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Thomas Müller berichtet aus Dhaka

Thomas Müller, 42, ist seit Anfang Oktober 2007 Stagiaire beim Daily Star in Dhaka, der bedeutendsten englischsprachigen Tageszeitung in Bangladesch. Seit November 2006 schreibt der MAZ-Absolvent (1991) und Freie Journalist in Zürich für verschiedene Medien. Zuvor war er für Tageszeitungen, Onlinemedien, als Radiokorrespondent sowie für Magazine tätig, so unter anderem fünf Jahre als Redaktor bei Facts.

2. Oktober 2007

Übergewicht. Gnadenlos, dieser Check-In. Es heisst ausladen. Die beiden Bratpfannen mit währschaftem Glasdeckel, die mir Nasrin für ihre Mutter und ihre Tante in Dhaka mitgegeben hat, müssen in der Schweiz bleiben. Schon vier Kilo weniger, doch das reicht nicht. Also auch Nasrins Tafelbesteck, 24-teilig. Ich werde ihr nie mehr in die Augen schauen können. Immer noch nicht genug. Bücher, Sonnencreme und die schwere Taschenlampe glauben ebenfalls dran, bis schliesslich die Toleranzgrenze erreicht ist.

Hoch über den Wolken serviert Kuwait Airways bei gleissendem Sonnenschein ein Essen nach dem andern – von wegen Ramadan. Wie die Sonne glutrot leuchtet und der Käptn in kehligem Bass ankündigt, dass "for our fasting passengers" in zehn Minuten Iftar bevorsteht – das erste Getränk und Essen nach dem Fasten tagsüber – hasten die Flight Attendants aber in die Bordküche und servieren einem halben Dutzend fastender Passagiere reich gefüllte Tabletts. Der grosse Bildschirm zeigt fürs Abendgebet die aktuelle Richtung Mekkas an.

 

3. Oktober
Unfreiwilliger Zwischenhalt in Kuwait City. Der Anschlussflug nach Dhaka ist zwanzig Minuten vor unserer verspäteten Landung abgedüst. Dennoch sind die paar mitgebrachten Brocken Bangla schon hier höchst willkommen. Der Buffetjunge in der Flughafenkantine stammt aus Bangladesh arbeitet nun schon sechs Jahre in Kuwait. Ein Ägypter holt das Visum für einen Tag ein, ein Filipino zeigt den Weg zur schwarzen Mercedes-Limousine, die uns Hotel fährt. Der Chauffeur ist wiederum ein Bangladeshi - seit 1978 im Land, zwei Kriege miterlebt und stolz auf seinen zweitältesten Sohn, der heute dank guten Schulnoten in der Kuwait Times abgebildet ist. Mindestens dreihunderttausend Bangladeshi arbeiten in Kuwait, weit über zehn Prozent der Bevölkerung dort. Sie holen sich ihren Anteil am Petrodollar-Boom: in Jobs auf Baustellen, in Restaurants oder im Bazar. Kaufkraftbereinigt ist die Wirtschaftsleistung Kuwaits mit 20'000 Dollar pro Kopf und Jahr zehn mal höher als jene Bangladeschs.

4. Oktober
Landeanflug im Dunst. Die grauen Flächen, das sei Wasser, alles Wasser, meint mein Sitznachbar. Tja, wirklich: Ein einziger Sumpf, scheint es. Was soll ich hier bloss?
Anstehen in der langen Schlange vor der Immigration. Ein Uniformierter schiebt mich zum leeren Schalter für Crew, Diplomats und Foreign Investors rüber. Vorzugsbehandlung für die „White Skin“.

Der Schritt aus der klimatisierten Halle führt in ein Dampfbad. Doch da ist Asif und strahlt. Mein Gastgeber. Daheim treffe ich die ganze Familie. Ich bekomme einen Diener zugeteilt, der sei 24 Stunden für mich da. Und falls nicht, springt eine der anderen drei Bediensteten ein. Er heisst Sayful, ist 23, spricht ein paar Brocken englisch. In einer ruhigen Minute zeigt er mir, wie man die Zahlen schreibt. Die sind trickreich. Die 0 ist zwar die Null, doch die 8 ist die Vier und die 9 eine Sieben, und dann wirds erst richtig kompliziert. Abgesehen von den Zahlen kann Sayful praktisch nicht lesen und schreiben. Mir gehts mit Bangla genau so.

7. Oktober
Der Freitag war arbeitsfrei, mein Samstag ebenfalls. In der Stadt ist kein Durchkommen, Staus überall. Einen verursachten Hunderte von Gläubigen, welche die Strasse spontan als Platz für das Jummagebet nutzten. Seasonal Moslems, spötteln manche. Wer nicht betet, shoppt für Eid-ul-Fitr, das grosse Fest zum Ende des Ramadans, das als Familienfeier einen ähnlichen Stellenwert hat wie bei Christen die Weihnachten.

Mein erster Arbeitstag beginnt am Sonntag um 16 Uhr. Mahfuz Anam, Herausgeber und Chefredaktor, stellt mich an der wöchentlichen Redaktionskonferenz vor. Er entstammt einer angesehenen Familie. Vater Abul Mansur Ahmed war ein bekannter Autor sowie Politiker und praktischerweise zugleich Satiriker. Seine Tochter Tahmina, die in Harvard studierte und heute in London lebt, schreibt ebenfalls. Sie veröffentlichte jüngst A Golden Age, ihren ersten Roman. Mahfuz Anam war vierzehn Jahre im Ausland tätig, unter anderem für Unicef, um nach Ende der Militärdiktatur in die Heimat zurückzukehren und 1991 den Daily Star zu gründen.
Ich sage brav ein paar Bangla-Begrüssungsformeln auf, was aus irgendeinem Grund für Heiterkeit sorgt. Nachher richtet der Daily Star einen Iftar für seine Mitarbeiter aus, so wie es jedes gute Unternehmen während des Ramadans einmal tut. Von den 280 Beschäftigten (17 Prozent Frauen) sind etwa 100 anwesend. Wir sitzen auf weissen Tüchern am Boden und mampfen genüsslich. Von Hand natürlich. Ewa jede/r sechste auf der Redaktion faste, sagt mir City Editor Sharier Khan, der mich in den ersten Tagen unter die Fittiche nimmt. Inzwischen weiss ich auch, wie ich den Boss anspreche: Mahfuz bhai. Bhai steht für Bruder, und ist gängige Ansprache an Ältere.

8. Oktober
Als mir die Fotografin Miriam, die Stagaire vom Vorjahr, vor der Abreise eine schwere Tasche gefüllt mit kleinen Geschenke in die Hand drückte, habe ich sie innerlich leise verflucht. Doch jetzt bin ich glücklich darob: Jedes führt mich zu einer Person, ergibt einen Schwatz, macht Freude, schafft herzliche Kontakte. Die Fotografen, die auf dem Dach ihr Büro haben, kriegen "Matterhörnli" aus Schoggi und sind ganz happy. Interessante Gespräche bei unzähligen Tees in der Canteen. Da kennt einer die Biographien von Robert Musil und Robert Walser in- und auswendig, während ich mich bloss noch schwach an ihre Hauptwerke erinnere. Nick, ein Ökonom, der früher beim Economist, der Financial Times und bei der Weltbank arbeitete, konzipiert ein inhaltliches Redesign des Wirtschaftsteils.

9. Oktober
Auf der Redaktion habe ich mich durch das halbe Dutzend englischsprachiger Zeitungen im Lande zu lesen. Der Daily Star (Slogan: "Journalism without fear or favour“) ist die renommierteste und grösste darunter. Das Blatt erscheint an sieben Tagen pro Woche, am besten verkauft es sich, wen wundert’s, am Wochenende, also hier am Freitag. Dann werden nach inoffiziellen Angaben jeweils rund 50'000 Exemplare abgesetzt – gemessen an der Bevölkerungszahl von 150 Millionen eine jämmerliche Zahl, selbst wenn man die Analphabetenrate von 59 Prozent berücksichtigt. Doch der Anteil der englisch sprechenden Bevölkerung ist recht klein. Zudem sind Zeitungen teuer. Ein Exemplar kostet 10 Taka, knapp 20 Rappen. Seit die militärgestützte Übergangsregierung am 11. Januar 2007 den Ausnahmezustand verhängte, ist die Lage für die Zeitung schwieriger geworden. Zum einen intervenieren die Machthaber bei unliebsamen Berichten umgehend, was die Redaktoren mit Selbstzensur zu vermeiden suchen. Zudem sorgten die Studentenunruhen und die Ausgehsperre vom August für wirtschaftliche Einbussen.

10. Oktober
Termin beim Koordinationsbüro der Deza, um mögliche Projektbesuche zu besprechen. Die Schweiz unterstützt eines der derzeit dringendsten Vorhaben des Landes, die Schaffung eines hieb- und stichfesten Wählerregisters. Nachdem die bisherigen Register offenbar zu Gunsten der bislang regierenden Partei BNP gefälscht wurden, ist die neue Erfassung mit Fingerabdruck und Foto Voraussetzung für die Wahlen, die nach derzeitigen Angaben im Oktober 2008 stattfinden sollen. Schwerpunkte setzt das Deza zudem in einer überschwemmungsträchtigen Region im Norden des Landes. Dort soll ein gefährdetes Feuchtgebiet durch nachhaltige Nutzung gerettet werden, weil es für den Wasserausgleich wichtig ist und die Folgen der Fluten mindert.
Zugleich melde ich mich auf der Botschaft im selben Haus an, wo ich mich für eine von drei Evakuierungsvarianten im Krisenfall entscheiden darf. Bangladesch ist das erste Land, in dem die Schweiz die Leitung der Botschaft und der Deza-Aktivitäten zusammengelegt hat. Weitere sollen folgen.
Wie ich nach 16 Uhr auf der Redaktion eintrudle, ist noch nicht viel los. Vor Eid werde es ruhig bleiben, sagen alle. Kommt dazu, dass vor lauter Inserate derzeit für Redaktionelles nur wenig Platz bleibt. Stürze ich mich halt ins Socializing. Ein Kollege nimmt mich mit zu einem Treffen mit Kulturschaffenden, darunter einer der grossen zeitgenössischen Theaterschaffenden.

 

11. Oktober
Wirre Blogger-Notizen tauchen auf: Der Tod von zehn Christen in Nigeria soll etwas mit dem umstrittenen Mohammed-Cartoon aus Bangladesch zu tun haben, der vor einem knappen Monat für gewaltsame Proteste in Dhaka sorgte. Publiziert hatte ihn die Satirebeilage von Prothom Alo, einer banglasprachigen Tageszeitung, am 16. September. Prothom Alo erscheint im selben Verlagshaus wie der Daily Star.

Der Cartoon nimmt die Marotte mancher Muslime aufs Korn, ihrem Namen "Mohammed" voranzustellen, sei es auch bloss abgekürzt als M:

- Junge, wie heisst du?
- Ich heisse Babu.
- Nein, man sagt Mohammed Babu. Wie heisst dein Vater?
- Mein Vater heisst Mohammed Abu.
- Und was trägst du mit dir herum?
- Das ist Mohammed Katze.

Ein Zusammenhang zwischen Nigeria und dem Cartoon von Prothom Alo erscheint nicht sehr glaubwürdig. Doch in Dhaka hatte die witzige Zeichnung für gewalttätige Proteste gesorgt. Islamische Fundamentalisten forderten den Tod des Chefredaktors. Wie man mir jetzt zuraunt, hatte die Affäre auch Auswirkungen auf den Daily Star. Nachdem er bisher engagiert gegen religiösen Fundamentalismus anschrieb, sei nun von oben die Anweisung an die Redaktion gekommen, vom Thema Religion bis auf weiteres die Finger zu lassen.
Die vier Polizisten, die stets mit furchterregenden Gewehren in unserer Eingangsloge sitzen, werden mir langsam sympathisch.

12. Oktober
Vier Feiertage, die Zeitung bleibt geschlossen. Eid-ul-Fitr wird heute abend vom 13. auf den 14. Oktober verschoben, weil der Mond nirgendwo im weiten Bangladesch gesichtet worden ist. Zeit, den Fall von T. K. nachzulesen, einem früheren freien Mitarbeiter des Daily Star und Menschenrechtsaktivisten.
Der 26-Jährige untersuchte für Human Rights Watch Foltervorwürfe gegen Elitetruppen. Er wurde am Morgen des 11. Mai dieses Jahres von Beamten in Zivilkleidung - vermutlich Angehörige des Militärsicherheitsdienstes - verhaftet. Später liess ihn die Regierung nach Schweden ausreisen, wo er nun im Exil lebt. Manche vermuten, der einflussreiche Daily-Star-Herausgeber habe diese Lösung ermöglicht. Dieser stellte offiziell lediglich fest, die Übergangsregierung stehe für Pressefreiheit ein, und weder Verhaftung noch Verhör von T.K. hätten einen Zusammenhang mit seinem Journalismus: "Grund waren der Inhalt seines persönlichen Blogs sowie einige kürzlich verschickte SMS, in denen er seine persönliche Ansicht ausdrückte, die mit seiner Arbeit für die Zeitung nichts zu tun haben." Muss man in diesem Land aufpassen, was man in einem SMS so daherschreibt? Wie formulierte doch T.K. einst in einem Artikel für den Star: "Leider sind wir Zeugen brutaler Unterdrückung öffentlicher Proteste und intoleranten Umgangs mit der Opposition."

14. Oktober
Alle machen sich schön, tragen traditionelle Kleider und frische Frisuren, Mädchen verzieren die Hände und bereiten das Frühstück vor, während Männer kurz vor dem Morgengebet in der Moschee noch einmal kurz mit einem Kamm durch Bart und Haupthaar fahren: Es ist Eid-ul-Fitr. Nach der Moschee eine Flut von Bettlern. An diesem Tag ist es Pflicht, Almosen zu verteilen. Später Besuche und Gegenbesuche. Ich gehe mit zu Asifs Verwandten, wo es Süssigkeiten bis zum Umfallen gibt, und statte manchen meiner neu gewonnenen Freunde eine Visite ab.

15. Oktober

Der Tag nach Eid ist arbeitsfrei, damit man sich vom Familienstress erholen kann. Am Vormittag eine kleine Velotour dem Fluss entlang. Alle sagen, ich sei verrückt, Dhakia sei nichts für Radfahrer, viel zu gefährlich, der Verkehr. Die haben keine Ahnung von Zürich. Doch ich freue mich riesig. Endlich ein fahrbares Rad, nachdem ich die Reparatur selber an die Hand genommen habe. Einfach der Nase lang, ohne einem Rikschafahrer bam jao, dan jao, shoja jao oder andere Richtungsanweisungen geben zu müssen, obwohl man die Gegend selber nicht kennt. Der Verkehr ist dünn, die Werbeschilder von Schweizer Firmen sorgen für Vertrautheit.

Bei jedem ausgedehnteren Zwischenhalt sammelt sich eine Menschentraube an, jeder will ein paar Brocken Englisch an den Mann bringen und einen Handshake. Mehr Spass macht es, durch die Strassen zu gleiten, und Zurufe wie "Hi", "How are you" einzusammeln. Seit mich Leute auf der Strasse ungeniert anquatschen, ob sie mich mit ihrer Handykamera knipsen dürften, habe ich weniger Hemmungen, unterwegs auch mal zum Fotoapparat zu greifen.

Am Abend Wetterumschlag. Ich dachte, die Trockenzeit breche an. Nix da. Wahre Sturzbäche ergiessen sich über dem Land. Die zweitgrösste Stadt Chittagong ist überschwemmt. TV-Bilder, die für diese Jahreszeit untypisch sind. Im Haus tropft es von Decken und Wänden. Die Hausangestellten wischen die Pfützen auf, die sich unter den Steckdosen bilden, aus denen Wasserrinnsale tropfen. Es ist mir ein Rätsel, wie das Licht weiterhin brennen kann.

16. Oktober
Ich erzähle Pinaki, der sich als Reporter beim Star auf Umweltthemen spezialisiert hat, von meiner Velotour. Unterwegs wurde es plötzlich so finster, dass ich am Nachmittag um halb drei kaum die eigene Hand vor Augen sah. Ein Wohnviertel mit Schwerindustrie, wo auch an diesem Feiertag irgendwelche Metallgiessereien oder ähnliche Luftverschmutzer einen fürchterlichen Qualm produzierten. Pinaki will, dass ich ihm den Ort zeige. Gut möglich, dass da einer illegal produziere. Vielleicht werde eine Geschichte draus.

Studiere ich die neusten Projekte der Weltbank. Sie will etwas gegen die Luftverschmutzung tun und rund 45 Millionen Dollar in abgasärmere Ziegeleien sowie im Verkehrsbereich investieren. Dazu gehören Trottoirs fürs Fussvolks, das von fliegenden Händlern be- und verdrängt auf die Strassen ausweicht. Oder prioritäre Busspuren gegen die ewigen Staus sowie Abgasnormen für Busse und Lastwagen. Die umweltfreundlichsten Verkehrsträger, Rikschas und Velos, kommen nur in einer Fussnote vor. Jüngst hat die Weltbank der Stadt für teures Geld 68 Lichtsignalanlagen finanziert - bloss hält sich hier kein Mensch an ein Rotlicht. Gültige Verkehrsregeln? Da gibt es nur eine, sagt Asif: Man verständigt sich in jedem Einzelfall neu. Jeder guckt, dass er ohne Schrammen durchkommt.

Ein weiterer Versuch, bei der Medienstelle von H&M einen Termin für die Besichtigung einer Kleiderfabrik zu organisieren - jener Fabrik, welche das Polo-Shirt produziert, das ich für Fr. 19.90 an der Zürcher Bahnhofstrasse gekauft und mitgenommen  habe. Made in Bangladesh steht drauf. Ich möchte sehen, wo und wie das hergestellt wird, und wie viel am ganzen Shirt überhaupt aus Bangladesch selber stammt. Die hiesige Textilindustrie ist unter starkem Druck durch China. Und weil es an guten Maschinen mangelt, werden oft ganze Stoffe importiert. Zudem wird in Bangladesch keine Baumwolle angebaut. H&M hat im Übrigen einen guten Ruf bezüglich sozialer Standards. Endlich komme ich bei Sofie Nordstrom aufm Handy durch. Das Büro sei geschlossen, meint sie. Ich solle mich doch kommenden Sonntag wieder melden, wenn sie zurück an der Arbeit sei. Meine erste Anfrage bei H&M ist nun schon fünf Wochen alt.

 

17. Oktober
Mit dem Ende der Feiertage (oder dem wieder einsetzenden Regen?) sind auch die zum Teil stundenlangen Stromausfälle zurück. Loadshedding nennt sich die wechselseitige Abschaltung einzelner Stadtteile, wenn der Bedarf an Elektrizität die Produktion zu übersteigen beginnt. Mein Stadtteil Wari in der Old Dhaka kommt natürlich viel häufiger dran als die Nobelviertel Gulshan oder Banani, das heisst täglich gut und gern vier, fünf Mal - in der Hafenstadt Chittagong soll der Pfuus zuweilen gar fünfzehn bis zwanzig Mal pro Tag ausgehen. In Wari sind wir manchmal eine halbe Stunde ohne Strom, manchmal aber auch zwei Stunden. Zwanzig Minuten halten die Backup-Batterien durch, dann wird’s finster. Teilen wir halt die Dunkelheit.

Die Elektrizitätsversorgung hier ist etwa so unübersichtlich wie die Stromkabel, die kreuz und quer überall rumhängen. Schon zwei Mal wurde ich Zeuge, wie eine Leitung funkenstiebend zu Boden krachte: Kurzschluss. Bei der Übertragung gehen 21 Prozent des Stroms durch technische Ursachen oder Diebstahl verloren. Der Staat verkauft die Elektrizität 45 Prozent unter den mutmasslichen Gestehungskosten (richtig kalkulierbar sind die Kosten nicht), weshalb das Geld für dringend nötigen Investitionen fehlt. In Spitzenzeiten fehlen dem Land bis zu 2000 Megawatt Produktionskapazität. In Betrieben stehen Maschinen still, Arbeitszeit geht verloren. Wäre genügend Strom vorhanden, könnte das Wirtschaftswachstum zweistellig ausfallen, sagt Wirtschaftsführer Mohammed Aziz Khan. Aktuell legt die Wirtschaft pro Jahr um sechs Prozent zu.

18. Oktober
Raihan, ein Kollege, der für den dreimal wöchentlich erscheinenden Bund Star City schreibt, führt mich in die wichtigsten Sozial- und Umweltaspekte der 15-Millionen-Stadt ein. Seine Hauptthemen sind die (fehlende) Stadt- und Verkehrsplanung, die korrupte Verkehrspolizei (angesichts eines Monatslohns von 7000 Taka oder 120 Franken nicht weiter verwunderlich), die Ausbeutung von Textilarbeitern und die Not jener Heranwachsenden, die kaum Chancen auf Ausbildung geschweige denn später auf einen Job haben.

Verlässliche (amtliche) Angaben sind kaum erhältlich, nur was man mit eigenen Augen gesehen hat, zählt. Zur Veranschaulichung führt mich Raihan deshalb per Töff und Boot an die Schauplätze. "Geh auf die Strasse, sprich mit den Leuten", schärft er mir ein und leistet bei meinen ersten verbalen Gehversuchen aktive Hilfe. Die Gespräche sind interessant. Ob ich Muslim sei? Muslim na, Was ich von Michael Jackson und Shakespeare hielte?

19. Oktober
Frei-Tag. Suranjith, ein hinduistischer Redaktionskollege, nimmt mich mit an die Durga-Puja, den wichtigsten Hindufeiertag des Jahres. Das heisst, genaugenommen zur Kumari Puja in der Ramkrishna Mission, einem Tempel in Rikschadistanz meines Hauses. Die Kumari Puja ist ein Teil der tagelangen Feierlichkeiten zu Ehren der Göttin Durga. Die Menge huldigt an verschiedenen Orten der Stadt einem sechs bis zwölf Jahre alten Mädchen, das stark geschminkt und toll bekleidet die jungfräuliche Reinkarnation Durgas symbolisiert. Blätter und Blumen werden ausgeteilt zum Gebet, und nachher aufgepowert wieder eingesammelt. Eine Gabe an Durga. Ich bin bewegt. Im Gegensatz zu den Eid-Feierlichkeiten ist die Puja farbenfroh, lärmig und ausgelassen. Tolle Lichterbauten für die abendlichen Veranstaltungen.

Gespräche mit Moslems, die auch zur Zeremonie gehen. Aus Gwunder. Und weil sie finden, dass die Religionen zwar unterschiedlich, aber die Götter wohl irgendwie dieselben seien. Dennoch wird  die hindustische Kultur im Land immer mehr verdrängt, viele Hindus wandern nach Indien aus.. Ihr Anteil an der Bevölkerung ist rückläufig und liegt bei derzeit noch rund 13 Prozent.

20. Oktober
Allen Festtagen zum trotz doch langsam ernst mit Artikelschreiben. Meine Velo-/Verkehrsstory könnte durchgehen. Die H&M-Textilfabrik stösst auf weniger Begeisterung, Sharier lässt durchblicken, dass er genug von den immergleichen Sweatshop-Geschichten aus Westler-Optik hat. Dafür gibt’s bei der Börse respektive ein paar anstehenden IPOs zu recherchieren, was ich mit Vergnügen anpacke. Doch gegen neun mach ich langsam Feierabend.

Weil die Stadt gefährlich ist, stellt die Zeitung eigene Fahrer zur Verfügung, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Hause zu chauffieren. Meist sind es CNGs, also mit Compressed Natural Gas betriebene dreirädrige Tuktuk, manchmal Autos. In der Schweiz macht die Erdgasvereinigung ein Riesentheater, wenn wieder mal ein paar Dutzend zusätzliche gasbetriebene Autos den Betrieb aufnehmen, hier fahren solche Fahrzeuge zu Zehntausenden rum.

Frühestens ab 21 Uhr fahren die Star-Chauffeure los. Wenn ich unabgemeldet nicht um 22.30 Uhr zu Hause eintreffe, wird Chacha unruhig und spürt mich per Handy auf. Ich nenne Rafiq, den Vater von Asif, den Gebräuchen entsprechend "Onkel", wobei Chacha nicht einfach für Onkel, sondern für Onkel väterlicherseits steht, während Mama für Onkel mütterlicherseits steht. Weil die Familie das wichtigste im Leben ist, sind die Verwandtschaftsbezeichnungen präzis. Man hat nicht einfach drei Schwestern und einen Bruder, sondern man ist der Ältestebruder und hat einen Jüngerenbruder, und eine Jüngsteschwester, eine Jüngereschwester und eine Ältesteschwester. Ob dann der Ältestebruder oder die Ältesteschwester älter ist, interessiert erstaunlicherweise keinen mehr.

 
   

21. Oktober
Krönender Abschluss der Durga Puja. Ein Umzug auf Lastwagen mit tanzendem Volk am Nachmittag. Hunderttausende, ausgelassen bis frenetisch. Da kann die Streetparade glatt einpacken. Die Route führt zum Fluss. Dort werden am Abend die vielen Durga-Statuen auf Boote verfrachtet und dann über Bord geschmissen. Vor lauter göttlichem Qualm (manche Räucherwaren duften wie Weihrauch) und Lärm und Verkehrsstau komme ich zu spät zur Wochensitzung um 16 Uhr.
Gleich darauf ein weiteres Telefon mit Sofie Nordstrom von H&M an. Doch sie ist schon daheim, vier Kinder toben im Hintergrund. Wir verschieben unser Gespräch.

22. Oktober
Der kleine Junge, vielleicht acht-, neunjährig, ist ein wahrer Sonnenschein. Er sitzt in einem Bus, der meinen Weg kreuzt, lacht und strahlt. Neben ihm schaut ein zweiter, etwa gleich alt, ebenfalls aus dem Fenster. Dieses Gesicht werde ich so schnell nicht vergessen. Kindliche Züge zwar, doch sein Blick hat etwas schweres, unglaublich erwachsenes. Wie ein Fünfzigjähriger. Ich möchte nicht wissen, was dieser Knirps bereits alles erlebt hat.

23. Oktober
Für die Geschichte über Börsengänge und die unzulängliche Regulierung des Finanzmarkts bekommt mein Kollege Sarwar quasi mit einem Fingerschnippen einen Gesprächstermin beim CEO der Dhaka Stock Exchange, Salahmuddin Ahmed Khan. Dem Daily Star stehen viele Türen offen. Das Gespräch soll schon in einer halben Stunde stattfinden. Sarwar kommt zu spät, weil sein CNG im Stau stecken bleibt, ich war auf dem Weg in die Redaktion, mache rechtsumkehrt und bin per Rickscha schön früh vor Ort. Mr Khan strahlt in jeder Hinsicht Optimismus aus und hat auf jeden kritischen Einwand gute Argumente parat.

Aus unerfindlichen Gründen müssen wir noch in einem staubigen Büro einen Anstandsbesuch machen und Tee trinken, bevor wir zum Chairman der Börsenaufsicht hasten, der uns um 14.30 Uhr eine Audienz gewährt. Weitgehend nichtssagend, doch mit interessanter Lobrede auf die Regierung. Seit sie Law und Order wiederhergestellt habe, hebe die Börse ab. Nicht ganz falsch, dieses Jahr schoss der Index schon rund 70 Prozent in die Höhe – fragt sich, wie lange es noch geht bis zum Absturz..

Um 15.20 Uhr gibt die SEC eine Pressekonferenz. Die Vergabe von Bankkrediten an Trader wird auf ein international gebräuchliches Mass beschränkt. Nachher rauchen alle Schurnis noch ein Zigarettchen und beschliessen, der Informationsgehalt sei dermassen dünn gewesen, dass man die Sache nur kurz abhandle. Wir fahren zu siebt in den Bus des Privat-TV-Senders NTV gequetscht ins Medienviertel Karwan Bazar. Der Fernsehmann hastet davon, während die Schreibenden noch gemütlich eine Paratha vertilgen gehen.

24. Oktober
Endlich kann‘s los gehen mit dem Sprachunterricht. Meine Lehrerin hat mich auf 9 Uhr zum British Council bestellt, auf dem Universitätsgelände in Velodistanz von meinem Haus gelegen. Als ich losfahre, kommt ein Anruf. Offenbar zum überprüfen, ob ich tatsächlich unterwegs sei. Doch wie ich ankomme, ist weit und breit keine Lehrerin zu sehen. Ich rufe an und sie ist überrascht, dass ich bereits eingetroffen sei. In zehn Minuten sei sie da. Es wird ne halbe Stunde. Und dann zeigt sich, dass die Cafeteria im British Council, wo wir lernen wollten, geschlossen ist. Wir müssen einen anderen Ort suchen, und mit 50 Minuten Verspätung kann meine erste Banglalektion tatsächlich starten.

25. Oktober
Reiches Programm heute. Besuch bei Md. Aliuzzaman, Managing Director bei Grameen Capital Management Ltd, der Investmentbank von Nobelpreisträger Yunus' Grameen-Gruppe. Ihn lernte ich vergangenen Woche bei einem Besuch meiner Familie kennen. Grameen Capital will den Ärmsten ermöglichen, an der Börse zu investieren, ist bis jetzt aber gescheitert. An Börsenvorschriften, wie er sagt. Aliuzzaman doziert gern, jetzt benutzt er die Gelegenheit, mir einen geschichtlichen Abriss seit Alexander dem Grossen zu geben und landet schliesslich bei 9/11, einem Ereignis, das unmöglich von Al-Kaida-Terroristen habe verursacht werden können.

Um 14 Uhr ein Meeting mit Sofie Nordstrom von H&M. Sie war auf Fabrikbesuch, geht aber wegen der schlimmen Verkehrsstaus nicht mehr ins Büro zurück, sondern trifft mich im Nordic Club, einer Expat-A/C-Bubble für die Skandinavier. H&M ist einer der grössten Einkäufer vor Ort. Ich kann bei einer unangekündigten Inspektionstouren dabei sein, die in den Fabriken der Zulieferer sicherstellen sollen, dass Mindestlöhne und andere Sozialstandards eingehalten werden.

Abends um sechs schliesslich ein Besuch bei Professor Abu Ahmed, Ökonom der Universität Dhaka. Wir sollen ihn im Teachers' Club treffen. Ich krieg einen Jungschurni zur Seite gestellt. Wie wir schliesslich ankommen in der schmuddeligen Innenhof-Arkade, die mit ein paar Plastikstühlen als Feierabend-Treffpunkt der Professoren dient, ist Ahmed nicht auffindbar. Es braucht ein paar Nachfragen und Telefonate, bis schliesslich ein Typ mit hängenden Schultern und ausgelatschten Plastiksandalen herbeischlurft und mich mit einem schlaffen Händedruck begrüsst (der Pfadfinder, einer seiner ehemaligen Studenten, wird nahezu ignoriert). Doch dann folgt im Gespräch ein Feuerwerk nach dem andern. Ahmed ist ein begnadeter Rhetoriker, exzellenter Kenner der hiesigen Finanzmärkte und unerschrockener Kritiker der Bürokraten im Land – mit teilweise jedoch erstaunlich antiquierten Ansichten über die Börse. Jeder zweiter Satz gibt ein saftiges Zitat her für meinen Artikel. Ein Riesenvergnügen, mit diesem schlauen Kopf in solch unverkrampfter Atmosphäre zu debattieren.

26. Oktober
Frei-Tag. Besuch bei Nasrins Mutter - ohne Pfannen und Chromstahlbesteck, dafür mit dem üblichen Mitbringsel, pfundweisse Süssigkeiten. Mit der Rikscha zu Zahida. Sie ist mit einem Schweizer verheiratet, lebte fünf Jahre mit ihm im Kanton Zürich, und nun sind sie mit ihren zwei Söhnen nach Dhaka zurückgekehrt. Die IV-Rente des Mannes ermöglicht einen fürstlichen Standard. Kürzlich hat Zahida ein dreimonatiges Mädchen von der Strasse adoptiert und klärt nun ab, ob auch die Kleinen einen Schweizer Pass kriegen kann.

Wir fahren nördlich bis vor die Tore  der 15-Millionen-Stadt, wo wir schliesslich in einem Haus mit Ziegen, Wellblechdach und Kinderhorden landen. In einem Nebenraum fertigt Mokshed Ali, ein Onkel, Kunststoff-Autoteile. Köstliches Essen. Dann kämmt mir die 20-jährige Schwester Nasrins, ein schönes Mädchen, so hingebungsvoll die Haare – if you don't mind –, dass ich rasch auf my girlfriend zu sprechen komme, um die Sache klarzustellen. Später sagt mir Zahida, falls ich einen Schweizer Mann finden würde für ihre Nichte, so wär das wirklich toll. Nicht zu alt, vielleicht 25 bis 30, und eben: ein Schweizer sollte es sein.

27. Oktober
Unruhe. Mahfuz bhai kreuzt auf der Redaktion auf, plaudert ein bisschen mit mir, (eine Ehre, wie man mir später bestätigt) und verzieht sich dann mit den Ressortleitern zu einer Sitzung. Die Regel: Je unruhiger die politische Situation, desto häufiger gibts solche Spontansitzungen. Es ist die erste, seit ich hier bin, demnach ist die Lage ruhig. Der Daily Star gilt als ausgesprochen wohlwollend gegenüber den Machthabenden. Wir schreiben konsequent „Caretaker Government“, während die meisten anderen Blätter kritischer vom „army backed government“ reden, und die junge Konkurrentin New Age vor einem Monat gar zu „army driven government“ übergegangen ist. Der Armeechef stützt diese Sicht mit einer ausgedehnten Vortragstournee in den USA, wo er auftrat, als sei er der tatsächliche Machthaber im Land.

28. Oktober
Sarwar schaut sich meinen Artikelentwurf an. Recht ängstlich, wie ich finde, streicht er alles raus, was der staatlichen Börsenaufsicht in den falschen Hals geraten könnte. „Wir kriegen sonst Ärger“, meint er. Mir scheint eher, dass damit der ganze Inhalt verloren geht. Spannende Diskussionen darüber, wie man möglichst den selben Inhalt so zwischen den Zeilen unterbringen kann, dass er keine Probleme verursacht. Ich mache mich ans Umschreiben.

29. Oktober
Ein Freund meint zu diesem Blog: Beim Lesen wird man wohl melancholischer, als wenn man die Eindrücke selbst sammelt. Täuscht das?

Nein, lieber A., ich glaube, es täuscht nicht. Hier ist alles so schnell und aufregend und nah und lebendig. Die Herzlichkeit und Lebensfreude der meisten übertünchen das Elend, das an jeder Ecke lauert.

Ich habe in meinem ganzen bisherigen Leben noch nicht so viele Krüppel gesehen wie hier in zehn Minuten. Verdrehte Beine, fehlende Arme, Geschwüre, Missbildungen. Einer ganz ohne Beine, der auf seinem Rumpf auf einem Holzbrettchen hockt, das unten vier wacklige Räder hat. Mit den Händen, die davon ganz rauh geworden sind, schiebt er sich und sein Wägelchen vorwärts. Und er war happy, mir eine 20Taka-Note zu wechseln. Kinder, die leere Petflaschen einsammeln, auswaschen, und mit (zumindest für mich ungeniessbarem) Leitungswasser im Stau zu verkaufen suchen.

Der Weg vom tollsten Einkaufszentrum der Stadt Bashundhara City, das Zürcher Sihlcity-Standard hat, zur Daily Star Redaktion ist etwa 200 Meter weit. Er führt durch eine Unterführung und über einen Verkehrsteiler. Auf dem Verkehrsteiler legen sich obdachlose Kinder, Frauen und alte Männer ab jeweils etwa 21 Uhr zum Schlafen hin, mitten in der ohrenbetäubenden Rush hour. Die Fussgängermassen steigen über sie hinweg. Es gibt so viel Himmeltrauriges hier, dass ich mich an jedes Lächeln klammere, an jedem neugierigen Gesicht erfreue. Die Psyche errichtet Schutzwälle, damit man nicht durchdreht.

30. Oktober
Für ein Porträt besuche ich mit Raihan einen Coiffeursalon. Es gibt Barber's Shops nur für Männer  und Beauty Parlours (deutlich teurer) für Frauen. Denn es wäre unziemlich für einen Mann, eine fremde Frau zu berühren - und umgekehrt. Barber Azizur Rahman ist ein ebenso bescheidenes wie unterhaltsames Männlein undefinierbaren Alters. Ich schätze ihn auf Mitte 50, doch er meint, er sei nur 38. Nun, vielleicht auch 39, aber sicher nicht über 40. Mangels zuverlässiger Geburtsregister kennen viele Menschen hierzulande ihr Alter nicht.

Coiffeure sind hier meistens Hindus, bei denen eine eigentliche Coiffeur-Kaste existiert. Rahman ist jedoch Moslem. Er stammt aus einem "Tribe", so zumindest übersetzt es Raihan, dessen Mitglieder alle Coiffeure sind. Würd mich interessieren, ob hier das von den Moslems verachtete Kastensystem doch ein bisschen kopiert wurde. Weil die Hindu-Minderheit stets kleiner wird im Land, ergreifen zunehmend Moslems den Barber-Beruf. Ein Haarschnitt kostet bei Rahman 20 Taka (36 Rappen), für Kinder 10. Rasieren mit Rasiercreme aus der Tube 10, mit Rasierschaum 20 Taka. Rahman verdient im Durchschnitt 100 Taka pro Tag. Wenn er jeden Tag arbeitet, kommt er auf 55 Franken monatlich. Sein grosser Traum ist es, 5000 Taka zu sparen und dann Bananenhändler zu werden. Doch die grassierende Inflation auf Grundnahrungsmitteln und die enormen Mieten – 1300 Taka monatlich für ein Bambus-Wellblech-Hüttchen mit 10 Quadratmetern – fressen alles weg. Er konnte noch keinen Taka beiseite legen. Soll ich ihm den Traum ermöglichen? Die 90 Franken hätte ich.

Ach ja, und natürlich spricht sich bald einmal herum, dass da eine White Skin im Salon sitzt, und schon beginnt sich eine Menschentraube anzusammeln. Schnell weg, zurück in die Redaktion.

31. Oktober
So, jetzt fehlt in der neuen Variante des Artikels bloss noch ein Statement von Trust Bank. Sie hat Anfang Oktober ihren Börsengang hingelegt und dabei die Aktien wegen der antiquierten Preisfestlegungsmethode der hiesigen Börsen viel zu billig verhökert. Am ersten Handelstag stieg der Kurs gleich um mehr als das Fünffache an. Sind sie verärgert, weil sie zu wenig eingenommen haben? Oder ist es gar ein ähnlicher Fall wie 2005 Prime Bank? Da ergatterte die Bank über Strohmänner eine enorme Anzahl der per Los zugeteilten Aktien und schlug sie anschliessend auf Kosten der Kleinanleger mit sattem Gewinn los.

Wie gewohnt frage ich den Finanzmarktspezialisten Sarwar, mit wem ich da am besten spräche. Er verzieht das Gesicht. Ja oder ob er lieber selbst anrufen wolle? I am scared, meint er. Hoppla. Klar, der VR-Präsident der Bank ist Armeechef General Moeen, aber die werden doch einen zugänglichen CEO haben oder vielleicht gar einen Mediensprecher? Sarwar klärt mich auf. Im Verwaltungsrat sitzen nur Brigadegeneräle, und Managing Director ist ein gewisser Iqbal U. Ahmed, zufälligerweise der Bruder des Armeechefs.

Ebenso zufällig wird ausgerechnet heute berichtet, dass die Trust Bank von der (militärgestützten? Vom Militär gesteuerten?) Regierung auserkoren wurde, bei der Ausstellung von Reisepässen behilflich zu sein. Sie soll in ihren Filialen Passanträge entgegennehmen. Die Wahl wurde mit dem ausgedehnten Filialnetz begründet. Trust Bank hat allerdings nur rund zwanzig Filialen im Land, deutlich weniger als andere Banken.

Also lassen wir das Telefon. Dass mein Virenscanner auf der Website von Trustbank Win32:Nimda-Alarm schlägt, als ich wenigstens online informieren will, macht mir die Militärbank auch nicht viel sympathischer.

1. November
Die vier Polizisten, die den Zugang zum Daily Star absicherten, sind plötzlich weg. Die Sicherheitslage hat sich entspannt. Während in der Schweiz Swisscom-Chef Carsten Schloter demonstrativ mit einem iPhone rumspielt, zeigt mir Rahat, Tech-Spezialist beim Star, bei einem Tee in der Dachkantine, was er innert weniger Stunden hingekriegt hat: Er hackte ein iPhone, das nun mit seiner gewöhnlichen SIM-Karte von Grameenphone läuft.

Ein hübsches Spielzeug. Seine amerikanischen Freunde brachten drei Stück aus den USA mit, die mit AT&T-Sim-Lock gegen den Gebrauch über andere Provider geschützt waren. Er hat eins gratis gekriegt als Gegenleistung für den Hack. Nun hat er bloss eine Sorge: Das Surfen ist so toll, dass die Datengebühren fast ins Unendliche steigen. Und unlimitierter Datenverkehr mit Edge kostet 1200 Taka pro Monat (gut 20 Franken), einen Zehntel seines Monatslohns.

2. November
Huguette Labelle, die Vorsitzende von Transparency International (TI), landet morgens um vier in Dhaka. Um 10.30 Uhr Transparency Medienseminar mit Diskussion, zudem die Verleihung von drei Preisen zu 60'000 Taka (ein drei- bis vierfacher Monatslohn) für die besten Berichte über Korruption in den Kategorien nationale Printmedien, lokale Printmedien und elektronische Medien. Bei den elektronischen kommt das Fernsehen zum Zug, weil das staatliche Radio lahm und die erst kürzlich zugelassene privaten Stationen rein kommerziell sind und die aktive Bloggerszene noch nicht ausgewertet wird. Shamim übernimmt den Part der Reden, ich soll die Diskussion abdecken. Das ist insofern witzig, als er von Labelles kanadischem Englisch weniger als die Hälfte versteht, während ich in der Diskussion immer dann aufgeschmissen bin, wenn Bangla gesprochen wird und keine Ahnung habe, ob der Typ in traditionellen weissen Panjabi mit weissen Pajama-Hosen nun superprominent oder bloss ein langweiliger Schwätzer ist. Doch nach dem Anlass helfen wir einander aufs Beste aus. Jeder schreibt seinen Bericht, der schliesslich vom Subeditor doch wieder zu einem Artikel zusammengemengt wird und schliesslich auf die Frontseite kommt.

Der Star berichtet während Tagen ausgiebig über Labelles Aufenthalt. 1996 gegründet ist TI Bangladesch, der grassierenden Korruption angemessen, die grösste Landessektion von Transparency International.

3. November
Weltbank-Chef Robert Zoellick trifft in Dhaka ein. Schon vorher wollte ein Sub-Editor von mir wissen, ob er wie sein Vorgänger Paul Wolfowitz jüdisch sei. Als ob ich das wüsste oder es mich interessierte.

Doch ich habe frei und schlendere durch die Stadt. Unterwegs begegnet mir eine Hijra, die von Laden zu Laden zieht um Spenden einzusammeln. Ich bin fasziniert, mein Interesse quittiert sie mit Komplimenten - so jedenfalls klingen die maximal zehn Prozent des Gesagten, die ich verstehe. Hätte mir Tanveer nicht vor zwei Tagen erzählt, dass es Hijras nicht nur in Indien, sondern auch in Bangladesch gibt, ich hätte die Person im Sari nie als solche wahrgenommen.

Dhaka ist ein Shoppingparadies. Heute wühle ich mich eine halbe Ewigkeit durch meterlange Regale mit DVDs aus aller Welt. Die Auswahl ist gut, die Beratung ebenso. Der Verkäufer macht mich drauf aufmerksam, dass die Version von Sin City, die ich ausgewählt habe, nicht grad optimal sei, da in einem Kino ab Leinwand gefilmt, und schiebt mir eine einwandfreie DVD rüber, quality guaranteed. Schliesslich marschiere ich mit neun Filmen zur Kasse. Kostenpunkt pro Stück: Fr. 1.20 – hochoffiziell in einem CD/DVD-Shop. Weitere Bestellungen nehme ich per Mail gern entgegen (Achtung: tauglich nur bei englischsprachigen Originalen, Untertitel manchmal spanisch oder französisch, aber meist bloss Hindi, koreanisch und Bangla).

Nachher Gruyère kaufen, Rahm und Härdöpfel für die Röschti mit Zürigschnätzletem, die ich meiner Familie heute auftische. Ich darf ihnen nicht sagen, was der Käse kostete, sie würden wohl einen Kopfstand machen. Der anschliessende Fleischeinkauf ist ein Abenteuer, die Kocherei ebenso. Natürlich gibts keine Röstiraffel und auch kein vergleichbares Instrument. Und keine Butter für ne schöne Kruste, dafür Ghee, ne Art eingesottene Butter. Ein richtiges Messer fehlt in der Küche ebenso wie ein Schneidbrett. Zerteilt wird alles auf dem Boden sitzend auf einer Art Sichel, die man mit dem Fuss fixiert. Wie ich die Rösti kunstvoll wende, ernte ich Aahs und Oohs von den Mitköchen.

4. November
Zoellick muss sich heute von Friedensnobelpreisträger Mohammad Yunus die Leviten lesen lassen. Die Ländervertretungen der Weltbank gingen zu wenig auf die tatsächlichen Probleme in den jeweiligen Staaten ein, kritisiert der Wirtschaftsprofessor. Sie funktionierten wie Postämter, die einfach warteten, bis aus der fernen Zentrale irgend ein Kommando komme. Und die Weltbank gebe nur ein Prozent aller Gelder für Hilfen an die wirklich Armen aus. Bangladesch erhält von der Weltbank, dem grössten einzelnen Geldgeber, knapp fünfzig Prozent seiner Entwicklungsdarlehen.

Shock über die Entwicklung in Pakistan. Trotz schmerzhafter Trennung 1971 ist die Verbindung zum einstigen Bruderland noch immer eng. Die  Verhängung des Ausnahmezustands durch General und Präsident  Pervez Musharraf und Entmachtung des Obersten Gerichts sei erst der Auftakt zu einer ganzen Reihe weiterer Probleme, meint Chefredaktor Mahfuz Anam in der wöchentlichen Reportersitzung, die stets sonntags um vier Uhr stattfindet. Weitere Themen: Unser Korrespondent in London und warum er nie etwas schreibt. Smiling Bangladesh: Was will uns der neue Slogan der Tourismusbehörde sagen? Die Spaltung der vormaligen Regierungspartei BNP in zwei Lager und deren Auswirkungen: Während die BNP-Anführerin Khaleda Zia aus dem Gefängnis heraus ihre Ränkespiele weiterführt, beginnt sich die ebenfalls inhaftierte Chefin der zweiten grossen Partei Awami League, Sheik Hasina (Bild), mit der Übergangsregierung zu arrangieren. Zur angeregten Diskussion wird leckerer Cake und Schwarztee serviert – und der Chef mahnt, er beobachte den Output jedes einzelnen Reporters ganz genau.

 

5. November
Besuch in einer kleinen Galvanisierwerkstatt. Stolz zeigt mir der Firmeninhaber den Betrieb. Mir stehen die Haare zu Berg: Völlig ungeschützt hantieren Arbeiter - der jüngste gerade mal 15 Jahre alt - mit den Chemikalien, die der Gesundheit vermutlich nicht ganz zuträglichen Dämpfte stehen dick im Raum, weil der bescheidene Ventilator keine wirksame Luftumwälzung hinkriegt. Die Suva respektive das Arbeitsinspektorat muss hier erst mal noch erfunden werden.

Und jetzt hat der Wirtschaftschef die lange aufgesparte Geschichte über die zum Teil realitätsfremde Regelung von Börsengängen doch noch publiziert - mit einem schmissigen Stern geschmückt als Analysis. Der Chart dazu erreicht nicht ganz die Anmutung, die mein Lieblings-Infografiker Rich Weber jeweils hinkriegte - kein Wunder, wir mussten das Teil mit Excel selber basteln. Trust-Bank-Präsident General Moeen ruft nicht an, dafür meldet sich die Chefin einer Investmentbank, die unbedingt mit mir reden will. Auch intern positives Feedback, News Editor Ashfaq spricht von einer der besten Analysen der vergangenen Monate im Wirtschaftsteil.

6. November
Das Paket mit meiner reparierten Kamera hängt beim Zoll fest. Offenbar soll ich fast 130 Prozent des deklarierten Werts an Abgaben zahlen. Ich werde laut, wirklich laut. Cannot change this, sorry, bad country, it's the law. Ich werde lauter. Okay, wenn Sie selber mit dem Zoll verhandeln wollen...

Dort erbarmt sich eine gute Seele der unglücklichen Schweizer Gestalt, die von Gebäude zu Gebäude geschickt wird und schlägt eine Audienz beim Superintendent vom Zoll. Bloss ist der grad am Mittagessen.

Zwanzig Minuten später stehen wir vor seinem Büro, einem mit schweren Gittern separierten Raum in der Lagerhalle, mit Kette und Vorhängeschloss gesichert. Wir sind nicht die einzigen. Eine Meute von 30 Abfertigungsbeamten drängelt, schreit, wedelt mit Papierbündeln. Ab und zu schlurft eine Frau mit müden Augen heran und reicht durch das eine Handbreit geöffnete Gatter einen Wisch, den die kläffende Meute gierig verschlingt.

Unser Superintendent scheint fleissig zu sein. Anders als im restlos bis zur Decke gefüllten Nachbarbüro stapeln sich die Dossiers ("files being processed", sagt die gute Seele) bei ihm bloss  dreieinhalb Meter hoch - auf fünfzehn Meter Länge, wohlgemerkt.

Wir werden vorgelassen, der Superintendent spielt den Wohltäter und reduziert den Betrag auf eine vernünftige Grösse. Ich zahle einen auf einen Fresszettel gekritzelten Betrag, natürlich ohne eine Quittung zu erhalten. Es braucht noch 100 Taka hier für einen Stempel und 200 Taka „Bearbeitungsgebühr“ dort, bis die Sendung schliesslich ausgehändigt wird.

7. November

Die Inflationsrate lag im September bei 9,6 Prozent und war damit leicht rückläufig im Vergleich zum Vormonat. Doch nach offiziellen Angaben der Trading Corporation of Bangladesh stiegen die Preise der Grundnahrungsmittel (pro Kilogramm) innert Jahresfrist raketenhaft an:
- Reis (gute Qualität): plus 28 Prozent auf 40 Taka (72 Rappen)
- Mehl: plus 63 Prozent auf 36 Taka (65 Rappen)
- Linsen: plus 33 Prozent auf 80 Taka (Fr. 1.45)
- Sojaöl: plus 41 Prozent auf 90 Taka (Fr. 1.63)
- Zwiebeln: plus 217 Prozent auf 58 Taka (Fr. 1.05)
- Milchpulver: plus 54 Prozent auf 470 Taka (Fr. 8.55)

Das schmältert die Popularität der Übergangsregierung. "Wir leiden unter den hohen Preisen und sie tun nichts dagegen", sagt Topon bhai, der Apotheker in meiner Strasse.

Die Regierung selber macht für die Lebensmittelpreisspirale international gestiegene Preise verantwortlich, verursacht durch ein schlechtes Erntejahr, etwa in Indien. Das Nachbarland jedenfalls stellte den Export von Reis und Zwiebeln nach Bangladesch zumindest vorübergehend ein. Schuld ist nach Ansicht mancher Kommentatoren auch die zunehmende Produktion von Agrotreibstoffen aus Nahrungsmitteln.

Verschwörungstheoretiker, wie immer in diesem Land zahlreich, nennen als Ursache skrupellose Profiteure, die für eine künstliche Verknappung sorgen. Klar ist, dass die inländische Produktion an Grundnahrungsmitteln den Bedarf nicht zu decken vermag. Im vergangenen Fiskaljahr (1. Juli 2006 bis 30. Juni 2007) lag die Produktion 300'000 Tonnen unter dem Bedarf, und die Lücke musste durch Importe ausgeglichen werden.

8. November
Chefreporter Lotus bhai schickt mich an die UK Qualifications 2007, eine vom British Council initiierte Bildungsmesse im Bangladesh-Chinese Friendship Convention Center, der grössten Messehalle in der Stadt. Es geht um Fernunterricht. Vier britische Institutionen, unter anderem die London University, bieten begehrte Diplome an, etwa einen Bachelor in Business Administration BBA oder den Law-Bachelor LLB: Man studiert bei lokalen Bildungsanbietern und legt im British Council die Prüfung ab. Verglichen mit einem Studienaufenthalt in England fallen die Kosten etwa zehn mal tiefer aus.

Um 11.30 Uhr soll ich dort sein. Dann eröffnet Topon Chowdhury, in der Übergangsregierung eingesprungen "Berater" des Ministeriums für Elektrizität, Energie und Bodenschätze, des Ministeriums für Nahrungsmittel- und Katastrophenmanagement, des Ministeriums für Wissenschaft, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie des Ministeriums für Jugend und Sport die Messe. Lustigerweise hat die Freundschaftshalle auf meinem Stadtplan eine andere Bezeichnung. Und mein CNG-Fahrer kennt sie unter einem dritten Namen, der wiederum mir nicht geläufig ist. Ich bin schon um zehn Uhr aufgebrochen, doch wie wir um elf Uhr ankommen, ist die Eröffnungszeremonie schon vorbei, der Minister hat seinen Zeitplan verschoben. Doch es gibt dennoch einen passablen Report für die Seite 2 her.

10. November
Die Dhaka Handelskammer DCCI und der Daily Star veranstalten gemeinsam ein Podiumsgespräch zur Stromkrise (Power for all by 2020) und Lotus bhai hat mich dazu auserkoren, darüber zu berichten.

Die Veranstaltung mit 45 (!) Roundtable-Teilnehmern beginnt, indem ein Mullah Koranverse rezitiert, während die Versammlungsteilnehmer halbwegs andächtig vor sich aufs Pult schauen und die Journalisten einen geschäftigen Eindruck erwecken. Dann übernimmt der Tagungsleiter mit "Bismillahir Rahmanir Rahim" (im Namen Allahs eröffne ich die Veranstaltung).

Die ersten drei Voten analysieren die Lage erfrischend offen: Die Elektrizitätsnachfrage übersteigt die Produktion um ein Viertel oder 1000-Megawatt (entspricht etwa der Leistung des AKWs Gösgen) Obwohl Regierungsprognosen vor sieben Jahren darauf hinweisen, investierte der Staat  statt in Anlagen zur Stromerzeugung lieber ins Verteilnetz und schloss neue ländliche Gebiete an, was die Nachfrage zusätzlich steigerte. Böse, vermutlich realistische Zungen behaupten, das liege daran, dass ein Minister seine eigene Firma begünstigen wollte, die Strommasten herstellt. Neue Anlagen konnten bislang nicht realisiert werden. Weil eine Firma bei einer Ausschreibung nur gegen Schmiergeld den Zuschlag erhält und die erfahrenen, grossen Player der Branche mittlerweile in Sachen Korruption eine Nulltoleranzpolitik durchsetzen, bewarben sich bei Ausschreibungen nur unfähige Anbieter, die kein taugliches Werk erstellen konnten.

Trotz klarer Ausgangslage kommt die Debatte während drei Stunden nicht vom Fleck. Während der A/C den Raum auf eisige Temperaturen runterkühlt, ergehen Appelle zum Energiesparen. Zum Schluss hält der Chief Guest, ein hoher, verspätet eingetroffener Regierungsbeamter aus dem Energieministerium, eine über halbstündige Rede. Obwohl er inhaltlich wenig Neues kundtut, stürzen sich alle Journalisten auf seine Worte. Auch die als grosse News gefeierte Ankündigung, schneller als geplant noch mehr ländliche Gebiete ans Netz anzuschliessen (bis 2010 sollen es 60 Prozent der Bevölkerung sein) bleibt ohne Widerspruch, obwohl damit die Versorgungslücke ausgeweitet wird.

Zurück in der Redaktion mühe ich mich angesichts der zur Hälfte in Bangla abgegebenen Voten ab, einen passablen Text hinzukriegen. Sharier bhai überlässt mir seine Notizen, eine schöne Mischung aus Englisch und Bangla, und füllt zum Schluss noch die Lücken im Bericht, damit ein für die Frontseite tauglicher Report entstehen kann.

 

 

11. November
Journalismus scheint hier nicht allzu serviceorientiert zu sein. Da haben wir einen ellenlangen Konsumentenschutz-Artikel im Blatt: Kabelnetzbetreiber ziehen offenbar ihre Kunden über den Tisch, und die Überwachungsbehörde forderte Kunden auf, sich zu beschweren, weil sie nur so gegen die Unternehmen vorgehen könne.

Der Artikel lamentiert, dass die Telefonnummer oder Email-Adresse der Behörde praktisch unbekannt sei und deshalb keine Beschwerden eingingen. Doch wer nun denkt, der Journalist gebe die Telefonnummer an, irrt. Gedankenlosigkeit? Vielleicht. Doch Sub-Editor Firoz, der Rewriter, schlug es ihm nachträglich vor. Der Vorschlag wurde abgeschmettert, sowohl vom Journalisten selbst als auch vom Ressortleiter.
Warum? Firoz meint, es sei hierzulande nicht Brauch, auf Ideen oder Ratschläge anderer zu hören.

13. November
Besuch von drei Deza-Projekten im Norden des Landes im District Rajshahj. Anreise in die Distriktshauptstadt am Ganges – in Bangladesh Padma – nur acht Kilometer von der indischen Grenze entfernt ein Schmugglerparadies erster Güte. Gutes Briefing. Endlich mal nicht dieser Hauruck-Journalismus, bei dem man losstürmt, ohne auch nur einen Schimmer von Vorgeschichte und Grundlagen zu haben. Die Deza unterstützt in der Region drei Projekte: Eines will Local Governance stärken, also die demokratischen Strukturen auf Gemeindeebene, ein zweites fördert die Selbstorganisation Armer und ein drittes arbeitet mit einer ethnischen Minderheit (Adivasi), die von den Bangladeshi stark ausgegrenzt wird.

14. November

Versammlung von über 100 Steuerzahlern unter dem grossen Dorfbaum. Zweck: Diskussion der Steuereinschätzung, Ausmerzung von Fehlern, Motivation der Steuerzahlenden. Vorne auf Packpapierpostern die Namen und der Steuerbetrag der einzelnen Familien. Jährliche Steuerbeträge um die 50 Taka (90 Rappen). Bürgerinnen und Bürger fragen. Warum ist die Steuer so stark gestiegen? Was macht ihr mit dem Geld? Die Ältesten und der Gemeinderat stehen Red und Antwort. Es ist die erste Versammlung zur Steuereinschätzung. Früher wurde die Steuer kaum eingetrieben, jetzt will die Gemeinde aber Geld für Bildungsprojekte, für eine Renovation der Moschee, für Hilfe an die Armen.

15. November
Beim Frühstück hören wir von der Sidr-Warnung. Der Zyklon wütet bereits im Süden des Landes. Starker Wind auch hier. Wir besuchen eine dreisprachige Adivasi-Schule (Bangla, Englisch, Adivasi-Sprache). Gespräche unterm Dorfbaum mit wohl gegen hundert Anwesenden.

Gegen 22 Uhr treffen wir wieder in Dhaka ein. Unklare Lage, was der Hurrican nun wo bereits angerichtet hat und noch anrichten wird. Auch in Dhaka starker Wind, der sich mit schätzungsweise 80 km/h aber noch im Rahmen hält. Kühl.

16. November
Der Hurrican hat die Stadt in um ein Uhr morgens durchquert. Auf meiner Velofahrt entdecke ich wenig sichtbare Schäden, hier ein umgestürzter Baum, dort ein geknickter Telefon-Strom-Multifunktionsmast. Die Windgeschwindigkeit muss deutlich über 100 km/h gelegen haben. Was ich nicht sehe, sind die Slums, wo die Wellblech- und die Plastikblachenhütten zerstört wurden. Das ganze Land ist ohne Strom, in unserem Stadtteil ging das Licht morgens um 1 Uhr aus.
Apropos Strom: Der frühere Energieminister Tuku wird zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, davon sieben Jahre als verschärfte Haft. Er hat gegen die Offenlegungsvorschriften für Vermögen und Einkunftsquellen vertossen. Statt der deklarierten 35,95 crore Taka (1 crore = 10 Millionen) fand die Antikorruptionskommission bei ihm Tk 38,42 cr - Differenz: 450'000 Franken.
20 Uhr: Die Stadt, noch immer ohne Strom, ist gespenstisch. Viel Volk auf den Strassen. Ein Händler hat Kerzen aufgetrieben, ein anderer eine Petrolfunzel, hier und da leuchtet noch ein Neonschild dank dauerhaftem Notstromaggregat. Sonst bloss und ab und zu die Scheinwerfer eines Buses oder Autos, alle anderen sind ohne Licht unterwegs: Rickschas, Fussgänger, CNGs, Velofahrer. Nach Gehör fahren; noch mehr Gehupe und Geklingel als gewöhnlich.
20. Uhr: Nach sage und schreibe 16 Stunden Stromausfall geht nun das Licht wieder an...
21. 21.40 Uhr: ...und nach einer knappen Stunde auch schon wieder aus.

17. November
Over 700 killed as cylone wreaks havoc, titelt der Daily Star. Über 1000 Tote durch Zyklon "Sidr" in Bangladesh, schreibt die NZZ. Der Star zitiert offizielle Zahlen der Behörden, die NZZ gibt Agenturberichte von Reuters und afp wieder, die sich wiederum auf die hiesige Nachrichtenagentur UNB stützen. Die UNB-Korrespondenten lieferten selber Opferzahlen aus den teils kaum mehr zugänglichen verwüsteten Gebieten in die Zentrale.

Wo der Sturm durchzog, sind 90 Prozent der Ernte vernichtet. Und das ausgerechnet an Nabanno Utsab, dem Tag zum Auftakt der Reisernte. Kaum ein Bauer hat hier mehr als ein paar hundert Taka Reserven, die meisten leben praktisch von der Hand in den Mund. Die von der Weltbank propagierten, vergleichsweise kapitalintensiven Crevetten-Farmen sind an vielen Orten zerstört.

Unklar ist derzeit, wie stark der Zyklon den weltgrössten Mangrovenwald in den Sundarbans verwüstet hat. Der 6000 Quadratkilometer grosse Nationalpark bietet Lebensraum für eine einzigartige Fauna (bengalischer Tiger!) und ist eine ökologische Ausgleichsfläche, die das Land schon vor manchen Zyklonen, aber auch vor der Tsunami-Flutwelle schützte.

Die Hauptstadt kehrt derweil zur Normalität zurück. Mein Interviewtermin mit dem CEO von Holcim Bangladesh kann wie geplant stattfinden. Die Wasserversorgung (durch den Stromausfall blieben auch die Wasserpumpen stehen) kommt wieder auf Touren, die Kommunikationsnetze (Telefon, Handy, Internet) und Verkehrsträger (ein Fahrzeug mit CNG aufzufüllen ist stromintensiv) sind zumindest zeitweise wieder verfügbar.

Ich bin beeindruckt, wie pragmatisch die meisten Einheimischen sind. Man verdrängt den Schrecken zwar nicht – viele haben Verwandte oder Freunde in den Krisengebieten -, richtet sich aber so gut es geht unter widrigen Umständen wieder ein. Die Katastrophe scheint hier ein fester Bestandteil des Alltags zu sein.

18. November
Zwei Kollegen, Inam und Zayadul, fahren mit einem Boot der Küstenwache ins Krisengebiet, dorthin, wo das Auge des Zyklons wütete. Zum Glück habe ich das Angebot mitzugehen ausgeschlagen und arbeite stattdessen an einem Bericht fürs wöchentliche Magazin. Die 21 toten, zum Teil verstümmelten Körper, die ich einst für AP nach einem Busunglück im Schwarzwald zählte, sind mehr als genug bis an mein Lebensende. Was Inam und Zayadul von Dublar Char berichten (Island of death), ist schlichtweg grauenhaft. Ich heule, wie ich ihre Zeilen lese. Sie treffen auf verstörte Menschen, die Leichen zählen, im Sand Löcher graben, um an ein paar Tropfen Trinkwasser zu kommen. Doch das ist nicht wirklich trinkbares Wasser, und so leiden die meisten an fürcherlichem, zusätzlich schwächendem Durchfall. Der Wirbelsturm hat mit Windgeschwindigkeiten bis 240 km/h alle Häuser niedergewalzt. Hunderte von Fischern, die jeden Tag aufs Meer fuhren, haben plötzlich keine Möglichkeit mehr, ihre Familien zu ernähren: Die Dieselvorräte sind weggefegt, die Boote zerstört.

Die Behörden haben inzwischen 2000 Tote gezählt. Es werden von Stunde zu Stunde mehr. Regierungsstellen sagen, die Opferzahl könnte 10'000 übersteigen. Dank Unterständen und einem Frühwarnsystem konnte Schlimmeres verhindert werden: Der Zyklon Sidr war stärker als der Wirbelsturm von 1991, der 150'000 Menschenleben forderte.

Auf dem Heimweg fällt mir auf, dass viele Trottoirs im Zentrum nicht mehr begehbar sind. Unzählige Familie haben dort Plastikblachen für Notunterkünfte aufgespannt. Unklar, ob der Hurrican der Grund ist oder der hereinbrechende Winter. Viele tragen dicke Wollmützen, kein Wunder bei den für hiesige Begriffe frostigen Temperaturen von 18 bis 20 Grad. Zwischen den Planen Kochfeuer, manche konnten Holz auftreiben, andere verfeuern Abfälle.

19. November
Nach der Katastrophe hält der Alltag rasch wieder Einzug. Mein Report über die Probleme der Textilexporte am deutschen Zoll muss endlich ins Blatt, weil die EU-Vertretung am Mittwoch mit der Regierung von Bangladesch Gespräche über die Handelsbeziehungen führt.

 

20. November
Etwas habe ich gestern, ehrlich gestanden, komplett verpasst: den World Toilet Day. Ich hab nicht mal gewusst, dass es den World Toilet Day gibt. Vor sieben Jahren wurde er ins Leben gerufen und seither will er jeweils am 19. November eine Plattform sein für Akademiker, Sanitärfachleute, Toilettendesigner und Umweltschützer, wie es in einer kurligen Beschreibung heisst.

Hier in Dhaka hat das Thema Relevanz. An jeder Ecke stinkt es, Entschuldigung, nach Pisse. Oft sind ganze Trottoirs über Dutzende von Metern mit einem unscheinbaren Plastikband markiert. Zuerst hab ich mich über dessen Bedeutung gewundert, bis ich feststellte, dass dort oft jemand hinkauert (auch Männer verrichten ihr Geschäft numero eins meist in der Hocke).

Mein Kollege Raihan arbeitet an einem Report und hat herausgefunden, dass in der 15-Millionen-Stadt nur gerade 70 öffentliche Toiletten existieren.

In Bangladesch sind verschmutztes Wasser und Durchfallerkrankungen noch immer die Haupt-Todesursache und für 24 Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Jedes Jahr sterben 110'00 Kinder unter fünf Jahren an Gastroenteritis und Durchfall.

Frauen leiden besonders unter dem Hygienedefizit. Menstruation ist ein Tabu-Thema, die meisten Frauen benutzen statt Tampons oder Binden in Fetzen gerissene alte Saris, sogenannte Nekras. Die Nekras werden gewaschen und mehrfach verwendet, oft steht dafür weder Seife noch sauberes Wasser zur Verfügung, und getrocknet werden die Fetzen oft klammheimlich und mehr schlecht und recht an einem feuchten Ort, was verschiedenen Infektionen Vorschub leistet. Das ist vor allem in den Slums ein Problem. Davon existieren in Dhaka über 3000, jeder 10 bis 2500 Haushalte gross.

Ach ja, und heute erscheint mein IPO-Update.

21. November
Zwei Fotografen kehren völlig verstört, aus dem Katatrophengebiet zurück. Zakir sagt, die Toten seien nicht das Schlimmste, sondern die Ohnmacht. Hunger, Durst, aber nichts, was man dagegen tun kann. Nur Fotografieren. Shafiq erzählt, wie die Menschen auf Bananenstauden rumkauen - und das sechs Tage, nachdem der Zyklon die Küste verwüstete immer noch. Er traf einen 55-jährigen Mann, der alle Angehörigen verloren hat, neun Menschen. Frau, Kinder, Geschwister, alle. Dörfer mit hunderten von Familien, doch weit und breit kein Haus mehr zu sehen, nichts mehr, nicht mal wirkliche Trümmer. Die beiden Fotografen waren auf einem Schiff der Navy stationiert, das Vorräte für die Mannschaft dabei hatte, aber keine Lebensmittelhilfe bieten konnte. Auf den ersten Blick wirkt Zakir wie immer unverwüstlich. Doch sein Gesicht scheint plötzlich um Jahre gealtert. Shafiq, sonst stets zu einem Schwatz aufgelegt, steht in der Canteen rum, raucht und starrt Löcher in die Luft.

Der Chief Reporter gratuliert mir, endlich habe unser Land ursprünglich spärliche Hilfe von 165'000 Dollar auf vernünftige 1,1 Millionen aufgestockt. Zu früh gefreut, er hat die Schweiz mit Schweden verwechselt.

 

22. November
Der Mangel an Düngemitteln sorgt für Schlagzeilen. Unser Korrespondent ...
... berichtet aus Bhermara:
Gestern um etwa zehn Uhr stellte die Polizei in Bhermara zwölf Säcke Dünger sicher und verhaftete einen Mann namens Abir Hasan, wie der diensthabende Offizier des Polizeipostens Bhermara bekannt gibt. (Leider vergisst unser Korrespondent anzugeben, was denn eigentlich die Gründe der ganzen Aktion sind.)

... aus Tangail:
Unser Korrespondent in Tangail berichtet, dass eine Polizeistreife eine Person mit 35 Säcken Dünger beim Nalin Bazar Ghat im Bezirk Bhuapur verhaftet hat. Die Polizei reagierte damit auf einen Hinweis aus der Bevölkerung. Beim Verhafteten handelt es sich um den 35-jährigen Mohammad Zahanghir, Sohn des Bellal Hoassain, aus dem Dorf Ramail im selben Bezirk. Die Festnahme erfolgte, als Zahanghir die Düngersäcke in ein Boot auf dem Jamuna River lud. Schade, dass auch hier die Hintergründe (Diebstahl?) im Dunkeln bleiben.

... aus Meherpur:
Etwas mehr Klarheit hingegen hier: Mindestens zehn Personen wurden verletzt bei einer Schlägerei zwischen Bauern und den Anhängern des Imams im Dorf Saharbaia im Bezirk Gangni in der Division Meherpur. Bauern sagen, Akkas Ali, der Imam der Moschee des Ortes, habe Wertmarken zum Bezug von Düngemitteln erhalten, um sie am Abend an bezugsberechtigte Bauern zu verteilen. Doch der Geistliche habe eine Fatwa erlassen, wonach nur jene Bauern einen Gutschein erhielten, die regelmässig zum Gebet in die Moschee kommen.
Eine Gruppe von Bauern ging zum Haus des Imams und protestierte gegen diese Verteilung. Die Anhänger des Imamas jagten sie davon. Doch eine halbe Stunde später kamen sie zurück, worauf sie von massiv verprügelt wurden. Zehn Bauern wurden verletzt, drei davon - Mizan, 45, Kapo, 28 und Kalu, 25 - so ernsthaft, dass sie sich in ärztliche Pflege begeben mussten.

...aus Pabna:
Die Polizei stürmte eine Untergrund-Düngerfabrik und beschlagnahmte 1400 Säcke gefälschten Kundstdünger. Mehrere Personen wurden verhaftet, die in den Schmuggel und Verkauf des gefälschten Kundstdüngers involviert waren, darunter ein Komplize auf der örtlichen Polizeistation, Sub-Inspektor Anisur Rahman. (Leider vergisst unser Korrespondent anzugeben, ob bloss eine Dünger-Marke gefälscht wurde oder ob die Ware wirkungslos war.)

23. November
Ausflug nach Sonargoan, der antiken Stadt des mittelalterlichen Bengal, von der sich ein  Fünfsternehotel im Zentrum Dhakas den Namen entlieh. Die Idee, am Vorabend schon hinzufahren, ist bestechend. Die Rikscha-Fahrt durch die Vollmondnacht, vorbei an palmengesäumten Weihern, im Wind wippenden Bananenstauden und den Ruinen des Herrschaftssitzes von Isa Khan ist so romantisch, dass einem der Atem stockt. Khans Imperium erstreckte sich im 16. Jahrhundert über weite Teile des heutigen Bangladesch. Er war ein Zeitgenosse von Sher Sha, einem geschickten Feldherrn, der Delhi (Hauptstadt Indiens), Agra (wo hundert Jahre später der Taj Mahal entstand) und weite Gebiete des Panjab eroberte und das bengalische Königreich zu einer nie mehr wiederkehrenden Blüte führte.

Doch rasch stellt sich Ernüchterung ein. Das offenbar einzige Guesthouse des Orts behauptet, es sei  ausgebucht und zugleich faselt der Caretaker was von Ausnahmezustand und Foreigner und nicht erlaubt.. Zum Glück reichen freundschaftliche Beziehung bis in Regierungskreise, und so werden wir schliesslich im fürstlichen Resthouse des Upazilla-Beamten (der heisst Thana Nirbahi Officer TNO, ist so was wie Regierungsstatthalter und gebietet in diesem Fall über rund 270'000 Einwohner) herzlich empfangen und untergebracht..

Am nächsten Morgen dann die Ruinen aus der Nähe: Wunderschöne Bauten, mit wenigen Ausnahmen dem Zerfall preisgegeben. Ein nettes Museum, und der mit 25 Taka (45 Rappen) bislang teuerste Tee im Land (Standardpreis 3 Taka).

25. November
Unser Editor Mahfuz Anam ist frisch zurück aus Bangkok, wo er vor zwei Tagen eine Tagung zum Klimawandel moderierte. Mahfuz bhai war der einzige Bangladeshi, hingegen referierten immerhin zwei Teilnehmer aus der Schweiz, Hansjürg Leibundgut, Professor für Gebäudetechnik an der ETH Zürich und Andreas Hardemann von der Umweltabteilung der International Air Transport Association IATA, Genf . Die Wochenkonferenz kriegt zu hören, dass der Daily Star künftig die Themenführerschaft übernehmen und sich ernsthafter als bislang mit Global Warming auseinandersetzen will.

26. November
Die Erstellung der Wählerlisten läuft auf Hochtouren. Die Schweiz unterstützt das für die auf Herbst 2008 versprochenen Wahlen grundlegende Unterfangen mit einer Million Franken. Jede wahlberechtigte Person soll eine Identitätskarte mit Foto erhalten und ins Wahlregister eingetragen werden. Die bisher existierende Wählerliste erwies sich als höchst fehlerhaft. Offenbar gelang es der regierenden Partei, ihre Anhänger zum Teil mehrfach stimmen zu lassen, während die BNP-Wähler oft gar nicht erst registriert wurden. Diesmal soll die digitale Speicherung des Fingerabdrucks der wahlberechtigten Person Missbräuche verhindern. Doch nun stellt sich ein Problem: Wie registriert man Wähler ohne feste Adresse? Davon gibt es viele. In Dhaka wohnen 38 Prozent der Bevölkerung in Slums, oder auf öffentlichem Grund neben Bahngleisen etwa, oder auf der Strasse, sagt Professor Nazrul Islam vom Centre forUrban Studies.

Die Election Commission (EC) entschied, dass auch eine eher ungefähre Adressangabe genügt, so lang eine Person in ihrer Umgebung identifizierbar ist. „Kann jemand keine Hausnummer angeben und sagt, er wohne im roten Gebäude neben der Schule X, so registrieren wir ihn als im roten Gebäude neben der Schule X. wohnhaft“, erklärt ein fürs Wahlregister zuständiger örtlicher Beamter. Auch jene, die auf Booten nomadieren, werden registriert. Sie müssen einfach einen Hafen auswählen, an dem sie ihre Stimme abgeben wollen. Slum-Bewohner können sich ebenfalls registrieren lassen, weil die Slum-Hütten Nummern tragen. „Selbst wenn jemand bloss unter einer Plastikblache haust, hat er kein Problem, sich ins Wahlregister eintragen zu lassen“, sagt der Wahlbeamte. Schwieriger wirds mit Menschen, die heute an jener Strassenecke schlafen und morgen an einer anderen. Für solche Fälle fehlen die Instruktionen.

 

27. November
Das Bangladesh Bureau of Statistics weist folgende durchschnittliche Monatslöhne aus (umgerechnet in Schweizer Franken):

- Kellner: Männer Fr. 32.30, Frauen: -
- Schalterbeamter Bank: Männer Fr. 195.15, Frauen Fr. 171.90
- Crevettenverarbeitung: Männer Fr. 61.20, Frauen Fr. 46.20
- Vorarbeiter Streichholzfabrik: Männer Fr. 76.30, Frauen Fr. 32.20
- Tabakblättermischer: Männer Fr. 25.30, Frauen Fr. 20.75
- Spinnereiarbeiter: Männer Fr. 78.60, Frauen Fr. 46.35
- Schneiderin: Männer Fr. 77.00, Frauen Fr. 87.25
- Textilhilfsarbeiter: Fr. 35.15, Frauen Fr. 29.85
- Backwarenfabrikarbeiter: Männer Fr. 43.65, Frauen Fr. 30.80

Zum Lohn kommen in manchen Berufen und Positionen noch Allowances (Zulagen) für Arbeitsweg, Wohnung, Spesen, die bis zu etwa 50 Prozent des Grundlohns ausmachen können.

29. November
Zwei Meldungen der letzten Tage:

  • Novartis-Chef Daniel Vasella hat als bestbezahlter Schweizer Manager vergangenes Jahr 44 Millionen Franken Salär in bar und gesperrten Aktien erhalten. Das ist vermutlich deutlich mehr als im Vorjahr, als seine Bezüge weniger detailliert ausgewiesen wurden. Die obersten Führungskräfte der hundert grössten in der Schweiz kotierten Unternehmen haben 2006 ihre Gehälter um 16 Prozent gegenüber 2005 gesteigert. (20. November)
  • - Das World Food Programm der UNO sucht dringend Geldgeber, um den Hunger unter den 2,2 Millionen Opfern des Zyklons Sidr zu lindern. Die Monatsration pro Familie beträgt dreissig Kilogramm Reis, neun Kilogramm Linsen, ein Kilogramm Salz und 2,75 Liter Speiseöl sowie ein Pack nährstoffreiche Trockenbisquits. Für sechs Monate Nahrungsmittelhilfe werden 51.7 Millionen Dollar benötigt. (29. November)
  • Mit anderen Worten: Mit seinem Jahresgehalt könnte Daniel Vasella 2,2 Millionen Wirbelsturmopfer während mehr als viereinhalb Monaten vor dem Hunger(tod) retten.

30. November
Ein durchschnittlicher Bus in Bangladesch ist so verschrammt und zerbeult, als käme er direkt vom Schrottplatz. Es sind fauchende Ungeheuer, die grässliche Russfahnen ausstossen. Eine Studie der Bangladesh Road Transport Authority ergab, dass in der Hauptstadt Dhaka 87 Prozent aller Busse - 3502 von 4042 registrierten Busse - zwanzig Jahre oder älter sind. Offiziell dürften diese Fahrzeuge gar nicht mehr verkehren, da zu alt. Die Polizei versucht zwar, diese Regel durchzusetzen, scheitert aber regelmässig. Oft kommt ein überaltertes Fahrzeug, das aus dem Verkehr gezogen wurde, bald wieder auf die Strasse, diesmal einfach mit gefälschten Fabrikationsdatum.

So gesehen kann ich mich glücklich schätzen, meine Ausflugsfahrt nach Cox' Bazar in einem bloss sechsjährigen, klimatisierten Volvo-Bus anzutreten. Xulhaz, der ursprünglich mitkommen wollte, musste im letzten Moment absagen, weil sein Vater zu Hause stürzte und ins Spital musste. Zudem verletzte sich der Chauffeur der Familie bei einer Schlägerei mit dem Doorman, und nun muss "Familiengericht" über die Angelegenheit befinden. Anyway, die Fahrt ist absolut sicher. Kurz bevors losgeht, wird das Gesicht eines jeden Passagiers mit einer Videokamera gefilmt. Security reasons, heisst es dazu. Eine Nachfrage bei Mitreisenden ergibt, das Filmmaterial diene entweder zur Klärung allfälliger Unstimmigkeiten unter Passagieren (Diebstahl?), oder bei einem Unfall zur Identifizierung der Todesopfer.

Problemlose Fahrt von zehn Stunden. Unterwegs kommt uns ein Lastwagen wild hupend in einem Höllentempo entgegen - auf der Flucht, eine Rikscha mitschleppend, die er seitlich an der Ladebrücke aufgespiesst hat. Nicht auszudenken, was mit dem Rikscha-Wallah und den Passagieren geschah.

1. Dezember
Cox's Bazar ist mit 120 Kilometern der längste Sandstrand der Welt. Nach einer von Firmen finanzierten Aufräumaktion kommt er adrett daher. Gute touristische Infrastruktur, trotz aller Unkenrufe auch als Alleinreisender absolut unproblematisch nutzbar. Wunderbare Landschaft, noch relativ wenige hässliche Hotelbauten. Am Strand nimmt die Lokale Band Vester, verstärkt um einen Sänger aus Dhaka grad ein Musikvideo auf. Wie immer und überall jede Menge Gaffer - Touristen, Fischer, Schnickschnackverkäufer, die gleich als Publikum in den Dreh einbezogen werden - die White Skin sowieso. Am Abend Konzerte zum World Aids Day.

3. Dezember
Die Börsenaufsicht SEC hat rigoros durchgegriffen. Nachdem die Kurse in immer ungesundere Höhen kletterten, führte sie eine längst fällige Beschränkung der Lombard-Kredite ein. Zuerst setzte sie durch, dass die Banken und Broker bei neuen Geschäften nur noch maximal 100 Prozent des Werts der verpfändeten Aktien belehnen dürfen. Zuvor drückten sie den Anlegern zuweilen offenbar gleich ein Mehrfaches seines Einsatzes als Spielgeld für weitere Aktienkäufe in die Hand, schliesslich verdienten sie an jedem Trade fleissig mit Kommissionen mit.

Einige Wochen später, am 19. November, ging die SEC überraschend einen grossen Schritt weiter und untersagte solche Kredite gänzlich. Die erhoffte Wirkung stellte sich ein, die Kurse sanken leicht, Tag um Tag.

Als sich ein Minus von rund fünf Prozent akkumuliert hatte, begannen die Anleger zu toben. Am 22. November zogen sie in Demonstrationszügen vor die Dhaka Stock Exchange in Motijeel, um gegen die SEC-Entscheidung zu protestieren.

Mit schlottrigen Knien, wie es scheint, blies die SEC am Abend des 25. November bereits wieder zum Rückzug. Sie hob das absolute Verbot von neuen Lombardkrediten wieder auf, zumindest für die Banken (nicht aber Broker). Doch nun wurde die maximale Belehnungsrate auf fünfzig Prozent festgelegt.

Am Tag schossen die Kurse raketenhaft in die Höhe. Der DSE General Index legte rekordverdächtige 4,3 Prozent zu.

Doch seither ist der Gewinn längst wieder dahingeschmolzen. Und siehe da, nach einem Rückgang um 6,4 Prozent – und einem seit 2001 noch nie dagewesenen Minus von 3,1 Prozent an einem einzigen Tag – kam es heute bereits zur nächsten Demonstration, diesmal mit verschärfter Tonart und tumultösen Szenen.

 

4. Dezember
Wie ich heute morgen aufwache und aus dem Fenster schaue, ist diese graue Hauswand plötzlich verschwunden. „Ami tomake bhalobashi“ steht jetzt auf Bangla da, und in grösserer Schrift „I love you“. Ob ich das persönlich nehmen soll?

5. Dezember
Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Der Besuch einer Textilfabrik, die für H&M produziert, kommt endlich zustande. Das hat nun drei Monate gedauert!

6. Dezember
Immer diese Verschwörungstheorien! Prominente Persönlichkeiten befürchteten ernsthaft (oder gaben es zumindest vor), dass die Amerikaner heimlich eine Invasion in Bangladesch planen. Und das bloss, weil deren Überlebenshilfe für die Sidr-Opfer über zwei Schiffe der US Navy lief, die USS Kearsarge und Tarawa, von denen pausenlos Hubschrauber starteten und Hilfsgüter auf abgelegene Inseln flogen. Warum Kriegsschiffe?, fragten sogenannte „eminent citizens“ und schürten Ängste in der Bevölkerung. Sogar der ex-Armeechef, General Harun-Ar-Rashid, mischte sich in die Debatte ein. Die Besorgnis sei nicht grundlos, meinte er in einer Podiumsdikussion. Inzwischen haben die Amis ihre Hilfsaktion weitgehend abgeschlossen, die Schiffe ziehen ab und die „besorgten“ Stimmen verstummen.

Ein zweites Beispiel: Seit Wochen tobte eine Auseinandersetzung über eine geplante Ausstellung im Pariser Museum Guimet, das eine der grössten Kollektionen asiatischer Kunst ausserhalb Asiens zeigen will, darunter auch 189 Artefakte aus Bangladesch. Angefeuert von Demonstrationen, offenen Briefe und wiederum „eminent citizens“, untersagten die Gerichte vorerst die Ausleihe der Kunstgegenstände. Die Befürchtung: Die Franzosen senden die Artefakte nicht zurück, sondern tauschen sie gegen wertlose Kopien aus. Solche Skepsis mag angesichts der langen Ausbeutung des Landes durch fremde Mächte gesund erscheinen, doch seit die französische Botschaft mit ihrem Wort für eine unversehrte Rücksendung einsteht, scheint für mich die Angelegenheit erledigt, zumal das Land noch andere Probleme zu lösen hat. Doch selbst geschätzte Kollegen wie unser Fotograf Zakir bleiben skeptisch. Immerhin hat das höchste Gericht, der Supreme Court, inzwischen den Versand erlaubt.

7. Dezember
Babu und Tina heiraten in Kolkata. Pompöse Zeremonien, noch pompösere Feier. Allein die Miete des Veranstaltungsorts habe 1,75 lakh gekostet, raunt mir Asif zu. Nicht Taka, sondern Rupies. Das sind rund 5150 Franken, eine Riesensumme. Babu ist der enger Freund von Asif, und deshalb nehmen wir die Mühsal einer 15-stündigen Busreise auf uns, um hinzufahren. Deepon, der beste Freund von Asif, kommt ebenfalls mit. Frappant der Unterschied zwischen den Bengalen in Bangladesch und den Westbengalen in Indien: Schon ein Meter nach der Grenze fällt ins Auge, dass hier Frauen wahrnehmbar sind. Eine Frau bedient uns – bauchfrei – in ihrem kleinen Kiosk. Undenkbar in Bangladesch. Die selbe Kultur, die selbe Sprache – bloss eine andere Religion. Kolkata ist glamourös, lustvoll, schön, verspielt, abgasverpestet – und viele Bewohner des rauhen, unästhetischen und chaotischen Dhaka würden alles hergeben, um hier leben zu können.

Heute entschied der Supreme Court of India, dass Frauen – ab 21 Jahren  –  auch als Bartender arbeiten dürfen. Die Times of India applaudiert. Bislang hat ein archaisches Gesetz indischen Frauen untersagt, Alkohol auszuschenken. Für Aufsehen sorgt die Alterslimite, haben doch die meisten Staaten 25 Jahre als Mindestalter für den Alkoholgenuss festgelegt. In Bangladesch ist Kellner ein reiner Männerberuf. Bars gibts offiziell sowieso keine.

8. Dezember
Die Debattierfreude der Inder ist eine Wohltat. In Bangladesch wird stets hinter den Kulissen getuschelt, hier prallen hier die Meinungen in aller Öffentlichkeit aufeinander. Die Times of India druckt einen bemerkenswerten Artikel aus der New York Times nach, in dem die frühere niederländische Parlamentarierin Ayaan Hirsi Ali „Islams's silent moderates“ auffordert, ihre Stimme gegen die im Namen des Korans jüngst begangenen Ungerechtigkeiten zu erheben. Undenkbar im Daily Star oder anderen Zeitungen in Bangladesch, die lieber detailreich eine Beobachtung an die andere reihen und sich gern vor Tiefgang und Analyse drücken.

Wie wir zum Tailor Shop gehen, um für Asif einen Anzug für seine Hochzeit im Februar zu bestellen, will der Chef des Geschäfts unbedingt von mir wissen, was ich denn zur Auseinandersetzung um Taslima Nasreen meine, und erklärt mir gleich überzeugend seinen Standpunkt. Die aus Bangladesch verbannte muslimische Feministin entfachte mit ihren Ansichten in Kolkata in den vergangenen Wochen Proteste radikaler Muslime, die in Strassenkämpfe ausarteten.

9. Dezember
Deepon kauft für seinen Chef einen teuren Pen. Er nötigt mich fast, auch für Mahfuz Anam und meine Vorgesetzten ein Mitbringsel aus Kolkata zu kaufen.

10. Dezember
Back to normal. Seit langem dominieren auf der Frontseite nicht mehr Horrornachrichten über die Folgen des Zyklons, sondern wieder die üblichen Meldungen über die ganz normalen Schrecken des Alltags: Die beiden vormaligen Premierministerinnen Khaleda Zia (für die BNP 1991-1996 und 2001-2006 am Ruder) und Sheikh Hasina (1996-2001 für die Awami League), sind nun offiziell wegen Korruption angeklagt. Sie werden beschuldigt, den Staat bei einer illegalen Vergabe von Erdgasausbeutungskonzessionen um umgerechnet drei Milliarden Dollar geschädigt zu haben. Weitere Korruptionsanklage gegen den Top-Businessman Ahmed Akbar Sobhan, den Verwaltungsratspräsidenten der Bashundhara-Group, die das pompöseste Einkaufszentrum in Dhaka baute und die 150 Millionen Bangladeschi mit Papiernastüchern versorgt. Und drittens stürzte das Rangs Babhan ein, ein 22-stöckiges Geschäftshaus. Die Stadt hatte, gestützt durch ein Urteil des Supreme Courts, den Abbruch verfügt, weil bloss eine Bewilligung für ein 6-stöckiges (!) Gebäude vorlag. Bei den Abbrucharbeiten wurde offenbar dermassen gepfuscht, dass das Hochhaus in der Nacht auf Montag ungeplant in sich zusammen sackte. Von den 55 Bauarbeitern – viele ihnen schliefen im 8. Stock – kamen vier ums Leben, etliche werden noch in den Trümmern gesucht.

 

 

11. Dezember
Morgens um acht gehts los. Ich gehe mit meiner Landlady Chachi, der Primarlehrerin, von Haus zu Haus, um Wähler zu registrieren. Die alte, gefälschte Wählerliste war ein wichtiger Grund, weshalb die Übergangsregierung länger als geplant an der Macht geblieben ist und die Wahlen um ein Jahr verschob.

Von Haus zu Haus, Tür zu Tür heisst es Fragebogen abgeben, und meist auch ausfüllen. "Auntie, bei uns warst du noch nicht", ruft ein Teenager. "Ja, wir kommen, wir kommen", entgegnet die 45-Jährige. Die Strasse erwacht langsam. Frauen waschen an der Wasserpumpe Geschirr, nebenan seift sich ein ältererer Mann im Lunghi von Kopf bis Fuss ein und ein paar Meter weiter macht ein Kind Pipi.

"60 Prozent in meinem Sammelgebiet sind Analphabeten", sagt Chachi, "und 25 Prozent können nur gerade ihren eigenen Namen schreiben". Für alle anderen hat sie ein Stempelkissen dabei. Daumen rechts.

Die Sammlerin füllt den Fragebogen auf Bangla aus, nur der Familienname kommt zusätzlich auf Englisch hinzu. Das Formular kommt ins regionale Erfassungszentrum, und alle Wählerinnen und Wähler erhalten einen Termin, damit ihr Fingerabdruck elektronisch erfasst werden kann. Zugleich gibts ne Foto, die ebenfalls elektronisch gespeichert wird.

Die Tour führt uns an die Jorpur Lane 25 und 26. Ein spannender Einblick ins Alltagsleben. In der Nummer 25, einem sechsgeschossigen Mietsbau, muss Kokhon, 26, das ansonsten fertig ausgefüllte Formular noch unterschreiben. Er ist noch im Bett, verstrubbelt setzt er seine Signatur drauf.

604: Ein Mann hat den Fragebogen nicht gekriegt. Doch er ist immer noch in seinem Dorf.

507: Volltreffer, die ganze Familie ist da, sieben Formulare auf einen Streich. Chachi kriegt pro ausgefülltes Formular 5 Taka (9 Rappen). "Wann bin ich geboren?", fragt der Sohn, 24, seine Mutter. Viele Bangladeschi haben mangels tauglicher Register kein Geburtszertifikat und kennen ihr wirkliches Alter nicht. Was tun in einem solchen Fall? "Endgültiges Urteil ist meine Persönliche Einschätzung“, sagt Chachi. Sie legt dann jeweils nicht nur das Geburtsjahr, sondern auch gleich einen (imaginären) Geburtstag fest.

Kaffee, Guetzli, auch in der nächsten Wohnung bei Munni Ahmed, 45. "She doesn't have a husband", raunt mir Chachi zu. Anfang Jahr gestorben. Krebs. Im Hintergrund läuft die Glotze, ein edler Panasonic. Munnis zwei Töchter leben hier, ein Sohn arbeitet auf dem Bau in Saudiarabien, der andere als Elektriker in Malaysia.

Inzwischen ist der halbe Block zusammengeströmt und steht Schlange.

Weiter zum Haus Nr. 26. Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Die "Haustür" reicht nur gerade bis zur Brust, wer hier rein will, muss sich ordentlich bücken und gelangt in eine enge Gasse, an der links und rechts sieben Häuschen, nein Hütten liegen. Sie sind gerade mal 8 Quadratmeter gross. Bei der Familie Bokul wohnen vier Personen auf diesem Raum. Ein Bett, ein Gestell. Er ist Schweisser, verdient pro Monat 2500 Taka, die Miete kommt ihn auf 1800 Taka zu stehen. Zum Leben bleiben da monatlich noch 700 Taka oder Fr. 12.70 übrig.

"Ich war Studentin und hatte Anfang Jahr einen Elektrounfall, schreiben Sie im Daily Star, dass für Invalide zu wenig getan wird", sagt die gut 20-jährige aus der Familie Bokul und zeigt mir ihr am Knie hässlich amputiertes linkes Bein und gleich darauf den linken Arm, der auch bloss ein kurzer Stummel ist. Ein entsprechender Artikel ist allerdings schon vor vier Tagen erschienen.

13. Dezember
Wen er denn wählen werde, frage ich Sayful, unseren Hausangestellten. Er verstehe ja nichts von Politik, meint er, aber in seiner Familie wählten alle Awami League, sein Vater, seine Mutter, sein älterer Bruder. Also werde auch er Awami League wählen. Mein Einwand, dass die Anführerin Scheik Hasina gestern wegen Korruption angeklagt wurde, weil sie dem Staat zusammen mit anderen drei Milliarden Franken Schaden zugefügt haben soll, beeindruckt ihn wenig. Das stimme nicht. Und falls es doch stimme, dann habe sie ja bloss dasselbe getan wie alle anderen.

14. Dezember
Indien und Bangladesch haben 4095 Kilometer gemeinsame Grenze - und die ist manchmal lebensgefährlich. Jedes Jahr erschiessen die indischen Grenzsicherheitskräfte Dutzende von Bangladeschi. Allein im südwestlichen Grenzabschnitt haben die indischen Border Security Forces (BSF) dieses Jahr schon 47 Bangladeschi umgebracht. 2006 waren es im selben Abschnitt 74 Tote.

In diesem Grenzabschnitt kommt es immer wieder zu Scharmützeln. Grund ist nicht nur der rege Schmuggel von Vieh, Saris oder Drogen, sondern auch der unklare Grenzverlauf seit der Abtrennung von Indien im Jahre 1947. Im Laufe der Jahrzehnte machte Indien immer wieder geltend, erschossene Bangladeschi seien illegal auf indisches Gebiet eingedrungen. So am 1. Dezember, als Viehhändler Liton, 30, sein Leben liess. Oder am 25. November, als Rafiqul Islam und andere Viehhändler erschossen wurden, als sie morgens um halb fünf eine Herde Rinder über die Grenze trieben.

Oft kommt es auch zu Schiessereien zwischen BSF und den Grenzern der Gegenseite, den Bangladeschi Rifles.

Meldungen über die ständigen und erfolglosen Bemühungen, den Konflikt zu entschärfen, tragen zuweilen skurrile Züge. So kündigten die beiden Länder vor einigen Wochen an, sich künftig tagsüber nicht mehr gegenseitig zu beschiessen. Nachts soll die Ballerei offenbar weitergehen.

15. Dezember
Manager globaler Konzerne reden mit Kennermiene vom Bottom of the Pyramid, seit C. K. Prahalad, Professor für Unternehmensstrategien und internationalen Handel an der Michigan Business School, vor fünf Jahren seinen inzwischen legendären Aufsatz über Gewinne am Fuss der Wohlstandspyramide, "Serving the World's Poor Profitably", in der Harvard Business Review veröffentlichte.

Prahalad prägte Leitlinien, die heute jeder CEO nachbetet. So verkündete etwa Nestlé-Chef Peter Brabeck, der Nahrungsmittelkonzern wolle in Schwellenländern künftig vermehrt Menschen der tiefsten Einkommensklassen ansprechen. Topon bhai, der Apotheker in meiner Juginagar Road, praktiziert das schon seit fünfzehn Jahren:

  • gutes Preis-Leistungs-Verhältnis: Topon bhai verkauft praktisch nur Generika, meist von einheimischen Pharmakonzernen zu konkurrenzlos tiefen Preisen auf den Markt gebracht. Wenige Ausnahmen, etwa Insulin von Novo Nordisk, bestätigen die Regel. Importierte Medikamente sind - ich vermute wegen hoher Schutzzölle – teuer.
  • Zugänglichkeit: Die meisten Armen arbeiten den ganzen Tag, bevor sie genug Geld beisammen haben, um am Abend einzukaufen. Topon bhai hat bis Mitternacht geöffnet, sechseinhalb Tage die Woche. Hauptandrangszeiten sind zwischen 21 und 22.30 Uhr.
  • Bezahlbarkeit: Reiche können sich den häufigen Gang in den Laden durch bequeme Grosspackungen ersparen, Arme können dafür kein Geld beiseite legen. Das wichtigste Instrument von Topon bhai ist deshalb die Schere. Er zerschneidet damit die Blister der Normalpackungen, um Pillen einzeln abzugeben. Beim Verkaufsschlager Paracetamol 500 (Napa von Beximo Pharma) verlangt er für eine Tablette 1 Taka (1,6 Rappen), für vier Tabletten 3 Taka (4,8 Rappen) und für zehn Tabletten 8 Taka (13 Rappen). In der Schweiz kostet die Zwanzigerpackung Panadol Fr. 5.90, ein billiges Generikum gibts für Fr. 2.40.
  • Kundenorientierte Hybridlösungen: Topon bhai verkauft nicht nur Pillen, sondern bietet auch Service bis hin zum ärztlichen Bereich an. Er hat etliche Kunden, die mit ihrer Spritze in der Hand vorbeikommen, um sich von ihm das Insulin injizieren zu lassen. Zudem überzeugte er kürzlich einen Spitalarzt, der sich nach Arbeitsschluss zu langweilen pflegte, abends in einem separaten Raum der Apotheke Sprechstunde zu halten (pro Konsulation 50 Taka, umgerechnet 80 Rappen).

Topon bhai hat ein gut laufendes Geschäft und gehört zu den angesehenen Unternehmern in der Strasse. Eine Firma, die sich auf die Ärmsten konzentriert, kann auch unverschämt gut verdienen, denn angesichts der Masse der Armen ist die Zahl der Kunden fast unermesslich. Ein Beispiel dafür ist das Mobilfunkunternehmen Grameenphone aus Bangladesch, mehrheitlich im Besitz der norwegischen Ex-Monopolistin Telenor. Grameen heisst übersetzt Dorf. Dementsprechend bietet das Unternehmen ein flächendeckendes Handynetz bis hin in die ärmsten Dorfern an, das durchgehend auf den Datenfunkstandard Edge aufgerüstet wurde. Grameenphone erwirtschaftet auf Stufe des Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen eine Marge (2006: 58 Prozent), von der andere Telekomkonzerne nur träumen können. Swisscom zum Beispiel kam nur auf 39 Prozent.

 
wird fortgesetzt