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Stefan von Below berichtet aus Hanoi
Seit Anfang Januar 2008 ist Stefan von Below (39) Stagiaire bei der englischsprachigen Tageszeitung «Viet Nam Niews» in Hanoi. Er hat an der Universität Bern Geschichte und Politologie studiert. Seit 1996 war Stefan von Below als Journalist für verschiedene Schweizer Zeitungen tätig, seit 1999 ist er Redaktor im Kantonsteil der Berner Tageszeitung «Der Bund». |
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Freitag, 4. Januar 2008
Oben stahlblauer Himmel, unten ein Meer von Dunst – das ist das erste, was ich von Vietnam zu sehen bekomme. Nur am Horizont ragen ein paar vereinzelte Berge wie Inseln aus dem Ozean. Das Flugzeug sinkt, ein grüner Fleckenteppich taucht aus dem Nebel auf. Jeder Quadratmeter des fruchtbaren Schwemmlandes rund um Hanoi wird genutzt. Nicht umsonst gelten die Nordvietnamesen als besonders fleissige Bauern.

Auf der 30 Kilometer langen Fahrt in die Stadt sehe ich sie: braungebrannte, hagere Landarbeiterinnen und –arbeiter, unterwegs mit dem Pferdewagen, dem Ochsengespann oder auf dem Motorroller. Manche haben Käfige mit Schweinen oder Geflügel auf dem Gepäckträger festgezurrt, andere transportieren halbe Wohnungseinrichtungen. Hupend überholt einer eine Gruppe von Velofahrerinnen, die sich nach alter Mütter Sitte mit kegelförmigen Hüten vor der Sonne schützen. Autos sind auf der vierspurigen Strasse nur vereinzelt anzutreffen – so weit reicht der Wohlstand für die meisten noch nicht. Überdimensionierte Werbeplakate am Strassenrand künden indes von den stets verfügbaren Segnungen der kapitalistischen Warenwelt – allen voran Handys und Importbier.

Gegensätze prägen das Quartier rund um meine kleine Wohnung in der Innenstadt. Luxushotels stehen neben Bretterbuden, exklusive Restaurants neben Garküchen mit drei, vier winzigen Plastikhockern. Überall herrscht lautstarker Betrieb, Abgasschwaden und der Duft gebratenen Fleisches wabern durch die Strassen. Wer sich einen Weg durch die unaufhörliche Flut hupender Motorroller bahnen will, braucht starke Nerven – oder eine gehörige Portion Gelassenheit. Der erste Ausflug zum Kauf von Trinkwasser fühlt sich an wie der sprichwörtliche Spiessrutenlauf – punkto Gelassenheit kann ich von den Vietnamesen noch einiges lernen. Die Flut der Eindrücke lässt sich kaum in Worte fassen. Sie fasziniert und beängstigt mich zugleich. Alles scheint irgendwie intensiver als in der Schweiz: die Geräusche und Düfte, aber auch der Lärm und Gestank. Abends habe ich Kopfschmerzen von der abgasgeschwängerten Luft – das Wort Feinstaub gibt es auf Vietnamesisch wohl noch nicht |
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Samstag, 5. Januar 2008
Der erste Einkaufsausflug in die Altstadt: eine warme Decke (wie viele andere Ausländer habe ich die Kälte der hiesigen Nächte unterschätzt), eine dunkle Krawatte (man weiss ja nie), WC-Papier (dito) – und meine erste Ausgabe der „Viet Nam News“: ein 28 Seiten dünnes Blatt, das dennoch einigen interessanten Lesestoff birgt. Etwa die Geschichte über die Machenschaften der Hanoier Immobilienhaie, gegen die kein gesetzliches Kraut gewachsen ist. Oder das Porträt des 77-jährigen Besitzers einer Bücherausleihe, der viel mehr verdienen könnte, wenn er sein Haus an bester Lage vermieten würde.
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Was auffällt: kein lokaler Politstoff, kaum politische Inland- und wenig Auslandberichterstattung. Stattdessen Folklore (Neujahrsfest beim Volk der Mông im Nordwesten des Landes, Tanzworkshops in Ägypten), Kuriosa (prähistorische Steinfunde in Nigeria) und Kultur. Dazu gehört nicht nur die Besprechung eines neuen Theaterstücks, sondern auch eine Doppelseite mit Gastrokritik. Überhaupt: mit Platz wird nicht gespart. Viele Artikel dürfen eine ganze Seite füllen, Kurzfutter wird nur spärlich abgedruckt – was für ein Kontrast zu manchen Schweizer Presseerzeugnissen! |
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Sonntag, 6. Januar 2008
Ab sofort bin ich mobil, wenn auch im Unterschied zu den meisten Vietnamesen nicht motorisiert: Mr. Anh, der Vermieter meiner Wohnung, hat mich mit seinem Motorroller zu einem Veloladen gebracht. Dort habe ich mir einen hellblauen Flitzer gekauft. Kostenpunkt: eine Million Dong – umgerechnet rund 62 US-Dollar.

Der erste Ausflug führt mich in den Lenin-Park, wo scheue Liebespaare turteln, junge Skater waghalsige Kunststücke üben und rüstige Rentner ihr Turnprogramm absolvieren. Es herrscht eine friedliche Sonntagnachmittagsstimmung – nicht anders als in anderen grossen Parks in anderen grossen Städten auf der Welt. Was Lenin wohl dazu sagen würde?
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Montag, 7. Januar 2008
Mein erster Tag als Stagiaire bei den „Viet Nam News“ – denke ich und stürze mich um acht Uhr in die Brandung des Roller-Stossverkehrs. Im ersten Moment kommt es mir vor, als herrsche auf der Strasse die pure Anarchie – dabei funktioniert der Verkehr hier einfach nach anderen Regeln. Ampeln spielen eine untergeordnete Rolle; stattdessen fliessen die Verkehrsströme beinahe harmonisch ineinander, ohne dass es dazu äusserer Eingriffe bedarf – ein faszinierendes Schauspiel. Der Abstecher auf die Redaktion dauert nur kurz. Die freie Zeit nutze ich zu einem Marktbesuch. Nebst Kräutern und Gemüsen aller Art, Tofu und Fisch werden auch gebratene Hunde feilgeboten, die hierzulande als Delikatesse gelten. Ich verzichte und setze meinen Weg fort.
Später stosse ich in einem Supermarkt auf vertrautere Produkte: Kambly-Biscuits in mehreren Sorten gibt es da – und sogar den „Blick“. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine Zeitung, sondern um ein Abwaschmittel.

Am Nachmittag studiere ich die heutige „Viet Nam News“: Was für ein Unterschied zur Wochenendausgabe! Die meisten Artikel haben einen wirtschaftlichen Fokus. Aber auch die Auslandberichterstattung gross geschrieben. Sogar die Schweiz kommt vor – wenn auch nur im Sportteil: Mit leichter Schadenfreude wird über das Verdikt des Doping-Gerichts gegen Martina Hingis berichtet. „Cocaine blues“ lautet die Legende zum Bild, das einen niedergeschlagenen Ex-Tennisstar zeigt. |
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Dienstag, 8. Januar 2008
Am morgen treffe ich mich im lokalen Deza-Kooperationsbüro mit Khuat Quang Hung, dem PR-Verantwortlichen. Wir diskutieren, welche Projekte ich besuchen könnte. Am meisten interessiert mich ein Projekt gegen häusliche Gewalt an Frauen – ein Thema, das mich auch beim „Bund“ in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt hat. Hung – dies sein Vorname – erläutert mir das Funktionieren der Medien in Vietnam und gibt mir ein paar Beizentipps mit auf den Weg. Einen davon probiere ich gleich aus: ein kleines Lokal in der Nähe der Redaktion der „Viet Nam News“, wo ich mir für weniger als drei Dollar ein Bier und eine ausgezeichnete Nudelsuppe genehmige.
Die Stärkung kommt gelegen, denn am Nachmittag folgt der erste längere Aufenthalt auf der Redaktion. Diese ist im vierten Stock eines repräsentativen Gebäudes untergebracht, das der staatlichen Nachrichtenagentur Viet Nam News Agency gehört. Nach einem lockeren Gespräch beim Kaffee führt mich ein älterer Redaktor in den „News room“. Dort geht es zu und her wie in einem Bienenstock, denn alle Redaktorinnen und Redaktoren – insgesamt mehrere Dutzend, vor allem junge Frauen – arbeiten im selben Grossraumbüro. Ich werde herumgeführt und von allen sehr herzlich begrüsst.
Rasch stelle ich fest, dass ich nicht der einzige Ausländer bin: Rund ein halbes Dutzend „sub-editors“ aus englischsprachigen Ländern redigieren und korrigieren die Artikel, die von ihren vietnamesischen Kolleginnen und Kollegen verfasst werden. Ich werde einstweilen der „lifestyle and sports section“ zugeteilt, einem von vier Ressorts der Zeitung. Vorläufig kommt mir alles noch recht spanisch vor – zum Glück sind die Kolleginnen sehr hilfsbereit und erklären mir bereitwillig, was sie tun. Gut, dass ich zehn Wochen hier bleiben kann, denke ich auf dem Heimweg. So bleibt mir hoffentlich genügend Zeit, um das Funktionieren dieser Zeitung besser verstehen zu lernen. |
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Mittwoch, 9. Januar 2008
Heute kann ich mich zum ersten Mal nützlich machen: eine Kollegin vom Wirtschaftsressort hat Mühe, einem amerikanischen Manager zu folgen, dessen Redefluss sie von ihrem Aufnahmegerät in den Computer übertragen soll. Ich helfe ihr aus, so gut ich kann. Anschliessend erklärt mir die Dienstchefin des Lifestyle-Ressorts, was ihre Aufgabe ist: aus Hunderten von Agentur-Texten aus aller Welt filtert sie diejenigen Texte heraus, die sie auf ihren täglichen vier Seiten platzieren will. Im heutigen Blatt sind darunter Artikel über Elternunterricht in Schweden, die Filmkritikerauszeichnungen von Los Angeles oder den Blog-Boom in Marokko. Dazu kommen Texte, die auf der Redaktion selbst entstehen – etwa über ein bevorstehendes Rockkonzert mit internationaler Beteiligung in Hanoi oder über eine Musikaufführung für schwerkranke Kinder in vietnamesischen Spitälern. Bevor die Seiten gelayoutet werden, liest ein Mitglied der Redaktionsleitung alle Artikel und wechselt bei Bedarf Texte aus. Zum Schluss überarbeiten „native speakers“ Titel und Bildlegenden – damit auch sprachlich alles seine Richtigkeit hat.
Was mir auffällt: die Computer sind nicht nur weniger modern als in den meisten schweizerischen Redaktionen – sie besitzen grösstenteils auch keinen Internet-Zugang. Auch ein Telefon steht längst nicht an jedem Arbeitsplatz. Dafür wird die redaktionsinterne Kommunikation gross geschrieben. Zwischendurch bleibt immer wieder Zeit für einen Schwatz, und um fünf gibt’s zur Auflockerung sogar für alle einen Teller Suppe. Einmal pro Woche werde der ganzen Redaktion eine vietnamesische Spezialität serviert, lasse ich mir sagen. Diesen Brauch müsste man sofort exportieren, finde ich. |
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Donnerstag, 10. Januar 2008
Beim Mittagessen in einem Nudelsuppenlokal beobachte ich einen anderen Gast in Plastiklatschen und verstehe plötzlich, wieso man jedes Mal beim Betreten eines Restaurants von Schuhputzern angesprochen wird: Sie putzen die Schuhe, während man isst, und leihen einem für die Zwischenzeit ein paar Latschen aus. Eigentlich ganz praktisch, die Idee, und doch kann ich mich noch nicht dazu überwinden. Die Einheimischen scheinen solche Skrupel nicht zu kennen – anders kann ich mir nicht erklären, dass die meisten von ihnen in blitzblanken Schuhen durch die staubigen Strassen schreiten.
Am Nachmittag wühle ich mich durch Tausende von Agenturtexten und versuche übungshalber, meine eigene Auswahl für das Ressort Life & Style zu treffen. Angesichts des Riesenangebots gar nicht so einfach. Ob die Leserschaft den Beitrag über das Selbstbefriedigungs-Festival in Dänemark wohl goutieren würde? Oder doch eher die Geschichte über den abtretenden Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York? Als ich meine Liste am Schluss mit dem tatsächlichen Redaktionsprogramm vergleiche, fällt die Übereinstimmungsquote gering aus: Einzig der Artikel über ein Eisfestival in der chinesischen Stadt Harbin findet sich auf beiden Listen.
Zwischendurch lasse ich meine Blicke durch den News Room schweifen. Viele meiner Kolleginnen tragen modische Oberteile, kurze Röcke und hochhackige Pumps – vom angeblich konservativen Kleidungsstil der Vietnamesinnen und Vietnamesen, von dem in den Reiseführern so gerne die Rede ist, merke ich hier nichts. Mit meiner Bundfaltenhose und dem langärmligen Hemd komme ich mir fast ein wenig „bünzlig“ vor – höchste Zeit für einen Einkaufsbummel auf einem der zahlreichen Märkte! |
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Freitag, 11. Januar 2008
Ein Thema taucht mit schöner Regelmässigkeit in den Spalten der „Viet Nam News“ auf: die Helmtragepflicht für Rollerfahrer, die unlängst eingeführt wurde – für viele der über 20 Millionen Zweiradbesitzer im Land ein Ärgernis, wie es scheint. Zuvor trugen offenbar viele Rollerfahrer Stoffmützen anstelle eines Helms – dies geht zumindest aus einem Artikel von Anfang Woche hervor, in dem sich die Hersteller und Verkäufer solcher Mützen bitter über den Zusammenbruch der Nachfrage beklagen.
Heute nun folgt ein Bericht über den Rückgang der Zahl der Unfalltoten: Laut offiziellen Angaben wurden in Hanoi im Dezember 2007 total 49 Verkehrstote registriert, sieben weniger als im selben Monat des Vorjahres. Dazu passt das Porträt eines amerikanischen Helmproduzenten in der aktuellen Ausgabe der Monatsbeilage „Outlook“. Er selber trage auch nicht gerne einen Helm, sagt der Wahlvietnamese. Wenn er jedoch einen Familienvater sehe, der ohne Helm, dafür mit dem Handy am Ohr und samt Frau und Baby auf seinem Roller unterwegs sei, mache ihn das traurig. „All these people have the obligation to try to stop the killing.“
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Sonntag, 13. Januar 2008
Heute war ich zu Besuch bei Onkel Ho, wie die Vietnamesen ihren Nationalhelden Ho Chi Minh liebevoll nennen. Den einbalsamierten Leichnam des 1969 verstorbenen Präsidenten in seinem monumentalen Mausoleum konnte ich zwar nicht besichtigen, weil Besucher nur bis 10 Uhr morgens eingelassen werden.

Dafür schaute ich mir das nicht minder beeindruckende Museum unweit davon an, das dem Leben und den Ideen des Revolutionärs gewidmet ist. Der enorme Betonbau steht in einem eigentümlichen Kontrast zum betont schlichten Holzhäuschen im benachbarten Park, in dem Ho Chi Minh die letzten elf Jahre seines Lebens verbracht hat. Auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer liegen Bücher und Notizmaterial, als hätte er das Haus eben erst verlassen – gleichsam ein Sinnbild für die ungebrochene Präsenz, die der legendäre Politiker auch im Vietnam des 21. Jahrhunderts noch geniesst. |
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Montag, 14. Januar 2008
Mein erster Einsatz auf der Strasse: für eine Art Meinungsseite soll ich in Hanoi lebende Ausländer fragen, was sie davon halten, dass die Stadtregierung die omnipräsenten Strassenverkäufer aus dem Stadtbild verbannen will. Gar nicht so einfach, geeignete Gesprächspartner zu finden – die meisten Ausländer, die mir auf der Strasse begegnen, sind Touristen. Nach einigem Herumlaufen stosse ich auf ein nobles Einkaufscenter, in dessen teuren Cafés zahlreiche „Expats“ ihre freie Zeit totschlagen. Dementsprechend geben sie mir bereitwillig Auskunft.
Die Palette der Meinungen reicht von „very good idea“ bis zu „big mistake“. Die Strassenverkäufer seien nur lästig, finden die einen. Sie gehörten zur vietnamesischen Kultur, sagen die anderen. Zudem würden durch das Verbot viele arme Landbewohner ihre einzige Verdienstmöglichkeit verlieren. Die Redaktionskolleginnen, die mir den Auftrag gegeben haben, sind zufrieden mit dem Resultat. „You’ve done a very good job“, sagen sie anerkennend, als ich ihnen die Ergebnisse vorlege – und ich bin fast so stolz wie damals, als ich in der Schweiz meinen ersten Artikel veröffentlichen durfte. |
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Dienstag, 15. Januar 2008
Kälteeinbruch! Über Nacht ist die Temperatur um rund 20 Grad gesunken – so kommt es mir zumindest vor. War es in den letzten Tagen sonnig und frühlingshaft warm, so ist der Himmel heute bedeckt, und der Nieselregen beschlägt meine Brille. Statt auf dem Velo ins Schwitzen zu kommen, reibe ich meine klammen Finger und sehne meine Handschuhe herbei. Dies sei das gewöhnliche Winterwetter in Hanoi – nicht gerade das, was man sich als Schweizer vorstellt, wenn man an Südostasien denkt. |
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Mittwoch, 16. Januar 2008
Zum Glück habe ich meinen dunklen Anzug eingepackt: Der Schweizer Botschafter hat mich zum Lunch in seine Residenz eingeladen – zusammen mit einer Delegation der staatlichen Nachrichtenagentur Vietnam News Agency VNA, zu der auch „meine“ Zeitung Viet Nam News gehört. Anlass ist die bevorstehende Eröffnung eines VNA-Büros am UNO-Standort Genf. Ich fühle mich sehr geehrt und bin froh um die Gelegenheit, aus nächster Nähe einen Einblick in den Alltag eines Schweizer Diplomaten zu erhalten.
Am Nachmittag fahre ich zusammen mit dem Botschafter und einer Mitarbeiterin in die rund 100 Kilometer von Hanoi entfernte Hafenstadt Haiphong, wo am Donnerstag und Freitag ein Workshop zum Thema häusliche Gewalt über die Bühne geht. Dieser wurde vom Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus organisiert und von der Schweizer Botschaft finanziert. Die Fahrt in einem Wagen der Deza dauert drei Stunden, immer wieder bleiben wir auf der vierspurigen Strasse im dichten Verkehr stecken. Als wir das Gewerkschaftshotel am Meer endlich erreichen, ist es längst dunkel. Mit Heisshunger machen wir uns über den leckeren Fisch und die schmackhaften Meeresfrüchte her, die uns die Hotelmitarbeiter auftischen. Danach geniesse ich es, eine Nacht lang durchschlafen zu können, ohne vom Strassenlärm geweckt zu werden. |
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Freitag, 18. Januar 2008
Auf der Rückfahrt in die Hauptstadt lasse ich die Eindrücke des Workshops noch einmal Revue passieren. Rund hundert Delegierte von Regierungsstellen, lokalen NGO’s und internationalen Organisationen haben zwei Tage lang engagiert über die Umsetzung des Gesetzes zur Prävention von häuslicher Gewalt diskutiert, das im November 2007 von der Nationalversammlung verabschiedet wurde. Ein dringend nötiges Gesetz in einer Gesellschaft, in der es offenbar viele Männer nach wie vor als ihr Recht betrachten, ihre Frau zu schlagen – dies zumindest geht aus den Statements etlicher Workshop-Teilnehmerinnen hervor. Besonders beeindruckt hat mich die Offenheit, mit der die Vietnamesinnen gegenüber den Vertretern der Regierung ihre Kritik, Anliegen und Forderungen vorgetragen haben. Ihre Anregungen sollen nun Eingang finden in die Ausführungsbestimmungen, welche die Regierung bis im Sommer erlassen wird.

Abends schaue ich mir in der „Hanoi Cinématheque“ den wunderbaren Film „Fanny und Alexander“ von Ingmar Bergman an, den ich letztmals in den 1980er-Jahren gesehen habe – eine Zeitreise zurück in meine eigene Jugend. Das kleine Hinterhofkino, das ausschliesslich Reprisen zeigt, wird primär von hier lebenden Ausländern frequentiert. Sie sind froh um diese Oase der Erholung inmitten des städtischen Trubels – und ich auch. |
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Samstag, 19. Januar 2008
Kurzmeldung in der Viet Nam News: Gestern wurden drei verurteilte Drogenhändler in der Provinz Ha Tay von einem Erschiessungskommando exekutiert. Der oberste Volksgerichtshof der Provinz hatte die drei im Dezember 2006 für schuldig befunden, Heroin zu besitzen und damit zu handeln. Alle drei werden in der Zeitung mit vollem Namen, Alter und Herkunftsprovinz genannt. |
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Sonntag, 20. Januar 2008
Besuch im ethnologischen Museum ein paar Kilometer ausserhalb des Stadtzentrums. Im Park des Museums sind mehrere herausgeputzte Brautpaare anzutreffen, die sich fotografieren lassen. Auch in Vietnam werden Hochzeitsfotos mit Vorliebe an Orten gemacht, die als landschaftlich reizvoll gelten. Besonders beliebt für diesen Zweck sind die Parks und Grünanlagen bei Tempeln und Museen. Allerdings werden die Fotos meist schon Tage vor der eigentlichen Hochzeit geknipst – so können die Gäste am Fest bereits das fertige Fotoalbum bewundern.

Im Museumspark sind diverse Häuser zu besichtigen, die im traditionellen Baustil ethnischer Minderheiten errichtet wurden. Die sonntäglichen Aktivitäten des Aufsichtspersonals stehen im eigentümlichen Kontrast zu den archaisch wirkenden Gebäuden: einer der Wächter vertreibt sich die Zeit mit dem Verfassen von SMS, ein anderer schaut mit seiner Freundin auf dem Laptop Fotos an. In einem der Häuser sitzt eine Frau und übt mit ihrer Tochter die Konjugation des französischen Verbs „observer“ - und wer das Haus betritt, wird von ihr mit einem herzlichen „bonjour“ begrüsst. |
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Montag, 21. Januar 2008
Weil sich die meisten Einwohnerinnen und Einwohner von Hanoi ausschliesslich mit dem Motorroller durch die Stadt bewegen und nur die wenigsten ein Auto besitzen, sind auch die hiesigen Tiefgaragen in erster Linie Zweiradfahrzeugen vorbehalten. Im Gebäude der Vietnam News Agency ist das nicht anders. Am Nachmittag ist das Untergeschoss jeweils bis zur letzten Ecke mit Rollern vollgestopft – für die paar wenigen Velos bleibt kaum noch Platz. Wenn ich zur Arbeit komme, erhalte ich vom Wächter an der Einfahrt einen zerknitterten Zettel mit einer Nummer drauf. Den muss ich wieder abgeben, wenn ich das Gelände abends verlasse.

Nach dem gleichen Prinzip funktionieren die Roller- und Fahrradparkplätze, die an jeder Ecke gibt – insbesondere vor grösseren Geschäften und Restaurants. Meistens halten die Wächter die Nummer des Zettels mit Kreide auf dem Sattel des Rollers oder Velos fest – so soll verhindert werden, dass die Kunden ihr Gefährt gegen ein besseres eintauschen. Die Gebühren für die Benutzung der bewachten Parkplätze sind bescheiden: Für ein Velo kostet das Parkticket 1000 oder 2000 Dong – umgerechnet rund 15 Rappen. Nach zwei Wochen in der Stadt ist mein Velosattel schon ziemlich mit Zahlen übersät – wie er wohl erst nach drei Monaten aussehen wird? |
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Dienstag, 22. Januar 2008
Heute nehme ich zum ersten Mal Vietnamesisch-Unterricht. Nach zwei Stunden brummt mir der Schädel von all den neuen Wörtern, die in meinen Ohren so fremd klingen. Es gibt schon allein mehr als ein halbes Dutzend Arten, hallo zu sagen – je nachdem, ob man mit einer jüngeren, gleichaltrigen oder älteren Person spricht und ob es sich um einen Herrn oder eine Dame handelt. Das Schwierigste ist aber, die richtige Betonung zu treffen, denn dasselbe Wort kann je nach Betonung völlig verschiedene Bedeutungen annehmen. Als Ausländer muss man also ständig damit rechnen, mit einem peinlichen Versprecher ins Fettnäpfchen zu treten.

Zwischendurch erzählt Frau Nga, meine Lehrerin, von ihrem Werdegang. Ursprünglich war sie Russischlehrerin, doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sackte die Nachfrage drastisch ab, und sie musste sich völlig neu orientieren. Zunächst musste sie von Grund auf Englisch lernen, um Ausländern die Grundlagen der vietnamesischen Sprache vermitteln zu können. Aber nicht nur beruflich, auch in ihrem Privatleben war Anpassungsfähigkeit gefragt. Während des Krieges in den 1970er-Jahren hätten die Leute in Hanoi bestenfalls Holzpantoffeln getragen, erzählt sie – heute gebe es überall Waren aller Art im Überfluss, und den Kindern sei nur noch das Beste gut genug. |
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Mittwoch, 23. Januar 2008
Zum zweiten Mal werde ich zu einer Strassenumfrage unter „Expats“ auf die Piste geschickt – offenbar war man zufrieden mit meiner Leistung. Diesmal soll ich Statements zur neu eingeführten Registrierungspflicht für Mobiltelefonbesitzer einholen. Bis anhin konnte in Vietnam jedermann eine SIM-Karte erwerben, ohne irgendwelche Angabe zu den Personalien machen zu müssen – seit Anfang Jahr jedoch muss man dafür den Pass vorzeigen. Auf diese Weise will die Regierung einen Überblick über die Zahl der Mobiltelefonbesitzer gewinnen sowie Kriminellen und Belästigern das Leben schwer machen.
Ich bin erstaunt, wie offenherzig und durchaus kritisch die Leute Auskunft geben, sei es auf der Strasse oder im Einkaufszentrum. Aus dem einen oder anderen Kurzinterview ergibt sich ein längeres Gespräch – etwa mit einer Spanierin, die in Vietnam eine Firma betreibt, ohne Englisch zu sprechen. So bekomme ich unverhofft die Gelegenheit, mein Spanisch zu entstauben.
Zurück in der Redaktion ist gleich auch noch mein Französisch gefragt: eine Kollegin bewirbt sich um ein Stipendium an der Universität Genf und bittet mich um Hilfe beim Ausfüllen der Formulare. Ich helfe ihr, so gut ich kann – und bin froh, wenn ich mich nützlich machen kann. |
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Donnerstag, 24. Januar 2008
Heute ist kein gewöhnlicher Tag - das merke ich sofort, als ich am Nachmittag in den Newsroom komme. Nervosität und ein Anflug von Hektik liegen in der Luft, es wird getuschelt und gekichert, und viele der vietnamesischen Kolleginnen und Kollegen haben sich festlich herausgeputzt. Auch die Ausländer, bei der Arbeit sonst eher salopp gekleidet, tragen heute zumindest ein Hemd, manch einer gar eine Krawatte dazu. Grund dafür ist die Neujahrsparty, zu der die ganze Redaktion eingeladen ist. Nach dem Mondkalender, der den vietnamesischen Alltag bestimmt, beginnt das neue Jahr – das Jahr der Ratte – nämlich erst am 7. Februar.
Um den bevorstehenden Jahreswechsel zu feiern, verschieben wir uns kurz vor 17 Uhr per Roller oder Taxi in ein Luxushotel. Zunächst halten zwei ältere Herren je eine kurze Ansprache: der Chefredaktor und ein leitender Mitarbeiter der Vietnam News Agency, wie ich mir erklären lasse. Ausser dem Ausdruck „Viet Nam News“ verstehe ich kein Wort. Dann beginnt die Schlacht am Buffett, auf dem sich Köstlichkeiten aus aller Welt türmen. Dazu fliesst reichlich Rotwein, und zum Schluss gibt’s Whisky. Der ist wohl dazu gedacht, die Kehlen der Anwesenden zu ölen, denn nach dem Essen wird eine Karaoke-Session mit Live-Begleitung am Piano eingeschaltet. Nach ein paar Liedern ist aber bereits Schluss mit Feiern, und alle fahren zurück in die Redaktion – schliesslich muss auch morgen eine Zeitung erscheinen.

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Samstag, 26. Januar 2008
Erstmals unternehme ich eine geführte Tour ins Umland: zur „trockenen Halong-Bucht“ rund 60 Kilometer südlich von Hanoi. Wie Inseln aus dem Meer ragen hier spektakuläre Kalksteinkegel aus dem topfebenen Schwemmland, auf dem Reis angebaut wird. Während einer Velotour geniesse ich trotz des schlechten Wetters die paradiesische Ruhe und die gute Luft, die mir in der Stadt gefehlt haben. Kien, der 23-jährige Guide, erklärt mir, wie der Reisanbau funktioniert: eine Riesenplackerei. Ich empfinde Mitleid mit den Menschen, die jahraus, jahrein gebückt im Wasser stehen müssen - und die mir dennoch so freundlich zulächeln.

Kien erzählt mir auch von seinen klaren Zukunftsvorstellungen: Bald will er für vier Jahre in die USA reisen, um ein Nachdiplomstudium zu absolvieren. Nebenbei will er dort Spanisch lernen. Anschliessend plant er einen sechsmonatigen China-Aufenthalt, um Chinesisch zu lernen. Der grosse Bruder im Norden werde für Vietnam immer wichtiger, sagt er. Handkehrum sei er aber auch froh um die Präsenz vieler Amerikaner im Land – dadurch werde verhindert, dass die Chinesen ihre Interessen in Vietnam allzu rücksichtslos verfolgen würden. Das kleine Land müsse sich dem starken Nachbarn gegenüber vorsichtig verhalten, erklärt Kien - „wie ein Schwein gegenüber einem Tiger“. |
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Montag, 28. Januar 2008
Im Flur vor dem Redaktionsraum der „Viet Nam News“ stehen seit heute zwei mannshohe Pflanzen in mächtigen Töpfen – junge Pfirsichbäume voller Knospen und rosaroten Blüten. Ein Zeichen, dass das Neujahrsfest Têt bevorsteht, das wichtigste Fest im vietnamesischen Kalender – wie wenn Weihnachten, Neujahr und Ostern auf denselben Tag fallen würden. Pfirsichblüten gelten als Glücksbringer fürs kommende Jahr. Je mehr davon ein Bäumchen trägt, desto besser wird die Zukunft. Dasselbe gilt für die Mandarinenbäumchen voller Früchte, die derzeit im Stadtbild omnipräsent sind. Leuchtend orange ragen ihre schwankenden Wipfel aus dem Meer von Motorrollern auf den Strassen. Wer etwas auf sich hält, kauft jetzt ein solches Bäumchen und stellt es sich in die Wohnung. Die Analogie ist augenfällig: Was in Europa der Weihnachtsbaum, ist in Vietnam das Mandarinenbäumchen. |
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Dienstag, 29. Januar 2008
Am Vormittag habe ich in der Altstadt zu tun und schalte eine Pause in einem Café ein. Ich bin der einzige Gast, und der Besitzer – ein pensionierter französischer Ingenieur – ist froh, mit jemandem auf Französisch plaudern zu können. Er erzählt mir, dass er wie die meisten Vietnamesen zu Hause keine Heizung habe – und das, obwohl die Temperatur in diesen Tagen weniger als zehn Grad beträgt. Wie er damit umgehe? „Il faut s’habiller“, meint er achselzuckend. Nun wird mir klar, weshalb in vielen Restaurants Türen und Fenster ständig geöffnet sind, und wieso nicht einmal die Oper, in der ich gestern Abend war, über eine Heizung verfügt: die Vietnamesen sind sich die Kälte gewohnt. Ausnahmen gibt’s nur für jüngere Schulkinder: Sinkt das Thermometer unter zehn Grad, so dürfen sie zu Hause bleiben – wo es allerdings auch nicht viel wärmer sein dürfte als im Schulhaus. |
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Mittwoch, 30. Januar 2008
Nach ein paar Wochen in Hanoi ist mir der Lesestoff ausgegangen. Den grössten Teil meiner Bücher hatte ich zu Hause gelassen, um Gewicht zu sparen. Ich dachte, es werde ein Leichtes sein, in der Landeshauptstadt Werke vietnamesischer Autoren auf Englisch zu finden. Irrtum: die meisten Buchläden führen kaum englischsprachige Werke. Und wenn, dann handelt es sich meist um amerikanische Schundromane, Reiseführer oder um Bücher über das Leben von Ho Chi Minh und die Kriege der letzten Jahrzehnte.
Übersetzungen zeitgenössischer Literatur dagegen sind kaum zu finden. Leider war das auch in jenem Geschäft nicht anders, das ich heute auf Empfehlung einer Redaktionskollegin aufgesucht habe. Gekauft habe ich schliesslich doch etwas: eine Sammlung vietnamesischer Märchen und Legenden. Wer weiss, vielleicht liegt darin ja der Schlüssel zum Verständnis der vietnamesischen Mentalität. |
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Donnerstag, 31. Januar 2008
Heute habe ich endlich die längst geplante Audienz bei Ho Chi Minh nachgeholt. Rucksack, Handy und Fotoapparat liess ich wohlweislich zu Hause - andernfalls hätte ich diese Gegenstände vor dem Betreten des Mausoleums abgeben müssen. Besucher dürfen dem Landesvater nur mit leeren Händen gegenübertreten, und Bilder von ihm darf man sich ausschliesslich mit den eigenen Augen machen. Dafür ist der Eintritt gratis.
Doch bevor man das Allerheiligste im Innern des monumentalen Mausoleums aus Marmor betritt, gilt es einen längeren Parcours zu absolvieren. Vom Rand des weiträumig abgesperrten Geländes führt ein gedeckter Gang – wohl zum Schutz der Besucher vor der sengenden Sommersonne gedacht – zu einem Metalldetektor. Von dort wird die Kolonne der Besucher von Uniformierten zum mehrere hundert Meter entfernten Mausoleum dirigiert.
Schwatzende amerikanische Gruppenreisende und ehrfürchtig schweigende Vietnamesen betreten Seite an Seite das steinerne Monument, in dem der einbalsamierte Leichnam seine letzte Ruhestätte gefunden hat - dies übrigens entgegen den ausdrücklichen Willen des Präsidenten: laut seinem letzten Wunsch hätte sein Körper kremiert und je ein Drittel der Asche in Nord-, Zentral- und Südvietnam bestattet werden sollen. Die Parteioberen entschieden jedoch anders.
Im ersten Stock bewegt sich die Kolonne in ein paar Metern Distanz um den gläsernen Sarkophag herum, in dem Onkel Ho aufgebahrt liegt. Es bleibt kaum genug Zeit, um die gelblich angestrahlten, wächsernen Gesichtszüge des alten Mannes mit dem schütteren Haar zu betrachten, denn stehen bleiben ist nicht erlaubt. Zurück bleibt der eigentümliche Kontrast zwischen dem prachtvollen Grabmal und dem asketisch wirkenden Greis darin. Zwei junge Vietnamesinnen vor mir, für die der Besuch viel zu schnell vorbei gegangen ist, möchten gleich noch einmal von vorne beginnen – doch ein uniformierter Wächter weist sie sanft, aber nachdrücklich auf den Weg zum Ausgang. |
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Freitag, 1. Februar 2008
Beim Mittagessen komme ich mit meinem Tischnachbarn ins Gespräch. David ist ein rund 50-jähriger Telekommunikationsingenieur aus Australien, der seit zwei Jahren hier lebt und eine junge Vietnamesin geheiratet hat. Er sei in den Ferien hergekommen, und eigentlich sei er hier immer noch in den Ferien - denn gearbeitet haber er bisher in Vietnam nicht. Als Ingenieur würde er hier nur zwei Dollar pro Stunde verdienen. Wenn er – ohne jede Qualifikation – Englisch unterrichten würde, käme er auf 20 Dollar. Und für Mathematikunterricht an einer höheren Schule könnte er sogar 30 Dollar verlangen.
Es sei aber nicht einfach, eine Stelle zu finden, und er sei auch nicht darauf angewiesen. In den nächsten Wochen werde er sich hingegen entscheiden müssen, wo er in Zukunft leben wolle – in Melbourne, wo seine Mutter lebt, oder in Kroatien, wo er einen 13-jährigen Sohn aus einer früheren Beziehung hat. Seine jetzige Frau und das Baby nehme er dann einfach mit, sagt er auf meine diesbezügliche Nachfrage hin - obschon sie am liebsten hier bleiben würde. Vietnamesinnen überliessen solche Entscheidungen ihrem Ehemann, sagt er – das sei „einer der Vorteile von ihnen“. |
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Sonntag, 3. Februar 2008
Heute besuche ich eine Messe, an der Vietnamesinnen und Vietnamesen alles finden, was sie für das Têt-Fest brauchen. Geruhsam lasse ich mich durch das Meer der Stände treiben, an denen Kleider, Schuhe, Süssigkeiten, Wein, Kaffee und vieles mehr feilgehalten werden. Besonders die goldverzierten roten Couverts gefallen mir, die es in den verschiedensten Varianten zu kaufen gibt. Sie dienen als Verpackung für die kleinen Geldbeträge, die vietnamesische Kinder anstelle anderer Geschenke zu Têt erhalten.
Ich koste hier ein Stück Gebäck und nehme dort einen Schluck Wein – diese Messe ist ein wahres Paradies für Naschkatzen wie mich. Dazu erhalte ich manch ein freundliches Lächeln geschenkt, nicht selten verbunden mit einem netten Kompliment. Allenthalben herrscht eine heitere, ausgelassene Stimmung, alle sind freundlich und hilfsbereit. Eine Hemdenverkäuferin entschuldigt sich händeringend bei mir, weil sie die passende Grösse nicht vorrätig hat. Dabei mache ich ihr gar keinen Vorwurf – schliesslich rage ich mit meinen zwei Metern deutlich über das vietnamesische Mittelmass hinaus.

Im Freien neben den beiden Messehallen ist eine Reihe von Ständen aufgebaut, an denen Bier, Bratwürste, Wein und andere Köstlichkeiten angeboten werden. Ich setze mich an einen Tisch und beobachte das bunte Treiben um mich herum. Und plötzlich geht mir eine Frage durch den Kopf: Könnte es sein, dass der Besuch einer solchen Messe mehr über das Vietnam von heute, seine Bewohner und deren Wünsche und Freuden verrät als die Besichtigung manch einer so genannten Sehenswürdigkeit? |
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Montag, 4. Februar 2008
Ich liebe es, den Layoutern bei der Arbeit zuzuschauen. Während sie ihre Finger über die Tastatur fliegen und die Maus dazu tanzen lassen, entsteht auf dem Bildschirm blitzschnell eine neue Zeitungsseite. Anders als bei den Zeitungen, die ich kenne, gibt es bei der Viet Nam News keine vorgegebenen Layout-Elemente, aus denen auch Laien problemlos eine Seite zusammenbasteln können. Hier ist die Gestaltung Sache von Profis, die den Pagemaker aus dem Effeff beherrschen. Jede Titelgrösse, jedes Gefäss wird passend zum entsprechenden Artikel ausgewählt. Es braucht einiges an Kombinationsgeschick, um aus drei bis vier unterschiedlich grossen Texten und einem oder zwei Bildern eine ansehnliche Seite zusammenzustellen – doch die Layouter schaffen das spielend.

Dazu geben sie bissige Kommentare zur Bildauswahl der zuständigen Redaktorin ab oder necken sich gegenseitig mit ironischen Sprüchen – genau wie bei Schweizer Tageszeitungen. Auch wenn ich die Gespräche nicht verstehe, bin ich sicher: Layouter aller Länder verbindet eine tiefe Seelenverwandtschaft. |
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Samstag, 9. Februar 2008
Nach viertägiger Abwesenheit bin ich in die Stadt zurückgekommen. Sie wirkt ungewöhnlich ruhig, quasi ausgestorben. Viele Läden und Restaurants sind geschlossen, der Verkehr erreicht kaum das Niveau des Stossverkehrs in Bern. Für viele Vietnamesen dauert der Têt-Urlaub noch bis zum 10. Tag nach Neujahr, also bis Ende nächster Woche. Ich habe die Festtage bei der Familie eines vietnamesischen Bekannten auf dem Land verbracht und wurde dort wie ein Ehrengast behandelt.

Drei Tage lang haben wir hauptsächlich gegessen – nicht umsonst sagen die Vietnamesen „Têt essen“, nicht „Têt feiern“. Übers Jahr leben die bescheidenen Landbewohner hauptsächlich von Reis und Gemüse, zum Neujahrsfest aber werden auch in den einfachsten Hütten Fleisch und Fisch, Klebreiskuchen und Süssigkeiten im Überfluss aufgetischt. Dazu fliessen Dosenbier und Reiswein in Strömen. Dem Gast wird sofort nachgeschenkt, sobald er sein Glas geleert hat, und auch seine Essschale wird nie leer. Ich esse und trinke, so viel ich kann – eine angebotene Speise oder ein Getränk abzulehnen, würde an Neujahr als besonders unhöflich angesehen.

Am Neujahrstag begleite ich meine Gastgeber beim traditionellen Glückwunschbesuch ihrer Nachbarn und erhalte so Einblick in zahlreiche Häuser. Die meisten sind sehr einfach eingerichtet, manche bestehen nur aus einem Holzgerüst mit Lehmwänden und Strohdach. Türen und Fenster gibt es nirgends, von einer Heizung gar nicht zu reden. Immerhin: Über Strom, Telefon und Satelliten-TV verfügen auch die ärmsten Haushalte – ebenso wie über eine Sitzgruppe für den Besuch.Trotz meiner warmen Kleider beginne ich rasch zu frieren und bin froh um den heissen Grüntee, der uns überall angeboten wird. Stets erkundigen sich die Gastgeber nach meinem Alter, Familienverhältnissen und Beruf.
Am Neujahrstag Besuch aus der reichen Schweiz zu erhalten, gilt als glückbringendes Omen für die Zukunft. Manch einer der Nachbarn möchte mich gleich noch zum Abendessen einladen, doch meine Zeit ist leider beschränkt: um alle Einladungen annehmen zu können, müsste ich mindestens eine Woche dableiben. Während der holprigen Busfahrt zurück nach Hanoi denke ich immer wieder an die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die ich in diesen Tagen erleben durfte. Und es kommt mir so vor, als ob der kulturelle Graben zwischen Land und Stadt grösser wäre als derjenige zwischen Hanoi und Bern. |
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Montag, 11. Februar 2008
An meinem letzten arbeitsfreien Tag mache ich mich mit dem Velo auf die Suche nach dem Stadtrand. Gar nicht so einfach in dieser Millionenstadt, deren Ränder scheinbar planlos aufs flache Land hinaus wuchern! Auf einer Ausfallstrasse radle ich Richtung Südwesten, soweit der Stadtplan reicht.

Auf meinem Weg treffe ich auf gigantische Neubaugebiete, wo die Wolkenkratzer reihenweise aus dem Boden schiessen. Ein Bekannter hat mir erzählt, dass hier in den nächsten Jahren mit Hilfe ausländischer Investoren das neue Business-Zentrum von Hanoi entsteht – ein steinernes Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung, den das Land in den letzten Jahren erlebt hat. Das Hanoi der Zukunft gleicht einer Kulisse aus einem alten Science-Fiction-Film. Ob ich die Stadt in zehn Jahren wohl noch wiedererkennen würde? |
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Dienstag, 12. Februar 2008
Nach meiner einwöchigen Abwesenheit werde ich von den Kolleginnen und Kollegen auf der Redaktion herzlich begrüsst. Viele erkundigen sich nach meinen Erfahrungen mit dem Têt-Fest, und ich werde spontan aufgefordert, darüber einen Beitrag für die Umfrage-Seite von dieser Woche zu verfassen – was ich natürlich noch so gerne tue.
Das Neujahrsfest wirkt aber auch auf andere Weise nach: leitende Mitarbeitende der staatlichen Nachrichtenagentur verteilen unter den Angestellten der Zeitung kleine Geldbeträge – so genanntes „lucky money“ – als Glücksbringer für das eben begonnene Jahr der Ratte. Ich erhalte einmal 5‘000 und einmal 10‘000 Dong – zusammen umgerechnet rund einen Franken. Wichtiger als die Höhe des Betrages ist, dass die Banknoten makellos und ungefaltet sind – nur so können sie ihre Wirkung richtig entfalten. Immerhin: im offiziellen „lucky money“-Couvert der Viet Nam News stecken zwei 100‘000-Dong-Scheine. Damit leiste ich mir am Abend ein feines Essen.
Weniger Glück hat das neue Jahr übrigens manchen Verkehrsteilnehmern gebracht: Während der Feiertage hat die vietnamesische Polizei insgesamt 315 Verkehrsunfälle registriert, wie ich der heutigen Zeitung entnehme (die unzähligen kleineren Zusammenstösse wohl nicht eingerechnet). Dabei seien 216 Personen getötet und 336 verletzt worden. Fazit: wer sich allzu sehr auf die Wirkung von Glücksbringern verlässt, muss dafür unter Umständen einen hohen Preis bezahlen. |
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Mittwoch, 13. Februar 2008
Heute bin ich mit einer Redaktionskollegin und ihrem Freund – einem jungen Engländer – essen gegangen. Sie haben sich kennengelernt, als sie in England ein Nachdiplomstudium absolvierte. Ihretwegen hängte er seinen Job an den Nagel und kam nach Hanoi. Obwohl sie offiziell nicht verheiratet sind, leben die beiden in einer gemeinsamen Wohnung – etwas, das ich angesichts der hiesigen Sittenstrenge zuvor für unmöglich gehalten hätte. Massgeblich sei jedoch der äussere Schein und nicht der Trauschein, liess ich mich belehren.
Kurz nach dem Bezug ihrer Wohnung hätten die beiden eine grosse Verlobungszeremonie abgehalten und so dem Argwohn ihrer Nachbarn ein Ende gesetzt, die ansonsten dem Ruf der Familie der jungen Frau ernsthaften Schaden hätten zufügen können. In den Augen der Nachbarn seien sie jetzt Mann und Frau – unabhängig davon, was in den amtlichen Papieren steht. |
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Donnerstag, 14. Februar 2008
Mit Entrüstung hat mich eine Kollegin heute auf eine Meldung einer Nachrichtenagentur aufmerksam gemacht: ein Dutzend dänische Zeitungen haben die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus dem Jahr 2005 noch einmal abgedruckt, nachdem unlängst Pläne eines Attentats islamischer Fundamentalisten auf den Zeichner bekannt geworden waren. Meine Kollegin hatte für den Schritt der Zeitungen überhaupt kein Verständnis: sie empfand ihn als reine Provokation und die Berufung auf die Presse- und Meinungsfreiheit als billigen Vorwand.
Als ich sie fragte, ob die Viet Nam News wohl etwas zum Thema bringen werde, schüttelte sie den Kopf: das Thema sei „too sensitive“. Die Zeitung sei das Aushängeschild der vietnamesischen Regierung gegenüber dem Ausland, sagte sie. Da Vietnam erst seit kurzem auf dem internationalen Parkett aktiv sei, müsse es sich hüten, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen – oder auch nur den Anschein zu erwecken, parteiisch zu sein. |
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Freitag, 15. Februar 2008
Als ich heute Morgen meine Wohnung verliess, lag vor der Tür eine kleine Echse. Reglos blickte sie mich an, als ob sie auf mich gewartet hätte. Erst dachte ich, sie sei tot. Als ich sie jedoch mit meinem Schlüssel berührte, bewegte sie ganz leicht den Kopf. Offenbar war das Tierchen in eine Art Kältestarre gefallen – kein Wunder bei Temperaturen wie in einem Kühlschrank.

Die gegenwärtige Kältewelle macht auch anderen Lebewesen zu schaffen. Die Zeitung berichtete diese Woche von erfrorenem Vieh und von Bauern, die ihren Büffeln Mäntel anziehen, um sie vor der Kälte zu schützen. Zudem wurde ein grosser Teil des frisch gepflanzten Reises in Mitleidenschaft gezogen, und die Gemüsepreise erreichen derzeit wegen Lieferengpässen Spitzenwerte. Auch Menschen fallen der Kälte zum Opfer. So sind während der Feiertage etliche Kleinkinder erfroren, als sie von ihren Eltern über längere Strecken mit dem Motorroller transportiert wurden. Andere Kinder und Senioren wurden mit Erfrierungen ins Spital eingeliefert. Aber auch zahlreiche Brand- und Rauchverletzungen gab es zu verzeichnen, nachdem sich die Menschen mit allen Mitteln aufzuwärmen versucht hatten.
Anfang nächster Woche soll die Kältewelle – die längste seit Menschengedenken – ein Ende haben. Das prophezeien zumindest die Meteorologen. Der Echse vor meiner Tür wird das nichts mehr nützen: als ich heute Abend nach Hause kam, war sie tot – jemand hatte sie zertreten. Erstarrt vor Kälte hatte sie keine Chance zur Flucht gehabt. |
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Samstag, 16. Februar 2008
Sie heisst Milky und ist 29 Jahre alt. Sie hat an der kulturellen Fakultät der Universität Hanoi studiert und arbeitet im Ho-Chi-Minh-Trail-Museum 15 Kilometer ausserhalb der Stadt. Ihre sechs Schwestern sind alle älter als sie und bereits verheiratet – als einzige Tochter lebt sie noch mit ihren Eltern und ihrem Grossvater zusammen. Ihre Grossmutter hatte sieben Söhne. Fünf davon sind im Krieg ums Leben gekommen, der sechste verlor ein Bein. „Only my father was lucky“, sagt Milky. Ihre Grossmutter habe ihr viel von der harten Kriegszeit erzählt und immer wieder gefragt, was wohl mit ihren Söhnen passiert sei.
Die meisten jungen Vietnamesen hätten jedoch kein Interesse an alten Geschichten – sie wollten das Leben in der Gegenwart geniessen. Sie selber verbringe ihre Freizeit am liebsten mit Lesen und Musik hören. Ihrer Mutter gefalle ihre Musik jedoch nicht, darum dürfe sie nie lange hören. Manchmal lese sie vor dem Schlafengehen in der Bibel, manchmal auch im „holy book“ der Buddhisten. Ihre Mutter sage ihr jeweils, sie müsse sich für eine Religion entscheiden. Sie aber wolle das nicht – sie nehme einfach aus beiden Büchern das, was ihr gut scheine.
Jeden Tag müsse sie um sechs Uhr aufstehen und auf den Markt gehen, um einzukaufen. Danach bereite sie das Frühstück vor, bevor sie zur Arbeit fahre. Nach der Arbeit müsse sie das Abendessen kochen. Es sei normal, dass berufstätige Vietnamesinnen nebenbei den Haushalt erledigen müssten. Ob sie das manchmal störe? Nein, wieso auch? Ihre Eltern und ihr Grossvater fragten sie ständig, wann sie endlich heiraten würde. Sie wolle jedoch warten, bis der Richtige daherkomme.
All das und noch mehr erzählt mir die junge Frau nach der Führung durchs Museum. Sie ist offensichtlich froh um die seltene Gelegenheit, ihr Englisch anwenden zu können. Ich sei der erste ausländische Besucher in diesem Jahr, sagt sie. Ansonsten kämen vor allem Gruppen älterer Vietnamesen hierher – Veteranen eines Krieges, für den sich im Vietnam des 21. Jahrhunderts kaum mehr jemand interessiert. |
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Sonntag, 17. Februar 2008
Zum ersten Mal arbeite ich an einem Sonntag. Gestern Abend war ich an der Eröffnungsfeier des internationalen Marionettenfestivals im Opernhaus und heute Morgen am Kulturfestival in der Innenstadt, das im Wesentlichen aus einem zweistündigen farbenfrohen Umzug von Trachten-, Musik-, Tanz- und Sportvereinen bestand. Zu beiden Anlässen verfasse ich kurze Texte, die in der morgigen Ausgabe der Viet Nam News erscheinen werden. Sogar ein Foto von mir findet Verwendung – obwohl es gar nicht so einfach war, bei Nieselregen brauchbare Bilder zu schiessen.

Die Umzugsteilnehmer liessen sich vom trüben Wetter jedoch nicht die Laune verderben – nicht einmal die knapp bekleideten jungen Frauen, die zu lateinamerikanischen Rythmen über den nassen Asphalt fliegen. Ihr strahlendes Lächeln lässt mich einen Moment lang den vietnamesischen Winter vergessen. Kaum ist die Show vorbei, hüllen sie sich aber wieder in ihre dicken Winterjacken - und ich mache mich auf die Suche nach einer wärmenden Nudelsuppe. |
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Montag, 18. Februar 2008
Diese Woche bin ich drei Tage lang beim Courrier du Vietnam zu Gast, der französischsprachigen Schwesterzeitung der Viet Nam News, die ebenfalls von der staatlichen Nachrichtenagentur VNA herausgegeben wird. Die Redaktion befindet sich keine hundert Meter entfernt. Sie ist einen Drittel kleiner als diejenige der Viet Nam News: rund 40 Redaktorinnen und Redaktoren drängen sich in vier knapp bemessenen Büros. Auch die Zeitung ist wesentlich dünner: Umfasst die Viet Nam News normalerweise 28 Seiten, so sind es beim Courrier lediglich 16, die in einer Auflage von ein paar tausend Exemplaren pro Tag gedruckt werden.
Der Kampf um Leser sei hart, denn die Frankophonie befinde seit Jahren auf dem Rückzug, sagt mir der stellvertretende Chefredaktor beim Einführungsgespräch. Das habe nicht etwa mit historisch bedingten Ressentiments gegenüber der früheren Kolonialmacht Frankreich zu tun, sondern vielmehr mit dem Siegeszug der englischen Sprache in der globalisierten Welt, der mindestens seit dem WTO-Beitritt vor einem Jahr auch Vietnam angehört. Heute wollten die meisten junge Leute lieber Englisch lernen als Französisch – nicht zuletzt wegen der besseren Berufsaussichten.
Handkehrum strahlt Hanoi auch 54 Jahre nach dem Abzug der Kolonialherren noch viel französisches Flair aus. Das gilt nicht etwa nur für die Strassengestaltung und die Architektur, sondern auch für die Alltagskultur: an jeder Ecke gibt es frisches Weissbrot zu kaufen, und es wimmelt hier von Cafés, die starken „cà phê“ servieren. Last but not least hat die Kolonialzeit auch beim Kleidungsstil nachhaltige Spuren hinterlassen. So habe ich beispielsweise noch nie in einer Stadt so viele ältere Herren mit Bérets gesehen wie in Hanoi. Und auch wenn die Stadt keinen Eiffelturm besitzt: die 1902 von den Franzosen erbaute Paul-Doumier-Brücke über den Roten Fluss erinnert von ihrer Konstruktion her stark an das Pariser Wahrzeichen – einfach um 90 Grad gekippt. |
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Dienstag, 19. Februar 2008
Noch ein Wort zur hiesigen Kaffeekultur: Anders als in anderen kaffeeexportierenden Ländern gibt es in Vietnam durchaus Kaffee, der diesen Namen verdient, und nicht nur ein dünnes Instant-Gebräu. Wer einen traditionellen schwarzen „cà phê“ bestellt, erhält im Normalfall eine Tasse, die einen blechernen Filter trägt. Darin befinden sich das Kaffeepulver und das kochende Wasser, das sich nun innerhalb von rund vier Minuten tröpfchenweise seinen Weg in die Tasse bahnt.

Klar: ein solcher Kaffee ist nichts für Menschen mit empfindlichen Magennerven – dafür schmeckt er grossartig und sorgt für einen nachhaltigen Energieschub. Wer es gerne süss mag, bestellt einen vietnamesischen Milchkaffee. Dazu kommt zuerst eine Schicht dickflüssige Kondensmilch in die Tasse, bevor diese mit dem Kaffeefilter abgedeckt wird. Ist alles Wasser durch das Kaffeepulver hindurchgetropft, so wird erst gründlich umgerührt und dann genüsslich getrunken: einfach köstlich! |
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Donnerstag, 21. Februar 2008
Auch vietnamesische Hausbesitzer haben ein Problem mit Sprayereien – allerdings sehen diese etwas anders aus als in der Schweiz. Meist handelt es sich um siebenstellige Zahlen, die mit einigen unverständlichen Abkürzungen versehen sind. In der Stadt sind sie buchstäblich an jeder Ecke anzutreffen, anscheinend mit Hilfe von Schablonen auf die Wände gesprayt. Heute hat mir ein vietnamesischer Bekannter erklärt, was es damit auf sich hat: hierzulande sind es nicht Angehörige der Hip-Hop-Szene, die auf diese Weise ihr Revier markieren, sondern spezialisierte Bauhandwerker, die ihre Dienste anbieten.

Oft taucht denn auch das Wort „Be Tong“ auf, das aus dem Französischen entliehen wurde. Die Zahlen geben ganz einfach die Telefonnummer des jeweiligen Handwerkers an. Die Sprayereien würden in der Regel nachts angebracht, erklärte mein Bekannter. Die Behörden hätten schon mehrmals versucht, gegen das Ärgernis vorzugehen – offensichtlich aber ohne Erfolg. Eigentlich komisch, denn mit Hilfe der Telefonnummer sollte es ja kein Problem sein, den Urheber der Sprayerei ausfindig zu machen… |
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Freitag, 22. Februar 2008
Heute Abend bin ich von einem anderthalbtägigen Ausflug in die Provinz Ninh Binh 80 Kilometer südwestlich von Hanoi zurückgekommen, wo ich zusammen mit Vertretern der Deza und einer lokalen NGO ein Projekt gegen häusliche Gewalt besucht habe. Mitgebracht habe ich einen Kopf voll widersprüchlicher Eindrücke: einerseits die Bilder der sonnendurchfluteten Landschaft mit ihren Reisfeldern, steil aufragenden Kalkfelsen und friedlichen Dörfern, andererseits die Gespräche mit Vertretern lokaler Behörden, mit Opfern und mit Tätern, die von einer weniger friedlichen Realität berichten. Von einer Realität, die geprägt ist von Armut, mangelnder Bildung, überkommenen Rollenmustern, Alkohol- und Drogenproblemen. Dies ist der Nährboden, auf dem häusliche Gewalt gedeiht.

Ich habe aber auch hoffnungsvolle Ansätze gesehen: Menschen, die versuchen, sich und ihr Leben zu verbessern, die ihren Beitrag für eine bessere Gesellschaft leisten wollen. Menschen, die sich für andere einsetzen, ohne dafür bezahlt zu werden. Das Projekt, das die Deza unterstützt, hilft ihnen dabei. Seit fünf Jahren werden in 20 Gemeinden Informationen zu den Themen Gleichstellung, Frauenrechte und häusliche Gewalt verbreitet. Es gibt Diskussionsveranstaltungen, Männer- und Frauenclubs, Täter- und Opfergruppen, die sich mit diesen Themen befassen. Ausserdem wurden Interventionsteams und Beratungsangebote geschaffen.
Der Erfolg ist nicht ausgeblieben: Seit dem Start des Projekts ist die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt in den betroffenen Gemeinden im Vergleich zum Rest der Provinz signifikant zurückgegangen. In einer zweiten Projektphase werden nun 14 zusätzliche Gemeinden einbezogen – unter anderem mit Unterrichtsblöcken an Schulen, Beratungsangeboten an Gesundheitszentren und zusätzlichen Gruppenaktivitäten für Männer. Übertriebene Erwartungen sind trotz allem nicht angebracht: der Kampf gegen häusliche Gewalt ist eine Langzeitaufgabe – in Vietnam genauso wie in der Schweiz. |
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Sonntag, 24. Februar 2008
Heute war ich zu Gast in einem Englisch-Club für Jugendliche, der von einem vietnamesischen Dolmetscher geführt wird. Er hatte mich eingeladen, nachdem wir uns Mitte Januar an einem Workshop zum Thema häusliche Gewalt begegnet waren. Der Club findet jeden Sonntag zwischen 17.30 und 19 Uhr im Haus des Dolmetschers statt. Heute wurde er von seiner Tochter geleitet, die an der Universität Hanoi studiert – ihr Vater hatte sich wegen eines Auftrags kurzfristig abmelden müssen. Ausser ihr waren rund 25 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren dabei. Nachdem sich alle kurz vorgestellt hatten, bestürmten mich die Jugendlichen mit allerlei Fragen. So wollten sie etwa wissen, weshalb ich einen Ohrring trage, wie meine erste Freundin geheissen habe und was ich von den Vietnamesinnen halte – nebst den obligaten Fragen nach Hobbies, Lieblingsfarbe und sportlichen Vorlieben.

Als der ärgste Wissenshunger gestillt war, zeigte ich ihnen auf dem Laptop ein paar Bilder aus der Schweiz, die ich aus dem Internet heruntergeladen hatte. Kommentarlos schauten sich die Jugendlichen die Fotos aus der für sie völlig fremden Welt an – ich hatte den Eindruck, dass sie damit wenig anfangen konnten. Aber auch mir kam die helvetische Idylle plötzlich eigenartig surreal vor, ähnlich surreal wie die Bilder aus Vietnam, die ich vor meiner Abreise angeschaut hatte. Wie sehr sich doch der eigene Blickwinkel innerhalb von ein paar wenigen Wochen verschieben kann! |
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Montag, 25. Februar 2008
Liste der Tätigkeiten, die in Hanoi auf dem Trottoir erledigt werden (unvollständig):
- Essen und trinken
- Kochen und braten
- Gemüse schnipseln
- Abwaschen
- Früchte, Gemüse, Zeitungen, Fisch, Fleisch, Brot und anderes mehr verkaufen
- Sich die Zehennägel schneiden
- Sich die Haare schneiden lassen
- Sich gegenseitig lausen
- Chinesisches Schach spielen
- Karten spielen
- Pfeife und Zigaretten rauchen
- Schwatzen
- Velos und Motorroller parkieren
- Motorroller liebevoll einseifen und abspritzen
- Auf Motorrollerpassagiere warten
- Zeitung lesen
Für Fussgänger bleibt da praktisch kein Platz mehr.

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Dienstag, 26. Februar 2008
Vietnamesische Umweltforscher rufen nach einem Gesetz, das die Medien dazu verpflichtet, über den Klimawandel zu berichten: das ist der heutigen Ausgabe der Viet Nam News zu entnehmen. Ausserdem sollen Journalisten gezielt daraufhin ausgebildet werden, über Umweltthemen zu berichten. Diese seien nämlich bei der bisherigen Berichterstattung stets zu kurz gekommen. Die Viet Nam News geht mit gutem Beispiel voran, indem sie auf derselben Seite eine Meldung zum aussergewöhnlichen Laubverlust vieler Bäume in der Stadt bringt. Dies habe mit der plötzlichen Wärme der letzten Tage nach dem Ende der Kältewelle zu tun, wird erklärt. Lange dürfte die Wärme allerdings nicht anhalten: die nächste Kältewelle rollt bereits heran. Ich hätte nichts dagegen, wenn sich der Klimawandel zur Abwechslung mal in Form einer lang andauernden Sonnenschein- und Trockenheitsperiode äussern würde… |
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Mittwoch, 27. Februar 2008
Heute habe ich das Frauenhaus von Hanoi besucht – die erste und bisher einzige solche Institution im ganzen Land. Genau genommen sind es zwei Frauenhäuser, die ihren Betrieb Anfang 2007 aufgenommen haben: eines für Opfer von Menschenhandel, das andere für Opfer von häuslicher Gewalt. Beide verfügen über 20 Plätze, aber zurzeit sind nur ein paar wenige davon besetzt. Das liegt nicht daran, dass diese Angebote nicht nötig wären, sondern daran, dass es für viele Vietnamesinnen nach wie vor unvorstellbar ist, ihre Angehörigen zu verlassen – und sei es auch nur vorübergehend. Lieber lassen sie sich in regelmässigen Abständen von ihrem Ehemann verprügeln, als dass sie ihre Familie im Stich lassen und damit ihr Gesicht als gute Ehefrauen und Mütter verlieren.
Ein Mitarbeiter des Frauenhauses erzählt mir von einer 50-jährigen Frau, die 26 Jahre lang von ihrem Mann regelmässig geschlagen wurde. Dennoch liess sie sich nur mit Mühe dazu bewegen, herzukommen – nachdem sie innerhalb eines Jahres dreimal ins Spital eingeliefert werden musste. Nach ein paar Tagen im Frauenhaus wollte sie bereits wieder nach Hause, obwohl sie genau wusste, dass dort neue Gewalt auf sie wartete. Es werde Generationen dauern, bis sich solche Verhaltensmuster ändern liessen, sagt der Sozialarbeiter. „It’s only a start – but a good one.“ |
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Donnerstag, 28. Februar 2008
In meinem Alltag ereignen sich immer wieder banale Dinge, die mir dennoch irgendwie zu denken geben. Zum Beispiel heute Morgen, als ich auf der Strasse eine Brotverkäuferin anhalte, um ihr zwei knusperfrische Brötchen zum Frühstück abzukaufen. Ich sage auf Vietnamesisch „zwei Brote“ zu ihr, sie holt das Gewünschte aus ihrem Sack und murmelt einen Preis, der deutlich über dem Üblichen liegt – wie gewöhnlich, wenn Ausländer bei fliegenden Händlern etwas kaufen wollen. Mit Belustigung geben die Umstehenden ihre Kommentare ab. Eine Frau aber mischt sich energisch ein, indem sie mir mit Händen und Füssen zu verstehen gibt, der Preis für zwei Brote betrage 3000 Dong - etwa 25 Rappen. Also gebe ich der Brotverkäuferin 3000 Dong. Die schaut ziemlich säuerlich drein, nachdem ihr die andere das erhoffte Geschäft mit einem Ausländer vermiest hat. Ich aber finde es rührend, wie eine mir unbekannte Passantin resolut dafür sorgt, dass ich ja nicht über Gebühr zur Kasse gebeten werde.
Und mir kommt eine andere Episode aus den letzten Tagen in den Sinn: als ich mit dem Velo auf einer Hauptverkehrsstrasse unterwegs war, fühlte ich plötzlich eine Berührung am linken Arm. Als ich hinüberschaute, sah ich eine mittelalterliche Frau, die mir im Vorbeifahren vom Velo aus eine lange Staubfussel vom Ärmel meiner Regenjacke zupfte. Wir lächelten uns zu und fuhren ohne anzuhalten weiter – und ich war im Stillen unheimlich gerührt.
Es mag übertrieben klingen, aber für mich kommt in beiden Episoden eine Art Sorge um den Mitmenschen zum Ausdruck, die in einem eigenartigen Kontrast zum harten Alltag der meisten Leute steht, und die ich in der Schweiz bisher kaum je erlebt habe – eine Fürsorge ohne Hintergedanken. |
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Freitag, 29. Februar 2008
Ich habe meinen ersten grösseren Artikel fürs Inlandressort fertiggestellt: einen Bericht über das Projekt zur Prävention von häuslicher Gewalt in der Provinz Ninh Binh, das ich letzte Woche besucht habe. Bei der Arbeit daran habe ich gemerkt, wie schwierig es ist, in einem Land Journalismus zu betreiben, dessen Sprache und Kultur einem fremd sind. Auch wenn die einheimischen Deza-Mitarbeiter hervorragend Englisch sprechen, konnten sie nicht alles wortwörtlich übersetzen, was unsere Gesprächspartner sagten. Zudem war es schwierig, die Aussagen einer bestimmten Person zuzuordnen, da sie im Rahmen von Gruppengesprächen gemacht worden waren.
Und auf meine Nachfragen erhielt ich selten so klare Antworten wie ich mir gewünscht hätte. Aber auch Telefon- und Internetrecherchen gestalten sich hier wesentlich schwieriger als zu Hause – teils aus sprachlichen, teils aber auch aus technischen Gründen. Unter diesen Voraussetzungen ist es gar nicht so einfach, eine brauchbare Reportage abzuliefern. Die erste Version meines Artikels musste ich nach einer fundierten Textkritik der Inlandchefin völlig umschreiben. Mit dem Endresultat bin ich aber ganz zufrieden – und sie anscheinend auch. |
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Samstag, 1. März 2008
Auf meiner Velotour zur Thay-Pagode 20 Kilometer westlich von Hanoi habe ich heute mächtig Staub geschluckt. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Hanoi wünschte ich mir eine Gesichtsmaske, wie man sie hier zu Tausenden sieht – bei Velo- und Rollerfahrern in der Stadt, aber auch bei den Obst- und Gemüseverkäuferinnen an der Überlandstrasse. Es gibt sie in den verschiedensten Grössen, vom knappen Mundschutz bis zum Maxi-Modell, das nur noch die Augen frei lässt. Manche sind weiss, andere knallbunt: der Phantasie der Designer sind keine Grenzen gesetzt. Bis anhin hielt ich die omnipräsenten Stofflappen lediglich für modische Accessoires von zweifelhafter Ästhetik, heute aber habe ich erkannt, dass sie durchaus etwas nützen – wenn nicht gegen die Abgase, so doch zumindest gegen den Strassenstaub.
Aber auch wenn sie buchstäblich mit Zähneknirschen verbunden war, habe ich die zweistündige Fahrt zur Pagode enorm genossen. Endlich scheint die Sonne, endlich kann ich mich ohne Regenjacke aus dem Haus trauen! Ich hätte jubeln können, wie ich mit meinem Velo gemütlich dahingondelte, während ein unablässiger Strom von Motorrädern, Autos, Bussen und Lastwagen an mir vorbeizog. Viele Fahrzeuginsassen bedachten mich mit mitleidigem Lächeln, aufmunternden Zurufen oder zumindest einem fröhlichen „hello“. Velo fährt hier eigentlich nur, wer sich kein anderes Transportmittel leisten kann – in erster Linie Schulkinder und arme Frauen. Ein zwei Meter grosser Ausländer auf einem Damenfahrrad kommt also einer kleinen Sensation gleich. Kaum vorstellbar, dass das Fahrrad vor 20 Jahren noch das Hauptverkehrsmittel war in Hanoi. Aber wer weiss, vielleicht steht ihm ja eine glorreiche Renaissance bevor – etwa wenn die Benzinpreise künftig weiter steigen sollten wie in der letzten Zeit. |
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Sonntag, 2. März 2008
Obwohl ich nun schon zwei Monate hier bin, habe ich noch gar nie übers Essen geschrieben. Bisher habe ich das Thema in meinem Tagebuch sozusagen unter den Tisch gewischt. Und das, obschon essen eines meiner Hobbies ist und ich hier praktisch jeden Tag ein neues Restaurant entdecke, in dem sich trefflich speisen lässt! Das tun denn auch nicht nur die Ausländer hier von Herzen gern. Auch immer mehr Vietnamesen können und wollen es sich leisten, auswärts zu essen. Das hat sich gerade heute Abend wieder einmal bestätigt, als ich der einzige ausländische Gast in einem gut besetzten, wunderbaren Fischrestaurant mit Blick auf den Roten Fluss war.
Der Grund für meine bisherige Zurückhaltung bei diesem Thema liegt wohl darin, dass sich die nordvietnamesische Küche nur schwer auf einen Nenner bringen lässt. Klar: die bekannteste Hanoier Spezialität ist Nudelsuppe mit Fleisch (Rind oder Huhn), gefolgt von verschiedenen Sorten Frühlingsrollen (frisch, gedämpft, gebraten). Daneben bieten aber die meisten Restaurants eine umfangreiche Palette anderer Gerichte an – Fleisch von allen möglichen Tieren (Rind, Schwein, Geflügel, Kaninchen, Schildkröte, Krokodil usw.), Fisch und Meeresfrüchte, Reis und Gemüse. Ob dieser Vielfalt empfinde ich die Wahl bisweilen tatsächlich als Qual. Glücklicherweise sind die meisten Speisekarten mit einer englischen Übersetzung versehen, sodass man zumindest weiss, was man bestellt.
Allen Gerichten gemeinsam ist, dass sie – zumindest in guten Restaurants - frisch zubereitet werden und auch so schmecken. Mikrowellen-, Steamer- und Tiefkühlgeräte scheinen in hiesigen Küchen gottlob noch nicht im grossen Stil Einzug gehalten zu haben. Vieles wird mit Knoblauch, Frühlingszwiebeln und frischen Kräutern abgeschmeckt, besonders scharf ist die nordvietnamesische Küche dagegen nicht. Für einen exotischen Touch sorgen mitunter die Saucen, die zu den Gerichten gereicht werden.
Die berühmteste darunter ist „nuoc mam“, eine gelbliche, aus vergorenem Fisch hergestellte Brühe, die auf keinem vietnamesischen Tisch fehlen darf. Im Übrigen wird viel frisches Gemüse verarbeitet, die meisten Gerichte sind dementsprechend leicht und vitaminreich. Klar, es gibt auch Genüsse, die einem westlichen Gaumen fremd sind – Hunde-, Katzen- oder Schlangenfleisch zum Beispiel. Diese Fleischarten gelten hier als besondere Delikatessen, die nur in spezialisierten Restaurants auf den Tisch kommen. Dieses Vergnügen hatte ich bisher zum Glück noch nie. Meine exotischste Erfahrung diesbezüglich war geschnetzelter Schweinsmagen. Der schmeckte – äh – speziell.
Manches an der vietnamesischen Küche mag einen wirklich befremden. Etwa die Angewohnheit, zum Frühstück Nudelsuppe zu schlürfen und dafür bei Hauptmahlzeiten die Suppe erst am Schluss zu essen. Oder das Fehlen einer fixen Menüreihenfolge – in der Regel werden die Gerichte in einer völlig zufälligen Reihenfolge aufgetischt. Anderes kommt einem aber auch vertraut vor. Etwa die vietnamesische Spezialität „bit tet“ – ein saftiges Beefsteak mit Pommes Frites und gebratenen Zwiebeln. Besonders die Küche der französischen Kolonialherren hat in Vietnam Spuren hinterlassen, die noch heute sichtbar sind. So ist auf den meisten Speisekarten unter Desserts „kem caramen“ aufgeführt – nichts anderes als crème caramel. |
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Montag, 3. März 2008
Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht: heute hat bereits die letzte Woche meines Stages bei der Viet Nam News begonnen. Ermutigt vom positiven Echo auf meinen Artikel vom Samstag habe ich einen Text über meinen Besuch im Frauenhaus geschrieben. Als ich ihn der Leiterin des Inlandressorts zur Lektüre vorlegte, folgte allerdings ein satter Dämpfer: ich müsse unbedingt persönlich mit betroffenen Frauen sprechen, befand sie – und zwar mindestens mit dreien davon. Andernfalls könne sie die Geschichte nicht ins Blatt bringen, zumal es schon wieder ums Thema häusliche Gewalt gehe.
Aus journalistischer Sicht muss ich ihr leider Recht geben: mein Text basiert zur Hauptsache auf den Aussagen der für das Frauenhaus zuständigen Personen – direkt Betroffene kommen darin nicht zu Wort. Der Grund dafür ist simpel: die Frauen waren nicht da, als ich am Mittwoch zu Besuch kam. Deshalb rief ich heute umgehend den zuständigen Sozialarbeiter an und fragte, ob ich noch einmal vorbeikommen könne. Pech gehabt: in der Zwischenzeit seien alle Bewohnerinnen des Frauenhauses zu ihren Familien zurückgekehrt, erklärte er mir.
Nun bleibt mir nur noch ein kleiner Hoffnungsschimmer: dass der Sozialarbeiter ein Treffen mit der 50-jährigen Frau arrangieren kann, die ich in meinem Beitrag vom letzten Mittwoch erwähnt habe. Diese lebt in einem Vorort von Hanoi, den ich problemlos mit dem Velo erreichen könnte. Allerdings müsste ich eine Journalistin der Viet Nam News als Übersetzerin mitnehmen. Wenn der Besuch nicht zustande kommt, werde ich den Artikel wohl unter dem Kapitel Trockenübungen ablegen müssen. Tant pis – auch solche Erfahrungen gehören zu einem Stage. |
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Mittwoch, 5. März 2008
Ein Artikel in der Viet Nam News zeigt auf, wie schwierig sich der Kampf gegen AIDS in Vietnam mitunter gestalten kann. So haben die Mitglieder einer Aktionsgruppe offenbar grösste Mühe, die Betreiber von billigen Herbergen in einem Rotlichtviertel von Hanoi zur Abgabe von Gratis-Kondomen an ihre Kunden zu bewegen. Der Grund: im Falle einer Polizeikontrolle werden die Kondome von der Polizei (zu Recht) als Indiz für Prostitution interpretiert – und die ist hier verboten (während Kondome an sich an jeder Ecke gekauft werden können).
Ein Regierungsmitglied spricht sich im Artikel allerdings vehement für die Abgabe von Gratis-Kondomen aus, weil sie der weiteren Ausbreitung von AIDS entgegenwirke. In der Praxis scheint die Haltung der Behörden aber nicht so eindeutig zu sein. So war vor ein paar Tagen ebenfalls in der Viet Nam News ein Bericht über eine Razzia in einer Disco zu lesen. Dabei habe die Polizei einige heisse Ware beschlagnahmt, hiess es - darunter „many ecstasy tablets, cannabis, aphrodisiacs and condoms“. |
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Donnerstag, 6. März 2008
Am Morgen bin ich zu Besuch beim staatlichen Radiosender Voice of Vietnam. Ein deutscher Journalist, der als Ausbildner für die deutschsprachige Sendung arbeitet, hat mich gefragt, ob seine vietnamesischen Kolleginnen mit mir ein Übungsinterview durchführen dürften. Ein komisches Gefühl, für einmal selber Red und Antwort stehen zu müssen! Die jungen Frauen fragen mich nach meiner Arbeit bei der Viet Nam News und in der Schweiz. Sie wirken ziemlich nervös – offenbar haben sie selten Gelegenheit, Deutschsprachige zu interviewen.

Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei, und wir unterhalten uns etwas lockerer über die länderspezifischen Unterschiede der Mediensysteme. Alle sprechen sehr gut Deutsch. Das müssen sie auch, schliesslich produzieren sie jeden Tag eine halbstündige Nachrichtensendung für die deutschsprachigen Expats in Vietnam. Gehört habe ich sie allerdings noch nie: sie wird jeweils um sieben Uhr morgens ausgestrahlt, wenn ich noch tief schlafe.
Am Nachmittag wird in der Redaktion der Viet Nam News wieder mal etwas gefeiert. Kuriere liefern prächtige Blumensträusse für etliche Kolleginnen ab – Vorboten des Tags der Frau, wie mir erklärt wird. Offenbar ist es üblich, dass ein Verehrer seiner Auserwählten vor diesem Tag anonym Blumen ins Büro schicken lässt. Jeder Strauss, der eintrifft, löst ein grosses Hallo und Rätselraten um den Absender aus. Später gibt’s Süssigkeiten und ein Glas Wein für alle, offeriert von den (wenigen) männlichen Mitarbeitern der Viet Nam News. Ich bin gespannt, was morgen folgt – schliesslich wird der Tag der Frau erst am Samstag begangen. |
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Freitag, 7. März 2008
Mein letzter Arbeitstag bei der Viet Nam News – obschon von Arbeit eigentlich nicht mehr die Rede sein kann. Es kommt mir vor, als sei ich erst gestern zum ersten Mal in die Redaktion gekommen, so schnell ist die Zeit vergangen. Entsprechend überrascht reagieren manche Kolleginnen, als ich mich bei ihnen verabschiede. Als kleines Abschiedsgeschenk verteile ich Schweizer Schokolade, die ich in einem hiesigen Supermarkt gekauft habe.

Zu meinem Erstaunen findet sie bei den figurbewussten jungen Frauen reissenden Absatz. Ich mache zur Erinnerung ein paar Fotos vom Team und esse in der Pause zum letzten Mal eine Schale Suppe mit den Ressortkolleginnen, die mich in den letzten neun Wochen herzlich aufgenommen haben. Mit dem Bauch voller Suppe, dem Kopf voller Erinnerungen und dem Herzen voller warmer Gefühle steige ich die Treppe hinunter und schiebe mein Fahrrad auf die Strasse.
Ein Kapitel geht zu Ende, ein neues beginnt: in den nächsten zwei Wochen will ich das Land bereisen, von dem ich bisher nicht viel mehr als die Hauptstadt gesehen habe. Vietnam, ich komme! |
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MAZ - aktuell
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