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Aus Quito berichtet Andrea Tognina |
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Andrea Tognina arbeitet seit 2000 als Journalist bei der italienischsprachigen Redaktion von swissinfo/Schweizer Radio International. Vorher hat er Zeitgeschichte in Florenz studiert und war während zwei Jahren in Chur als Mittelschullehrer tätig. Seine ersten journalistischen Erfahrungen hat er in der inzwischen eingegangen unabhängigen Puschlaver Zeitschrift «La Scarìza» (Der Funke) gesammelt. In Quito absolviert er ein vom MAZ und von der DEZA vermitteltes sechswöchiges Praktikum bei der ecuadorianischen Tageszeitung «El Comercio». |

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1. Oktober 2007
Um 8.30 Uhr kommt der Flugzeug der KLM mit etwas Verspätung in Quito an. Noch vor nicht all zu vielen Stunden diskutierte ich mit Kollegen über die bevorstehenden Wahlen in der Schweiz. Und schon bin ich mit den hiesigen Politik konfrontiert: Zwei Bekannten, die mich am Flughafen abholen, kommentieren während der Taxifahrt zu meinem vorläufigen Aufenthaltsort die ersten Resultate der Wahlen der Asamblea constituyente, der verfassungsgebenden Versammlung, die gestern stattgefunden haben. «Die Liste der Regierung hat haushoch gewonnen», freut sich Gabi, die Doppelbürgerin von Ecuador und der Schweiz ist. Die Diskussion geht zu Hause leidenschaftlich weiter. Verwandte und Nachbaren haben alle eine sehr pointierte Meinung über die aktuelle politische Lage des Landes. Lustig ist, dass ehemalige Präsidente Ecuadors mit dem Vornamen gennant werden: Lucio (Gutierrez), Gustavo (Noboa), Jamil (Mahuad).
Die Mehrheit der Anwesenden scheint die aktuelle Regierung Rafael Correas zu unterstützen. Spürbar ist die Hoffnung, dass Correa das Land zu einer positiven Entwicklung führen kann, nach Jahren der politischen und wirtschaftlichen Instabilität. Es gibt aber auch Skeptiker. «Es ist nur zu hoffen, dass er seine Popularität und seine Macht nicht missbraucht», sagt etwa Marina, eine junge Mutter: «Schaut was in Venezuela passiert: Der Präsident Chavez will schon die Kinder der patria potestad (der elterlichen Gewalt)entziehen, um sie dem Staat zu unterwerfen. Ganz wie damals in der Sowjetunion».
Am Nachmittag geht es schon in Richtung Süden. Im südlichen Teil der Hauptstadt Ecuadors befindet sich die Redaktion der Tageszeitung «El Comercio», das politisch wohl einflussreichste Blatt des Landes. Dort werde ich während der nächsten Wochen als Stagiaire arbeiten. Wenn man , im Norden der Stadt, dort wo ich wohne, die Leuten fragt, wie man am besten die Redaktion der Tageszeitung erreicht, ist die Antwort meistens: «Con el trole (mit dem Trolleybus)». Wenn man aber weiterfragt, wie man denn genau dorthin ankommt, ist die Antwort oft sehr unbestimmt: «Wir kennen den südlichen Teil der Stadt kaum. Wir gehen fast nie dorthin». Die Stadt, eingekesselt zwischen zwei mächtigen Bergketten, entwickelt sich in der Länge, und der modernere und reichere Norden scheint eine gewisse Distanz zum ärmeren Süden bewahren zu wolle.
Bei der Redaktion von «El Comercio» werde ich von Pedro Daza empfangen, der für die Buchhaltung und allerlei organisatorischen Fragen zuständig ist. Er stellt mir Dutzende von Kollegen vor, die Namen kann ich mir aber kaum merken. Der Jet Lag und der Sauerstoffmangel gibt mir zu schaffen, meine Konzentrationsfähigkeit leidet darunter. Ich werde jedenfalls der Abteilung «Stadt» zugeordnet. Da aber die heutige Edition der Tageszeitung abgeschlossen werden muss, hat Dimitri, der Abteilungsleiter, kaum die Zeit, mir zu erklären, was von mir erwartet wird. Wir werden es morgen besprechen. Ich kehre erschöpft nach Hause zurück und bin gespannt, ob ich der Augabe gewachsen bin. |
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3. Oktober 2007
Nach zwei Tagen beginne ich einen Überblick über die Strukturen des Comercio zu bekommen. Heute begleite ich Maria Bélen während einer Reportage in einem Quartier von Quito, Ciudadela Santa Ana. Jeden Tag widmet die Zeitung einem barrio der Hauptstadt und seinen Bewohnern ein Porträt. Ciudadela Santa Ana liegt im südlichen Teil der Stadt. Letzte Woche wurde hier bei einem Streit zwischen einem Autofahrer und einem Motorradfahrer eine Person erschossen.
Bei strömendem Regen erreichen wir den Polizeiposten des Quartiers, die Unidad de Policía Comunitaria. «Bei der Polizei sind oft gute Informationen zu holen», erklärt mir Maria Bélen. Und tatsächlich: Ich bin überrascht über die Bereitschaft der Polizisten, ohne Voranmeldung uns ausführliche Informationen zu geben. Keine Spur von Misstrauen, die Pressekarte des Comercio scheint viele Türen zu öffnen.
Auch die Bewohner des Quartiers, mit denen wir ins Gespräch kommen, sind sehr freundlich und beantworten bereitwillig die Fragen meiner Kollegin. Kriminalität, Lärm, Abfall, fehlende Strassensignalisation sind einige der Probleme, die von den Leuten erwähnt werden. Eigentlich ist aber die Ciudadela Santa Ana ein verhältnismässig sicheres Quartier, vor allem seitdem die Policía Comunitaria die Strassen patrouilliert, sagt der Vizepräsident des Quartiers, Diego Hidalgo. Was bis vor kurzem den Leuten ein Gefühl von Unsicherheit und Verlassenheit gab, war seiner Meinung nach vor allem die Tatsache, dass sich niemand um den kleinen Park in der Mitte des barrio kümmerte. «Da lag überall Abfall herum, das Gras wurde nie geschnitten, es gab viele streuende Hunde», sagt Herr Hidalgo. «Wir mussten mehrmals bei der Stadtverwaltung intervenieren und auch eine minga (freiwillige Gemeinschaftsarbeit) organisieren, damit sich die Situation wenigstens teilweise verbesserte». Auch in andere Quartiere Quitos scheint die Pflege des öffentlichen Raumes eine wichtige Angelegenheit zu sein. Gepflegte Pärke und Sportanlagen haben eine identitätsstiftende Funktion und stärken den Gemeinschaftssinn. |
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4. Oktober 2007
Am Morgen begleite ich Alejandra (Journalistin) und Diego (Fotograf) zur Kirche von San Francisco. Die älteste Kirche von Quito feiert den Tag des heiligen Franziskus, Schutzheilige der Stadt (die eigentlich San Francisco de Quito heisst). Eine kleine Statue des Heiligen wird aus der Kirche getragen und macht einen kurzen Spaziergang auf dem Platz. Knallraketen werden gefeuert, himmelsblaue Luftballone verschwinden im blauen Himmel. Später erscheint eine Gruppe Dominikanermönche, die wie jedes Jahr am 4. Oktober die Minoriten des Klosters San Francisco besuchen und dann die Messe in der gleichnamigen Kirche zelebrieren.

Alejandra erzählt mir eine Legende rund um den Bau der Kirche. Es geht, ähnlich wie bei vielen Legenden im Alpenraum, um einen Pakt zwischen den Baumeister und den Teufel. Als der Teufel nach dem Bau der Kirche seinen Lohn fordert, verweist der Baumeister auf einen fehlenden Stein im Mauerwerk des Gebäudes und rettet somit seine Seele. Der Stein, heisst es, fehlt heutzutage immer noch.
5. Oktober 2007
Heute erwarten mich zwei Termine beim Büro der DEZA in Quito und bei der Schweizer Botschaft. Ich stehe mit Mühe auf, gestern Abend war ich zum ersten Mal in einer Salsoteca. Das Lokal heisst Seseribò, befindet sich im Keller eines modernen Gebäudes im Norden der Stadt und sieht fast wie eine Kunstgalerie aus. Viele Bilder zeitgenössischer Künstler aus Ecuador hängen an den Wänden. Die hauseigene Band tritt mit Gastmusikern auf, gespielt wird eine bezaubernde Mischung aus Salsa, kubanischem Son und jazzigen Elementen...
Aber zurück zu den Terminen: Im Büro der DEZA (hier als COSUDE bekannt), in der Nähe vom Park Carolina, erwartet mich Diego Mena. Mit ihm hatte ich schon vor meiner Ausreise Kontakt aufgenommen. Er erkundet sich sehr freundlich über meine ersten Erfahrungen in Ecuador und erklärt mir anschliessend die Aktivitäten der DEZA im Lande. Das Büro in Quito arbeitet an einem «phasing-out» (so das technische Wort): Die DEZA wird bis Ende 2009 das Land verlassen, aus Spargründen und weil die Prioritäten der schweizerischen Entwicklungspolitik anders gesetzt wurden. Darum ist es jetzt für die DEZA wichtig, die bisher geleistete Arbeit zu evaluieren und die Projekte so weit wie möglich zu befestigen, damit sie später von den ecuadorianischen Partner autonom weitergeführt werden können (Stichwort «Nachhaltige Entwicklung»).
Später fahre ich mit dem Taxi zur Schweizer Botschaft. Botschafter Markus-Alexander Antonietti begrüsst mich auf Französisch, die Unterhaltung fährt dann abwechselnd auf Schweizerdeutsch und Italienisch fort. Ich frage nach den kulturellen Aktivitäten der Botschaft, der Botschafter verweist auf die Woche der italienischen Sprache, die in der zweiten Hälfte Oktobers stattfinden wird. Die Schweizer Botschaft nimmt an der «Settimana della lingua italiana» mit einer Reihe von Aktivitäten rund um die Tessiner Architektenfamilie Dubini teil.
8. Oktober 2007
Um 6.30 Uhr treffe ich mich mit Galo, einem Fotograf, der mich bei einem Rundgang der öffentlichen Buslinien der Stadt begleiten soll. Dimitri, der Chef des Ressorts «Stadt», möchte, dass ich meine Perspektive als Ausländer einbringe.
In Quito besteht der öffentliche Verkehrsnetz (d.h. der Netz, der direkt der Gemeinde gehört) hauptsächlich aus drei Buslinien, die die Stadt von Norden nach Süden durchqueren. Die wichtigste Achse ist zweifellos der corredor central, der von einem elektrischen Trolleybus (el trole) befahren wird. Sie besteht schon seit 1995 und befördert jeden Tag etwa 240'000 Passagiere.
Zwei weitere Linien, von Gelenkbusse befahren, wurden 2002 und 2005 im Osten, bzw. Westen der Stadt eröffnet. Diese zwei Linien befördern täglich weiter 360'000 Personen. Bei den Endstationen sorgen weitere Büsse (alimentadores genannt) für die Weiterfahrt in verschiedene Richtungen. Das System leidet manchmal unter den grossen Andrang, die Wartezeiten für die alimentadores sind ziemlich lang, aber im Grossen und Ganzen sind die öffentlichen Verkehrsmittel sehr zuverlässig. Sie sind bei den Bewohnern Quitos auch sehr beliebt, wie ich im Gespräch mit vielen Passagieren bald erfahre. Weniger beliebt sind dagegen die von den Gemeindebehörden autorisierten privaten Buslinien, die weiterhin den grössten Teil des kollektiven Verkehrs der Stadt ausmachen (täglich etwa 1'385'000 Passagiere). Diese Linien sind langsamer (die privaten Büsse, im Unterschied zu den drei Linien der öffentlichen Betrieben, geniessen keinen Vortritt gegenüber anderen Verkehrsteilnehmer) und sind eindeutig weniger bequem. Sicher ist, dass die Stadt dringend eine Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrsnetzes braucht, um den wachsenden privaten Individualverkehr zu bremsen und die Qualität der Luft zu verbessern.
Entsprechende Pläne liegen schon bei der Gemeinde vor, die Aufgabe ist aber enorm, sowohl wegen der vielen involvierten Akteure (die weitere Entwicklung des Netzes sollte von der Gemeinde Quito in Zusammenarbeit mit den privaten Transportunternehmern realisiert werden, wie es schon bei der Inbetriebnahme der Westachse der Fall war), als auch wegen der topografischen Merkmale und der raschen demografischen Entwicklung der Stadt. Heute zählt die Agglomeration Quito etwa 2 Millionen Einwohner, in 20 Jahren werden es wahrscheinlich 3,3 Millionen sein.
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11. Oktober 2007
Ich habe heute mit der Kollegin Maria Fernanda um 9 Uhr abgemacht. Wir sollen zusammen mit einem Fotograf zur Abfalldeponie von Quito fahren. Kurz bevor ich aus dem Haus gehe, ruft sie mich an. Der Betriebswagen hat eine Panne, der Termin ist um eine Stunde verschoben. Als wir uns endlich treffen, entdecke ich, dass die Reportage über die Deponie abgesagt ist. Ein Vertreter der Stiftung, die die Deponie verwaltet, wollte unbedingt mit uns mitfahren. Dimitri, der Chef des Ressorts «Stadt», ist der Meinung, dass wir uns wegen der Begleitung nicht frei bewegen könnten. Vor allem wäre es schwierig, mit den Leuten zu reden, die in der Nähe der Deponie wohnen.
Er gibt uns ein neues Thema: Die Massnahmen der Gemeinde zur Verbesserung der Luftqualität. Wir fahren zum Büro der Corporación Para el Mejoramiento del Aire de Quito. Unser Besuch kommt aber unerwartet, die Personen, die uns Auskunft geben könnten, sind abwesend. Nach Absprache mit Dimitri gibt es einen erneuten Themenwechsel. Wir sollen Informationen über die Massnahmen zur Reduktion des Wasserkonsums in der Stadt sammeln.
Diesmal klappt es: Ingenieur Edgar Orellana Arévalo, der in der Stadtverwaltung für den Wasserschutz zuständig ist, ist bereit, uns Auskunft zu geben. «Die Presse hat bei mir immer Vortritt», sagt er. So erfahren wir einiges über die Wasserversorgung der Stadt. Zum Beispiel, dass eine Durchschnitt-Familie in Quito etwa 32 m3 Wasser pro Monat verbraucht, eine Familie in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotà hingegen nur 18 m3 pro Monat. Und dass 97% der Haushalte in Quito fliessendes Wasser haben, einen Prozentsatz, der bei den Gemeinden der Agglomeration aber auf nur etwa 80% sinkt.
Nach einem kurzen Besuch bei der Abteilung Kommunikation der städtischen Wasserbetriebe, wo wir weitere Daten zur Wasserversorgung erhalten, fahren wir zum Supermarkt «Quicentro». Dort geht es darum, die Meinung einiger Passanten zum Thema Wasserverbrauch, bzw. Wasserschutz, zu holen.
Während der Rückfahrt zur Redaktion erzählt mir Maria Fernanda von ihrem Studienaufenthalt in Madrid und von den schwierigen Arbeitsbedingungen der Journalisten in Ecuador. Tatsächlich ist für meine Kolleginnen und Kollegen bei El Comercio einen 10 bis 11-stündigen Arbeitstag keine Ausnahme, an jedem zweitem Wochenende müssen sie arbeiten – ohne Kompensation, nota bene – und sie erhalten nur zwei Wochen Ferien im Jahr. Hinzu kommt noch, dass der Lohn alles andere als fürstlich ist. Maria Fernanda, eine Journalistin mit mehrjähriger Erfahrung und mit einem Master in Medienwissenschaften, verdient weniger als 1000 Dollar im Monat.
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14. Oktober 2007
Am Freitag wurde in Ecuador, wie in den meisten Ländern spanischer Sprache Amerikas, der Dia de la Raza zelebriert. Der Feiertag wurde zuerst 1917 in Argentinien eingeführt, zur Erinnerung an die erste Sichtung des amerikanischen Kontinents durch einen spanischen Matrosen am 12. Oktober 1492. Heutzutage wird der Dia de la Raza als Tag der hispano-amerikanischen Identität gefeiert. Ich profitiere vom verlängerten Wochenende, um nach Baños zu fahren.

Die kleine Stadt am Fusse des Vulkans Tungurahua ist ein beliebtes Kur- und Urlaubsort. Nach zwei Wochen in Quito, geniesse ich die saubere Luft, das milde Klima und die Möglichkeit, ausgedehnte Wanderungen in der Umgebung zu unternehmen.
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16. Oktober 2007
Heute bin ich mit der Journalistin Angela und mit dem Fotograf Eduardo unterwegs. Unser Ziel ist das Quartier Chillogallo, im Süden der Stadt, wo es einen Konflikt zwischen den Verkäufern eines Marktes und dem Verwalter eines Supermarkts besteht. Während der Fahrt beobachten wir am Strassenrand eine kleine Kundgebung. Angela bittet den Fahrer, sofort zu halten. Sie stürzt sich auf die kleine Gruppe Demonstrierende und fängt an, Fragen zu stellen. So sind die Journalistinnen und Journalisten des Ressorts Stadt: Sie arbeiten oft auf der Gasse, sind ständig in Bewegung, versuchen den Puls der Stadt zu fühlen. Ich bewundere sie sehr.

Die Kundgebung wurde von der Lehrerschaft und von den Eltern der öffentlichen Schule Plinio Robalino organisiert. Sie fordern mehr Lehrer und bessere Infrastrukturen und sind sehr dankbar, dass sich die Presse für ihre Anliegen interessiert. Wir werden umgehend eingeladen, die Schule zu besuchen. Ich muss eine kurze Geographielektion improvisieren und vor eine Schar kreischender Kinder erklären, wo sich die Schweiz (Suiza) befindet und wie sie sich von Schweden (Suecia) unterscheidet.

Dann fahren wir weiter zum Markt.

19. Oktober 2007
Im Zentrum vom Quito liegt eine monumentale Basilika im neugotischen Stil, die basílica del voto nacional. Die Bauarbeiten wurden 1892 gestartet, etwa zwei Jahrzehnte nachdem der katholisch-konservativen Präsident Gabriel García Moreno, Verfechter einer starken Allianz zwischen Staat und Kirche, das Land dem Herzen Jesus widmete. Die Kirche gilt als Symbol der katholischen Identität Ecuadors. Oder so meinen jedenfalls die Oblaten, die die Basilika verwalten. Ich besuche die Kirche zusammen mit dem Kollegen Jean und einem Fotograf. Durch das Gebäude begleitet uns der Führer Edison, der sein kunsthistorisches Wissen gerne mit esoterischen Anecktoden bereichert. So behauptet er, dass in der Basilika freimaurerische Symbole zu beobachten sind, was vom Oblatenpriester padre Rodriguez später vehement bestritten wird.


Während eines schwindelerregenden Spaziergangs durch die Türme der Kirche erzählt uns Edison, dass in der Privatkapelle der Oblaten das Herz des Präsidenten Moreno aufbewahrt wird. Jean wird sofort aufmerksam, die Geschichte kommt ihm unbekannt vor. Mit viel diplomatischem Geschick erhält er vom Oberen der Oblaten den Erlaubnis, die Privatkapelle des Ordens zu besuchen. Und tatsächlich steht dort in einer Nische ein Glasgefäss mit dem in Formalin konservierten Herz des Präsidenten. Das Bild des etwas makaberen Objektes wird zum ersten Mal – oder so wird wenigstens von den Oblaten behauptet - im Comercio veröffentlicht. Ein kleiner Scoop, also. Ich verzichte darauf, das Bild hier zu veröffentlichen, um jegliche Konkurrenz zu meiner Gastredaktion zu vermeiden und auch weil das Objekt wirklich nicht gut aussieht!
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23. Oktober 2007
Auf der ersten Seite des Comercio (und wohl der anderen Tageszeitungen des Landes) steht heute die Nachricht der brutalen Aggression einer minderjährigen Ecuadorianerin in Spanien. Der Täter, ein junger Spanier, beschimpfte dabei die Frau mit fremdenfeindlichen Ausdrücke. Auf der letzten Seite ist eine Agenturmeldung über die Wahlen in der Schweiz zu finden. Im Titel heisst es, dass der „xenophobe Blocher stärker geworden ist“. Ein Taxifahrer hat mich heute morgen darauf angesprochen. „In deinem Land hat ein rassistischer Präsident die Wahlen gewonnen“, meinte er. Kein guter Satz, um den Tag anzufangen. |
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24. Oktober 2007
Der Beitrag der Schweizer Botschaft in Quito zur Woche der italienischen Sprache, die in der ganzen Welt gefeiert wird, steht im Zeichen der Tessiner Architektur und vor allem der Familie Durini aus Tremona, die im 19. Jahrhundert nach Lateinamerika ausgewandert ist und eine bedeutende Spur in der Geschichte der ecuadorianischen Architektur hinterlassen hat. Heute wird der renovierte Circulo militar, der 1917 von Francesco Durini Caceres entworfen wurde, zum zweiten Mal wiedereröffnet.

Der prunkvolle Saal des Circulo ist bis zur letzten Reihe besetzt. Viele Mitglieder der weit verzweigten Sippe der Durini sind anwesend. Nach einer Einführungsrede vom Schweizer Botschafter Markus-Alexander Antonietti über die Geschichte der Tessiner Emigration referiert der italienische Architekt Francesco Repishti über die Bedeutung des Werkes der Durini für die ecuadorianische Architektur. Er unterstreicht insbesondere die Fähigkeit der Familie, gute Beziehungen zur politischen und ökonomischen Elite des Landes zu pflegen. Die Durini, die vorher in Costa Rica, Mexico und Guatemala tätig waren, wurden 1903 vom damaligen ecuadorianischen Präsidenten Leonidas Plaza Gutierrez nach Quito eingeladen. Nach einem missglückten Projekt für eine Wasser- und Gasleitung in der Hauptstadt, erhielten sie den Auftrag, ein Monument für die Opfer des antispanischen Aufstandes vom 10. August 1810 zu bauen. Das Monument steht heute noch auf dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum von Quito. Dieser Auftrag ermöglichte den Durini, sich in Ecuador als Architekten und Bauunternehmer zu etablieren.

Die Zugehörigkeit der Durini zur Elite des Landes widerspiegelt sich in der Zusammensetzung der Gesellschaft, die sich für die Wiedereröffnung des Circulo militar versammelt hat. Währenddem das Strassenbild von Quito von der mestizischen Mehrheit dominiert wird, sind die Gesichter hier – mit Ausnahme des Dienstpersonal – fast ausschliesslich europäischer Prägung. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass man als Weisser sehr schnell und sehr freundlich von dieser Gesellschaft aufgenommen wird, auch wenn man nicht unbedingt dazu gehört. Nicht mal der ältere Herr, der sich seiner Verwandtschaft mit den Präsidenten Plaza Gutierrez und mit den Borbonen rühmt, scheint Berührungsängste zum Spross eines Puschlaver Bauerngeschlechts zu haben.
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25. Oktober 2007

Das Foto habe ich schon vor einigen Tagen gemacht, ist mir aber nach dem gestrigen Tagebucheintrag wieder in den Sinn gekommen. Das Bild zeigt eine Madonna mit leicht indigenen Gesichtszügen, die im Museum des Klosters Santo Domingo ausgestellt ist. Es ist ein schönes Beispiel der mestizischen Kunst, die im 17. und 18. Jahrhundert in Quito entstand. Die indigene Künstler der escuela quiteña hatten die Regeln des europäischen Manierismus gelernt, wendeten sie aber in einer Form an, die stark von der eigenen Sensibilität geprägt war. So schufen sie etwas Neues, das nicht mehr ganz den Eroberern gehörte. |
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26. Oktober 2007
Die Direktorin des DEZA-Büros in Quito, Suzanne Müller, hat mich nach Cuenca eingeladen. Sie muss sich mit den Verantwortlichen des Programa de apoyo a la descentralización y al desarrollo local (Unterstützungsprogramm für die Dezentralisierung und die lokale Entwicklung, PDDL) treffen, um die nächste Phase des Projektes zu diskutieren. Mit dabei ist auch Beatrice Ferrari, die in Bern für die DEZA-Projekte in Cuba und Ecuador zuständig ist. Seit letztem Jahr steht fest, dass sich die DEZA bis Ende 2009 aus Ecuador zurückziehen wird.

Die Sitzung in Cuenca gibt mir die Möglichkeit, mehr über die konkreten Probleme des sogenannten phasing out zu erfahren. Es geht vor allem darum, die Nachhaltigkeit der DEZA-Projekte nach 2009 zu garantieren. Der Chef des Ressorts «Gesellschaft» des Comercio hat Interesse für das Thema gezeigt.
Gestern, nach meiner Ankunft in Cuenca (und einem schönen Flug über die ecuadorianische Sierra), habe ich mich lange mit dem Projektleiter des PDDL Fernando Terán unterhalten. Er hat eine ganz klare Vorstellung, was Nachhaltigkeit heissen soll. «Das PPDL unterstützt soziale Prozesse, führt sie aber nicht und muss auch nicht mit ihnen identifiziert werden. Die Protagonisten sind die lokalen Akteure», sagt er.
Das PPDL hilft unter anderem vier Gemeinden in der Provinz Azuay, die Mitwirkung der Bürger und Bürgerinnen bei den politischen Entscheiden auf lokaler Ebene zu stärken. «Wo die Bürger Verantwortung wahrnehmen, da werden die finanziellen Mittel effizienter eingesetzt und es gibt weniger Ausgrenzung», gibt sich Terán überzeugt. In den vier Gemeinden funktioniert ein System des presupuesto participativo: Vertreter der Zivilgesellschaft können über den Einsatz von 20-30% des Gemeindebudgets mitreden und mitbestimmen. «Diese Prozesse werden auch nach 2009 weitergehen, weil sie von einer starken sozialen Basis getragen werden», versichert Terán.
Auch die lokalen Autoritäten unterstützen mit Überzeugung die Idee einer partizipativen Demokratie. Das konnte ich heute während des Mittagessens, bei dem auch die alcaldes (Gemeindepräsidenten) der vier Gemeinden eingeladen sind, feststellen. Übrigens: von den vier Gemeindepräsidenten, sind deren drei Präsidentinnen.
27. Oktober 2007
Wenn ich mich schon den Flug nach Cuenca leistete, dann möchte ich mir doch auch die Zeit nehmen, ein bisschen durch die Stadt zu flanieren. Cuenca gehört wie Quito wegen seiner kolonialen Architektur zur UNESCO-Welterbe und gilt als teuerste Stadt des Landes (ein einfaches Mittagessen kostet hier etwa 2 Dollar, in Quito 1.50). Es tut gut, nach der stressigen Woche entlang dem Fluss Tomebamba zu spazieren und die schönen Hausfassaden zu beobachten.
Zu empfehlen ist auch ein Besuch im Museo de las Culturas Indigenas. Aus einer Privatinitiative entstanden, enthält das Museum eine schöne Sammlung von Objekten aus zahlreichen preinkaischen und prokolumbianischen Kulturen. Besonders interessant finde ich die kleinen Statuen aus Terrakotta, die mit grosser Natürlichkeit alltägliche Lebenssituationen darstellen: Schwangerschaft, Geburt, Rituale, Krankheit, Tod.
Beim Shop des Museum, wo ich einige Souvenirs kaufe, fragt mich die Frau, die hinter der Theke steht (nachdem sie erfahren hat, dass ich Journalist bin), was ich vom Präsidenten Rafael Correa halte. Sie sagt, sie sei enttäuscht: «Er hat mehrere Hundert Millionen Dollars der Armee gegeben, anstatt das Geld für die Armen, für die Spitäler, für die Schulen zu brauchen». Sie ist eher die Ausnahme, viele sind weiterhin begeistert von der neuen Regierung. «Correa hat endlich angefangen, die Privilegien der Mächtigen im Lande in Frage zu stellen», sagte mir vor einigen Tagen ein Taxifahrer. Jedenfalls wird in Ecuador viel über Politik diskutiert. Die Mehrheit der Bevölkerung scheint überzeugt zu sein, dass es einen radikalen Wechsel nötig ist. Die Erwartungen sind gross. Es ist nur zu hoffen, dass die Enttäuschung nicht noch grösser wird.
28. Oktober 2007
Da ich hier ohne Fernseher lebe und auch keinen Internetanschluss im Hause habe, bleibt mir relativ viel Zeit zum lesen. In einer Buchhandlung in Quito habe ich die colección Antares entdeckt, eine Literaturreihe für Studenten mit sehr günstigen Preisen (etwa 3 oder 4 Dollars pro Buch). In der Reihe wurden auch viele Werke ecuadorianischer Autoren herausgegeben, so zum Beispiel Las cruces sobre el agua von Joaquín Gallegos Lara, Don Goyo von Demetrio Aguilera Malta, Polvo y ceniza von Eliécer Cárdenas, El rincón de los justos von Jorge Velasco Mackenzie und El chulla Romero y Flores von Jorge Icaza (der wohl berühmteste ecuadorianische Schriftsteller und der schönste Roman, den ich hier gelesen habe).
29. Oktober 2007
Letzte Woche hat mich Josefina Durini, die 80jährige Tochter des Architekten Francesco Durini, zu sich nach Hause eingeladen. Sie möchte mir die Geschichte der Familie erzählen und mir einige Bilder und Dokumente zeigen. Daraus soll eine Reportage für den Comercio entstehen. Ich werde am Nachmittag von ihrem Neffen Patricio Mena Durini, ebenfalls Architekt, abgeholt. Die Wohnung von Josefina befindet sich im Tennisclub, «das exklusivste Quartier von Quito», wie Patricio sagt.

Der Empfang ist herzlich, mehrere Familienmitglieder sind anwesend. Sichtlich stolz, erzählt mir Josefina, wie hart sein Vater gearbeitet hat. «Arbeit, Ehre und Familie waren ihm sehr wichtig», betont sie. «Er pflegte seinen Kindern zu sagen, wer sich nicht anstrengt verdient nicht, den Namen Durini zu tragen». Die Wohnung von Doña Fina ist gutbürgerlich eingerichtet, viele Möbel stammen aus dem alten Familienhaus in der Calle Luis Cordero. «Mein Vater liess die Möbel aus Europa kommen», sagt sie.
Ich frage, welche Beziehung Francesco Durini zur Schweiz hatte. «Im Garten des Hauses in der Calle Cordero flatterte die Schweizerfahne. Mein Vater liess sie vor allem dann hissen, wenn es in Ecuador politische Turbulenzen gab, damit unseres Haus respektiert wurde», antwortet Josefina. Nach seiner Schulzeit im Tessin besuchte Francesco aber nie mehr die Schweiz. «Er korrespondierte lange mit seiner ehemaligen Primarlehrerin in Mendrisio, sonst hatte er kaum noch Kontakte mit seinem Vaterland». Schlussendlich war er in Lateinamerika geboren und seine Mutter war Peruanerin. Trotzdem blieb die Erinnerung an seiner Kindheit im Sottoceneri stark. «Er verglich die ecuadorianischen Berge oft mit den Schweizer Alpen», erinnert sich seine Tochter. Noch heute, in der vierten und fünften Generation, besitzen die Durini neben der ecuadorianische auch die schweizerische Staatsangehörigkeit.
30. Oktober 2007
Heute steht ein Besuch bei einem Projekt der DEZA in der Provinz Chimborazo auf dem Programm. Um 5 Uhr hole ich einen Kollegen aus der spanischen Redaktion von swissinfo im Hotel Quito ab, um 5.30 Uhr stehen wir schon im Bus Richtung Riobamba. Beim Projekt, das sich im Dezember dieses Jahres zu Ende geht, ging es vor allem um die Realisierung einer Bewasserungsanlage für etwa 2000 Familien in der Umgebung des Dorfes Licto. Dabei wurde darauf geachtet, dass sich in der Gemeinde Fähigkeiten und Strukturen bilden, die die Anlage nach dem Ende des Projektes weiterführen und auch bei der Weiterentwicklung der Region mitwirken können.

Im neudeutschen entwicklungspolitischen Fachjargon spricht man dabei von empowerment. Dass es sich nicht nur um ein abstraktes Wort handelt, merken wir spätestens beim Gespräch mit einigen Leuten aus Licto, die im Projekt involviert sind. Vor allem die Frauen machen uns einen starken Eindruck. Ines, die vom Anfang an mit dabei war, sagt uns, dass ihr Mann sie früher nicht allein zu den Versammlungen gehen lassen wollte. Jetzt hat er eingesehen, dass sie viel für die Gemeinschaft macht. Und bald wird Ines nach Italien fliegen, als Gast einer italienischen NGO.
«Einmal hat mich ein katholischer Priester als kommunistische Agitatorin denunziert», sagt sie mit einem ironischen Lächeln. «Ich musste eine Nacht im Knast verbringen». Aber sie geht weiterhin ihren Weg. Und wird von einer neuen Generation begleitet: «Wir haben viel von den Gesprächen mit erfahrenen Leuten gelernt. Das Wissen wird weitergegeben», sagt die etwa 20jährigen Alicia.
31. Oktober 2007
Zweiter Projektbesuch in der Umgebung von Riobamba. Es geht hier um ein Trinkwasserprojekt, teilweise durch einen Kredit der Spar- und Kreditgenossenschaft 4 de octubre finanziert. Die Genossenschaft hat dank der Unterstützung der Schweizer NGO Swisscontact Instrumente des Mikrokredits entwickelt, die es möglich machten, Geld an bisher nicht kreditwürdige soziale Gruppen zu leihen. Begleitet werde ich von Marcelo, von der cooperativa 4 de octubre, und von José und Umbelina, Präsident und Sekretärin der Junta de agua potable (Trinkwassergenossenschaft) von San Vicente de Lacas.

Mit Stolz zeigen mir José und Umbelina die Trinkwasseranlage, erklären mir, wo es am schwierigsten war, sie zu bauen, erzählen mir die Probleme, die sie hatten, um die Schlucht des Flusses Chamba zu überbrücken, liefern mir alle technische und finanzielle Details des Projektes. Und sie zeigen mir Dutzende von Fotos, auf denen die Bauarbeiten dargestellt sind. «Die ganze Arbeit wurde dank des Systems der mingas (Gemeinschaftsarbeit) gemacht. Alle Familien aus San Vicente mussten mitmachen. Gearbeitet wurde jeweils am Wochenende», sagt mir Umbelina. «Am Schluss organisierten wir ein grosses Fest». Inzwischen erhalten 210 Häuser in San Vicente Fliesswasser. Der Kredit wurde schon zurückbezahlt. |
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1. November 2007
“Non c’è il due senza il tre“, pflegt man auf Italienisch zu sagen. Übersetzt heisst das, dass nach zwei ähnlichen Sachen meistens eine Dritte folgt. So besuche ich heute ein weiteres Entwicklungsprojekt in La Esperanza, etwa 60 km nordöstlich von Quito. Hier unterstützt Swissaid die Bevölkerung bei der Realisierung eines Trinkwasserprojektes und bei der Diversifizierung des Anbaus. Nach der Besichtigung von zwei Wasseranlagen in den letzten zwei Tagen, konzentriere ich mich auf die landwirtschaftliche Seite des Projektes.
Swissaid ist in Ecuador stark im Kampf gegen die Verbreitung von genmanipulierten Kulturen und für die Erhaltung traditioneller andiner Pflanzen engagiert. Die Bauer in La Esperanza scheinen von diesem Konzept ziemlich überzeugt zu sein, auch weil sie die Hoffnung haben, auf diese Weise eine Alternative zur harten und schlechtbezahlten Arbeit in den Blumenplantagen der Region zu schaffen. „Bevor wir mit diesem Projekt anfingen waren wir blind für Alternativen, wir dachten nur daran, in den Plantagen zu arbeiten“, sagt Seraide.

Wir besuchen ihren Garten zusammen mit einer Gruppe von Bauern. Aus dem sandigen Boden spreissen mehrere Kohl- und Bohnenarten, Maissprösse, Broccoli-, Karotten- und Kartoffelpflanzen. Das wilde Durcheinander von verschiedenen Gemüsesorten dient vor allem der Verminderung von Krankheiten. Der Anbau wird konsequent biologisch betrieben.
In einer Ecke des Gartens befindet sich eine kleine Baumschule. „Mit der Anpflanzung von Bäumen kann die vom Wind verursachte Bodenerosion gebremst werden“, erklärt der Agronom Gilmar, der die Projekte von Swissaid in Ecuador monitoriert. Die anderen Bauern sind sichtlich an die Erfahrungen von Sereide interessiert. Sie beobachten, stellen Fragen, geben Ratschläge. „Wir besuchen regelmässig die Garten der Kollegen“, sagt Arturo. „So können wir von ihren guten und schlechten Erfahrungen lernen“.
Nach dem Besuch von weiteren Garten werden wir von Margarita zum Mittagsessen eingeladen. Margarita züchtet Meerschweinchen, hier als cuyes bekannt. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der ländlichen Kochkunst und liefern zudem organisches Düngemittel. Und sie schmecken ausgezeichnet. Begleitet wird das Mahl vom leicht fermentiertem Saft des pencos, einer Pflanze die zur Familie der Agave gehört. Das Getränk heisst guarango und kann je nach Fermentierungsgrad einen recht hohen Alkoholgehalt haben. „Der Kopf bleibt klar, aber es wird schwierig, gerade zu stehen“, sagen meine Tischgenossen. Ich verzichte darauf, die Information zu überprüfen.
2. November 2007
Heute ist Allerseelen, der día de los difuntos, ein wichtiges Fest in den Ländern Lateinamerikas. In Ecuador begeben sich die indigenen Familien auf den Friedhof und essen auf den Gräbern ihrer verstorbenen Lieben. Überall in den Läden und in den Restaurants erhält man die colada morada, ein dickflüssiges Getränk aus schwarzer Maismehl und verschiedenen Früchten und Gewürzen, und die guagua de pan, ein Brotmännchen mit Marmeladefüllung.
Ich profitiere vom Feiertag, um nach Otavalo zu fahren. Im Städtchen 100 km nördlich von Quito findet jeden Samstag der wohl berühmteste Markt Ecuadors statt. Hier verkaufen die Indios der Region ihre Manufakte. Inzwischen ist Otavalo zu einem Wallfahrtort für Touristen geworden und die handwerkliche Produktion hat sich entsprechend angepasst. Trotzdem: Der Markt bleibt farbig und pittoresk und wenn man sich auf eine ernste Verhandlung einlässt, entstehen oft sehr spannende Gespräche. |
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3. November 2007
Ein Tag als Tourist. Beim Flanieren durch den Markt von Otavalo komme ich in Gespräch mit einigen jungen Verkäufern. Sie sprechen Spanisch und Quichua, vom Outfit her könnten sie aber aus New York, London, Rom oder Zürich stammen. Sie stellen viele Fragen: «Wie gefällt es dir in Ecuador? Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Hast du eine Freundin in Quito? Was machst du im Leben? Wo liegt die Schweiz? Welche Sprachen spricht man dort? Welche Sprachen sprichst du? Kannst du Quichua? Wie sagt man Hallo auf Italienisch? Und Danke? Gibt es in der Schweiz Arbeit? Wie viel verdient man dort? Wie viel kostet der Flug? Und das Visum? Wie sind die Frauen in der Schweiz? Glaubst du an Gott? Gibt es Rassisten in der Schweiz? Bist du selber Rassist? Wirst du wieder nach Ecuador kommen? Willst du etwas kaufen?». Eine eindeutige Antwort habe ich nicht immer, dafür kaufe ich ein schönes buntes Baumwollhemd, das ich wohl nie tragen werde. Die Jugendliche treffe ich später im Internetcafé wieder.

5. November 2007
Nachtessen bei einer Freundin. Sie wohnt im reicherem Teil der Hauptstadt, das Haus ist bewacht. Die Gäste gehören zur höheren Mittelklasse, sprechen mindestens eine Fremdsprache, waren schon in Europa. Wir reden über Literatur. «In Europa denken viele, dass García Marquez eine reine Fantasiewelt erschaffen hat», sagt Carlos. «Wir wissen aber, dass die lateinamerikanische Realität tatsächlich so aussieht. Wir haben alle eine Tante, ein Cousin, einen Nachbarin, die wie die Figuren von Marquez aussieht».
6. November 2007
Ein Dienstagnachmittag im November. In der Redaktion geht es hektisch zu und her. Der Abschluss der morgigen Edition nähert sich. Die Journalistinnen und Journalisten werden zunehmend nervös, der jeweilige Ressortleiter macht Druck, die Zeit ist knapp. Draussen ist der Himmel schwarz geworden, die Berge sind in den Wolken verschwunden. Ein heftiges Gewitter zieht über Quito. Der Strom fällt mehrmals aus. Gäbe es in der Redaktion keine Notstrom-Anlage, wäre hier die Hölle los.
Ich warte auf Maria Belén. Wir sollen zusammen zu einem Quartier der Hauptstadt Ecuadors fahren. Jeden Tag widmet die Zeitung einen Artikel einem barrio der Stadt. Einfache Stadtbewohnerinnen und -bewohner kommen zu Wort, erhalten die Gelegenheit, die Probleme ihrer näheren Umgebung zu beschreiben, erzählen dabei Interessantes, manchmal Witziges, über das Leben in der Grossstadt. Eine Routinearbeit, eigentlich. Heute wird es aber anders kommen. Plötzlich taucht der Ressortleiter auf. Die Feuerwehr hat angerufen. Im Süden der Stadt sind einige Häuser überschwemmt worden. Wir müssen sofort dorthin fahren, ohne zu zögern, sagt er. Ein Fotograf wird uns begleiten.
Eine Stunde später stehen wir mit den Füssen im Schlamm. Es ist inzwischen Nacht geworden, das Regen drängt durch unsere Kleider, die Strasse ist zu einem Fluss geworden. Aus den notfallmässig belichteten Häusern treten Leuten mit Gummistiefeln heraus. Sie haben sofort erkannt, dass wir Journalisten sind. «Ihr müsst uns helfen! Ihr müsst dem Stadtpräsidenten erzählen, was hier passiert ist!», sagen sie. Die Verzweiflung ist ihnen in den Gesichtern zu lesen. Eine ältere Frau weint. Sie zeigt uns ihres Haus, ein einstöckiges Gebäude am Strassenrand. Die kleinen ärmlichen Räume sind durch das Wasser verwüstet worden. Möbel, Kleider, Geschirr und Esswaren liegen am Boden. Die Frau zittert vor Kälte und Erschöpfung. Sie wird von den Nachbarn getröstet.
Wir bleiben lange im Quartier, reden mit den Bewohnern und mit der Feuerwehr. Als wir zur Redaktion zurückfahren ist es etwa 20 Uhr. Die Kollegen, die noch am arbeiten sind, schauen uns mit Erstaunen an. Wir sehen wohl nicht besonders gut aus, in unseren dreckigen und nassen Kleidern. Ich verstehe jetzt warum man hier sagt, dass in Quito die vier Jahreszeiten in einem einzigen Tag zu erleben sind. Für mich ist der Tag aber wenigstens fertig. Ich fahre mit einem Taxi nach Hause. In einer Stunde werde ich unter der Dusche sein. Meine Kollegin hingegen wird heute Nacht noch einen Text über die Überschwemmung schreiben, ihr zweiter Artikel des Tages.
7. November 2007
Da wir gestern keine Zeit hatten, um den täglichen Quartierporträt zu produzieren, gehe ich heute allein ins Quartier von Guápulo. Von hier aus ist 1541 die Amazonien-Expedition des spanischen conquistador Francisco de Orellana aufgebrochen. Das Quartier ist heute bekannt für seine Kaffees und Restaurants und wegen des Hauptsitzes einer Privatuniversität. Ich besuche zuerst Jaime, einen Architekt, der hier sein Haus gebaut hat. In seinem Studio hängen Fotos von Alberto Giacometti, der Vater von Jaime war auch Bildhauer und Maler. «Ich kam hierher wegen der Aussicht und weil das Quartier nahe beim Stadtzentrum liegt», sagt er. «Die Bewohner und die Gemeindeverwaltung tragen aber zu wenig Sorge zu diesem geologisch und architektonisch sensiblen Stadtteil».
Guápulo liegt auf einem Hang, die Erdrutschgefahr ist gross, der starke Verkehr macht ihn noch grösser. Andere Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers beklagen sich ebenfalls über den Verkehr, benennen aber auch noch andere Probleme. «Wir brauchen ein Ambulatorium und eine Bibliothek», sagt Maria Susana, Vorstandsmitglied des Quartiersvereins. Auf die reicheren Einwohner von Guápulo, wie zum Beispiel Jaime, ist sie nicht gut zu sprechen. «Sie kennen das Quartier nicht, sie gehören nicht wirklich dazu», behauptet sie. «Beim grossen Quartierfest vor der Kirche der Virgen de Guápulo sind sie auch nicht dabei». Später erzähle ich die Episode einem Kollegen. Er meint nur: «Wenigstens wohnen dort reiche und arme Leute nahe beieinander».

PS: Im Bild, Guápulo in der Nacht
9. November 2007
Letzter Tag in der Redaktion. Ich verteile Schokolade und Visitenkärtchen. Alle fragen: «Wann kommst du wieder?». Ich frage es mich auch. Jedenfalls wird vieles versprochen. Was eingehalten wird, wird erst das Leben zeigen.
Am Abend verabschiede ich mich auch von meinen Mitbewohnern. Dafür erhalte ich einige Segnungen, ein Glas Whisky, ein Exemplar der ausgezeichneten Kulturzeitschrift «El Buho» und jede Menge südamerikanische Musik.
10. November 2007
Der Flughafen von Quito ist wegen eines Unfalles geschlossen. Es herrscht Chaos. Niemand weiss genau, wann er wieder geöffnet wird. Den Reisenden nach Amsterdam wird empfohlen, mit einem Bus nach Guayaquil zu fahren. Morgen wird von dort aus ein Flugzeug starten. Die Rückfahrt verlängert sich um einen Tag, die Busreise bis zur Küste dauert 10 Stunden.
Es ist so, als ob das Land mich noch für eine Weile zurückhalten möchte, um mir mehr Zeit für den Abschied zu geben.

ENDE |
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