die Sätze "this is a delicate topic" und "this is very complicated" fallen in diesem Gespräch sehr oft. Daran hingegen habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Sie sind sozusagen meine ständigen kleinen Begleiter, wenn ich arbeite.
In hundert Jahren...
Nach etwa zwei Stunden zitiert der Information Manager einen Satz von Ho Chi Minh, der sinngemäss aussagt, dass man, wenn man einen Baum pflanze, zehn Jahre warten müsse, und wenn man Menschen ändern will, dann daure dies hundert Jahre. "Kann ich Sie damit zitieren?", frage ich. Nein, ich dürfe ihn überhaupt nicht zitieren, mit nichts, was er mir in den vergangenen zwei Stunden erzählt habe. Hm. Ich frage, ob ich das Handbuch 3 ausleihen und daraus zitieren darf. Er sagt, er könne mir die ersten 20 Seiten als PDF schicken. Und er wolle den Artikel lesen, bevor er publiziert werde. Very complicated.
Am nächsten Tag schickt er mir die Seiten des Handbuchs 3. Auf Vietnamesisch. Mit der Bemerkung "ich hoffe, dass Sie darin interessante Informationen finden". Ich bedanke mich und frage, ob es eventuell möglich wäre, diese Seiten auf Englisch zu bekommen. Er antwortet, alles sei auf Englisch, ich soll runterscrollen. Ich schreibe zurück, dass auch ausführliches Scrollen nicht zum Erfolg geführt habe, entschuldige mich und frage, wo in diesem Dokument ich die Informationen auf Englisch finden könne. Er entschuldigt sich und schreibt, er habe damit die anderen Informationen gemeint, nicht die Handbuch-Seiten, er schicke mir diese jetzt nochmals auf Englisch. Er hatte mir keinerlei anderen Informationen geschickt. Und was ich jetzt bekomme, sind die ersten Seiten des Handbuchs 5. Auf Englisch. Ich bedanke mich und frage, ob es möglich wäre, mir auch die Seiten des Handbuchs 3 auf Englisch zu schicken. Und vielleicht sogar auch noch von Handbuch 11, dies wäre auch sehr interessant. Ausserdem würde ich mich freuen, diese anderen Informationen, die er erwähnt habe und die ich noch nicht bekommen habe, zu bekommen. Vielen Dank. Ich klicke auf "send" und bin mir sicher, das waren jetzt zu viele Fragen auf einmal.
Kreisel mit Gegenverkehr...
Am nächsten Tag schickt er mir die ersten paar Seiten des Handbuchs 3 und 11, auf Englisch, und schreibt dazu "wie gewünscht". Das Beispiel, das ich aus Handbuch 3 zitieren wollte, findet sich nicht auf diesen paar ersten Seiten. Mit dem wohligen Gefühl, der Sache ein bisschen näher gekommen zu sein, fahre ich in die Redaktion. Vietnam ist Geduld, Freundlichkeit und Umwege nehmen für Fortgeschrittene - etwas, was ich mir als Journalist in Berlin ja eher abgewöhnen musste. (Beinahe hätte ich jetzt geschrieben als Schweizerin in Deutschland. Um auf die aktuelle (Medien-)Debatte anzuspielen, die mich bis nach Hanoi verfolgt.)
Ich rufe bei der Behörde an, um an meine Anfrage zu erinnern. Der Sekretär geht ans Telefon, es rauscht und lärmt im Hintergrund, er sagt irgend etwas, was ich nicht verstehe, und legt auf. Ich rufe nochmals an, er geht nicht mehr ran. Ich versuchs am nächsten Morgen nochmals, mit gleichem Ergebnis. PDFs lassen sich nicht öffnen, die Internet-Verbindung hat Pause. "Ich geh dann mal und arbeite zu Hause weiter", sage ich zur Ressortleiterin. "Du solltest weniger arbeiten und das Leben mehr geniessen", meint sie. Sie hat ja überhaupt keine Ahnung, wie sehr ich das ohnehin schon tue. Mein Leben hier ist eine komplett langeweilefreie Zone mit Logik-Verbotsschildern, Halteverboten und vielen Kreiseln mit Gegenverkehr und ohne Vortrittsregeln. Ich liebe es.
Ein Künstler, den ich vor etwa vier (oder sechs?) Wochen per E-Mail wegen einer anderen Geschichte kontaktiert hatte, ruft mich an und sagt, wir könnten uns treffen. Immer dann, wenn man nicht mehr daran glaubt. Wir verabreden uns in einem Park. "Ich bin rechts vom Eingangstor", sagt er am Telefon. "Ich sehe dich nicht. Und genau genommen hat dieser Park kein Eingangstor." --- "Ich glaube, du bist im falschen Park." Taxi. Anderer Park. Der Fahrer will 400'000 Dong - das Zehnfache des üblichen Preises. Ich weigere mich, er brüllt, ich fluche. Im Taxi sitzend rufe ich den Künstler an: "Da wäre noch ein Problem..."
Top ten charts meiner Hanoi-Wörter/-Sätze:
1. random.
2. maybe.
3. do not apply logic.
4. Anemi, did you get lost again?
5. Rear your Fair. (bedeutet nichts, wird aber auf T-Shirts gedruckt)
6. Top-ten-Listen mit acht Rängen.
9. do not apply logic!
19. 4. 2009
Der Glücksdrache im Rückspiegel - Hanoi-Moment
Ich sitze bei Tu hinten auf ihrem Moped. Der Tag ist so drückend heiss gewesen, dass man kaum mehr denken konnte. Wir haben viel gelacht an diesem Nachmittag, seltsame bunte süsse Getränke gegessen (das geht hier), und ich bin Moped gefahren. Jetzt sehe ich im Rückspiegel die Sonne kitschrot im rosa Dunst untergehen, den Fahrtwind auf der Haut, rundherum dieser bizarre Rhythmus Hanois, und ich denke einfach an nichts. "Bist du noch da?", fragt Tu.


Studentinnen-Snack che thap cam

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10. 5. 09
"Du magst die Haut nicht" - FAQ zum Thema Hund
Ja, ich habe Hund gegessen. Kalten Hund. War weder besonders gut noch besonders schlecht. Hier die Kolumne:
Es sah ein bisschen aus wie eine tote, rosafarbene Krake - wie in einer bizarr verrenkten Stellung erstarrte Tentakeln, die aus dieser Metallschüssel ragten. "Was ist das?", fragte ich Manh, einen vietnamesischen Künstler, mit dem ich abends im "bia hoi" sass. "Bia hoi" ist die Bezeichnung für Fassbier, hier ist aber die entsprechende Kneipe gemeint. Wir sassen draussen an der Strasse auf kleinen Plastikstühlen an kleinen Plastiktischen. "Das sind Schweineschwänze. Willst du probieren?" - "Hm. Wie isst man die?" - "Zerhackt." - "Hm." - "Mit Sauce." - "Ist da ein Knochen drin?" - "Ja." - "Und die Haut - ich meine, die bleibt dran, oder?" - "Ja." - "Ist da überhaupt etwas dran ausser Knochen und Haut, an so einem Schweineschwanz?" Mir war zuvor noch nie aufgefallen, wie lächerlich rudimentär meine Anatomie-Kenntnisse, Schweine betreffend, sind. "Ein bisschen Fleisch ist auch dran." - "Hm."
Um ihn abzulenken, fragte ich: "Gibt's hier eigentlich Hund?" Wenig später brachte die Bedienung einen Teller Hund. Fleischstücke mit Hundehaut dran. Hundehaut sieht aus wie Schweinehaut. Das Fleisch war kalt. "Ist das gekocht?" - "Nein, gedämpft." Neben den Stücken mit Hundehaut lagen schwarze Stücke. So eine Art Wurststücke. "Und was ist das?" - "Das Innere des Hundes." - "Geht das ein bisschen genauer?" - "Das Innere. Gefüllt mit Bohnen, Kräutern und Fleisch." Also Hundewurst. Manh tunkte ein Stück davon in eine unerträglich streng riechende graue Shrimps-Sauce. Er schaute mir beim Essen zu und stellte fest: "Du magst die Haut nicht." Ich kann auch nicht behaupten, dass mir das Fleisch besonders schmeckte. Ich versuchte aber, während ich mittels Essstäbchen die Haut vom Fleisch trennte (die motorische Herausforderung dieses Abends), einen Rest von Würde zu bewahren. Wir sind hier nicht im Dschungel-Camp - dieses Spiel heisst anders. "Wir essen auch Kuhschwänze", sagte Manh. "Und wir Ochsenschwänze. In der Schweiz kochen wir Suppe daraus. Ochsenschwanzsuppe." Endlich ein Punkt für mich. Dann spielte ich eine noch bessere Karte aus: "Und wir essen Zunge. Zerschnitten." Ha!
Die einzigen Tiere, vor denen sich Manh fürchtet, sind Kakerlaken. Während des Krieges - Manh war noch ein kleines Kind - hatten ihn seine Eltern in den Keller gebracht, wenn die Bomben fielen über Hanoi. Im Keller war es dunkel, und dort krochen Kakerlaken herum. Manh sagt, dass er sich nicht mehr an die Bomben erinnern könne. Aber noch heute manchmal von den Kakerlaken träume.
Wenig später sassen wir in einem klimatisierten Pub und unterhielten uns mit einer Amerikanischen Soziologin, die Vegetarierin ist, und einem Amerikanischen Koch. Über Sperlinge, die hier mit Haut und Knochen und Kopf und Schnabel gegessen werden. Und über angebrütete Enten-Eier, die man inklusive Embryo verspeist. Die Karten wurden neu gemischt. Der Koch meinte, das Abstossendste wäre doch, Burger-Fleisch, das vakuumverpackt aus dem Supermarkt kommt, zu essen. Die Soziologin erzählte, dass ihr letzter Besuch im bia hoi in einer Lebensmittelvergiftung resultierte. Vom Tofu. Ich wollte etwas sagen, aber sie unterbrach mich mit "Was hast du gegessen? Hund? Du bist raus aus der Diskussion."

Hund
Männer und ihre Fingernägel - Kosmetische Antworten
«Du, dieser Mund-und-Nasen-Schutz, den hier viele auf der Strasse tragen – bringt der wirklich was gegen den Smog?», frage ich Liên. Ich hatte mir selber einen gekauft, einen gelben mit gestickten rosa Blümchen drauf. Ich kam damit aber nicht klar: Meine Sonnenbrille, die ich gegen den Strassenstaub trage, läuft von meinem Atem sofort an, und ich sehe überhaupt nichts mehr – was bei dem Verkehr hier nicht wirklich gesundheitsfördernd sein kann. Vielleicht ist meine Nase einfach zu lang? «Der nützt schon, auch gegen die Sonne», sagt Liên. Und mit einem neidischen Blick auf meinen Unterarm: «Hier wären viele Leute gerne so bleich wie du.»
Dass asiatische Frauen eine noble Blässe bevorzugen, ist nichts Neues. So ein direktes, exotisches Kompliment jedoch schon. Die Hautbleich- Lotionen hatte ich in den Regalen mancher Läden gesehen, mit Vorher- Nachher-Bildchen drauf. Liên hingegen amüsiert der Gedanke, dass bei uns an deren Stelle die Selbstbräuner stehen. Damit aber nicht genug der Kosmetik. Immer wieder sehe ich Frauen zu zweit mitten auf dem Trottoir hintereinander sitzen, auf diesen winzigen Plastikhockern, die hintere zupft der vorderen mit einer Pinzette am Kopf herum. Läuse? Zecken? Oder etwa eine spezielle Frisiertechnik? «Sie zupfen die grauen Haare aus», erklärt Liên. Geduldig, jedes einzeln, diese untrüglichen Zeichen des Alterns, die zwischen den pechschwarzen Haaren besonders herausstechen. Obwohl in Vietnam der Respekt vor dem Alter gross ist, hat der Jugendwahn offensichtlich auch vor dieser Kultur nicht Halt gemacht. «Früher habe ich sie meinem Vater ausgezupft. Bis es einfach zu viele wurden», verrät mir Liên.
Einen Schönheits-Tick der besonderen Art haben aber die vietnamesischen Männer: Viele lassen die Fingernägel lang wachsen. und mit lang meine ich richtig lang. Meist nicht an allen Fingern, sondern nur am Daumen oder am kleinen Finger und Ringfinger. Am Ufer des Hoan-Kiem-Sees frage ich einen Postkartenverkäufer: «Bruder, warum hast du so lange Fingernägel?» – «Damit ich mich besser kratzen kann», sagt er und steckt sich zur Veranschaulichung die Kralle seines kleinen Fingers ins Ohr. Als ich Liên davon berichte, verzieht sie das Gesicht. «Abstossend!» Sie hält lange Fingernägel für eine Modeerscheinung. «Männer finden das hip.» Die Autorin Monika Heyder schreibt in ihrem Buch «Kulturschock Vietnam», dies sei ein Ausdruck des Bestrebens, als Dandy zu gelten, der es nicht nötig habe, von seiner Hände Arbeit zu leben. Und Liên kann noch einen obendrauf setzen: «Einer meiner Cousins hat lange Fingernägel. Er benutzt sie als Zuckerlöffel.»
11. 5. 2009
"Lessons on life" - Begegnungen in Hanoi
Hier ein Feature in der Viet Nam News, das gleichzeitig auch das eine oder andere widerspiegelt, was mich selbst in Hanoi erstaunt, irritiert, amüsiert oder gerührt hat. Das ambivalente Verhältnis der Vietnamesen zu Hunden. Gastfreundschaft, die selbst vor dem eigenen Bett nicht halt macht. Unbeantwortete E-Mails. Speisekarten auf Vietnamesisch. Kommen und Gehen, flüchtige Bekanntschaften und Abschiede, die trotzdem schwer fallen. Menschen, über die man ein Buch schreiben könnte. Was Touristen verborgen bleibt. In einem Land, das man manchmal liebt und manchmal nicht. Eine kleine Welt. Eine andere Welt. Das World Wide Web. Und ein Velo auf dem Mond. Lesen...
12. 5. 09
Zwischen Plus und Minus und Fragezeichen - Eine Art Schlusswort
Drei Monate. Wie war's? Ich versuche gerade, Worte zu finden, meinen Abschlussbericht zu schreiben, die Stage mit Kreuzchen in einer Tabelle zwischen ++ und -- einzuordnen. Vietnam einzuordnen. Nach all dem, was ich über dieses Land gelesen, selber erlebt und was mir andere Leute erzählt oder eben nicht erzählt haben, frage ich mich ein bisschen, ob das überhaupt schon jemals jemandem wirklich gelungen ist.

Nach drei Monaten würde es mich nicht einmal mehr grossartig erstaunen, wenn in Hanoi eines Nachmittags die Schwerkraft mal eben für zwei Stunden ausser Kraft gesetzt würde. Und danach alles einfach so weiter ginge wie zuvor. Dieses unvorhersehbare Alltagsleben. Gestern morgen zum Beispiel wollte ich mich hinsetzen und einfach ganz normal arbeiten. Und dann hat die Putzfrau mein Velo geklaut (/ungefragt ausgeliehen?). Die drei Stunden, die ich brauchte, bis ich sie beim Gemüsekauf auf meinem Velo gefunden und es mir wieder zurückgeholt hatte, waren in meinem Zeitplan nicht vorgesehen. Also ein ganz normaler Tag in Hanoi. Wahrscheinlich würde ich in der erwähnten Tabelle die Kreuzchen jeden Tag, nein jede Stunde anders setzen. Am ehrlichsten wären Fragezeichen statt Kreuzchen. Ich habe so viel mehr Fragen als Antworten.

Es aushalten zu müssen, dass ich nur Bahnhof verstehe. Und mich keiner versteht. Toll! Ich mag so was... "Schön", mag man jetzt denken, "aber das klingt nicht sehr produktiv." Kann sein. Aber die Erfahrung, sich da durchzubeissen, am Ende überraschenderweise trotzdem etwas zu erreichen, das war mir wichtig. Es jeden Tag wieder zu versuchen, ohne sich zum Vornherein selbst zu zensieren. Das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. In Vietnam braucht vieles enorm viel Geduld und Zeit, insofern sind drei Monate eher knapp bemessen, und ich habe längst nicht alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Die Kunst ist hier, sich eine sehr hohe Frustrationsgrenze aufzubauen, aber auch nicht eine zu hohe, denn wenn man sich zu sehr entspannt, kommt man überhaupt nicht vorwärts. Ich denke, wenn ich hier nicht verzweifle, war das eine gute Vorbereitung für eine nächste Aufgabe. Was und wo auch immer das sein wird.

An manchen Stellen will ich die Kreuzchen gleichzeitig bei ++ und bei -- setzen. Weil, immer dann, wenn es am schwierigsten, ärgerlichsten, chaotischsten ist, dann wird es ja erst interessant. Ich bleibe noch, ein bisschen. Für ein paar Geschichten. In der Stadt, die mal nach Fisch riecht, mal nach Räucherstäbchen, mal nach Urin, mal nach Zitronenblättern. Die hupt und brummt, pausenlos, ruhelos, eingepackt in ihren Dunst. In der ich mich immer noch (gerne) verlaufe. Ich bin noch nicht reif für die Normalität.

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MAZ - aktuell
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