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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Fabian von Allmen berichtet aus Bangladesch
Fabian von Allmen (1984) arbeitet vom 2. Januar bis zum 14. Februar 2012 beim «Daily Star» in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Er ist Videojournalist und Redaktor bei Telebärn. Zuvor absolvierte er einen zweijährigen Stage beim «Berner Oberländer».
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31. Dezember, 20 Uhr Ortszeit.
Oben, weit oben, der Himalaya, unten, ganz Flach, Bangladesch. Landeanflug: Sumpfgebiet, Ziegelöfen, Müllfeuer am Rande des Rollfelds. Ankommen, nach kurzen zehn Stunden Flug. Dhaka International Airport, warten auf den Hotelbus. Nachdem ein anderer Gast trotz langer Wartezeit doch noch aufgetaucht ist, gehts ins Taxi, geholt von der Strasse. Das ist also ein bangladeschischer Hotelbus, ein Taxi. Silvesternacht: für mich gibts für einmal Tee und Biskuits. Und ich verschlafe die Jahreswende. Trotz Gehupe, Böllern und dem Gesang des Muezzins.
1. Januar, Neujahrstag.
Unter der Tür liegt die druckfrische Ausgabe des "Daily Star", meinem künftigen Arbeitgeber. Der Frontaufmacher ist ein Jahresrückblick mit der Schlagzeile "Mixed Bag of bold steps, grave failures". Der Leitartikel malt ein düsteres Bild der amtierenden Regierung: Sie habe es in den drei bisherigen Regierungsjahren verpasst, dringend nötige Reformen umzusetzen und sich primär mit zwar mutigen Vorstössen, aber eben auch kapitalem Scheitern ausgezeichnet. Der Zug der dringenden, aber unpopulären Reformen sei nun abgefahren, da die nächsten zwei Jahre vom Wahlkampf und den damit einher gehenden populistischen und teuren Massnahmen geprägt sein werden. Das vergangene Jahr war laut dem Leitartikel geprägt von steigenden Lebenshaltungskosten, dem beginnenden Prozess gegen Kriegsverbrechen oder dem Sieg der Kandidatin einer lokalen Regierung gegen den Willen der beinahe allmächtigen Premierministerin.
In der Beilage entdecke ich einen Artikel über Pressefreiheit. Diese sei immer noch "a far cry". Pressefreiheit wird zwar von der Verfassung garantiert, von derselben aber auch eingeschränkt. Sie ist also rechtlich ziemlich frei definierbar. Reporter ohne Grenzen sieht Bangladesch auf Platz 126 von 178, wenn es um die Pressefreiheit geht.
Drei Beispiele: Ein Chefredaktor einer lokalen Onlinezeitung wird wegen Erpressung drei Monate lang inhaftiert, die Vorwürfe stellen sich nach und nach als erfunden heraus. Er wird schliesslich aus dem Gefängnis entlassen und noch am selben Tag wieder verhaftet. Wegen derselben Vorwürfe, in leicht modifizierter Form. Das Rapid Action Battalion RAB, eine Elitetruppe der Polizei, attackiert TV Journalisten innerhalb (?) des Redaktionsgebäudes. Bestimmte Journalisten werden von einer Pressekonferenz ausgeschlossen, da sie kritisch über das einladende Ministerium berichteten. Soweit die Fakten von Reporter ohne Grenzen. Was und ob solche Fakten etwas für den journalistischen Alltag bedeuten, versuche ich in der nächsten Zeit zu erfahren.
Montag, 2. Januar

Der fahrende Hühnerkäfig
Der erste Arbeitstag beginnt mit einer CNG-Fahrt. CNG steht für Compressed Natural Gas und das Vehikel ist in angrenzenden Ländern besser bekannt als Tuk-Tuk. Aber eigentlich ist es ein fahrender Hühnerkäfig, der Passagier wird vom Fahrer im hinteren Abteil mittels eines Eisenbolzens an der Tür eingesperrt. Das soll vor Diebstahl schützen, bei einem Unfall aber sässe man so richtig in der Falle, eingequetscht im Eisenkäfig.
Trotz mulmigem Gefühl ist die Fahrt ein grosser Spass. Ein bisschen wie Mario-Kart, nur lauter und das Ruckeln unter dem Hintern ist echt. Das Ding beschleunigt innert Sekunden auf gefühlte 50 Stundenkilometer, ausgewichen wird, wenn überhaupt, erst in der letzten Millisekunde und ich bin immer wieder überrascht, dass es auf dieser Fahrt nicht mindestens hundert Zusammenstösse gibt. Oder dass das Hühnerkäfig-Ding nicht in einer Kurve umfällt. Ein wenig weich auf den Beinen komme ich beim "Daily Star" an. Das Hochhausgebäude ist neu, vor knapp einem Jahr bezogen. Die Lobby aber ist noch im Bau.
Gegen elf Uhr ist die Redaktion ausgestorben, der grosse Trubel spielt sich hier in den Abend und Nachtstunden ab. Mein WG-Kumpan Mahbub Morshed, ein Blattmacher beim "Daily Star", ist gestern erst um drei Uhr morgens aus dem Büro gekommen. Die Uhren ticken hier ein bisschen anders, oder wie es Malik, der Chefreporter, ausdrückt, "this ain't no military drill", sondern ein kreativer Job. Das heisst aber nicht, dass keine Disziplin herrschte: Als ein anderer Reporter Malik und mir getrocknete Feigen anbietet, werden die strikt nur im Pausenräumchen gegessen. Dieses bietet eine fantastische Aussicht an diesem mit Smog verhangenen Morgen.
Ich werde allen vorgestellt und kann mir nur die wenigsten Namen merken, geschweige denn die Gesichter. Morgen werde ich zusammen mit einem weiteren Reporter auf die erste Geschichte angesetzt. Heim gehts wieder mit dem CNG. Ein Wermutstropfen bleibt: Von diesen Dingern aus ist es wegen der vom Käfig eingeschränkten Sicht fast unmöglich, ein Bild der Stadt zu erhalten. Eigentlich sehe ich nur weitere CNGs und hoffe, dass ich heil ankomme.
3. Januar, Der Tag mit Emon

Im Fokus der TV-Kameras stehen nicht nur die Minister...

..sondern auch ich.
Heute früh holt mich der Reporter Emon ab und ich entdecke eine neue Leidenschaft: Motorradfahren! Das macht noch mehr Spass als CNGs, man ist schneller, spürt den Wind in den Haaren und ausserdem sieht man was von der Stadt. Also, Emon ist mit dem Motorrad unterwegs und wir fahren zum National Press Club. Das ist sowas wie das Bundeshaus-Medienzentrum, jede Organisation kann Räume mieten, sofern sie zahlt.
Auf dem Programm steht eine Pressekonferenz mit dem Gesundheitsminister (Malik, der Chefreporter rät mir den Herrn zu fragen, was ich machen muss damit ich nicht krank werde. Er als Gesund müsse das ja wissen..) Thema sind Community Clinics (CC), UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon hat diese kürzlich als vorbildlich für andere Entwicklungsländer gepriesen. Der Staat will die CCs den lokalen Gemeinschaften übergeben. Dies, um zu vermeiden, dass nach einem Regierungswechsel die Kliniken wieder geschlossen werden. So geschehen nach dem Wahlsieg der Bangladesh National Party (BNP) 2002. Dass nach Regierungswechseln hier alles umgekrempelt wird hat schon fast Tradition. Ein unsinniges Beispiel: Alle wichtigen Institutionen werden umbenannt nach Persönlichkeiten aus dem jeweiligen Lager. Kosten werden keine gescheut...
Emon, der Reporter, glaubt aber, dass der wirkliche Grund die CC den lokalen Gemeinschaften zu übergeben sei, dass sich die Regierung aus der Verantwortung ziehen kann. Die CCs funktionierten nämlich nur in den seltensten Fällen, Ärzte ziehen es vor in Privatkliniken in der Stadt zu praktizieren. Und Ärzte sind Mangelware. Zur Auflockerung nach der Pressekonferenz zeigt mir Emon den Kampus seiner alten Universität, der University of Dhaka. Hier wird auch gleich die nächste Szene für eine TV-Serie gedreht, nichts aufregendes. Laut Emon sind der Darsteller in der B und die Darstellerin in der C-Klasse der Prominenz zu finden.

Solche Serien werden in Dhalywood (vergl. Bombay – Bollywood) en masse produziert.
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Pressefreiheit, Update
Vor zwei Tagen wurde eine TV-Journalistin von einem MP (Member of Parliament) tätlich und vor laufenden Fernsehkameras angegriffen. Nun ist im Blätterwald die Hölle los: Journalisten bilden Menschenketten, andere Organisationen fordern Konsequenzen für den Politiker der Regierungspartei Awami League. Er selbst streitet den Angriff ab, obwohl jeder den Wutausbruch in den Abendnachrichten gesehen hat. (Oton: "Die Filmsequenz wurde so geschnitten, dass ich als Angreifer dastehe. Aber seht mich an, ich bin doch viel zu alt um überhaupt die Kraft zu haben, diese junge Frau zu verletzen.) Der Politiker ist selbst stolzer Besitzer eines Fernsehsender (in Bangladesh ein beliebtes Machtinstrument für Politiker und andere lusche Persönlichkeiten) und lässt die TV-Journalistin über diesen diskreditieren. Thema des eigentlichen Fernsehbeitrags war die Erhöhung der Gebühren einer Privatschule, ebenfalls im Besitz des genannten MPs, welche die gesetzliche Obergrenze bei weitem sprengt. Die Posse nimmt ihren Lauf..
Heute hat der schlagende MP die Schüler seiner Privatschule gezwungen, eine Menschenkette zum Protest gegen die "mediale Verschwörung" gegen ihn zu bilden.
Als ich auf der Suche nach Fotosujets die Strassen rund um die Redaktion erkunde, stellt sich mir ein Typ in meinem Alter vor. Auch er sei Journalist und müsse "serious matters" mit mir besprechen. Ehe ich mich versehe, sitze ich mit ihm in einer Teestube und plaudere. Tanvir ist 28-jährig, arbeitet für die staatliche Nachrichtenagentur. Ja, als Journalist könne es schon gefährlich sein. Als er mit 19 Jahren als Studentenrat einen Politiker in der Öffentlichkeit diskreditierte wanderte er für einige Tage ins Gefängnis. Und die Polizisten brachen sein Bein. Deshalb ist Tanvir Journalist geworden, so sei er besser vor der Willkür geschützt und habe mehr Einfluss. Soweit seine Story, verifizieren kann ich sie kaum. Dafür anbei einige Fotos von Strassenszenen rund um die Redaktion.




6. Januar, Freitag (der Tag des Freitagsgebets und somit weitgehend der freie Tag)
Heute findet im Hauptquartier des Daily Star ein Leadership Colloquium statt. Thema: Informations- und Kommunikationsstrategien in der Gesundheitsversorgung. Telemedicine ist dabei zentrales Thema. Also wenn mittels Mobiltelefonen, die auch auf dem Land sehr verbreitet sind, Patienten die Doktoren um Hilfe anfragen können. Das geht soweit, dass nicht mehr Doktoren zu den Patienten fahren, sondern Pfleger die Leute betreuen und mittels Tablets die richtige Medikation oder Behandlung ermitteln. Das ganze ist nicht nur Zukunftsmusik, sondern zu einem gewissen Grade Realität: Gegen die Hälfte der schwangeren Frauen lassen sich so beraten.
Der Daily Star und die Sponsoren des Colloquiums haben keine Kosten gescheut: Neben der ultrastarken Klimaanlage, sogar mit meiner Sommerjacke wars noch kalt, wurde gar eine Live-Videoübertragung organisiert. Ein aus den USA zugeschalteter Medizintechniker erklärte die Vorzüge eines neuen Highend-Herzklappenschliessungs-Dings. Grotesk, da Bangladesh nun wirklich dringendere medizinische Probleme zu bewältigen hat.
8. Januar, Sonntag
Nach sechs Tagen arbeiten nehme ich einen Tag frei und versuche endlich, mit viel Schlaf, meinen Biorhythmus soweit anzupassen, dass ich nicht mehr jeden Moment einzuschlafen drohe.
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9. Januar, Eine tödliche Liebesgeschichte
Liebe kann in Bangladesh tödlich sein. Vor ein paar Tagen wurde ein Kleinkind leblos im Treppenhaus eines Spitals in Dhaka gefunden. Die Mutter liess sich behandeln und ihr Kind im Warteraum zurück. Weinend und mit dem toten Kind im Arm zeigte sie der Daily Star am darauf folgenden Tag auf der Titelseite. Nun kommt Licht ins Dunkel der Geschichte. Gestern führte die Polizei die drei Hauptverdächtigen der Presse vor (der Pranger lässt grüssen..): ein Mann und die Mutter selbst. Bisheriger Stand der Ermittlungen: Der Mann ist der Liebhaber der Mutter und er hat das Kind getötet. Dies, weil er sie heiraten möchte, aber nur ohne Kind. Die Mutter selbst will ihn auch heiraten, ist aber noch mit dem Vater des Kindes, der behindert ist, liiert. So wird das Kind halt liquidiert (Zitat: "to get rid of the child") und der Weg in eine neue Heirat scheint frei. Eine äusserst tragische Geschichte.
Zur Zerstreuung und weils für mich gerade nichts zu tun gibt, unternehme ich eine CNG-Stadtrundfahrt. So wird mir zum Beispiel eine Fahrt im Wert von 150 Taka (zwei Franken) für 3000 (40 Franken, ein halbes Monatseinkommen) angeboten. Ich lehne ab. Auch die Ente für 500 Taka (bitte nun selbst ausrechnen..) passt gerade nicht so. Das Leben als Europäer in Dhaka empfinde ich als bis anhin sehr angenehm. Ich werde zum Beispiel regelmässig von wildfremden zum Chai (Tee) eingeladen, im Supermarkt von drei Angestellten persönlich betreut und auf der Strasse begrüsst. Anbei die Ente, ob sie noch unter uns weilt, sei dahingestellt.

Ein unschlagbares Angebot, äusserst frisch und erst noch preiswert.
10. Januar, On the Road again
Der Fotograf Jamil nimmt mich heute mit auf Erkundungstour. Mein Wunsch: Ein Ziegelsteinfabrik. Die qualmenden Schornsteine waren schon von Flugzeug aus nicht zu übersehen. Es gibt davon tausende im Land, die lehmige Erde kann überall verwendet werden. Als wir ankommen, machen die Arbeiter gerade Pause. Als sie uns sehen, beginnt die Arbeit. Gegen zwölf Ziegelsteine schichtet sich jeder auf den Kopf und trägt sie vom Ofen ins Freie. Durch den alles umgebenden Staub erinnern sie an Gespenster. Eine lange vergangene Szene.
Für Schweizer Standards sind die Steine übrigens nicht geeignet, zu ungenau, erfahre ich aus sicherer Quelle.
Weiter geht die Fahrt über lehmigen Boden durch diese Welt voller Menschen und ihrer Geschichten. Sie pflanzen etwa Reis oder verbrennen irgendwelches Metall. So ist das hier.






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Freitag, 13. Januar
Das Biswa Istema ist das zweitgrösste muslimische Festival nach dem Haj in Mekka. Am morgen fahre ich mit dem Fotografen Palah Khan nach Tongi, nödlich von Dhaka, wo das Festival heute beginnt. Die Fahrt ist wieder erwarten kurz, es ist Freitag und somit sind die Strassen nicht ganz so verstopft wie üblich. Wir finden unseren Parkplatz in einem Holzschopf beim Eingang - als wir etliche Stunden später wieder wieder gehen, will uns der Holzschopfbesizer eine Parkgebühr abringen. Das lässt sich Palash aber nicht bieten und wir düsen ohne zu bezahlen einfach davon.
Tausende Männer strömen nun auf eine Art Insel, wo sie gemeinsam beten werden. Beim Eingang entdecke ich einen Natelaufladestand, das gibts ja auch bei unsrigen Openairs...
Die Fotografen haben sich auf dem Dach einer Moschee eingerichtet, hier ist die Sicht auf die Insel frei. Diese ist bedeckt von einem Meer von Zeltblachen, die Armee hat eine mobile Panzerbruecke eingerichtet um sie einigermassen gefahrlos zu erreichen. Palash und ich wagen die Brückenquerung und Fotografieren einige Impressionen. Nicht ohne blöd angeschaut zu werden, hier ist das Fotografieren nähmlich nicht erwuescht. Am Ufer des Flusses macht sich auch eine Gruppe von Frauen fürs Gebet bereit, ungewoehnlich, denn das weibliche Geschlecht betet eingentlich weit weg, auf der anderen Seite der Insel. Immer wieder bin ich überrascht, wie bereitwillig sich die Menschen fotografieren lassen. Auch als Palash der Burkatragenden Frau die Kamera praktisch ins Gesicht hält, macht diese ohne Aufhebens mit.
Um halb zwei beginnt schliesslich das Gebet. Heute sind es etwa 200 000 Gläubige die sich niederknien. Am Sonntag, dem Höhepunkt der Zeremonie, werden es zwei Millionen sein. Aber auch heute ist der Platz so beschränkt, dass gar das Dach der Moschee, ein paar Frachtschiffe und eigentlich überall soweit das Auge reicht, voll ist mit Gläubigen.




Samstag, 14. Januar
Nun bin offiziell ein Mitarbeiter des Daily Star. In der Kulturabteilung werde ich vom Verantwortlichen für die nächste Woche eingeteilt. Während des Dhaka International Film Festival werde ich einige Berichte schreiben. Wir besuchen kurz den Austragungsort, die National Library. Es gibt keinen roten Teppich und der Filmpreis trägt keinen Namen. Als ich “the golden Rickshaw” als Name für den Filmpreis vorschlage bricht die mich umgebende Gruppe in schallendes Gelächter aus. Also ich fände das einen passenden Namen. Sie anscheinend nicht so. Der Festivaldirektor verspricht mir aber, sich das mal zu überlegen.
Sonntag, 15. Januar
Heute nehme ich mal wieder frei und mache einen Ausflug zum New Market. Ich brauche neue Jeans. Wie erwartet werde ich von einigen Händlern in Beschlag genommen und kaufe auch tatsächlich was. Zwar zu einem guten Preis, aber die Qualität ist fragwürdig. Und wahrscheinlich auch die Herstellung. Der Markt ist so überladen, einen Überblick zu bekommen gelingt mir vorerst nicht. Ich hab den Tipp bekommen, dass die Züge heute so richtig überladen sein werden, wegen des Biswa Istema. Also fahre ich zum grössten Bahnhof und hoffe auf eine fotogene Zugsankunft. Als ich eintreffe, ist der Zug schon da, die Leute aber schon weg. Auf einer Art Fussgängerbrücke richte ich mich ein, zücke die Kamera und warte. Zwei Stunden. Dann wird es dunkel. Kein Zug ist eingetroffen. Ein wenig frustriert schiesse ich dennoch ein Foto. Kinder verbrennen Kehricht auf den Geleisen.

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Dienstag, 17. Januar
Es ist schon seltsam. Kaum ist man ein paar Tage irgendwo in der Fremde, wird das Fremde vertraut. Zeit ist ein Gleichmacher. In den ersten Tagen hier in Dhaka sah auf jedem Meter hundert Sujets für ein Foto, zwanzig neue Eindrücke und drei Dinge die mich irritierten. Heute, knapp drei Wochen später, wirken viele Dinge vertraut. Manchmal ist es schwierig, das zu akzeptieren.
Aber nicht etwa deswegen gibts in dieser Woche nicht viele Fotos, sondern weil ich nun schreibe. Drei Artikel sind geschrieben, der erste ist in der heutigen Ausgabe des Daily Star gedruckt.
Am Abend geh ich wieder ans DIFF (Dhaka International Film Festival – auch hier sind Abkürzungen der Brüller). Im Programm: Lost Freedom aus der Türkei. Thema: Folter regierungstreuer Conterguerilla im Kurdengebiet Anatoliens. Der Film: Eine Folter selbst. Der Plot ist voraussehbar, die Charaktere sehr verschwommen, die Erzählsprache holprig. Und das ganze ist derart unterbelichtet (was wahrscheinlich dem Projektor im maroden Vorführungssaal zu verdanken ist), dass ich erst ganz am Schluss definitiv erkenne, dass der Folterknecht und die Schwester des gefolterten miteinander Turteln. Naja.
Mittwoch, 18. Januar
Heute bin ich schwach. Ich esse chinesisch. Das erste Mal. Ich hatte bis jetzt nur einmal ein Menu im Kentucky Fried Chicken (hält nie was es verspricht), sonst nur Bangladeshi Essen. Manchmal in der Kantine (auch hier ist der „Kantinenfrass“ bekannt) und meistens zu Hause. Mahbubs Maid ist zwar nicht gerade eine Starköchin aber sie kocht anständig. Also, chinesisch. Nicht so der Hit. Das gewollte Menu, Peking Ente, gäbe es nur ab vier Personen. Mir egal, ich zahl auch dafür. Nix da, ich bestell ein wenig wiederwillig Fried Chicken (wie im KFC also eigentlich...). Wie gesagt, nicht so der Hit. Ich ess morgen wieder Curry. Auch gut. |
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Donnerstag, 19. Februar
Bangladesh ist einem Militärcoup entgangen. Heute wurde bekannt, dass ein Dutzend hochrangiger Offiziere einen Coup planten um die momentane Regierung und damit die demokratische Ordnung zu stürzen. Das ganze ist erst zu nehmen. Wie weit die Planung des Militärcoups aber fortgeschritten war, ist derzeit noch unbekannt. Sicher ist, dass die Planer aus den Reihen der islamistischen Partei Jamaat-e-Islami stammen. Die Partei steht derzeit massiv unter Beschuss, ein führender Kopf wurde letzte Woche im Kriegsverbrechertribunal – die Institution verhandelt derzeit die Kriegsverbrechen während des Unabhänigkeitskrieges von 1971 - verurteilt. Mein Mitbewohner vermutet Pakistan und Saudi Arabien hinter dem Coup, den Ländern ist das säkuläre Bangladesh ein Dorn im Auge. Der Korrespondent der BBC vermutet, dass die Islamisten zwar nicht genug Rückhalt für einen Umsturz in der Armee hätten, dass sie aber durchaus Unruhen provozieren könnten. Das ist ein wenig beunruhigend.
Nichtsdestotrotz sind wieder zwei meiner Artikel erschienen, hier die Links:
Freitag, 20. Februar
Am Shodor Khat, dem Hafen von Dhaka, gibt es unglaubliche Bilder. Leider steht die Sonne gerade so hoch, dass ich nur mit Hilfe eines Weihnachtsgeschenks (ein Polarisationsfilter fürs Kameraobjektiv, merci Papa) einigermassen etwas hinbekomme. Am Flussrand herrscht ein unglaubliches Gewusel, Säcke werden mit Rickshaws angeliefert und verladen, Fährmänner buhlen um die Gunst der Kunden, Ziegen laben sich am Wasser und ein paar Knaben sammeln Müll. Es stinkt bestialisch und ich werde natürlich auch umworben. So mache ich nach bewährter Manier: Tee trinken, Zigaretten verteilen und so ein paar Aufpasser gewinnen. Das klappt auch heute wieder hervorragend und die drei neuen Freunde halten mir das Übelste vom Leib. Ich unternehme ein kurze Bootsfahrt, vorbei an verrosteten Kähnen, den richtig grossen Fährschiffen erst im letzten Moment ausweichend.
Später treffe ich auf drei Westler, potenzielle Touristen. Wir winken uns zu und das wars auch schon. Westler hats hier wahrlich nicht viele.
Am Nachmittag werden die Filmpreise des Dhaka International Film Festival verliehen, leider sind nicht so viele Repräsentanten anwesend. Und so kommt es, dass ein türkischer Produzent gleich ein Dutzend Preise in Empfang nimmt, obwohl er nicht ein einziges Mal selbst gewinnt. Er wird die Preise für all die türkischen Produktionen aber sicher in die Türkei bringen.
Bilder vom Shodor Kat.




Samstag, 21. Januar
Diese Momente gibt es in jedem Journalistenleben. Man hat sich auf einen gemütlichen Nachmittag eingestellt, die Story im Kopf schon geschrieben, wartet nur noch auf die treffenden Zitate, alles paletti also. Aber dann, ja dann dämmert es langsam, dass man sich getäuscht hat. Die Story steht auf wackligen Beinen und droht abzusacken. Jetzt kommt man nur noch mit einem unerwarteten Effort zum Ziel, mit einem, auf den man sich nicht eingestellt hat.
So geschehen heute Nachmittag. Ort: Dhaka Central Public Library. Thema: Eröffnungszeremonie des Children Film Festival. Sprache aller Reden: Bangla.
Lösung: verzweifelt einen Übersetzer suchen. Neben mir sitzen ausschliesslich Kinder, die kaum English sprechen und auch nicht sonderlich an den Reden interessiert sind. Was mich auch nicht weiter wundert. In der Ferne entdecke ich Kamar Ahmed Simon, einen Filmemacher mit dem ich schon zu tun hatte. Er rettet mich aus der misslichen Lage und übersetzt und wird so zum offiziellen Held des Tages. Der Artikel ist schliesslich, nach einer haarsträubenden Busfahrt (aber wie könnte die auch anders sein?), in zwei Stunden fertig und ich mache mich ein wenig geschafft auf den Heimweg. |
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22. Januar. Der Zug, die Slums, das Zahlenspiel.
Geschafft! Nach wiederum zweistündigem Warten kam der Zug vom Biswa Istema, überladen wie aus dem Bilderbuch. Hier das Bild.

Entlang der Schienen liegen die Slums von Dhaka. Wie viele Menschen hier leben, weiss wohl niemand. Sie feilschen, schlafen, waschen sich, trocknen ihre Wäsche und leben auf und an den Bahngeleisen.



Und heute ist zudem der Artikel vom Children's Film Festival erschienen. Eben der, bei dem ich mal kurz geschwitzt habe. |
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24. bis 26. Januar, Projektbesuch mit der Deza
Nach vier Stunden kommen wir endlich an. Der Weg führte uns von der südlichen Stadt Khulna über ein mit Schlaglöchern übersähte Strasse, eine Flussquerung mit der Fähre und eine Motorradfahrt über enge Dämme, das Ziel: Eine Baustelle der Humanitären Hilfe Schweiz. Hier, im abgelegenen Bagerhat District baut die Deza zwölf Zyklon Bunker, über der Erde versteht sich. Das massive Betongebäde bietet im Fall eines solchen Wirbelstrums Platz für 1000 Menschen und ein paar hundert Tiere.

Der Bunker steht auf seinem Land, eine freiwillige Spende.
Im Jahr 2007 sorgte der Zyklon Sidr für weiträumige Zerstörung in der Region, 4000 Menschen kamen ums Leben. Zwei Jahre später folgte mit Aila ein weiterer Zyklon. Die internationale Gemeinschaft beschloss den Bau der Cyclone-Shelters, die Schweiz baut deren zwölf. "Die Idee ist auch, der Bangladeshi Regierung ein Vorbild für solche Bunker zu geben. Die Schweiz ist überzeugt, dass die flächendeckende Versorgung durch den Staat geschehen muss", sagt Derek Müller, der Verantwortliche der Deza in Bangladesh und mein Begleiter auf dieser Reise in den Süden.

Markus Sprenger und Derek Müller
Markus Sprenger ist fuer den Bau verantwortlich. Der Liechtensteiner sorgt dafür, dass die Sicherheit eingehalten wird, die Arbeiter recht bezahlt sind und auch immer genügend Leute auf der Baustelle sind um das Projekt vorwärts zu treiben. Der Bau wird von lokalen Vetragspartnern geleitet, Sprenger schaut ihnen auf die Finger. Immer wieder gibt es Verzögerungen, zum Beispiel fehlt Zement. Der Nachschub ist schwierig, die Säcke werden mit einem dreirädrigen Gefährt angeliefert, das nicht gerade den stabilsten Eindruck macht. Und die Lademenge ist sehr gering.

Die Arbeiter auf der Baustelle
Nach Ende der Baustellenbesichtigung gibt das Dorf einen Empfang mit Blumengirlanden und Kokosnussmilch. Das Red Bull der Reisfelder, wie es Markus Sprenger nennt.
Gegen Abend treffen wir bei einem bereits fertig gestellten Bunker ein. Das Betongebäude wirkt auch hier wie ein Fremdkörper, ist es doch umgeben von den einfachsten Behausungen. Nun will die Deza erreichen, dass die Shelters permanent genutzt werden. Die Idee ist, den Unterhalt durch die Gebäudenutzung zu erwirtschaften. Ohne Unterhalt sind die Dinger in diesem Klima in wenigen Jahren baufällig. Ein Dorfkomiteee erwartet uns in einem der Räume. Sie erzählen uns, dass der Bunker bisher an NGOs zur Benutzung ausgemietet und ein Gästezimmer für Reisende eingerichtet wurde. Irgendwer trocknet sein Heu, jemand anderes seinen Reis. Eine lokale NGO sorgt dafür, dass die Dorfbewohner etwas aus dem Bunker machen und auch verstehen, warum dieses Ding da in ihrem Dorf steht.

Das Dorfkomitee erzählt

Der Bunker im Nirgendwo
Zurück geht die Reise am nächsten Tag mit dem Wasserflugzeug. Da wartet man am grossen Fluss und irgendwann hört man das Ding, es landet, man steigt ein und nur 40 Minuten später landet das Gerät sicher in Dhaka.
27. Januar
Wieder wage ich einen Abstecher an den Hafen, diesmal mit Jamil dem Fotografen. Am morgen fotografierten wir noch einige Demonstrationen, sage und schreibe drei verschiedene Gruppen mit jeweils ein paar hundert Leuten demonstrierten vor dem Press Club, gegen dieses und jenes. Zu demonstrieren gibt es hier immer was, sei es gegen zu hohe Mieten, für bessere Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter und grundsätzlich für den Kommunismus.

Am Hafen werden die Statuetten für das Hindu-Fest der Göttin der Erziehung verladen und verkauft. Viele haben ein Stück Zeitung vor dem Kopf, da das Gesicht eigentlich erst am Tag des Festes, also morgen, gesehen werden sollte. Für die Fotografen werden die Zeitungsstücke aber freiwillig entfernt.

Am Abend schickt mich die Redaktion an die Abschlusszeremonie des Children's Film Festival. Diesmal bin ich gewappnet und suche mir von Beginn weg einen Übersetzer. Diese Rolle spielt der 14-jährige Ahmed ganz hervorragend und ich bin auf dem Laufenden. Ich bin immer wieder überrascht, wie gut hier einige Kinder Englisch sprechen.
Link zum Artikel
28. Januar
Heute begleite ich Jamil an ein Interview mit der Band Miles, die bald ihr 30-jähriges Jubiläum feiert. Man hat mich offiziell mit einem Fotoauftrag hergeschickt, was mich ein wenig ehrt. Miles sind die Gründer des Banlgarock und auch ihr erfolgreichstes Aushängeschild. Ihre Touren führten sie schon um den ganzen Erdball und sie spielen ausschliesslich Stadionkonzerte mit jeweils 30 bis 40 000 Fans. Die Musiker sind so nett und sprechen nur englisch. Besonders gefällt mir die Aussage des Gitarristen, dass viele Musiker das Gitarrespielen als Leistungssport verstehen, bei dem es nur darum geht, noch schwierigere Sachen als alle anderen zu spielen. Die Seele dabei auf der Strecke. Parallelen finden sich überall auf dem Globus.

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1. bis 3. Februar, Sylhet
Um endlich etwas vom Land zu sehen fahre ich nach Sylhet, in den Norden Bangladeshs. Sylhet ist die Teeregion von Bangladesh. Im etwas kühleren Klima gedeihen die Stauden, soweit das Auge reicht. Die Teeproduktion reicht aber gerade für den unstillbaren Bangladeshi Teehunger, exportiert wird kaum.
Schon auf der Fahrt mache ich Bekanntschaft mit Hassan, einem Touristenführer. Spontan begleite ich ihn zum Bahnhof, Hassan will ein Ticket für die Rückfahrt kaufen. Den Weg unternehmen wir per Boot, in der Abendsonne badet die Stadt, oder ihre Armen, im Fluss.


In Hinterhöfen werden die berüchtigten Dhalywood Filme gezeigt. Der Plot ist so ziemlich nebensächlich, es geht in diesen Filmen primär um Schlägereien und nackte (!) Haut.

Wir unternehmen einen Abstecher zum Fischmarkt, ein lebendiger Ort der dank unserer, oder wohl eher meiner, Präsenz noch lebendiger wird. Praktisch jeder der Händler will sich und seinen Fisch mit der Kamera festgehalten haben. Ich mache fröhlich mit.


Am nächsten Morgen besuche ich mit Nirul einen nahegelegenen Nationalpark. Nirul ist Touristenführer und mein heutiger Begleiter. Im Wald haben wir Glück, nach kurzer Zeit schwingen Rhesusaffen über unseren Köpfen hinweg.

Nach dem Besuch der Teeplantagen, leider ist gerade keine Erntezeit und die Felder sind ausgestorben, will ich eine Kirche besuchen. Wir finden ein Kloster der Mutter Theresa. Das Frauenkloster ist eine Art Rehaklinik, in der Kranke gesundgepflegt werden. Jeder und jede sind willkommen. Und ich werde gleich zum bleiben eingeladen, das Angebot nehme ich aber vorerst nicht an.

Ich war mal auf einer Teeplantage in China. Da gibt es das ganze Touristenprogramm von der Teezeremonie bis zum quasi obligatorischen Teekaufen. Nicht so in Bangladesh. Ich muss Nirul zweimal daran erinnern, dass ich hier tatsächlich Tee kaufen will und so fahren wir in einen Hinterhof, wo ich für umgerechnet zwei Franken ein halbes Kilo der besten Qualität vom lokalen Händler kaufe. Der Tourismus ist hier wirklich unterentwickelt.
Auf der Busfahrt zurück nach Dhaka treffe ich einen Bangladeshi, der Washington lebt und mit einer mexikanischen Fastfoodkette reich geworden ist. Die Welt ist voller Wiedersprüche.
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Montag, 6. Februar
Heute treffe ich mich mit Botschafter Urs Herren für ein Interview zum Thema 40 Jahre bilaterale Beziehungen Schweiz-Bangladesch.
Dienstag, 7. Februar
Wieder wird demonstriert, Menschenketten sind hier besonders beliebt: heute zum Thema Kriegsverbrechertribunal. Die Anhänger der Regierungspartei Awami League unterstützen den Prozess lauthals, Puppen der mutmasslichen Täter gehen in Flammen auf.

Das International Warcrimes Tribunal läuft seit letztem Herbst. Angeklagt sind Mitglieder der Jamaat-e-Islami (die kleinere der Oppositionsparteien). Die Männer haben während des Befreiungskriegs 1971 die pakistanischen Streitkräfte unterstützt und sich an Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Das damalige Ostpakistan (heute Bangladesh) lehnte sich gegen die Unterdrückung von Westpakistan auf: Bengalen hatten in der Regierung in Islamabad praktisch nichts zu melden, Bengali wurde als Sprache erst nach blutigen Protesten akzeptiert und das Militärpersonal in Ostpakistan bestand fast ausschliesslich aus Westpakistani. Der Daily Star spricht von der Zeit von 1947 (Teilung des indischen Reichs in Pakistan und Indien und Ende der britischen Herrschaft) bis 1971 gar von "Era of Occupation" also von der Besatzungszeit. Der kurze und äusserst blutige Bürgerkrieg forderte 300 000 tote und Millionen flohen nach Indien. Angeklagt sind also lediglich Kollaborateure. Die Drahtzieher des Krieges wurden von Indien 1972 an Pakistan ausgeliefert und geniessen dort die Freiheit. Pakistan hat kein Interesse an der Aufarbeitung des Bruderkriegs.
Der Prozess ist im Land allgemein akzeptiert und wird auch von der Opposition, die ansonsten gegen alles, aber wirklich alles ist, nicht kritisiert.
Die letzten Wochen waren auch eine Zeit kleinerer Unruhen. Ein Beispiel sind die Universitäten. Im Januar eskalierte ein Streit über die mangelhafte Qualität von Speisen an der technischen Universität in Dhaka: Studenten, die ich an einem Protestmarsch gegen diese Gewalt traf, schilderten mir die Vorgänge so: Die Studentenorganisation der Oppositionspartei Bangladesh Nationalist Party schmiss ein Fest, die Speisen aber waren laut den Gästen schlecht und überteuert. Der Streit eskalierte und die xx Studenten zogen mit Bambusstöcken, Eisenstangen und Macheten marodierend über den Campus. Ein Student wurde zu tode geprügelt. Der Campus wurde geschlossen und erst vor wenigen Tagen wieder geöffnet. Die Studenten am Protestmarsch waren immer noch geschockt und wütend, zeigten mir ihre Wunden. Einer ihrer Freude bekam einen Machetenhieb ab, wurde aber glücklicherweise nur leicht verletzt.
Der Vorfall entwickelt sich langsam zum Flächenbrand, vor ein paar Tagen gab es zwei tote und 40 Verletzte an einer Universität in Chittagong, der zweitgrössten Stadt Bangladeshs. Verfeindete Studentenorganisation (beide Anhänger der einen und der anderen grossen Partei) rotteten sich nach einer kleineren Prügelei zusammen und gingen aufeinander los, wiederum mit Bambusstöcken, Eisenstangen und Macheten.
Die politischen Studentenorganisationen sind in Bangladesh die Basis für die Rekrutierung von Parteimitgliedern. Sie sind grundsätzlich hoch geachtet, da dank diesen Gremien der Wiederstand gegen die Besatzer organisiert und schliesslich die Freiheit errungen wurde. Und: Als der Krieg 1971 ausbrach, beschossen pakistanische Panzer als erstes die Wohnblöcke der Studenten.
Diese Gewaltorgien zeichnen ein düsteres Bild für die Zukunft des Landes. Und für den Wahlkampf, der so langsam beginnt. Bei den Landesweiten Märschen der Oppostionspartei im Januar gab es schon auch schon tote, erschossen von der Polizei.
9. Februar, Donnerstag
Heute bin ich zu einer Hochzeit eingeladen, eine von Mahbubs (mein Mitbewohner) unzähligen Cousinen heiratet. Krankheitshalber (Magenverstimmung, welche Überraschung..) muss ich den spannenden Teil, die Zeremonie, absagen und gehe nur ans Essen. Das ist primär eine Fotosession, die Braut und der Bräutigam sitzen dazu während drei (!) Stunden lächelnd auf einem Sofa und lassen sich mit der halben Stadt ablichten.


Dem Bräutigam setzt das Lächeln langsam zu..
10. Februar, Freitag
Als Fotograf begleite ich Jamil ans 30-Jahr-Jubiläums-Konzert von Miles, der Banglarockband schlechthin. Hier der Artikel.

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Letzter Tag - 22.2.2012
Mein letzter Tag beim Daily Star fällt mit einem tragischen Ereignis zusammen: Am frühen morgen wurden die Leichen eines bekannten Journalistenpaars in ihrer Wohnung gefunden. Die beiden wurden brutal erstochen, der sechsjährige Sohn musste zusehen. Die Stimmung in der Redaktion ist gedrückt, einige der Reporter waren enge Freunde des Paares. Ich verabschiede mich an diesem traurigen Tag.
Ob der Mord etwas mit der journalistischen Arbeit des Paares zu tun hatte, ist auch eine Woche später noch nicht geklärt. Die Polizei hält sich für einmal über den Ermittlungsstand bedeckt. Die Gerüchteküche brodelt und von einem Familiendrama mit Eifersuchtsmotiv, über ungeklärte Besitzverhältnisse und die mögliche Verstrickung der Journalisten in dunkle Geschäfte ist alles zu hören.
Eine Reise durch Bangladesh (sehr kurz)
Montagmorgen, kurz vor sieben, Kamplapur Railwaystation Dhaka. Der Zug fährt verspätet ein. Ich werde von einem Bangladeshi belagert, der unbedingt die Fahrt mit mir verbringen will und schaffe es für einmal nicht, ihn abzuschütteln. Etwas wiederwillig lasse ich ihn neben mir Platz nehmen und er quasselt dann auch die fast sieben Stunden Fahrt durch. Meine Nerven haben zwar gelitten, doch die Bekanntschaft wird sich auszahlen. Der Zug erreicht die Hafenstadt Chittagong mit vier Stunden Verspätung und der letzte Bus Richtung Bandarban hat die Busstation vor einer Stunde verlassen. Ich checke in ein Hotel ein.
Am nächsten Morgen gehts Richtung Chittagong Hill Tracts (CHT), Bandarban. Die CHT sind eine Region mit bewegter Geschichte: Wegen Verstrickungen mit Pakistan sind die dort lebenden indigenen, meist burmesischen Gemeinschaften bei vielen Bangladeshi verhasst. Die Folge war ein Guerillakrieg nach der Unabhängigkeit der sich erst in den 90er Jahren mit einem Friedensvertrag etwas abkühlte. Noch heute ist das Gebiet vom Militär eingekesselt und die Detonation der Übungsgranaten sind bis weit in die Hügel hörbar. Ausländer brauchen eine Bewilligung, die ich eine Woche vorher beantragen musste. Die Papiere werden am Checkpoint kontrolliert und ich erreiche Bandarban und meine Unterkunft, das Hillside Resort, am frühen Nachmittag. Die Landschaft ist atemberaubend, ich besuche einen buddhistischen Tempel, werde von Mönchschülern in die Stadt zurückgefahren und schlafe mit dem Zirpen der Grillen friedlich ein.

Bandarban wirbt mit dem Besuch von Eingeborenendörfern (nicht meine Wortwahl, Original: "Bandarban – come to see the tribal people!"). Ich wandere etwas einem Flusslauf entlang und sehe trotz der vom Typen an der Reception fahrig gezeichneten Karte auf einer alten Rechnung (!) kein "Eingeborenendorf". Dafür ein paar Fraue die Molche fischen und ein alter Mann, der friedlich einen Korb flechtet. An einem kleinen Stand am Strassenrand verkaufen die burmesischen Frauen der Region Schals. In der Schweiz soll es ja kalt sein und ich greife zu. Ich sitze auf einer kleinen Treppe und ein kleines Mädchen schenkt mir Bananen, die Mutter winkt mir von etwas weiter weg freundlich zu. Schön.

Die Reise geht weiter ins Ferienparadies des bangladeschi Mittelstands: Cox's Bazaar. Hotelburgen spriessen hier wie die Pilze aus dem Boden, der Strand ist bevölkert von Familien (gebadet wird in Saris und Shorts und T-Shrirts, Sonnenbaden ist verpönt). Auch ein Jetski ist unterwegs. Zuviel des Rummels für mich, ich fahre 15 Kilometer in den Süden und werde mit einem Upgrade; anstatt ein kleines, wird mir ein grosses Hüttchen mit Outdoordusche,Hängematte und einem Bett im Garten – was ich wegen der Moskitos nur am Tag benutzt – offeriert. Grossartig.

Der Weg führt nach einem Tag Strand und Sonnenbaden inklusive Sonnenbrand wieder nach Chittagong. Und ich bete, bete dass der Busfahrer nicht so verrückt ist wie er aussieht und fährt – und dass er endlich sein hämischen Grinsen sein lässt, jedes mal wenn er wieder eine Rickshaw oder ein CNG von der Strasse abgedrängt hat. Zu meiner Überraschung erreichen wir Chittagong ohne einen Kratzer.
Chittagong ist keine attraktive Stadt, ich bin einzig wegen der Schiffsdemontagewerften zurückgekehrt. Der Typ, der im Zug Harve auf meinem Nervenkostüm gespielt hat, hat mir versprochen, Zugang zu erhalten. Ausländer und Kameras sind hier nicht geduldet. Zu meiner Überraschung schaffen wir es tatsächlich durch eines der Tore und da stehe ich nun, vor Megatonnenöltankern, in ihre Einzelteile zerlegt. Wie überdimensionierte, gestrandete Wale sehen diese Riesen aus und der Anblick ist schlicht grotesk. Kein Trockendock, nur Strand, Schweissbrenner, Hämmer und eine Armee von Arbeitern. Der Spass ist aber wie erwartet schnell vorbei, nach einigen Minuten werden wir davon gejagt. Ein paar Bilder sind trotzdem geschossen.


Zurück in Dhaka
Das wars, ich komme zurück und lasse nicht nur ein paar dreckige Socken in diesem Bangladesh, dass so anders ist, als ich mir ausgemalt hatte. |
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| ENDE
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MAZ - aktuell
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