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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Andrée Stössel berichtet aus Dhaka, Bangladesch
Andrée Stössel (1981) ist von Mitte Oktober bis Mitte Dezember 2011 in Bangladesch unterwegs und arbeitet für die englischsprachige Zeitung The Daily Star in Dhaka. Im März hat sie den Diplomstudiengang Journalismus am MAZ abgeschlossen. Seit vier Jahren arbeitet sie als Journalistin für die Neue Zuger Zeitung, zunächst in den Regionalressorts, heute als Kulturredaktorin.
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Dhaka, irgendwann zwischen dem 17. und 18. Oktober
Ich liege wach, lange bevor die ersten Rufe des Muezzins durch die Strassen hallen, und blicke ins Halbdunkel des Gästezimmers. Nachts gibt die fremde Stadt nicht viel preis. Leise Gesprächsfetzen dringen von draussen herein, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, und ich glaube, da ist auch eine Katze. Ich bin gestern in Dhaka angekommen, der Hauptstadt von Bangladesh, in der an die 13 Millionen Menschen leben. Und obwohl wir uns nicht kennen, die Stadt und ich, hat sie mich empfangen wie eine alte Bekannte. “Namoshkar”, schien sie zu sagen, als ich vom Flughafengebäude ins Freie trat, “sei willkommen und fühl dich zu Hause”. Allerdings machte sie von Anfang an auch keinen Hehl aus ihren schwachen Seiten.

Dhaka, Montag, 17. Oktober
Der Megacity eilt kein guter Ruf voraus. Ein versmogter Moloch soll sie sein, und unter üblen Verstopfungen leiden. Tatsächlich sind die Strassen verstopft, doch auf der Fahrt vom Flughafen zu meiner Gastfamilie kommt mir dieser Umstand gerade recht. So habe ich mehr Zeit, meine Umgebung zu studieren. Ueberall sind Menschen. Sie quellen aus den verbeulten Bussen heraus, von denen die Farbe schichtweise abbröckelt, sie tummeln sich auf den Gehsteigen, den Baustellen und auch auf den Strassen. Um niemanden zu überfahren, hupen die Motorräder, Fahrradrickschas, Minitaxis, Lastwagen, Busse und Autos unentwegt. Das ist der Sound von Dhaka, wie ich bald merken werde.


Manche Menschen tragen riesige flache Koerben auf dem Kopf. Ich sehe Frauen in bunten Gewändern, Männer in Jeans, mit gestärkten Hemden und auch solche, die eine Art weisse Pyjamas tragen und gehaekelte Kaeppis. Kinder, Studenten, Greise. Ich scheine mindestens genau so interessant fuer meine neue Umgebung zu sein, wie sie fuer mich. Die Menschen starren neugierig in den Wagen hinein, aus dem ich hinausstarre. Verkäufer quetschen sich mit Früchten, die wie Blüten geschnitzt und auf Holzstäbe gespiesst sind, zwischen den Fahrzeugen hindurch. Ein Mann fuchtelt mit Büchern vor der Scheibe herum; er will mir die Paperback-Ausgabe von “Vapire’s Diaries” verkaufen. Eine Frau klopft an die Scheibe. Sie blickt mich mit flehendem Gesichtsausdruck an und sagt etwas in Bangla. Dann hebt sie den Schleier ihres Saris und zeigt mir ihre Brust. Sie ist überzogen mit einer braunroten Schmiere. Ich schaue betreten weg.

Mein Hirn nimmt die neuen Informationen in Bildern, Klängen und Gerüchen irgendwie verzögert wahr; ich fühle mich wie in Watte gepackt. Das liegt wohl an der fast schlaflosen Nacht im Flugzeug.
Ob ich Bettlern Geld geben soll, frage ich meinen Guide. “As you like”, sagt er; wie ich möchte. Ich hätte der Frau Geld geben sollen, denke ich.
Dhaka, irgendwann zwischen dem 17. und 18. Oktober
Der Gedanke an die Frau kommt mir wieder, als ich in dieser ersten Nacht wach liege. Ich nehme mir vor, von nun an immer etwas Geld in der Hosentasche zu haben. Da erklingt der erste Adhan des Tages, der Gebetsruf, ganz in der Nähe. Dann höre ich einen zweiten, und irgendwann kann ich die Stimmen der Muezzine nicht mehr unterscheiden. Ein Kanon fremdartiger Gesänge. Ich frage mich, wie viele Moscheen es in Dhaka gibt. Als das letzte Minarett verstummt, dämmere ich weg.
Dhaka, Dienstag, 18. Oktober 2011
Es regnet, als ich aufstehe. Das sei ungewöhnlich um diese Jahreszeit, erklaert mir eine Mitbewohnerin. Eigentlich ist der Monsun vorbei. Auch kühler soll es bald werden. Sie kann wegen der nassen Strassen nicht zur Universität; die Rikschas fahren nicht, sagt sie.
Heute ist mein erster Arbeitstag bei The Daily Star, der größten englischsprachigen Zeitung in Bangladsch. Ein Guide holt mich bei meiner Gastfamilie ab und wir gehen zu Fuss zur Redaktion; mit der Rikscha dauert es zu lange. Der rund 40-minütige Marsch führt mich vorbei an Schuhläden, Früchteständen, Schlossereien, Handygeschaeften und an Shops, die ich nicht einordnen kann. Überall passieren für meine Augen magische Dinge und ich möchte stehenbleiben und gucken, aber das geht leider nicht. Ich tröste mich damit, dass ich ja noch mehr als zwei Monate vor mir habe und mir bestimmt alles ansehen kann. Nicht alles. Aber vieles. Unterwegs müssen wir zweimal anhalten, weil ein Zug die Strasse kreuzt. Mit einem tiefen Hupen scheucht der Zug die Menschen von den Gleisen. Er fährt so langsam, dass ein Mann problemlos abspringen kann. Das macht Bahnhöfe irgendwie überflüssig. Ein anderer Mann schlendert gemütlich auf dem Dach des Zuges in Richtung des nächsten Waggons. Das sollte ich vielleicht auch mal versuchen. In der Schweiz würde ich verhaftet, eingewiesen oder von den Hochspannungsleitungen gegrillt. Leitungen sehe ich hier keine.
Als der Zug vorbei gerattert ist, betreten auch wir die Gleise, die sich als praktische Gehwege entpuppen; die erhöhten Querbalken verhindern, dass man in die schmutzigen Pfützen tritt. Denn der Regen der letzten Nacht – mittlerweile hat er aufgehört – hat den lehmigen Boden aufgeweicht. Wir kommen am Fischmarkt vorbei. Und wieder möchte ich stehenbleiben. Es riecht riecht nach frischem Fisch und Knoblauch. Mal sehen, ob das noch so ist, wenn ich heute Abend wieder daran vorbei komme…

Im Büro angekommen, um 11 Uhr morgens, sind die über 100 Arbeitsplätze im Großraumbüro fast ausnahmslos leer. Man fängt in den meisten Ressorts erst später an, erklärt mir Deputy Editor Sharier Khan. Abends dauerts dafür umso länger, bis die Nachrichten jeweils auf den neuesten Stand gebracht sind. Nach dem Mittag nimmt mich Reporter Pinaki mit an eine Pressekonferenz – mit dem Motorrad. Ich bin eigentlich ziemlich ängstlich, was zweirädrige Fahrzeuge betrifft, besonders, wenn sie einen Motor haben. Doch diese Fahrt genieße ich, Angst hab ich überhaupt keine. Vielleicht ist es wegen der Jetlag-Watte, in die ich mich gehüllt fühle. Ich muss bloss manchmal die Knie einziehen, wenn die Minitaxis, die Busse und Menschen links und rechts allzu nahe kommen.
Die Pressekonferenz findet in einem Nobelhotel in der Nähe der Redaktion statt. Es geht um die Zusammenarbeit von Schweden und Bangladesch in der Bekämpfung der Luftverschmutzung. Die Schwedische Umweltministerin ist da, und ich lerne den zuständigen Minister von Bangladesh kennen. Nach einer halben Stunde ist gesagt, was gesagt werden muss, und es gibt Hühnchensandwich mit Mayonnaise (ich hoffe mal, dass es frisch war), Brownies und Tee. Ein paar andere Reporter sprechen mich an. Ob ich Schwedin sei, wollen sie wissen. Nein, ich hab mit der Sache hier nichts zu tun, erkläre ich. Wir fahren zurück auf die Redaktion.

Mittwoch, 19. Oktober 2011
Heute morgen mache ich mich alleine auf den Weg zum Büro. Weil ich am Vorabend in die Schweiz telefoniert habe, ist mein Pre-Paid-Handy-Guthaben schon aufgebraucht. Ich finde einen kleinen Shop, in dem ich das Guthaben erneuern kann. An einem Stand kaufe ich zwei Stück Fladenbrot. Dann gehe ich weiter. Ich möchte gerne Bilder von der Strasse machen, weiss aber nicht so recht, wie das bei den Leuten ankommt. Ich bin unter Dauerbeobachtung, und mit meinen blonden Haaren falle ich in etwa so wenig auf wie ein bunter Hund mit Blaulicht auf dem Kopf. Ich fasse mir ein Herz, zücke die Kamera und fotografiere die Strasse. Ein Mann bleibt stehen und postiert sich vor meiner Linse. Ok, denke ich. Und frage zur Sicherheit (mit Zeichensprache) nach, ob ich ihn tatsächlich fotografieren kann. Ich interpretiere seine Gestik als ein Ja und mache mein Bild. Der Mann bedankt sich, bevor er seines Weges zieht. Das war ja einfach.

Keine 100 Meter weiter spricht mich ein älterer Herr an. Von wo ich komme und was ich hier tue, will er wissen, und ob er mich auf einen Tee einladen darf. Ich sage ja (und frage mich in der gleichen Sekunde, ob das eine kluge Entscheidung war). Wir gehen über die grosse Fußgängerbrücke in der Moghbazar-Gegend Richtung Teestand. Dort tippt mich ein kleines Mädchen an, das offensichtlich Geld von mir möchte. Ich gebe ihr ein Fladenbrot ab. Zehn Meter weiter sitzt eine alte Frau am Boden. Als wir an ihr vorbei gehen wollen, klammert sie sich an mein Bein und lässt erst los, als ich ihr eine Münze gebe.
Der Teeladen ist eine winzige Kochnische, die mit einer Plache überdeckt ist, und unter der ein paar Leute auf einer Holzbank sitzen. Der ältere Herr sagt wie glücklich er sei, dass er mit mir sprechen dürfe. Er ist pensioniert, sagt er, und will in diesem Teil der Stadt seinen Bruder besuchen. All den Leuten, die wohl teilweise wegen mir am Teestand stehen bleiben, erklärt er, dass ich Journalistin sei und aus der Schweiz komme. Der Tee ist fantastisch. Süss und mit viel Milch.
Der Herr begleitet mich noch ein paar hundert Meter Richtung Buero. Er fragt, ob ich ihm helfen könne, in die Schweiz zu reisen. Ich muss ihn enttäuschen. Bevor wir uns verabschieden, darf ich auch ihn fotografieren.

Wieder komme ich am Fischmarkt vorbei. Diesmal bleibe ich stehen, sehe mir die Ware an, die die Verkäufer feilbieten. Wieder fordern mich Menschen auf, sie abzulichten. Ein Mann warnt mich allerdings, ich solle vorsichtig sein. Ich halte meine Tasche fest. Als ich zum Gemüsemarkt komme, verfolgt mich eine Horde Jungs, die aufs Foto wollen und es offensichtlich auf den Inhalt meiner Brieftasche abgesehen haben. Sie tun mir nichts, ausser dass sie ein wenig nerven. Ein Mann in Uniform blaest in eine Trillerpfeife, um mich von meinen Begleitern zu befreien. Er ist nur halbwegs erfolgreich damit. Macht nichts, irgendwann geben sie von alleine auf.

Im Büro kann ich meine ersten Nachrichten für die Online-Redaktion redigieren:
- Der Aktienmarkt serbelt, weshalb es zu Menschenansammlungen und Protesten vor der Boerse im Motijheel-Quartier kommt; der Verkehr in diesem Viertel ist lahmgelegt.
- Premierministerin Sheikh Hasina besucht heute bengalische Enklaven in Indien, um den Austausch zu verbessern. Die Korridore, die zu diesen Enklaven führen, sollen für die Bengalische Bevölkerung zu jeder Zeit offen sein. Zudem soll das Spitalangebot in den Enklaven ausgebaut werden.
- In der Nacht auf heute wurden bei einer Razzia sieben Menschen festgenommen, die mit einer grossen Menge Falschgeld erwischt wurden.
Im Gegensatz zu den Nachrichten in der Schweiz ist es hier ganz normal, dass man neben dem vollen Namen auch den Wohnort eines Festgenommenen in der Zeitung publiziert.
Ich wohne bei Liz, einer Schweizerin, die mit ihrem Mann Rubai und ihrem kleinen Sohn Dylan in Bangladesh zu Hause ist. Das Paar war erst im Tourismusgeschäft der Schwiegereltern tätig. Seit Jahren erforschen Liz und Rubai nun aber seltene Flussdelfine, die im Sundarban-Delta von Bangladesh leben. – Dorthin will ich unbedingt.
Heute Abend bin ich bei den Schwiegereltern meiner Gastfamilie, Hosan und Topu, zum Essen eingeladen. Sie wohnen im selben Haus, genau wie die Schwiegertochter Afreen und ihr Mann Mitu mit den beiden Töchtern Lara und Aisha, einen Stock tiefer. Sie haben mich am Ankunftstag herzlich begrüsst und bekocht. Die Familie, ja das ganze Haus ist unglaublich nett und Hosan und seine Frau Topu kochen die leckersten Sachen. Ich darf mich als eine der ersten an den Tisch setzen (die ganze Familie ist versammelt) und schaufle mir mit der rechten Hand Reis, Gemüse und leckere Curries in den Mund (mit den Fingern essen ist herrlich – vielleicht werde ich es mir gar nicht erst wieder abgewöhnen, wenn ich daheim bin). Aber ich weiss gar nicht so recht, wie ich mit dieser Herzlichkeit und Gastfreundschaft umgehen soll. Ich werde wie ein Familienmitglied behandelt. Gerne würde ich mich für das Essen revanchieren. Doch leider kann ich nicht so gut kochen wie die beiden… Als ich mit essen fertig bin, mache ich für den nächsten Platz. Zum Dessert gibt’s neben dem süsssauren schmackhaften Joghurt eine Bündner Nusstorte. Die ist von mir.



Dhaka, Donnerstag, 20. Oktober
Heute fahre ich zum ersten Mal schnurzalleine mit einem CNG (so heissen die kleinen grünen dreirädrigen Motortaxis, die man hier überall findet). Und schaffe es tatsächlich auf die Redaktion! Davor war ich auf der Schweizer Botschaft im Banani-Viertel und habe Botschafter Urs Herren, sowie die Leute von der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) kennen gelernt. Schon seltsam, am anderen Ende der Welt Fotos von Schweizer Bergen zu sehen… Wenn alles klappt, werde ich nächste Woche für drei Tage in den Norden von Bangladesch reisen, um dort Entwicklungsprojekte zu besuchen.
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Dhaka, Freitag, 21. Oktober
In Bangladesh dauert das Wochenende nur einen Tag: Freitags haben die Menschen frei Einige Shops haben trotzdem geöffnet, und auch die Rikscha-Fahrer arbeiten – schliesslich wollen die Städter am Wochenende ihre Verwandten besuchen. Es ist ruhiger auf den Strassen, das Hupen auf ein Minimum reduziert, viele Geschäfte haben geschlossen. Ich gehe heute nicht zur Redaktion, sondern kuriere meine Klimaanlagen-Erkältung aus.
Am Nachmittag marschiere ich dann doch noch los und schaue mich etwas in meiner näheren Umgebung um. Ich beobachte die Busse, die an den Haltestellen nicht anhalten, sondern nur langsamer werden, so, dass die Passagiere gerade noch auf das Gefährt auf- oder abspringen können. Busfahren ist hier nichts für Weicheier. Dafür hält es fit…
Ich schaue einem Mann zu, der gerade damit beschäftigt ist, ein Huhn zu rupfen. Er hockt am Strassenrand vor sich im Dreck liegt ein ganzer Haufen Tiere mit aufgeschlitzten Kehlen. Hinter ihm stehen zwei Körbe mit lebendem Frischfleisch, das an den Füssen zusammengebunden auf Einlass ins Nirwana wartet. Ich sehe zum ersten Mal, wie jemand ein Huhn verarbeitet. Hühnerhändler sind mir hier dafür schon einige begegnet. In fedrigen Bouquets tragen sie die (halb)lebenden Hühnchen kopfüberhängend in Sträussen von sechs bis sieben Tieren durch die Gegend. – Es steht mir nicht zu, mich darüber zu empören; ich esse Fleisch. Dennoch habe ich kein Bedürfnis, ein Hühnchen zu kaufen. Ich kaufe aber auch nie Rosen.
Dhaka, Samstag, 22. Oktober
Das war haarscharf: Als mich heute ein CNG-Fahrer beim Moghbazar absetzt, finde ich mich am Rand einer grossen Kreuzung wieder. Ich muss irgendwie auf den Gehsteig gelangen, doch der ist blöderweise mit einer hohen Abschrankung von der Strasse getrennt. Es hat geregnet, und überall haben sich stinkige braungraue Pfützen gebildet. Auf keinen Fall will ich auch nur einen Zeh in solch einen Tümpel setzen, und hangle mich – mehr oder weniger geschickt – an den CNGs und Rikschas vorbei, um den gräuseligen Wasserlöchern auszuweichen. Ich komme mir ein bisschen vor wie Super Mario, der sich seinen Weg zwischen Lavaabgründen hindurch bahnt. Nur, dass es in meinem Fall keine Lava ist. Es ist schon dunkel, und ich sehe nicht genau, wo ich hintrete. Auf der Strasse ist es so eng wie immer im Feierabendverkehr. Ich habe es fast bis zum Trottoir geschafft, als ich das Gleichgewicht verliere. Ich rudere mit den Armen und kriege Panik, nicht nur, weil das Wasser schmutzig ist, sondern auch, weil ich nicht weiss, wie tief das Loch darunter ist. An manchen Stellen liegt Dhakas Kanalisation nämlich offen; die Löcher sind einen Meter oder tiefer. Um nicht in diesen bodenlosen Tümpel zu stürzen, der nach Pipi und Unrat riecht, klammere ich mich im letzten Moment am Lenker eines Rikschafahrers fest – und statt mich auszuschimpfen, weil ich ihn mitsamt seiner Kundschaft fast mit in die Pfütze zerre, hält er mich am Arm fest. Er hat mich gerettet. Gott, ist das peinlich. Ich entschuldige mich und bedanke mich, und schaffe es in zwei beherzten Hüpfern ans sichere Ufer.

Das ist nicht das einzige Abenteuer, das ich heute erlebe. Bereits vor Sonnenaufgang bin ich mit Mitu zum Fisch-Markt gefahren, um Fotos zu machen. Um 6 Uhr morgens. Unglaublich, was da abgeht. Mitu erklärt mir, dass bereits um 4 oder 5 Uhr die grossen Lastwagen mit dem Eis und den Fischen vom Meer und von den Flüssen ankommen. Die Ware wird abgeladen und von hier aus an Grosshändler und an die Märkte verkauft. Es herrscht ein riesiges Gewusel, Gedränge und Geschrei. Wenn man, so wie ich, im Weg steht, muss man schon den ein oder anderen Ellbogenhieb einstecken. Auf Tischen werden Fische in allen Grössen und Formen angepriesen. Mitu nennt mir ein paar Arten, und erklärt mir, welche am besten schmecken, doch ich kann es mir nicht merken.
An manchen Orten schwappt Wasser aus den Fässern, in denen Hunderte oder Tausende von Fischen ihre letzten Flossenschläge tun. Ein Mann drischt mit einem Holzknüppel auf einen riesigen Eisklumpen ein und schaufelt die kleineren Stücke für ein paar Taka in die Körbe der Kunden. Daneben kauert ein Mann auf dem Boden, der Fische an einer Art stehenden Eisenmesser aufschlitzt, die Innereien herauspult und das Fleisch in Stücke schneidet. In der aufgehenden Sonne sehe ich etwas glänzen: Es sind daumennagelgrosse Schuppen, die wie Schmuckstücke um den Fischmetzger herum drapiert liegen. Sie sind zu schön für diesen rauen Ort.
Junge Männer transportieren den Fisch in Körben auf dem Kopf, zum Schutz gegen das Wasser haben sich manche Plastiktüten übergestülpt. Eigentlich ist Plastik in Bangladesch seit einiger Zeit verboten. Die Plastiktüten sind einer der Gründe, warum die Kanalisation dauernd verstopft ist, und dann das Wasser überquillt (siehe oben). Ausserdem löst sich das Polyethylen nicht einfach auf. Wenn es nicht verbrannt wird bleibt es liegen, überall, während Jahrzehnten.
Gerne würde ich meine Eindrücke auch fotografisch festhalten. Doch dummerweise steigt meine Kamera aus; Das Objektiv macht haarsträubende Geräusche. Mist.
Nach dem Ausflug zum Fischmarkt gibt’s Frühstück in einem „fancy“ Kaffeeladen mit echtem italienischen Kaffee. Seit der Zwischenlandung auf dem Flughafen von Dubai, über den ich nach Dhaka gekommen bin, habe ich keinen mehr getrunken. Ausserdem ist das eine kleine koffeinhaltige Entschädigung für meine defekte Kamera. Der Fischmarkt lässt mir keine Ruhe: Ich möchte unbedingt noch ein paar Bilder machen, sobald meine Kamera repariert ist. Mitu rät mir aber ab, alleine dort hinzugehen. In der Gegend habe es viele Slums und manche Menschen seien nicht ganz bei Sinnen. Das will ich genauer wissen. In der Nähe sei ein Drogenumschlagplatz, erklärt er mir. Heroin, Kokain, Marihuana. Das überzeugt mich.
Ich gehe auf die Redaktion. Heute steht ein Interview mit einer amerikanischen Jazz Band an, die am Abend in Dhaka auftritt. Rajiv, ein Fotograf vom Daily Star, holt mich ab und wir nehmen ein CNG. Das Interview findet in der Lobby eines Nobelhotels im Gulshan-Quartier statt. Ausser uns sind noch ein paar andere Zeitungsvertreter dort, doch das Interview findet im kleinen Rahmen statt und ist entsprechend angenehm. Rajiv macht die Bilder, wir trinken an der Ecke einen Tee, und werden dann mit dem Motorrad eines befreundeten Journalisten auf die Redaktion zurückgefahren.
Für eine Recherche will ich mir heute ein bestimmtes Buch von einem indischen Autor kaufen und frage auf der Redaktion herum, wo ich das herkriegen kann. Einfach über Internet bestellen und liefern lassen, ist nicht. Also mache ich mich auf den Weg zu einer Bücherei, etwa 20 Minuten von der Redaktion entfernt. Ich entdecke das Büchergeschäft tatsächlich, doch mein Buch haben sie nicht. Dafür finde ich einen tollen Kleiderladen.
Mittlerweile ist es dunkel, und ich versuche im Regen ein CNG zu finden. Ich entdecke einen freien Fahrer und versuche ihm zu erklären, wo ich hin will. Wir kommen auf keinen grünen Zweig. Da steigt er aus und geht mit mir zu einer Gruppe Männer, die uns beobachtet hat. Wir finden einen Übersetzer und meine Heimfahrt ist gebongt. Ich werde an der grossen Kreuzung beim Moghbazar ausgeladen. Den Rest der Geschichte kennt ihr ja…

Dhaka, Sonntag, 23. Oktober
Den heutigen Tag erkläre ich zu meinem persönlichen Tag-des-Übers-Ohr-Gehauen-Werdens. Am Morgen mache ich mich auf zum New Market, wo es weitere Bücherläden gibt, die vielleicht mein Buch auftreiben können. In dutzenden von kioskgrossen Nischen stapeln sich die Bücher bis unter die Decke: Von Danielle-Steel-Romanen, über John Grishams Bestseller, der Originalversion von Lord oft he Rings, ganzen Serien von Princess Diaries, einer Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ bis zu Tausenden von Sach-, Wörter- und Geschichtsbücher haben sie alles. Nur mein Buch nicht. Mir bleibt nichts übrig, als wieder shoppen zu gehen.








An einem Schuhstand komme ich mit einem Mann ins Gespräch. Er fragt mich, wonach ich suche. Er will mich zu einem Bücherladen führen, der mein Buch ganz bestimmt hat. Ich folge ihm dorthin. Und ich folge ihm auch in seinen Sari-Laden (das Buch hatten sie natürlich nicht), in einen Schal-laden, einen Teeladen, vor dem sich gerade ein Beklauter mit einem Taschendieb prügelt, und in ein paar andere Shops. Ich würde mich eigentlich lieber allein umsehen, doch dann denke ich mir, was soll‘s. Ich kann die Läden genauso gut mit meinem Begleiter, nennen wir ihn Larry, im Schlepptau abklappern. Und er scheint mir ganz ok zu sein. Larry sagt mir gefühlte 1000mal, dass er keinen Taka von mir haben wolle und mich vor allen Taschendieben und Abzockern beschützt (er sagt, er würde mit 100 Männern gleichzeitig fertig), wenn ich ihm nur verspreche, ihn meinen Freunden zu empfehlen.
Larry guckt auch tatsächlich immer mal wieder Leute böse an, die hinter mir hergehen, und sagt, die wollten mich beklauen. Ich werde ganz paranoid. Ich kaufe noch ein paar Geschenke ein (auch weil ich denke, dass er bestimmt Provision von den Shopbesitzern bekommt und dann tatsächlich kein weiteres Geld von mir will). Dann lade ich ihn auf einen Tee ein, so quasi als Abschluss und als Belohnung für seine Dienste. Denn ich habe jetzt weiss Gott genug Dinge gekauft, die ich eigentlich gar nicht haben wollte. Er bestellt statt Tee Kaffee, dazu Kartoffelklösse mit Gurkensalat, Wasser und zwei Packungen Zigaretten. Ich atme tief durch und sage mir, dass er mir ja tatsächlich einen Dienst erwiesen hat, das Gespräch mit ihm ja eigentlich ganz nett ist und dass das Essen ja nicht viel kostet.
Larry erzählt mir, dass er „ungefähr“ 30 Jahre alt ist und seine Frau erst 14. Allerdings würde er sie „nur lieben“, alles andere mache er mit ihr erst in fünf Jahren, wenn er sie dann tatsächlich geheiratet haben werde. Schliesslich sei er ein anständiger Mann. – Dafür stellt er allerdings ziemlich unanständige Fragen. Die harmloseste finde ich noch ganz witzig: Wie viel mein Mann für mich bezahlt habe, will er wissen. Ich erkläre ihm, dass ich nichts gekostet hätte. – Dann habe mein Mann aber Glück gehabt, meint er. Seine Frau sei nämlich sehr teuer gewesen.
Ich will auf die Redaktion fahren. Larry hilft mir, eine Rikscha zu finden, setzt dann aber selber auch gleich rein. Und er sagt mir, dass er sich einen neuen Lungi (eine Art Wickelrock für Männer) kaufen wolle und er dafür 500 Taka von mir brauche (das sind etwas mehr als 6 Franken, für die er bestimmt 10 Lungis kaufen könnte). Ich weise ihn darauf hin, dass ich ihm ein Sackmesser geschenkt habe (habe ich nämlich), doch er findet, er wisse nicht, was er damit anfangen soll. Mir reichts. Ich steige aus, drücke ihm den Schein in die Hand und mache ihm deutlich, dass ich nun zur Redaktion gehen werde. ALLEIN.
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Meine ersten beiden Artikel sind bereits vor einer Woche erschienen:
http://www.thedailystar.net/newDesign/news-details.php?nid=207563
http://www.thedailystar.net/newDesign/news-details.php?nid=207566
Dhaka, 28. Oktober 2011
In Dhaka gibt es echt tolle Pizza. Und ich meine nicht die von Pizza Hut, sondern die von einem echten Bengalischen Italiener. Liz hat heute welche nach Hause gebracht und ich esse zwei Stück, obwohl ich meinem Magen noch nicht so ganz traue. Die letzten vier Tage habe ich im Nordosten des Landes verbracht, auch dort war das Essen grandios. Eine Schande, dass ich mich zwei Tage von Zwieback und Cola ernähren musste…
Rückblende: Sylhet, 24. Oktober 2011
Am Montag fliege ich – nachdem mein CNG-Fahrer und ich die Schweizer Botschaft doch noch gefunden haben – gemeinsam mit einer kleinen Delegation der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) nach Sylhet, im Nordosten Bangladeschs. Die Deza unterstützt in diesem Teil des Landes lokale Hilfsorganisationen, welche wiederum die Entwicklung in den Dörfern ankurbeln. Der Besuch soll zeigen, ob und wie die Projekte funktionieren. Und ich bin dabei!
Der Nordosten des Landes und ist geprägt vom Wechselspiel von Regen- und Trockenzeit. In den Trockenmonaten pflanzen die Menschen Gemüse, Reis und Getreide an. Wenn in unserem Sommer der Monsun beginnt, füllt sich die Ebene mit Wasser, die Flüsse treten über die Ufer, und verwandeln die Region in eine Tausend-Seen-Landschaft. In dieser Zeit und in den Wochen nach dem Monsun leben die Menschen vom Fischfang, und man erreicht viele der Dörfer, die so genannten Hatis, nur über einige erhöht liegende Strassen und mit dem Boot. So auch das Dorf, das wir an diesem späten Nachmittag besuchen. Unsere Fahrt im klimatisierten Auto führt uns (nach einem Reifenwechsel) vorbei an Teeplantagen, an mystisch-verträumten Teichen voller Seerosen, an unendlich weiten Reisfeldern, an Kuhherden und Entenfamilien, durch kleine Dörfer (in denen schon fast „dhakaeske“ Verkehrsbedingungen herrschen) zu einem Fluss.

Dort besteigen wir ein langes, wackliges Holzboot, das nicht ganz dicht ist. Am Ufer wäscht sich gerade eine Frau die Haare, ein paar Kinder nehmen ein Bad, scheinbar ungestört vom Besuch, der hier einschifft.

Der Fluss ist gesäumt von üppigem, hohem Grün. Nach zehn Minuten Fahrt tut sich vor uns eine unglaubliche Landschaft auf: so weit das Auge reicht nur Wasser, aus dem hier und da ein paar flache Inseln herausragen. Ausserdem ein paar Strommasten und unbenutzte Fischernetze. Ein Seeadler fliegt über unsere Köpfe.






Dann legen wir am Strand einer Insel an. Ein paar plantschende Kinder versuchen kreischend die Aufmerksamkeit der Fremdlinge zu erregen. Kaum sind wir ausgestiegen, zückt die männliche Dorfjugend die Handykameras und lichtet uns ab. Strom gibt es hier trotz der Masten zwar keinen. Aber das Mobilnetz scheint einwandfrei zu funktionieren.

Wir werden zum Dorfplatz geführt. An die 50 Einwohner sind dort versammelt und nehmen auf einer Plache, zusammengenäht aus alten Getreidesäcken, Platz, die auf dem festgestampften Lehmboden ausgebreitet wurde. Für die Ausländer stehen Plastikstühle bereit. Ich komme mir vor, als würde ich einen Thron besteigen.


Es folgt eine Diskussion zwischen den Dorfbewohnern und den Leuten von der Entwicklungsorganisation. Es wird lautstark diskutiert, ein paar Hühner rennen quer durch die Versammlung, und die Kinder nähern sich behutsam, blicken uns an mit grossen Augen und offenen Mündern. Sie tuscheln über meine Kamera. Eine ganze Traube steht hinter meinem Stuhl und ist fasziniert, als ich ihnen die eben gemachten Bilder zeige. Die Kids werden allerdings immer wieder energisch von den Älteren des Dorfes verscheucht.




Die Hilfsorganisation will in diesem Dorf die Wasserversorgung angehen und die hygienischen Bedingungen verbessern. Denn für die über 600 Dorfbewohner stehen nur drei Brunnen zur Verfügung (zwei davon in Privatbesitz). Ausserdem ist das Grundwasser mit Arsen belastet. Und auch die Klo-Situation auf der Insel ist nicht gerade berauschend: Die drei oder vier Latrinen leiten das Abwasser direkt in das Bade-und Fischfangwasser rund um die Insel. Ist einer krank, werden alle krank. So in etwa ist es heute. Die Einwohner benutzen die Plumpsklos nicht gerne, vor allem die Frauen nicht. Sie fürchten sich vor Übergriffen, wenn sie nachts alleine zum Klo gehen. Ausserdem: Wer will schon ein stilles Örtchen benützen, das ausser ihm noch geschätzte 200 Andere mehrmals täglich aufsuchen…
Dann folgt das wahre Highlight der Inspektion: Ein Rundgang durch das Dorf. Umgeben von einem bunten lauten Knäuel aus Frauen und Kindern werden wir weiblichen Besucher zu den Brunnen und Latrinen geführt. Letztere machen schon von weitem keinen sonderlich appetitlichen Eindruck. Und ein Mädchen trinkt gerade aus einem Brunnen, der laut einem Entwicklungshelfer positiv auf Arsen getestet wurde. Arsen ist Metall, das durch natürliche Vorgänge im Boden ins Grundwasser gelangt. Die Folgen einer Arsenvergiftung treten oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten auf, was den Menschen keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Trinken von Wasser und der Krankheit gibt. Man könnte es relativ einfach herausfiltern. Eben: könnte. Ich weiss nicht, ob es in diesem Dorf bereits Filter gibt. Vermutlich nicht.


Das Dorf besteht aus einfachen Häusern, gebaut aus Ziegelsteinen, Wellblech und Bambus. Hühner stieben aus dem Weg, überall sind kleine Kühe angebunden (sie sind in etwa so gross wie die Kälber unseres Schweizer Braunviehs…). Es ist sauber, doch einige Kinder sind ziemlich verlumpt, auch einige Alte. Längst nicht alle haben an der heutigen Versammlung teilgenommen. Manche blicken zurückhalten zwischen den Häusern hervor. Ob sie nicht dabei sein durften oder nicht wollten?
Eine ältere Frau mit Kind auf dem Arm hakt sich bei mir ein. Sie möchte, dass ich sie an den Ort mitnehme, wo ich herkomme. Sie hält meine Hand.
Die meisten Menschen um uns herum lachen, und besonders die Kiddies haben Spass an dem ungewöhnlichen Besuch.






Trotz der offensichtlichen Armut dieser Menschen, dem Platzmangel, der Sorge um die Ernte und ausreichend Fischfang, den prekären hygienischen Verhältnissen und dem fehlenden Stromanschluss habe ich ein starkes Gefühl, dass diese Menschen etwas ganz Wichtiges besitzen: Sie strahlen Lebensfreude aus.
Der Abschied vom Dorf ist magisch. Kinder, Frauen und Männer stehen am Strand, als wir ablegen und winken und lachen. Dabei haben wir gar nichts gemacht.


Wir sind zu spät unterwegs. Die Dämmerung dauert hier wegen der Nähe zum Äquator weniger als eine Stunde. Als wir um etwa sechs Uhr den Kanal erreichen, erkennt man mit viel Fantasie noch die Umrisse der Bäume am Ufer und der wenigen Boote, die uns entgegen kommen. Ich halte die Hand ins Wasser. Ein Stück Holz berührt meine Hand. Oder vielleicht auch was anderes. Ich will es gar nicht so genau wissen.
In klimatisierten Autos werden wir zur Unterkunft gebracht. Hier draussen gibt es kaum künstliches Licht, nur hie und da flackert zwischen den Bäumen ein kleines Feuer hindurch. Immer weniger Menschen tauchen im Scheinwerferlicht auf.
Im IC Guesthouse beziehe ich mein Zimmer. Der nette Koch, der auch für die Zimmer verantwortlich ist, hat mir ein wunderbares Bouquet auf den Nachttisch gestellt. Allerdings riechen die weissen Blüten so stark wie ein Dutzend Duftbäumchen zusammen. Ich muss den Strauss ins Badezimmer verbannen. Ich hoffe, der Koch verzeiht mir…
Dann erwartet uns ein kulturelles Unterhaltungsprogramm: Eine Frau und zwei Mädchen führen uns lokale Tänze vor. Die Musik dazu kommt aus einem Handy, das ganz nah ans Mikrophon gehalten wird. So kann man‘s auch machen. Highlight sind die Darbietungen einer kleinen Band. Am meisten imponiert mir der Drummer: Er hält eine Art Fässchen vor der Brust, auf das er mit den Fingern trommelt. Er geht voll ab. Nach der Hälfte der Darbietung öffnet er seinen Pferdeschwanz und scheint in andere Sphären abzuheben. Und mit ihm die Männer in Anzugshosen und gestärkten Hemden im Publikum, die die Lieder mit geschlossenen Augen leise, aber voller Innbrunst mitsingen.
Nach einem üppigen Mahl mit Reis, Fisch, Gemüse, Hühnchen und leckerem Joghurt Dessert lege ich mich ins Bett. Diesmal ist es nicht der Muezzin, der mich einlullt, sondern ein einsamer Sänger, der irgendwo draussen in der Dunkelheit sein Lied singt. |
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Sunamganj / Sylhet, Dienstag, 25. Oktober
Heute besuchen wir ein Dorf nach dem anderen. Überall werden wir mit grossen Augen empfangen, überall sind die Menschen zurückhaltend-neugierig und sehr freundlich. „Bhat khaben?“ fragt mich eine Frau. Was ich sogar verstehe: „Möchten Sie Reis essen?“ – Ich hatte eben ein Riesenfrühstück, und kann jetzt leider wirklich keinen Reis essen. Ich mache mit meinen Armen eine Halbkreisbewegung über meinem Bauch, was so viel heissen soll wie: „Ich bin satt.“ Vielleicht meint sie jetzt, ich sei schwanger.
In all den Gemeinschaften, bei denen wir vorbei schauen, wird fleissig gearbeitet. Im ersten Dorf stehen Gruppenarbeiten an. Die Menschen soll lernen, was sie als Bürger für Rechte einfordern und wie sie sich aktiv in die Entscheidungsprozesse der lokalen Behörden einbringen können. Auch die Gemeindebehörden selber wissen oft nicht so recht, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Obwohl Bangladesch in der Politik eine Frauenquote hat, sind die Anliegen des weiblichen Geschlechts stark untervertreten. Auch die armen Menschen und andere Randgruppen kommen in der Regel viel zu kurz. Das zu ändern ist eines der erklärten Ziele der Deza in Bangladesch.







Das zweite Dorf erreichen wir wieder mit dem Boot.






Hier nehmen wir erneut an einer Versammlung teil. Das Gemeindehaus befindet sich auf Stelzen etwa 20 Meter vom Ufer zurückversetzt. Von hier oben sieht man grosse Betonwände, die das Land während des Monsuns vor der Erosion schützen. In diesem Dorf wurden schon einige Projekte umgesetzt, auch mit Hilfe anderer Länder. Die Gemeindearbeit läuft schon sehr selbstständig.

Zuletzt geht’s – wieder auf dem „Festland“ – an eine Schulungsveranstaltung für Frauen. Ich bin nicht mehr wirklich aufnahmefähig und schaue mich lieber draussen etwas um. Da gibt es eine Schreinerstube, in der mehrere junge Männer an Tisch- und Stuhlbeinen schnitzen. Sehr interessant. Finden auch die Männer, die sich in wenigen Minuten um mich herum versammelt haben.
Jemand stellt mir einen frisch geschnitzten Holzstuhl hin. Ich soll mich setzen. Ein Mann – er könnte alterstechnisch mein Vater sein – setzt sich mir gegenüber seitlich auf ein Motorrad. Und da sitzen wir nun. Und gucken einander an. Ich und die zwei Dutzend Männer.
Diesmal schaffen wir es vor Einbruch der Dunkelheit zurück ins Quartier. Kein Unterhaltungsprogramm heute, dafür gibt’s wieder viele Leckereien: Fisch, Poulet, Reis, alles. Und ein kleines ungemütliches Rumoren in meinem Bauch.
Sunamganj, Mittwoch, 26. Oktober
Das Rumoren ist leider nicht weg. Im Gegenteil. Es ist sehr präsent. Trotzdem fahre ich mit Deza-Begleitung nach Sylhet. Dort findet eine Infoveranstaltung für die lokalen Medienschaffenden statt; ihre Kompetenzen sollen erhöht werden. Ich kriege einen Platz ganz vorne bei der Powerpointpräsentation. Während der folgenden vier Stunden verstehe ich so ziemlich kein Wort. Dafür werde ich aufgefordert, eine Ansprache zu halten. Und von einer lokalen Politgrösse werde ich als „Andrée, the famous journalist from Switzerland“ vorgestellt.
Meinem Rumoren geht es zwischenzeitlich immer besser, mir immer schlechter. Auf weitere Besichtigungen verzichte ich nach der eineinhalbstündigen Rückfahrt, stattdessen verziehe ich mich ins Zimmer. Ich will auch nichts essen. Tut mir leid, lieber Koch.
Zurück in Dhaka, Donnerstag, 27. Oktober
Mann, bin ich froh, dass ich nach dem Flug von Sylhet zurück nach Dhaka mit dem Auto nach Hause gefahren werde, und nicht erst noch mit einem CNG-Fahrer diskutieren muss. Ich schaffe Bewegungen nur noch in Zeitlupe. Und statt, wie ich mir vorgenommen hatte, noch auf die Redaktion zu fahren, lege ich mich ins Bett. Zwieback, Bouillon und Cola.
Dhaka, Sonntag, 30. Oktober
Nachdem ich mich nach drei Tagen immer noch nicht gut fühle, fährt Liz mit mir zum Arzt. Ich werde angezapft, doch in meinem Blut ist nichts Ungewöhnliches.
Mir geht es auch schon am Abend nach dem Arztbesuch deutlich besser. Wird auch Zeit: Ich war schon seit einer Woche nicht mehr auf der Redaktion. Ausserdem habe ich den Lonely-Planet jetzt lange genug auswendig gelernt. Dummerweise hat mir die Ärztin Ruhe verschrieben…
Dhaka, Montag, 31. Oktober
Ich glaube, mein CNG-Fahrer will mich umbringen. Dabei wollte ich doch nur einen klitzekleinen Ausflug machen, statt nur im Bett zu liegen. Das hab ich jetzt davon. Nein, beruhige ich mich, der Fahrer bringt mich schon nicht um, schliesslich sitze ich in seinem CNG, und er hat wohl kein Interesse daran, den kleinen grünen Käfig auf Rädern zu Schrott zu fahren. Ich gucke einfach nicht auf die entgegenkommenden CNGs, nicht auf die Autos, die Busse und die Rickschas, die von allen Seiten direkt auf mich zusteuern, als versuchten sie geradezu, mich zu erwischen. Eigentlich ist das ein bisschen wie Auto-Scooter-Fahren an der Chilbi. Etwa gleich teuer, nur etwas mehr Hardcore. Und nicht alle haben gleich viel PS.
Ich versuche irgendwo eine freie Stelle auf der Strasse zu erspähen, auf die ich mich konzentrieren kann. Und ehe ich mich versehe, bin ich schon wieder zu Hause in Moghbazar. So schnell wie noch nie. Das muss ich dem Driver lassen.
Dienstag, 1. November 2011
Auf der Redaktion arbeite ich an einem Artikel über den Ausflug nach Sylhet, dann trinke ich Tee mit den Mädels von der Magazinsektion. Wir verabreden uns provisorisch zum Powershopping, denn sie kennen die besten Plätze in Dhaka. Ich habe da vollstes Vertrauen.
Wir reden auch über Eid (sprich ‚Iid‘), das muslimische Opferfest, das nächste Woche über die Bühne geht. Dafür werden dieser Tage zigtausende von Kühen aus Indien importiert und ganz Dhaka mutiert zu einem einzigen grossen Viehmarkt. Alle Familien, die ein bisschen was auf Tradition halten, kaufen eine Kuh (oder eine Ziege oder ein Kamel) und schlachten sie irgendwo im Hinterhof oder gleich auf der Strasse. Ich stell mir das ein bisschen vor wie Thanksgiving oder unsere Ostervöllerei. Nur mit mehr Kuhmist und Blut. Für sie sei Eid der jährliche Grund, sich näher mit dem Vegetariertum zu beschäftigen, erklärt Preetha. Am besten soll ich einfach ein, zwei Tage gar nicht auf die Strasse gehen, meint sie. Mal sehen.

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Dhaka – Shitolokkha –Meghna (Nebenflüsse des Ganges) , Freitag, 4. November 2011
Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Nicht, dass das für Dhaka ungewöhnlich wäre. Aber heute am Wochenende vor Eid, scheint auch der Hinterste und Letzte aus seinem Verschlag gekrochen zu sein, um, in seine besten Kleider gehüllt, noch einen der äusserst raren Plätze auf den hunderten von Fähren, in den überquellenden Bussen oder auf dem Dach eines Zuges zu ergattern und zu den Verwandten aufs Land zu fahren.
Es ist kurz nach 7 Uhr morgens und ich sitze in einem klimatisierten Bus von Guide Tours Richtung Fluss. Ich fahre mit Emile – dem Cousin von Rubai, der im gleichen Haus wohnt und der als Guide bei dem Familienunternehmen arbeitet – in die Sundarbans. Nichts also mit toten Kühen in den Gassen von Dhaka während des grossen Opferfestes, stattdessen freue ich mich auf ein paar Tage in den mystischen Mangrovenwäldern im Süden von Bangladesch. Dort ist der Bengalische Tiger zu Hause. Ich habe keine Hoffnung, eines dieser majestätischen Tiere zu Gesicht zu bekommen. Aber vielleicht sehen wir ja ein paar Spuren. Der Fluss ist ausserdem die Heimat des Shushuk, des Ganges-Flussdelfins, und anderer Arten. Und ich würde gerne mal ein Krokodil in freier Wildbahn sehen. Bisher kenne ich nur die mit Münzen bedeckten Tiere aus dem Zoo.
Wir werden zum Ufer des Flusses gefahren. Zwischen den hohen Sandhügeln stehen bunte Lastwagen und ein paar Männer schrubben ein rostiges Transportschiff. Wir besteigen ein kleines Boot, das uns auf die „Aboshar“, unser Sundarban-Schiff, bringt.


Meine Reisegruppe besteht aus Expats – vorwiegend aus Holland, Schweden und der Schweiz –, die in Bangladesch leben und arbeiten. Alle sind ganz aufgeregt, die Kinder und die Erwachsenen, sie wuseln auf dem Boot herum und zücken ihre Kameras und knipsen wie wild in der Gegend rum. Ein paar Kinder hätten schon eine Gruppe von Flussdelfinen gesehen, sagt Emile. Alles wird notiert. Denn auf dem Touristenboot werden nebenbei Erhebungen über die Delfinpopulation gemacht.
Eine Stunde nachdem unser Schiff den Anker gelichtet hat, haben sich die Reiseteilnehmer beruhigt und auf den Decks verteilt. Wir gleiten unter Brücken hindurch, auf denen sich die Busse stauen, und auf den Bussen die Menschen. Wir fahren vorbei an riesigen, mit Plachen überdeckten Kuhmärkten, die für das Opferfest eingerichtet wurden. Ein Kuhtransport kommt uns auf dem Wasser entgegen; die Tiere stehen quer in dem kleinen Holzboot: eine mit dem Kopf nach Backbord, die nächste mit dem Füdli, Kopf, Füdli, Kopf. An den Ufern stehen Menschen bis zum Bauch im Wasser und waschen die Kühe im Fluss.


Allmählich werden Menschen, Tiere und Fahrzeuge an den Ufern kleiner; das Flussbett weitet sich bis irgendwann das Wasser am Horizont mit dem Himmel verschmilzt. Die Luft ist trüb vom Dunst, der Himmel hat keine Farbe. Je unerfassbarer die Grenzen des Flusses werden, desto grösser werden auch die Kähne, die uns kreuzen. Überfüllte Fähren fahren Richtung Süden. Jene in Richtung Stadt sind leer. Manche der Boote sind so laut, dass man es kaum aushält ohne die Ohren zuzuhalten. Es ist mir ein Rätsel wie die Passagiere auf diesen Krachmachern das länger als zwei Minuten aushalten.







Irgendwann am Nachmittag sehe ich eine lange, spitze Nase aus dem braunen Wasser auftauchen, gefolgt von einem grossen grauen glänzenden Körper. Shushuk. In den Sundarbans leben drei Delfinarten und eine Walart: Der Irrawaddy Delfin, der Ganges Flussdelfin (Shushuk), der Chinesische Weisse Delfin und der Glattschweinswal. Liz und Rubai und ihr Team erforschen die Tiere seit Jahren. Sie stehen kurz vor einem wichtigen Durchbruch: Einige der Delfin-Hotspots sollen zu Sanctuaries, also Schutzgebieten, erklärt werden.
Mit den Schweizern und Niederländern in der Gruppe klopfe ich einen Jass. Ich spiele zum ersten Mal mit den Französischen Karten. Doch wir gewinnen den Schieber haarscharf.
Als die Dämmerung einsetzt fahren wir noch ein wenig weiter flussabwärts, dann ankert der Kapitän. Erst jetzt merke ich, wie ruhig es hier ist. Das Wasser liegt still, ein paar Ruderboote kreuzen uns und in der Ferne zanken sich Hunde. Im Dunkeln bleibt das Ufer verborgen, doch es muss ganz nah sein, denn man hört die Grillen zirpen. Das weit entfernte Johlen von Menschen verrät, dass in der Nähe ein Dorf ist. Als der Mond aufgegangen ist, erkennt man kleine Inseln aus Wasserpflanzen, die geräuschlos an der „Aboshar“ vorbeidümpeln.
Laura aus Wales – sie arbeitet bei „Ärzte ohne Grenzen“ – Emile und ich beschliessen, auf dem Deck zu schlafen. Wir breiten ein paar Matratzen unter dem Dach aus, denn überall, wo das Boot nicht gedeckt ist, hat sich der Wasserdampf aus der trüben Luft in einen kühlen nassen Film verwandelt, der nun das Deck überzieht.
Sundarbans, Samstag, 5. November
Ich erwache, als der Muezzin vom Land aus zur Tagwache ruft. Das Tageslicht enthüllt langsam die Welt um uns herum. Am nahen Strand liegen vor aufgeschütteten Sandhügeln ein paar rostige Transportschiffe vor Anker. Die Fischer sind längst bei der Arbeit. Auf den Wasserpflanzen Inseln surfen keck kleine weisse Reiher vorbei. Irgendwo auf dem Nebel über dem Wasser erkenne ich ein kleines Licht, ein Minifeuer, das wohl ein Fischernetz markiert.



Noch im Morgengrauen lichtet der Kapitän der Anker.
Das riesige Flussbett, das wir gestern durchquert haben, haben wir hinter uns gelassen. Die Ufer kommen wieder näher, alles wird grüner. Statt Kühe stehen nun Wasserbüffel im Matsch. Palmen ragen zwischen anderen Blätterbäumen hervor. Die Sonne geht auf. Eine pinkrote Scheibe, die auf ihrem Weg zum Himmel langsam zu einem gelblichen Weiss verblasst.

Mehrmals halten wir an, um eine Maut zu bezahlen und einmal, um eine Schokoladentorte entgegen zu nehmen; wir haben ein Geburtstagskind an Bord. Vor dem Mittag hält das Schiff, damit wir uns im Fluss abkühlen können. Das Wasser ist so schlammig braun, wie es schon in Dhaka war, aber wir sind so weit weg von der Stadt, dass kein Abfall mehr auf der Oberfläche treibt und auch kein giftiger Regenbogenschimmer. Ich springe vom Dach des Bootes und tauche in den braunen Strom ein. Und obwohl ich mit kristallklarem Seewasser vom Vierwaldstättersee verwöhnt bin, ist das wohl eines der herrlichsten Bäder, das ich je genommen habe. Wir untersuchen die Wasserpflanzen und erschrecken uns gegenseitig mit doofen Krokodilwitzen.
Am späten Nachmittag erreichen wir die Sundarbans, die grössten Mangrovenwälder der Welt. Sie befinden sich in den verzweigten Ausläufern des Ganges-Brahmaputra-Flusssystems und erstrecken sich über mehr als 10‘000 Quadratkilometer. Die Vegetation hat sich erneut verändert. Flache, grüne Halbinseln durchbrechen das braune Wasser. Die Ebbe legt die Wurzeln der Mangroven frei und verwandelt das Ufer in ein Paradies für Schlammspringer, die bei unserem Anblick ungläubig die Augen verdrehen, bevor sie hysterisch ins Wasser hüpfen.


Wir halten erneut an, um zwei beige-uniformierte Männer mit Gewehren an Bord zu nehmen. Erst denke ich, das sind Zöllner oder Mafiosi. Doch Emile erklärt, dass die Männer uns beschützen werden; es sind Wildhüter. Ohne sie darf man hier nicht an Land gehen. Nicht nur, weil tatsächlich jedes Jahr Menschen von Krokodilen und Tigern gefressen werden, sondern auch zum Schutz der Natur. Die Sundarbans wurden 1997 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.


Sundarbans, Sonntag, 6. November
Am nächsten Morgen, bei Anbruch der Dämmerung, fahren wir mit einem kleinen Motorboot zu einem Steg: ein Marsch durch den Dschungel steht auf dem Programm. Emile unterzieht meine Schuhe einem Schlammtest: Er hält sie fest und zieht an meinem Bein um zu sehen, ob ich ihn im Matsch verlieren würde. Ich darf sie anbehalten.
Schon vom Boot aus sehen wir die ersten Hirsche, dazwischen einige Wildschweine und eine ganze Horde Affen. Die unterschiedlichen Tiere sind gerne gemeinsam unterwegs; die Hirsche sind scharf auf Früchte und andere Fressalien, welche die Affen zu Boden fallen lassen.

Die Tiere wissen, dass wir da sind, als wir in den Wald gehen; immer mal wieder blicken sie in unsere Richtung, sie bewegen sich langsam vor uns her. Der Boden besteht aus schwarzbraunem relativ hartem Schlamm; nur die ersten Zentimeter geben nach. Tausende von Hirschspuren überdecken den Boden, hölzerne Wurzelstöcke der Mangroven ragen heraus und junge Triebe, und es knackt ständig unter den Füssen. Wundertütenförmige Schneckenhäuser liegen im Schlamm oder bewegen sich langsam durch ihn hindurch, kleine Krabben, die aussehen wie mit Schokolade überzogen, rennen seitwärts in ihre Löcher.



Ich ducke mich unter herunterhängenden Ästen hindurch und gehe durch eine Art Pfütze. Mein Fuss bleibt stecken. Ich ziehe den zweiten nach und kann auch diesen nicht mehr rausziehen, verliere das Gleichgewicht und lande im Dreck. Ich sehe aus wie ein Ferkel und muss meine Schuhe mit aller Gewalt von Hand aus dem Matsch ziehen. Emiles Schuhtest hat versagt. Wenigstens ist die Kamera – die mir mein Freund James über ein Schweizer Ehepaar nach Dhaka hat schicken lassen – heil geblieben.
Jedenfalls gelangen wir nach meinem Ausrutscher auf eine kleine Lichtung, auf der rote Scherben von Tongefässen herum liegen. Sie stammen von Händlern, die hier im Dschungel Salz gewonnen haben, erklärt unser Guide. Man geht davon aus, dass dies illegal geschah; das Englische Imperium hatte die Salzproduktion auf dem Indischen Subkontinent stoppen lassen. Die Schiffe, die Email von hier in die britische Heimat brachten, sollten nicht leer nach Indien zurückkehren. Also importierte man Salz auf den indischen Subkontinent.
Wir gehen weiter. Wir sollen dicht zusammenbleiben, übersetzt Emile die Anweisungen der Wildhüter. Wir betreten einen schmalen Pfad, in den Gräser, Bäume und Farne hineinragen. Nur dichtes Grün auf allen Seiten. Die anderen Gruppenteilnehmer kann ich durch das Dickicht nicht sehen, aber ich höre ihre Stimmen. Da entdecke ich im Lehmboden einen Pfotenabdruck: „Er ist hier entlang gegangen“, sagt Emile. Ein Bengalischer Königstiger. Die Spuren seien wohl erst ein, zwei Tage alt. Ich glaube, einen strengen Geruch wahr zu nehmen, der mich an die Kindheitsbesuche in der Menagerie des Zirkus Knie erinnert. Liegt der Tiger noch irgendwo im Gebüsch? Blickt er mich vielleicht gerade an? Schätzt ab, ob ich essbar bin? – Eigentlich wäre es eine Art Glücksfall, von einem Tiger als Mahlzeit ausgewählt zu werden; Selbst Emile, der schon seit Jahren regelmässig für Wochen in die Sundarbans fährt, hat erst zweimal eine dieser majestätischen Wildkatzen zu Gesicht bekommen. Weltweit leben nur noch schätzungsweise 5000 bis 7000 Tiger in freier Wildbahn: In Bangladesch, Indien, Nepal, Bhutan, Thailand, Vietnam, Laos, Cambodia, Burma, China, Russland, Malaysia und Indonesien. Ich bedaure es fast, nicht von einem Tiger angefallen worden zu sein, als wir den Trampelpfad verlassen.

Wir befinden uns wieder im weiten, lichten Teil des Mangrovenwaldes. In der Nähe bewegt sich eine grosse Gruppe von Affen und Hirschen an uns vorbei. Ein Teil der Gruppe bleibt an einem Matschtümpel stehen, in dem sich Schlammspringer augenverdrehend in Sicherheit bringen. Ein paar Meter rechts von mir geht einer der beiden Wildhüter mit seinem Gewehr. Mehr zufällig schaue ich auf den Boden. Da bewegt sich was. Und es ist lang und gebogen und glänzt leicht in der Morgensonne, die zwischen den Bäumen hindurch auf den Waldboden scheint: Eine Schlange, bestimmt 1.5 bis 2 Meter lang. „Snake! Snake! Snake!“ schreie ich begeistert. Der Wildhüter schaut mich an, dann auf den Boden, ein paar von der Reisegruppe drehen ihre Köpfe zu mir und scheinen mich nicht zu verstehen. Ich deute wie wild auf das Tier vor mir und will näher ran gehen. Dann sieht es auch der Wildhüter, schreit was und fuchtelt mich von dem Tier weg. Emile und die anderen kommen angelaufen. Ich wäre beinahe auf eine Kobra getreten.
Wir folgen dem Tier in sicherer Distanz und fotografieren es, als wäre es Brad Pitt in Strapsen. Nach zehn Minuten hat die Schlange einen hohlen Baum gefunden, in den es sich verkriecht. Von mir aus könnten wir den ganzen Tag vor dem Baum hocken und warten, bis Brad sich wieder raus bewegt. Aber wir sind schon mindestens eine halbe Stunde hinter dem Programm und werden längst zum Frühstück zurück auf dem Boot erwartet. Also tuckern wir zurück zur „Aboshar“.


Kurz vor dem Mittag besteigen wir erneut das kleine Motorboot und fahren zu einer Halbinsel. Ein halbstündiger Marsch durch hohes Grasland, in dem sich hunderte von grossen Schmetterlingen tummeln, gelangen wir an den Strand. Die Bucht von Bengalen. Das Meer.
Dort, wo die Flut nicht hingelangt, glitzert der feine Sand silbern. Mit zunehmender Nähe zum Meer wird er dunkler, matschiger. Kunstvolle Bordüren aus Meerespflanzen und Schneckenschalen ziehen sich parallel zum Meer über den endlos weiten Strand. Krabbenlöcher durchsieben den weichen Boden; die Tiere graben sich in den matschigen Untergrund und werfen das überflüssige Material in klitzekleinen Kügelchen in alle Richtungen aus den Löchern. Wie Sterne sehen die Krabbenhäuser von oben betrachtet aus. Der Strand gleicht einer Galaxie. Weit draussen verschmelzen der Indische Ozean und der Himmel in einem milchigen Grau.
Mit den Kleidern steige ich ins Wasser. Der Boden gibt unter meinen Füssen nach, ich stehe knöcheltief im Matsch. Fasziniert schaue ich den Kids zu, die sich der Länge nach in den Schlamm werfen. Und den Vätern, die es ihnen plötzlich gleichtun. Irgendwer fängt an, mit Matsch zu schmeissen, und ehe ich mich versehe, ist eine Schlammschlacht in vollem Gange. Ich schwimme ein paar Züge im indischen Ozean, bevor ich mich zurück am Strand im Sand aufwärme, die Ohren voller Matsch.
Das Tollste am Reisen auf dem Schiff ist das Einschlafen. Abends, wenn alle in ihren Kajüten liegen, mache ich es mir mit meiner Matratze auf dem Deck bequem. Seltsame, glucksende Rufe hallen durch die Dunkelheit. Ein Frosch? Oder ein Vogel? Ich versuche etwas im Mondlicht zu erkennen. Doch mir fallen die Augen zu.
Sundarbans, Montag, 6. November
Heute ist der grosse Tag: Eid, das Opferfest. Die Crew kriegt ein paar Stunden frei, nachdem sie mit uns auf einer frühmorgendlichen Bootstour war und uns Frühstück gemacht hat. Mit blendend weissen langen Hemden und sauberen Lungis werden die Männer zum Gebet auf eine Insel gebracht. Ich verschlafe Eid und bin erst zum Mittagessen wieder unter den Lebenden.
Nachmittags fahren wir nochmals für ein Schlammbad an den Strand. Ich schmeisse mich wie alle anderen der Länge nach in den Dreck und sehe aus, als wäre ich in einen Trog mit flüssiger Schokolade gefallen. Der Matsch ist schön kühl und herrlich dreckig. Ich habe meine Meinung zum unzivilisierten Sich-Im-Schlamm-Wälzen revidiert: Es ist grossartig! Einfach grossartig!
Sundarbans – Khulna – Dhaka, Dienstag, 7. November
Es geht zügig zurück in die Zivilisation. Es ist seltsam, nach den Tagen im Dschungel, statt endloser Mangrovenwälder plötzlich wieder Häuser und Transportschiffe zu sehen. Vom Ufer her dringt auch schon das erste vertraute Hupen an mein Ohr. Am frühen Nachmittag erreichen wir einen kleinen Hafen und fahren zum Flughafen von Khulna. Der Flug dauert keine Stunde. In Dhaka nehme ich ein CNG und steige ein bisschen früher aus. Ich bin gespannt, ob man vom Opferfest noch irgendwas wahrnimmt. Doch da ist nichts. Das Blut wurde schon weggespült, die übriggebliebenen Kuhteile entsorgt. Die Stadt erscheint mir sauber. Dafür sind meine Ohren noch immer voller Schlamm.
Zum Znacht gibt’s heute natürlich Beef.

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Dhaka, Mittwoch, 9. November
Es ist reichlich absurd, aber ich gehe heute Abend an einen chinesischen Kulturevent. In Dhaka. Die Stadt Beijing veranstaltet nämlich in der Shilpakala Academy eine Kunstshow für die Bevölkerung von Bangladesch und lässt die Beijing Art Troupe auftreten. Diese zeigt verschiedene Kunstdarbietungen aus dem Land des Lächelns. Ich habe den Auftrag, darüber im Daily Star zu berichten und soll auch gleich die Fotos liefern. Ich verabrede mich mit Laura (der Ärzte-ohne-Grenzen-Mitarbeiterin aus Wales) im Theater. Wir finden uns anfangs nicht, weil sie durch den VIP-Eingang geschleust wurde und am anderen Ende des Gebäudes, hinter der Bühne, wartet. Man hat sie wohl für einen Star gehalten.
Viel zu viele Leute sind gekommen, um die Show zu sehen: viele müssen stehen, für uns werden noch ein paar Plastikstühle aufgetrieben. Dann geht’s los: saltoschlagende Akrobaten mit Diabolos und auf Fahrrädern, bezaubernde Tänzer, ein hochkarätiges Orchester, ein flinker Zauberer – und als Höhepunkt ein Ausschnitt aus einer echten Peking-Oper. Für westliche Ohren ist Letzteres, na ja, etwas abstrakt (der Gesang erinnert mich ehrlich gesagt ein wenig an eine hungrige Katze). Dazu kommt der leicht entrückte Gesichtsausdruck der weiss und rosa geschminkten Artistin. Aber die Performance scheint gut zu sein: Aus dem Publikum erklingen entzückte „Oohs“ und „Aahs“ und man dankt mit grossem Applaus.
Zum Grande Finale betritt eine Sängerin im hellblauen Prinzessinnenkleid gemeinsam mit einer Gruppe bengalischer Kinder die Bühne. Singend und tanzend verabschiedet sich Beijing von seinem Publikum. Ein famoser Abend.

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Dhaka, Freitag, 11. November
Laura und ich haben uns im New Market verabredet. Ich warte auf einer Treppe und beobachte einen Zigarettenmann. Er steht hinter einer Art hohem Pult, auf dem Zigarettenschachteln ausgelegt sind. Man kauft sich eine Zigarette und lässt sie sich gleich anzünden. Auch diese gräusligen Blätter zum Kauen kann man kaufen (nicht, dass ich sie schon probiert hätte; mir reicht schon der Blick in die roten Zahnstummelreihen der Konsumenten…). Am meisten Nikotin verbraucht der Händler selber. Ware testen oder so.
Ich treffe Laura schliesslich vor der Moschee, um welche herum der New Market sich zieht. Gemeinsam mit zwei ihrer Arbeitskollegen schlendern wir durch den Markt.
Einen netten Begleiter, der uns zu seinem Sari-Shop führen will, wimmle ich ziemlich bestimmt ab. Ein Tag-des-Übers-Ohr-gehauen-Werdens reicht mir völlig. Und ich bin ehrlich gesagt auch ziemlich froh, dass mir Larry vom letzten Mal nicht über den Weg läuft.
An einem Stand essen Laura und ich Fuchka; einen lokalen Snack. Er besteht aus kleinen knusprigen Teigballons, die mit einer Kartoffelmasse gefüllt und mit einer Chilisauce gewürzt werden. Schmeckt himmlisch, brennt höllisch.

Frisch gestärkt stürzen wir uns ins Marktgetümmel und bleiben in einem Bangles-Shop hängen. Bangles, das sind diese klimpernden Armreifen, die es in allen Farben, Grössen und Glitzerstadien gibt. Der Shopbesitzer und sein Assistent zaubern innert Kürze echte Kunstwerke aus den verschiedenen Ringen; passend zu jedem Outfit kann man sich hier eine Kombination zusammenstellen lassen. Zum Glück habe ich an diesem Nachmittag noch einen Auftrag vom Daily Star, sonst würde ich glaub ich zwei Tage später noch in dem Shop stehen.

Auf dem Rückweg sehen wir ein verbeultes knallrotes Feuerwehrauto vor einem kleinen Shop stehen. Daneben liegen ein paar verqualmte Einrichtungsüberbleibsel und vor dem vergitterten Fenster vom Shop drängeln sich die Menschen um den besten Platz. Jemand hat sogar Plastikstühle für die Schaulustigen aufgestellt.
Dann verabschiede ich mich von Laura. Ich fahre kurz nach Hause, um mit Liz und Co. Mittag zu essen. Heute sind Gäste da: Nina und Monika, zwei Journalistinnen aus der Schweiz. Sie werden die nächsten Tage mit Liz und Rubai in den Sundarbans verbringen. Dann geht’s für mich weiter zu meinem Auftrag: Eine Ausstellung zum Thema Hochzeitsfotografie in der Drik-Gallery. 13 Millionen Einwohner hat Dhaka, und mir läuft just in dieser Ausstellung Sandra über den Weg, die ich vor kurzem auf meinem Sundarban-Trip kennen gelernt habe. Wir freuen uns riesig.
Die Ausstellung ist toll: Bilder, wie sie Bollywood nicht schöner hätte inszenieren können, und am Ende gibt’s noch ein Fresspäckli (eine Art Hamburger und etwas Süsses) für alle Journalisten und ein T-Shirt.



Als ich am übernächsten Tag den Daily Star aufschlage, staune ich nicht schlecht: Auf dem Hauptbild zu meinem Artikel bin ich zu sehen…
Dhaka, Samstag, 12. November
Heute habe ich mich mit Jamil verabredet, einem Fotografen des Daily Star. Ich werde ihn einen Tag lang begleiten, um eine Reportage über seine Arbeit zu schreiben. Der Artikel soll in der Schweiz publiziert werden.
Auf dem Weg zur Redaktion komme begegne ich in einer Fussgängerüberführung einem älteren Mann, der am Boden sitzt und eine Frau in den Armen hält. Sie hat die Augen geschlossen und hängt schlaff in seinen Armen. Sie ist bewusstlos und sieht sehr, sehr krank aus. Ich gebe dem Mann Geld. Auch ein gut gekleideter Business-Mann steckt dem Bettler einen Schein zu. Er diskutiert gleichzeitig heftig mit ihm. Der Business-Mann erklärt mir, dass der Bettler sich weigere, mit der Frau ins Spital zu gehen. Er habe wohl entdeckt, dass sich mit einer Kranken im Arm eine Menge Geld machen lasse…
Ich bin froh, dass ich den Bettler nicht mehr sehe, als ich eine halbe Stunde später noch einmal an der Stelle vorbei gehe. Vielleicht war er einsichtig. Hoffentlich.
Jamil treffe ich im Press Club, wo sich sämtliche Fotografen der Stadt vor und nach und zwischen ihren Aufträgen auf einen Tee treffen. Vor dem Press Club haben sich Demonstranten, Polizisten und Presseleute versammelt; es wird unter anderem gegen die Auswirkungen der Klimaerwärmung demonstriert. Ban Ki-Moon ist in der Stadt.


Jamil fährt sehr vorsichtig mit mir auf dem Rücksitz auf seinem Motorrad. Er zeigt den Campus der Dhaka University und das Zentralgefängnis am Rande der Altstadt. Ich mache ein paar Fotos, aber die vielen Polizisten, die mich argwöhnisch beäugen, sind mir nicht geheuer. Ich stecke die Kamera ein, wir fahren weiter zum Bahnhof Kamlapur.

Es hat kaum Verkehr; noch sind die Menschen nicht von den Eid-Ferien zurück. Jamil will Fotos von den mit Rückkehrern überfüllten Zügen machen. Die meiste Zeit jedoch verbringen wir mit Warten. Die Züge haben stundenweise Verspätung.








Mit einem mächtigen Hupen fährt der erste Zug gemächlich ein. Aus den Fenstern quellen die Passagiere und auf den Waggons sitzen wie bunte Verzierungen hunderte von Menschen mit ihrem Hab und Gut. Reisebündel fliegen auf den Bahnsteig, junge Männer springen von den Dächern kaum hat der Zug angehalten. Ältere Frauen krakseln mühsam zwischen den Waggons herunter. Ein Kind wird von seinem Vater durchs Fenster auf den Bahnsteig gestellt.
Wir machen Fotos, doch Jamil ist nicht zufrieden. Er will am nächsten Tag nochmals wiederkommen.
Als wir zum Press Club zurück fahren, wird dort noch immer demonstriert.

Dhaka, Sonntag, 13. November
Manche Schmetterlingsarten kommen in Dhaka erst bei Anbruch der Dämmerung aus ihren Verstecken. In etwa zur gleichen Zeit wie die Flughunde, die beim Eindunkeln tief über den Köpfen der Städter ihre Runden ziehen, flattern sie zwischen den geschäftigen Menschen hindurch. Wenn die Schmetterlinge kommen, ziehe ich mir normalerweise meinen Schal über den Kopf. Ich fühle mich wohler, wenn man nicht schon von weitem sieht, dass ich nicht aus der Gegend stamme. Das Dunkelwerden hat hier eine ganz andere Bedeutung. Es ist ein Zeichen dafür, nach Hause zu gehen, die Strasse zu meiden. Obwohl es erst früh am Abend ist. Nicht, dass mir Dhaka Angst macht, im Gegenteil; ich fühle mich sehr wohl hier. Und doch macht man sich besser auf den Heimweg, bevor die Nacht erwacht. Nur einmal habe ich mich bisher gefürchtet. In meiner ersten Woche in Bangladesh. Damals habe ich für den Heimweg eine dunkle Strasse gewählt, eine, in der kaum Menschen unterwegs waren. Ich habe mich einer Frau an die Fersen geheftet und tief durchgeatmet, als ich wieder auf der belebten Moghbazar-Kreuzung stand.
Dhaka, Montag, 14. November
Dhaka meldet sich zurück. Mit all seinen Menschen und seinen Verstopfungen. Die meisten Städter scheinen von ihren Eid-Ferien zurückgekehrt zu sein, denn an den Kreuzungen steht man wieder still und Rote und Grüne Ampellichter sowie Vortrittsregeln – falls diese überhaupt je bestanden haben – sind bedeutungslos geworden. Auf der Strasse gilt jetzt wieder das Vortrittsrecht des PS-Stärkeren. Ein Polizist haut mit einem Holzstock auf ein CNG, weil der Fahrer eine Abkürzung nehmen will. Mein Fahrer hingegen schwuppst frech am Beamten vorbei.
Nachdem ich heute Morgen an meinem Ausland-Brief für das Schweizer Magazin gearbeitet habe, will ich heute im IDB Computer Center einen Kartenleser kaufen. Ein Interview, das für heute Vormittag eingeplant war, ist ins Wasser gefallen. Oder auf unbestimmte Zeit verschoben.
Das mehrstöckige Elektronik-Kaufhaus erinnert mich an die gigantischen IT-Märkte in Bangkok und Hong Kong. Verschleierte Frauen schleppen Computer-Tower in das Zentrum, andere laden Kartonschachteln in Fahrradrikschas. Meinen Kartenleser habe ich in Kürze gefunden. Dann mache ich mich auf zur Redaktion.

Dhaka, Dienstag, 15. November
Ich bin ja mal gespannt: Heute Abend findet im Goethe Institut ein Konzert statt, das die Schweizer Botschaft organisiert hat. Es ist der Auftakt für die Jubiläumsfeierlichkeiten der 40-Jahr-Zusammenarbeit von Bangladesch und der Schweiz. Die Schweizer Band STARCH tritt zusammen mit einer Bengalischen Gruppe auf. Und ich bin fast sicher, dass ich sämtliche Schweizer antreffe, die ich bisher in Dhaka kennengelernt habe. Hier das Amuse-Bouche. |
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Dhaka, Mittwoch, 16. November
Das STARCH-Konzert gestern Abend war wirklich super, obwohl Funk sonst nicht so mein Ding ist. Doch die Rock- und Weltmusik-Kombinationen waren klasse. Ausserdem fand ich’s super, zur Abwechslung mal ein Interview auf good old Mundart zu führen.

Die Bengalische Band Lalon mit ihrer starken Frontsängerin stand den Schweizern in keiner Weise nach. > Reinhören
Und natürlich habe ich die halbe ganze Schweizer Ex-Pats-Gemeinschaft angetroffen, ausserdem Sandra und ein paar weitere Deutsche, die mit dem Goethe-Institut (wo das Konzert stattfand) verlinkt sind.
Ich bin früh wach am Morgen nach dem Konzert. Da ich sowieso mit Jamil für eine Fototour durch die Altstadt abgemacht habe, stehe ich um sechs Uhr auf.
Jamil steht mit seinem Töff schon unten auf der Strasse. Ab geht’s nach Old Dhaka. Zuerst fahren wir ein bisschen durch die alten Gassen und machen dann Halt vor einer Musikschule, in der auch Kunstateliers eingerichtet sind. Jamil fragt mich, ob ich reingehen möchte. Es ist ein ruhiger Innenhof, Unterricht scheint heute keiner stattzufinden. Wir folgen einer Frau durch einen Torbogen und durch einen verwilderten, mit Müll gesprenkelten Garten. Dahinter stehen ein paar einfache Wellblechhütten. Jamil spricht mit der Frau und ein paar anderen Bewohnern. Die Frau erzählt, dass ihre Tochter bald zur Uni gehen wird. Mir wurde bereits wieder ein Plastikstuhl hingestellt, damit ich nicht stehen muss.





Zu Fuss gehen Jamil und ich weiter zum Flussufer, vorbei an winzigen Herrencoiffeursalons, Alteisenkäufern und Männern, die an Nähmaschinen sitzen.





Im Hafen sind die grossen Transportschiffe mit tonnenweise Früchten und Gemüse angekommen. Kisten werden auf Lastwagen gehieft, Holzwagen zwischen den gestapelten Mandarinen und grünen Kokosnüssen hindurchgefuhrwerkt. Auch ein paar Rikschafahrer versuchen sich ihren Weg durch das fruchtige Chaos zu Bahnen. Eigentlich dachte ich ja, das Maximum an möglichem Verkehr in dieser Stadt bereits erlebt zu haben. Old Dhaka belehrt mich eines Besseren. Guckt man eine Sekunde nicht, sind einem schon fast drei Rikschas über den Fuss gefahren.




Jamil klettert auf einen Lastwagen, aufs Dach des Fahrerkabäuschens, um die Szenerie festzuhalten. Ich solle kurz unten warten. Mach ich. Aber nach 20 Sekunden hat mir schon ein Teeverkäufer befohlen, unter seiner Zeltplache Platz zu nehmen und mir eine Tasse Tee in die Hand gedrückt. Nach seiner Klettertour genehmigt sich auch Jamil ein Tässchen.


Wir quetschen uns zwischen den Händlern durch und fahren zu einem Park, wo wir Nina und Monika, die Schweizer Journalistinnen, treffen. Gemeinsam essen wir in einem Restaurant Chapatis mit süssem Griessbrei und scharfem Gemüse und gehen dann los zum Gericht. Jamil muss dort einen Fotoauftrag erledigen. Auf dem grossen Platz vor dem Gerichtsgebäude tummeln sich bestimmt Tausend Menschen. Scheint so eine Art Treffpunkt zu sein. Gerade ist einer dieser riesigen blauen Gefängnisbusse angekommen und die Gefangenen werden in Handschellen ins Gebäude geleitet. Männer und Frauen in schwarzen Richterroben flattern über den Platz, Kinder betteln, und manche Menschen lassen sich von mobilen Ohrputzern die Hörorgane reinigen: Die Ohrputzer tragen einen kleinen Kasten vor dem Bauch, in dem feine Metallstäbchen stecken. Für ihre Kunden wickeln sie Watte oder etwas Ähnliches an die Spitzen der Ohrenstäbchen. Wir drei Westlerinnen scheinen die einzigen zu sein, die daran etwas Besonderes finden.
Die anwesenden Medienleute richten ihre Kameras auf uns. Als plötzlich der halbe Platz aufraunt und sich in Richtung Eingang dreht, wissen wir auch warum: Eine blonde FBI Mitarbeiterin aus Amerika wird von einer Horde Sicherheitsleute und Journalisten ins Gebäude geleitet. Die haben wohl gedacht, dass wir auch irgendwie was mit dem Fall zu tun haben…

Als Jamil seinen Auftrag erledigt hat, machen wir uns auf in die Altstadt. Wir stechen in die Hindu-Street; eine Strasse, in der vor allem Hindus leben. Räucherstäbchen, Ikonen und Blumengirlanden, soweit das Auge reicht und die Nase riecht.




Wir kommen in ein Handwerkergässchen, in dem in jeder Nische irgendetwas eingeschmolzen oder neu zusammengeschweisst wird. Überall Feuer und Flämmchen. Hier wird Schmuck hergestellt. Und in fast jedem der schuhkartongrossen Geschäfte steht ein fetter Tresor.


In dieser Strasse gibt es ausserdem die winzigsten Wohnungen und Büros, die man sich vorstellen kann: Manche sind kleiner als ein durchschnittlicher europäischer Esstisch. Darin liegt nur ein Polster auf dem Boden, es gibt vielleicht einen winzigen Tisch und noch irgendein Gestell an der Wand.


Am Pier, wo die grossen Fähren an- und ablegen, werden wir von Bootsführern in Nussschalen angesprochen, die uns auf dem Buriganga herumfahren möchten. Das ansteigende Ufer neben dem Pier ist eine Müllkippe. Darauf sind ein paar Boote gestrandet, die aussehen, als wären sie bewohnt. Und in all dem Dreck sitzen Frauen, und spielen Kindern mit Hundebabies.



Die Altstadt hat mich echt geschafft. Ich könnte einschlafen, obwohl es erst früher Nachmittag ist. Doch ich fahre auf die Redaktion. Der Konzerbericht will geschrieben werden:
Dhaka, Donnerstag, 17. Oktober
Alkohol zu kaufen, zu besitzen und zu konsumieren ist für einen Bangladeschi bei Busse oder sogar Gefängnis verboten. Es sei denn, er kann ein Arztzeugnis vorweisen, in dem ihm attestiert wird, dass er ein Alkoholproblem hat. Oder er kennt jemanden mit ausländischem Pass, der ihn begleitet. Man muss nur wissen, wo die Läden mit den diskreten Fassaden zu finden sind. Dort kriegt man als Ausländer von Chianti bis Jack Daniels so ziemlich alles. Ganz legal.
Am Nachmittag fahre ich wieder nach Dhanmondi. Dort findet heute das zweite Konzert von STARCH und Lalon statt, diesmal unter freiem Himmel. Tausende von Leuten sind gekommen und die Stimmung ist famos. Besonders beeindruckt bin ich vom Kameraschwenkarm, von dem aus das Konzert aufgezeichnet wird: Ein Kameramann sitzt auf einer Art Kran, der von zwei bis drei Männern mit Seilen herumgezerrt wird –knapp über den Köpfen der Zuschauer. Die beiden Kameraschwenker brauchen definitiv nicht mehr ins Fitnessstudio gehen.

Ich verlasse das Open Air frühzeitig, um im Goethe Institut einen anderen Anlass zu besuchen. Der ist aber mindestens genauso spannend, wie sich herausstellt: zum dritten Mal organisiert die deutsche Organisation das Festival „Under The Rainbow“, mit dem es auf die Existenz von Homosexuellen in Bangladesch aufmerksam machen will. Schwule und Lesben gibt es hier nämlich offiziell nicht. Dennoch ist der Anlass gut besucht. Die offene Diskussion im Anschluss an die Eröffnung einer Fotoausstellung beginnt verhalten, doch dann wagen die Menschen plötzlich zu sprechen. Es geht nicht primär um schwul oder nicht, sondern um grundsätzliche Fragen und Forderungen zum Thema Aufklärung. Denn Aufklärung, die existiert in Bangladesch je nach Generation tatsächlich nicht.
Zum Abschluss des Abends präsentiert die Srishti Cultural Academy eine Tanzvorführung in zeitgenössischem Tanz. ( Link )
Zu Hause falle ich todmüde ins Bett.
Dhaka, Freitag, 18. November
Den Vormittag verbringe ich mit Schreiben, dann mache ich mich auf in den Press Club, um die letzten Fragen mit Jamil für meinen Artikel zu klären – und natürlich um Tee zu trinken. Allerdings werde ich unterwegs aufgehalten: zwei Mädchen, die mir am Morgen von der Strasse her zugewinkt haben, als ich auf dem Balkon stand, wollen offensichtlich, dass ich ihnen folge. Ich winke ab. Das ältere der beiden Mädchen macht mit mir kurzen Prozess: Sie packt mich am Handgelenk und zerrt mich hinter sich her. Also gut, denke ich, lass dich auf die Dinge ein. Sie führt mich durch ein Gässchen und ich versuche mir den Rückweg zu merken.
Sie schubst mich durch eine Tür in einen kleinen dunklen Raum. Es ist ihr zu Hause, in dem sie mit ihrem Bruder, den beiden Schwestern und den Eltern wohnt. Ihr Bruder – ich schätze ihn um die 20 – bittet mich, mich zu setzen und so nehme ich auf dem Bett Platz, das drei Viertel des Raumes einnimmt. Der einzige Stuhl im Raum ist besetzt. Die ältere Schwester guckt etwas verunsichert, und schon schauen die ersten Nachbarn neugierig in die Wohnung und betrachten mich. Ich lächle nur und spreche mit dem Bruder, so gut es geht. Er spricht ein wenig englisch. Eines der jüngeren Mädchen wird mit einem Geldschein rausgeschickt. Ich will nach 2 Minuten wieder gehen, weil ich nicht weiss, was ich sagen soll und es mir echt nicht recht ist, dass ich jetzt bei einer Familie auf dem Ehebett sitze. Da kommt das Mädchen mit einer Flasche Limonade zurück und mir wird ein Glas bis ganz oben voll eingeschenkt.
Ich kann leider nicht warten, bis die Mutter von der Arbeit gekommen ist (so viel habe ich verstanden), doch ich verspreche, nochmals wieder zu kommen. Dann fahre ich zum Press Club.
Jamil will mir noch ein bisschen was von der Stadt zeigen. Wir fahren zu einer Demo. Besser gesagt überholen wir die Demo. Unzählige Gruppierungen mit bunten Transparenten und selbstgebastelten Schildern marschieren, tanzen und musizieren in Richtung eines grossen Platzes. Die Menschen winken, als ich versuche, ihre Plakate vom Motorrad aus zu lesen. Soweit ich verstanden habe, geht es um verschiedene soziale Themen: Menschenrechte, Entwicklung, Gleichstellung. Beim Kundgebungszentrum, auf dem sich die Demonstranten einfinden, steigen wir vom Motorrad ab. So viele Menschen die friedlich für ihre Sache kämpfen.
Während Jamil die Bilder macht, stehe ich ein bisschen rum. Gefühlte einhundertmal werde ich gefragt, woher ich komme, was ich hier mache, wie mir Bangladesch gefällt und wie lange ich hierbleibe. Junge Bengalis wollen sich mit mir auf ihrem Handy verewigen und ich sage ja, weil ich ja schliesslich auch immer und überall Leute fotografiere. Ausser heute. Da hab ich meine Kamera dummerweise zu Hause gelassen. Ich beteuere, dass ich kein Star sei. Das wird ignoriert. Eine Frau entfernt sogar ihren Schleier von ihrem Gesicht für das Foto mit mir. Nach dem 30. Foto komme ich mir langsam ein bisschen dumm vor. Die Polizisten von der Demo gucken mich schon ganz komisch an. Zudem kriege ich einen Krampf in den Mundwinkeln und bin froh, als Jamil wieder auftaucht. |
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Dhaka, Montag, 21. November
Noch vor dem Frühstück lerne ich, wie man „Elster“ und „Apfel“ auf Bangla sagt. Ein junger Student erteilt mir auf der Strasse eine Anfänger-Lektion mit den bunten Bildchen aus einem Kinderbilderbuch (wobei Elster und Apfel nicht unbedingt die Wörter sind, die ich am häufigsten verwenden würde…). Ich plappere ihm dennoch nach und habe alles so ziemlich im gleichen Moment wieder vergessen. Normalerweise, erklärt der Student, unterrichte er der mit den Büchern einen thailändischen Freund. Er würde aber auch mir helfen, die Sprache zu lernen, wenn ich wollte. Der junge Mann ist sehr anständig, fragt immer wieder, ob es ok sei, dass er mit mir spreche oder ob ich mich langweile. Ich langweile mich nicht, schaue bloss immer wieder, ob ich Jamil irgendwo entdecken kann. Deswegen stehe ich nämlich auf der Strasse: Jamil nimmt mich heute mit auf eine weitere Entdeckungstour mit dem Töff.


Als Jamil auftaucht fahren wir zum British Council. Dort findet heute das erste Hay-Festival von Dhaka statt. Das Hay-Festival ist eine Art Woodstock der Literatur und hat seinen Ursprung in Grossbritannien; in Wales. Es finden den ganzen Tag Lesungen mit nationalen und internationalen Schriftstellern statt und man kann jede Menge Bücher kaufen. Viele der Romane handeln vom Befreiungskrieg im Jahr 1971. Ich kaufe mir „Golden Age“ von Tahmima Anam und lasse mir das Buch auch gleich signieren.

Weil ich so furchtbar schlapp bin, bringt mich Jamil in den Press Club, um zu frühstücken. Danach geht’s tatsächlich besser. Wir fahren nach Old Dhaka. Dort überqueren wir den Buriganga und kommen in einen Teil der Stadt, der weder Stadt noch Dorf zu sein scheint. Es gibt hier kaum „richtige“ Häuser, stattdessen viele Wellblechhütten. Vor manchen trinken Menschen Tee, andere dienen als Kiosk, Friseursalons, Werkstuben oder Tante-Emma-Läden. Zwei Frauen sitzen in bunten, knisternden Plastikhaufen, die von weitem aussehen wie farbiger Badeschaum. Die beiden Frauen trennen die transparente Klebeschicht und die bedruckte Folie voneinander, um das Material zu recyclen.




Jamil führt mich in ein schmales Gässchen zwischen den Wellblechhütten. Das Atmen fällt plötzlich schwer; dicker schwarzer Dunst wabert zwischen den Hütten. In den Hütten sitzen Männer mit Tüchern vor Mund und Nase. Sie schleifen und polieren Gefässe und Pfannen aus Aluminium (danach sieht das Material zumindest aus). In den winzigen Werkstätten ist es stockfinster, obwohl die Sonne durch die Fenster ins Innere scheint. Ein kleiner Junge sitzt am Boden, und trennt die verklemmten Gefässe voneinander. Seine Stirn und Nase und Wangen sind über und über mit schwarzem Staub bedeckt. – Erst draussen kann ich wieder richtig atmen.




In einem anderen Hof stapeln Frauen silberne Scheiben auf, aus denen später ebenfalls Gefässe geformt werden.




Am Fluss waschen und trocknen Menschen Kleider und Tücher, Manche schlagen Ziegelsteine in die passende Form.


Ich will mir einen Markt genauer ansehen. Eigentlich werden dort Fische, Fleisch und Gemüse angepriesen, aber so richtig lukrativ wäre ein Geschäft mit Schmeissfliegen. Die Schwärme färben die Verkaufsflächen schwarz. Während ich Fotos von einem Fischstand mache, versuche ich das miefende Fischwasser zu ignorieren, das von der Theke auf meine Füsse tropft, und ich halte den Mund geschlossen, damit sich keine Fliege reinverirrt.


Am Abend wird mir Mitu grinsend erklären, dass Fliegen auf dem Essen ein gutes Zeichen seien. Sie wären ein Beweis dafür, dass keine Konservierungsmittel verwendet wurden, um es frisch zu halten…
Vorbei an einer Hühner-Schlachtbank, vor der gerade ein Hund Eingeweide verspeist, kommen wir zur Gemüse- und Gewürzabteilung. Hier werden die Fliegen weniger, die Farben dafür mehr.






Dhaka, Mittwoch, 23. November
Erst dachte ich, es wären Muttermale. Aber nach dem vierten oder fünften identischen schwarzen Fleck musste ich dann doch nachfragen. Denn es konnte ja nicht sein, dass fast alle Kinder seitlich an der Stirn unter dem Haaransatz einen grossen, schwarzen Leberfleck haben. Liz erklärt mir, was es damit auf sich hat. Babies und kleine Kinder werden als perfekt angesehen. Und weil das Gute Dämonen und böse Geister anzieht, braucht das Kind als Schutz einen Makel. Einen schwarzen Fleck.
Kinder sehen Jamil und ich heute viele, allerdings sind diese schon etwas älter. Mehr durch Zufall kommen wir zu einer Schule, wo heute Primarschüler eine wichtige Prüfung absolvieren. Wie im Hummelhaus geht es dort zu und her: stolze Mütter warten mit ihren Sprösslingen, sie stehen in Gruppen auf dem Schulhof zusammen und unterhalten sich aufgeregt, viele sitzen mit gebeugten Rücken über den Büchern, um noch ein letztes bisschen Schulstoff in die Köpfe zu kriegen. Manche der Kinder tragen Uniformen, andere wurden mit Zöpfen und Glitzerkleidchen herausgeputzt. Ein bisschen abseits des Schulhauses verkauft ein Mann Snacks unter einem bunten Sonnenschirm, zwischen den Kindern und Müttern und Lehrern steht ein Polizeiwagen, den ein paar Schüler in Beschlag genommen haben. Die Polizisten schlendern derweil bewaffnet durch die bunte Masse oder trinken an einem der Kioske Tee.





Wir verlassen den Schulhof und fahren zu einer Brücke, wo Jamil sein Motorrad parkiert. Als wir den Fluss überqueren, erreichen wir eine andere Welt.



Kaum zu glauben, dass wir immer noch in Dhaka sind. Fast kommt es mir vor, als wäre ich wieder in Sunamganj, im ländlichen Norden. Gemüsefelder, Fischernetze, Kühe, einfache Häuser und hohe Dämme, auf welchen die Strassen gebaut sind. Viele der Hütten stehen auf Stelzen für den Fall, dass die Flut höher ausfällt als erwartet. Enten plantschen in den Tümpeln, und ein Mann haut zwei Jungs mit einem Stock auf die Beine, weil sie in seinem Fischteich gebadet haben.







Ein kleines wackeliges Boot bringt uns nach einem Spaziergang durch diese ruhige grüne Gegend zurück zum Motorrad. Der Kanals ist trübschwarz und stinkt furchtbar. Das sei noch gar nichts, sagt Jamil. In zwei bis drei Monaten halte man den Gestank kaum mehr aus. Erst wenn im Sommer der Regen komme und die Flüsse anschwellen lasse, werde das Wasser wieder sauberer.
Wenige Motorradminuten später stehen wir wieder im Stau. Im richtigen Dhaka. Nach einem kurzen Ausflug zu einem Markt geht’s in den Press Club zum Lunch und nachher auf die Redaktion.





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Dhaka, Samstag, 26. November 2011
Ich weiss nicht, wie viele Leute mich schon gefragt haben, ob ich Ihnen mit einem Visum fürs Ausland helfen kann. Gerade versucht es ein Shop-Besitzer in Old Dhaka. Ich bin mit einer unvergitterten Version eines CNG in die Altstadt gefahren, und der Fahrer hat mich in der Nähe der Bangsal Road abgesetzt, auch Bicycle Street genannt. Wie der Name sagt, gibt es hier Dutzende oder Hunderte von Shops, die Pneus, Klingeln, Aufkleber, Pedale und auch ganze Velos verkaufen. Ich bin auf der Suche nach etwas anderem: Ich halte die Augen nach Rikscha-Kunst offen. Die kleinen umweltfreundlichen, fussgängergefährdenden Gefährte sind nämlich oft mit wunderbar kitschigen Malereien verziert. Und nun sitze ich also in einem kleinen dunklen Shop in einer Seitengasse, in dem solche bemalten Rikscha-Teile verkauft werden, und der Besitzer erklärt mir mit Händen und Füssen und in kleinen Brocken von Englisch, dass ich warten soll, weil sein Sohn gleich kommen und helfen werde mit Übersetzen. Wegen dem Visa und so.
Während ich warte, ruft die Frau des Shop-Besitzers an. Der Shop-Besitzer sagt etwas von „Foreigner“ und drückt mir den Hörer in die Hand. Ich soll mit seiner Frau reden, die wohl sonst nicht glauben würde, dass er tatsächlich gerade einer Ausländerin vier Bilder verkauft hat (Ich habe eigentlich verstanden, dass er zwei Frauen hat, aber vielleicht meinte er auch zwei Töchter, oder gar nichts dergleichen). Ich krame mein bestes Bengalisch hervor und frage die Frau, wie sie denn heisse und wie es ihr gehe. Sie antwortet zögernd, ich sage „thank you“ und „bye bye“ und gebe ihrem Mann das Natel zurück. Er erklärt seiner Frau strahlend nochmal, dass ich wirklich eine Foreignerin sei. Dann kommt sein Sohn in den Laden, ein etwa 20-jähriger Mann, der gleich wieder mit einer Thermoskanne weggeschickt wird, um Tee zu holen. Er kommt zurück und schenkt mir und seinem Vater je ein Glas ein. Als ich mit dem Sohn spreche, unterbricht mich der Vater: „Madam“, sagt er, und weist auf meine Tasse, „Madam, tea!!“ Ich trinke ja schon.
Auf jeden Fall bin ich happy, dass ich meine Rikscha-Malereien gefunden habe, und auch Vater und Sohn scheinen happy zu sein. Ich könne jederzeit anrufen, falls ich etwas Bestimmtes suche oder meine Familie malen lassen möchte. Dauert nur 15 Tage, bis ich das Foto zurück habe, wird mir versichert. Und das, obwohl die Bilder nicht in Dhaka selber gemalt würden, sondern in den Provinzen ausserhalb. 
Ich nehme eine Rikscha und fahre zur Hindu-Street. Ein weiteres Mal bin ich erstaunt, dass ich am richtigen Ort ankomme. Und auch hier, in dieser Räucherstäbchen-Blumengirlanden-Götterbilder-Strasse bin ich auf der Suche nach etwas Bestimmten: Ich suche kleine Ikonen, die in Recycling-Rahmen stecken. Die habe ich bei Liz gesehen und ich soll auch gleich Monika und Nina welche mitbringen (die beiden sind bereits wieder in der Schweiz). Ich frage in einem Shop, ob sie kleine Bilder von Ganesha – dem Elefantengott – haben. Haben sie nicht, aber jemand führt mich zu einem anderen klitzekleinen Laden. Die haben zwar winzige Ganesha-Bilder, jedoch ohne Rahmen. Der Mann fragt mich, ob ich Hindu sei. Nein, sage ich. „You christian?“, fragt er, doch es ist mehr eine Feststellung. „Yes“, sage ich. Er scheint sich zwar zu fragen, was ich denn mit einem Ganesha will, sagt aber nichts und lächelt.
Ich suche weiter. Tatsächlich finde ich in einer versteckten Vitrine die Bildchen, die ich gesucht habe und packe gleich ein paar Dutzend ein. Stolz, dass ich habe, was ich wollte, gehe ich zur Hauptstrasse und fahre zurück nach Moghbazar. Auf dem Markt kaufe ich einen Holzstempel und Farbe, um Stoff zu bedrucken. Eine Frau steuert auf mich zu, zeigt auf mich und fragt „You Russian?“. Ich: „No, from Switzerland.“ Sie nickt und geht weiter.
Heute koche ich das Abendessen. Ich habe mir vorgenommen, Cordon Bleu zu braten. Also gehe ich gegen Abend nochmals einkaufen. Ich finde Schinken vom Rind, Schmelzkäse, Eier. Und auch geeignetes Bratfleisch haben sie. Es dauert nur recht lange, bis der Mann hinter der Theke mir meine drei Stück zugeschnitten hat. Es läuft nämlich gerade Kricket im Fernsehen, und der Fleischwarenfachverkäufer ist vielmehr auf die nächste Runde fixiert als auf mein Cordon-Bleu. Ich sage ihm, ich brauche drei Stück. Er nickt leicht genervt und verschwindet mit einem Fleischklumpen in einen Nebenraum. Ein paar Minuten später nickt mir ein anderer Verkäufer zu und drückt mir eine Papiertüte in die Hand. Da sind aber zwei geköpfte Riesenfische drin. Nicht mein Fleisch. Ich gebe die Tüte der Frau, die neben mir steht. Ihr Fisch. Noch einmal ein paar Minuten später ist mein Verkäufer wieder da. Er hat sechs Stück Cordon-Bleufleisch geschnitten.
Kaum habe ich bezahlt, merke ich, dass ich die Zahnstocher vergessen habe. Also nochmal zurück. Die Tüte nimmt mir jemand ab und bringt sie zum Kundendienst. Mit meinen Zahnstochern muss ich nicht nochmal in der Reihe anstehen, sondern werde flux zur Schnellimbiss-Kasse gebeten. Es ist manchmal befremdend, wie bevorzugt ich hier (und ich meine nicht nur in diesem Laden) behandelt werde. Aber es ist auch verdammt bequem…
Dhaka, Sonntag, 27. November
Ich fahre früh morgens allein in ein Quartier in der Nähe von Dhanmondi zu einem Interview. Weil Dhakas Verkehr so unberechenbar ist, gehe ich schon um viertelvor Sieben aus dem Haus. Und bin in nur einer knappen halben Stunde dort. Eine Dreiviertelstunde zu früh. Das Wohnquartier ist ruhig und ich mache mich auf die Suche nach einem Teeverkäufer. Ich finde einen, der schon auf hat, gleich neben einem grossen Feld, auf dem zu anderen Tageszeiten wohl Kricket gespielt wird. Durch den Eisenzaun hindurch bestelle ich einen Tee. Herrlich süss und warm in der morgendlichen Kühle. Seit ich nach Bangladesh gekommen bin sind die Temperaturen merklich zurück gegangen. Statt der über 30 Grad ist es am Tag nur noch um die 25 bis 30 Grad, nachts kühlt es vielleicht auf 16 oder 17 Grad ab. Dunst hängt morgens über der Stadt. Ich ziehe zum Schlafen schon einen Faserpelzpulli an. Das wird mir ja heiter werden, wenn ich zurück in der Schweiz bin…
Jedenfalls hat mein Interviewpartner den Termin vergessen, doch glücklicherweise ist ein Feriengast zuhause, der mich unterhält und Tee kocht, während ich warte. Das Interview findet dann doch noch statt.
Danach fahre ich nach Gulshan, um im Büro von Guide-Tours einen letzten Ausflug zu buchen: Ich fahre für ein paar Tage nach Bandarban in die Hügel!
Ich beschliesse, auch noch gleich bei Laura vorbeizugehen, um ihr Zwieback zu bringen, weil sie sich ihren Magen verdorben hat. Ich kann nur leider ihr Haus nicht finden. Nach 20 Minuten Irrlauf im Quartier beschliesse ich, eine Rikscha zu nehmen. Doch leider hat der Fahrer keine Ahnung, wo ich hin will. Er kurvt mit mir in der Gegend rum, jeweils bis ich ihm sage, dass er jetzt zu weit gefahren ist und wenden soll. Ratlos hält er an. Ich frage einen Autofahrer, der ihm den Weg erklärt. Als wir endlich am Ziel sind lacht er mich aus, weil ich ihm zu wenig Geld gegeben habe, schliesslich sei er mit mir durch die halbe Stadt gefahren (was nun auch wieder ein bisschen übertrieben ist). Entnervt drücke ich ihm noch einen Schein in die Hand.
Da Laura nicht zu Hause ist, gebe ich den Zwieback beim Pförtner ab und fahre nach Hause.
Ich habe Post gekriegt! Zumindest fast! Mein Vater hat mir ein Paket mit Schokolade zukommen lassen. Ich muss es nur noch beim Zoll auslösen. (Was nicht gerade einfach werden wird, wie ich noch erfahren werde…)
Dhaka, Montag, 28. November
Kurz gesagt: Ich bin zum Flughafen gefahren um die Schokolade abzuholen. Ich hab die Schokolade allerdings nicht mit nach Hause genommen. Noch nicht. Mehr dazu, sobald die Süssigkeiten in Sicherheit sind…
Abends nehmen Ananna (meine Mitbewohnerin) und ich eine Rikscha, um zur Bailey-Road zu fahren. Dort soll es die besten Phuchkas (sprich ‚Futschkas‘) der Stadt geben. Und Ananna ist quasi Expertin in Sachen Phuchkas. Ich will eine Geschichte über diese scharfen Häppchen schreiben. Und sie natürlich essen. Am Strassenrand leuchten die Essensstände im schwachen warmen Licht der Kerosinlampen. Wir entdecken ihren Stamm-Phuchka-Verkäufer zwischen geparkten Autos. Ananna bestellt zwei Portionen, einmal normal und einmal „very spicy“ für mich. Ein Mitarbeiter drückt mit dem linken Daumen Löcher in die frittierten Getreidehüllen während er mit der rechten Hand eine würzige Kartoffel-Kichererbsen-Masse zu kleinen Kugeln formt und diese in die Teigballons stopft. Ein bisschen Zwiebeln und Koriander und bei mir Chili drüber. Fertig. Dazu gibt’s Tamarindenwasser.
Ich glaube das ist das Schärfste, was ich in meinem Leben zu mir genommen habe. Nach zwei oder drei Phuchkas (sie sind nur so gross wie Pingpong-Bälle) laufen mir die Tränen übers Gesicht, und der Verkäufer treibt an einem anderen Shop eine Flasche Wasser auf, um mich zu löschen. Dazu drückt er mir zwei Häppchen mit ungewürztem Kartoffelbrei in die Hand, zum Neutralisieren. Ich kann den Rest des Tellers aber unmöglich stehen lassen, und so esse ich auch die letzten dieser fantastischen Kugeln. Der Shop-Besitzer will mir auch noch Chotpoti , eine andere Spezialität zum Probieren geben. Für mich schmeckt es in etwa gleich wie die Phuchkas. Wahrscheinlich, weil ich meine Geschmacksnerven getötet habe. Zum Abschied und weil ich ihn interviewt habe schenkt der Phuchka-Mann uns eine Limone und je eine Hand voll leerer Phuchka-Hüllen.

Dienstag, 29. November
Mein Bauch brennt immernoch von der Überdosis Chilli von gestern. Trotzdem begleite ich Ananna in die Schule, wo sie heute eine praktische Prüfung in Psychologie hat. Dazu musste sie einen Interview-Partner auftreiben. Das wäre dann ich. Ich warte in einem Schulzimmer, bis ich an der Reihe bin. In dem dunklen kahlen Raum warten noch etwa zwanzig andere „Subjekte“ auf alt aussehenden dunklen Holzstühlen auf ihren Auftritt. Die Stühle haben eine integrierte Schreibplatte. Jemand hat „YESTERDAY – THE BEATLES“ mit Tippex auf eine geschrieben. Durch die vergitterten Fenster dringt Vogelgezwitscher, Menschengegacker und Krähengekreisch herein, dazu ein wenig Sonnenlicht, das den kühlen Schein der Neonröhren etwas freundlicher macht. Die einzigen Farbkleckse in diesem Raum sind die bunten Kleider der wartenden Frauen.
Dann holt mich Ananna ab. Der Test tut gar nicht weh. Ich muss einen Text lesen und die Vokale rausstreichen, so schnell wie möglich. Dann von 100 rückwärts zählen, dann Vokale rausstreichen und rückwärtszählen. Soll meine Konzentrationsfähigkeit testen.
Während Ananna noch weiter geprüft wird, fahre ich zur Redaktion.
Im Büro schreibe ich an meiner Phuchka-Geschichte. Die macht Hunger. Ich habe plötzlich Riesenappetit, steuere in den nächsten Süssigkeitenshop gleich neben der Redaktion und bestelle einen Donut. Der Shopbesitzer hat so eine Freude, dass er mir gleich noch eine zweite Süssigkeit spendiert: ein Stück weissen Milchkuchens, dessen Konsistenz am ehesten an Hüttenkäse erinnert. Schmeckt furchtbar und hat auch noch eine tote Spinne drin, aber ich spül das Ding lächelnd runter. Der Kuchenmann strahlt und weigert sich, Geld anzunehmen, als ich bezahlen will. Dafür kaufe ich ihm noch ein paar Süssigkeiten ab (nichts von dem weissen Zeugs) und verspreche, nochmals wieder zu kommen.
Ich will nach Gulshan, doch heute ist es schwierig, ein CNG zu finden. Mir fällt erst spät auf, dass die Strasse leergefegt ist. Und ein Polizist schickt mich von der Strasse runter während er irgendwas von VIP murmelt. Sheikh Hasina, die Premierministerin, werde gleich vorbeifahren, wie mir ein junger Mann auf dem Gehsteig erklärt. Deshalb darf niemand auf der Strasse sein. Vielleicht sitzt auch noch gleich der Deutsche Bundespräsident Wulff im Auto, der Dhaka dieser Tage einen Besuch abstattet. In der Stadt wehen seit Tagen deutsche Flaggen und auf Schildern wird der hohe Besuch willkommen geheissen. Irgendwo habe ich sogar einen Countdown gesehen, der aber nicht stimmen kann.

Ein paar blinkende Autos und Motorräder fahren vorbei, und schon bald lassen und die Polizisten wieder auf die Strasse. Und irgendwann finde ich dann doch noch ein CNG. |
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Dhaka, Freitag, 2. Dezember
Heute ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Ganz wörtlich. Denn: Rubai und Liz haben dieser Tage Geburtstag und das wird mit einer Party gefeiert. Dafür backen wir Spitzbuben und Kokosmagrönli. Marium, die Haushaltshilfe, hat dafür zwei Kokosnüsse geknackt und ausgehöhlt. Ich würde so ein Ding nicht mal aufkriegen. Vom Markt bringt sie frische Tomaten für die Lasagne mit, die es zur Feier des Tages gibt.
Die Kids helfen beim Schnippseln und Rühren und Ausstechen, und wir schaffen alles rechtzeitig. Emile hat sogar eine Art Weihnachtsast zum Dekorieren auftreiben können. Die ganze Wohnung wird mit Engeln und Sternen und Kerzen dekoriert.
Schon seltsam, in einem fremden Land mit Weihnachten konfrontiert zu sein. Und das irgendwie so plötzlich. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten jedes Zeitgefühl verloren. Ich weiss manchmal nicht einmal, welcher Tag gerade ist. In der Schweiz beginnt meine Woche mit Montagmorgen. Hier bin ich mir nie so ganz sicher. Hinzu kommt die Tatsache, dass Journalisten eh einen ganz eigenwilligen Rhythmus haben. In meinem Fall keinen. Aber mir gefällt das irgendwie.
Die Party ist ein Erfolg: gemütliches Kekseknabbern und Lasagneschlabbern.
Dhaka, Samstag, 3. Dezember
Ich habe einen Auftrag vom Daily Star und fahre zum Liberation War Museum
Dort werden derzeit Fotos von Bangladeschs Befreiungsbewegung des bekannten Fotojournalisten Rashid Talukder gezeigt. Er ist erst vor sechs Wochen im Alter von 72 Jahren verstorben.
Mein Rikscha-Fahrer will mir für die Fahrt zum Museum keinen Preis nennen und ich steige trotzdem ein. Er tritt mächtig in die Pedale und überholt eine Rikscha nach der anderen. Im richtigen Quartier sind wir schnell angekommen, nur zum Museum müssen wir uns durchfragen. Ein Mann in Uniform hilft weiter. Ich nehme an, er ist ein Polizist. Am Ziel angekommen, glaube ich zwar, den Rikscha-Fahrer grosszügig zu entlöhnen, doch er will trotzdem noch Bakschisch. Ich will mal nicht so sein. Und ausserdem war er wirklich flux.
Im Museum erhalte ich das OK, dass ich die Fotografien ablichten darf. Rashid Talukder ist durch jene Bilder berühmt geworden, die die Befreiungsbewegung rund um 1971 zeigen: Den Kampf Bangladeschs (damals Ostpakistan) mit Indiens Hilfe in die Unabhängigkeit von Pakistan (damals Westpakistan). Bis 1947 war das heutige Bangladesch ein Teil von Britisch-Indien, danach wurde der indische Subkontinent unterteilt ins mehrheitlich hinduistische Indien und ins muslimische Pakistan, dem auch das überwiegend islamische Ostpakistan zugeteilt wurde. Nicht nur sprachliche und kulturelle Unterschiede und die geografische Trennung führten dazu, dass Ostpakistan unabhängig sein wollte.
Sheikh Mujibur Rahman gilt als Initiator der Unabhängigkeit von Bangladesch (Bangla Desh heisst so viel wie das Land der Bangla sprechenden Menschen). Seine Rede im März 1971 war folgenschwer: Es folgte seine Verhaftung und daraufhin der Völkermord. Systematisch wurden Studenten und Lehrer der Dhaka University, Geschäftsleute, Intellektuelle und andere “Staatsfeinde” durch die Pakistanische Armee umgebracht. Millionen von Menschen flohen nach Indien. Nach neun Monaten griff Indien im Dezember 1971 ein. Nach zwei Wochen war die Pakistanische Armee besiegt. Der Unabhängigkeitstag wird in Bangladesch am 16. Dezember gefeiert.


Dhaka, Sonntag, 4. Dezember
Für heute sind Kundgebungen in ganz Dhaka angesagt. Ich arbeite von zu Hause aus, weil der Weg ins Büro schwierig werden könnte. Am Nachmittag gehe ich trotzdem raus; ich möchte noch ein paar Fotos entwickeln. In den Strassen in Moghbazar ist es sehr ruhig. Das liegt daran, dass wegen der Ankündigungen viele Geschäfte geschlossen bleiben und wohl auch, weil die Kundgebungen in anderen Stadtteilen stattfinden. Die Polizisten hier scheinen nicht viel zu tun haben; sie sitzen oder stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich. Nur ein oder zweimal fährt ein Wagen mit einer Sirene vorbei. Kann auch ein Krankenwagen sein.
Von anderen Teilen der Stadt höre ich, dass es die Leute nicht ins Büro schaffen, oder mit sehr grosser Verspätung.
Dhaka, Montag, 5. Dezember
Was gestern weniger an Leuten unterwegs war, verstopft heute die Strassen umso mehr. Alle wollen erledigen, was sie wegen der Kundgebungen verpasst haben, erklärt mir Morshed, ein Kollege vom Daily Star, der mit mir im CNG sitzt. Er begleitet mich zum Flughafen, wo ich nun zum zweiten Mal versuche, mein Päckli abzuholen. Die Fahrt dauert dorthin gute eineinhalb Stunden, ebenso die Fahrt zurück ins Zentrum (ich habe das Paket auf dem Rückweg immer noch nicht – es soll am Abend ins Büro geliefert werden) und ich habe langsam das Gefühl, eine Kohlendioxidvergiftung zu haben von all den Abgasen. Eine riesige Portion Lamm-Biryani (ein schmackhaftes Reisgericht) macht mich schnell wieder gesund. Dazu gibt’s einen seltsamen Joghurtdrink, süss-sauer-salzig, der ein bisschen nach Gurken und nach viel Koriander schmeckt. Und weil mir Morshed all die Leckereien Bangladeschs nicht vorenthalten will, bestellt er mir gleich zwei verschiedene Desserts. Bon Appetit.
Um 18 Uhr fahre ich von der Redaktion nach Hause um zu duschen und meine Sachen fertig zu packen. Ich reise nämlich mit Rubai und Saikat nach Khulna, 300 Kilometer südlich von Dhaka. Ich werde die Crew während einiger Tage in die Bucht von Bengalen begleiten, wo sie Delfine und Wale erforschen. Vom Daily Star bekomme ich das OK, eine Reportage zu schreiben. So schön kann Arbeiten sein!
Zuerst muss ich aber nochmal ins Büro (es ist nun etwa 19.30 Uhr, der Bus fährt erst um 22.20 Uhr) um mein Paket abzuholen. Endlich Ich schaffe den Weg trotz Stau in einer Rekordzeit von knapp als einer Stunde: Der CNG-Fahrer wartet vor dem Gebäude auf mich. Er hat wohl gemerkt, dass ich es furchtbar eilig habe, denn er fährt alle möglichen Schleichwege ab.
Zurück in Moghbazar atme ich tief durch. Aber nur einmal kurz. Denn schon geht’s ab zum Busbahnhof. Saikat hat drei Rikschas aufgetrieben, die wir bis obenhin mit Gepäck beladen und uns dann auch noch selber reinsetzen. Um etwa 21.40 Uhr fahren wir los. In den Strassen sind immer noch viele Menschen unterwegs, überall leuchten Stände mit Essen, Früchten, Zigaretten, Tee und allem Möglichen im warmen Licht der Kerosinlampen. Hund wühlen im Abfall, auf den Gehsteigen richten sich Frauen mit Kindern zum Schlafen ein, Menschen unterhalten sich, gehen nach Hause oder sonstwo hin. Die Luft ist kühler als am Tag, aber noch immer angenehm warm. Ich geniesse die Stimmung vom Rücksitz der Rikscha aus, und fast kommt es mir vor, als wäre es ruhig in der Stadt: in den Momenten, wenn gerade niemand hupt oder schreit und kein motorisiertes Gefährt überholt. Es sind jeweils nur Sekunden.
Unser Bus ist pünktlich und sehr komfortabel. Findet auch der Mann hinter mir. Geschätzte 20 Sekunden, nachdem er sich gesetzt hat, schnarcht er urgemütlich vor sich hin.
Auch ich schlafe irgendwann ein. In der Nacht hält der Bus immer wieder an, Leute steigen ein oder aus. Manchmal öffne ich die Augen, hebe den Schal, den ich mir übers Gesicht gehängt habe, und blicke nach draussen. Da sind manchmal Bäume, oder Sträucher, manchmal sehe ich nur die Strasse und einmal ist mir, als wäre lauter Wasser um uns herum. Der Bus steht still, vor uns viele andere Busse. Als ich das nächste Mal die Augen öffne, sind wir in Nebel gehüllt. Und das übernächste Mal ruft Rubai, dass wir da sind.
Das mit dem Wasser war kein Traum: Wir haben anscheinend eine Fähre genommen.
Nach etwa 10 Stunden haben wir Khulna erreicht. Hier war ich schon mal, als ich vom Sundarban-Trip zurückkam. Wir gehen ersteinmal ins BCDP Hauptquartier (BCDP steht für Bangladesh Cetacean Diversity Project) und trinken Kaffee. Das Büro befindet sich in einem ruhigen Quartier und hinter dem Haus gibt es einen grossen, viereckigen Teich, an dem Menschen sich und ihre Kleider waschen. Eine Krähe verteidigt auf dem Dach nebenan krächzend ein Stück Müll.

Mit Saikat fahre ich gegen Mittag zum Hafen. Rubai ist schon dort und überprüft die Arbeiten am Schiff. Das hölzerne Fischerboot, das aussieht wie eine Miniaturausgabe von Jack Sparrows „Black Pearl“, wird für die Forscher aufgetunt: Es braucht eine zusätzliche Kajüte. Mehrere Männer sind mit Hämmern und Sägen beschäftigt. Ich kann es kaum erwarten, wenn die Mini-Pearl fertig ist und wir losfahren können! Einer der Männer zeigt mir, wie ich der Reling entlang gehen soll. Ohne festhalten. Ich hoffe mal, dass ich das mit dem Balancieren noch in den Griff bekomme.


Im Hafen legen kleine Holzboote an und ab, Frauen und Kinder und Männer setzen ans gegenüberliegende Ufer über. Ein toter Hund treibt vorbei und wenig später ein totes Huhn. Zwei junge Männer haben auf einer der Nussschalen eine riesige Lautsprecherbox installiert und Dieter Bohlen plärrt „You’re r my heart, you’re my soul.“

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Khulna, Montag, 6. Dezember, abends
Rubai hat mich gewarnt, dass die Moskitos in Khulna echt „horrible“ seien. Jetzt glaub ich ihm. Wie fleischfressende Mutanten umzingeln sie abends surrend mein Moskitonetz, suchen nach Löchern um ans Frischfleisch zu kommen. Pech gehabt, Moskitos! Das Netz ist dicht!
Beim Einschlafen höre ich ausser dem blutrünstigen Geschwirr draussen noch etwas. Es klingt wie das Horn vom Samichlaus… Mir wird im Halbschlaf bewusst, dass das irgendwie nicht sein kann. Doch ich kenne das Geräusch. Es ist der Zug, der in der Ferne laut hupend vorüberfährt.
Khulna, Dienstag, 7. Dezember
Mir passieren seltsame Dinge. Heute ruft mich jemand auf dem Handy an und sucht jemand anders. Hat sich verwählt. Statt aufzuhängen verwickelt mich mein Gegenüber in ein Gespräch, fragt woher ich komme („Are you from Russia?“) was ich hier mache und ob ich mich mit ihm treffen würde, denn er hätte noch nie aus Versehen einen Ausländer am Draht gehabt. Ich erkläre ihm, dass ich ihn nicht kenne und ausserdem ganz furchtbar beschäftigt bin und es deshalb mit dem Treffen leider nicht klappen wird.



Nach zwei Monaten Dhaka kommt mir Khulna vor wie ein verlassenes Provinznest – trotz der 1,3 Millionen Einwohner. Die drittgrösste Stadt Bangladeschs (nach Dhaka und Chittagong) liegt im Flussdelta zweier Seitenarme des Ganges und ist Ausgangspunkt für viele Schiffsreisen. Unser Boot, die kleine Black Pearl, die eigentlich „F.B. Salma“ heisst, liegt an einem kleinen Fährhafen vor Anker. Gleich neben dem Hafen zieht sich eine lange hohe Mauer hin; sie gehört zum Gefängnis der Stadt. Rikscha-Fahrer warten beim Fährterminal auf Kundschaft und am Ufer haben sich Menschen aus Plachen und Wellblech kleine Hütten gebaut. Katzen streunen herum, hie und da hüpft ein Huhn über einen der Holzstege.
Die zusätzliche Kajüte der „Salma“ steht beinahe. Wenn die Arbeiter diese Nacht mit den Vorbereitungen fertig werden, legen wir morgen im Morgengrauen ab.







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Khulna, Sundarban, Donnerstag, 8. Dezember
Wir haben doch noch eine Nacht im Hauptquartier verbracht. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis wir endlich mit unserem Gepäck das kleine Elektrotaxi besteigen können, dass uns zur “Salma” bringt. Ein paar Schulkinder in rot karierten Uniformen bleiben stehen und schauen zu, wie wir die Taschen in dem Gefährt verstauen.
Am Strassenrand wird an kleinen Ständen Tee und Gemüse verkauft und das Zentrum ist gesäumt mit Open-Air-Second-Hand-Läden. Hier gibt es für wenig Geld getragene Winterkleider zu kaufen. Das meiste sieht ziemlich westlich aus, einmal sehe ich sogar ein Nikolaus-Dress für Mädchen an einem der Stände hängen. Ich frage mich, wo die Sachen herkommen. Saikat meint, sie würden mit den grossen Schiffen hergebracht und die Besatzungen tauschten sie gegen Esswaren. In Chittagong, einer Stadt im Südosten, würden die Kleider sogar ballenweise an Händler verkauft.
Weil am Hafen gerade die Strasse saniert wird, müssen wir auf eine andere Route ausweichen. Für die Sanierungsarbeiten kauern mehrere Männer und Frauen auf der Strasse und häckseln mit kleinen Pickeln das Material aus dem Untergrund heraus.
Am Steg, der uns zur Salma führt, will gerade eine Frau Kleider im Fluss waschen. Sie ist nicht erfreut darüber, dass wir gerade in diesem Moment durch ihre Waschküche laufen. So interpretiere ich zumindest ihr Gezeter.
Es dauert noch eine Weile, bis die Funkantenne installiert ist und die letzten Sachen für die Forschungsreise an Bord verstaut sind. So setze ich mich an den Bug des Schiffes und beobachte einen Shushuk, einen Flussdelfin, der direkt neben dem Boot auftaucht. Ich zähle die Sekunden, die verstreichen, bis die Spitze Nase erneut die Oberfläche des braunen Flusswassers durchbricht. Einmal glaube ich, den Flussdelfin aus den Augen verloren haben, dann taucht er doch wieder auf.
Gigantische blecherne Schiffskörper liegen auf dem Land am Ufer des Flusses. Ein rhythmisches, metallisches Schlagen ist von weitem zu hören. Um 15 Uhr, nach dem Mittagessen, fahren wir endlich los.




Das Licht hat sich verändert, seit ich das letzte Mal vor sechs Wochen in dieser Gegend war; die Sonne scheint weniger grell, und gleichzeitig erinnert mich die Stimmung an die wenigen Stunden vor der Dämmerung des Schweizer Winters. Tagsüber ist es immer noch um die 25 bis 30 Grad warm, doch durch den Fahrtwind scheint es kühler. Kaum ist die Sonne am Horizont verschwunden, sinkt auch die Temperatur.


Wir kommen nicht weit. Knappe drei Stunden nachdem wir abgelegt haben streikt der Bootsmotor. Glücklicherweise hat die Crew das passende Ersatzteil. Vielleicht fahren wir schon bald weiter.
Das Mondlicht taucht den Fluss und das nahe Ufer in ein unwirkliches silbernes Licht. Die Flut zerrt am verankerten Boot und lässt die Wasserpflanzen in zügigem Tempo vorüberziehen. Der Ruf des Muezzins ist durch einen Verstärker zu hören und leise gleitet ein Ruderboot vorbei. Es ist eine unwirkliche Szenerie.
Mir steigt ein bekannter Geruch in die Nase. Kirche. Weihrauch. Da sehe ich Kalimullah, einen Ingenieur aus der Crew, wie er mit einer kleinen Schüssel in der Hand das Schiff abgeht. Er räuchert jede Ecke aus. „Das ist gegen die bösen Geister“, sagt Saikat. Und gegen die Moskitos soll es auch helfen.
Um 9 Uhr abends kann ich es nicht länger aufschieben: Ich muss aufs Klo. Das ist ein Problem. Weil ich kaum in das stille Örtchen reinpasse. Die winzige Tür dazu befindet sich leicht erhöht im hintersten Teil des Bootes. Ich komme mir vor als würde ich einen Geschirrschrank besteigen und wünsche mir einen Wunderpilz, der mich schrumpfen lässt, wie Alice im Wunderland. Ich stosse mir den Kopf am Türrahmen. Das Klo besteht mehr oder weniger aus einer Lücke zwischen den Balken, unter der die Wasserpflanzen vorbeischwimmen und ich habe eine tolle Aussicht auf das Schiffsruder. Ich muss aufpassen, dass ich nicht ausrutsche und mit einem Bein im Loch verschwinde. Würde sicher witzig aussehen, aber ich versuche es trotzdem zu vermeiden. Einmal in Position ist es ganz leicht. Hose wieder raufziehen nicht ganz so, denn ich kann die Beine nicht durchstrecken. Beim Raussteigen stosse ich mir erneut den Kopf. Zum Glück ist es dunkel und keiner sieht mich.

Sundarbans, Bay of Bengal, Freitag, 9. Dezember
Ich erwache einmal kurz. Das Boot steht still, aber nicht mehr mitten im Fluss. Unser Motor scheint wieder zu funktionieren denn wir parken nun direkt neben einem anderen Schiff. Darauf geht gerade leise ein Mann vorbei. Ich höre ein paar Hunde und mehrere Hähne krähen. Der Motor wird wieder angelassen und wir fahren noch im Morgengrauen weiter Richtung Meer.
Ich stehe auf, als die Sonne scheint. Rubai hat Kaffee gemacht und es gibt Toast mit Spiegelei und Marmelade. Das Flussbett ist schon sehr breit, man sieht nur noch auf einer Seite das Ufer deutlich. Bald werden wir am Meer sein. Und vielleicht Delfine sehen.
Rubai und Saikat bereiten schonmal die Pfeile vor, mit denen sie Hautproben der Tiere nehmen wollen. Heute, erklärt mir Rubai, fahren wir noch nicht zum Swatch-of-No-Ground raus, wo die meisten Tiere gesichtet werden können. Wir bleiben in Küstennähe, wo das Wasser um 25 bis 29 Grad warm und zwischen 10 und 25 Metern tief ist. In erster Linie sollen heute von bestimmten Punkten aus die Fischereiaktivitäten festgehalten werden. Wenn wir Delfine sehen, umso besser. In diesen küstennahen Gewässern in der Bucht von Bengalen leben Indopacific Humpback Dolphins. Die älteren von ihnen sind leicht an den grossen rosa Flecken zu erkennen. Die Jüngeren sind nur grau.
Um 13 Uhr beginnt die Expedition offiziell. Saikat sitzt mit einer Leuchtweste auf dem Deck und beobachtet durch das Fernglas die Wasseroberfläche. Rubai ist zu Mittag, muss dann aber schnell auf Deck, weil exakt jede halbe Stunde die Wassertemperatur, die Tiefe und der Salzgehalt gemessen und festgehalten werden.




Ich begebe mich ebenfalls aufs Dach und spähe durch das Fernglas aufs Meer hinaus. Ich kann nichts sehen ausser einer Menge anderer Boote. Auch zwei Stunden später nicht und auch keine drei oder vier Stunden später. Wir machen nur einmal Halt um die Fischerboote zu zählen. Als die Sonne sich dem Horizont zuneigt und so schwach strahlt, dass man sie schon fast anschauen kann, sehe ich sie plötzlich: ein paar Köpfe und Rückenflossen, die aus dem ruhigen Wasser auftauchen, gar nicht weit von unserem Boot entfernt. „Sighting“, schreie ich, und kann mein Glück kaum fassen.
Ich bilde mir ein, die Geschöpfe vor mir springen aus dem Wasser, weil sie sich ebenso freuen, mich zu sehen. Sie schlagen Kapriolen, schiessen durch die Oberfläche, tauchen wieder ab. Sofort drosselt der Kapitän die Geschwindigkeit und schwenkt das Steuer so, dass wir den Tieren folgen können. Manche von ihnen sind tatsächlich hellrosa, bei einigen erkennt man, dass die Rückenflosse verletzt wurde, vermutlich durch Fischernetze. Saikat und Rubai machen Fotos von den Rückenflossen, um die Tiere später zu identifizieren. Sie haben riesige Datenbanken und versuchen so herauszufinden, wie es um die Bestände beschaffen ist und ob sie sich verändern. Dann bringt jemand die Harpune und Rubai gibt mir seine Kamera, damit ich weiterhin Fotos machen kann. Das ist ja so aufregend!

Die Pfeile, mit denen winzige Hautproben genommen werden sollen, verfehlen ihr Ziel. Und weil das Mondlicht bereits heller ist als das letzte Bisschen Sonne, das sich durch den Nebel am Horizont hochkämpft, brechen wir bald ab. Doch immerhin haben wir eine Menge Fotos. Und ich noch mehr wunderbare Bilder im Kopf.
Bay of Bengal, Samstag, 10. Dezember

Noch vor dem Frühstück hat Saikat die ersten Delfine entdeckt. Eine kleine Gruppe schwimmt einem Fischtrawler hinterher. Vermutlich wegen der Fischhäppchen, die aus den Netzen fallen. Nach ein paar ersten Idenditifikationsfotos versucht Rubai erneut, eine Hautprobe zu nehmen.

Diesmal sitzt der Pfeil. Aber richtig. Statt gleich wieder aus der Haut zu ploppen bleibt er in der Seite des Tiers haften. Wir folgen ihm. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis sich der Pfeil endlich löst und wir den Delfin in Ruhe weiterschwimmen lassen können. Die ganze Crew jubelt.

Einer weiteren Gruppe folgen wir abends, doch diesmal bleibt die Hautprobe aus. Ich helfe Saikat beim erfassen der Daten; alles, was tagsüber erfasst wurde – von der Anzahl Schiffe bis zum Salzgehalt des Wassers – muss bis am Abend im Computer sein.
Die Crew ruft uns raus; ein Schatten hat sich über den Vollmond geschoben. Eine Mondfinsternis. Man sieht nur die Lichter der Fischerboote, die in unserer Nähe vor Anker liegen, so dunkel ist es. Dafür scheinen die Sterne umso heller zu leuchten. Ich glaube, das Atmen von Delfinen zu hören, wenn sie die Oberfläche durchstossen. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
Bay of Bengal, Sonntag, 11. Dezember
Unsere Nachbarn, die Fischer, scheinen schon putzmunter zu sein. Es ist gerade mal sechs Uhr früh und ich höre sie johlen und singen. Schön für sie. Ich brauch erst mal einen Kaffee. Da ich gestern bereits vor dem Mittagessen einem Nickerchen erlegen bin, trinke ich zur Sicherheit auch noch eine Tasse Schwarztee.
Kaum haben wir losgelegt, treffen wir auf eine riesige Delfingruppe: an die 30 Tiere müssen es sein, darunter mehrere Muttertiere mit Babies, die ihren Mamas nicht von der Fluke weichen. Es hat schon fast was Kitschiges, so schön sind die Tiere anzublicken, wie sie im Schein der aufgehenden Sonne plantschen. Wir folgen den Tieren für weitere Proben, doch bald zerstreuen sich die Gruppen. Nach etwa eineinhalb oder zwei Stunden winkt Rubai ab: Keine Probe auch diesmal.

Am späten Abend kann die Crew eine zweite Hautprobe verzeichnen. Endlich! Und der Pfeil löst sich auch sofort wieder.
Bay of Bengal – Swatch of No Ground, Montag, 12. Dezember
Das Meer ist unruhig an diesem Wintermorgen. Der Wind schlägt der „Salma“ entgegen, so dass es trotz der bereits hoch stehenden Sonne recht kühl ist. Wir sind unterwegs zum unterseeischen Tal an der Grenze zu Indien, dem über 1000 Meter tiefen Swatch-Of-No-Ground. Die Gegend rund um diesen Meeresgraben ist die Heimat verschiedener Delfin- und Walarten. Der Koch schnippselt Gemüse für den Lunch, Master Shaheb steuert das Boot. Alle halbe Stunde verlangt Rubai nach „Pani“, woraufhin ein Mitglied der Crew einen Eimer mit Meerwasser füllt und einen Messbecher an Deck reicht. Die Forscher messen Salzgehalt und Temperatur, halten Wellengang, Sichtverhältnisse und Wassertiefe fest. Bei der letzten Messung zeigt das Messgerät eine Tiefe von 50 Metern an. Die Expedition ist am Graben angelangt. Das Radio tingelt, der Dieselmotor rattert vor sich hin und Wind und Wasser rauschen in den Ohren. Nichts passiert.
„Sighting!“ ruft Rubai plötzlich. Und alle Ferngläser richten sich sofort in dieselbe Richtung. Er hat eine Flosse erspäht. Oder war es doch nur ein Schatten? Auf Rubais Kommando reisst Master Saheb das Ruder herum und lenkt die „Salma“ auf den Sichtungspunkt zu. Jetzt sehen auch die anderen das Tier, nein, eine ganze Gruppe von Delfinen, die ruhig und knapp unter der Wasseroberfläche schwimmen. Saikat greift zum Bleistift und schreibt alles genau auf: Sichtungspunkt, Temperatur, Anzahl Tiere, Spezies. Es sind Indopacific Bottlenose Dolphins; jene Spezies, auf welche die Forscher ihre Arbeit diese Saison konzentrieren. Von den meisten ist nur eine spitz aufragende Rückenflosse zu sehen. Genau die wollen die Forscher sehen.
In den Wintern von 2005 bis 2009 konnten vom Bangladesh Cetacean Diversity Project (BCDP) 1144 Individuen anhand von Fotografien identifiziert werden. Allerdings können die Forscher nur während weniger Monate im Jahr rausfahren, wegen des Wetters. Und weil der Swatch-of-No-Ground auf indischem Meeresgrund weitergeht, wissen die Forscher auch nicht, wie es um Populationen weiter südlich steht. Drei Monate haben Rubai und sein Team Zeit, um das marine Leben in der Bucht von Bengalen zu erforschen.
Innert Kürzester Zeit befindet sich die Salma inmitten einer grossen Delphingruppe. Die Kameras klicken unentwegt. Ein Delphin mit einer eigenwillig ausgefransten Rückenflosse taucht direkt neben der Salma auf. „Oh, den kennen wir”, sagt Rubai und strahlt. “Wir haben ihn schon einmal identifiziert.“ Die Narbe des Delfins stammt sehr wahrscheinlich von einem Fischernetz oder einem Seil. Mehr als ein Viertel der Tiere, welche die Forscher vom BCDP in den letzten Jahren identifiziert hat, hat solche Verletzungen. Manche können auch von Haifischbissen stammen.
Eine zweite Gruppe hat sich mittlerweile zur ersten hinzugesellt. Etwa 40 Delfine zählen die Forscher, manche sind zum Anfassen nah. „Lasst uns sehen, ob sie auf der Bugwelle reiten wollen“, sagt Rubai. Mit einem kurzen Klingeln gibt Master Saheb das Kommando, ein bisschen Fahrt zu geben. Und tatsächlich: Mehrere der Delfine schwimmen mit der Salma mit, direkt unter dem Bug, drehen sich verspielt zur Seite, als wollten sie die Kameras inspizieren, mit denen sie da abgelichtet werden. Schnaufend durchbrechen sie in kurzen Sprüngen die Wasseroberfläche um wieder abzutauchen und auf den Bugwellen zu reiten. Ich habe das Gefühl, die Tiere berühren zu können, und strecke die Hand aus. Ein bisschen zu weit weg. Selbst der Koch ist aus seinem Kabäuschen gekrochen, um den Tieren zuzuschauen.




Irgendwann bleiben die Tiere zurück. Nach einer halben Stunde, die sich nach einer halben Minute angefühlt hat, fahren wir weiter. Mehr Delfine finden. Master Saheb gibt Gas.
„Delfine sind einfach wunderbar“, sagt Rubai. „Jeder freut sich, wenn er sie sieht.“ Für den langjährigen Delfinforscher und Naturfotografen es jeden Winter von neuem überwältigend, die neugierigen Tiere wiederzusehen. „Sie sind wie eine Familie. Manchmal habe ich das Gefühl, sie erkennen uns mittlerweile.“ Die Faszination für diese zweifelsohne wunderschönen Tiere ist für ihn der Hauptgrund, warum er sich für ihren Schutz einsetzt. „Die Fischer fragen uns oft, warum wir uns für diese Tiere interessieren“, sagt Rubai. „Ich erkläre ihnen dann, wie ähnlich sie uns sind, dass sie lebend gebären und Luft zum Atmen brauchen, und dass auch sie ihren Platz in der Welt haben.“ Manche Fischer würden weinen, sagt er, wenn sie in ihren Netzen einen toten Delfin finden. BCDP will mit den Fischern zusammenarbeiten. „Eine Idee ist, dass wir Fischerboote mit Navigationssystemen ausstatten und uns die Fischer beim Erfassen der Daten helfen“, erklärt Rubai. Denn in den stürmischen Sommermonaten können die Forscher nicht aufs Meer hinaus fahren. Die Fischer schon. Sie müssen.
Als wir erneut auf eine grosse Gruppe von Delfinen treffen, ist es bereits später Nachmittag. In einigem Abstand zum Boot treiben einige von ihnen unter der Wasseroberfläche, manche springen von Welle zu Welle und nähern sich der „Salma“. Ein einzelner Delfin folgt dem Boot für etwa eine halbe Stunde, nachdem die letzten Fotos gemacht wurden.
Plötzlich geht ein Raunen durch die Crew: Jemand hat eine Fontäne gesehen. Rubai und gibt umgehend das Kommando zum Durchstarten. Es sind die Blows von zwei Bryde’s Whales. Vergessen sind die Delfine – den Walen gilt nun die volle Aufmerksamkeit. Zwei Meeresvögel kreisen über dem Nieselregen, den die Wale in den Himmel schiessen, als wollten sie im Sprühnebel duschen. Und auch ein Delfin hat sich zu den beiden Giganten gesellt. Dann tauchen die Tiere ab. Die Salma fährt in die Richtung, in der sie zuletzt gesehen wurden. „Drei Minuten“, zählt Rubai. „Vier Minuten. Wo seid ihr?“ Da schiesst in einiger Entfernung die ersehnte Fontäne in die Luft. Wieder prescht die „Salma“ los, wieder tauchen die Tiere ab. Jede Menge Delfine schwimmen dafür mittlerweile in einiger Distanz zum Boot durch die Wellen. Einer springt Meterhoch aus dem Wasser.
Doch etwas weiter hinten dümpelt etwas anderes im Wasser. Ein Kanister. Bereits am Vormittag hat die Crew ein Geisternetz aus den Wellen geholt; ein lose im Meer treibendes Fischernetz aus einem Material, das hunderte von Jahren braucht, bis es sich auflöst. Darin können sich Tiere verheddern und sterben. Gerade Schildkröten oder Delfine finden darin den sicheren Tod. Diesmal hängt am Kanister eine Schnur; es ist eine mehrere hundert Meter lange Longline mit hunderten von spitzen Haken, die Fischer zurückgelassen haben. Rubai erzählt, dass viele indische Fischer in Bengalischen Gewässern fischen und umgekehrt. Da muss man schon mal ein Netz zurück lassen, um seine Haut vor der Navy zu retten. Weil: erlaubt ist das nicht, das Fischen in ausländischen Gewässern. Die Longline scheint nicht mehr aufzuhören; Meter um Meter um Meter ziehen die Männer aus dem Ozean.





Als das Material aus dem Wasser ist, sind die Wale verschwunden. Ein paar Delfine sind noch da, doch die Sonne steht schon tief. Rubai beschliesst für heute abzubrechen. Und irgendwann bleiben auch die letzten Delfinflossen unter den Wellen verborgen.
Bay of Bengal, Dienstag, 13. Dezember
Man könnte meinen, das Meer sei jeden Tag gleich: Wasser, so weit das Auge reicht. Doch so ist es nicht. Je nach Wetter, Licht und Wellengang verändert sich die Landschaft. Heute ist die Bucht sehr rau, das Licht diffus. Grenzwertig, um Delfine zu sichten, sagt Rubai. Dennoch finden wir welche. Allerdings muss sich die Crew wiederum mit Fotos begnügen.
Ich freue mich tatsächlich ein bisschen, als ich heute Nachmittag im Dunst am Horizont die Umrisse von Bäumen ausmachen kann. Mit der Aussicht auf Landgang wächst auch meine Aussicht auf eine Dusche. Kalt oder heiss ist egal. Hauptsache, Wasser und Seife. Nach sechs Tagen auf dem Meer gleicht das, was mal meine Frisur war, einem explodierten Tintenfisch, meine Füsse sind mehr schwarz als braun und meine Hose steht bald ohne mich.
Die „Salma“ bewegt sich in einer Distanz von mehreren Kilometern parallel zum Ufer. Einmal müssen wir umkehren, weil wir in eine Untiefe geraten sind. Im trüben Wasser sieht man die Sandbaenke nicht, aber der Tiefenmesser zeigt nur noch 1.5 Meter an. Erst noch waren der Untergrund 1000 Meter von uns entfernt, im Swatch. Rubai lenkt das Schiff in tieferes Wasser.
Die Crew will mich an ein Touristenschiff übergeben, damit ich rechtzeitig meinen Flug nach Dhaka erwische. Doch da ist kein Schiff. Der Plan wird überdacht und Rubai entscheidet, dass sie mich weiter nach Norden bringen und dann gleich noch ihre Vorräte auffrischen. Ausserdem braucht die Crew zum Probennehmen ein wendigeres Boot. Wir können noch nicht gleich losfahren und ankern ein paar hundert Meter vom Ufer entfernt. Warten auf die Flut. In der Zeit wird die Salma auf Vordermann gebracht; mit Handbesen werden die Decks gefegt, Decken werden gelüftet, dann die Handys gen Himmel gehalten, um das erste bisschen Mobilnetz anzuzapfen. Dann endlich steht das Wasser hoch genug und wir fahren weiter.
Sundarbans, Khulna, Dhaka – Mittwoch, 14. Dezember
Am nächsten Morgen liegen wir in der Nähe eines Dorfes vor Anker. Master Saheb ist bis spät in die Nacht flussaufwärts gefahren. Hier, in diesem Fischerdorf, befindet sich das Buero des Forst-Departements. Wir brauchen eine zusätzliche Bewilligung für das zweite Boot. Ich begleite Saikat an Land. Als ich in dem staubigen, windschiefen Buero sitze, wird mir ganz komisch. Ich habe das Gefühl, die Bäume vor dem Fenster müssten sich bewegen. Das tun sie aber nicht. Und der Boden gibt auch nicht nach. Kann man landkrank werden?

Auf dem Rückweg zur Salma begegnen wir ein paar Stickerinnen, die gerade Stoffe bearbeiten.



Es geht weiter zu einem anderen Landungsplatz. Ich verabschiede mich von der Crew, Rubai und Kalimullah bringen mich mit meinem Gepäck zum Ufer. Wann werde ich sie wiedersehen? Ich weine nicht, aber fast.

Ein Wagen von Guide-Tours fährt mich nach Khulna und schon bald nehme ich den Shuttle zum Flughafen. Im Security Check treffe ich die Frau wieder, die mich schon beim letzten Flug von Khulna nach Dhaka metalldetektorisch untersuchen musste. Sie erkennt mich wieder und erzählt mir, dass ihre Tochter in einem Monat operiert werden muss… Eine kurze Begegnung, aber eine, die bleibt.
Zurück in Dhaka stehe ich als erstes wiedermal im Stau. Fast hätte ich das vermisst...

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Dhaka, Sonntag, 18. Dezember
Am liebsten möchte ich diese letzten Tage einfach überspringen. Es geht ums Abschied nehmen. Von Dhaka. Von Bangladesch. Von lieb gewonnenen Menschen. Aber ich komm wohl nicht drum rum.
Dhaka, Freitag, 16. Dezember
Es ist Unabhängigkeitstag: Vor 40 Jahren ging der Krieg zu Ende – Bangladesch feiert. Häuser und Gässchen sind mit kleinen Lämpchen verziert und überall flattern kleine und grosse Bangladesch-Flaggen in der kühlen Winterluft. In den letzten Tagen konnte man an jeder Ecke die grün-roten Landesflaggen kaufen, in allen Grössen und Variationen. Sie prangen nun stolz auf Motorhauben, an Rückspiegeln, flattern an Rikschas und CNGs. Die meisten Frauen tragen heute Grün-Rot, manche einen passenden Punkt auf der Stirn. Ich bekomme auch einen, gratis, zu meinem Einkauf bei Aarong (das ist jetzt nicht als Schleichwerbung zu verstehen, sondern kulturell wichtig: Aarong ist die grösste, beliebteste und wohl auch teuerste Kette in Bangladesch.
Will man bei einer Einladung Wertschätzung zeigen, kommt das Geschenk aus diesem Laden oder man hat es zumindest in eine Tüte von Aarong gesteckt). Selbst KFC hat die Schaufenster mit Fingerfarben auf den heutigen Tag getrimmt. Tagsüber finden in der ganzen Stadt Aufführungen, Konzerte, Umzüge statt. Ich kriege davon nicht viel mit, aber Annanna zeigt mir von der Dachterrasse aus die Flaggen, die auf den Nachbarsdächern installiert wurden. Nicht so viele wie auch schon, sagt Annanna.

Abends fahren wir zusammen zur Bailey-Road. Wir wollen Fuchkas essen und Lichter gucken. So viele Leute habe ich in dieser Strasse bisher noch nie gesehen. Wir schlängeln uns durch die Massen in rot und grün zum Fuchka-Stand. Ich esse Chotpoti, ein Gericht aus Kichererbsen, Tamarinde, Zwiebeln, Kartoffeln und Chilli. Weil das aber nur ein Snack ist, gehen wir noch in eine Art asiatischen Mc Donalds. Der Laden ist gestossen voll, doch als der Kellner mich erspäht, findet er sofort einen Platz. Annanna meint grinsend, ich hätte „magische Kräfte“. Leider nein. Aber der Unterhaltungsfaktor steigt für das Restaurant enorm, wenn ein Ausländer drin sitzt. Annanna hat Appetit auf Fried Rice, ich esse ein paar Butter Naan.
Zurück in Maghbazar ist unüberhörbar, dass auch auf den Gleisen nebenan gefeiert wird. Ein Konzert. Annanna und ich gehen kurz hin. Links und rechts der Eisenbahngeleise hängen blaue und weisse Lichterketten und auf den Gleisen stehen die Menschen, um das Konzert zu hören.
Ich höre es noch die halbe Nacht. Von meinem Bett aus.
Dhaka, Samstag, 17. Dezember
Morgens gehe ich kurz zum Markt in der Nähe, um Stoffe zu kaufen für Kleider, die ich mir noch nähen lassen möchte. An einem Stand spricht mich eine Frau in tadellosem Englisch an. Ob ich Italienerin sei. Nein sage ich, Schweizerin. Oh, was für ein Zufall, meint sie. Sie fliege nämlich dieser Tage zu ihrem Sohn nach Lugano. Der studiere dort und sei „very handsome“. Sie planen eine Reise durch die Schweiz und nach Berlin. Vielleicht werden wir uns ja treffen, und ich kann der Familie Luzern zeigen.
Morshed hat mich zum Essen eingeladen. Seine Schwester hat extra gekocht. Sehr leckeren Fisch und ein Gericht aus Reis und Linsen. Dummerweise ist mir schon vor dem Essen schlecht. Ich will aber nicht glauben, dass die Übelkeit vom gestrigen Fuchka-Ausflug kommt. Denn ich will unbedingt nochmal Fuchka essen, bevor ich gehe.
Nach dem Lunch wird es nicht besser, aber ich fahre dennoch zur Redaktion (mit Plastiktüte, zur Sicherheit). Ist mein letzter Arbeitstag. Noch einmal Tee mit den Mädels trinken, Schokolade verteilen. Ein Gespräch mit Chefredaktor Mahfuz Anam, bei dem ich fast weinen muss, weil mir bewusst wird, dass meine Zeit hier abläuft. Für dieses Mal.
Dhaka, Sonntag, 18. Dezember
Ein letztes Mal bin ich heute mit Jamil unterwegs. Noch einmal Dhaka vom Rücksitz des Motorrads aus, noch einmal Knie einziehen und Luftanhalten, wenn die Busse und Autos gar nah kommen. Wir fahren in ein öffentliches Spital. Ich hatte Jamil gesagt, dass ich mir das einmal ansehen möchte. Es gibt Dutzende von Spitälern in dieser Stadt, öffentliche und private. Wir fahren zu einem öffentlichen. Jamil wird in ein Gespräch mit einem CNG-Fahrer und einer Familie verwickelt, neben der ein Mann auf einer Pritsche mit Rädern liegt. Jamil wird laut, und ich frage ihn nachher, was denn los war. Der CNG-Fahrer wolle mehr Geld. Das sei sehr oft so, wenn jemand einen dringenden Krankentransport benötigt. Statt 70 Taka kostet die Fahrt plötzlich 700 Taka (ca. 9 Franken). Aber viele Menschen können sich das schlicht nicht leisten. Und auch die Krankenwagen seien sehr teuer.
Im Spital drin geht es zu und her wie im Bienenhaus. Überall Menschen, Familien, die ihre kranken Angehörigen versorgen, vor allem mit Essen und warmen Decken. Das Spital ist riesig und erinnert mehr an einen Bahnhof mit Unterführungen und vielen Obdachlosen, wären da nicht die Tragen mit den Menschen am Tropf, die Schilder und die jungen Krankenschwestern, die durch die Gänge schwirren. Überall in den Gängen liegen und sitzen die Patienten. Manche Türen führen zu Räumen, in denen Patienten Bett an Bett liegen. Manchmal zwei pro Bett, weil es zu wenig Platz hat. Ein Mann fragt, ob ich Christin sei und zeigt mir die Hand seines Verwandten, der reglos in einem der Betten liegt. Sie müsse amputiert werden, sagt er. Ein beissender Chlorgeruch hängt in der Luft. Es ist kühl hier drin. Doch allein der Gedanke, wie es wohl bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit im Sommer sein könnte, scheint mir unerträglich. Ich muss gestehen erleichtert zu sein, als wir das Spital wieder verlassen.


Nach einem letzten Frühstück im Pressclub – vor dem natürlich wiedermal demonstriert wird – fahren wir nach Old Dhaka. Wir kommen an einer Kundgebung vorbei.




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Jamil sucht nach Druckereien, über die er eine Geschichte machen will. Wir finden aber auch eine Werkstatt, in der mehrere Männer mit dem Bemalen von Rikschas beschäftigt sind. Der Besitzer fängt an zu zetern. Er mag keine Fremden in seinem Geschäft, weil die einem von der Arbeit abhalten würden. Ich gehe ja schon!
Jamil findet seine Druckerei und kann die Bilder machen. Wir können auch noch den einen oder anderen Blick in die Werkstätten werfen, wo die übriggebliebenen Papierschnipsel gesammelt und fürs Recyclen vorbereitet werden.




Ein letztes Mal fahren wir durch Old Dhaka, ein letztes Mal auch zur Hindu-Street, wo heute ein Festival stattfindet. Männer in orange Tücher gehüllt kommen uns entgegen. Viele Geschäfte sind geschlossen.

Wir kehren um. In der Nähe des Pressclubs steige ich vom Motorrad. Bye bye Jamil.

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Dhaka, Montag, 19. Dezember
Den heutigen Abend möchte ich gerne ausblenden. Kann ich aber nicht. Ich besuche am Abend nochmals die kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft, die mich zu Beginn meiner Reise einmal in ihr Daheim „entführt“ haben. Ich habe noch ein paar Guetzli für sie. Diesmal ist auch die Mutter da. Ich werde mit Cola und Snacks verköstigt, will dann aber wieder los, weil ich mit Robin von der Redaktion nach Karwan Bazar fahren kann, um mich mit Freunden zu treffen. Die kleinen Mädels und ihre Freundin begleiten mich noch zur Strasse, wo ich mich aus ihrem festen Griff löse und mich verabschiede.
Ich drehe mich um und überquere die Strasse. Da kracht es hinter mir. Eines der Mädchen liegt auf dem Asphalt: Ein Motorrad hat es gestreift. Die Mädchen sind mir über die Strasse gefolgt. Ich sehe gerade noch, wie der Motorradfahrer davonfährt. Die Kleine steht auf und rennt zu mir auf die Verkehrsinsel. Im gleichen Moment kommen ganz viele Menschen angelaufen um zu helfen. Ich renne zu ihrem Haus zurück und deute, dass ich gleich wiederkomme. Doch die Mutter der Kleinen ist nicht daheim, sie ist bei der Arbeit in einer Nähfabrik. Ich renne zurück zur Strasse, wo sicher ein Dutzend Menschen zu der Kleinen schauen, packe die drei in eine Rikscha und fahre sie nach Hause. Liz macht die Erstversorgung der Wunden. Bis auf eine Schnatte und einen abgebrochenen Zahn scheint sie ok zu sein. Gottseidank.
Dhaka, Dienstag, 20. Dezember
Zur Sicherheit will ich das Mädchen von einem Arzt untersuchen lassen. Morshed begleitet uns ins Spital. Wir fahren zum Holy Family Hospital, eine vom Roten Kreuz subventionierte Klinik ganz in der Nähe. Tapfer und ohne zu murren kommt die Kleine mit, nennt dem Empfangsmenschen ihren Namen, geht mit dem Arzt in den Untersuchungsraum und legt sich auf die Pritsche. Der Schnitt muss genäht werden. Ansonsten sei sie in Ordnung, versichert der Arzt. Umgerechnet ca. 4.50 Franken kostet die einmalige Einschreibegebühr, weitere 9 Franken kosten die zwei Stiche. Eine Behandlung, die, wir mir Morshed erklärt, trotz Subventionierung für 98 Prozent der Bevölkerung zu teuer ist.
Auf dem Rückweg kaufen wir noch die verschriebenen Antibiotika in einer der zahlreichen Apotheken am Strassenrand.
Dass der Motoradfahrer nicht angehalten hat ist übrigens nicht weiter verwunderlich. Er musste damit rechnen, dass er von den Menschen, die den Unfall beobachtet haben, verprügelt worden wäre.
Abends bin ich bei Tanvir vom Goethe-Institut zu einer Weihnachtsparty bei ihm zu Hause eingeladen. Sandra ist auch da und weitere Leute, die ich auf meiner Reise kennen gelernt habe. Es gibt Fingerfood und einer der Freunde von Tanvir packt sein Keyboard aus und spielt Weihnachtslieder.
Dhaka, Mittwoch, 21. Dezember
Es ist furchtbar kalt geworden in Dhaka. Nachts nur noch um die 10 Grad. Das mag für uns nach mildem Herbst klingen. Doch in Bangladesh sterben schon die ersten Leute. Viele Menschen auf der Strasse haben nur ein einfaches Hemd und einen Lungi, schlafen auf dem kahlen Beton. Alte Menschen, kranke Menschen, Kinder. Ich komme auf der Fussgängerüberführung an einem eingekugelten Mann vorbei, der Kopf und Beine und Arme in sein T-Shirt eingezogen hat. Seine Füsse sind nackt. Wie sehr muss er frieren, wenn mir trotz Faserpelz, Jeans und Socken schon kalt ist. Draussen sieht man morgens die Überreste kleiner Feuer; die Menschen zünden Müll an und sitzen rund herum. Aber auch in den Häusern ist es kalt – die Isolation fehlt an den meisten Orten praktisch völlig.
Ich fahre nach Dhanmondi um mich mit Tamanna von der Magazin-Redaktion zu treffen. Sie will mir ein Museum zeigen und hat mich zum Mittagessen eingeladen. Da das Museum geschlossen ist, machen wir einen Abstecher in eine andere Ausstellung, wo Fotografien von alten Inschriften gezeigt werden. Nach dem Mittagessen, das ihre Mutter gekocht hat, muss ich bald gehen. Ich möchte mich von Liz und Dylan verabschieden, die heute schon nach Khulna fahren. Bald werden sie in den Sundarbans sein. Ich sage nicht gerne tschüss. Und es ist seltsam, dass sie Dhaka noch vor mir verlassen.
Tschüss sage ich auch den kleinen Nachbarinnen. Das verletzte Mädchen strahlt wieder und tobt mit den anderen durch die Gassen.
Abends holt mich Rajiv ab. Er hat für mich eine Party bei sich zu Hause organisiert. Ich bin tief gerührt. Freunde sind gekommen. Menschen, die mir in Bangladesh ans Herz gewachsen sind. Sunny nimmt die Gitarre raus und singt Guns’n’Roses, Imon füllt Papiertüten mit Sand und steckt Kerzen rein. Rajiv kocht Hühnchen mit Ingwer und Chili, dazu gibt es Pulao und Gemüse. Von der Dachterrasse aus sieht man auf den grössten Friedhof von Dhaka und auf beleuchtete Federballfelder, wo sich die Menschen abends zum Spielen treffen. Irgendwann muss ich los. Es ist schon spät und ich hab noch nicht fertig gepackt. Imon fährt mit mir im CNG nach Moghbazar.




Dhaka, Donnerstag, 22. Dezember
Unter mir verschwindet Dhaka im Dunst. Und mit der Stadt bleibt auch ein Stück von mir zurück. |
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MAZ - aktuell
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