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Stagiaires in Auslands-Redaktionen

Sabine Meyer berichtet aus Bamako, Mali

Ab September bis November 2010 ist Sabine Meyer (1980) in Mali unterwegs und arbeitet bei der privaten Radiostation Kledu in Bamako. Hier berichtet sie aus ihrem Alltag - geschmückt mit Radiobeiträgen und Bildern. Seit 2006 arbeitet Sabine Meyer erst als Stagiaire, später als Redaktorin beim Regionaljournal Zürich/Schaffhausen von Radio DRS. 

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7.9.2010 – Es ist alles relativ
Der Stempel in meinem Pass zeigt  es klar und deutlich: Seit genau zwei Tagen bin ich „en mission“ hier in Bamako. Anhand des Erlebten fühlt es sich jedoch wie 2 Monate an.

Ein paar Ausschnitte:
Da war dieser  Zollbeamte am Flughafen, der mir klar machen wollte, dass es zur Einführung von Schokolade eine Sonderbewilligung brauche, die mich doch mindestens 10‘000 CFA kosten würde. Nach dem ich ihm zum guten Witz gratuliert habe, hat er mich natürlich sofort ganz ohne Bezahlung passieren lassen.  Ein Versuch war es ja wert. Und mir hat es gezeigt, dass man mit einem Lachen so manches Problem lösen kann.

Oder diese vielen Schafe und Ziegen, die zurzeit zwischen, vor und hinter den Häusern umher spazieren. Sie sind einen Vorgeschmack auf das Wochenende. Dann wenn mit einem grossen Festessen das Ende des Ramadans gefeiert wird. Oder der Muezzin, der mich in den Schlaf und in diesem Moment durch diese Zeilen singt. Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt.

Dazu eine kleine Anekdote von meinem ersten Arbeitstag  bei Radio Klédu: Immer  zur vollen Stunde gibt es bei Klédu  einen „News-Flash“ . Nachrichten, die der jeweils zuständige Redaktor  zusammenstellt. Das heisst konkret, da eine Agentur fehlt, diverse Internetseiten werden abgeklappert und die Nachrichten nach der Methode „copy&paste“ übernommen. 

Um 11 Uhr schaut mich dieser  Redaktor seelenruhig an und sagt: „Wir sollten ins Studio gehen, es ist Zeit für den 11 Uhr Flash“. Während er die Nachrichten druckt, blicke ich auf die Zeitanzeige auf dem Bildschirm vor mir 10:58, auf die Wanduhr hinter mir 11:02 und auf mein Handy 11:03. Und ich denke an unsere Uhren im Studio in der Schweiz, die nur eine Zeit kennen, an unsere Nachrichten, die alle auf diese Uhren abgestimmt sind…
Es ist alles relativ.

Sabine Meyer (MAZ-DEZA)

9.9.2010 – Das grosse Fest
Auf diesen Tag haben alle gewartet:  Das Ende des Ramadans – „La Fête“. Und dieses Ende, das wird gefeiert von früh bis spät. Und so träumte ich nicht, als mein Handy heute Morgen um 6 Uhr bereits  drei unbeantwortete Anrufe anzeigte. Anrufe, von meiner Redaktionskollegin Dieneba, die wissen wollte, wann ich mich denn endlich auf den Weg mache. Sie hat mich für diesen Festtag zur ihrer Familie eingeladen. Mit meiner Vorstellung von einem Abendessen „en famille“ lag ich natürlich weit daneben.

„La Fête“ – das heisst, man trifft sich bereits frühmorgens, nach dem Besuch der Moschee, zu Hause, in meinem Fall, bei den Schwiegereltern und während des ganzen Tages wird gekocht und Freunde, Nachbarn, Verwandte gehen ein und aus und wünschen sich ein gutes Fest und bitten um Vergebung, für all jene Momente, in welchen sie einander Unrecht getan haben.

Für mich als Europäerin und Christin ein einmaliger Einblick, in die Welt der malischen Familie. Mit welcher Herzlichkeit und Offenheit ich empfangen wurde, das ist kaum in Worte zu fassen. Noch keine Woche bin ich in diesem Land und feiere bereits in mitten einer Familien eines der wichtigsten Feste dieser Menschen.

Ein Moment hat mich dabei besonders  berührt:

Die Schwägerin und eine Cousine von Dieneba, beide wohl kaum über 16 Jahre alt, kicherten in der einen Ecke des Wohnzimmers und präparierten Couscous, auf dem Sofa sass ein Cousin und spielte mit seinem Handy, hinter mir dröhnte aus dem Fernseher ein amerikanischer Rap-Song. Und vor mir sah ich, wie die Schwiegermutter ihren Kopf bedeckte, den Teppich ausbreitete und zu beten begann. Und ehe sie niederkniete, lächelte sie mir zu, da sie sah, wie ich sie beobachtete. Da dachte ich mir, so einfach geht das Zusammenleben von Generationen und Religionen.

 

11.9.2010 – ein kulinarischer Rückblick
Tomaten, Auberginen, Gurken und viele viele Zwiebeln - ich komme eben von meinem ersten Rundgang durch den Markt im Quartier zurück. Die Auswahl ist klein, aber genügend gross für einen wunderbaren griechischen Salat.

Einen griechischen Salat heute, gestern Frühlingsrollen vom Vietnamesen, anfangs Woche Pizza vom Italiener und indische Nan. Wenn ich auf meinen Speisezettel der ersten Woche blicke, könnte man meinen, ich sei überall anderswo, aber bestimmt nicht in Afrika. Die Leute, die mich bis anhin zum Essen ausgeführt haben, leben schon länger in Mali und erfreuen sich an jeder  kulinarische Abwechslung.

Das traditionelle Essen in Mali besteht vor allem aus einer Sauce auf der Basis von Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch  mit Fisch- oder Fleischstücken und als Beilage gibt es Reis, frittierte Kochbananen oder Attiéké, eine Art Couscous aus Maniok.

Mir schmeckt es, aber ich kann verstehen, dass man sich nach einer Weile nach einem simplen Teller Pasta sehnt.

In Mali isst man gemeinsam von einer grossen Platte und mit den Händen. Eine sehr sinnliche Art zu Essen, aber alles andere als ein Kinderspiel. Mein Gott! Bei meinem ersten Versuch klebte Couscous überall, nur bestimmt nicht in meinem Mund. Und da ja alle vom selben Teller essen, entging das natürlich auch keinem in der Runde.  Mein Sitznachbar hat mir danach unauffällig einen Löffel zugeschoben. Das war bestimmt sehr gut gemeint, für mich aber ziemlich entmutigend.

Es schien auf meiner Stirn geschrieben, dass ich bereits zu verzogen bin, um je elegant die halbe Hand in den Mund zu schieben. Denn genau so funktioniert das erfolgreiche Essen von Hand: Mund weit, sehr weit öffnen, die Finger damit umschliessen und mit den Lippen das Essen abstreifen. Nur, dazu fehlte  mir tatsächlich den Mut. Vielmehr versuchte  ich  mit den Fingerspitzen die Kugel Couscous in den Mund zu schieben, in der Meinung, dass dies weniger unanständig aussehen würde. Das Gegenteil war am Ende der Fall, sehr zur Unterhaltung der Leute um mich herum.

 

13.09.2010 – „Nous sommes tous de Cousins“
Je länger ich hier bin, je mehr ich mit Menschen über Mali spreche, desto mehr bin ich fasziniert von der Art und Weise des Zusammenlebens  in diesem Land. Es herrscht eine beispielslose Toleranz zwischen den diversen Ethnien (über 30 verschiedene) und Religionen.  Das Geheimnis dahinter ist schnell erfahren. Egal ob ich den Radiokollegen, die Politikerin oder den Taxifahrer frage, ich erhalte immer dieselbe Antwort: „Nous sommes tous de Cousins“.

Es ist ein tiefverwurzeltes Gefühl, dass alle Ethnien hier miteinander verwandt sind. Und zu welcher Ethnie man gehört, erkennt man anhand des Nachnamens.  Stellt sich jemand vielleicht als Doumbia vor, werden Witze gerissen und Sprüche geklopft. Egal, wie gut man sich kennt. Und dieses, man kann es wohl Ritual nennen, soll alle in der Runde daran erinnern, dass sie Cousinen und Cousins sind. Denn nur mit Verwandten macht man solche Witze. Und mit Verwandten pflegt man eben auch einen toleranten Umgang.

Für mich als Aussenstehende noch etwas verwirrend. Und ich frage mich, ist die Antwort wirklich so einfach, wie sie scheint. Auch wer neu ins Land kommt, erhält früher oder später einen solchen malischen Nachnamen. Im Alltag zählt dann vor allem dieser Name und macht einem zum Teil der malischen Grossfamilie.

Ich habe bis anhin noch keinen Namen angenommen. Alle sagen mir, du wirst es spüren, welcher Name zu dir gehört. Und natürlich warnen mich die Traoré, den Namen Doumbia anzunehmen, weil man dann diesen oder jenen Witz machen kann und die Doumbias raten mir vom Namen der Traoré ab. Mal schauen, als „Meyer“ bin ich ja nicht sehr wählerisch…

 

14.09.2010 – Bambara Lektion 1
Französisch ist in Mali nur die Amtssprache. Am weitesten verbreitet ist Bambara, eine Mande-Sprache, die von gut 40 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird. Eine für meine Ohren unglaublich schwierige Sprache, die ich im Vorfeld vergeblich versucht habe zu verinnerlichen.

Hier ein paar Brocken:
Wie geht es
Danke
Guten Morgen
Guten Tag
Guten Abend
Auf Wiedersehen
Zahlen von 1 bis 10

 

16.09.2010 – So oder so
Die Radiojournalistin: Sie arbeitet schnell, auf die Sekunde und oftmals unter Druck.
Soweit meine Erfahrungen bis anhin. Hier in Bamako, bei Radio Klédu, lerne ich das pure Gegenteil kennen. Eine Nachrichtenjournalistin kann auch langsam, gemütlich und ohne Stress arbeiten.
Und was dabei besonders bemerkenswert ist: Ja, auch das funktioniert!
Das Beispiel der Nachrichten zur vollen Stunde, die mal eine Minute früher, mal eine Minute später voll ist, habe ich bereits in einem früheren Beitrag erwähnt.

Eine andere Situation, die für mich diese andere Art des Journalismus wiederspiegelt, ist die Rede des Präsidenten ATT vor dem Europäischen Parlament vergangene Woche. Ein doch bemerkenswerter Auftritt für dieses Land. Davon erfahren habe ich via NZZ Website, denn an der tagtäglichen Redaktionssitzung am Nachmittag war es noch kein Thema. Viel mehr haben meine Radiokollegen Berichte über sehr lokale Ereignisse diskutiert. Wobei der Auftritt von ATT keinen falls vergessen ging, Klédu thematisierte ihn, bewusst oder nicht, am folgenden Tag.

Ja, warum nicht, habe ich mir danach gesagt. Es ändert für die meisten ja tatsächlich nichts, ob sie einen Tag früher oder später vom Auftritt ihres Präsidenten in Strassburg erfahren. Und die Konkurrenz durch Online-Medien ist sehr gering. Sowieso, was heisst eigentlich aktuell sein?
Und weshalb das Radio machen hier zum Teil auch gemütlich ist - diese Ausführung verschiebe ich auf „demain“...

 

20.09.2010 – abhängige Unabhängigkeit
Einen frischen Anstrich da, einen neuen Strassenbelag dort, Lichterketten und Fahnen drüben... Bamako macht sich hübsch für den grossen Tag. Am Mittwoch 22. September 2010 feiert Mali 50 Jahre Unabhängigkeit.

Je länger ich diese Vorbereitungen beobachte, desto wütender machen sie mich. Da werden entlang der Strasse zum Präsidentenpalast blinkende Lichter in den Strassenbelag montiert, blinkende Lichter, die die Strasse in eine Discothek verwandeln. Und dabei gibt es in Bamako immer noch Quartiere ohne fliessendes Wasser und ohne Strom. Oder als ich gestern Nacht nach Hause fuhr, malten junge Männer die Mauer entlang der Hauptstrasse frisch an und wischten Staub. Um 2 Uhr in der Früh! Alles wird aufgemotzt, in letzter Minute und unter solchem Druck, dass es mich nicht wundern würde, wenn die Farbe mit dem ersten Regenguss davon rinnt. Und es wird natürlich nur entlang jener Strassen geputzt und gefegt, an welchen die geladenen Staatsgäste am Mittwoch entlang chauffiert werden.

Nebst den vielen Eimern an Farbe und den zahlreichen Lichterketten sind in den letzten Wochen auch Hotels aus dem Boden gestampft (finanziert von Gaddafi), einen nutzlosen Garten aus Stein gepflastert (gesponsert von Nordkorea) oder neue Strassen (China sei Dank) gebaut worden. Alles Gaben zur Feier der Unabhängigkeit. Gaben, die wohl vor allem den Gebern nützen und bestimmt nicht der Bevölkerung.

Zur Feier der Unabhängigkeit macht man sich abhängig.

Ich möchte nicht wissen, wie viel Geld in die Feier vom 22. September und in den Schnickschnack  rundum investiert wurde. Und was mich am meisten erstaunt und nervt: keine Journalistin, kein Journalist stellt hier dazu öffentlich kritische Fragen, dabei wird immer wieder gepredigt, wie frei die Berichterstattung hier ist.

 

22.09.2010 – Le Cinquantenaire
Was gibt es nicht alles von dieser grossen Feier zum 50. Jahrestag der Republik Mali zu berichten.

Zum Beispiel, dass die Journalisten von einer Ecke in die nächste kommandiert wurden, je nach dem welcher Militärmensch gerade Lust hatte, seine Macht zu demonstrieren. Oder dass  die Polizisten hemmungslos auf Jugendliche einschlugen und ein Junge bewusstlos am Boden liegen blieb. Oder dass die Bevölkerung begeistert applaudierte, als Fallschirmspringer landeten und sich für diesen grossen Tag extra Kleider mit dem Aufdruck „Le Cinquantenaire c’est pour nous“ schneidern liessen.

 

Es gibt so unglaublich viel zu berichten. Zum Beispiel, dass der Stuhl vom Muammar al-Gaddafi vor seiner Ankunft extra gereinigt und poliert wurde, jener von ATT , dem Staatspräsidenten von Mali, jedoch nicht. Oder dass die Sonne unglaublich heiss vom Himmel brannte, so dass jeder Schattenfleck doppelt und dreifach besetzt war. Und dass die Polizisten auf ihren Motorrädern Pyramiden zeigten und das Militär auf Kamelen vorbeiritt.

Es gibt so unglaublich viel zu berichten. Zum Beispiel, dass die Sicherheitsleute von Gaddafi  neben dem Auto her joggten, als dieser davon fuhr. Dass die Ehrengarde des Präsidenten aus jungen Frauen bestand, die mit weissen Handschuhen und Schwertern in der Sonne schwitzen. Und dass am Ende der Präsident seine Rede absagte, da die grosse Feier zu lange gedauert hat.

 

26.9.2010 – Ein Busfahrt zu 40st
Für umgerechnet 50 Rappen habe ich mich diesen Samstag so richtig kräftig quetschen, schütteln und drücken lassen. Zum ersten Mal habe ich mich nämlich in ein Sotrama gewagt. Das sind in der Regel Toyota-Minibusse, die froschgrün angestrichen sind, keine Scheiben und meist auch keine Türen haben und wohl auf Schweizer Strassen schon längst nicht mehr erlaubt wären. Sie sind ein sehr beliebtes Transportmittel für die breite Bevölkerung, da sie günstig sind und meist zügig von A nach B kommen. Entsprechend ist Vorsicht angebracht, wenn sich ein Sotrama nähert. Sie sind stets mit einem unglaublichen Tempo unterwegs - und ob die Bremsen funktionieren oder nicht, ist Glücksache.

Am letzten Samstag habe ich mich also in einen solchen Minibus gewagt. Die Frauen, die bereits da sassen, haben mich aufmunternd angelacht und mir sogleich einen Platz auf dem Holzbänkchen angeboten. Da sass ich also, wartete und staunte, denn es stiegen immer mehr und mehr Leute in den Bus. Am Ende war mein Platz auf dem Holzbänkchen auf eine halbe Pobacke geschrumpft, auf meinen Knien sass ein Junge (ich war so doof, weisse Hosen anzuziehen!) und um mich herum schwatzen, lachten und gestikulierten 40 weitere Passagiere. Ich habe sie gezählt!

Irgendwann ging es dann endlich los und was mich dabei am meisten faszinierte, war, dass sich die Leute während dieser halsbrecherischen Fahrt zu 40st und bei über 38 Grad zu entspannen schienen. Das Kind vis-à-vis von mir schlief friedlich im Schoss seiner Mutter, die junge Frau neben mir stillte ihren Säugling, die Jungs in der Ecke diskutierten und auf dem Holzbänkchen am Ende wurde telefoniert. Ich schwitze in der Zwischenzeit vor mich hin und versuchte die Schläge der unzählbaren Schlaglöcher elegant abzufedern. Chancenlos! Und so war ich froh, als ich nach 20 Minuten aussteigen durfte, trotz des hohen Unterhaltungswertes.

 

27.09.2010 – Warten in Bamako
Ich warte, denn etwas anderes kann ich zurzeit nicht tun. Ich warte auf den Rückruf meines Gesprächspartners. Abgemacht wäre einen Rundgang durch die neue grüne Oase von Bamako, den neuen Stadtpark, welcher eben fertiggestellt wurde. Ich warte den ganzen Morgen, hinterlasse Nachrichten und erhalte zahlreiche Versprechen für einen Rückruf. Ich warte, weil ich den Termin gestern bestätigen liess.

Ich warte bis Mittag, stelle parallel einen Fragekatalog für ein anderes Gespräch zusammen und schreibe verschiedene E-Mails an diverse Kontaktpersonen, die mir bei dem einen oder anderem Thema behilflich sein könnten. Ich warte bis 14 Uhr und gehe in der Zwischenzeit an die Redaktionssitzung im Studio. Ich warte und esse mit meiner Redaktionskollegin ein Eis und lasse mir von ihr die Hochzeitszeremonie in der Moschee erklären.

Ich warte bis die Sonne untergeht und spaziere durch die halbe Stadt nach Hause. Bamako im Abendlicht lässt einem das Herz schmelzen. Die Farben sind unbeschreiblich. Ich warte und schreibe meinen Blog und frage mich, über was ich schreiben soll, denn heute habe ich vor allem gewartet.

Das Schöne ist: das Warten gehört in Mali irgendwie dazu und hat niemals diesen negativen Beigeschmack, wie ich ihn aus der Schweiz kenne. Warten ist da vielmehr ein Zustand, in welchem etwas geschehen könnte, aber so manch anderes geschieht.

 

4.10.2010 – eine heisse Sache
Eigentlich wollte ich ja über meinen ersten Ausflug aufs Land berichten. Immerhin habe ich zum ersten Mal seit dreieinhalb Wochen das staubige Bamako für einige Tage verlassen und Ségou, ein Dorf etwa 220 Kilometer nördlich der Hauptstadt besucht. Auf der Rückreise erlebte ich aber eine solch absurde Situation, dass ich damit in die neue Woche starten möchte.

Es geschah auf der Heimfahrt. Der Bus, für hiesige Verhältnisse ein ganz passables Modell, dachte ich, verliess Ségou um die Mittagszeit bei strahlend blauem Himmel. Eine heisse Fahrt war somit vorprogrammiert, insbesondere da der Bus während des ganzen Vormittags in der prallen Sonne gestanden hatte.

Vier Stunden in einer mobilen Sauna standen mir also bevor, welchen ich aber positiv entgegen blickte, da ich den Fenstersitz unter der Dachlucke ergattert hatte und so in Genuss des Fahrtwindes kommen würde. 

Je länger, je schneller der Bus jedoch fuhr, desto heisser wurde es. Und was besonders irritierend war,  die Hitze kam nicht von oben (Sonne), sondern von unten. Erst vermutete ich einen Hitzestau in den Füssen. Immerhin hatte ich zwei Stunden stehend auf die Abfahrt des Busses gewartet. So trank ich fleissig Wasser und  machte die Beinübungen, di e einem in den Flugzeugbroschüren auf Langstreckenflügen empfohlen werden, um einer Thrombose vorzubeugen.

Es half jedoch nichts. Die Hitze blieb und je länger die Fahrt dauerte, desto mehr fühlte mich wie eine Schneefrau im März. Ich schmolz langsam dahin.

Auf halber Strecke tauschte ich mit meinem Reisepartner den Platz, nun konnte ich wenigstens meine Beine in den Gang strecken. Irgendwann, ein paar holprige Kilometer später, bückte sich mein Sitznachbar, schaute irritiert zu mir hoch und sagte: „Die Heizung ist an!“.

Tatsächlich! Bei einer Aussentemperatur von 40 Grad strahlte die Fussheizung auf Hochtouren. Darauf wäre ich beim besten Willen nicht gekommen und damit war ich nicht alleine. Als wir den Fahrer nämlich baten, die Heizung auszuschalten, schaute er uns verständnislos an. Wir erklärten uns mit Händen und Füssen und entfachten eine hitzige Diskussion im gesamten Bus. Die Innentemperatur stieg dabei um wohl mindestens weitere zwei Grad. Es half nichts, der Fahrer blieb tatenlos und der  Mann vor mir meinte cool: „Vergiss es, der kennt den Knopf für die Heizung doch überhaupt nicht.“

 

5.10.2010 –  Journal du 13h
Seit einem Monat arbeite ich bei Radio Klédu. Da ist es wohl an der Zeit ein Ohr voll ins Netz zu stellen. Dies ist die
Nachrichtensendung vom Montag 4.10.2010 um 13 Uhr.

Nachrichtensendungen in diesem  Stil gibt es drei Mal täglich von Montag bis Freitag(7h,13h,17h). Um 18 Uhr folgt jeweils eine Extraausgabe auf Bambara.

 

07.10.2010 – Lärm oder nicht, das ist die Frage
Was ist eigentlich Lärm, wann ist ein Geräusche störend und wann klingt etwas harmonisch?

So oft wie in den letzten 30 Tagen habe ich mir wohl selten diese Fragen gestellt. Und je länger ich hier bin, desto weniger finde ich eindeutige Antworten.

Wenn ich frühmorgens durch den Gesang des Muezzin erwache, hat mich dann Lärm am Schlaf gehindert? Stört ein schlechter Schnitt in einer Tonaufnahme mehr als ein Versprecher, welcher den Zuhörer irritiert? Wie lange muss eine Sprechpause sein, damit sie als Pause empfunden wird?

Im Radioalltag kriege ich oftmals Gänsehaut, wenn ich höre, wie meine Klédu Kolleginnen ihre Interviews schneiden. Kein Versprecher wird toleriert, dafür so manch harter Schnitt. Auf der anderen Seite haben sie eine unglaubliche Toleranz punkto Tonqualität. Nebengeräusche scheinen sie ohne grössere Probleme ausblenden zu können. Eine beneidenswerte Fähigkeit, die meine Radiokolleginnen auch im Redaktionsraum tagtäglich beweisen. Hier wird ohne Kopfhörer geschnitten, lauthals der neuste Klatsch diskutiert und parallel konzentriert gearbeitet. 

Zu Beginn hat mich das nicht nur in die Ecke, sondern auch beinahe in die Verzweiflung getrieben, in der Zwischenzeit fällt es mir kaum noch auf. Weniger leicht fällt mir bis anhin die Anpassung an die Schnittkultur. Wann immer ich einen Ton oder Beitrag abliefere, wird er bestimmt um noch weitere 10 Sekunden gekürzt.

Zu hören auch in folgendem Beitrag, mit welchem das Warten vom 27.9.2010 übrigens ein Ende hat.

Audio: Visite_du_Parc_National_de_Bamako.

 

11.10.2010 „Wie seit mer!“
Rund ein Drittel des Staatsbudgets von Mali  wird durch andere Länder finanziert. Bei den öffentlichen Investitionen sind es sogar 70 Prozent. Das DEZA spricht von einem gesamt Volumen von ungefähr 650 Millionen US $ pro Jahr. Die Dichte an Entwicklungsprojekten ist enorm. Beinahe alle Ausländer, die ich hier antreffe, arbeiten in diesem Bereich oder schreiben eine Doktorarbeit mit einem Bezug zur Entwicklungshilfe. Das Thema ist omnipräsent.

Und so frage ich mich je länger je mehr, was es für ein Land und seine Leute bedeutet, von überall her Hilfe zu bekommen? Empfinden sie es überhaupt als Hilfe? Was ist das für ein Gefühl, wenn ständig erwartet wird, dass man „Danke“ sagt? Wie ist es beinahe wahllos annehmen zu müssen?

Prägt dies eine Gesellschaft? Darf man auch mal Nein sagen? Nehmerland zu sein, ändert dies die Haltung gegenüber den Ausländerinnen und Ausländern? Mit welcher Haltung begegnen wir einem solchen Land und seinen Leuten? Erwarten wir ein „Danke schön“?  

Es ist beeindruckend zu sehen, wer hier alles investiert und Präsenz markiert. In Ségou habe ich die grösste Textilfabrik von Mali besucht, die nun von einem Chinesen geführt wird, in Bamako entsteht ein pompöses Amtsgebäude, welches Libyen finanziert hat oder der neue grosse Park in der Hauptstadt ist Aga Kahn zu verdanken, dem Oberhaupt der Ismailiten, geboren in der Schweiz. Daneben sind natürlich auch die klassischen Entwicklungsorganisationen, wie Helvetas oder Oxfam anzutreffen. In Mali wird gerne investiert, da es ein relativ sicheres und stabiles Land ist (und im Norden reich an Bodenschätzen). 

 

13.10.2010 – Frischfleisch
„Sind diese schwer genug?“ – meine Kollegin schaut mich fragend an und streckt mir drei lebende Hühner entgegen. Die  sechs kalten, knochigen Hühnerfüsse in meiner Hand fühlen sich erstaunlich leicht an. Was soll ich sagen, sind sie schwer genug? Ich versuche, mir die drei Chicks in meiner Hand ohne Federkleid, Kopf und Füsse vorzustellen. Was bleibt da noch? Die Hühner hier sind ziemlich sportlich und bringen niemals so viel auf die Waage, wie ihre Schweizer Artgenossen. 

Während die Hühner schlapp in meiner Hand hängen, versuche ich jeden Blickkontakt zu vermeiden. Schliesslich sollte man keine  emotionale Bindung zu seinem Essen aufbauen. 

Meine Kollegin ist auf jeden Fall mit dem Gewicht zufrieden, nicht aber mit dem Preis. So wird das eine Huhn mit einem anderen getauscht, um dann später in die Endauswahl zurückzukommen, um dann nochmals getauscht zu werden, solange bis ich vom Zuschauen Gänsehaut kriege. Irgendwann stimmen dann Gewicht und Preis überein  (2000 CFA pro Huhn, rund 4 Franken). Im Preis inbegriffen ist die Verarbeitung zu Poulet.

Gleich hinter dem Markstand kommen die drei Hühner unters Messer. Das Überprüfen, dass es sich dabei, um die Hühner unsere Wahl handelt, überlasse ich meiner Kollegin. Ich inspiziere lieber während der blutigen Phase die Wassermelonen neben an. Das scheint mit ungefährlicher, schliesslich sollte man, wie gesagt, jegliche emotionale Bindung zu seinem Essen vermeiden.

Das Poulet hat ausgezeichnet geschmeckt.

 

15.10.2010 – En mission en prison
Die letzten Tage war ich mit einer DEZA Delegation im Süden von Mali unterwegs. Wir haben verschiedene Projekte besucht, die die Schweiz im Bereich Gesundheit unterstützt. Ein Besuch hat mich besonders berührt: Das Gefängnis von Sikasso.

Hier gibt es, dank Intervention der Schweiz, seit gut zehn Jahren einen Gesundheitsdienst für die Insassen  und es wird geschaut, dass jene, die keine Verwandten haben, doch zu Kleider und Essen kommen. Neu können die Gefangenen sich auch als Schreiner oder Mechaniker ausbilden lassen, damit sie später auf etwas bauen können.

Das Gefängnis von Sikasso gilt damit als modern und fortschrittlich. Ein Gefängnis, welches für 60 Personen gebaut wurde, heute aber über 200 Insassen beherbergt, davon eine Frau und zwei Minderjährige. 50 Menschen müssten sich 4m2 teilen, heisst es, Matratzen gibt es keine.

Erstaunt war ich über die Sicherheitsmassnahmen. Die Welt draussen und jene hinter der Mauern waren nur durch eine dünne Tür getrennt. Aufseher hatte es einige, aber sie alle sassen im selben Raum. Dass wir in einem Gefängnis waren, wurde mir vor allem bewusst, weil es mir verboten war zu fotografieren.

Die Finanzierung dieses Gesundheitsdienstes wird die Schweiz bis 2012 einstellen. Sie zieht sich aus dem Gesundheitssektor zurück. Es ist zu hoffen, dass die Projektverantwortlichen vor Ort bis dahin einen Ersatzsponsor finden, um die Basisarbeit, die die Schweiz ermöglich hat, erhalten bleibt und vielleicht auch andere Gefängnisse in Mali inspiriert, den Insassen ein Minimum an Würde zu gewähren.

 

18.10.2010 – Von Viren befallen
Das Radio ist krank. Und zwar wirklich krank. Das Radio ist so krank, dass Töne willkürlich abgespielt werden oder ein Beitrag nach eineinhalb Minuten mitten im Satz abbricht. Das Radio ist krank, die Techniker leiden. Tausende von Viren tummeln sich auf den Computerfestplatten. Fressen sich an den gesunden Dateien jedes USB-Schlüssels satt, geben die Würmer und Käfer bereits beim ersten Kontakt an jeden anderen Datenträger weiter. Handys liegen flach, Aufnahmegeräte streiken, die Journalisten verzweifeln. Eine Sendung wird zu einer Art Russisch Roulette. Trifft es heute deinen Beitrag oder meinen?

Ein Virenschutzprogramm soll es zwar auf jedem Redaktionscomputer geben, aber es scheint mir in diesem Fall ziemlich lückenhaft. Ob dies nun daran liegt, dass es gratis im Netz heruntergeladen wurde  (Meinung der Redaktion) oder nicht regelmässig aufdatiert wird (Meinung der Direktion), darüber wird im Redaktionsraum seit Wochen kräftig gestritten.

Den Viren mag es recht sein, den Zuhörerinnen und Zuhörern wohl etwas weniger. Oder wer hat schon Lust immer nur die ersten drei Sätze eines Beitrages zu hören oder den falschen Ton zur richtigen Ankündigung.

 

21.10.2010 – Energiesparmodus
Es ist ein Phänomen. Eben diskutierten, lachten und gestikulierten meine Kolleginnen und Kollegen im Redaktionsraum noch, nun, zu Sitzungsbeginn sind alle plötzlich von einer eisernen Müdigkeit befallen,  die Augenlieder fallen auf Halbmast, der Ausdruck auf den Gesichtern wechselt auf  „Mich interessiert nichts und ich habe keine Lust zu arbeiten“. Dieses Phänomen beobachte ich nun seit Wochen, tagtäglich um 14 Uhr, wenn zur Redaktionssitzung gerufen wird. 

Erst war ich irritiert und habe mich in so manchem Vorurteil bestätigt gefühlt. In der Zwischenzeit habe ich aber auch gesehen, dass ein Redaktor von einer Sekunde auf die andere aus seinem vermeintlichen Tiefschlaf aufwachen und in Hochform eine Frage beantworten kann oder dass eine unmotiviert scheinende Redaktorin plötzlich vorschlägt, zwei, wenn nicht drei Themen für den nächsten Tag aufzubereiten.

Weshalb sie hier während einer Sitzung die Augen schliessen, telefonieren oder den Blickkontakt im Gespräch vermeiden, dass verstehe ich zwar nach wie vor nicht. Ich weiss aber, dass es bestimmt alles andere bedeutet, als ich zu wissen glaubte. Und ich weiss auch, dass sie sich in so manchen Situationen bestens über die engagierte Körperhaltung der Toubabs (Wort für „Weisse“ in Bambara) amüsieren.

Was mich zur Zeit aber am meisten zum Schmunzeln bringt, ist, dass ich an mir selbst beobachte, wie ich jeden Tag an der Sitzung etwas tiefer in den Stuhl sinke und kaum noch nicke, wenn der Redaktionschef  etwas sagt. Ich schalte sozusagen auf Energiesparmodus. Was bei diesen Temperaturen und Bedingungen ja auch irgendwie Sinn macht.

 

24.10.2010 – Europäer haben Uhren, Afrikaner haben Zeit
Letzte Woche um 19 Uhr in einer Wohnung am anderen Ende der Stadt. Da find ich mich wieder im Wohnzimmer des Präsidenten des Regionalrates von Kidal, einer Region im Norden von Mali. Kein offizieller Pressetermin, sondern eine ganz persönliche Einladung. Zwei Tage zuvor hatte mich ein Zeitungsjournalist, der wusste, dass ich mich für den Konflikt im Norden interessiere, angerufen und gefragt: „Hast du Lust den Präsidenten des Regionalrates zu treffen?“.  

Wir verabredeten uns für ein Treffen um 14 Uhr, das auf 16 Uhr verschoben wurde, um am Ende um 19 Uhr stattzufinden. Ein Treffen beim Präsidenten zu Hause.

Da sass ich nun also. Mein Gesprächspartner entspannt auf dem Sofa ausgestreckt. Feierabendstimmung. Sein Handy klingelte im Minutentakt, dazwischen tauschten wir uns über die Kühe in der Schweiz, die wunderbare Weite im Norden und über seine Kinder in Paris aus.

Lektion 1: Mit Malier im Allgemeinen, mit einem Tuareg im Besonderen  spricht man zu Beginn über so manches, aber bestimmt nicht über den Grund des Besuches.
Nach einer halben Ewigkeit gab mir der Journalist, der mich vermittelt hatte, den Wink, dass ich nun meine Fragen platzieren solle. Und so stellte ich direkte Fragen und bekam indirekte Antworten, regelmässig durch minutenlange Telefongespräche unterbrochen.

Lektion 2: Ein Tuareg spricht in Bildern und vor allem zwischen den Zeilen.
Anschliessend machten wir noch eine kurze Aufnahme für Klédu (höre Audio am Ende) und unterhielten uns über sein PC-Ablagesystem, über die Fläche der Schweiz, über die Risiken und Nebenwirkungen einer Reise in den Norden.
Die Zeit verging, mein Magen knurrte, das Telefon surrte.
Irgendwann, nach dem ich bereits wiederholt „Bon“ gesagt hatte und „Merci beaucoup“, erlöste mich der Journalist und erklärte, dass wir noch ans andere Ende der Stadt sollten und deshalb aufbrechen würden.

Lektion 3: In der Tuareg Kultur bittet (ganz explizit: Darf ich mich auf den Weg machen?) der Gast (sprich ich) um seinen Abgang. Es gilt als unhöflich, dass der Gastgeber das Gespräch beendet. 
Am Ende waren wir geschlagene 2 ¾  zu Gast. Man stelle sich das einmal in der Schweiz vor!
Das Treffen war nicht nur lehrreich, sondern in so mancher Hinsicht typisch:
So geschieht hier alles über Kontakte. Es geschieht nie wie geplant, sondern später. Aber und das fasziniert mich immer wieder, es geschieht!  Und es geschieht wortreich, unkompliziert und egal an welchem Wochentag zu welcher Uhrzeit.
So dass ich immer wieder an einen Satz denken muss, den ich im Buch „Ach, Afrika“  von Bartholomäus Grill gelesen haben: „Europäer haben Uhren, Afrikaner haben Zeit.“

Audiobeitrag zur Situation im Norden Malis

 

27.10.2010 – Morgens um Sieben in Bamako
Heute Morgen habe ich die Kinder auf ihrem Weg in die Schule begleitet…

… habe an der Strassenecke den starken Jungs zugeschaut, wie sie Karren voller Wassermelonen, Reissäcke, Zwiebeln und Kartoffeln den Berg hinauf zerrten….

…habe mit dem Metzger um die Ecke über sein Rindfleisch philosophiert…

…und mich gefragt, wie gewisse Autos hier überhaupt noch vom Fleck kommen.

Ein Morgen in Bamako: Abgasreich, emsig und voller Menschen. Die Geschäfte laufen auf Hochtouren, die Motoren ebenso und beim Bäcker gibt es schon längst kein Brot mehr. 

 

31.10.2010 – Hoffnungslosigkeit
Die drei jungen Männer sitzen auf dem Treppenabsatz vor dem Eingang und starren ausdruckslos vor sich hin. Einer blickt zu uns auf und sagt „Wir wollen nach Hause.“

Sie gehören zu einer Gruppe von zwanzig Männern, die am Vorabend aus der Wüste zurückgeschafft wurden. Ein Transporter des Roten Kreuzes hat sie im Niemandsland im Norden von Mali in einem Auffanglager abgeholt und nach Bamako gefahren. Hier sitzen sie nun, müde, ziel- und mittellos.

Die Vision von Europa ist zerstört, das letzte Geld, dass die Familie für die Reise zusammen gekratzt hat ist aufgebraucht, die Scham, gescheitert zu sein unendlich gross. Nicht selten plagen sie neben den körperlichen auch psychische Schmerzen. 

In Bamako finden sie bei ARACEM Unterschlupf (Association des Refoulés d'Afrique Centrale au Mali). Hier kriegen sie etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf und haben das Recht auf einen drei minütigen Anruf nach Hause, um ihre Rückkehr, sofern sie das wollen, zu organisieren. Oftmals ist die Angst mit leeren Händen zurück zu kehren zu gross und so machen sich einige immer wieder, bis zu zehn Mal auf den Weg in Richtung Norden.  

Patrice, der mit einem Weggenossen aus Kamerun, ARACEM gegründet hat und selbst vor vier Jahren, in der Wüste aufgegriffen wurde, erzählt mir, dass pro Monat 600 alte Männer, schwangere Frauen und Teenager bei ihnen stranden. Nur jeder Fünfte schaffe es auf diesem Weg Afrika zu verlassen. Und noch etwas weniger kommen lebend in Europa an.

Er selbst kann sich nicht noch einmal vorstellen auf diesem Weg nach Europa zu gehen. Dieses Risiko sei Europa nicht wert, sagt er.

Der Vormittag bei ARACEM wühlt auf. Eine solche Leere umhüllt diese Männer! Dafür kommt mir nur ein Wort in den Sinn „Hoffnungslosigkeit“.

http://www.aracem.org/

 

3.11.2010 – Die kleinen Unterschiede
Es ist für mich jedes Mal erneut faszinierend, wie schnell Fremdes vertraut wird. Dinge, die mir zu Beginn aufgefallen sind, die mich irritiert, amüsiert, schockiert haben, bemerke ich heute kaum noch.

So gibt es hier keine Postboten oder Briefkästen. Blaue Flecken auf der Haut kennt man nicht. Bezahlen kann man eigentlich nur mit Kleingeld, den Wechselgeld gibt es nur bedingt. Käse kennt man nur in der Form von „La vache qui rit“. Nachts sieht man mich, ich sehe niemanden. Erdnüsse schmecken hier nicht nach Fett. Wenn man sich grüsst, dann fragt man auch nach der Familie und der Gesundheit. Taxifahren ist ein Männerberuf. Teilzeitarbeit ist ein Begriff, der hier keinen Sinn macht.

Die Schweiz ist das Land, wo das Geld herkommt. Wasser oder Fruchtsäfte kauft man auf dem Markt in kleinen Plastiksäcken. Ein Handyabonnement hat niemand. Und die meisten haben zwei Handynummern, damit sie je nach Tarif zwischen den Anbietern wechseln können. Frauenhaare sind meistens nicht echt. Säuglinge brauchen keine Windeln. Auf dem Markt einkaufen ist Frauensache. Am Freitag zieht man sich besonders schön an (Freitagsgebet). Esel stehen mitten in der Strasse und haben Vortritt.

Nachts ist es dunkel, wirklich dunkel. Essen wird stets geteilt. Visitenkarten sind im Beruf überlebenswichtig. Das Gemüse wird mit Javelwasser gereinigt. Waschmaschinen gibt es keine, Optiker auch nicht. Taxifahren ist ein sozialer Event. Schlafen kann man überall. Joggen geht auch mit Plastiksandalen, Fussballspielen ebenso. Schwarz ist hier keine Kleiderfarbe. Nichts scheint zu schwer, um auf dem Kopf getragen zu werden…usw.

 

8.11.2010 – «Amelie’s Coiffure» in Bamako

Amélie steht mit Nadel und Faden bewaffnet hinter ihrer jungen Kundin, assistiert von ihrer Lehrtochter, die Haarbündel um Haarbündel hervorzaubert und der Chefin reicht. Wo eben noch nackte Kopfhaut glänzte, fallen nun dicke schwarze Locken über runde Schultern.

Daneben streift sich Sonja die Plastikhandschuhe über und beginnt einer mittelalterlichen Dame eine weisse Masse in die Haare zu massieren, zerrt und knetet, was die Kopfhaut aushält.
Auf dem dritten Stuhl sitzt eine frisch frisiert Frau, die sich von ihrer Kollegin schminken lässt: Die Lider pink, die Augenbrauchen rot, die Lippen schwarz umrahmt und lila aufgefüllt. Make-up à la sénégalaise, erklärt mir Amélie.

Amélie selbst ist von der Côte d’Ivoire und Chefin dieses Coiffeursalons in mitten von Bamako. Ein Coiffeursalon, der mir wie eine verkehrte Welt erscheint.

Die Frauen kommen mit kürzeren Haaren als sie gehen. Anstatt geschnitten, wird hier genäht (Kunsthaar auf geflochtenes Echthaar). Krause Haare werden mit Dauerwellenmittel gestreckt.

Und so nebenbei fällt mir auf, dass es im ganzen Raum kein fliessendes Wasser gibt. Die Haare werden eimerweise gespült.

An diesem Nachmittag erfahre ich zu dem, dass es nicht angebracht ist zu verschiedenen Anlässen die selbe Frisur zu tragen. Dass manche Frauen wegen ihren Frisuren Schmerzmittel schlucken. Dass man die Naturhaare am besten einmal pro Woche mit einer Art Weichspüler (weisse Masse von oben) behandeln muss, will man sie gut frisieren können. Und dass die besten künstlichen Haarteile für Kurzhaarfrisuren aus der Côte d’Ivoire kommen.

Eine kleine, spannende Welt für sich: «Amelie’s Coiffure» in Bamako.

 

10.11.2010 – Schafe erobern die Stadt

Noch sieben Tage bis zu «Tabaski», dem grossen Opferfest. Es ist der höchste Feiertag der Muslime und es gehört sich an diesem Tag ein Tier zu opfern.

In Mali kommen vor allem Schafe unters Messer und das ist unübersehbar. Seit einigen Tagen glotzen mich an jeder Strassenecke mindestens zwanzig Schafaugen an. Sie sitzen, kauen und blöcken in mitten der Strasse, zwischen den Marktständen und auf den Minibussen (festgezurrt!). Für ein solches Schaf muss man im Schnitt 60‘000 CFA hinblättern, hat man mir gesagt. Das sind rund 120 Franken, ein Vermögen, wenn man bedenkt, dass ein Malier im Schnitt knapp  40 Franken pro Monat verdient!

Die Leute brauchen also Geld. Entsprechend steigen in diesen Tagen die Taxipreise und die Polizei schikaniert die Leute mit exzessiven Verkehrskontrollen. Irgendeinen Grund finden die Herren in Blau immer, um ein Auto an den Strassenrand zu winken. Präsentiert man jedoch umgehend die Fahrzeugpapiere, welche hier neben dem Standartdokument auch noch ein Geldstück enthalten, darf man ohne Strafzettel weiterfahren.

Tabaski, das bedeutet aber auch, dass die Schneider bis tief in die Nacht an ihren Nähmaschinen sitzen und sich vor Coiffeursalons Schlangen bilden. Und Banken werben mit extra lukrativen Kredit Angeboten, schliesslich muss das neue Kleid, die neue Frisur auch irgendwie finanziert sein.

 

15.11.2010 – Dafür reicht die Zeit immer
Zu Beginn brauchte ich für den Weg von meinem Haus bis zum Quartierladen zehn Minuten. In der Zwischenzeit kann dieses Unterfangen gut eine Stunde in Anspruch nehmen.

Kaum die Haustüre verriegelt, winken mich nämlich bereits die Jungs aus meiner Strasse zu sich. Sie wollen wissen, wie es mir heute so geht, was ich vorhabe und was es neues zu erzählen gibt. Wann immer ich das Haus verlasse, sitzen sie da, kochen Tee, plaudern und beobachten die Strasse. Besonders der grossgewachsene Salim liebt es, sich mit mir über Demokratie und Micheline Calmy-Rey zu unterhalten. Dank TV5 ist er bestens über die Schweizerpolitik informiert. 

An der Strassenecke treffe ich dann meist auf die Haushaltshilfen meiner Nachbarin. Zwei junge Frauen, die vor dem Haus Kleider, Kinder und Kochtöpfe schruppen.  Seit sie wissen, dass ich auf Bambara grüssen und zwei, drei Brocken austauschen kann, rufen sie jeweils bereits von Weitem meinen Namen. Französisch können sie nicht.

Ein paar Meter weiter bügelt der Schneider Ba vor seinem Atelier  die frisch genähten Kleider. Ba habe ich für eine Reportage interviewt und somit bin ich nicht mehr eine Unbekannte, die durch die vorbei spaziert, sondern eben „Sabine“. Was bedeutet, dass wenn wir uns sehen, mit der Arbeit inne gehalten und nach Familie, Gesundheit und dem Tagesverlauf gefragt wird.  Und meist wird sogleich auch einen Stuhl frei geräumt und Tee gebraut. Da kann ich nicht anders, als mich hinsetzen, Ba bei der Arbeit zu schauen und mich mit den Nachbarn, die sich ebenfalls rund um das Atelier installiert haben, über Gott und die Welt unterhalten. In diesen Momenten erfahre ich dann die wirklich interessanten Dinge über Mali und seine Leute.

Ein Spaziergang zum Quartierladen ist hier mehr als nur einen Punkt auf der „To do–Liste“, der abgehackt werden kann. Es ist vielmehr ein sozialer Moment, da erfährt man, wo der Schuh drückt,  welcher Handyanbieter zur Zeit, die besten Tarife anbietet und wer in dieser Woche eine Taufe feiern wird.  Und zudem ist es das beste Rezept gegen schlechte Laune.

 

17.11.2010 – Der krönende Abschluss
„Die Nieren gibt’s zum Frühstück, die Beine und den Kopf essen wir am Samstag mit einer Suppe und die Rippen werden grilliert und am Mittag serviert“, klärt mich der Mann meiner Arbeitskollegin. Seine Familie hat mich, wie bereits zum Ende des Ramadans, heute zum grossen Schafsfest eingeladen. Wobei, den Schafen nach diesen Worten wohl alles andere als zum Festen zu Mute ist.

Eines liegt bereits mit aufgeschnittener Kehle am Boden, das Zweite wird eben aufgeblasen, damit sich die Haut besser abziehen lässt und das Dritte kommt gleich unters Messer. Wobei mir alle versichern, dass alle Schafe, die heute geopfert werden, stolz seien und glücklich, denn sie kämen direkt in den Himmel. Ich hoffe nur, dass es der Schafshimmel ist und nicht das Paradies der Menschen, die wohl auch dort nicht auf eine saftige Lammkeule verzichten wollen.

Diese Schafe zu schlachten, das ist echte Körperarbeit, ich bin beeindruckt. Am Ende fliesst nicht nur Blut, sondern vor allem auch Schweiss. Und es braucht so einiges Geschick, damit man sich beim Säubern der Innereien nicht in den  meterlangen Gedärmen verstrickt.  Dieser Teil ist Männerarbeit, die Frauen kommen in der Küche zum Zug.

Stundenlang sitzen sie über dem enormen Fleischberg und entfernen Fettschichten und zerhacken Knochen.  Den grössten Teil  frieren sie  anschliessend ein,  gewisse Brocken kommen gleich auf den Grill oder in die Pfanne und ein weiterer Teil wird in Plastiksäcke verpackt und für jene Leute bereitgestellt, die sich für „Tabaski“ kein Schaf leisten konnten und an diesem Morgen von Haus zu Haus gehen. Solidarität wird an diesem Tag grossgeschrieben.

Das grosse Schafsfest – für mich das perfekte Abschiedsfest.

 

18.11.2010 – Au revoir
Zeit zum Koffer packen, die Wohnung und diesen Blog abzuschliessen.

Anbetracht des Abstimmungskampfes zur Ausschaffungsinitiative, der mich in der Schweiz erwartet, möchte ich das mit folgendem Gedanken tun.

Wo immer ich hin ging in diesen letzten Wochen, man hiess mich willkommen und teilte Essen, Zeit und Gedanken mit mir. Ich wurde als Christin zu den muslimischen Festen eingeladen. Kaum betrat ich eine Runde, wurde mir eine Sitzgelegenheit organisiert, einen Tee oder Wasser serviert, unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten meiner Gastgeber.  

In Mali wurde ich als Ausländerin herzlich willkommen geheissen, denn schliesslich, so erklärte man mir, habe ich die Mühe des Weges auf mich genommen, um sie hier zu besuchen.

 

 

 

 
Sabine Meyer (MAZ-DEZA)  
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