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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Michel Wenzler berichtet aus Quito
Michel Wenzler (1977) ist im Januar und Februar 2010 Stagiaire bei der ecuadorianischen Tageszeitung «El Comercio» in Quito (www.elcomercio.com). Er studierte Publizistikwissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Zürich, doktorierte an der Universität Bern und ist heute Redaktor beim «Tages-Anzeiger.»
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2. Januar 2010
Es ist schon fast dunkel, als das Flugzeug in Quito zur Landung ansetzt. Die ersten Lichter brennen bereits, und Ecuadors Hauptstadt gleicht von oben einem riesigen orangen Glühwürmchen, das sich einen Weg durch das schmale Hochtal sucht. Die Stadt erstreckt sich über eine Länge von mehr als 40 Kilometern. Wachsen konnte sie praktisch nur in Richtung Norden und Süden. Denn die Ausläufer des Vulkans Pichincha im Westen und die Hügel im Osten zwängen Quito in ein enges Korsett. Der Flughafen im Norden befindet sich praktisch mitten in der Stadt. Die Maschine nähert sich ihm von Süden. Das Flugzeug sinkt und sinkt, die Häuser werden immer grösser, und die Landebahn ist noch immer nicht in Sicht. Ich erspähe sie erst in jenem Moment, in dem ich mir ausmale, wie das Flugzeug demnächst zwischen den Häusern am Boden zerschellt (was schon vorgekommen ist, wie ich später erfahre).
Die Landung ist zum Glück sanft, der Applaus der Passagiere ausgiebig. Offenbar haben meine Mitreisenden während des Anflugs ähnliche Fantasien gehegt wie ich. Die meisten der Fluggäste sind Ecuadorianer, die über die Festtage bei Verwandten in Spanien zu Besuch waren und nun wieder nach Hause kommen. Auch ich bin gewissermassen ein Rückkehrer. Fünfeinhalb Jahre ist es her, als ich zum ersten Mal in Quito war. Bei meinem zweiten Besuch ist mir noch vieles vertraut: die Abfertigung am Flughafen, die Scharen von Ecuadorianer, die nach dem Zoll auf ihre Familie warten. Bérénice ist ebenfalls da und lotst mich zielsicher zum nächsten Taxi, das uns zur Wohnung meiner schweizerisch-ecuadorianischen Gastgeber bringt.
Die Fahrt führt an Häusern mit vergitterten Fenstern und einbruchsicheren Toren vorbei. Die hohen Mauern sind mit zerbrochenen Flaschen und Glasscherben versehen, um ungebetene Gäste abzuhalten. Von irgendwoher ertönen Polizeisirenen, doch ich nehme alles nur noch verschwommen wahr. Nach dem stundenlangen Flug bin ich todmüde. Auch vieles, was Bérénice erzählt, kann ich mir nicht merken. Nur wenig bleibt haften. Zum Beispiel, dass die Stadt momentan jeden Tag den Strom für zwei Stunden abstellt, weil es in den Stauseen immer weniger Wasser für die Energieproduktion hat. Es hat schon lange nicht mehr geregnet. Im Bett gehen mir die ersten Eindrücke in wilder Reihenfolge noch einmal durch den Kopf. Quito, denke ich vor dem Einschlafen, hat sich nicht sehr verändert.
3. Januar
„Quito hat sich sehr verändert“, sagt Bérénice, als wir am Sonntag durch das Quartier schlendern. Sie hat recht, und mein Urteil, das ich gestern mit dem Verstand eines Schlafwandlers gefällt habe, muss ich heute revidieren. Zumindest das Viertel, in dem wir wohnen, hat in den letzten Jahren an Lebensqualität gewonnen. Es gehört zu den besseren Gegenden der Stadt, was anhand der zahlreichen Boutiquen und Delikatessenläden schnell zu erkennen ist. Die Ecuadorianer seien Gourmets geworden und würden sich jetzt immer mehr leisten und das Leben geniessen, sagt Bérénices Freund Joffre. Wir sind heute bei seiner Familie zum Mittagessen eingeladen und besorgen uns in einer Konditorei eine Erdbeertorte. Schon kurze Zeit später erlebe ich zum ersten Mal die ecuadorianische Gastfreundschaft.
Bei Joffres Familie bin ich sofort willkommen. Die Mutter hat Kutteln gekocht und am Mittagstisch versammeln sich drei Generationen. Die Anwesenden erkundigen sich, weshalb es mich nach Ecuador verschlagen hat. Als sie erfahren, dass ich bei „El Comercio“ arbeiten werde, entbrennt eine heftige Diskussion. Die Familie ist gegenüber der Zeitung kritisch eingestellt. Dieser gehe es vor allem darum, ihre eigenen Interessen und jene der Reichen durchzusetzen. Sie versuche mit allen Mitteln, die Politik des ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa zu deskreditieren. Die Familie bezichtigt das Blatt, dabei auch Lügen zu verbreiten.
Auch andere Medien – insbesondere der Fernsehsender Teleamazonas – stehen in der Kritik. Viele von ihnen befinden sich in der Hand von Industriekonzernen und Geldinstituten. Die Journalisten, ist sich die Diskussionsrunde am Mittagstisch einig, würden dazu gedrängt, sich auf die Seite der Wirtschaft zu schlagen und gegen die linke Regierung zu schreiben. Um die Glaubwürdigkeit der Medien, das merke ich rasch, steht es im Land nicht sehr gut.
4. Januar

Heute ist Montag, auf die Ecuadorianer wartet der erste Arbeitstag im neuen Jahr. Ich hingegen habe noch Schonfrist. Ich bin absichtlich ein Woche vor Arbeitsbeginn angereist, um mein Spanisch aufzufrischen und mich an das Leben in Quito und an die Höhe zu gewöhnen – denn die Stadt liegt immerhin auf 2850 Metern über Meer. Da ich nur ein paar Stunden Spanischunterricht pro Tag nehme, habe ich Zeit, mich etwas in der Umgebung umzusehen. Bérénice und ich gehen in den nahegelegenen Parque La Carolina.
Der Park ist eine riesige grüne Oase mitten in der Stadt, von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf die Berge. Bei den Einheimischen ist er besonders am Wochenende beliebt – wie man heute, am Tag danach, noch deutlich erkennen kann: Überall liegt der Abfall von den Ausflüglern herum, die hier ein Picknick abgehalten haben. Den Müll wirft man in Ecuador einfach auf den Boden, statt ihn zu entsorgen.
Mit meiner Spanischlehrerin Sylvia diskutiere ich etwas später solche ecuadorianische (Un)Sitten, und interessanterweise kommt das Gespräch bald auf das Thema vom Vortag: auf den Journalismus. Das angespannte Verhältnis zwischen der Regierung und den Medien scheint viele zu beschäftigen. Früher habe sie „El Comercio“ gerne gelesen, sagt Sylvia. Doch mittlerweile wisse sie wie viele ihrer Landsleute nicht mehr, wem sie eigentlich glauben solle. Der Präsident und die Medien würden sich nur noch gegenseitig attackieren. Die Medien scheinen eine wichtige Funktion, jene der Orientierung und der Sinnstiftung, verloren zu haben.
5. Januar
Nun ist es höchste Zeit, dass ich mir selber ein Bild mache. Ich ergattere mir bei einem Strassenverkäufer zwei Zeitungen, den „Telégrafo“ und „El Comercio“. Bei letzterem springt mir sofort ein Artikel ins Auge, der die Querelen zwischen den Medien und der Regierung thematisiert. Präsident Rafael Correa beabsichtigt, künftig Radiofrequenzen an Bauerngemeinschaften und soziale Organisationen zu vergeben. Im Gegenzug würden laut „El Comercio“ einigen regierungskritischen Sendern die Konzession entzogen.
Für den Verantwortlichen des Radiosenders „La Voz de Arutam“ ist klar, was dies zu bedeuten hat: Correa versuche, mit Hilfe solcher Bürgerprogramme ungefiltert seine eigenen Ideen zu verbreiten, sagt er gegenüber „El Comercio“. Der Sender „La Voz de Arutam“ ist selber äusserst umstritten. Er gehört den Shuar-Indianern, die im vergangenen Herbst gegen zwei Gesetzesvorlagen zum Bergbau und zur Wassernutzung demonstrierten.
Die Regierung liess den Sender vorübergehend abschalten, da er zum gewalttätigen Aufstand aufgerufen haben soll, bei dem ein Mensch ums Leben kam. „El Comercio“ lässt zwar im Artikel beide Seiten zu Wort kommen, doch es ist klar, auf welcher Seite die Redaktion steht: Sie ist der Ansicht, in Ecuador werde die Medienfreiheit eingeschränkt. Den Erscheinungstag des Artikels hat die Zeitung gut gewählt: Heute ist der Tag des Journalismus‘, und mehrere Medienschaffende demonstrieren auf Quitos Strassen für mehr Respekt gegenüber ihrem Beruf.
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6. Januar
Die Kontroverse um die Rolle der Medien in Ecuador findet heute ihre Fortsetzung. Das Parlament berät seit gestern ein neues Kommunikationsgesetz, das die Medien in die Schranken weisen soll. Zum Auftakt der Debatte stellt die Präsidentin der Kommission für Kommunikation eine neue Forderung, aus der die Tageszeitung „Hoy“ ihre Hauptschlagzeile kreiert: Die Regierung soll künftig auch Printmedien, und nicht nur Radio- und Fernsehstationen wie „La Voz de Arutam“ oder „Teleamazonas“, vorübergehend schliessen können, wenn diese ihre journalistische Sorgfaltspflicht verletzen oder Unwahrheiten verbreiten.
Bisher haben die Behörden „fehlbaren“ Zeitungen lediglich Bussen auferlegt. Es sei aber ungerecht, findet die Kommission für Kommunikation, wenn der Rundfunk bei Verfehlungen seine Programme einstellen müsse, während die Printmedien mit finanziellen Sanktionen davon kämen. Zudem würden die Tageszeitungen die Agenda der übrigen Medien massgeblich beeinflussen und deshalb eine noch grössere Verantwortung tragen als der Rundfunk. Die Empörung über den Vorstoss ist „Hoy“ anzumerken. Gleich in sechs Beiträgen setzt sich die Zeitung mit der Pressefreiheit auseinander. Die mediale Selbstthematisierung hat mittlerweile – auch in anderen Printmedien – ein ungeheures Ausmass angenommen.
Auch die Stromunterbrüche sorgen für Gesprächsstoff. Wer es sich leisten kann, überbrückt die tägliche Stromlücke mit einem Generator. Überall in der Stadt brummen die Motoren, und „El Comercio“ bastelt sich eine Geschichte zurecht, in der sich die Leute über den Lärm beklagen. Für eine Stadt, die praktisch in einer Anflugschneise liegt, mutet dies etwas eigenartig an. Denn über die Köpfe der 2,5 Millionen Einwohner donnern fast ununterbrochen Flugzeuge, die das monotone Rattern der Generatoren bei Weitem übertönen. Am Fluglärm scheint sich jedoch hier niemand zu stören. Offenbar haben die Ecuadorianer ein anders Lärmempfinden als die Südschneiser, die um den Flughafen Kloten wohnen (und verglichen mit den Quiteños sehr ruhig schlafen dürften).
7. Januar
Morgens um 6 Uhr geht in der Nachbarschaft ein Alarm los. Kurz darauf klingelt es an unserer Tür. Joffre ist sofort auf den Beinen, öffnet aber nicht. Er will zuerst wissen, was los ist. Aus der Gegensprechanlage ertönt eine Frauenstimme. Jemand habe versucht, bei ihr einzubrechen, sagt die Unbekannte. Joffre ist misstrauisch und ruft die Polizei. „Das kann ein Trick sein, um sich Zugang zum Haus zu verschaffen“, sagt er. Einbrecher würden manchmal auf diese Art Unvorsichtige aus der Wohnung locken und dann mit Waffengewalt ins Haus eindringen. Bei Joffre und Bérénice, die seit fünf Jahren in Quito leben, ist bisher zweimal eingebrochen worden, als sie nicht zuhausse waren. Joffre findet, das sei eine gute Quote. Ich hingegen weiss nicht, ob ich das beruhigend finden soll. Immerhin scheint es sich dieses Mal um einen Fehlalarm gehandelt zu haben.

Am Mittag esse ich eine Bratwurst bei Federer. So heisst der Delikatessenladen neben unserer Wohnung. Der Besitzer, ein Schweizer, hat in der Stadt mehrere Filialen gegründet. Im Laden ist Herr Federer nicht anzutreffen, aber sollte ich ihm einmal begegnen, werde ich ihm zu seiner Idee, in Quito gutes Fleisch und dunkles Brot zu verkaufen, gratulieren. Denn anständiges Brot weiss auch jemand zu schätzen, den das Heimweh noch nicht plagt. Mit dem ecuadorianischen Essen bin ich allerdings gar nicht so unzufrieden. Ich hatte es deutlich schlechter in Erinnerung. In meinem Quartier gibt es einige gute Restaurants. Für ein Mittagsmenü (Fischsuppe, Hackfleisch mit Reis und Salat, Früchte zum Dessert sowie ein Getränk) habe ich gestern 2.75 Dollar bezahlt. Und in anderen Vierteln könnte man bestimmt noch günstiger essen, wenn man denn wollte...
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8. Januar
Allerdings kann man sich auch teurer verpflegen: In der Mariscal, der Neustadt, bezahlt man für einen Cappuccino so viel wie anderswo für ein Mittagessen. Kein Wunder, denn die Preise im Gebiet um die Avenida Amazonas richten sich nach den Touristen. Doch „Gringolandia“, wie die Quiteños die Mariscal scherzhaft nennen, zieht inzwischen auch die Einheimischen an. Vor allem freitagabends sind die Strassen bevölkert. Die wohlhabenderen Quiteños führen hier voller Stolz ihre teuren Wagen, schweren Motorräder und leichten Mädchen auf dem Rücksitz vor.
Meine Spanischlehrerin Sylvia und andere Ecuadorianer, die ich noch von meinem ersten Aufenthalt kenne, zeigen mir, was sich sonst noch verändert hat. Dass sich in „Gringolandia“ ein Pub ans andere reiht, ist nicht neu. Dass viele Restaurants jetzt auch draussen Tische aufstellen, hingegen schon. Die Ecuadorianer haben mittlerweile gemerkt, dass die Gäste gerne im Freien sitzen. Zudem ist die Mariscal in den letzten Jahren sicherer geworden, die Polizei ist ständig auf Patrouille. Die Plaza Foch – früher eine dunkle Strassenkreuzung, bei der zwielichtige Gestalten herumlungerten – hat sich zu einer Attraktion für Touristen entwickelt, die hier bei Bier und Bretzeln ein paar Tage hängen bleiben, bevor sie in das Amazonas-Tiefland, zur Küste oder ins Hochland weiterzuziehen.
9. Januar
Rafel Correa ist wütend. „Mentiras, mentiras, mentiras – nichts als Lügen!“, enerviert sich der Präsident. Es ist vermutlich das Wort, das er bei seiner wöchentlichen Ansprache am häufigsten benutzt. Mit krächzender Stimme äfft er seine Kritiker nach, die ihm allerlei vorwerfen, und fuchtelt dabei mit den Händen herum. Der 46-Jährige ist ein guter Schauspieler und eine einnehmende Persönlichkeit. Jeden Samstagmorgen reist er in eine andere Ecke des Landes, um dort den Leuten zu erzählen, was er diese Woche gemacht hat und wie es um seine Politik – oder besser gesagt: um die Bürgerrevolution, die „revolución ciudadana“ – steht. Die Rede wird jeweils im Fernsehen übertragen und dauert etwa zwei Stunden. „Wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat, geht es manchmal auch zweieinhalb Stunden“, sagt Joffre, ein glühender Anhänger von Correa.
Der Präsident regt sich einmal mehr über die Medien auf und wirft ihnen vor, sie würden seine Botschaften falsch verbreiten. Als Beispiel nennt er die Erbschaftssteuer, die er einführen will. Die Medien hätten den kleinen Leuten Angst gemacht, sie müssten das bisschen Geld, das sie von ihren armen Eltern erben würden, an den Staat abgeben. Dabei gelte die Steuer nur für Leute, die mehr als 200‘000 Dollar erben würden (der Dollar ist seit dem Zerfall des Sucre 2000 die Landeswährung). Aber dies hätten die Medien geflissentlich verschwiegen. Überhaupt würden sie nur über Negatives und nie über Positives berichten, beklagt sich der Präsident, der seit 2006 im Amt ist.
Aus diesem Grund macht Correa im Fernsehen selber auf die Fortschritte der „revolución ciudadana“ aufmerksam: In einer Region wurde eine Überlandstrasse asphaltiert, in einer anderen ein Spital neu eingerichtet und in den Bergen ein neuer Staudamm eingeweiht. „Siehst du“, sagt Joffre, mit dem ich die Rede anschaue, „das ist der erste Präsident, der etwas für dieses Land tut.“ Zum Beweis nimmt mich Joffre später ins Centro de Deporte mit – ein Sportzentrum, das früher Angestellten einer Bank vorbehalten war und das die Regierung nun für alle zugänglich gemacht hat. Die Bevölkerung nutzt das Zentrum rege: Das kleine Schwimmbad ist überfüllt, und die – nicht mehr ganz ebenen – Tennisplätze sind bereits besetzt, als wir ankommen.
10. Januar
Der Turnschuh-Trick funktioniert in Südamerika noch immer. Wer Turnschuhe an den Füssen trägt, wird von den Schuhputzern meistens in Ruhe gelassen, denn offenbar wissen diese nichts damit anzufangen. Wer hingegen mit ledernen Halbschuhen unterwegs ist, muss ständig Kinder und alte Männer abwehren. Ein Nein wird dabei nicht so schnell akzeptiert: Auf ein „No, gracias“ folgt ein bettelndes „Por favooor“, auf das zweite „No, gracias“ kommt ein forderndes „Sí!“ und ein ebenso bestimmtes „No!“ führt zu einem wimmernden „Síííííí!“ Aus diesem Grund sind in den touristischen Stadtvierteln Turnschuhe praktisch: Man braucht nicht ständig mit einem schlechten Gewissen die Schuhputzer abzuwimmeln, und ebenso wenig muss man sich alle paar Meter das Leder polieren lassen. Denn so viel Dreck liegt auch hier nicht auf der Strasse.

Im Gegenteil: Quitos Altstadt ist schön herausgeputzt. Jeden Sonntag ist sie sogar autofrei, und ich nutze dies wie viele Quiteños und Touristen für einen Bummel durch das koloniale Zentrum. Vor allem Kirchen und Klöster prägen das Stadtbild. Meist wurden sie von den Indios in Fronarbeit errichtet, und just deren Nachkommen sitzen heute in den Kirchenbänken und nehmen an den Messen teil. Dabei herrscht ein ständiges Kommen und Gehen: Nicht nur die Touristen, sondern auch die Einheimischen betreten die Kirchen während der Zeremonien, und einige schrecken nicht einmal davor zurück, ihr Handy zu benutzen.

Ich versuche, Rücksicht zu nehmen und mir jene Kirchen anzusehen, in denen gerade keine Messen abgehalten werden. Da während der Kolonialzeit jeder Orden das Gefühl hatte, er müsse sich ein eigenes Gotteshaus errichten, ist das kein Problem: Ich beginne mit den Dominikanern (Iglesia Santo Domingo) und den Franziskanern (Iglesia San Francisco), bin aber bereits nach den Jesuiten (La Compañía de Jesús) dermassen von den katholischen Protzbauten erschlagen, dass ich die Kathedrale an der Plaza Grande links liegen lasse und ein Café suche. |
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11. Januar
Von aussen sieht El Comercio wie ein Gefängnis aus, und Zyniker würden darin ein Sinnbild für den Zustand der Medienfreiheit im Land sehen – auch wenn dies wohl etwas übertrieben ist. Dennoch gleicht der Hauptsitz des Medienunternehmens, der sich im armen Süden der Stadt befindet, einer Festung. Das Gebäude ist von einer Backsteinmauer umgeben, die oben mit Stacheldraht verstärkt ist. Und das gelbe Eingangsportal sieht aus wie ein Wärterhäuschen eines Hochsicherheitstrakts.

Die Zugangskontrolle ist aber glücklicherweise nicht ganz so streng, und schon bald stehe ich in den Räumen der Personalabteilung, wo mich die Verantwortlichen bereits erwarten. Zusammen mit drei Ecuadorianern, die heute ebenfalls ihren ersten Arbeitstag haben, erhalte ich eine Führung durch das Haus, das von der Redaktion über die Inserateabteilung bis zur Druckerei alles unter einem Dach vereint. El Comercio gibt schon lange nicht mehr bloss eine einzige Tageszeitung heraus, sondern hat sich zu einem modernen Medienkonzern gewandelt. Zwei Zeitungen, sieben Zeitschriften und drei Radiosender gehören zum Unternehmen, das rund 700 Mitarbeiter beschäftigt.

Kurz vor Mittag stellt mich die Personalverantwortliche der Redaktion vor. Ich schüttle viele Hände, höre viele Namen und vergesse fast ebenso viele wieder. Marcos, der Leiter des Stadtressorts, teilt mich Mauricio zu. Dieser soll mich diese Woche betreuen. Er ist der älteste im jungen Stadt-Team und feiert heute Geburtstag. 25 Jahre alt sei er, sagt er scherzhaft, und selbst nachdem ich ihm zwei Tafeln Schweizer Schokolade geschenkt habe, will der etwa Vierzigjährige sein Alter nicht verraten.

Hingegen erklärt er mir die redaktionellen Abläufe, die sich von meiner eigenen Redaktion nicht wesentlich unterscheiden. Viel gibt es für mich heute nicht zu tun, da die Aufgaben bereits vergeben worden sind. So bleibt mir nichts anderes, als Mauricio über die Schultern zu schauen und im Internet zu surfen. Morgen aber soll es richtig losgehen.
12. Januar
Mit Mauricio ziehe ich los, um zu ergründen, wie gut das Bussystem in Quito funktioniert. El Comercio legt diese Woche den Schwerpunkt auf den Verkehr, der in der Stadt ein fast unerträgliches Ausmass angenommen hat. Die Stadtverwaltung ist zurzeit daran, einen Plan auszuarbeiten, wie sie die Zahl der Autos beschränken kann. Die Zeitung beleuchtet deshalb in mehreren Folgeartikeln verschiedene Aspekte zum Thema. Mauricio will über das Chaos schreiben, das an den Bushaltestellen herrscht. 607 Haltestellen gibt es in der Stadt, aber eigentlich sind sie alle überflüssig, weil die Busfahrer die Passagiere aufladen und absetzen, wo es ihnen gerade passt.
Das führt mitunter zu Staus – zum Beispiel, wenn die Busse an Kreuzungen halten oder Einfahrten blockieren. Und wenn an einer Haltestelle bereits mehrere Busse stehen, fahren die nachkommenden Linien einfach weiter und lassen die Passagiere am Strassenrand stehen. Häufig nötigen die Fahrer die Passagiere beim Aussteigen auch, vom Trittbrett zu springen, bevor der Wagen zum Stillstand gekommen ist. Und wer einsteigen will, muss dem Bus oft nachrennen und aufspringen. Wahrscheinlich sieht man auch deshalb selten ältere Leute im öffentlichen Verkehr.

Die Passagiere verhalten sich allerdings nicht besser als die Busfahrer. Sie rennen kopflos über die Strassen und erwarten, dass die Busse an jeder Ecke für sie halten. Mauricio findet das Verhalten der Chauffeure und Passagiere unkultiviert. Ich stimme ihm zwar zu, empfinde es aber als nicht sehr tragisch. Einen kurzen Moment frage ich mich sogar, wer von uns beiden der Schweizer und wer der Ecuadorianer ist.
Artikel: Los conductores de buses y los pasajeros irrespetan las paradas
Zurück auf der Redaktion macht sich Mauricio sofort ans Schreiben. Unterdessen suche ich mir eine andere Beschäftigung. Die Redaktion hat eine Mini-Serie geplant, wie andere Grossstädte ihre Verkehrsprobleme zu lösen versuchen. Einige Beiträge – etwa zu Mexiko City, São Paulo oder Santiago de Chile – stehen bereits. Ich schlage Ressortleiter Marcos vor, noch weitere Beispiele zu recherchieren. Dieser ist damit einverstanden. Er interessiert sich vor allem für die sogenannten Car Pools in den USA und gibt mir gleich den Auftrag, morgen selber einen kurzen Artikel darüber zu schreiben. |
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13. Januar
40 Minuten stehe ich an der Haltestelle, bis endlich der „Metro Trans“ auftaucht. Und da der Bus vom Norden in den Süden der Stadt 45 Minuten braucht, verbringe ich fast den halben Morgen mit Warten. Das ist mühsam, weil man sich an der Haltestelle und im rüttelnden Bus kaum sinnvoll beschäftigen kann. Viele Ecuadorianer, so stelle ich während der Fahrt fest, haben für solche Situationen die Methode entwickelt, sich auf Standby zu stellen. Ich beneide sie für diese Gabe. Geduld scheint eine Stärke der Quiteños zu sein – sofern sie nicht gerade selber hinter dem Steuer sitzen und die Fussgänger von der Fahrbahn hupen.
Das bringt mich auf meinem Artikel über Car Pools – Fahrgemeinschaften, die in Städten wie Los Angeles auf Extraspuren fahren dürfen – zurück. Allerdings glaube ich nicht, dass dieses System auch in Quito die Verkehrsprobleme lösen würde. Marcos scheint aber davon begeistert zu sein. Plötzlich will er den Artikel schon morgen im Blatt haben. Als er mir den Platz auf der Seite zuweist, schlucke ich drei Mal leer, weil ich meinen Entwurf in Windeseile um die Hälfte kürzen muss.
Artikel: Los „car pools“ en Estados Unidos
Anschliessend soll ich Marcela bei ihrem Artikel über das Road Pricing in Singapur helfen. Auch dieser Beitrag ist für die Ausgabe von morgen gedacht, und ich staune, wie schnell Marcela etwas aus dem Boden stampft. Allerdings fällt mir dabei auf, dass sie – vielleicht auch aus Zeitnot – wahl- und kritiklos Quellen aus dem Internet zusammensucht, die ich dann mit Hilfe anderer Websites einigermassen abzusichern versuche.
14. Januar
Heute herrscht Aufregung auf der Redaktion. Doña Guadalupe Mantilla de Acquaviva ist im Haus. Sie ist die Direktorin von „El Comercio“ und gleichzeitig das Oberhaupt der Besitzerfamilie des Konzerns. Die Angestellten haben grossen Respekt vor ihr, und ich habe den Eindruck, dass während der heutigen Mittagspause niemand lange durch den grossen Park des Unternehmens schlendern mag.
Sobald sich mir die Gelegenheit bietet, frage ich eine der Journalistinnen, wie gross der Einfluss der Doña auf die Redaktion sei. Fast aufschlussreicher als ihre Antwort ist der Tonfall, mit dem die Redaktorin spricht: Sie beginnt zu flüstern und erklärt, dass die Direktorin die politische Linie vorgebe und keine Abweichungen dulde. Wer für „El Comercio“ arbeitet, muss gegen die Regierung von Raphael Correa schreiben. Zur den externen Zensurversuchen des Staats gesellt sich also die interne Zensur.

Auch andere interne Regeln muten komisch an. So ist es verboten, dass die Journalisten ihre Artikel mit ihrem Namen signieren. Stattdessen steht in der Autorenzeile das Ressort, zum Beispiel „Redaccíon Quito“, „Redaccíon Política“ oder „Redaccíon Sociedad“. Nur Meinungsartikel, Kommentare oder aufwändig recherchierte Artikel sind mit Namen gezeichnet. Dass bei den übrigen Beiträgen die Verfasser nicht transparent gemacht werden, irritiert mich. Zwar schützt die Anonymität die Journalisten von allfälligen Anfeindungen, gleichzeitig können sie sich aber hinter ihrem Ressort verstecken und einen Teil der Verantwortung für ihre Arbeit abgeben. Als ich Mauricio darauf anspreche, zuckt er aber nur mit den Schultern. Für ihn ist die interne Weisung überhaupt nicht ungewöhnlich. |
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15. Januar
Jeden Freitag entwirft das Stadtressort das Programm für die nächsten zehn Tage. Auch heute sitzt das sechsköpfige Team, das täglich zwei bis drei Seiten produziert, zusammen. Mich erstaunt, wie stark sich die Redaktionsmitglieder dem Thema Verkehr verschrieben haben. Auch kommende Woche sollen sich die wichtigsten Artikel darum drehen. Eine ähnliche Tendenz ist übrigens beim Polit-Ressort zu beobachten, das sich fast nicht mehr vom Thema der Meinungs- und Medienfreiheit lösen kann. Und das Ressort „Ecuador“ lässt keine Gelegenheit aus, um über die noch immer andauernden Stromunterbrüche zu berichten.
Hat die Zeitung einmal ein Thema entdeckt, vermeldet sie wie ein Seismograph jede noch so kleine Bewegung – viel stärker, als dies die Schweizer Medien tun, wenn sie über mehrere Tage eine Geschichte weiterziehen. Man kann das deuten, wie man will: Positiv formuliert setzt „El Comercio“ auf diese Art einen Schwerpunkt und stellt Hintergrundinformationen bereit, doch mitunter erinnert das Verhalten auch an Kampagnenjournalismus.
Eine weitere Eigenart fällt mir auf: Anders als man es von einer ecuadorianischen Zeitung erwarten würde, ist die Redaktion viel straffer durchorganisiert als meine Heimredaktion in der Schweiz. Während der Wochensitzung legt der Ressortleiter den Inhalt jeder einzelnen Ausgabe der nächsten Tage fest. Abweichungen vom Programm gibt es nur wenige. Und Morgensitzungen, wie sie die meisten Schweizer Medien kennen, haben hier keinen grossen Stellenwert. Schliesslich sind die Aufgaben bereits für eine ganze Woche verteilt worden. Flexibilität bleibt damit weitgehend auf der Strecke – dafür denkt „El Comercio“ dank dieser Organisation ziemlich langfristig. Und so fasse auch ich meine Aufgaben für die nächsten zehn Tage.
16./17. Januar
Während des Wochenendes habe ich aber Ruhe von der ecuadorianischen Zeitungswelt, und ich tauche in einen anderen Blätterwald ein: Ich besuche die Nebelwälder von Mindo, um mich dort vom hektischen Grossstadleben und dem Smog zu erholen. Mindo ist ein kleines Nest auf 1250 Meter über Meer, das zweieinhalb Busstunden westlich von Quito liegt. Es besteht praktisch nur aus einem Strassenzug, hat sich aber in den letzten zehn Jahren zu einem touristischen Ziel entwickelt.


Seinen Aufschwung hat das 2500-Seelen-Dorf der Natur zu verdanken. Der „Bosque Protector Mindo-Nambillo“ – ein Schutzgebiet – zieht zahlreiche Naturfreunde an. Zu entdecken gibt es eine Vielzahl von Vögeln (zum Beispiel Kolibris), Orchideen sowie unzählige Schmetterlinge, die man in eigens dafür eingerichteten Farmen bestaunen kann.

Mindo setzt zudem je länger je mehr auf die Spassgesellschaft. Besonders beliebt ist das sogenannte Canopy: Unerschrockene können ein Drahtseil hinuntersausen, das über den Río Nambillo und die Baumkronen gespannt ist. Um auf die andere Seite des Flusses zu gelangen, ziehe ich aber die „tarabita“ (Bild) vor, das den Heubähnchen in der Schweiz gleicht. Die simple Metallkonstruktion, die 152 Meter über dem Flussbett schwebt, erscheint mir noch immer abenteuerlich genug.

18. Januar
Heute Montag bin ich mit den Verantwortlichen des DEZA-Kooperationsbüros in Quito verabredet. Ich treffe Suzanne Müller und Diego Mena zum Mittagessen. Eine meiner Aufgabe während der Stage besteht darin, mich über die verschiedenen Projekte zu informieren, an denen die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in den vergangenen Jahren beteiligt gewesen ist.
Da die Schweiz ihr Büro in Ecuador nach 40 Jahren Entwicklungsarbeit aufgibt, sind Suzanne Müller und Diego Mena darin interessiert, dass ich nach meiner Rückkehr in der Schweiz einen Artikel über das Engagement der DEZA im „Tages-Anzeiger“ veröffentliche und dabei gewissermassen eine Schlussbilanz ziehe. Ich merke, dass die Erwartungen recht gross sind, und ich bin nicht sicher, ob ich ihnen gerecht werden kann, da die Publikationsentscheidungen letztlich nicht bei mir allein liegen. Allerdings liegt es auch in meinem Interesse, den einen oder anderen Artikel zu publizieren, und so werde ich in den kommenden Tagen mit der Unterstützung von Diego Mena den Besuch einiger Projekte organisieren. |
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19. Januar
Noch einmal – hoffentlich zum letzten Mal – setze ich mich mit dem Verkehrsthema auseinander. Marcos hat mich gebeten, einen weiteren Artikel über Massnahmen in ausländischen Grossstädten zu schreiben, und so bin ich gedanklich bald nicht mehr in Quito, sondern in Shanghai (wo monatlich 6000 bis 8000 Nummernschilder versteigert werden, um den immensen Zuwachs von Autos abzuschwächen).
Artikel: En Shanghái hay una subasta para obtener la placa
20. Januar
Die nächste Aufgabe sagt mir mehr zu: Für die Sonntagsausgabe soll ich eine Reportage schreiben, wie Touristen in der Stadt zurechtkommen und mit welchen Problemen sie am meisten zu kämpfen haben. Ich nutze die Gelegenheit, selber noch einmal Tourist zu spielen und klappere die Sehenswürdigkeiten ab, die ich noch nicht gesehen habe – zum Beispiel die Basílica del Voto Nacional, von deren Türmen man einen fantastischen Blick auf Quito hat.


Natürlich vernachlässige ich die Arbeit bei meinem Stadtrundgang nicht. Da es in Quito von Touristen wimmelt und diese – schon nur dank ihrer Hautfarbe – einfach auszumachen sind, habe ich bald ein paar Stimmen gesammelt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Quito sei eine saubere und sichere Stadt, finden zwei junge Slowenen, die vor zwei Stunden mit dem Bus aus Peru angekommen sind.
Quito sei das Schlimmste, was ihm in Südamerika passiert sei, klagt dagegen ein Luxemburger, der schon eine Weile hier ist. Vor drei Tagen wurde der 72-Jährige bestohlen. Es erstaunt mich, dass der Weitgereiste auf einen der ältesten Tricks hineingefallen ist: Auf der Plaza San Francisco hatte ihn jemand von hinten mit Senf beschmiert, und die Passanten, die ihm beim Säubern halfen, waren plötzlich mit seinem Rucksack verschwunden. Der Luxemburger hat dabei seine ganze Fotoausrüstung, 2000 Bilder von seiner Reise durch Mittel- und Südamerika sowie Souvenirs im Wert von 200 Dollar verloren.
Ein bisschen kann ich dem Beraubten nachfühlen: Vor fünf Jahren hatten es Diebe bei mir zweimal auf dieselbe Art versucht, doch zum Glück hatte ich mich beide Male von den vermeintlichen Helfern nicht einlullen lassen. Ich nehme mir vor, weiterhin gut aufzupassen und klammere mich den Rest des Tages besonders gut an meinen Habseligkeiten fest. |
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21. Januar
Die Regierung kündigt ab sofort das Ende der täglichen Stromunterbrüche an, die seit dem 5. November andauern. Um die Energiekrise zu entschärfen, hat der Staat Strom aus dem Ausland sowie neue Turbinen eingekauft. Dennoch fällt heute auf der Redaktion für einen Bruchteil einer Sekunde das Licht aus, und die hausinternen Generatoren springen an. Ich nehme dies allerdings nur am Rande zur Kenntnis, da ich fieberhaft an meinem Artikel über die Probleme der Touristen in der Stadt arbeite und mit Hilfe von Grammatik- und Wörterbüchern einen einigermassen verständlichen Text zu schreiben versuche.
22. Januar
Marcos will mehr Zahlen in meinem Artikel und bittet mich, ihn zu überarbeiten. Ich habe dies erwartet. Der Zahlen-Fetischismus im ecuadorianischen Journalismus ist mir schon früher aufgefallen. Deshalb hatte ich meinen letzten Artikel, jenen über den Verkehr in Shanghai, mit diversen Zahlen gespickt. Dieses Mal hingegen habe ich absichtlich darauf verzichtet und gespannt Marcos‘ Kritik abgewartet.
Diese hat einen kulturellen Hintergrund: „El Comercio“ lehnt sich wie die übrigen ecuadorianischen Zeitungen stark am amerikanischen Journalismus an. Die Redaktion will jede noch so unbedeutende Aussage mit Daten belegt haben. So hatte Mauricio diese Woche in einem Artikel detailliert geschildert, was er bei seiner Recherche über das Verkehrschaos in der Stadt beobachtet hatte: Dass am Mittwochmorgen zwischen 10.35 und 10.45 Uhr an der Kreuzung Y drei Autofahrer mit den Nummernschildern X, Y und Z das Rotlicht missachtet hatten oder dass um 11.15 Uhr ein Wagen mit dem Nummernschild V mitten auf der Kreuzung W stehen geblieben war.
Ich bezweifle den Informationswert dieser akribischen Schilderung. Zwar ist die ecuadorianische Berichterstattung dank solcher minutiösen Angaben genauer als die schweizerische – doch geht dies meiner Meinung nach auf Kosten der Leserfreundlichkeit. Hinzu kommt, dass die Zeitungen hierzulande eine Vielzahl von Fakten aneinanderreihen, es dabei aber meist unterlassen, daraus einen Sinn zu machen oder eine Hauptaussage abzuleiten. Der ecuadorianische Journalismus ist bei weitem nicht so analytisch wie jener in die Schweiz. Und vor lauter Fakten unterlassen es die Medienschaffenden in der Regel, eine Geschichte zu erzählen, die den Leser fesselt.
An diese kulturellen Unterschiede muss ich mich noch gewöhnen. Ich diskutiere lange mit Marcos darüber. Der ecuadorianische Journalismus befinde sich im Wandel, sagt dieser. Die Medien würden langsam vom reinen Fakten-Journalismus abkommen und wie in anderen Ländern vermehrt versuchen, Geschichten zu erzählen. Erschwert werde das Umdenken aber dadurch, dass in Ecuador selbst Journalisten kaum Bücher lesen würden und deshalb gar nicht wüssten, wie man einen Text dramaturgisch aufbauen könne.
Auch die Analyse gewinnt laut Marcos immer mehr an Bedeutung im ecuadorianischen Journalismus. Vor allem in den politischen Ressorts ist mir dies aufgefallen. Allerdings ufern dort die Interpretationen oft in einer einseitigen Kritik an der Regierung aus.
23./24. Januar
Am Samstag verspüre ich erneut das Bedürfnis nach frischer Luft, und so fahre ich mit dem „teleférico“ in die Höhe. Die Gondelbahn bringt die Ausflügler auf 4100 Meter über Meer. Von dort gehts zu Fuss auf den kleineren der beiden Gipfel des Vulkans Pichincha, auf den Rucu Pichincha (4680 Meter über Meer).
Während der dreistündigen Wanderung spüre ich die Auswirkungen der Höhe. Die Luft ist dünn, das Atmen fällt schwer. Ich erinnere mich daran, wie ich während meines ersten Ecuador-Aufenthalts den Volcán Cotopaxi bezwungen habe – oder war es eher umgekehrt gewesen? Nur mit Mühe hatte ich es damals auf den höchsten aktiven Vulkan der Welt (5897 Meter über Meer) geschafft, und auf dem Gipfel war der Nebel so dicht gewesen, dass man nicht einmal in den Krater sehen konnte – geschweige denn bis nach Quito.

Beim Rucu Pichincha ergeht es mir heute ähnlich. Als ich auf Quitos Hausberg ankomme, ziehen dicke Wolken auf, und ich kehre sofort um. Zum Glück hat sich mir schon weiter unten ein schöner Ausblick auf die Stadt und die umliegenden Berge geboten, sodass der Aufstieg nicht umsonst war.


Am Sonntag erhole ich mich von den Strapazen des Vortags und fahre in die Mariscal, um dort in Ruhe zu frühstücken und die Zeitung zu lesen. Dabei fällt mir auf, dass die Tagesverantwortliche einige der Zahlen, die ich auf Marcos‘ Wunsch nachträglich in meinen Artikel eingebaut hatte, wieder aus dem Text gestrichen hat. Als ich sehe, dass dafür der Beitrag mit Autorenzeile erschienen ist, verschütte ich vor Lachen beinahe meinen Kaffee. Mein Name bereitet der Redaktion offenbar noch einige Schwierigkeiten...
Artikel: La inseguridad preocupa al turista
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25. Januar
Der venezolanische Präsident Hugo Chávez schliesst sechs Fernsehstationen, angeblich, weil sich diese geweigert haben, seine Reden zu übertragen. In der heutigen Ausgabe des „El Comercios“ ist dies eine der Hauptschlagzeilen. Die Schliessung der Sender verdrängt sogar die Berichterstattung über das Erdbeben in Haiti, das in den vergangenen Tagen die Auslandseite dominiert hat.
Der Grund für dieses Themen-Setting ist klar: Viele ecuadorianische Journalisten befürchten, dass die Regierung Correa mit dem neuen Mediengesetz eine ebenso harte Richtung einschlagen will wie Chávez, und so ist das Thema nicht nur in der Zeitung, sondern auch am Mittagstisch präsent. Kaum beachtet wurde hingegen der Vorfall in der Schweiz: Meine kurze Recherche in der Schweizer Mediendatenbank ergibt, dass die meisten Zeitungen lediglich eine kurze Agenturmeldung abgedruckt haben.
26. Januar
Doña Guadalupe Mantilla de Acquaviva, die Direktorin der Mediengruppe, ist wieder im Haus. Sie versammelt über Mittag alle Mitarbeiter in einem Saal, der wie ein Kino gestuhlt ist. Und zu meiner Überraschung erhält sogar jeder eine Lunch-Box, so dass man sich tatsächlich in einer Vorführung wähnen könnte. Sandwich-Papiere rascheln und Chips-Packungen knistern, während Marco Arauz Ortega, Chefredaktor des „El Comercios“, spricht. Doch niemand scheint sich an der Unruhe zu stören: Selbst Doña Guadalupe hat den Mund voll, als der Chefredaktor ihr das Wort übergibt. Hastig würgt die elegant gekleidete Dame den letzten Bissen ihres Sandwiches hinunter und erklärt, worum es geht.
Die Zeitung arbeitet zurzeit an der Qualitätssicherung. Der Chefredaktor und Doña Guadalupe präsentieren die journalistischen und ethischen Standards, die sich grösstenteils mit jenen der Schweiz decken. Eigentlich sind die Regeln allen bekannt, aber offenbar befolgen die Redaktionsmitglieder sie nicht immer. Im Vordergrund der Präsentation steht, wie die Redaktion auf Beschwerden über die Berichterstattung reagieren soll – ein Thema, das angesichts der momentanen politischen Lage Brisanz hat. „El Comercio“ ist dabei viel strenger mit sich selber, als es die Schweizer Medien sind: Auf jeden noch so kleinen Fehler, und sei es nur ein grammatikalischer oder ortographischer, muss die Redaktion gemäss internen Richtlinien in ihrer täglichen Korrekturspalte hinweisen.
Auch Gegendarstellungen zu Artikeln kommen häufiger vor als bei uns. Deren Umfang soll neuerdings exakt gleich viele Zeilen betragen wie der Abschnitt, in dem sich die Falschinformation befunden hat. „El Comercio“ reagiert damit eindeutig auf den gegenwärtigen politischen Druck. Denn das neue Kommunikations- und Mediengesetz, das noch immer im Parlament hängig ist, wird wohl massive Auswirkungen auf das journalistische Schaffen haben. Ob dann eine Korrekturspalte noch genügt, um bei Fehlern den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wird sich weisen. |
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27. Januar
Ich habe mich vom Verkehrs- zum Tourismus-Redaktor gewandelt: Nach meinem Artikel über die Schwierigkeiten der Touristen in Quito will Marcos, dass ich die Reisenden in der Neustadt La Mariscal befrage, ob sie mit dem touristischen Angebot zufrieden sind. Die Mariscal ist zwar nicht unbedingt schön, aber äusserst praktisch: Von Restaurants und Hotels bis zu Internetcafés und Wäschereien ist hier alles zu finden. Zudem ist das Quartier mit seinen zahlreichen Reiseagenturen für viele das Eingangstor zum Amazonas und zu den Galapagos-Inseln.

Das Ergebnis meiner Recherchen fäll somit nicht überraschend aus: Die Touristen sind zufrieden mit dem, was sie in „gringolandia“ vorfinden. Verglichen mit anderen südamerikanischen Orten haben die Reisenden hier ein vielfältiges Angebot, und die meisten geniessen es deshalb, eine Weile in der Mariscal zu verweilen und sich vom Chaos zu erholen, das sie anderorts angetroffen haben.
Artikel: El turista necesita 4 servicios básicos

28. Januar
Die besten Empanadas der Stadt lernen jene Touristen, die sich nur in der Mariscal aufhalten, hingegen nicht kennen. Ein kleines bolivianisches Geschäft in meinem Quartier – Satuco – hat den Ruf, die besten gefüllten Teigtaschen in Quito zu verkaufen. Sie sind die feinsten, die ich bisher in Südamerika gegessen habe. Und so werde ich dem Delikatessen-Geschäft Federer, das sich gleich gegenüber befindet, untreu und kehre nach der Arbeit hin und wieder bei Satuco ein.
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29. Januar
Lange habe ich mich davor gedrückt, aber jetzt gibt es kein Entrinnen mehr: Auf mich wartet die erste Telefonrecherche auf Spanisch. Ich soll einen Artikel darüber schreiben, wie gefährlich der Weg auf den Rucu Pichincha ist, den ich letztes Wochenende bestiegen habe. Tatsächlich kommen immer wieder Leute beim Aufstieg ums Leben, weil sie sich bei schlechtem Wetter verirren und an Unterkühlung sterben.
Als erstes benötige ich eine Statistik, wie viele Menschen jährlich auf diese Art verunglücken. Ich telefoniere mich durch verschiedene Abteilungen der Feuerwehr, die für die Rettung von Wanderern in den Bergen zuständig ist. Schliesslich verspricht mir eine Dame von der Kommunikationsabteilung, die gewünschten Daten zu liefern – aber erst am Nachmittag. Oder sagte sie: „nicht mehr heute Nachmittag“? Ich bin nicht sicher. Am Abend habe ich jedenfalls noch immer keine Zahlen.
30./31. Januar
Rund 70 Kilometer östlich von Quito liegen die Thermen von Papallacta, welche die schönsten von Ecuador sein sollen. Am Wochenende fahre ich dorthin. Das Wetter ist ideal für einen Kuraufenthalt: Der Himmel ist wolkenverhangen, und am Sonntag beginnt es sogar zu regnen. So fühlt man sich nirgends wohler als im heissen Wasser.

Der einzige Nachteil ist, dass einem die Wolken die herrliche Sicht auf die Berge – insbesondere auf den 5753 Meter hohen Volcán Antisana – rauben. Zum Glück taucht der Vulkan für 10 Minuten aus dem Nebel, und so bekomme ich einen Eindruck davon, welch spektakuläres Panorama sich dem Besucher bei gutem Wetter bieten würde.

In den Thermen ist es am Abend am schönsten, wenn es im kleinen Bergdorf auf 3300 Metern über Meer kalt wird. Und auch am frühen Morgen ist es entspannend, wenn man fast allein in einem der heissen Becken sitzt und einem der Andenwind um die Ohren pfeift. Nach 8 Uhr reisen dann die ecuadorianischen Sonntagsausflügler an, die häufig den ganzen Tag in der Anlage verbringen – einige bauen sogar gleich neben dem Becken ihr Zelt auf…
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1. Februar
Es läuft alles schief. Mein Taxifahrer blickt seit einiger Zeit immer wieder nervös in den Rückspiegel. Er hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Plötzlich hält er vor einer Garage und sagt, die Vorderreifen hätten zu wenig Luft. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Mauricio an uns vorbeifährt.
Mein Kollege ist mir in einem anderen Taxi gefolgt, um auf dem „taxímetro“ abzulesen, wie viel meine Fahrt richtigerweise kosten würde. Ich hingegen soll jeden Preis zahlen – auch wenn die Taxifahrer den „taxímetro“ beim Losfahren nicht einschalten.
Doch mein Fahrer ist nicht blöd. Als wir weiterfahren und kurze Zeit später Mauricios Taxi wieder hinter uns einbiegt, tritt er auf die Bremse und dreht sich wutentbrannt zu mir um. „Was läuft hier eigentlich?“, will er wissen. „Warum verfolgt uns dieses Taxi, und weshalb macht der Typ auf dem Beifahrersitz ständig Notizen?“
Auch ich werde jetzt nervös. Ich täusche vor, kaum Spanisch zu sprechen, aber der Mann lässt sich davon nicht beeindrucken. Er will nicht weiterfahren, bevor ich ihm erklärt habe, was hier gespielt wird. Obwohl ich ein schlechtes Gewissen habe, kläre ich den Fahrer nicht auf, weil ich unsere Recherche nicht gefährden will. Ich stelle ihn vor die Wahl, entweder weiterzufahren oder mich aussteigen zu lassen, damit ich ein anderes Taxi nehmen kann. Widerwillig fährt er weiter. Eine Strasse vor dem eigentlichen Ziel setzt er mich ab und verlangt einen Dollar weniger, als er eigentlich verdient hätte.

Die nächsten Fahrten verlaufen ohne solche Zwischenfälle. Doch zu einem eindeutigen Ergebnis, ob die Taxifahrer ausländische Touristen abzocken, kommen wir nicht. Lediglich die Taxifahrer am Flughafen verlangen das Doppelte, als eine Fahrt mit eingeschaltetem „taxímetro“ kosten würde. Das liegt daran, dass die Taxigesellschaften am Flughafen die Preise abgesprochen haben und allen Fahrgästen – also auch Einheimischen – zu viel verlangen.
Artikel: El uso del taxímetro se incumple
2. Februar
Der Verkehr ist noch immer das bestimmende Thema im Ressort Quito. Morgen soll ein Artikel über die Luftverschmutzung im Blatt erscheinen. Da ich dazu vom Deza-Kooperationsbüro Daten erhalten habe, arbeite ich am Artikel mit. Dank einschneidenden Massnahmen, welche die Stadt in den letzten Jahren – unter anderem mit Hilfe der Deza – eingeleitet hat, ist die Luft sauberer geworden: Obwohl die Zahl der Autos seit 2004 um 60 Prozent gestiegen ist, konnten die Abgase um 30 Prozent reduziert werden. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass nun auch die Quiteños ihr Auto regelmässig vorführen müssen – ähnlich, wie es in der Schweiz üblich ist.
Die Luftverschmutzung ist aber immer noch stark, wie Pamela, die Verfasserin des Artikels, mit Hilfe anderer Zahlen belegt. Ihre Daten verdrängen die meinigen fast vollständig aus dem Beitrag, so dass von meiner Mitarbeit am Schluss nicht mehr viel übrigbleibt.
Artikel: Solo la restricción vehicular no ayuda a mejorar la calidad del aire
3. Februar
Noch immer erwarte ich von der Feuerwehr eine Antwort, wie viele Leute jährlich auf Quitos Hausberg Rucu Pichincha verunglücken. Ein Erinnerungsmail vor ein paar Tagen ist unbeantwortet geblieben, und als ich die Dame von der Kommunikationsabteilung endlich telefonisch erreiche, ist sie ganz erstaunt über meinen Anruf.
Natürlich habe sie mein Mail gesehen, sagt sie. Doch auf die Idee, darauf zu antworten, ist sie offenbar nicht gekommen. Sie brauche noch eine Weile, um die gewünschten Daten zusammenzusuchen, vertröstet sie mich. Vor Freitag werde sie keine Ergebnisse haben. Bis dann ist seit meiner ersten Anfrage eine ganze Woche verstrichen. Zuhause würde ich mich wohl über eine Kommunikationsabteilung, die so langsam arbeitet, aufregen. Doch hier nehme ich dies mit stoischer Ruhe und einem Lächeln zur Kenntnis. |
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4. Februar
William Ramírez, meine Kontaktperson in Salinas, ist in Quito. Da er in den vergangenen Tagen, als ich mit ihm einen Termin ausmachen wollte, weder mein E-Mail beantwortet noch das Telefon abgenommen hat, bin ich darüber nicht besonders erstaunt. Meine vierstündige Reise aufs Geratewohl ist aber zum Glück nicht umsonst gewesen: Der 19-jährige Alex Ramos vom Tourismusbüro führt mich an Williams Stelle durch das Bergdorf, das ich auf Vorschlag des DEZA-Kooperationsbüros besuche.

Salinas ist im Grunde eine einzige grosse Genossenschaft. Fast alle Bewohner arbeiten für die Dorfgemeinschaft, und dank italienischer und schweizerischer Hilfe haben sie den Weg aus der Armut geschafft. Die Salineritos haben mit ausländischer Unterstützung gelernt, zu nutzen, was ihnen die Natur bietet. Und da die flächenmässig grosse Gemeinde auf 800 bis 4300 Metern über Meer liegt, ist das recht viel: Im subtropischen Tiefland etwa wird Zuckerrohr angebaut, im Hochland Ziegenkäse produziert.
Das Dorf selber liegt auf 3500 Metern über Meer, und dort können die Besucher die verschiedenen Kleinunternehmen besuchen, die Textilien, Marmelade, Salben und Arzneimittel auf pflanzlicher Basis, Schokolade und vieles mehr produzieren. Der Stolz der DEZA ist aber die Käserei. Mit Schweizer Unterstützung haben die Salineritos gelernt, Tilsiter, Gruyère und Gouda herzustellen.


Deshalb fühlt man sich im Dorf ein bisschen wie in der Schweiz, und offenbar hat auch Alex Gefallen daran gefunden: Er fragt mich, ob sich mit Hilfe meiner Kontaktpersonen bei der DEZA ein Stipendium organisieren lasse, damit er in der Schweiz Tourismus studieren könne.
5. Februar
In Licto, einem kleinen Dorf unweit der Provinzstadt Riobamba, habe ich mehr Glück mit meiner Kontaktperson. Inés Chapi, eine einfache, sympathische Indígena, erwartet mich und erklärt mir das Bewässerungssystem. Die Dorfbewohner haben dieses mit Unterstützung der DEZA angelegt. Seit der Kanal das Wasser über eine Strecke von 25 Kilometern aus den Bergen auf die Felder bringt, sind die Bauern nicht mehr vom Regen abhängig. Es gibt dadurch bei Trockenheit kaum mehr Ernteausfälle, und die Produktion von Mais, Kartoffeln und Weizen ist gestiegen.

Das Projekt hatte auch soziale Folgen: Früher mussten die Männer als Saisoniers in den grossen Städten wie Quito und Guayaquil Arbeit suchen, weil die Familien mit der bescheidenen Ernte kaum ihr Dasein fristen konnten. Die Frauen blieben zurück, um die Felder zu bestellen. Wenn es wichtige Entscheide im Dorf zu fällen galt, hatten sie aber zu warten, bis ihre Männer zurückkamen. Das hat sich mit dem Bewässerungssystem geändert, denn dieses hat Licto in erster Linie den Frauen zu verdanken: Sie waren es, die den Kanal ausgehoben haben, während die Männer weg waren. Und sie waren es auch, die die Organisation des Bewässerungssystems – zum Beispiel die Frage, welche Familie wann ihre Felder wässern darf – noch heute entscheidend mitprägen.

Die Frauen haben sich so nach und nach mehr Rechte erkämpft. Inés Chapi, eine der Führerfiguren, hat sogar eine Frauenorganisation gegründet, um den Forderungen der weiblichen Bevölkerung mehr Nachdruck zu verleihen. Die Männer indessen sind nicht mehr so stark auf die Arbeit in den Städten angewiesen und wieder häufiger im Dorf. Und trotzdem haben sie nicht mehr so viel zu sagen wie früher...
6./7. Februar
Da ich recht weit südlich von Quito bin und die Rückfahrt lange dauern würde, verbringe ich das Wochenende in der Gegend. Ich fahre nach Baños, einem der bekanntesten Ferienorte von Ecuador. Der Trubel und die Festlaune, die hier herrschen, bilden einen Kontrast zum beschaulichen Dorfleben von Salinas und Licto. Allerdings bin ich nicht aus diesem Grund hergekommen, sondern weil der Vulkan Tungurahua, der zuletzt 1999 ausgebrochen ist, seit einigen Wochen wieder aktiv ist und Lava speit. Leider ist der Vulkan sowohl am Samstag als auch am Sonntag wolkenverhangen, sodass davon nichts zu sehen ist. Doch die Eruptionen sind deutlich zu hören.
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8. Februar
Ich habe den Auftrag erhalten, einen Artikel darüber zu schreiben, wie häufig die öffentlichen Telefonapparate im Zeitalter des Mobilfunks noch benutzt werden. Also ziehe ich los, um mir davon ein Bild zu machen und in der Stadt ein paar Leute zu befragen.
Die Geschichte überzeugt mich allerdings nicht besonders. Mir ist aufgefallen, dass sich das Stadtressort recht häufig auf solche „Infrastruktur-Themen“ stürzt und Artikel darüber publiziert, wie es um die öffentlichen Angebote in der Stadt steht – seien es die fehlenden Toiletten im Zentrum, die verwüsteten Grünanlagen oder kaputteVerkehrsampeln. Allerdings ist das nicht nur für die ecuadorianischen Medien typisch, sondern meiner Meinung nach ein grundsätzliches Problem des Lokaljournalismus‘, der dazu neigt, sich vor allem mit dem Sichtbaren zu befassen und weniger offensichtliche Themen auszublenden.
Wenigstens verläuft meine anschliessende Telefonrecherche reibungslos. Beim Telekommunikationsunternehmen Andinatel kann mir – anders als dies seit vorletzter Woche bei der Feuerwehr der Fall ist – sofort jemand Auskunft geben. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht an die Kommunikationsabteilung, sondern an einen gewöhnlichen Mitarbeiter gelangt bin?
Artikel: Los teléfonos públicos fueron desplazados por los celulares
9. Februar
Bérénice hat heute Geburtstag, doch den feiert sie nicht ausgelassen-ecuadorianisch, sondern bescheiden-schweizerisch. Joffre, sie und ich gehen am Abend in die Mariscal, um dort etwas zu trinken und zu essen. Ich geniesse es, wieder einmal in der Neustadt zu sein, ohne Touristen auflauern oder öffentliche Telefonapparate beobachten zu müssen…
10. Februar
„Escucha la palabra del Señor! Coje la Biblia!“ Mit diesen Worten steigt fast jeden Morgen ein Afro-Ecuadorianer meinem Bus zu, um eine Predigt über die Barmherzigkeit des Allmächtigen zu halten. Da ich schon so viele Stunden in Quitos Stadtbussen verbracht habe, ist es Zeit, nicht nur über die Staus und die Luftverschmutzung zu schreiben, sondern auch darüber zu berichten, was sich während den Fahrten abspielt.
Mal wähnt man sich eher in einer Freikirche als in einem Transportmittel, mal in einer fahrenden Diskothek: Einige Fahrer haben das Radio voll aufgedreht und lassen rhythmische Latino-Musik aus den Lautsprechern dröhnen, die nicht sehr viel zu einem sanften Fahrstil und somit auch wenig zur Verkehrsberuhigung in Quito beitragen.
Wenn die Strassenverkäufer einsteigen, um Zeitungen, Früchte, Kaugummis, Empanadas, Filme oder CDs zu verkaufen, verwandelt sich der Bus in einen Kiosk auf vier Rädern. Und mitunter fühlt man sich wie in einer schlechten Talkshow, wenn die Verkäufer ihre tragische Lebensgeschichte erzählen, damit man sich ihrer erbarmt. Manche preisen ihre Produkte in einer Lautstärke an, als hinge ihr Leben vom Verkauf eines einzigen Kugelschreibers ab – was in einigen Fällen allerdings nicht allzu weit hergeholt ist.
Am schlimmsten sind die selbsternannten Künstler, die ebenso laut wie falsch ein Lied vortragen, sowie die Clowns, die Witze erzählen, über die niemand lachen muss. In solchen Momenten sässe ich lieber in einer schweizerischen S-Bahn, in der die Passagiere schweigend vor sich hinstarren oder sich hinter den Zeitungen verstecken… |
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11. Februar
Ich nehme einen letzten Anlauf, um bei der Feuerwehr an die Informationen zu gelangen, denen ich seit bald zwei Wochen nachrenne. Endlich erreiche ich die Dame von der Kommunikationsabteilung. Sie schlägt mir vor, ich solle doch einmal bei ihr vorbeikommen. In ihrem Büro erklärt sie mir dann, dass mein Mail nicht funktioniere und sie nicht gewusst habe, wie sie mich sonst hätte kontaktieren können. Ich verzichte, ihr darauf etwas zu entgegnen, da ich froh bin, endlich die gewünschten Daten zu haben. Überdies schenkt mir die PR-Frau ein Emblem der Feuerwehr – und ein Schnapsglas. Gewisse Stereotype der Feuerwehr scheinen sich auch in Ecuador hartnäckig zu halten…

Artikel: Los senderos del Ruco no tienen señalización
12. Februar
Ecuadors grösste Stadt Guayaquil protestiert gegen die Politik von Rafael Correa. Bürgermeister Jaime Nebot, einer der grössten Widersacher von Correa, hat zu einem Protestmarsch aufgerufen. Die Hafenstadt Guayaquil und die Hauptstadt Quito sind seit jeher Rivalen und in politischen Fragen stets unterschiedlicher Auffassungen. Trotzdem widmet sich „El Comercio“ – immerhin eine Zeitung aus Quito – ausführlich dem Protest. Rafael Correa, der zum Zeitpunkt der Demonstrationen nicht im Land ist, sondern sich in Kuba sein Knie operieren lässt, muss dabei in den Karikaturen einige Häme über sich ergehen lassen.


13. Februar
Bérénice, die in Quito Umweltwissenschaft studiert, muss für ihre Diplomarbeit in ein kleines Dorf in der Nähe der Hauptstadt. Ich begleite sie und bereue es keine Sekunde, denn schon nur die Fahrt nach Chiriboga ist spektakulär. Da der Bus überfüllt ist, entschliessen wir uns nach der Hälfte des Wegs, die Reise auf dem Dach fortzusetzen. Von dort aus hat man eine herrliche Aussicht. Links von der Strasse geht es steil den Hang hinunter, und die Diskussion, ob man bei einem Unfall mehr Überlebenschancen auf dem Dach oder im Bus hätte, legen Bérénice und ich rasch beiseite.

Ein Unfall ereignet sich zwar nicht, aber kurz vor Chiriboga steigt Rauch aus dem Motor des Busses auf. Schliesslich gibt er ganz den Geist auf, und so müssen wir die letzte Stunde zu Fuss nach Chiriboga gehen. Das Dorf besteht nur aus ein paar Häusern und ist geprägt von der Landwirtschaft: Vor einem Laden hängt der Kopf eines Schweins, das eben erst geschlachtet wurde. Das Blut tropft noch auf den Boden.

Vom Tier wird hier alles verwertet, und so gibt es kaum Schlachtabfälle. Problematischer sind hingegen Plastik, Petflaschen und Glas, die sich in Chiriboga ansammeln. Was die Leute nicht verbrennen können, werfen sie einfach in den Fluss. Bérénice analysiert nun den Abfall des Dorfes, um herauszufinden, ob es lohnen würde, gewisse Materialien zu recyceln. Sie hat die Einwohner deshalb gebeten, die Abfälle der letzten drei Tage zu sammeln.

Manche Einwohner, so vermuten wir allerdings, bringen uns mehr als den Abfall der letzten drei Tage. Andere wiederum entschuldigen sich, dass sich bei ihnen nur wenig angesammelt hat. Die erste Stichprobe, das merken wir schnell, wird wohl nicht besonders repräsentativ sein. Zum Glück wird Bérénice noch sieben weitere machen.

Vorerst stehen wir aber vor dem Problem, wie wir wieder nach Quito kommen, da der Bus nach dem Motorschaden vermutlich nicht mehr heute zurückfährt. Doch wir haben Glück und finden einen Holztransporter, der uns mitnimmt.
14. Februar
Schon am Freitagabend hat die grosse Stadtflucht begonnen. Am Montag und Dienstag ist Carnaval in Ecuador, und viele Quiteños sind aufs Land gefahren, um dort mit ihrer Familie zu feiern, viel Alkohol zu trinken und sich mit Wasserballons, Eier oder Mehl zu bewerfen. Auch mir beschert der Carnaval zwei zusätzliche freie Tage. Da die Ferienorte überrannt werden und ich keine Lust habe, mich mit allem möglichen bewerfen zu lassen, bleibe ich aber in der Stadt. Einzelne Quartiere sind wie ausgestorben. Auch der Parque La Carolina, in dem ich mit Bérénice, Joffre und dem Welpen Kallpa den Sonntagmorgen verbringe, zieht weniger Leute an als sonst.

Um 14 Uhr geht es zum Mittagessen zu Joffres Familie. Das Carnaval-Fieber hat diese ebenfalls gepackt: Nach dem Essen herrscht im Wohnzimmer ein wildes Treiben. Die Familienmitglieder besprühen sich gegenseitig mit Fastnachtsschaum. Später wird Rum herumgereicht, und als mit fünfstündiger Verspätung auch noch der Onkel auftaucht, setzen sich alle wieder zu Tisch. Das Mittagessen ist um 22.30 Uhr beendet. |
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15./16. Februar
Die beiden freien Carnaval-Tage widme ich dem Strassenleben von Quito. Auch wenn viele Städter aufs Land gefahren sind, herrscht zumindest in der Altstadt viel Betrieb. Die Quiteños schlendern durch die Strassen oder sitzen auf einer Bank, um andere Leute zu beobachten. Das scheint eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen zu sein, und so tue ich es ihnen gleich und lasse – vielleicht zum letzten Mal vor meiner baldigen Abreise – die Kioskverkäufer, Schuhputzer, Touristen, Bettler und Strassenmusikanten auf mich wirken.




17. Februar
In Quito gibt es unterschiedliche Zeitzonen. Eine Grenze verläuft offenbar mitten durch die Basílica del Voto Nacional: Die Zifferblätter auf dem Kirchturm zeigen verschiedene Zeiten. Auch andere öffentliche Uhren in der Stadt funktionieren nicht (richtig). Mal gehen sie vor, mal nach – und häufig stehen sie ganz still. Ich gehe dem Grund dafür nach. Das Thema sagt mir zwar zu, doch muss ich darüber auch ein bisschen lächeln. Denn spielt die genaue Uhrzeit in einem Land, indem ohnehin jeder unpünktlich ist, überhaupt eine Rolle?

Unabhängig von der Antwort auf diese Frage muss ich mich sputen, dass ich den Artikel während meiner beiden letzten Tage auf der Redaktion fertig bringe – was nicht zuletzt davon abhängt, wie schnell die Stadtverwaltung mir Auskunft geben kann. Ausserdem muss ich für meine Redaktionskollegen noch einen kurzen Bericht über meine Erfahrungen während der Stage schreiben. Wenigstens brauche ich dazu nichts mehr zu recherchieren, da ich die nötigen Informationen aus meinem Gedächtnis abrufen kann und ich überdies bereits an dieser Stelle das Wichtigste niedergeschrieben habe. |
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18. Februar
Zum Abschied gibts Kuchen. Die Mitglieder des Stadtteams (Marcela, Mauricio, Cristina, Fernando, Pamela und Marcos v.l.n.r.) haben mir eine der cremigen Torten gekauft, die in Ecuador bei keinem Fest fehlen dürfen. Nach sechs Wochen auf der Redaktion verlasse ich „El Comercio“. Unter welchen Bedingungen meine Kollegen wohl in Zukunft arbeiten werden? Noch ist dies unklar, denn das Parlament wird das neue Medien- und Kommunikationsgesetz voraussichtlich erst im Juni fertig beraten und verabschieden.

Angesichts der Zitate von Intellektuellen, Politikern und Journalisten, die in den dunklen Gängen der Redaktion hängen, könnte man vermuten, dass die Verantwortlichen der Mediengruppe keine rosige Zukunft erwarten. In einer spanischen Übersetzung erinnert zum Beispiel der US-amerikanische Journalist Dan Rather an die Bedeutung der Pressefreiheit für die Demokratie: „La prensa libre es el corazón de la democracia.“
Für den 1977 ermordeten argentinischen Medienschaffenden Rodolfo Walsh wiederum ist der Journalismus entweder frei oder eine Farce („El periodismo o es libre o es una farsa“), und der US- Senator Daniel P. Moynihan erklärt, was es zu bedeuten hat, wenn in der Zeitung nur noch Gutes steht: „Si una persona va a un país y encuentra los periódicos llenos solo de buenas noticias, será porque hay hombres buenos encarcelados“ („Wenn eine Person in ein Land geht und nur Zeitungen mit guten Nachrichten vorfindet, liegt das daran, dass gute Menschen eingesperrt sind“).
So drastisch ist die Situation in Ecuador allerdings (noch) nicht, und so halte ich mich zum Abschied an ein Zitat des französisch-kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentier, welches ebenfalls in der Redaktion hängt und für meinen Aufenthalt bei „El Comercio“ am passendsten ist. Denn Carpentier bezeichnet den Journalismus als wunderbare Schule des Lebens: „El periodismo es una hermosa escuela de vida.“
Gracias a …
Marcos Vaca
Mauricio Bayas
Marcela Riera
Pamela Parra
Fernando Criollo
Cristina Heredia (Redacción Quito)
Pedro Daza (Jefe Administrativo de la Redacción)
Raúl Cedeño (Recursos Humanos) / El Comercio
Barbara Stöckli
Frank Hänecke / MAZ
Thomas Jenatsch
Suzanne Müller
Diego Mena / DEZA
Bérénice Simon-Vermot
Joffre Sánchez / Quito |
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