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Aus Bangladesh berichtet Christine Wanner
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Christine Wanner (Jahrgang 1975) arbeitet als Web-Redaktorin bei Schweizer Radio
DRS. Als Historikerin hat sie analysiert, wie die Schweiz mit Naturkatastrophen
umging und daraus Versicherungen entstehen konnten. Während Dezember 2004 und
Januar 2005 schreibt sie in Dhaka, Bangladesh, für die englischsprachige Zeitung
«The Daily Star».
Reisevorbereitungen
«Wo sind denn all diese Leute?!» frage ich meine Vorgängerin
ungläubig mit einem Blick auf die Stadtkarte, die eine kleinräumige Hauptstadt
zeigt. - «Auf jedem Quadratzentimeter».

Wie viele Menschen in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka leben, ist nicht klar. Zehn
Millionen wird geschätzt. Bangladesch ist knapp viermal so gross wie die Schweiz,
mit 140 Millionen EinwohnerInnen: 87% Muslime, 12% Hindus, wenige BuddhistInnen
und ChristInnen.
1971 wird Bangladesch als demokratische Republik gegründet. Das einkammrige
Mehrparteien-Parlament ist dominiert von der Bangladesh Nationalist Party und der
sozialistischen Awami League. Beide Parteien werden von verfeindeten Frauen geführt.
Seit 1988 ist der Islam Staatsreligion.
Eines der ärmsten und korruptesten Länder hat die Presse- und Meinungsfreiheit
verankert. 30 Tageszeitungen in Bengali erscheinen, 10 in Englisch, darunter «The
Daily Star, Journal without fear or favour». Dort gehe ich hin. Für zwei
Monate.
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Im Anflug
Flug EK-338, Dubai – Dhaka, Reihe 39. Mit nach vorne geworfenem Kopf und der
rechten Hand deutet mir mein Sitznachbar eine Schreibbewegung an. Sicher will er
meinen Stift, um die Formulare für die Zollbehörden auszufüllen.
Nein? Ich verstehe nicht. "English no good," fügt er an und schiebt
mir seinen Pass herüber. Ich soll also sein Formular ausfüllen, dämmert
mir. Okay. Kein Problem. Sona Miah, heisst er, entziffere ich. Ob er Alkohol bei
sich habe, muss ich etwas später wissen. Fragender Blick. "Alcohol? Drink?"
– "English no good," meint er nochmals. Ich frage seinen Nachbarn,
ob er Bangla spreche und übersetzen könne. Klar könne er übersetzen,
er spreche Hindi, doch das ginge schon.
Auf der Rückseite des Formulars stand alles in Bangla zu lesen. "Bangla
no good'" hätte Sona Miah wohl kaum sagen wollen. Etwa die Hälfte
aller Männer in Bangladesh sind Analphabeten, bei den Frauen sind es etwa 80
Prozent.

Seitenblick: Am Dhaka Airport existiert ein spezieller Eingang für "Foreign
Investors".
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29.11.04 - Mein erster "Arbeitstag"
Um elf war abgemacht. Fünf nach elf stehe ich unter dem grossen Schild “Daily
Star”, nachdem ich für die kurze Distanz im Dreirad-Taxi called CNG vierzig
Minuten gebraucht habe. Halsbrecherische Überholmanöver in dichtestem
Verkehr. Fussgänger, Velo-Rickshaws, CNGs, Taxis und Busse kämpfen vierspurig
um Meter, stauen sich, hupen, klingeln, schreien, stinken.
Meine Kontaktperson, Inam, sei nicht da, sagt mir der Kontrollposten beim Eingang.
Ich hinterlasse Namen und Adresse, damit ich eingelassen werde. Das Spiel wiederholt
sich auf jeder Etage, bis ich es auf der zweiten ins Büro des Managing Editors
schaffe, der mich zwar begrüsst, doch meint, um vier, fünf beginne hier
die Arbeit, ich solle doch dann wieder kommen. Sicher nicht!
Während ich die letzte Ausgabe der Zeitung lese, trudeln einzelne Reporter
ein. Unter ihnen Pinaki und Malik, die mir wenig später beibringen “properly”
Reis und Hähnchen mit der rechten Hand zu essen. Anschliessend muss auch nur
die rechte gewaschen werden. Spontan nehmen sie mich mit zum Treffen der National
Reporters Association und zu einem Kurzbesuch im Museum des Unabhängigkeitskrieges.
“Tomorrow, we will look what you can do,” meint Inam, als wir zurückkehren.
30.11.04 / 1.12.04
The Daily Star erscheint in einer Auflage von 30’000 Exemplaren, in einer
nationalen und einer lokalen Ausgabe. Die lokale, “second edition” wird,
falls nötig, noch den letzten Meldungen angepasst. Insgesamt arbeiten 240 Personen
für die Tageszeitung, 30 von ihnen sind Frauen, 4 von ihnen in der reporter’s
section, in der ich zurzeit bin.
Mit Inam will ich meine Themenvorschläge diskutieren, die ich ihm vor meiner
Ankunft gemailt habe. Die habe er gelöscht, grinst er. Sehr witzig, kommentiere
ich. Die Hochwasser interessieren mich zum Beispiel. Gut. Darf ich machen, Fokus
auf das Warnsystem und die letzten Vereinbarungen zwischen Bangladesh und Indien.
Meine Recherche beginne ich – wie gewohnt – am Computer. Bald ist sie
aber erschöpft. “Weisst du, hier ist es nicht einfach, zu Informationen
zu kommen. Hier musst du mit den Leuten sprechen,” kommentiert ein Kollege.
Ein anderer meint: “Hier liegen die Themen doch auf der Strasse! Mach einfach!”
Okay, nur: die Strasse habe ich bisher kaum gesehen, weil ich stets höre, wie
gefährlich sie sei.
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2.12.04 - “Wie hast du’s mit der Religion?”
“Heute bist du nicht mit dem besten Reporter unterwegs,” meint Amit,
als wir – zwei Stunden zu spät, nach quartierübergreifender Suche
– endlich eintreffen, zur Islamischen Konferenz für den Weltfrieden.
Ob ich mein Tuch um den Kopf schlingen könnte, werde ich gebeten. Wie hier
üblich, trage ich es von vorne über die Schultern geworfen.
Im grosszügigen Konferenzraum gehen wir zielstrebig nach vorne, zu den Plätzen
für die Journalisten. Als ich mit etwas eingeschränktem Sichtfeld umgucke,
sehe ich nur Männer. Männer, traditionell und westlich gekleidet. Ganz
oben, links, auf der Galerie, sitzen einige Frauen. Amit meint: “Kein Problem,
du bist Journalistin.”
Widersprüchlich sind die Aussagen, die ich zu hören kriege. Betont wird
zwar der Islam als tolerante Religion, doch es fallen Voten wie “wenn alle
die moralischen Prinzipien des Islams vertreten würden, wäre die Welt
friedlicher” oder “Wenn im aktuellen globalen Kontext Muslime glauben
müssen, der Krieg gegen den Terror sei einer gegen den Islam, werden die Folgen
verheerend sein, denn das dulden sie nicht”. Die friedliche Konferenz läuft
auf den wohl zu oft zitierten “Clash of Civilisations” hinaus und die
schwierige, über tausend-jährige gemeinsame Geschichte des Islams und
des Christentums. Explosives Material für den ersten Artikel.
Nach dem dritten Referat tuschelt Amit: „Let’s go!“ Draussen fragt
er mich, wie ich die Konferenz finde. „Enttäuscht bin ich, das ist nichts
Neues und nicht wirklich konstruktiv.“ – „Nothing news worthy,“
empört er sich und fragt sich, wie er die Geschichte abhandeln sollte. „Ich
schreibe sie,“ werfe ich ein. Amit ist einverstanden. Ich möchte einen
Kommentar schreiben, doch das ginge nicht, meint Amit. An die kernigen Aussagen
solle ich mich halten.
Um die Widersprüche sichtbar zu machen, stelle ich Absicht der Konferenz und
brisante Zitate zueinander. Das ginge auch nicht, meint Amit. Nach seinem „Korrekturlesen“
fliessen die Zeilen nett und sind, was sich die Veranstalter gewünscht haben:
eine unkritische Plattform.
Was uns unterschlagen blieb: Der Chefredaktor ist befreundet mit dem Organisator
und hat ihm eine Berichterstattung zugesichert.
3./4.12.04 - Zwischen Reisfeldern und Teepflanzen
„Um drei Uhr morgens fahren wir los.“ Dolfi hatte mich eingeladen, auf
einen Ausflug nach Sylhet mitzugehen. Sylhet liegt im Nordosten Bangladeshs, nahe
der Grenze zu Indien (Tripura, Assam). Natürlich wollte ich mit. So rasch hatte
ich nicht damit gerechnet, aus der Stadt zu gelangen.
„Wir fahren nun um fünf los.“ lautete der neue Plan. Und, später:
„Um eins wollen wir gehen.“ – „Wir holen dich ab.“
– „Nein, fahr doch zu Inam.“ – „Musst du zurück
ins Guest House?“ – „Nimm ein Taxi zur Redaktion.“ Das ist
also die hiesige rollende „Planung“ denke ich. Alle diskutieren, entscheiden
will niemand so richtig und zum Schluss geht jeder von der – für ihn
oder sie - „besten“ Ausgangslage aus.
Schliesslich gehen wir um drei los, zu zehnt, Redaktionsmitglieder mit Familie.
Ein Ziel des Ausflugs: Ein Feature für die Holiday-Seite. In kühlem Morgennebel
überqueren wir den Meghna-Fluss, tauchen in eine traumhaft schöne Landschaft
ein: Reisfelder in verschiedenen Farbnuancen, je nach Reifegrad des Korns, Marschland,
leichte Hügel in sattem Grün, wo Tee angepflanzt ist, Regenwald.
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Teepflückerinnen in den Tea Estates von Sylhet. Mit dem Tee haben die Briten
Mitte 19. Jahrhundert auch die Teepflückerinnen nach Bangladesh gebracht, die
ihre Arbeit an ihre Toechter weitergeben. |
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Je ländlicher die Gegend wird, desto holpriger wird die Strasse. An jeder Weggabelung
liegen einige Läden oder einfache Hütten. „Einfach weiterfahren!“
meinen die dort versammelten Männer, wenn wir nach dem Weg fragen. Velorickschas,
Bauern und Teepflückerinnen zu Fuss, schwer beladen, Busse, wenige Autos sind
„on the road“. Unseren Minibus füllt angeregtes Geplauder, Lachen,
Singen. Immer gibt es was zum Knabbern. Ich habe 18 Liter Wasser beigesteuert, worüber
meine Redaktionskollegen schmunzeln.
Nach Stunden stellt sich heraus, dass wir der falschen Strasse gefolgt sind. Also
zurück. Nach 12 Stunden Fahrt erreichen wir – endlich - unseren Zielort.
Nur: Das Guest House hat weder Strom, noch Essen noch „Security“, eine
Wache. „Christine, this is the worst trip ever!“ Dolfi ist untröstlich.
Normalerweise sei das anders.
Nach drei weiteren Stunden Fahrt erreichen wir Srimangal und finden im Tea Gardens
Guest House, was wir brauchen. Und die Holiday-Page? Wir verbringen zwei Stunden
im nahegelegenen Regenwald, hören Gibbon-Affen, Grillen, entdecken seltene
Spinnen. Auf „unser Feature“ bin ich gespannt.
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7.12.04 - Rickshaw-Drivers under pressure
Wenige Kilometer liegen zwischen den wichtigen Kreuzungen von Dhaka. Eine Kleinigkeit
für FussgängerInnen. Wer auf den Verkehr setzt, muss mit einer halben
bis zu einer Stunde rechnen, bis er oder sie zum Ziel gelangt.
Tagsüber fliesst der Verkehr einer zähflüssigen Masse gleich, die
an Kreuzungen und Kreiseln ins Stocken, Stehen gerät. Als erste Massnahme dagegen
hat die Regierung im laufenden Jahr die Velo-Rickshaws von den dichtbefahrenen Strassen
verbannt. Auf den Verkehr hatte das wenig Auswirkungen.
Dennoch denkt die Regierung laut darüber nach, die schätzungsweise 600'000
Rickshaws ganz aus dem Zentrum zu verbannen. «Eine soziale und ökonomische
Katastrophe,» ereifert sich Morshed, investigativer Reporter beim Daily Star,
«ich bin komplett dagegen, denn das krempelt Bangladesh um, nicht zum Besseren.»
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Junge Männer, fast noch Kinder, kommen in Gruppen aus ihren ländlichen
Dörfern in die Hauptstadt, arbeiten für zwei Wochen als Rickshaw-Fahrer
und bringen das Geld zurück zu ihren Familien. So halten sie ganze Dörfer
finanziell über Wasser. «Was bleibt der Landbevölkerung, die notabene
fast 90% ausmacht, sonst noch an Verdienstmöglichkeiten?! Doch das berücksichtigt
die Regierung nicht. Die sieht nicht mal den Zusammenhang!» Vernetztes Denken,
so Morshed, fehle hier leider allzu oft.
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10.12.04 - Internationale Fotografie in Dhanmondi
Zum dritten Mal findet „Chobi Mela“ statt, ein internationales Fotografie-Festival
in Dhaka. 17 Fotografen, vor allem aus Asien, zeigen ihre Werke in 38 Ausstellungen,
die in meiner „Area“ liegen, in Dhanmondi. An meinem ersten „freien
Tag“ wollte ich mir einige der Arbeiten ansehen, was einem weiteren Streifzug
durch Dhanmondi gleichkam.

Um die Ecke werden die Tageszeitungen auf eine Holzwand aufgezogen, kostenlos sichtbar
für alle. An kleinen Ständen wird Zuckerrohr zu süssem, nahrhaftem
Saft gepresst oder gleich am Stück verkauft, was insbesondere von den Rickshaw-Drivern
geschätzt wird. Tee, Früchte, Chapatti, Shingaras und Shamosas (Teigtaschen
mit Gemüse- oder Fleischfüllung) werden feilgeboten, ab und zu den Ärmsten
gratis abgegeben. Ihre Zahl wird auf etwa 1,5 Millionen geschätzt, was etwa
einen Siebtel der Dhakaer Bevölkerung ausmacht. Sie leben auf der Strasse,
durchsuchen Abfall nach Brauchbarem, betteln. Ihre Kinder zerkleinern Backsteine
zu kieselgrossen Brocken. Die etwas besser gestellten versuchen Blumen, Zeitungen
oder Süssigkeiten zu verkaufen, am liebsten zwischen den sich stauenden Autos,
CNGs und Rickshaws.
Die Fotos „Little Asia“ beim „Abahani Ground“ möchte
ich zuerst sehen. Mit den wenigen Brocken Bangla gebe ich meinem Rickshaw-Fahrer
Anweisungen. Unser Weg führt uns vorbei am Dhanmondi Lake, einem langgezogenen
See, mit kleinen Beizlis und lauschigen Plätzchen, wo sich tagsüber vor
allem junge Menschen treffen, auch Pärchen, was auf dem Subkontinent eher selten
sein soll.
„Abahani Ground“ ist, nicht wie ich gedacht habe, ein Platz, sondern
ein Spielfeld. Umgeben von Mauern, wo sich Rickshaw-Fahrer treffen, zusammen essen,
Schläuche flicken, Speichen wieder gerade biegen und ihre Vehikel polieren.
Auf dem Spielfeld üben junge Männer Cricket. Bis auf zwei Mädchen
bin ich die einzige Frau sur place. „Chobi Mela“-Fähnchen führen
mich zu einem weissen Zelt, dessen weisse Stoffbahnen das Schreien und Jubeln der
Spielenden nicht abprallen lassen. Eine Bereicherung für die ausgestellten
Fotos, denn sie verstärken die Wirkung der entlarvend direkten Reportage-Bilder
aus Bangladesh, Iran, Indien, Nepal und Pakistan. Sie dokumentieren einfachstes
Leben, den Kampf um Rechte, Würde und um Arbeit.
Mein Highlight: „Fantastic Land“. Eine Gruppe Indischer Fotografen hat
Kinder gebeten, ihren Lieblingsort festzuhalten. Entstanden ist eine kunterbunte
Bildergruppe aus Geburtstagskuchen, Kleiderstapeln, Wandmalereien. Sie zeigt nicht
eine heile Welt, sondern die kleinen Dinge, die das Leben, sei es auch noch so hart,
lebenswert machen.
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11.12.04 - «No confidence in the government!»
Eine Menschenkette soll heute über 900 Kilometer vom südlichsten zum nördlichsten
Punkt des Landes führen. Die Oppositionspartei Awami League und elf linksorientierte
Allianzparteien wollen so gegen die Regierung demonstrieren, die von der Bangladesh
National Party dominiert ist, personifiziert in Khaleda Zia, der Parteipräsidentin
und Premierministerin.
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Tausende haben teilgenommen, an der Protest-Aktion gegen die Regierung. In zwei
Orten kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, über hundert Menschen
wurden verletzt. In Dhaka verlief die Aktion friedlich. |
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Sofortiger Rücktritt der Regierung und Neuwahlen fordern die Initianten. Ihre
Kritik, kurzgefasst: Die BNP-Regierung habe das Land nicht im Griff, kläre
Anschläge nicht auf, lasse terroristische Gruppen gewähren, zeige kein
Interesse daran, dass Bangladesh Fortschritte mache.
Die Menschenkette soll eine "friedliche" Alternative zu den "Hartals"
darstellen, den Streiks, die das öffentliche Leben tagelang lahm legen und
an welchen Ausschreitungen Programm sind.
"Eine Katastrophe, diese Regierung," höre ich bereits am Frühstückstisch
im Guest House, in der Redaktion, wenig später auch von meinen Kollegen. Pinaki
meint: "Die Aktion ist witzig, wird aber nichts verändern. Wir müssen
die nächsten Wahlen abwarten, 2006. Auch dann ist nicht klar, wen die Bangladeshi
wählen, denn das Volk ist vergesslich."
Zusammen mit Pinaki darf ich ein Teilstück der Menschenkette in Dhaka für
die Berichterstattung abdecken. Auf seinem Motorrad kurven wir zwischen den Menschen
und den sich stauenden Fahrzeugen hindurch, stellen Fragen, beobachten, machen Fotos.
Unter massivem Polizei-Aufgebot reihen sich AktivistInnen und Parlamentsmitglieder,
Rickshaw-Fahrer, sichtbar arme Frauen und Kinder. "Das habe ich vermutet,"
meint Pinaki, "sie bezahlen die Armen, damit sie an der Aktion teilnehmen.
Weisst du, in Bangladesch ist alles möglich. Für Geld."
Spruchbanner in Englisch und Bangla prangern an, die kommunistische Partei schwingt
kleine Sowjet-Fähnchen. Einzelne schreien ihren Freiheitskämpfern von
1971 gleich "joy Bangla, Freiheit für Bangladesh".
12.12.04 - Ferien und Verkehr
Ich hatte es fast vermutet: Zum Schluss des "worst trip" nach
Sylhet durfte ich mir die Geschichte zu den Fingern heraussaugen. Sie erscheint
heute und mit ihr mein erster selbst gezeichneter Artikel. Zu meiner Überraschung
haben die kritischen Bemerkungen zum verbliebenen Wald in Bangladesh die redaktionelle
Überarbeitung überstanden.
Noch 6 Prozent der Fläche Bangladeshs besteht aus Wald, darunter finden sich
geschützte Regenwälder. Dennoch geht der Raubbau weiter. Illegales Abholzen
wird etwa grosszügig übersehen von den anwesenden Forest Officers. Durch
jenes Waldstück, das wir besucht haben, wird nächstes Jahr eine Gas-Pipeline
gelegt, was vermutlich der Anfang vom Ende dieses Waldes bedeutet, der heute kleinen
Wildkatzen, diversen Affenpopulationen, Reptilien und einer Vielzahl von Insekten
Lebensraum bietet.
Thema heute, einmal mehr: Verkehr. Es scheint zum Wochenthema zu avancieren: Verschmutzte
Luft, unzureichend geplante Verkehrsentwicklung, neue Ampeln, die das Chaos noch
verschlimmern. Mit Tanim recherchiere ich zu gefälschten Fahrausweisen, wobei
ich mich ziemlich fehl am Platz fühle: Der erste Gesprächspartner will
keine Auskunft erteilen, als er mich sieht. Später, während Tanim CNG-Fahrer
interviewt, geht mir ständig durch den Kopf: "Bangla no good". Ich
verstehe Bahnhof, während in der Schweiz der Fahrplanwechsel stattfindet.
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15.12.04 - Alles geht so langsaaam
Seit vier Tagen bin ich an einer Geschichte, genauer gesagt an zweien. Grosser Frust:
Komme nicht weiter. Pro Tag kann ich bestenfalls
- eine Telefonnummer ausfindig machen
- in leeren Büros Tee trinken und auf jemanden warten
- eine Person erreichen/antreffen, die mir dann sagt, sie könne nichts sagen.
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16.12.04 - Victory Day!
Nationalfeiertag! Überall flattern die Nationalfarben Grün und Rot. Der
grüne Grund steht für das fruchtbare Land, der rote Punkt für den
blutigen Freiheitskampf, in dem sich Bangladesh (Ostpakistan) 1971 von (West)Pakistan
löste.
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«Jede politische Bewegung in diesem Land nahm seinen Anfang auf dem Campus
der Dhaka University - auch die Separationsbewegung,» erzählt mir der
Daily Star Reporter Pinaki, mit dem ich viel Zeit verbringe. Deshalb feiert Dhaka
den Victory Day auf dem Campus, zwischen prunkvollen, rennovationsbedürftigen
Colonial- und modernen Plattenbauten.
Mittendrin steht «Madhu’s Canteen», ein kleiner, gelbbemalter
Bau, Studentenkneipe und «historisches Gewissen» auf dem Gelände.
Eine Tafel erinnert an die 1971 ermordeten Professoren, Studenten und Angestellten.
Unter ihnen war auch Madhu, der die Kneipe damals geführt hat. «Sein
Tod darf nicht umsonst gewesen sein! Deshalb will ich den Geist der Befreiungsbewegung
weitergeben,» ereifert sich Arun, Madhus Sohn und Nachfolger als Wirt von
«Madhu’s Canteen». «Die Befreiungsbewegung wollte einen
freien, weltlichen Staat. Ihre Ziele sind noch nicht erreicht, deshalb appelliere
ich an die junge Generation: übernehmt Verantwortung! Schafft ein besseres
Bangladesh!» fordert Arun.
Ich entscheide mich spontan, daraus eine Geschichte zu schreiben und nicht, wie
vereinbart, «AusländerInnen» zum Victory Day zu interviewen. Dass
ich deshalb die wichtigsten Festivitäten verpasse, nehme ich in Kauf...
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Madhu's Canteen, wo alles begann: Parts of the "family": Ronruna mit Tochter
Anuschua und Staff Reporter Mahbuba, zur Feier des Tages ohne Kopftuch.
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17./18.12.204 - River Linking Projekt, Indien
«Eine Konferenz zu deiner persönlichen Weiterbildung,» meinte Reaz,
der leitende Editor, «schreiben musst du nichts.» (und wenn ich denn
wollte?!) Anyway.
Mehrere Universitätsinstitute und «besorgte» Organisationen haben
eine Konferenz zum Indischen River Linking Projekt einberufen.
Hinter dem Projekt steht die Idee, Indiens Flüsse zu verbinden, darunter Ganges
und Bramaputra. Dämme und Kanäle sollen einen Ausgleich schaffen zwischen
Flut- und Trockengebieten, sie sollen Wasser speichern und gleichzeitig mit neuen
Wasserkraftwerken zur Energieversorgung des Landes beitragen.
Kritische Stimmen in Indien und Bangladesh monieren, sie würden unzureichend
konsultiert und informiert. Indien und Bangladesh «teilen» sich über
50 Flüsse. Bangladesh, als «downstream land» befürchtet verheerende
Auswirkungen: Wasserknappheit mit desaströsen Auswirkungen, in ökologischer,
ökonomischer und sozialer Hinsicht.
Allerdings: Ein Zeitplan existiert nicht, Machbarkeits-Studien offenbar auch nicht,
die Finanzierung ist kaum geklärt. Aus diesem Grund bezeichnete der einzige
anwesende (!) Befürworter das River Linking Projekt lediglich als «Konzept»,
was zum Aufschrei der engagierten Umweltgruppen führte, die befürchten,
früher oder später vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.
Nach zwei Tagen Diskussion weiss ich kaum, wem ich was glauben soll, welche Zahlen
und Quellen zuverlässig sind, welche Beispiele wirklich exemplarisch. Trotzdem
soll ich einen Artikel schreiben, was mich ziemlich Überwindung kostet.
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Ein Bangladeshi ist traurig, zwei gründen einen Literaturclub, drei eine politische
Aktion, sagt ein Sprichwort. Hier der Protest gegen das Indische River Linking Projekt. |
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21.12.04 - Salz und Zucker gegen Cholera
Das «Cholera-Spital» kennen alle in Dhaka. Jährlich gibt es zwei
Wellen «diarrhoeal diseases» in Bangladesh, vor und nach dem Monsun.
In den vergangenen Monaten grassierte Cholera in Dhaka, da sich die Flut in der
Stadt staute, mehr als in den ländlichen Gegenden. Pro Tag wurden 900 infizierte
Personen zum Spital gebracht, vier- bis fünfmal so viel wie an normalen Tagen,
Erholung fanden sie in den Klappbetten auf dem Spitaldach.
Wer die 20 Taka (40 Rappen) Spitalzulassung nicht bezahlen konnte, erhielt wie in
diesem Spital üblich eine Gratisbehandlung. Cholera fackelt nicht lange. Innert
weniger Stunden bringt es den betroffenen Menschen an den Rand seiner Kräfte,
trocknet ihn aus und führt so zum Tod.
In den 1960er Jahren entwickelte das Spital eine einfache, kostengünstige Behandlung:
Je ein Löffel Zucker und Salz, aufgelöst in Wasser. Diese «Oral
Rehydration Solution» ist eine Erfolgsgeschichte, die nach anfänglicher
Skepsis der Ärzteschaft zur internationalen Anerkennung des Zentrums geführt
hat.
Seit den 1980er Jahren ist das Zentrum international geführt und finanziert.
Das «International Center for Diarrhoeal Diseases Research, Bangladesh»
sucht nach praktikablen, kostengünstigen Behandlungsformen und seine Forschung
erweist sich als kreativ interdisziplinär.
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Einmal die Woche empfängt die Mitarbeiterin des ICDDRB Frauen und Kinder aus
den umliegenden Dörfern bei sich zuhause. Hier erhalten sie Informationen,
Rat und erste medizinische Versorgung. Sonst ist die Mitarbeiterin unterwegs, besucht
jeden Haushalt einmal monatlich und erhebt so die gesundheitsrelevanten Daten für
die Statistik. Sie ist eine von insgesamt 58 lokal verankerten Mitarbeiterinnen.
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Längst greift seine Forschung und sein Programm in weitere Gesundheitsbereiche:
Familienplanung, Ernährung, Wasser, Impfstoffe, Demographie, Armut als Gesundheitsfaktor,
Gesundheitssystem, HIV/AIDS.
In Matlab, 140 Kilometer süd-südöstlich von Dhaka entfernt, hat das
Zentrum seit über 40 Jahren eine Datenbank aufgebaut, die von 220'000 Personen
festhält, wann, wer, wo, wie geboren, geimpft wurde, krank war, schwanger wurde,
verhütet hat, weggezogen ist. Einzigartig, für ein solches Land.
Nun entsteht eine weitere Datenbank, die die Umweltbedingungen erfasst. So wird
in den künftigen Jahren «amazing knowledge» entstehen können
zu den Zusammenhängen zwischen Umwelt und Gesundheitszustand.
www.icddrb.org
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22.12.04 - Strange?!
"Truth is stranger than fiction," steht auf Pinakis T-Shirt. Grossartig.
Dhaka is stranger than fiction, da die Gegensätze immens sind und die
sich die Schere zwischen Arm und Reich weit öffnet.
Neben westlichen Hochglanz-Einkaufszentren mit bewaffnetem Sicherheitspersonal betteln
die Strassenkinder um etwas Geld, in zerschlissenen Kleidern, mit grossen dunklen
Augen, teils hoffnungsvoll, teils bereits verhärtet.
Auf den Strassen drängen die protzigen Off-Roader drahtigen Velorickshaw-Fahrer
aggressiv ab, während um die Ecke abgemagerte Kühe abgestandenes Wasser
aus dunklen Trögen anstarren, Hühner ihre letzten Zuckungen im Plastikeimer
über sich ergehen lassen, blutüberströmt.
Bunte Wäsche, frischgewaschen, in kahlen Hinterhöfen zum Trocknen hängt,
Frauen mit wenigem Gemüse in den kleinen Strässchen verschwinden, verkrüppelte
Menschen gnomenhaft an Mauerchen hochblicken, der Abfall sich mit Urin zu beissendem
Geruch mischt, neben abgeschotteten Wohnungen die Wohnzimmer der "floating
people" auf der Strasse und zwischen den Gleisen liegen und die Regierung teure
Pflänzchen ansetzt, um am SAARC Gipfel im Januar zu glänzen (beautification
of the city).
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24. - 28.12.04 - Tsunami in the Sundarbans
Weihnachten! Meine Weihnachtsbäume wachsen im Süden des Landes. Sie treiben
Luftwurzeln, stabilisieren und schützen das Delta. Die Sundarbans (Schöner
Wald) bilden weltweit den grössten Küsten-Mangrovenwald (UNESCO World
Heritage, 1977).
Bereits die Anreise ist spektakulär: Aus Sicherheitsgründen werden alle
Passagiere im Nachtbus gefilmt. "Das tun sie seit zwei Jahren und es wirkt
gegen Diebstähle," erklärt der Passagier neben mir.
Wenig später stecken wir fest. Zu dicht ist der Nebel. Unser Bus wird Teil
einer langen Wagenkolonne, die während sechs Stunden auf den anbrechenden Tag
wartet. Praktisch sind die Holz-Wellblechhüttchen, die während der ganzen
Nacht Tee kochen, diverse Fladenbrote, Omeletts und mehr.
Ab Kulna geht die Reise weiter, auf dem gemütlichen Boot M.S. Chhuti, flussabwärts,
Richtung Kotka. Unsere Gruppe besteht zum grössten Teil aus Bangladeshis, ehemalige
Uni-Freunde, unter ihnen ein Paar, "secretly married", auf Hochzeitsreise,
zwei Familien, NGO-MitarbeiterInnen aus Schweden und weitere "Expats".
Eine prima Mischung.
Natürlich wollen wir alle einen Royal Bengal Tiger sehen, wenn auch der Clavin
& Hobbs Cartoon auf dem Bordklo daran erinnert, dass des Menschen Lebenssinn
darin besteht, "Tiger Food" zu sein. Doch wir müssen uns mit zahlreichen
Fussabdrücken im sumpfigen und sandigen Grund, Knochen und unverdauten Tierhaaren
zufrieden geben. Ob der Tiger einfach zu wenig hungrig war?
Auf unseren stillen Streifzügen zu Fuss oder im Boot sehen wir Äffchen,
Spotted Deer, Flussdelphine, Krokodile, Krebse, Monitor Lizzards, diverse Vögel.
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In einem der zahlreichen "creeks" in den Bengalischen Mangrovenwäldern, kurz
nach Sonnenaufgang, im morgendlichen Zwielicht. Ein Summen, Zirpen ist hörbar,
während die Vögel noch schweigen und die Echsen unendlich langsam baumaufwärts
gehen, um sich aufzuwärmen.
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An der Kotka Beach liegt ein gestrandeter Wal, der in einem Fischernetz ertrunken
ist. Seiten- und Schwanzflosse wurden abgetrennt.
Zum Vollmond freue ich mich auf Springflut. „Vergiss es, du solltest zur Monsunzeit
kommen," grinst unser Guide. Stattdessen sind wir in einem kleinen Ruderboot,
als die "Tsunami" eintreffen, die Flutwellen des heftigen Erdbebens. Eindrücklich,
faszinierend und im Mangrovenwald, weit entfernt vom Epizentrum, harmlos.
Wir sind betroffen, als wir - zurück auf der M.S. Chhuti - erfahren, dass so
viele Menschen umgekommen sind.
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29.12.04 - Am Rand
Ein seltsam gärender Geruch liegt über den grasbewachsenen Senken und
der Strasse, die auf einem Damm verläuft. Pinaki hat mich „rasch“
mitgenommen, an den Rand der Stadt und an den unteren Rand der Gesellschaft, die
beide unkontrolliert wachsen.
Hier wohnen jene, die kein eigenes Land haben. In kleinsten Holzhütten, die
auf Pfählen stehen, damit sie zur Monsunzeit nicht geflutet werden. Sollte
dies, wie im vergangenen Sommer trotzdem der Fall sein, gehen die Menschen zur Strasse,
die einige Meter höher liegt. Für die enge, dunkle Unterkunft zahlen sie
monatlich einige hundert Taka, was für ihre Verhältnisse sehr viel ist,
für uns einige Franken. Schattenwirtschaft auf jedem Quadratzentimeter.
Die Takas kratzen sie zusammen, sei es durch kleine Geschäfte auf der Strasse,
Tagelöhner-Arbeit auf den umliegenden Baustellen oder in der nagegelegenen
Lederverarbeitung, die das spärlich fliessende Wasser schwarz färbt. Zwischen
Hütten und Abfallbergen häufen sich Lederreste, meterhoch. Sie werden
verbrannt, ausgekühlt und „irgendwie“ zu Hühnerfutter.
Die nahe gelegenen Baustellen gehören ebenfalls zur Schattenwirtschaft Bangladeshs
(was wohl nicht?). Geschäftige «Businessmen» haben das Land aufschütten
lassen, es bereits verkauft, ohne offizielle Bewilligung. Die sei „hängig“,
was wiederum den Regierungsstellen zusätzliche Einkünfte bringt. So geht
das.
31.12.04 - Was Bangladesh gerettet hat
Die Tsunamis haben das Delta verschont. Warum? „Wir sind genug geprüft
und von Naturgewalten heimgesucht worden. Gott hat uns nun verschont,“ höre
ich als Erklärung, wiederholt. Oder: „Wir sind zu weit entfernt, vom
Epizentrum.“
Ich habe mir gedacht, es liege an der flach ansteigenden Küstenlinie, die aus
Silt und Schwemmmaterial besteht, das die Flüsse Richtung Bay of Bengal tragen.
Zudem habe ich mir vorgestellt, das verästelte Flusssystem dämpfe die
Wellen, weil es ausgleichend wirkt. Erstere Erklärung wurde heute bestätigt,
vom Geologischen und Meteorologischen Dienst.
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Das weit verzweigte Flusssystem birgt neben der Hochwassergefahr den ausgleichenden
Schutz vor Sturm und Tsunamis. In einem geschützten Teil überwintern die
"Boat People", Bangaldeshs "Fahrende".
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Aus Rücksicht auf die betroffenen Länder will Bangladesh den SAARC Gipfel
verschieben, möglicherweise auf Anfang Februar. |
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03.01.05 - Knautschzone
"Gerne würde ich zur Schule gehen. Vor einem Jahr habe ich damit aufgehört,
um Geld zu verdienen," erzählt Muktar. Seit einem Jahr verbringt der Neunjährige
seine Tage damit, Früchte zu verkaufen, auf den dichtbefahrenen Strassen Dhakas.
Immerhin ist er drei Jahre zur Schule gegangen, drei Jahre mehr als Shinli, die
Frotteetücher verkauft. Laut Uncef sind es 13% der Kinder in Entwicklungsländern,
die nie zur Schule gehen. In Bangladesh liegt die Einschulungsquote mit 97 relativ
hoch, doch schliessen nur 65% die Primarschule ab.
Nun verdient Muktar täglich bis zu 200 Taka (4 Franken), um zum Einkommen der
siebenköpfigen Familie beizutragen, die in der Nähe der Daily Star-Redaktion
in einem baufälligen Holzwellblech-Hüttchen wohnt. Er ist der jüngste.
Ich hätte ihn älter geschätzt als neun, so wie der die Stirne in
Falten legt, misstrauisch guckt und lieber seinen Geschäften nachginge als
mit uns zu sprechen.
Die Arbeit auf der Strasse ist gefährlich. "Ich hatte schon fünf
Unfälle, musste sogar ins Spital." Wie die Familie das verkraften konnte,
will Muktar nicht sagen. Auch nicht erzählt er, was wirklich geschieht, wenn
ihn die Polizei wieder mal aufgreift.
Für die Polizei bedeuten Strassenkinder leicht verdientes Geld, täglich
werden ihnen einige Taka abgenommen, oder sie werden gleich verhaftet. Für
einige hundert Takas können sie sich loskaufen und müssen froh sein, wenn
es nur ums Geld geht. Folter und sexueller Missbrauch, insbesondere der Mädchen,
sind an der Tagesordnung.
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Muktar und Yassin verkaufen Aamran. Immerhin haben sie noch Kontakt zu ihren Familien.
Jene Kinder, die auf sich alleine angewiesen sind, schlagen sich meist als "sex
worker" durch. NGOs versuchen ihnen Schutz zu bieten, ergänzende Ausbildung,
damit sie alternative Einkommensmöglichkeiten finden.
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Ich möchte dranbleiben, an diesem Thema. Mehr erfahren über den Alltag
dieser Kinder, über ihre Zukunftsvorstellungen, über die Organisationen,
die versuchen, ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
Gleichzeitig fühle ich mich schlecht dabei. Bin ich nun Teil jener, die aus
der Armut anderer ein Geschäft machen? Welche Rolle spielt der Journalismus?
Spielt er überhaupt eine?
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11.01.05 - Informationen vernetzen
Regen. Doch viel trüber als an sonnigen Tagen ist die Sicht in der Stadt nicht.
Immerhin wird einem so der Kopf gewaschen: um Informationen kämpfen alle hier,
nicht nur die "Bideshi", die Ausländerin.
Schoen zugespitzt, wie es die Redaktion des Daily Star wünscht, habe ich zur
lausigen Qualität der erhältlichen Medizinpflanzen geschrieben. Die Verschmutzung
ist so hoch, dass die heilende Wirkung ausbleibt. Schlimmer noch: die Pilze, Pestizide
und Schwermetalle führen mindestens zu Unpässlichkeiten.
"Wir brauchen in erster Linie Geld, Forschungszentren, Marktstudien, Erfolgs-Garantien,
Kühlräume, Informationsplattformen, um die Qualität zu steigern,"
fordern die Bauern.
Per Zufall habe ich einen Tag später erfahren, dass sämtliche Institutionen
existieren. Erste Schritte sind sogar eingeleitet worden, diese zu vernetzen, um
qualitativ gutes Saatgut und ebensolche Setzlinge zu züchten, zu einem bezahlbaren
Preis.
"Wir wollen die Leute hier nicht mit Lösungen eindecken, wir wollen sie
motivieren, selbst zu ihren Lösungen zu kommen," fasst Alain Cuvelier
von Intercooperation zusammen. Die Schweizer NGO hat zum Prozess beigetragen, erst
im kleinen, lokalen Rahmen.
Nun ist die Geschichte nicht mehr so skandalös. Sie ist in der Pipeline.
A propos NGOs: In Bangaldesh sind 18'500 NGOs aktiv. Ihre Konkurrenz lässt
sie einander Beteiligte abwerben.
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12.01.2005 - Ein neues Zuhause
Das Lachen verstummt, jetzt, wo die Mädchen wissen, weshalb ich sie besuche.
Ich frage sie nach ihrer Geschichte, die sie am liebsten aus ihrem Gedächtnis
streichen möchten. Animul bricht das Eis, erzählt von den Bergen in der
Schweiz und gestikuliert, wie ich mit dem Flugzeug über all die Berge nach
Bangladesh gekommen sei. Wunderbar.
Animul ist Programmkoordinator der NGO Aparajeyo-Bangladesh, die sich um „Street
Children" kümmern, ihnen ein Dach über dem Kopf bieten, Ausbildung
und wenn nötig juristische Unterstützung.
Leyla rutscht unruhig auf den Holzbank hin und her, zögert. Langsam beginnt
die vierzehnjährige: Ich weiss nicht, wann ich von meinen Eltern getrennt wurde.
Viele Jahre habe ich als Haushaltshilfe gearbeitet. Vor etwa einem Jahr hat mich
die Frau in diesen Haus versucht, in die Prostitution zu zwingen. Ich habe protestiert,
mich gewehrt, doch ich wurde wiederholt gefoltert, missbraucht. Dann bin ich abgehauen."
Wenig später wurde sie von der Polizei aufgegriffen und den Mitarbeitern der
NGO übergeben, zum Glück.
Aparajeyo-Bangladesh bietet 6000 bis 10'000 Kindern ein Zuhause und die Möglichkeit,
auf eigenen Beinen zu stehen zu lernen. Wir hätten tausend so viele Zentren
nötig, allein in Dhaka," findet Animul, denn die Zahl der Strassenkinder
in der Hauptstadt wird auf 700'000 geschätzt. Doch so genau weiss das niemand.
Sie schlagen sich irgendwie durch, driften ab, in Prostitution, Kriminalität
oder werden verschleppt.
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Im "24 Stunden Club" finden Strassenkinder ein Dach über dem Kopf,
medizinische Versorgung, Essen und Ausbildung. Angefangen hat das Projekt mit Terre
des Hommes, mittlerweile ist Aparajeyo-Bangladesh eine Bangladeshi NGO, finanziert
durch die Weltbank und Britische Hilfswerke.
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Die Regierung hat das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts den Kindern gewidmet,
NGOs vernetzt und die UN-Konvention für Kinderrechte ratifiziert. Theorie und
Praxis unterscheiden sich massiv," meint Animul. Nicht mal das dreissigjährige
Strafrecht für Kinder findet Anwendung, ohne dass die Rechtsanwälte der
NGOs Druck machen.
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13.01.2005 - Freizeit, im alten Stadtteil
Nach Old Dhaka soll ich gar nicht erst alleine gehen, weil es so 'crowded' sei,
eng und labyrinthisch, dass sogar die 'Locals' verloren gingen. Auch mein Kollege
Mustak hält sich an die breiten Strassen. Einige führen direkt zum Fluss
Bariganga.
Morgens um vier, fünf ist es extrem belebt. Die Fische werden angeliefert,
Früchte, Gemüse verteilt, auf Karren geladen, um ins Zentrum gefahren
zu werden, per Fahrrad. Nun, am späten Nachmittag ist hier nicht mehr so viel
los. Die Passagier-Schiffe werden mit Esswaren beladen, später tuckern sie
südwärts, Richtung Bay of Bengal.
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In kleinen Ruderboten queren die Bewohner Dhakas den Fluss, der dunkelgrau ist.
Trotz der sichtbaren Verschmutzung wird weiter oben Wäsche gewaschen. In kleinen
Feuerchen auf den Abfallbergen schmelzen die Slumdwellers Kunststoff, um ihn später
an die Fabriken zu verkaufen.
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19.01.2005 – "Sources said..."
"Ich brauche eine Geschichte und zwar jetzt!" Morshed wird laut und ich
bin nicht sicher, ob er spasst. "Schreibe etwas über die Wohnsituation
der Mittelschicht - morgen will ich den Bericht." Wunderbar. Ich habe keine
Ahnung, bitte um einige Stichworte und um ein "Gspänli", das zumindest
übersetzen hilft, wenn ich mich auf die Suche mache, nach Mittelschicht in
prekärer Wohnsituation. Tashfin ist der Mann: jung, voller Engagement - die
erste und einzige Person im Daily Star, die die Treppen hochrennt, I am delighted.
Zwischen neun und zehn Uhr abends hat er Zeit. Wir interviewen die Security am Eingang.
Einer lebt mit seiner Familie, acht Personen in zwei kleinen Räumen. Er wünscht
sich einen dritten Raum, was finanziell aber nicht drin liegt: "Es gibt Probleme
mit den vier Brüdern und Schwestern, auf so engem Raum. Mehr kann ich dazu
nicht sagen."
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Wohnen, zu zweit auf zwölf Quadratmetern zu 2000 Taka im Monat, das sind zwei
Drittel des Einkommens, umgerechnet 40 Franken. |
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Sein Kollege wohnt mit 26 Arbeitskollegen in zwei Räumen. "Wir arbeiten
Schicht, so schlafen wir auch, nacheinander. Irgendwie geht das jeweils."
Tashfin nimmt mich mit zum Karwan Bazar, der gleich um die Ecke liegt und zu fast
jeder Tageszeit faszinierend belebt ist. Er ist der 'hub' im Zentrum für Gemüse,
Tagelöhner, undund. In einem baufälligen Haus waren bis vor Kurzem hunderte
von Menschen untergebracht. Wir können nur noch feststellen, dass das Stockwerk
nun gerämt ist.
Wohnungen werden effektiv genutzt, von den Besitzern: die Raumfläche wird miniminiert,
die Preise und somit der Profit maximiert. Ein junges Paar lebt in einem Raum, in
den sich knapp ein Doppelbett stellen lässt und bezahlt dafür monatlich
Dreiviertel ihrer Einkünfte. Preise: Tendenz steigend.
Wer Rechnungen nicht bezahlen kann, dem drehen die Vermieter erst Gas oder Wasser
ab. Später werden sie wird unsanft auf die Strasse komplimentiert. Das erfahre
ich alles durch 'Hören-Sagen'. Einige wenige Preisstatistiken sind aufzutreiben,
im Netz, per Telefon erreichbar ist niemand, da Eid ansteht.
"Christine, where is the story!?" Ach, Morshed. Ich könne ihm keine
fundierten Daten liefern, einige Fallbeispiele, wenige Fakten. Er wolle keine investigative
Schreibe, sondern einfach eine Geschichte, es sei ihm piepegal, wie ich es schaffe.
"Sources said" wird mein Nottürchen aus der Klemme. Schrecklich.
"Perfekt!" findet Morshed.
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20.01.2005 – Wo finden wir eine Kuh?!
Die Strassen haben sich langsam geleert, in den letzten Tagen. Am morgen ist es
ruhig. So haben die tausenden von Kühen und Ziegen Platz, die in den rund 50
Cattlemarkets hoch gehandelt werden.
Das Opferfest Eid ul-Azha steht an. Es ist der grösste religiöse Feiertag
im Islam, nach dem Ramadan. Jede Familie, die es finanziell vermag, ersteht einen
Ochsen, eine Kuh, oder eine Ziege, um das Tier am Festtag (22.) rituell zu schlachten,
in Erinnerung an Abraham, der bereit war, Gott seinen Sohn zu opfern. Das Fleisch
wird anschliessend zubereitet und verteilt.
Doch: wo finden wir eine Kuh? Wo immer ich erwähne, dass ich heute Nacht mit
David auf den Vieh-Markt gehen will, ernte ich Nasenrümpfen: „A filthy
place!“ David ist ebenfalls Gast beim Daily Star, Amerikaner. Er will sein
Visum verlängern und noch vier Monate bleiben. Recht hat er, denn zwei Monate
sind schlicht zu kurz. Er wohnt in Old Dhaka, bei einer Familie. Im Eingangsbereich
der Wohung hängt ein Bild aus Luzern, schätzungsweise aus den 1960er-Jahren.
„Knöcheltief werden wir im Kuhdung stehen,“ meint auch Asif, der
jüngere Sohn der Familie, „überall sind Kühe, die dich treten
werden, also Vorsicht!“ Ziemlich aufgeräumt empfinde ich den Markt, den
wir besuchen. In Reihen ist das Vieh angebunden, Braunvieh aus Bangladesh, weiss-schwarz
Fleckvieh aus Australien, die eleganten, grossen, grauen sind Indische Kühe.
Die hochgepäppelten, teuren Tiere sind abgedeckt mit Tüchern.
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Mittlerweile ist Mitternacht. Zwischen den Tieren schlafen die Besitzer mit ihren
Familien, wenn sie nicht gerade um Preise feilschen. David und ich sind mit den
Angestellten der Familie unterwegs, weil wir mit unserer Gegenwart die Preise nicht
in die Höhe treiben wollen. Wir gucken uns um, erhalten Angebote, lehnen ab.
Entfernt von uns handeln Asif, sein Bruder Pavel, Onkel und Cousin um‚ die’
Kuh. Im Schnitt zehn Minuten Aushandeln pro Tier. Zwei Stunden lang. Doch die Preise
bleiben hoch. Zum Umfallen müde freue ich mich auf ein Bett, als wir den Markt
verlassen. Während ‚Bideshini und Bideshi’ nach Hause gehen, zieht
es Asif und Pavel weiter, zum nächsten Markt.
Bis fünf Uhr morgens haben sie durchgehalten. „Wo ist die Kuh?“
will ich Stunden später, beim Frühstück wissen. „Nai. Keine
Kuh. Heute ist die letzte Chance und die Preise werden horrend sein,“ meint
Asif, schlaftrunken, „shit!“
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22.01.05 – Eid ul-Azha, das Opferfest
07:30
Manik holt mich ab. Wir fahren zum National Prayer Field neben dem Gerichtsgebäude,
wo sich einige Tausend zum Morgengebet treffen. Männer und Frauen getrennt.
08:00
Unterwegs, in Dhaka stehen auch in den Strassen, vor allem Männer, die beten.
Die Frauen stehen in der Küche. Sie bereiten Süssigkeiten zu, für
den Besuch, dem die Türen offenstehen, während den drei kommenden Tagen.
später...
Nach dem Gebet beginnt das Schlachten. Da es dafür zuwenig Imame gibt, schlachten
auch Madrassa-Schüler im Teenagealter, was ihre weisse Kleidung mit jedem Tier,
das dazu kommt, roter färbt. Hellrote Lachen auf den Strassen zeigen an, wo
bereits geschlachtet wurde. Auf den Vorplätzen oder in den Eingangsbereichen
der Wohnhäuser wird das tote Tier zerkleinert, rhytmisch ist das Hacken von
den langen Messern auf den Holzblöcken, die Tierhäute werden von den Madrassa-Schülern
gesammelt und später verkauft.
09:00
Bei Maniks Familie: Süsses und Cricketspiel am Fernsehen, während auf
dem Innenhof eine Kuh nach der anderen ihr Leben lässt.
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Vor dem High Cort beginnt das National Praying Field. Einige der Betenden stehen
am Rand. Sie sind entweder eben dazugekommen oder bereits auf dem Absprung, zu ihren
Familien und wollen nicht in der Menge der tausenden Anwesenden stecken bleiben. |
11:00
Ich habe noch nie eine Schächtung gesehen, will natürlich dabei sein,
mache Fotos, während der Kuh die Beine zusammengebunden werden, wie sie langsam,
seitlich zu Boden gelegt wird. Vier Männer halten sie am Boden. Sie versucht
zweimal sich aufzurichten, ihr Hals wird gestreichelt und dann durchgestreckt. Ein
sauberer Schnitt und das Blut läuft. Erst sachte, dann, mit jedem weiteren
Schnitt des Madrassa-Schülers, heftiger, Luftröhre, Schlagader sind nun
geöffnet, Röcheln, Zucken. Blut spritzt zu mir und ich halte kurz inne
mit Fotografieren, merke, wie mein Herz rast.
Die Kinder verstehen nicht, wie eine so alte Frau so was noch nie gesehen haben
will, ist doch ganz normal. Das Fleisch wird verteilt - der Familie, den Nachbarn
und an die Armen, die sich in kleinen Gruppen an den Häuserecken zu sammeln
beginnen.
12:00 und danach
Unterwegs zu weiteren Freunden und Familien. Mehr Süssigkeiten, mehr Bangladeshi
TV-Soaps, mehr Essen, mehr Diskussionen. Mehr. |
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25.01.2005 – Gedanken bündeln
Am Tag nach dem Eid regnet es. Da ist so. Oft zumindest. Ein Geschenk des Himmels
oder ein Wegwaschen des Blutes? Die Meinungen sind geteilt.
Geld ist da, viel Geld, in diesem armen Land. In Dhaka wird gebaut, überall.
Trendy Restaurants, Appartements, mehr Shopping Centers. «Die Armut des Landes
hat sich für die Elite bezahlt gemacht - weshalb also etwas ändern?!»
meint Jürg Casserini, der Chargé d'Affaires der Schweiz in Dhaka, den
ich zum Abschied besuche. Seit drei Jahren lebt er in Bangaldesh, wird jedoch schätzungsweise
im Juni versetzt. Die Schweiz reduziert ihre Präsenz vor Ort. Casserinis Bild
von Bangladesh hat mehr Tiefenschärfe, während meines schemenhaft bleiben
wird. Ich ahne, versuche Beobachtungen in Worte zu fassen, Gedanken zu bündeln.
Die Gegensätze in Dhaka faszinieren mich enorm, doch machen sie auch deutlich,
dass sich die Gräben zwischen Arm und Reich vergrössern werden. Die Bevölkerung,
insbesondere die arme Bevölkerung, wächst nach wie vor. Zwar hat sich
die Zahl der Kinder pro Frau in den letzen Jahrzehnten halbiert, doch auf etwas
über drei stabilisiert. Die ausreichende Ausbildung bleibt ein Thema: 7 Millionen
Kinder (5 - 15) arbeiten und haben bestenfalls zwei, drei Jahre Schulbildung genossen.
In ländlichen Gegenden entstehen Madrassas und erhalten Zulauf.
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Escape from Shanghai, eines der trendy eingerichteten Restaurants, die Dhakas Stadtbild
künftig prägen werden. Woher das Geld kommt? Kulturpessimistische Stimmen
kritisieren, die bengalische Tradition gehe verloren. Alles gucke nach Indien und
weiter westwaerts - ja, bis Shanghai... oder ist es unter globalisierungskritischem
Aspekt zu verstehen?! Dhaka hat ja auch einige Export Processing Zones vorzuweisen
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Die Politik ist blockiert und die beiden führenden, sich konkurrierenden Parteien
scheinen sich nicht wirklich zu unterscheiden. Um «law and order» zu
verbessern, hat die Regierung im vergangenen Jahr das Rapid Action Battalion (RAB)
lanciert, eine Elitetruppe, die Probleme auf der Strasse löst, mit der Hand
am Abzug. «Killed in Crossfire» macht täglich Schlagzeilen.
Die Korruption durchdringt alle Schichten, die jüngst eingesetzte Anti Corruption
Commission verheddert sich in Formalitäten. 40% der Gelder, so wird geschätzt,
geht «verloren» in der Korruption. Dennoch wächst die Wirtschaft.
Der befürchtete Zusammenbruch der exportierenden Textilindustrie nach dem Ende
des Multi Fibre Agreement ist noch nicht erfolgt und kann vermutlich abgefedert
werden.
«Life is nothing. But the sun is hot,» meinen meine Kollegen beim Daily
Star oder «Life is like a box of chocolates. You never know what you're gonna
get» (Forrest Gump). Manche von ihnen sind frustriert oder gelangweilt, einige
engagiert und willens, wachzurütteln, anzuprangern, für Veränderungen
zu schreiben. Einschüchterungen und Drohungen hin oder her.
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ENDE |
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MAZ - aktuell
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