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Die Journalistin und Juristin Regula Saner, Jahrgang 1971, lebt in Fribourg. Sie
arbeitete u.a. bei Radio Freiburg und als Mediensprecherin. Von August bis Oktober
2004 besucht sie Radio Kledu, einen lokalen Radiosender in Mali.
9. August 2004: Von habgierigen Unternehmern und Schwiegermüttern
„Taxifahrer und Journalisten gehören zu den best informierten Leuten“,
lacht Diakaridia Dembélé mein neuer Kollege bei Radio Kledu. „Bald
wirst du Bamako wie deine eigene Hosentasche kennen.“ Noch habe ich meine
Zweifel angesichts des unübersichtlichen Treibens auf den Strassen der malischen
Hauptstadt (Menschen, Tiere, Autos - wo das Auge hinsieht).
Wir kommen von einer Medienkonferenz und sind unterwegs zum Radiostudio, welches
am Niger, dem Fluss der Krokodile liegt. Wir leisten uns ein Taxi, denn bis zum
Mittagsbulletin „Kledu-Infos“ um 12 Uhr 45 muss der Beitrag über
die internationale Gesundheitswoche zur Förderung des Stillens stehen. Ich
bin froh, dass wir uns bei dieser Hitze nicht in ein Sotrama zwängen müssen,
einem der grünen Toyota-Minibusse, welche unendlich viele Fahrgäste fassen
können. Wir redigieren den Text von Hand – bereits am zweiten Tag bei
Radio Kledu gehe ich auf Sendung.
Der Gerichtssaal des Strafappellationshofes von Bamako im Stadtzentrum ist zum bersten
voll. Rund 400 Personen warten gespannt auf die Urteile in einem grossen Korruptionsfall.
22 Unternehmer und hohe Funktionäre sitzen auf der Anklagebank, weil sie die
Staatskasse um 2,6 Milliarden CFA (rund vier Millionen Euro) geplündert haben.
Alhousseiny Aboudjé Touré hat den Prozess für Radio Kledu mitverfolgt,
und ich darf ihn am letzten Prozesstag begleiten. Für mich wird die Verhandlung
- eine Mischung aus strenger französischer Rechtstradition und afrikanischer
Marktstimmung - zu einem Erlebnis. Die Angehörige eines Angeschuldigten fällt
in Ohnmacht, Sicherheitskräfte tragen sie aus dem Saal und verhindern einen
Tumult. Bei bleierner Hitze werden schliesslich die relativ milden Urteile gesprochen.
6 Angeschuldigte werden freigesprochen, 16 erhalten eine Gefängnisstrafe von
bis zu zwei Jahren.
Dass aber nicht nur raffgierige Unternehmer der Gesellschaft schaden, sondern auch
habgierige Schwiegermütter, das erfahre ich an einer Debatte, organisiert vom
nationalen Zentrum für Frauen- und Familienfragen. Rund 200 Frauen und Männer
diskutieren unter anderem über die Ausgaben für Hochzeiten, die offenbar
dekadente Ausmasse angenommen haben und die Familie des Bräutigams nicht selten
in den Ruin treiben.
Meine erste Woche bei Radio Kledu hätte an Erlebnissen nicht reicher sein können.
Bamako, 23.8.04
Der starke Regen hat heute für mehrmalige Stromunterbrüche gesorgt und
den Sender lahm gelegt. Es ist Freitag, auf der Redaktion herrscht Wochenendstimmung
und ich blicke auf zwei spannende Wochen zurück.
Da ist der Damen-Final der malischen Basketballmeisterschaften. Hunderte von Fans
feuern ihre Spielerinnen im Modibo Keita Stadion an. Sie schreien und tanzen zu
Djembé-Rhythmen und verwandeln das heruntergekommene Stadion aus sozialistischer
Zeit in einen regelrechten Hexenkessel. Das Spiel wird von Radio Kledu live übertragen.
Der Sportreporter schreit am Rande des Spielfeldes gegen den Lärmpegel an.
Ob man seinen Kommentar auf dem Sender wohl versteht? Es wird Basketball auf hohem
Niveau gezeigt, trotz bescheidenen Mitteln: während in der Schweiz jeder vermeintliche
Sportler an der Isostar-Flasche saugt, muss in Mali ein grosser Wasserkanister für
alle ausreichen. Ich bin beeindruckt.
Und da ist die Kola. Diese Nuss, bitter im Geschmack, ist eine Art Volksdroge der
Malier. Keine Hochzeit, keine Taufe, kein Begräbnis ohne Kola. Seit der Krise
an der Elfenbeinküste kämpfen die malischen Kolahändler allerdings
mit exorbitanten Importpreisen. Der Transit nach Senegal und Mauretanien ist total
zum Erliegen gekommen. Radio Kledu fühlt bei den malischen Kolahändlern
den Puls. Ein Kollege und ich gehen auf den Kolamarkt von Bamako und realisieren
eine Reportage.
Zu einer besonderen malisch-schweizerischen Begegnung wird schliesslich diejenige
mit Remy Sidibé. Ich treffe auf den Musiklehrer im Jugendzentrum von Bamako.
Als ich ihm erzähle, dass ich in Fribourg lebe, beginnen seine Augen zu strahlen.
Er hat während zwölf Jahren am Konservatorium von Fribourg unterrichtet.
Remy Sidibé zeigt mir Fotos aus seiner Schweizer Zeit und philosophiert über
Musik. Es entsteht ein Portrait für Radio Kledu.
Ein Radiobeitrag aus Mali
Seit drei Wochen arbeite ich nun bei Radio Kledu. Es wird Zeit, dass ich euch diesen
Sender vorstelle. Bevor ich meine Reise nach Mali antrat, konnte ich mir kaum vorstellen,
wie in Afrika Radio gemacht wird. Heute weiss ich: Radiomachen ist hüben und
drüben dasselbe – kleine und grössere Unterschiede vorbehalten:
Ein Portrait: Download
MP3 (4'23"; ca. 4MB).
31. August 2004: Brot und Spiele
Die Frau im Minibus protestiert. Ich verstehe zwar kein Wort. Aber es ist offensichtlich,
dass sie nicht zufrieden ist mit dem Jungen, welcher laut schreiend die Destination
verkündet und um Fahrgäste wirbt. Bereits sitzen wir wie Sardinen zusammengedrückt
im Sotrama. Der Junge will einen weiteren Fahrgast hineinzwängen. Die Zeiten
für Busbetreiber und Taxifahrer sind schwer. In den vergangenen drei Monaten
sind die Benzinpreise um rund 25 Prozent gestiegen. An der Medienkonferenz der Union
Nationale des Travailleurs du Mali macht der Gewerkschaftssekretär auf die
gravierenden Konsequenzen der gestiegenen Benzinpreise aufmerksam, er geisselt die
kapitalistischen Länder und fordert von der Regierung eine Erklärung.
Kassim Traoré und ich verfolgen die Medienkonferenz und machen eine Beitrag
für „Kledu Info“.
Mit einer Umfrage, will ich anderntags die Stimmung bei den betroffenen Bus- und
Taxichauffeuren ausloten. Diakaridia begleitet mich. Bei der Busgewerkschaft schildert
uns ein Chauffeur die dramatische Situation. Er könne von seiner Arbeit kaum
mehr leben, klagt er. Er entblösst seinen Bauch, eine grosse Narbe kommt zum
Vorschein. Für diese Operation habe er gar einen Kredit aufnehmen müssen.
Seit 30 Jahren arbeite er als Sotrama-Fahrer, aber so prekär wie jetzt sei
die Situation noch nie gewesen. Die Bus- und Taxichauffeure erwarten vom Staat Hilfe,
wohl wissend, dass sie kaum kommen wird.
Zweiter Radiobeitrag von Regula Saner
Hoch über Bamako, auf dem Hügel Koulouba, ragt der weisse Präsidentenpalast.
Das malische Elysée ist schon von weitem zu sehen. Nur unweit davon, am Fusse
des Hügels Koulouba, liegt das Modibo Keita Stadion. Für den Basketballfinal
der Herren hat sich heute der malische Präsident Amadou Toumani Touré
höchstpersönlich hinab begeben.
Download
(MP3, 2'46", ca 2,7 KB)
Die Heuschreckenplage hat auch Mali erfasst. Radio Kledu möchte für eine
Reportage vor Ort gehen. Aber die Mittel für eine Reise in den Norden des Landes
fehlen. Auf der Redaktion wird heftig diskutiert über das zerstörerische
Naturschauspiel. Es wird kritisiert, dass der Staatspräsident auf Konferenzen
ausser Landes ist und nicht bei der betroffenen Bevölkerung weilt. Die Redaktion
beschliesst, die Auslandaufenthalte von ATT seit dessen Amtsantritt zu zählen
und einen kritischen Beitrag zu verfassen.
Bamako, 7. September 2004
«Toubabou mousso flé, toubabou mousso flé», schreien die
Kinder, als ich an ihnen vorbei gehe. Schaut eine weisse Frau kommt! Meine Erscheinung
ist offensichtlich Grund zur Belustigung, die Kinder lachen und rufen «Bonjour,
Madame» . Ein Weissgesicht in Schwarzafrika fällt auf. Aber abgesehen
von solchen eher erheiternden Reaktionen wird mir meine - andere - Hautfarbe kaum
je in Erinnerung gerufen. Die Malier sind äusserst tolerante Menschen. Unzählige
Ethnien leben in Bamako friedlich zusammen. Es gibt erstaunlich wenig Kriminalität.
Abgesehen vom mörderischen Strassenverkehr darf sich der Fremde in Sicherheit
wähnen. In den vergangenen zehn Jahren ist Bamako hingegen zunehmend mit dem
Problem der Bettelkinder konfrontiert. Mit ihren Blechbüchsen stehen sie an
den neuralgischen Punkten der Stadt: Vor den Strassenampeln, auf dem Markt, vor
den Apotheken, der Moschee. Es sind Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen
oder Kinder, die ihr Dorf verlassen haben, weil es dort kein Auskommen mehr gibt,
oder Koranschüler, die das Erbettelte ihrem Meister (Marabut) abliefern. Ich
realisiere eine Reportage.
Im Oktober feiert Mali den Monat der Solidarität. Solidarität stellt einen
Grundpfeiler der malischen Gesellschaft dar. Solidarität in Mali ist nicht
toter Buchstabe, sie wird gelebt: Die Kinder unterstützen ihren Eltern, indem
sie ihren Lohn zuhause abliefern, der Junge am Strassenrand hilft dem Taxichauffeur,
wenn dessen Wagen streikt, der Fahrgast nimmt das Kind einer fremden Frau auf seinen
Schoss, wenn der Bus überfüllt ist, Einheimische bitten den Reisenden
zu Tisch. Die Solidarität verliert mit der Modernisierung der Gesellschaft
aber zunehmend an Bedeutung. Wenige Wochen vor dem Monat der Solidarität wird
dieses Prinzip des ökonomischen Ausgleichs und des gesellschaftlichen Zusammenhalts
deshalb bei jeder Gelegenheit beschworen. Unter dem Titel «économie
solidaire et sociale – une approche de lutte contre la pauvreté»
findet in Bamako ein dreitägiger Workshop statt. Meine Kollegin Agathe Diama
und ich nehmen daran teil. Kleinunternehmer diskutieren Alternativen zum Neoliberalismus.
Ich freue mich darüber, mit der bekannten Globalisierungskritikerin und ehemaligen
Kulturministerin Aminata Traoré ein Interview machen zu können.
Bamako, 20. September 2004
Von hässlichen Heuschrecken und bezaubernden Kleidern
Wie schwarze Wolken sind die Heuschreckenschwärme am malischen Horizont aufgezogen
und werfen lange Schatten auf die malische Wirtschaft.
Mali wird derzeit von der schlimmsten Heuschreckenplage seit 16 Jahren heimgesucht.
In Zentralmali ist bereits die Hälfte der landwirtschaftlichen Anbaufläche
von den gefrässigen Insekten befallen. Und der Kampf gegen das Vordringen der
Wanderheuschrecken in den fruchtbaren Süden des Landes ist noch nicht gewonnen.
Steht Mali vor einer Hungerkatastrophe? Die Verantwortlichen des UNO-Welternährungsprogramms
in Mali bereiten sich auf das Schlimmste vor.
Ein Beitrag von Regula Saner:
Download
(MP3)
Ein Fest für die Augen sind die Kleider der Malier. In allen Farben und Mustern
leuchten die Stoffe im Land der Bauwolle. Mali ist der zweitgrösste Baumwollproduzent
der Welt.
Die Malier legen viel Wert auf ihre Erscheinung. Die Kleider werden hier auf Mass
angefertigt. Aus den unzähligen Schneiderstuben (welche nur noch von den Internetcafés
konkurrenziert werden) ist das Rattern der gusseisernen Paff-Nähmaschinen zu
vernehmen. Der verstorbene malische Modeschöpfer Chris Seydou hat der afrikanischen
Mode zu internationalem Renommee verholfen. Sein Erbe hat nun der ebenfalls bekannte
Stylist Alphadi angetreten. Anlässlich einer Medienkonferenz zur Lancierung
einer Modeschau in Bamako habe ich die Gelegenheit den Meister höchstpersönlich
kennen zu lernen.
Bamako, 2. Oktober 2004
Abschied : Zum letzten Mal fahre ich mit dem Taxi zum Radiostudio am Ufer des Nigers.
Es ist Freitag, Feiertag der Moslems, und die meisten Redaktionskollegen tragen
einen Boubou. Heute gilt es Abschied zu nehmen von den liebgewonnenen Kolleginnen
und Kollegen von Radio Kledu. Ich habe 9 spannende Wochen mit ihnen erlebt und unglaublich
viel gelernt: in journalistischer als auch in menschlicher Hinsicht. Unter schwierigen
klimatischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen leisten die Journalistinnen
und Journalisten von Radio Kledu professionelle Arbeit.
In den vergangenen zwei Wochen habe ich erneut viel erlebt: Am 26. September feiert
Mali den Unabhängigkeitstag. Wegen der Heuschreckenplage hat die Regierung
heuer alle offiziellen Zeremonien abgesagt. In den Quartieren von Bamako werden
dennoch verschiedene, vor allem sportliche Anlässe organisiert. Radio Kledu
deckt den Nationalfeiertag mit Live-Einschaltungen ab. Ich berichte aus meinem Quartier.
Die Heuschreckenplage ist in aller Munde. Täglich berichten die Zeitungen,
Radio- und Fernsehstationen davon. Dem Land fehlt es an allen Ecken und Enden, um
dieser Naturkatastrophe effizient zu begegnen. In ihrer Ohnmacht bleibt den Maliern
nur noch das Gebet. In einer Gemeinde von Bamako wird ein kollektives Gebet organisiert.
Kassim Traoré und ich gehen für Radio Kledu vor Ort.
Eine traurige Nachricht ereilt uns, als wir von einer Medienkonferenz des international
bekannten Reggae Stars Tiken Jah Fakoly zurück kommen. Eine langjährige
Mitarbeiterin von Radio Kledu ist bei der Geburt ihres Kindes gestorben. Ich hab
die Frau kaum gekannt, und dennoch hat mich dieser Tod beschäftigt. Es ist
eine malische Realität, dass Frauen bei einer Schwangerschaft immer noch ihr
Leben riskieren. Wir gehen an die Beerdigung. Frauen und Männer strikt getrennt,
nehme ich mit Agathe Diama und Célia Dalmeida an den Trauerfeierlichkeiten
teil. Der Imam predigt vom Leben und vom Tod, wie man mir sagt. Dabei fuchtelt er
mit den Haenden, das Handy zwischen den Fingern. Es läutet...und ich muss trotz
den traurigen Umstanden ein bisschen lachen. Auch das ist Mali.
Fortsetzung folgt...
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