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Stagiaires

Aus Bangladesh berichtet Barnaby Skinner

 

Essen und "entwickeln" in Dhaka

Dhaka, 30. September bis 2. Dezember 2005 - Ein Tagebuch...

... über einen einst stolzen Esser, der gleich vor mehreren Festmahlen kapitulieren muss, und über ein Entwicklungsland, das in fünfzig Jahren keines mehr sein sollte.

Barnaby Skinner schloss 2001 sein Geschichtsstudium mit Schwerpunkt industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts ab. Als Journalist gilt sein Fokus der andauernden digitalen Revolution.

Barnaby Skinner

Eine Zwischenbilanz

Habe mich auf der Redaktion und bei meiner Gastfamilie gut eingelebt. Bin ja erst knapp einen Monat hier, aber das Land und die Menschen sind mir schon sehr ans Herz gewachsen. Die umgestellten Essgewohnheiten machen meinem Magen allerdings viel Mühe...

Auch arbeitstechnisch klappt es bisher gut. Einige wirklich gute Reporter im Team und ich lerne allmählich die Unterschiede zwischen Journalismus in the developed and developing world... Konnte selber auch einige Geschichten umsetzen:

Artikel

Shopping centres stepping up security measures
www.thedailystar.net/2005/10/22/d510221601116.htm

Hidden City Charms
www.thedailystar.net/magazine/2005/10/03/interview.htm

ActionAid integrated farming kicks off
www.thedailystar.net/2005/10/10/d51010070570.htm

Bangladesh may turn regional IT hub in 5 yrs
www.thedailystar.net/2005/10/23/d51023050246.htm

 

 
Dhannaban, Captain Lewis (30.9.2005)

Ich muss gestehen. Eigentlich bin ich erst nach Ankunft in Dhaka auf Geduldsproben eingestellt. Alle haben mich im Vorfeld auf die Warterei im Verkehr der 15-Millionen-Stadt vorbereitet. Aber schlimmer als in Heathrow kann es nicht kommen. Die British Airways Maschine hat sage und schreibe 26 Stunden Verspätung. Dhannaban (Bengali fuer Danke) Captain Lewis. Dhaka. Dein Verkehr kann kommen.

 
"Take me home" (2.10.05)

Dank SMS kann ich meinen Gastgeber über die Verspätung informierten.

Asif Ahmed, mein Gastgeber in der Alstadt von Dhaka und David Montero, ein Daily-Star-Kollege für die kommenden zwei Monate, warten "nur" zwei Stunden am Flughafen auf mich.

"Kein Problem. Wir haben im Auto beide zwei Stunden Schlaf nachgeholt", sagt Asif. Er grinst mich an und seine weissen Zähne stehen ab. Er ähnelt ein wenig Ronaldo dem Fussballer, denke ich.

Asif mag Country Musik, hat einen Unterwasserklingelton auf dem Handy und schaut keine Spielfilme, weil er nur ungern zwei Stunden still sitzt, sagt er. Er arbeitet in der Werbeabteilung der Telekommunikationsfirma City Cell.

David ist sein ruhiger Gegenpart. Einer dieser Amerikaner, die wirklich "laid back" sind. Er ist seit 10 Monaten beim Daily Star und hat noch keine Pläne, das Land zu verlassen, sagt er.

In Asifs rotem Toyota wühlen wir uns zu dritt durch den Verkehr. Umhüllt von Asifs neuester Country-Compilation. "Take me home, country road, to the place, I belong...". Vor, hinter und neben uns treten die Rickshaw-Fahrer hart in die Pedalen. Wir machen im Bollywood Kitchen zum Essen halt.

Ich lerne zwei neue Acronyme: RAB - Rapid Action Battalion (seit März 2004 die neue Anti-Terror-Einheit von Bangladesch) und CNG - Compressed Natural Gas (der Haupttreibstoff im Dhaka-Verkehr). So heissen auch die kleine grünen Dreirad-Taxis, die sich in Dhaka neben den Rickshaws zum Haupttransportmittel entwickelt haben.

Mahfuz Anam, der Chefredakteur (3.10.05)

"Essen mit Messer und Gabel ist gut. Essen mit den Händen ist besser", sagt der Chefredakteur von The Daily Star Mahfuz Anam. "Ich habe zwei Argumente dafür."

Grund Nummer 1, der für die Hände spricht: "Wir essen nicht nur mit unserem Geschmacksinn, sondern auch mit den Augen und sogar mit den Ohren. Brauchen wir Werkzeuge zum Essen, erfahren wir erst im Mund, wie sich das Essen anfühlt. Wer mit den Händen isst, kommuniziert intensiver mit seiner Mahlzeit."

Grund Nummer 2, der für die Hände spricht: "Europäisches Essen isst man so, wie es serviert wird. Bei uns ist das anders. Unser Essen ist noch lange nicht fertig, wenn es auf den Tisch kommt. Jeder mischt seine Gewürze nach seinem Geschmack in den Reis hinein. Pickles und Chillies. Das ist mit den Händen einfacher."

 
Pascal verlässt die Stadt (4.10.05)

Heute habe ich mich mit Pascal zum Essen verabredet - ich habe ihn während einem einjährigen Aufenthalt im Libanon kennengelernt.

Pascal ist Deputy Manager des Kulturinstituts Alliance Francaise. Am kommenden Montag verlässt er Dhaka. Er gibt seine Stelle nach drei Jahren als französischer "Kulturbotschafter" auf und will einige Zeit nur schreiben - für sich. Er reist dazu nach Ramallah. Seine Freundin arbeitet dort in einem NGO im Bildungswesen.

Ein paar Häuser vom Institut, an der Mirpur Road, gehen wir essen. Das Restaurant heisst "Escape to Singapur". Es ist das bisher trendigste Lokal, das ich bisher in Dhaka gesehen habe. Karge, holzige Einrichtung mit viel Bambus. Klimatisiert. Im Hintergrund tönen orientalische Coverversionen von 80-Jahren Hits. Den Aha-Song "Touch me" erkenne ich.

Über unsere Reis- und Curry-Teller kommt mir die Idee: Pascal sollte man als scheidenden französischen Kulturbeauftragten doch porträtieren? Als Ausländer, der seit drei Jahren hier lebt, hat er viel über die Stadt zu erzählen.

Ich gehe auf der Redaktion deshalb als Erstes auf Sadya zu. Sie ist für die tägliche Kulturseite verantwortlich. "Ja, ich finde ein Profile eine sehr gute Idee. 500 Wörter. Wann gehst Du? Wir schicken einen Photographen."

Den Termin für morgen vereinbare ich auf 14 Uhr.

 
Ein neuer Tag (6.10.05)

Der gestrige Tag verlief ganz und gar nicht nach Plan. Schon in der Nacht bemerkte ich ein ungewohntes Rumoren im Bauch. Nach dem Frühstück - Bananen, Biscuits und Tee - bestätigte sich der Verdacht: Lebensmittelvergiftung. Durchfall und Übergeben den ganzen Tag.

 
Fahrt ins Grüne (7.10.05)

Heute ist der erste Tag des Fastenmonats Ramadan und es ist Freitag - der Ruhetag der Muslime. Die Strassen sind um 6 Uhr morgens menschenleer. Für die Strecke von Old Dhaka zur Redaktion im Norden der Stadt brauche ich im grünen Taxi-Dreirad nur 10 Minuten. Normalerweise dauert die Fahrt über eine Stunde.

Danach geht es ähnlich schnell weiter. Ich rase heute früh in einem Geländewagen mit dem Dailystar Reporter Suranjit, zwei weiteren Journalisten von Bangla-sprachigen Zeitungen und einem wilden Chauffeur raus aufs Land an eine Pressekonferenz von ActionAid, eine britische, in Bangladesch sehr aktive NGO.

Einen konkreten Auftrag scheinen wir nicht zu haben. Ich frage mehrmals bei Suranjit nach und er sagt nur: "We just go. Will be easy." Mir ist etwas unwohl. Suranjit scheint kaum einen einzigen Satz auf English sagen zu können. Wie soll er da Englisch schreiben?

Die Fahrt hinaus aufs Land wird zum grünen Abenteuer. Mein Blick bleibt am Fenster kleben. Suranjit redet zwar beinahe pausenlos, stakkato-mässig auf mich ein. Anfangs versuche ich ihm zu folgen, doch sein gebrochenes Englisch prallt immer mehr an mir ab. Spätestens als wir die Stadtgrenze verlassen, gilt meine Aufmerksamkeit nur noch dem, was ich auf der anderen Seite der Fensterscheibe sehe: Berge von grünen Bananen, 10 Meter hohe Backsteinbrennöfen, Quadratkilometer überschwemmtes Land, Fischer, regungslos und hüfttief im Wasser, Inseln, die nur gerade Platz für eine Blechhütte haben, riesige Textilfabriken mit Tafeln auf dem Dach, beschriftet mit klingenden Namen wie: "New Dhaka Garments & Bros. Ltd.".

Die Pressekonferenz betrifft einen zweimonatigen Trainingskurs von 70 Studenten, die nun ihrerseits ihr Wissen vier Jahre lang an Reisbauern weitergeben sollen. Viele Hände werden geschüttelt. Alle lächeln einander zu. Kritische Fragen sind hier fehl am Platz. Als ich Nasreen Huq, die Länderverantwortliche von ActionAid, frage, wie das denn mit der Abholzung in der Gegend sei, "würde das Projekt nicht zu noch mehr Abrodung führen?", wird sie aggressiv. Ich sei offenbar nicht sehr lang im Land, würde ich mir die Karte genauer anschauen, dann würde ich nicht solche blöden Sachen fragen. Ich bin etwas eingeschüchtert und ärgere mich darüber.

Zurück im Büro stellt sich heraus, dass Suranjit - zwar langsam, aber gut - Englisch schreibt. Er bringt die Pressekonferenz mit einem newsigen Anriss und einigen Quotes von anwesenden NGO-Mitarbeiterinnen auf den Punkt. Ich überlege mir in Zukunft, nur noch schriftlich mit ihm zu korrespondieren. Selber fasse ich den Auftrag für den Folgetag über das grüne Abenteuer eine Reportage zu schreiben.

Verkehrsregeln (9.10.05)

Asif, mein Gastgeber, hat mir heute nach dem Abendessen die Verkehrsregeln in Dhaka ein bisschen näher erklärt. Ich habe ihn seit seit Freitag gar nicht gesehen. Heute kommen wir aber zur selben Zeit nach Hause und essen gemeinsam. Lammfleisch. Fisch. Poulet. Rindfleisch. Alles an scharfen Saucen. Und Fladenbrot.

Nach dem Essen legen wir uns in seinem klimatisierten Zimmer aufs Bett "and we gossip" (wir traschten).

Unter seinem Bett hat Asif den Sitz von einem Rickshaw. Vor einem paar Tagen fuhr ihm ein Dreirad in die Seite seines Autos. "Es war ganz seine Schuld. Das Auto ist total zerkratzt." Für ausgleichende Gerechtigkeit sorgte Asif selber. Er dem Fahrer die Lizenz ab und den Passagiersitz mit. "Die Polizei war einverstanden. Sie sahen ja zu."

Honolulu Doktor (11.10.05)

Der gestrige Tag war hinsichtlich Recherchearbeit enttäuschend. Ich wollte mit einer Geschichte beginnen, wonach es einen Zusammenhang gäbe, zwischen Konsum von kalten Getränken und den steigenden Fällen von Asthma in Dhaka.

Vor ein paar Tagen war eine solche Pressemiteilung in die Redaktion geflattert. Doch der Verfasser des Communiques, Dr. Muhammad Rahman, stellt sich als Online Doktor der Universität von Honolulu heraus. Er hatte sich seinen Titel in einem 14 wöchigen Kurs vor dem PC verdient.

Heute gehe ich auf Nummer sicher. Ich will mich mit dem Country Director von Microsoft Bangladesch treffen, um ein Hintergrundgespräch über Intellectual Property Rights (IPR) in Bangladesch zu führen.

 
Ramzan (14.10.05)

Ich bezeichne mich gerne als guten Esser. Seit heute nicht mehr.

Schon am Nachmittag tischt mir die Köchin Bua eine vollwertige Mahlzeit auf. Reis, Fladenbrot (Ruti), Rindfleisch-Curry, Gemüse-Curry, Daal (Hülsenfrüchte-Suppe), Früchte. Ich winke ab. Ich weiss, was ab 17.45 Uhr auf mich zukommt, wenn die Sonne untergeht und die Muslime ihr Fasten brechen. Ich esse am Nachmittag nur das Gemüse und trinke das Daal.

Am 17.45 Uhr geht es zu Tischa, dem Cousin von Asif. Seine Mutter hat den ganzen Tag gekocht und befreundete Inder und Chinesen zum Essen eingeladen. Iftar: fritiertes Gemüse, fritiertes Fleisch, Puffreis und Früchte.

Danach fahre ich mit Tisha raus, um eine Telefonkarte für mich zu holen. Wir machen Halt bei einem weiteren Cousin. Sie laden mich zum Tee ein und tischen süsses und einen Chinateller auf. Ich esse höflich und freudig. Teigwaren habe ich schon lange nicht mehr gegessen.

Zurück bei Tischa dekoriert seine Mutter gerade ein riesiges Fleischbuffet. Pouletfleisch, eingelegte Auberginen, Bohnen, Kofta (Hackfleischbälle), China-Nudeln, vier verschiedene Reisteller, Rindfleisch-Curry, Lammfleisch.

Nach dem Essen quer durch die Stadt zu Buba. Einem Freund von Asif. Sie sind Hindus und fasten nicht und essen erst um 22 Uhr. Vier verschiedene Fischsorten. Reis. Gurkensalat. Poulet und zum Dessert Mischti (purer Zucker in Ballform).

 
Microsoft und Hamburger (18.10.05)

Heute bewege ich mich zum ersten Mal in Gulsan, dem Nobelquartier. Ich bin mit Asif und seinem Cousin Tisha hier bisher nur durchgefahren.

Ich interviewe den Country Director von Microsoft, Mahmud Feroz. Eigentlich wollte ich mit ihm ein Hintergrundgespräch über die Software-Industrie in Bangladesch führen. Doch das Gespräch ist so spannend, dass ich zurück auf der Redaktion ein Interview zum Thema: 'Ein Jahr Microsoft in Bangladesch - Was hat der Softwareriese erreicht?' daraus mache.

Bevor ich zurück auf die Redaktion fahre, stille ich noch meinen Junkfood-Hunger. Schon seit Tagen sehne ich mich auf was anderes als Reis, Fladenbrot und Fleisch- oder Fisch-Curry.

Und so ende ich in dem Fastfoodladen "All American". Sonst ist der Laden nur von Chinesen besucht. Das Essen ist schrecklich. Der Hamburger ist kalt und die Pommes wohl in sehr altem Öl fritiert. Abends freue ich mich wieder auf Fisch- und Fleisch-Curry.

 
Biryani (20.10.05)

Gestern hat mich Morshed, einer der Senior Reporters, der seit dem Gründungsjahr vom Daily Star 1991 dabei ist, in ein kleines Restaurant gegenüber der Redaktion gebracht. Der Super Star. Wir bestellten beide Birjani, Reis an Lammfleisch mit einem hartgekochten Ei, Chilli und Zitronen als Beilage.

Er erzählte mir, wie die radikal-islamische Gruppierung Jamaat e-Islamiya auf dem Land tausende Familien mit Essen und Bildung versorgt und dafür erwartet, dass die Frauen zuhause bleiben und die Männer fünfmal die Woche in die Mosche beten gehen.

"Die Jamaat macht mir Angst", sagt mir Morsched. Er vergleicht die Gruppierung mit der Hizbollah im Libanon und im Iran. International als Terrorgruppe verschrieen, im eigenen Land von vielen als Wohlfahrts-Institution und verlängerten Arm eines gnädigen Gottes wahrgenommen.

Heute, 24 Stunden nach dem Biryani, habe ich keine Magenbeschwerden und das Essen schmeckt mir noch heute auf der Zunge. Dort muss ich wieder essen.

 
eCommerce (21.10.05)

Von schätzungsweise 150 Mio. Bangladeschi gibt es nur 500'000 IP Adressen. Mit dieser schwachen Penetration gibt es bisher nur spärliche Versuche, mit dem Internet zu geschäften. Kommt noch dazu, dass Online Buchungen mit Kreditkarte noch nicht möglich sind - so wird eCommerce noch schwieriger.

Einen Pionieren konnte ich trotzdem aufstöbern. Humayoun Alamgir, 27, Java-Programmierer, hat im April 2004, clickbd.com, ins Leben gerufen. Spannend an seiner Geschaeftsidee ist, dass er von privaten Nutzern keine Kommissionen verlangt, sondern nur grossen Läden, die einen virtuellen Laden auf seinem Portal einrichten und dazu alle eCommerce-Dienst von clickbd.com nutzen: Lieferung, Bezahlung, Datenbankabfragen, etc.

 
Fressen und Fasten (29.10.05)

Ich bin froh, wenn Ramadan endlich vorbei ist. Am 4. oder 5. November, je nach Sichtung des Mondes, ist es soweit. Dann ist Eid, der Abschlusstag des Fastenmonats. Das ist wie Weihnachten bei uns. Einen Tag lang essen, Geschenke auspacken und Verwandte besuchen.

Wenn man gerne isst und nicht fastet, ist Ramadan ein Problem. Um vier Uhr morgens, bevor die Sonne aufgeht, essen alle Sehri. Hier kann ich meist passen. Ich esse erst um rund 8.30 Uhr Frühstück und Mittagessen um die Mittagszeit, natürlich. Um ungefähr 17.30 Uhr, wenn die Sonne untergeht und ich noch keinen wirklichen Hunger habe, wird Iftar aufgetischt. Datteln. Fritierte Kichererbsen, Auberginen, Kartoffeln, Daal (Linsen an Chillis und viel Knoblauch), viele Früchte und Jelapi.

Trotz keinem grossen Hunger, esse ich beim Iftar meist munter mit. Um 21 Uhr wird dann bei Familie Ahmed nochmals zugeschlagen. Viel Fleisch, Fisch, Reis und Fladenbrot mit den Iftar-Überresten. Und weil Bua, die Köchin, mittlerweile weiss, dass ich auf Jelapis stehe (fritierte Ei und Zuckermischung), bekomme ich nach dem Abendessen jeweils noch einen Extra-Jelapi aufgetischt - aufgewärmt. Ich habe während diesem Fastenmonat noch nie so viel gegessen...

Homegrown online innovations on Road2Tunis
www.thedailystar.net/2005/10/29/d510291601117.htm

 

Die Festtage (31.10.05)

Eid-ul-Fitr steht vor der Tür. Als ich gestern von der Redaktion nach Old Dhaka nach Hause kam, setzte ich mich wie üblich zu Rafik aufs Sofa, dem Vater des Hauses. Wir unterhielten uns wie üblich über den Tag. Plötzlich senkte er die Stimme und kam mit seinem Kopf näher zu mir heran.

"Ich habe sie reden gehört", sagt er und deutete in die Küche. Mit "sie" meinte er die drei Haushaltshilfen Bua (die Köchin), Nujahan (Buas Hilfe) und Sayful (der Mann für alles). "Sie haben sich gefragt, warum Mr. Barney ihnen nichts vor Eid-ul-Fitr gibt", sagte Rafik.

Ein paar Tage vor Eid ist es in allen Haushalten in Dhaka Brauch, den Haushaltshilfen Geld zu geben, damit sie sich für die drei Feiertage am Abschluss des Fastenmonats Ramadan was Neues zum Anziehen kaufen können.



Rafik erklärt, es sei das Beste, wenn er das Geschenk in einer "official ceremony" den Haushaltshilfen übergeben würde. Ich gebe Rafik 2000 Taka (ungefähr 40 Franken) und er versammelt alle Haushaltshilfen im kleinen Wohnzimmer. Nicht nur die von seinem Haushalt, sondern auch die vom zweiten und vom ersten Stock, wo seine Schwester mit ihrem Mann und sein Sohn mit seiner Frau wohnt. Mit Sayful, Bua und Nujahan sind das insgesamt sieben. Er erklärt ihnen, dass ich ihnen "Mr. Barney ein Geschenk für Eid machen will". Je 100 Taka für die Hilfen in den unteren Stöcken. 600 für Bua und Sayful und 400 für Nujahan.

Die Szene rührt mich noch jetzt während ich schreibe.

 

Eid Mubarak - Happy Eid (3.11.05)

Drei Tage Ferien. Drei Tage keine Zeitung. Und heute ist der grosse Tag. Wenn am Abend nach Itar der Neumond am Himmel sichtbar wird, ist der Fastenmonat vorbei. Und Asif ist sich ziemlich sicher, dass der Mond sichtbar sein wird. "Die Saudis haben ihn schon gesehen", sagt er.

Und sobald der Mond sichtbar wird, geht der grosse Rush los. Weil die meisten Märkte an Eid zu sind, stürzen sich alle auf die Strasse, um ihre letzten Einkäufe zu machen.

Artikel:
Online auctioning taking off in Bangladesh
www.thedailystar.net/2005/10/31/d51031050149.htm

 


Eid el-Futr (5.11.05)

Ich will Eid mit Asif und seiner Familie verbringen. Drei ruhige Tage will ich. Lesen, schlafen, ein paar Folgen von "Desperate Housewives" schauen. Die habe ich zuhause im TV immer verpasst. Hier habe ich alle Folgen auf DVD gefunden. Und natürlich will und werde ich viel essen.

Ich beginne den Tag gestern mit Asif, einem Besuch in der "National Mosque" und einem Gebet mit 100 000 Muslimen. Ich mache dabei einfach die Bewegungen der anderen nach. Auf die Knie, Kopf an den Boden, aufstehen, Hände an die Ohren.

Das Beste am gestrigen Tag ist die Rickshaw-Fahrt in die Moschee. Unser Fahrer radelt mich und Asif - beide in einem knielangen, weissen Gewand (Punjabi) - für einmal durch sehr friedliche Strassen. Keine hupenden Taxi-Fahrer, Gütertransporte und Minibusse. Wir werden nur vom sanften Klingeln der anderen Rickshaws mit in weiss gekleideten Moscheebesuchern begleitet.

Den restlichen Tag verbringe ich mit Taslim, Asifs Bruder, und seiner Frau Nadia auf Verwandtenbesuchstour. Zu Nadias Eltern. Zur Schwester von Nadias Mutter. Zur Schwester von Nadias Vater. Zu zwei Studienfreunden von Taslim. Nadias Cousin. Und zum Schluss zu Tisha, Asifs und Taslims Cousin. Überall wird ein vollwertiges Menü mit Süsses aufgetischt. Ich komme nicht drum herum, ein wenig von allem zu probieren, denn jeder Haushalt macht "ganz special" Sachen. Das sagt mir Taslim.

Am Ende des Tages, habe ich das Gefühl, mich gut geschlagen zu haben. Ich konnte zwar nie die zweite Portion akzpetieren, die mir immer angeboten wurde, aber ich musste niemanden enttäuschen und konnte alle "special" Sachen probieren.

In der Nacht aber holt mich der Tag ein. Ich glaube, ich muss mich zum ersten Mal in meinem Leben übergeben, weil ich zu viel gegessen habe. Es begann nicht durch den Mund, wie normalerweise, sondern kam zuerst durch die Nase. Ich musste die Schüssel sicher fünfmal spülen. Nach dem Erbrechen legte ich mich wieder ins Bett und schlief friedlich auf leerem Magen ein.

Am nächsten Morgen schlage ich beim Morgenessen dick zu. Chilli-Omlette, Toast und sehr viele Früchte. Taslim und Asif, beide mit noch vollen Mägen, schauen mich etwas ungläubig an. Ich erzähle ihnen nichts von den Eregnissen in der Nacht. Ich würde vielleicht jemanden beleidigen. Ihre Eltern würden sich ganz bestimmt Sorgen und Vorwürfe machen. Ich behalte die ganze Sache für mich und biete Asif und Taslim schadenfreudig von der Omlette an. "Schmeckt very special heute, probiert doch, nur einen Löffel...habt ihr keinen Hunger mehr? Wirklich? Ach, nur einen Löffel..." Taslim und Asif versprechen mir, nie mehr dieses Spiel mit mir zu spielen, wenn wir auf Verwandtenbesuch gehen. Ich hoffe, sie lernen niemals Deutsch und lesen niemals dieses Tagebuch...

 

Mongla (9.11.05)

Die Reise nach Mongla mit Zakir dem Fotografen werde ich wohl nie vergessen. Ich hatte mir das Dorfleben viel chaotischer, dreckiger, ärmer vorgestellt. In Mongla treffe ich stattdessen auf eine geordnete, friedliche, für viele mit "Zurück-Zur-Natur"-Avancen wohl perfekte Gemeinschaft.



Mongla ist: 77 Dörfer, die durch sorgfältig gebaute Pflasterstein-Strässchen miteinander verbunden sind. Auf den Strässen fahren fast nur Fahrräder und Rickshaws. Ganz selten sieht man ein Motorrad. Viele Lehmhütten, manche haben Wellbleche als Dach. Die meisten aber Dächer aus Palmblättern.

Das Schlüsselwort in Mongla scheint "self-sustainable" zu sein. Jede Familie hat einen Gemüsegarten, sammelt Regenwasser, hat einen Weiher mit Fisch- oder Schrimpkulturen, eine Kuh oder Hühner. Kuhdung wird an der Sonne getrocknet und zum anfeuern gebraucht. Und alles sieht sauber aus. Besonders niedliche Stellen erinnern mich an Fahrten durch Schlaraffenland im Europapark in Rust.

Eine Familie lädt mich mitten im Nachmittag zum Kokosnusstrinken ein. Das kann man nicht ausschlagen. Wir tauschen Adressen und der Hausherr sagt: "When ever you back, be sure for a coconut here." Ich schüttle ihm die Hand und hoffe ernsthaft darauf, bald auf sein Angebot eingehen zu können.

Zurück im Hotel beginne ich eine Reportage über den Besuch in Mongla für die SonntagsZeitung.

 

SAARC-Gipfel (13.11.05)

Was bringt SAARC Bangladesch? Bisher erkenne ich nur Nachteile. SAARC (englisch South Asian Association for Regional Cooperation) ist eine Organisation zur Förderung der wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten Indien, Pakistan, Bhutan, Nepal, den Maldiven, Sri Lanka und Bangladesch.

Am 12. bis 13. November treffen sich die Staatsoberhäupter in Dhaka, um die Richtlinien für die nächsten zwei Jahre zu formulieren und die Bitte Afghanistans zu prüfen, SAARC-Mitglied zu werden.

Nachteil 1: Der 12. und 13. November wurden zu Staatsfeiertagen erklärt. Das Land steht still.

Nachteil 2: Aus Angst vor Terroranschlägen wurden der Handel auf den grössten Märkten verboten. Grundnahrungsmittel wie Reis und Kartoffeln sind um rund die Hälfte teurer als sonst.

Nachteil 3: Was im ersten Augenblick nach einem Vorteil aussieht, entpuppt sich als Nachteil. Die Strassen sind zwar leer. Doch man kann sie nicht benützen, weil die Polizei ganze Strassenzüge absperrt, um VIPs sicheres Geleit zu garantieren. Gestern brauchte ich zwei Stunden, um auf die Redaktion zu kommen, weil ich den Weg von vier bis fünf VIPs kreuzte.

Artikel:
Save timeworn St. Gregory's school
www.thedailystar.net/2005/11/13/d511132501112.htm

Artikel:
e-commerce hampered by inadequate payment systems
www.thedailystar.net/2005/11/12/d51112160195.htm

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(Windows Media Player, 5MB)

Die Grippe

Asif sagt, das Wetter wechsle jedes Jahr später. Früher, so erinnert er sich, sei er schon im November mit einer Jacke zur Schule gegangen. In den letzten Jahren kühlt es erst im Dezember richtig ab. "Global warming", ist seine Erklärung.

Eine erste Abkühlung spüre ich allerdings schon. Vielleicht weil ich mich erst gerade an die Hitze gewöhnt habe. Seit vier Tagen leide ich an Schluckweh, Kopfschmerzen und anfangs auch Fieber. Heute geht es mir endlich wieder besser.

'Mobile Women' of Mongla bridging digital divide
www.thedailystar.net/2005/11/19/d511191601108.htm

 


Die Botschafterin

Die letzten drei Tage verbrachte ich im Tross der Schweizer Botschafterin Dora Rapold. Sie ist seit vier Monaten im Amt und gleichzeitig auch Country Director der SDC (Swiss Agency for Development Cooperation), auf Deutsch der DEZA (Departement für Entwicklungszusammenarbeit).

Vier Tage lang besucht Frau Rapold im Distrikt Rajshahi SDC-gesponserte Projekte. Zum ersten Mal reist sie in diesen Teil des Landes. Die Rajshahi Division ist die grösste und ärmste von Bangladesch.

Wir besuchen Schulen, die Kinder auf die Primarstufe vorbereiten und Aussteiger das Lesen und Schreiben beibringen. Wir besuchen neu geschaffende Dorf-Kommunen, die heute nicht nur Reis und Weizen anbauen, sondern auch Gemüse. Wir besuchen Frauengruppierungen, die gemeinsam Kredite aufnehmen.

Kinder singen der Botschafterin zu Ehren Lieder. Frauen tanzen für sie und in jedem Dorf werden Dora Rapold die Füsse gewaschen, so wie sich das hier bei der Ankunft einer hohen Persönlichkeit gehört.

Frau Rapold mag es nicht, wenn man sie bei der Fusswaschzeremonie fotographiert.

14 Mio. Franken im Jahr wirft die Schweiz jährlich für Projekte in Bangladesch auf. Dementsprechend geben sich alle Mühe, der Botschafterin ein möglichst positives Bild ihrer jeweiligen Projekte zu geben.

Frau Rapold sagt, ihr sei bewusst, dass sie als Botschafterin keine Abbildung der Realität bekomme. "Doch das bekommt man als Ausländer in einem Bangladeschi Dorf nie."

Swiss envoy visits Rajshahi in double capacity
www.thedailystar.net/2005/11/28/d51128100184.htm


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Die letzte Woche

Heute morgen schaue ich auf BBC in der Sendung Hardtalk ein Interview mit Le Pen, dem Präsidenten der Front National, zu den Krawallen der Immigranten in Frankreich. Schockierend und amüsant. Der Höhepunkt war, als Le Pen verriet, den Einwanderungszahlen der Regierung nicht zu trauen. Er glaubt nur das, was er sieht. "Man muss nur auf den Strassen von Paris spazieren gehen, um zu sehen, dass da was faul ist", sagte er.

Meine letzte Woche hier in Dhaka. Bis Donnerstag findet die jährliche Softwaremesse statt. Ich werde dafür für den Daily Star berichten. Bill Gates in der Stadt erwartet. Das Microsoftbüro sagt mir, es sei noch nichts definitiv. Aber der reichste Mann der Welt wolle offenbar nach Indien, könnte aber für einen Tag in Dhaka für einige Stunden Halt machen, um sich mit der erfolgreichen Telekommunikationsfirma GrameenPhone zu treffen.

Mein Plan für die restliche Zeit hier in Bangladesch: Bis Donnerstag über Softexpo berichten. Am Donnerstag letztes Treffen mit dem Chefredakteur Mahfuz Anam. Am Freitag und Samstag eine Dampfschifffahrt auf dem Padma, dem grössten Fluss von Bangladesch, mit Asif und David. Am Sonntag sage ich allen auf der Redaktion auf Wiedersehen und am Montagmorgen fliege ich schon.

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www.thedailystar.net/2005/12/01/d51201050449.htm

 


König der CNGs

Die kleinen grünen Dreiräder, die CNGs, sind das beste Verkehrsmittel in Dhaka. Viele schwärmen zwar für Rickshaws. Dreirädrige Fahrräder. In den ganz engen Gassen sind sie ganz praktisch. Doch sie sind nicht selten lebensgefährlich. Ich bin mehr als einmal beinahe von einem Rickshaw gestürzt. Vielleicht bin ich auch deshalb ein CNG-Fan.

CNG steht für Compressed Natural Gas. Sie produzieren nur reduziert Abgase. Seit drei Jahren rüsten alle in Dhaka auf Gas um. Die Stadt atmet seither besser.

Heute fahre ich im schnellsten, grössten und bequemsten CNG der Stadt. Ich sitze auf der längsten CNG-Bank, die ich je gesehen habe und blicke auf den Verkehr hinunter.

Keine Umwege. Der Fahrer nimmt es mit jedem Bus auf und setzt sich mit einer sehr überzeugenden Hupe immer durch. Der Motor schnurrt wie eine Katzen. Nicht dieser normale CNG-Ton, der sich nach einem Deux-Chevaux in seinen letzten Tagen anhört. Auch die Beschleunigung ist beeindruckend. Er schafft es mit seinem Extraboost über jede Kreuzung, bevor ein Polizist den Verkehr stoppt und die nächste Kolonne zum Fahren anhält.

Er bringt mich durch den dichtesten Verkehr in 30 Minuten zur Software-Messe. Darüber schreibe ich in diesen Tagen für den Daily Star. Ich gebe ihm ein grosses Trinkgeld und mache ein Foto vom König der CNGs in Dhaka. Ich bin stolz, mit diesem CNG gefahren zu sein.

 


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Nicht das letzte Mal in Dhaka

"Die letzten Tage waren sehr hektisch. Zuerst mit Asif auf einer Tour nach Barisal und Jessore. Die Bombenanschläge auf Richter, die ersten Selbstmordattentäter in Bangladesch. Heute den ganzen Tag mit Abschieden verbracht..."

Diese paar Sätze schrieb ich gestern, bevor mich Asif und seine Mutter mit Geschenken übermannten. Geschenke für meine Freundin, für meine Mutter, für meine Brüder, für Christine, die letztes Jahr beim Daily Star gearbeitet hat. Schale, Punjabis (T-Shirt ähnliche Kleidung), Schmuck, DVDs.

Asif fährt mich heute morgen in Begleitung von David zum Flughafen. Er schaltet den CD-PLayer an. "Take me home, country road...". Die selbe CD, die wir bei meiner Ankunft gehört hatten. "...to the the place, I belong." Das Stück war eigentlich nie eines meiner Lieblinge. Doch jetzt wird es mich immer an Dhaka City erinnern. Und ich weiss, nach diesen kurzen zwei Monaten, gehört ein Teil von mir nach Dhaka. Ich bin mir sicher, nicht das letzte Mal hier gewesen zu sein.

SoftExpo 2005: Danish delegates press for submarine cable
www.thedailystar.net/2005/12/03/d512031601101.htm

ENDE