Von Mitte November 2011 bis Ende Januar 2012 ist Daniela Mathis (1973) in Nicaragua für die spanischsprachige Tageszeitung El Nuevo Diario in der Hauptstadt Managua unterwegs. Im Juni 2011 hat sie das Journalismus-Studium an der Höheren Fachschule «Schule für Angewandte Linguistik» SAL in Zürich abgeschlossen. Seit 2006 arbeitet sie in der Unternehmenskommunikation bei der Caritas Luzern, davor bei der Medienhilfe in Zürich, einer NGO im Bereich Medienunterstützung und -entwicklung in Osteuropa.
20.11.2011 – Wenn einer eine Reise tut
06.55 Uhr und schon Verspätung. Das Flugzeug nach Amsterdam muss erst abgetaut werden, es habe Eis gegeben in dieser Nacht. Naja, dann weniger Aufenthalt im Schipol, auch gut. Kaum am Amsterdamer Flughafen angekommen sehen meine Augen: Panama-Stadt, Verspätung, 13.30 Uhr, statt 11.50 Uhr. Wirklich? Halbe Stunde später nochmals überprüft – wirklich. Hm, das heisst, dass der Anschlussflug in Panama-Stadt kaum zu schaffen ist.
Um 13 Uhr bewegt sich dann etwas am Gate, endlich einchecken. Aber wieso das Chaos, und wieso das Schneckentempo, frage ich mich? Beim Gate gibt es eine Gepäckkontrolle, inklusive Ganzkörperscan! Toll ... Dann geht’s dann doch endlich los. Irgendwann wird klar, dass die Anschlussflüge weg sein werden. Aber genau Infos gibt’s keine, ausser dass wir uns ans Bodenpersonal wenden sollen in Panama-Stadt. Mir schwant Böses …
Einmal gelandet, bricht das Chaos erst richtig los. Nach Managua geht’s erst morgen weiter. Mir auch recht. Bin so müde, dass ich im Stehen einschlafen könnte und einfach ein Bett will. Also ja, eine Nacht in Panama-Stadt auf Kosten der KLM, soll mir recht sein. Aber das muss man sich erst verdienen! Nervöse Leute, schlechte Informationen, Unsicherheiten, fehlerhafte Planung– en fin, es dauert ewig, bis wir dann mit allen Betroffenen und dem Gepäck durch die Passkontrolle nach draussen gelangen.
Ah, da ist sie, die Wand aus feuchter warmer Luft! Ja, ich bin auf einem anderen Kontinent, definitiv. Endlich im Hotel, das Zimmer ist edel. Deluxe-Zimmer im Riu Plaza Hotel, 23. Stock. Die KLM lässt sich nicht lumpen. Zum überdimensionalen Zimmer gibt’s gratis ein Nachtessen dazu und einen Anruf auf Kosten der Fluggesellschaft. Klingt ein bisschen nach Henkersmahlzeit mit einem letzten Anruf …
Deluxe-Zimmer Riu Plaza Hotel, Panama-Stadt
Am Morgen die gleiche Desorientierung in der Hotellobby. Es wird Ausschau gehalten nach einer KLM-Informantin, aber nichts. Die hatten sich gestern schon rar gemacht. Also einfach mit dem Buschauffeur mit. Auf der Fahrt dahin wieder quer durch Panama-Stadt. So lernt man die Welt auch kennen, wie damals in Sao Paulo, als mir was Ähnliches passierte. Hier aber gibt’s die Tower Bank – grandiose Namensgebung! Oder die Global Bank, aha. Und die Banco Aliado – die alliierte, die verbündete Bank, das grenzt schon an Zynismus. Und auch nicht zu übersehen, die vielen Tanker in der Bucht vor Panama-Stadt. Ansonsten viele Hochhäuser, viele Luxushotels, viele Baustellen; vor dieser Skyline, zwischen Küste, Strasse und Hochhäusern eingequetscht, die klassischen einstöckigen Häuschen einiger Einheimischen, sehr bescheiden. Da ist es, das „echte“ Panama.
Das Licht hier so früh am Morgen erinnert an andere Länder Lateinamerikas, fahl und etwas milchig. Es packt die Landschaft förmlich in eine andere Welt ein. Am Flughafen dann ist jeder auf sich alleine gestellt. Keine KLM-Fee in Sicht. Leider wieder ein langer Aufenthalt am Flughafen: Um 7 Uhr früh mussten wir schon aus dem Hotel, fliegen aber erst um 11.50 Uhr. Naja. Das gibt wenigstens Zeit, ein paar Dinge zu erledigen. Wie einen Adapter für den Laptop zu kaufen. Gestern im Hotelzimmer musste ich mit Schrecken feststellen, dass der, den ich seit ewig habe, ja gar nicht geht. Dreipol-Stecker auf Zweipol-Adapter passt, auch wenn man‘s noch so oft dreht, einfach nicht. Aber an Flughäfen kriegt man ja (fast) alles, und für $15 hab ich jetzt einen Allerweltsadapter. Und weil mein Laptop nun wieder Futter hat, bleiben mir Zeit und Muse, zu schreiben. Kurz nach Mittag sollte ich dann endlich in Nicaragua landen. Dann hab ich noch nen halben Tag, um anzukommen, bevor ich Montag früh um 8.30 Uhr in der Redaktion antrabe. Mal sehen, mit wie viel Jetlag ich dann meinen ersten Text für die Zeitung schreibe.
22. November 2011 – Mann über Bord
Das Boarding ging soweit ganz pünktlich und gelassen über die Bühne. Aber ich dachte noch, noch sind wir nicht in der Luft, noch sind wir nicht in Managua. Die Türen waren schon geschlossen, dann: Einer der Passagiere musste in Panama-Stadt bleiben, er war krank und die Crew wollte kein Risiko eingehen. Der arme Kerl ist schon mit uns hier zwischen gestrandet und ist noch länger unterwegs als ich, von Pakistan her. Aber, er musste raus. Und natürlich auch sein Gepäck. Bis das gefunden wurde, verging wieder eine ganze Weile. Dann aber endlich, in der Luft.
80 Minuten später im Sinkflug – man sieht schon den Managua-See. Verdammt, ist der riesig. Da verschwinden locker alle Schweizer Seen zusammen darin und mehr. Die Einreise geschieht problemlos, der internationale Flughafen Augusto C. Sandino ist nicht sonderlich gross.
Dann endlich steh ich vor meiner Gastfamilie, die mich abholt. Zuhause krieg ich ein leckeres kühles nationales Toña-Bier und nach viel quatschen muss ich passen und mich für ne Weile hinlegen. Das Abendessen besteht aus den Klassikern: Hühnchen, Reis, Gemüse und Tortilla. Und danach geht’s noch zur Rotonda, auf meine Ankunft anstossen. Der erste Rum – natürlich nicaraguanischer Flor de Caña – fliesst bei lauter Mariachi-Musik. Endlich dann zu später Stunde find ich zurück ins Bett und schlafe wie ein Stein. Ich werde noch gewarnt, dass mich morgens um 5 Uhr der krähende Hahn aufwecken würde.
Aufgeweckt wurde ich, aber vom lauten Verkehr, der morgens um diese Zeit losgeht. Und da wir sozusagen an der Panamericana wohnen, die hier eine vierspurige Strasse ist, kommt so einiges zusammen. Wenn man aus dem ruhigen Zürcher Wipkinger-Quartier kommt, wo höchstens die vielen Kirchglocken als Lärm bezeichnet werden können, braucht das schon etwas Eingewöhnungszeit.
El Nuevo Diario
Die zweitgrösste Tageszeitung des Landes hat eine Auflage von gut 11 000. El Nuevo Diario entstand nach dem Sturz der über 50 Jahre dauernden Diktatur der Somoza-Familie und ist in ihrem 31. Jahrgang. Wie die „grosse Schwester“ La Prensa (Auflage rund 26 000, besteht seit 85 Jahren) erscheint El Nuevo Diaro, oder einfach END, sieben Tage die Woche als Printversion. Beide kosten 7 Cordobas, was etwa 30 Rappen entspricht, bei einem Pro-Kopf-Einkommen von etwa einem Franken pro Tag (Auswärtiges Amt Deutschland, 1,127$, Stand 2010). Eigentlich kann man sagen, dass es die beiden einzigen Zeitungen sind, zumindest überregionale.
Das Logo des END
Der Internetauftritt elnuevodiario.com.ni wurde vor etwa einem Jahr überarbeitet, und sie scheint beliebt – über 70 000 Zugriffe werden täglich verzeichnet. Die Leser/innen der Webversion sitzen aber auch im Ausland, insbesondere in den anderen zentralamerikanischen Ländern, den USA und Spanien. Der Internetzugang in Nicaragua beziffert 2009 das CIA World Factbook bei knapp 30 auf 1000 Nicaraguanern (Bevölkerungszahl: ca. 5,8 Millionen Einwohner plus eine Million Nicaraguaner im Ausland).
Redaktion Tag 1
Um 9 Uhr lande ich endlich in der Redaktion und noch ziemlich durch den Wind von der langen Anreise. Luis Galeano, der Chefredaktor, erklärt mir das eine und andere und wir unterhalten uns über mögliche Themen. Ich krieg ne Einführung in den Internetauftritt der Zeitung mit all ihren Social-Media-Komponenten und den rasenden Reportern, die anrufen und den Onlineredaktoren kurze Meldungen diktieren, die sie alsdann ins Internet stellen.
Ansonsten heisst es, die Site mit News abfüllen, Agenturmeldungen reinlaufen lassen, den Ticker bedienen, Fotogalerien erstellen, Videos posten, Leserkommentare prüfen und verwalten usw. Eben wie in der Schweiz. Ab und zu hätten sie auch mal Zeit, einen eigenen etwas längeren Text zu schreiben. Aber zu viert plus Chefin von 7 bis 23 Uhr (in jeweils zwei Tagesschichten, inklusive Wochenende) lässt erahnen, dass nicht viel drin liegt.
Ich lerne auch gleich den heutigen Besitzer des END kennen, Francisco Chamorro, Sohn des Gründers Xavier Chamorro. Ja, von DER Chamorro-Familie. Aus der Generäle, Unternehmer, Publizisten und mehrere Präsidenten hervorgingen, als letzte Violeta Chamorro, von 1990–1996, und die auch die liberale La Prensa herausgeben. Die übrigens praktisch das Nachbarhaus innehat, nur ein Bächlein trennt die beiden Lager. Das sei schon fast symbolisch, erzählt man mir, nicht nur die Lokalität, sondern eben auch die Ideologien der Gründer der beiden Zeitungen stünden sich gegenüber.
Der ältere Brüder von Xavier, Pedro Chamorro (Gründer der La Prensa), wurde aufgrund seiner kritischen Haltung der Somoza-Diktatur gegenüber 1978 ermordert. La Prensa sympathisierte anfangs mit der sandinistischen Regierung, welche die Diktatur gestürzt hatte, schwenkte dann aber bald auf eine kritische Haltung um. Xavier, der den Posten seines ermordeten Bruders übernahm, verliess in der Folge La Prensa, um END zu gründen. Sein Motto war: ser la voz de los sin voces – die Stimme der Stimmlosen sein – als editorische Linie. Mal sehen, ob das auch heute noch so ist.
Heute gilt zumindest der END als kritischer in der Berichterstattung als La Prensa, die gegen alles schiesse, was irgendwie mit dem Präsidenten und dem Sandinismus zu tun hat. END gilt immer noch eher als links, hat sich aber von Ortega distanziert, da er immer stärkere autoritäre Züge aufweist wie beispielsweise die Aushebelung der Verfassung, damit er als Präsident wieder gewählt werden kann, obwohl keine Präsidentschaft in Folge in der Konstitution vorgesehen ist. Zumindest macht auf den ersten und zweiten Blick die Aufmachung des END einen guten Eindruck, sie ist angenehm unaufgeregt. Kaum Bilder mit blutüberströmten Leuten oder sonstigen skandalösen Bildern. Eine eher zurückhaltende Bildsprache.
Menschenrechte und Propaganda
Nachmittags darf ich mit zu einer Pressekonferenz der Procuraduría para la Defensa de los Derechos Humanos, die staatliche Ombudsstelle zur „Verteidigung der Menschenrechte“. Ein Bericht wurde vorgestellt, der die Geschehnisse rund um Ausschreitungen nach den Wahlen untersuchte, in dem drei Männer umkamen, von anscheinend betrunkenen Polizisten erschossen. Nach dem „Rapport“ der Geschehnisse kamen die Vorschläge der Kommission, was zu tun sein, damit so etwas nicht wieder geschieht. Und leider dann zum Schluss noch ein propagandistsicher Monolog des Direktors, dass so etwas unter der neuen alten Regierung nicht vorkommen darf und soll und sowieso die anderen Schuld sind.
Auf dem Weg zur Pressekonferenz und zurück in die Redaktion seh ich endlich etwas von Managua. Wir fahren am Parlamentsgebaude, dem einzigen Hochhaus in der Hauptstadt und am sogenannten Zenturm vorbei. Weihnachten 1972 gab es ein heftiges Erdbeben, welches die Stadt zerstörte. Anscheinend seien nur drei Gebaude stehen geblieben, unter anderem das Finanzministerium und die Kathedrale. Davon hat sich die Stadt bis heute nicht erholt, auch, weil grosse Teile der internationalen Hilfsgelder durch die korrupte Somoza-Familie massiv veruntreut wurden. Ruinen stehen immer noch, als Mahnmal, ein Zentrum gibt es nicht mehr.
Pressekonferenz
Um 17 Uhr holt mich meine Gastmutter Candida von der Redaktion ab, wir gehen ins Einkaufscenter Multicentro, um ein Wireless für meinen Laptop zu kaufen. Perfekt, ist grad Promotion. Für umgerechnet etwa 35 Franken krieg ich ein USB-Stick und die ersten 24 Stunden gratis, dann muss ich nochmals etwa 25 Franken bezahlen für einen Monat Internet und krieg dazu einen Monat gratis. Passt perfekt für die Dauer meines Aufenthaltes, und zu dem Preis ...
Aber das ganze Prozedere dauert eine kleine Ewigkeit. Die ersten beiden Sticks funktionieren nicht und das Mädel kann sie nicht konfigurieren. Dann will sie mir was anderes andrehen, weil sie bereits kassiert hat und sie sonst einen Storno auf meine Kreditkarte machen müsste. Nach langem hin und her probiert sie ein drittes Modem aus und voilà, es funktioniert. Ich bin online. Zumindest für 24 Stunden. Dann heisst es, nochmals an den Stand und recargar, aufladen.
23. November 2011 – Entschleunigung pur
Heute war mein erster Einsatz. Besuch auf der Koordinationsstelle von „Interteam – Fachleute im Entwicklungseinsatz“, einer schweizerischen NGO mit Sitz in Luzern. Ich möchte über ein Projekt berichten, das Interteam mit der hiesigen Partnerorganisation Fé y Alegría und unter anderem mit der finanziellen Unterstützung der DEZA, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, hier durchführt. Es geht um bessere Zukunftschancen für Kinder in Nicaragua.
Ich darf also das erste mal mit einem der hauseigenen Chauffeure raus. Das Koordinationsbüro liegt in einem der ältesten Viertel in der Stadt, das merkt man, hat es doch irgendwie eine etwas geordnetere und ruhigere Ausstrahlung als die Viertel, die ich bis jetzt gesehen habe. Und – hier am undenkbarsten Ort treff ich eine SAL-Absolventin! Fabienne muss kurz bevor ich an der Höheren Fachschule SAL in Zürich angefangen habe zu studieren ihr Didaktikstudium abgeschlossen haben. Sie leitet das Projekt, über das ich berichten möchte. Die Welt ist klein.
Ich rufe rechtzeitig auf der Redaktion an, damit mich der Fahrer wieder abholt. Das ist hier so üblich und ist auch ganz gut so. Praktisch, denke ich noch. Da wusste ich noch nicht, dass ich geschlagene zwei Stunden auf dem Gehsteig werde warten dürfen. Erst gab es ein Missverständnis und dann war der Fahrer irgendwo anders unterwegs mich suchen. Es war aber eine willkommene Entschleunigung für mich; seit ich Samstagfrüh los bin von zu Hause bin ich irgendwie nur unterwegs. So hab ich im Schatten einiger alten Bäume gewartet, an der frischen Luft statt bei Klimaanlage und habe mich nett mit dem Schuhputzer und dem Wächter unterhalten. Spannend zu hören, was diese Menschen bewegt und wie sie sich durchs Leben schlagen.
25. November 2011 – Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen
Wie jeden Morgen schau ich mir erst die beiden Tageszeitungen, den END und La Prensa, an. Die END hat mehrere Texte zum heutigen Gedenk- und Aktionstag gegen Gewalt an Frauen drin, sogar eine Spezialbeilage „¡Mi cuerpo no está en venta!“ (Mein Körper steht nicht zum Verkauf!). Es geht um Frauenmorde, Missbrauch, Prostitution, Menschenhandel. Und wie man beispielsweise erkennt, dass man an die falschen Leute gerät: Freundinnen versprechen einem ein besseres Leben drüben in Costa Rica oder Honduras, kaufen schöne Kleider usw. Gibt man den Verlockungen nach, weil man dem Leben zu Hause, das vielleicht voller häuslicher Gewalt und Armut ist, entfliehen will, steckt man schnell in einem noch tieferen Sumpf. Denn oft haben die Frauen auch keine Papiere und können so kaum von alleine wieder nach Hause reisen, nachdem sie illegal in ein anderes Land geschleust wurden. Frauen kommen zu Wort, die Gewalt erlebt haben. Entsprechende Gesetzesartikel werden genannt, Anlaufstellen und Hilfsprojekte.
Mir fällt auf, dass die „La Prensa“ das Thema kaum aufnimmt, weder mit einer grossen Anzeige zur für heute angekündigten Demonstration, noch mit Berichten. Ihre Spezialbeilage zum heutigen Tag widmet sich der frisch gekürten Miss Teen Nicaragua. Es geht um Schönheit, um Schein und um all den Pomp.
Dabei steht es in Nicaragua eher schlecht um die Rechte der Frauen, Vergewaltigungen, häusliche Gewalt und Missbrauch sind insbesondere in den ländlichen Gebieten stark verbreitet; zwischen 25 000 bis 30 000 Anzeigen erhält die Kommission für Frauen und Mädchen diesbezüglich jährlich. Immerhin wird nun darüber gesprochen und Anzeige erstattet, noch vor ein paar Jahren war das ein Tabuthema. Die Straflosigkeit bei solchen Taten indes ist recht hoch, vorhandene Gesetze werden kaum angewandt und so erhalten Täter selten ihre verdiente Strafe. Gewalt und Missbrauch erfahren ebenso Knaben und Jugendliche. Gemäss Amnesty International ist fast die Hälfte der Opfer von Vergewaltigungen in Nicaragua noch keine 14 Jahre alt. Nicaragua weist die höchste Zahl von Teenager-Schwangerschaften in Lateinamerika und der Karibik auf: Rund jede vierte Gebärende ist zwischen 15 und 19 Jahre alt. Dabei gilt ein absolutes Abtreibungsverbot. Ein trauriger Alltag.
Am Abend steht ein Konzert auf der Agenda zum heutigen Tag gegen Gewalt an Frauen. Die Lokalität ist hier sehr bekannt, das Ruta Maya, ein Kulturzentrum mit Restaurant und Bar. Neben der international bekannten Katia Cardenal singen auch die beiden Liedermacherinnen aus Nicaragua, Gaby Baca und Elsa Basil. Eines der bekannten Lieder, bei dem das ganze Ruta Maya mitgesungen hat, ist Casa Abierta – Offenes Haus:
27. November 2011 – Juigalpa
Am Samstag schleppt mich meine Gastfamilie mit nach Juigalpa – zu einem Geburtstag am Sonntag. Glücklicherweise kann ich mir ein Sitzplatz ergattern, so einen vollen Überlandbus hab ich noch selten erlebt. Die knapp 140 Kilometer gen Osten legen wir in etwa drei Stunden zurück, leider haben wir keinen Expressbus erwischt, sondern den Bummler.
Juigalpa ist um einiges ruhiger und gelassener als Managua. Das Departement Chontales, dessen Hauptstadt Juigalpa ist, lebt vor allem von der Viehzucht. Dieses Wochenende scheint es zudem ein Reitturnier zu geben. Es gibt Feuerwerk am Abend und überall sind gestriegelte und herausgeputzte Pferde mit ihren stolzen Reitern unterwegs. Wir bummeln noch etwas durch die Stadt und legen uns zeitig schlafen. Denn um 04.30 Uhr werden wir mit lauter Mariachi-Musik geweckt! Eine Überraschung für das Geburtstagskind Doña Mirna von ihrem Mann, der zurzeit in den USA weilt. Die fünfköpfige Gruppe steht auf der Veranda, die gleich neben unserem Zimmer ist. Nach ein paar Liedern ziehen die Jungs wieder ab, und wir zurück ins Bett. Aber an Weiterschlafen ist gar nicht mehr zu denken.
28. November 2011 – Erholungstag
Heut nehm ich mir frei. Mein Magen spinnt seit gestern Morgen, die Rache des Montezumas – wenn sie denn bis nach Nicaragua reicht – hat mich nach einer Woche doch erwischt. Und die Heimreise gestern war auch nicht ganz ohne, sie dauerte noch länger als die Hinreise. Ich trinke brav Coca Cola mit Zitrone und Salz, ein bewährtes Mittel bei Verdauungsproblemen, krieg Suppe und Haferbrei und schlafe mich gesund. Es scheint soweit zu funktionieren.
Montags liegt dem END übrigens wie beim Tagi eine (spanische) Kurzausgabe der The New York Times bei. Eigentlich haben die Tageszeitungen hier eine für unsere Verhältnisse komische Zeitungsgrösse. Es ist weder das übergrosse Format der Deutschen, noch das praktische Schweizer Model oder das spanische. Die Breite stimmt in etwa mit den unseren überein, aber sie ist um einiges länger, sicher so an die 15 cm. Sie besteht aus zwei Bünden: der erste umfasst in der Reihenfolge Politik, Nationales, je eine Seite Wirtschaft und International und die Doppelseite mit Meinungen sowie die Rückseite.
Der zweite beinhaltet Sport, Vermischtes und Diverses sowie Nachrichten aus den einzelnen Departementen, Kleinanzeigen sowie Horoskop und Kreuzworträtsel. Die Berichterstattung der International-Seite besteht derweil hauptsächlich aus Agenturmeldungen, ausser, es ist grad jemand als Sonderkorrespondent irgendwo auf der Welt unterwegs. Und die Druckerschwärze geht gerne ab ... Hier zur Ansicht eine Front des END:
So sieht eine Front des END aus
Der END, auch wenn es die zweitgrösste Zeitung des Landes ist, weist im Prinzip keine Statussymbole auf. Weder ist das Gebäude etwas Spezielles wie etwa das Tamedia-Glashaus oder die neue Spiegel-Redaktion in Hamburg, noch hat das „Grossraumbüro“ mit seinen rund 30 Arbeitsstationen irgendeinen Luxus. Die Arbeitsplätze sind bescheiden in Platzangebot und technischer Ausrüstung. Einen Drucker hab ich ehrlich gesagt auch noch nicht entdeckt und wenn ich bei einer Recherche irgendwelche Filme anschauen möchte, klappt es meistens nicht, weil die entsprechende Software nicht geladen ist.
Mein derzeitiger Arbeitsplatz
Das liegt vielleicht daran, dass man hier eben noch raus geht, die Leute trifft und nicht nur Internet- und Telefonrecherche macht. Dafür stehen auch diverse Chauffeure zur Verfügung, die einem mitsamt Fotografen dorthin bringen, wo man hin muss und auch wieder abholen. Das ist relativ effizient und vor allem sicher.
Der Redaktionsraum hat kein Fenster, dafür eine Klimaanlage, die meist auf Hochtouren läuft und viel Kunstlicht. Die Wände grau, der Spannteppich braun und die beiden Bildschirme, über welche die News flimmern, sind zwei alte Röhrenfernsehgeräte. Auf einem läuft meist CNN en Español, auf dem anderen eine nationale TV-Station wie Canal 15. Wenn sie denn funktionieren und nicht grad ein Stromausfall war ...
Redaktionsraum
Das Haus ist zweistöckig, oben die Redaktion, unten die Administration, der Empfang, die Toiletten und der Aufenthaltsraum. Auch dieser weist kein Fenster auf, ist im selben Grau gehalten wie der obere Stock, hat zwei Tische drin und eine Mikrowelle. Es riecht immer nach Essen.
Man kann in Nicaragua also durchaus noch kritischer Berichterstattung nachgehen und sich frei bewegen. Druck aber wird ausgeübt und die Selbstzensur nimmt stetig zu. Wie auch die Konzentration der Medien in den Händen des Staates sprich dem Ortega-Clan. Gerade in diesen Tage wurde erneut dagegen protestiert, denn Ortega soll einen weiteren TV-Sender, Canal 2, aufgekauft haben, einen der wichtigsten und ältesten des Landes. Zur Medienkonzentration ist erst kürzlich in der FAZ ein Artikel (>PDF) publiziert worden).
Schlecht steht es um die Informationsfreiheit. Kritische Journalisten wie die vom END werden von offiziellen Stellen und Ministern, auf Geheiss des Präsidenten, praktisch boykottiert. Meist bekommt man als kritisches Medium keine Informationen von Amtsinhabern oder Funktionären, weder telefonisch noch persönlich. Hat man mal welche erhalten, werden sie oft gleich wieder dementiert und zurückgezogen und man kann sie wieder nicht verwenden. Oder wenn eine Pressekonferenz von offizieller Seite stattfindet, werden unliebsame Medien gar nicht eingeladen oder erst dann informiert, wenn diese schon begonnen hat. Da lohnt es sich selten, noch auszurücken, oft kommt man erst an, wenn alles schon vorbei ist. Auch eine Taktik, um kritischen Fragen aus dem Wege zu gehen ... Dann sieht man oft die Journalisten entweder vor dem Radio oder TV sitzen mit einem Aufnahmegerät und die übertragenen Reden und Pressekonferenzen aufnehmend. So erfahren sie zumindest, was gesagt wurde. Zur Rechenschaft ziehen kann man so aber niemanden.
Das alles sind Verletzungen der Informationsfreiheit, die Nicaragua eigentlich unter anderem aufgrund ihrer eigenen Gesetze sowie der diversen ratifizierten (Menschenrechts-)Konventionen einzuhalten hätte.
Anfang dieses Jahres erschien zu diesen Themen ein spannender und informativer Artikel in der Wochenzeitschrift Confidencial (die, wie könnte es anders sein, dem Cousin des END-Direktors Francisco Chamorro, Carlos Fernando Chamorro gehört), „La Libertad de Prensa en Nicaragua: antes y ahora“ (Die Pressefreiheit in Nicaragua: Einst und heute).
29. November 2011 – Eine Woche END
Ich bin wieder soweit fit, dass ich frühmorgens in die Redaktion gehe. Mein Text, den ich am Freitag noch abgegeben habe, wurde am Samstag publiziert, sogar ungekürzt. Einerseits in der Printversion des END – der Artikel wurde gar auf der Titelseite angerissen – aber auch in der Onlineausgabe (Maestra creó guía para enseñar inglés en escuelas sin recursos). Die Texte hier sind jeweils deckungsgleich, was im Print erscheint, erscheint im Web, und dies ungekürzt.
Der Chefredaktor, und mein Ansprechpartner, ist diese Woche als Spezialkorrespondent in Südkorea, am 4. Weltforum zur Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit. Ich bin daher etwas verwaist und nutze die Zeit, mich etwas mehr mit dem Land, dem politischen System und den Akteuren in Nicaragua auseinanderzusetzen. Denn morgen darf ich, wenn alles klappt, mit ins Parlament.
Wenn sich Gerüchte (fast) bestätigen
Mir ist zu Ohren gekommen, dass Francisco Chamorro doch nicht mehr der Hauptaktionär des END ist. Darüber wird in der Redaktion aber nur im Flüsterton gesprochen. Ich hacke nach, weil ich schon in der Schweiz das eine oder andere Gerücht gehört hatte, wie jenes, dass Präsident Ortega im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen die Tageszeitung gekauft habe, um ihr einen Maulkorb zu verpassen.
Der END war anscheinend schon Ende 2010 in grossen finanziellen Problemen aufgrund eines absoluten Inseratestopps seitens der Regierung sowie eines starken Rückganges von privater Werbung. Dadurch ging auch die Auflage zurück (früher an die 30 000) und einige Redaktoren wurden entlassen. Im Frühling 2011 muss die Zeitung wohl kurz vor der Insolvenz gestanden haben, als ein Käufer bzw. ein neuer Mehrheitsaktionär gesucht wurde. Der Ortega-Clan war äusserst interessiert und bot auch den besten Preis – anscheinend finanziert aus Geldern des ALBA bzw. des Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez. Im letzten Moment aber wurden 61% der Aktien des END an Ramiro Ortiz Mayorga verkauft, dem die grösste Bank des Landes, dem Banco de la Producción bzw. dem Grupo Proamérica Banpro, gehört, verkauft. Ortiz Mayorga ist Vorsitzender der einflussreichsten Unternehmergruppe Nicaraguas und war übrigens auch schon in der Schweiz tätig, als VR-Präsident von St. Georges Finance and Trust Co. (Suisse) SA in Lugano, bis diese im September 2011 aus dem Schweizer Handelsregister gelöscht wurde.
Die neuen Besitzverhältnisse sind einschneidend für die Tageszeitung, wurde sie doch seit ihrer Gründung 1980 von unabhängigen Publizisten geleitet. Seit Ende Mai 2011 untersteht sie nun der Führung der wichtigsten Finanzgruppe Nicaraguas, die zudem eine enge Beziehung zur Regierung unterhält. Es wird sich zeigen, wie nahe sie sich wirklich stehen und wie gross die Auswirkung auf eine unabhängige und kritische Berichterstattung des END sein wird. Die Wahlberichterstattung war immerhin noch kritisch und mehr oder weniger frei.
30. November 2011 – Parlament
Das Parlamentsgebäude war früher, in den 1970er-Jahren eine Bank, die Banco Nacional de Nicaragua, ebenso wie das dazugehörige Hochhaus, der ehemalige Banco de América BANAMER. Heute beherbergt das Hochhaus Büros der Administration. Im Parlamentssaal tagen die 92 Abgeordneten (Schweiz: Nationalrat zählt 200 Mitglieder, Ständerat 46).
Das Parlamentsgebäude
Die Klimaanlagen laufen auf Hochtouren, es ist eisig. Hinter den Abgeordneten und getrennt durch eine Glasscheibe sitzen die geladenen Gäste. Heute sind dies insbesondere Vertreterinnen von Frauenrechtsorganisationen, denn es soll über das umstrittene Gesetz gegen Gewalt an Frauen und entsprechende Anpassungen im Zivilgesetzbuch abgestimmt werden.
Links und rechts sitzen und wandern die Journalisten umher und versuchen immer mal wieder, einen Abgeordneten zu sich zu winken, um ihm oder ihr ein paar Fragen stellen zu können. Unter den Aufnahmegeräten der Medienschaffenden sieht man übrigens vereinzelt solche, die noch mit Kassette funktionieren, auch Kameras für Filmaufnahmen. Es wird grundsätzlich sehr viel umhergewandert im Saal, viele Parlamentarier sind nicht an ihrem Platz, kommen und gehn. Das ganze Geschehen wird derweil 1:1 vom hauseigenen TV-Kabelkanal übertragen.
Sitzung im Parlament
Nicaragua ist eine Präsidialrepublik. Staatsoberhaupt ist der Präsident, der gleichzeitig Chef der Regierung und Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist. Dieser wird alle fünf Jahre vom Volk gewählt, letztmals im November 2011. Der amtierende Präsident Daniel Ortega wurde wiedergewählt und wird dem Land weitere fünf Jahre, bis 2017, vorstehen.
Präsident Daniel Ortega
Die Exekutive besteht aus einem Einkammer-Parlament (Asamblea Nacional, AN) mit 92 (90+2) Abgeordneten. Die 90 werden ebenfalls vom Volk gewählt, jeweils einen Sitz steht dem ehemaligen Präsidenten und einer dem Zweitplatzierten der Präsidentschaftswahlen zu. Einflussreichste Parteien sind die Sandinistische Nationale Befreiungsfront (FSLN) von Daniel Ortega und die Liberal-Konstitutionalistische Partei (PLC), dessen Parteivorsitzender der Ex-Präsident Arnoldo Alemán ist. Dann gibt es noch den Partido Liberal Independiente (PLI), eine politische Mitte-rechts-Partei, und weitere.
Am 15. Dezember ist die letzte Session dieser Legislatur, am 9. Januar 2012 fängt die neu zusammengesetzte Asamblea Nacional an zu arbeiten, in der der FSLN eine absolute Mehrheit haben wird. So wurde spekuliert, dass das erwähnte Gesetz gegen Gewalt an Frauen, das von den Sandinisten mehrheitlich abgelehnt wird, vertagt und dann versenkt wird. Doch, der Druck von der Strasse war gross genug und es kam zur Behandlung des neuen Gesetzes. Es wurde gar mit 78 Stimmen klar angenommen.
Die Industrie scheint grösstenteils in Niedriglohnbetrieben angesiedelt, zehntausende Menschen sollen in den sogenannten Maquilas vor allem Hemden und Hosen für die USA und Asien zusammennähen. Natürlich innerhalb einer zollfreien Produktionszone, der zona franca.
Wochenende 3./4. Dezember 2011 – Zwei Wochen Managua und die erste Taufe
Am Samstag komm ich endlich etwas zur Ruhe. Die Familie ist ausgeflogen und ich arbeite ein paar Dinge auf. Am Sonntag werde ich an eine Taufe mitgenommen, die schon um 8 Uhr morgens beginnt; erst die normale Sonntagsmesse, dann die Taufe. Wobei etwa zehn Kinder gleichzeitig getauft werden, eine davon die Tochter des Neffen meiner Gastmutter. Er und seine Frau wohnen seit ein paar Jahren in Costa Rica. Die Familie ist extra nach Nicaragua gekommen für die Taufe, damit sie hier im Kreise der Familie stattfinden kann.
Selbst eine Tante der Getauften, die in Spanien lebt, ist extra angereist. Etwa um 10 Uhr waren wir bereits im Haus der Schwester meiner Gastmutter, wo das grosse Kochen anfing – auf einer Kochstelle auf halbwegs offenem Feuer –, für eine grosse Familie. Meine Gastmutter, Doña Cándida, hat zwar „nur“ zwei Töchter und noch keine Enkel, aber ihre grössere Schwester (eine von vielen) hat zehn Kinder, die bereits wieder so durchschnittlich drei Kinder haben ... Und das sei nur etwa ein Viertel der Familie Sotelo. So wurde viel gekocht, viel geplaudert, dann gab es laute Musik in einem eigentlich viel zu kleinen Raum für so viele Leute, aber alle tanzten, natürlich musste auch la Suiza, die Schweizerin. Irgendwann dann, als es einzudunkeln anfing, sind wir nach Hause und ich, nudelfertig, gleich ins Bett.
So verfliegen die Tage hier meist schnell. Es ist denn auch sehr früh morgens schon hell, kurz vor 6 Uhr, dafür fängt es ab 17 Uhr langsam an, einzudunkeln. Um 22 Uhr fall ich regelmässig ins Bett, auch weil die Tage hier viel früher beginnen, als ich mich in der Schweiz gewohnt bin. Aber das liegt auch am Klima, man versucht, soviel wie möglich in den kühleren Morgenstunden zu erledigen, sei es einzukaufen oder zu waschen und zu putzen – eben die schweisstreibenden Aktivitäten. Und, geputzt und gewaschen wird auch früh, weil ab Mittag aus irgendwelchen Gründen immer das Wasser bei uns zuhause für ein paar Stunden ausfällt. Aber nach zwei Wochen hier hat man sich schon recht gut an den etwas anderen Tagesablauf gewöhnt.
Innenhof unseres Hauses mit Waschtrog, der Abwaschbecken, Kleiderwaschstation und Badezimmer-Waschbecken in einem ist.
Mich fragen viele, ob die Weihnachtsstimmung schon da ist. Ausser den vielen bunten und blinkenden Lichtern merke ich aber nicht viel davon. Die Adventszeit oder den Samichlaus scheint hier niemanden sonderlich zu interessieren. Wohl aber den 8. Dezember, Maria Empfängnis – die Purísima. Es sei ein wenig wie Halloween in Amerika, nicht mit dem Verkleiden, aber mit dem von-Haus-zu-Haus-ziehen und Süssigkeiten an den Haustüren sammeln. Zudem gibt es im ganzen Land schon seit einigen Tagen Prozessionen. Und am Vorabend des 8. Dezember ist die La Gritería, ein nicaraguanisches Fest zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Maria. Dabei ist man auf der Strasse, es werden improvisierte wie offizielle Altäre besucht und bei lautem Feuerwerk immer wieder „Wer löst solch grosse Freude aus?“ und „Das Empfängnis der Maria!“ gerufen. Zudem werden diverse typische Sachen verteilt wie Zuckerrohr, Orangen, Gläser oder Spielzeuge. Ich bin ja gespannt, wie das wird.
Weihnachtsbeleuchtung eines der grossen Verkehrskreisel
Managua
Die nicaraguanische Hauptstadt liegt durchschnittlich auf 55 m über Meer und hat rund 1,8 Millionen Einwohner (Ballungsraum Managua ca. 2,1 Mio.) auf einer Ausdehnung von 813km2. Sie liegt am grossen Managua- oder Xolotlán-See, mit einer Fläche von gut 1000 km2, und vielleicht 60 km von der pazifischen Küste entfernt. Das Klima ist tropisch, es gibt eine Regen- und eine Trockenzeit. November gilt als Anfang der Trockenzeit bzw. des Sommers und geht bis April. Geregnet hat es, seit ich hier bin, denn auch nur einmal ganz kurz. Davor gab es aber wieder einmal grössere Überschwemmungen. Derzeit haben wir tagsüber so an die 30, in der Nacht um die 20 Grad. Dezember und Januar gelten denn auch als die kühlsten Monate des Jahres und die Leute sprechen auch von der Kälte, und dass sie frieren würden ...
Gegründet im 16. Jahrhundert wurde Managua nach Granada und León erst 1852 zur Hauptstadt des Landes. Sie wurde mehrfach von Erdbeben zerstört, so 1931 und letztmals 1972. Auch der Bürgerkrieg in den 1980er-Jahren hat seine Spuren hinterlassen. Die Stadt gleicht denn auch eher einem riesigen Dorf als einer Millionenstadt. Sie weist, im Gegensatz zu Granada und León, kaum mehr etwas vom kolonialen Erbe auf, bis vielleicht auf die Kathedrale.
Kathedrale Santiago de Managua
Die meisten Häuser sind ein-, bis zweistöckig mit den klassisch vergitterten Veranden. Es sind Bachsteinhäuser mit Wellblechdächern, ganz wenige haben richtige Ziegel. Zwischen den Backsteinhäusern sieht man auch oft noch bescheidenere Häuser aus Holz. Daneben gibt es natürlich auch die reichen Viertel, die sind eher etwas am Hang und mit Aussicht auf den See. Wenn ich mich so umsehe, muss das Einkommens- und Vermögensunterschiede extrem ungleich sein.
ÖV in Managua
Der Verkehr in Managua wirkt wie in all diesen lateinamerikanischen Städten eher chaotisch. Aber sie haben System, wenn auch ein anderes als in Europa. Die öffentlichen Verkehrsmittel bestehen aus Taxis, colectivos – also Sammeltaxis – oder Bussen. Das sind meist ausrangierte Schulbusse aus den USA, die hier tapfer und teilweise neu bemalt ihr zweites oder drittes Leben fristen. Es gibt keine angeschriebenen Haltestellen, man weiss einfach, wo man sich hinstellen muss und winkt dann dem Buschauffeur, damit er hält. Es gibt durchaus auch Buslinien, wobei man bei diesem System nie einen Plan zu Gesicht kriegt, in der die Buslinien eingezeichnet wären und man sich danach orientieren könnte.
Auch hier, man weiss einfach, wo und wann besagte Linie durchfährt und welche einen dort hin bringt, wo man hin muss. Wenn nicht, nimmt man ein Taxi. Eine Busfahrt kostet 2,50 Córdobas, zurzeit etwa 10 Rappen. Ein Taxi kostet mich von zu Hause bis zur Redaktion 30 Córdobas (1,50 Franken), für eine etwa zehnminütige Fahrt. Den Preis indes muss man vor Abfahrt aushandeln, Taxameter sind hier unbekannt. Wie übrigens auch Fussgängerstreifen. Die Strassen sind in einem mittelmässigen Zustand, oft hat es grosse Schlaglöcher. Derzeit wird streckenweise die Caretera Norte saniert, was regelmässig Verkehrschaos verursacht, denn ein Teil der Strasse wird einfach gesperrt und jeder versucht, sich irgendwie fortzubewegen.
Öffentliches Verkehrsmittel in Nicaragua – die alten Blue Bird Busse aus den USA
Die Busse fahren eigentlich recht häufig und zuverlässig, so im 10-Minuten-Rhythmus. Kürzlich hatte ich aber dann doch eine Stunde Heimfahrt statt 10 Minuten, der Bus kam und kam und kam 40 Minuten lang nicht. Und dann war er natürlich übervoll und man kam knapp rein und praktisch nicht mehr raus.
Früher soll es auch eine Eisenbahn gegeben haben, die rege benutzt wurde und die das ganze Land miteinander verbunden hat. Doch aus unerklärlichen Gründen hat Violeta Chamorro in ihrer Zeit als Präsidentin (1990–1997) die Zugeinheiten samt Gleisen verkauft und die Bahn still gelegt. Man sieht auch immer wieder Fahrradfahrer in den Strassen Managuas, was mir aber doch recht halsbrecherisch erscheint, vor allem mit den dünnen Reifen eines Rennfahrrades. Motorisierte Fahrer halten schon kaum, wenn jemand die Strasse überquert, sei es mit Kindern oder mit Rollstuhl. Lieber blinken sie mit den Lichtern auf und geben noch etwas mehr Gas, als abzubremsen. Da hat es auch ein Fahrradfahrer nicht grad leicht.
6. Dezember 2011 – Recherche ohne Internetzugang
Da ich nicht fix einem Ressort zugeteilt bin und meine Bezugsperson immer noch in Südkorea weilt, versuche ich selbst, einige Themen aufzugreifen. Aber meist bin ich zu spät und jemand anderes ist schon dran. Naja, eigentlich auch kein Wunder. Bis ich mich irgendwie informiert habe, was läuft, sind die anderen schon auf dem Sprung. Ich hab kein Zugang zu den Agenturmeldungen und ich kenne das Land und die Stadt nach nur zwei Wochen noch viel zu wenig. Und natürlich fehlt mir das Netzwerk. Aber ich soll weiterhin versuchen, Themen aufzugreifen, die interessant sein könnten und die nicht zum täglichen courant normal gehören. Es ist aber nicht ganz einfach, in dieser Vorweihnachtszeit die Ansprechpersonen zu erreichen und wenn, haben sie oft keine Zeit für ein Interview oder sind auf den Sprung in die langen Ferien.
Aber erst mal sollte mein Internet wieder zum Laufen gebracht werden, damit ich weiter recherchieren kann. Heut gab es schon vier Stromausfälle, zwar nur kurze, aber so, dass alle Computer dabei jeweils abstürzen. Meiner hat sich da irgendwie aufgehängt und selbst der Techniker brauchte, nachdem er dann endlich aufgetaucht ist, 20 Minuten, bis die Verbindung zum Internet wieder hergestellt war. Zum Glück ist mir wegen diesen Stromausfällen noch nie ein Text verloren gegangen. So konzentriere ich mich also weiter auf Themen der Entwicklungszusammenarbeit und treffe mich morgen mit dem Direktor der Deza hier vor Ort zum Mittagessen.
Einige Eindrücke
Ich hab endlich ein Verbindungskabel aufgetrieben für mein Handy und entsprechend für meine Kamera. Hatte schon aufgegeben und aufgehört, damit zu fotografieren, weil ich die Bilder nicht auf meinen Laptop laden konnte – mein dummes Kabel ist in Panama-Stadt liegen geblieben. So hab ich mehrheitlich mit meiner Lieblingskamera Bilder geschossen, aber die taugt nicht für die digitale Welt, die Halbspiegelreflex funkioniert noch mit Filmrollen ...
Impression der Pressekonferenz vom 21. November, aus der Sicht einer Zuschauerin. Die Fernsehkameras sind teilweise mindestens aus der Generation meiner Halbspiegelreflexkamera und funktionieren noch mit Bändern, die mitten in der Konferenz ausgewechselt werden müssen.
Das Konzert im Ruta Maya vom 25. November. Von links nach rechts: der Star des Abends, Katia Cardenal, Gaby Baca, Elsa Basil und die Tochter von Katia Cardenal ganz rechts aussen.
Der Patio (Innenhof) im Haus, in dem ich wohne, und Hündin Bellota.
Unser „Badezimmer“: links die Toilette, rechts die Dusche. Das Spülbecken im patio habt ihr ja bereits vorgängig gesehen.
Weihnachtsdeko im Einkaufszenter Metrocentro.
Managua vom Metrocentro aus gesehen mit Blick auf den See.
Weitere Eindrücke
Der Aufenthaltsraum, in dem zu Mittag gegessen wird.
Die Strasse, an der die Redaktion liegt.
Ein weiteres Verkehrsmittel in den Strassen von Managua.
7. bis 12. Dezember 2011 Deza / Cosude
Natürlich kam ich zu spät zu meinem Termin bei der Deza. Ich sag dem Chauffeur noch, dass sie vor kurzem umgezogen seien, aber er nickt nur und sagt jaja, er wisse schon, wo die Schweizer Botschaft sei. Naja, es kommt wies kommen muss, wir fahren herum und suchen bis dann aber doch einer weiss, wo es ist.
Das Gebäude ist neu, im August 2011 bezogen, die Schweizer Flagge sieht man schon von Weitem. Beim Mittagessen auf der hauseigenen Terrasse führt mich Hubert Eisele, der neue Direktor der Deza in Nicaragua, weiter in die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit in Nicaragua bzw. Zentralamerika ein. Die Aussicht ist toll, man sieht auf den Managuasee und in die Weite, etwas das mir sehr fehlt. Horizont hat man hier oft keinen.
Das Gebäude der Deza in Managua
Cosude, Agencia Suiza para el desarrollo y la Cooperación, ist die spanische Abkürzung für Deza, die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit. Schwerpunktländer der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit (Deza, Humanitäre Hilfe und Seco) in Lateinamerika sind Bolivien, Haiti, Kuba (mit einem Sonderprogramm), Kolumbien und Peru sowie Zentralamerika mit Nicaragua und Honduras. Mit regionalen Projekten, welche auch die übrigen Länder der zentralamerikanischen Region einschliessen können, wird zudem die Zusammenarbeit zwischen den Ländern in mehreren Themenschwerpunkten gefördert.
Die Deza ist seit über 30 Jahren in Nicaragua tätig, der Sitz von Cosude Zentralamerika liegt seit 1990 in Managua (vormals Honduras). Es geht in erster Linie um die Armutsbekämpfung. In Nicaragua werden nebst der Humanitären Hilfe (Vorbeugung und Vorsorge) angesichts der immer drohenden Naturkatastrophen in diesem Land (insbesondere Erdbeben und Stürme mit Überschwemmungen) , drei thematische Schwerpunkte formuliert: Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU); Gouvernanz und öffentlicher Haushalt; Infrastruktur und lokale öffentliche Dienstleistungen (v. a. im Bereich Trinkwasser und Energie). Mehr dazu bei Interesse >hier.
Ein Thema, das ich zudem mit der Deza besprechen wollte, war die Weiterführung der Unterstützung an Nicaragua nach den Wahlen vom November 2011, die Ortega gewonnen hat und die nicht ganz sauber über die Bühne gingen. In den USA haben die Republikaner die Regierung aufgefordert, über die Zusammenarbeit mit Nicaragua neu zu diskutieren und sie haben dazu aufgefordert, härter gegen Nicaragua vorzugehen und das Land zu isolieren. Und auch die EU diskutiere anscheinend darüber, wurde mir auf der Redaktion gesagt. Und wie sieht es die Schweiz?
Ein zentraler Punkt in der Entwicklungszusammenarbeit der Deza ist die Good Governance, die gute Regierungsführung – wie wird die Situation diesbezüglich eingeschätzt, wie wird die Verwendung der Gelder überwacht, die Transparenz? Die Frage über die Weiterführung der Zusammenarbeit stellt sich aber auch grundsätzlich, da die Strategie Zentralamerika 2012 ausläuft und das Schweizer Parlament nächstes Jahr generell über den neuen vierjährigen Kreditrahmen in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) abzustimmen hat. Zu diesen und anderen Fragen habe ich viele Antworten und Informationen erhalten. Ein Teil davon ist in den Artikel für den END eingeflossen, auf dessen Publikation ich aber leider bis heute warte.
Während ich auf den Chauffeur der Redaktion warte, plaudere ich mit den beiden Wächtern, die beide schon über zehn Jahre bei Cosude arbeiten. Immer interessant, auch von diesen Menschen einen Einblick in die Welt hier zu erhalten.
Gritería und purísima
Die gritería am gleichen Abend war spannend. Obwohl ich den Hauptteil wohl verpasst habe, da ich auf den Bus nach Hause warten musste ... Ich wollte extra früh zuhause sein, um dann von dort aus um spätestens 18 Uhr los zu ziehen. Aber der Bus kam und kam nicht. Nach 40 Minuten dann endlich einer, natürlich komplett überfüllt. Aber das heisst nichts, es hat immer irgendwie noch Platz. Ich quetsch mich also auch noch rein und falle bei den heftigen Bremsaktionen nicht um, weil ich so fest stecke, dass ich gar nicht kann, ob ich mich festhalte oder nicht. Ich sah auch nicht mehr hinaus und konnte nur so nach Gefühl ahnen, wo ich aussteigen muss – ausgerufen wird hier keine Haltestelle. Das Aussteigen war auch nicht ganz einfach, man quetscht sich aber irgendwie raus – und irgendwie geht es auch immer. So hab ich für den Weg, den man bei guten Verkehrsverhältnissen in 10 Minuten zurücklegen kann, gut eine Stunde gebraucht.
Nudelfertig und schweissüberströmt komm ich dann zuhause an und will eigentlich gar nicht mehr raus. Aber wir gehn noch zu Familienangehörigen meiner Gastmutter, um ihre Purísima zu besuchen. So krieg ich doch noch ein bisschen mit, wie das läuft. Die Leute haben einen Altar „gebastelt“ auf der Veranda und davor singen Menschen in Gruppen und preisen die Heilige Maria. Dafür kriegen sie von den Hausherren Geschenke, typischerweise Zuckerrohr, Zitrone aber auch Plastiktöpfe oder Tassen oder mal ein Spielzeug für Babys oder einen Sack Reis und Bohnen. Da, wo ich war, ging das sicher länger als drei Stunden so – und alle singen die gleichen Lieder, eine Endlosschleife. Und dazu gibt es lautes Feuerwerk bis in den nächsten Tag hinein. Irgendwie sind die Knaller hier viel lauter als in der Schweiz, haben wohl mehr Schwarzpulver oder sind eher Eigenfabrikate. Ich erschrecke fast jedes Mal zu Tode und am Telefon wurde ich gar gefragt, ob grad Krieg ausgebrochen sei in Nicaragua.
Hier eine Fotogalerie der gritería, zwar aus der Stadt León, aber so sieht es in etwa überall aus (und León ist quasi die Wiege der gritería).
Gritería in León
Granada und Masaya
Am Samstag geht es früh los, endlich wieder etwas raus aus Managua. Wir nehmen einen sogenannten expreso bus, einen direkten Bus nach Granada. Das heisst, man bezahlt etwas mehr als für den Bummler, dafür sollte er ohne Halten durchfahren. Was er dann doch nicht tut und meine Gastmutter sich entnervt bei den beiden Chauffeuren beklagt. Nach vielleicht zwei Stunden und 47 km weiter südlich sind wir dann in der Kolonialstadt Granada, ein beliebter Touristenort, was man sofort sieht. Auch, dass sie gut erhalten ist, es gibt viele alte Häuser mit Dachziegeln und grosszügigen Innenhöfen. Die Kathedrale am Hauptplatz ist imposant, der Platz geruhsam und schön schattig. Die „La Calzada“ genannte Strasse runter zum Nicaraguasee ist Fussgängerzone, aber zu dieser Tageszeit noch leer. Erst wenn es kühler wird, sei es hier belebt. Es reiht sich ein Restaurant am anderen. Wir spazieren gemütlich zum See hinunter und schlendern der Strandpromenade entlang und wieder hoch und durch die Stadt mit ihren 120 000 Einwohnern.
Granada
Die gelbe Kathedrale von Granada
Gemäss der eben erschienenen Zweitauflage des Bestsellers „1000 places to see before you die“ der Amerikanerin Patricia Schultz ist Granada auf Platz 1 der Orte, die man bevor man stirbt, gesehen haben sollte. Ich finde die Stadt hat Charme und ist einladend, aber es kommt nicht an das andalusische Original heran ...
Auf der Rückfahrt nach Managua halten wir noch in Masaya, die Stadt der Blumen. Und sozusagen die Stadt des Kunsthandwerks. Ich wollte eigentlich ein paar Sachen kaufen, eine luftige Bluse im typischen Masaya-Stil, Ohrringe und anderes. Aber es war so heiss und schwül, dass mir die Lust gehörig verging, irgend etwas anzuprobieren. Ich werde wohl einen weiteren Versuch starten müssen, diesmal aber vormittags und nicht zur heissesten Tageszeit. So lassen wir das einkaufen einkaufen sein und schlendern etwas durch die viertgrösste Stadt Nicaraguas. Auch hier ist der Parque Central, der Hauptplatz, sehr belebt, gemütlich und schön schattig; er lädt zum Verweilen ein.
Die Mauern des alten Kunsthandwerkmarktes in Masaya.
Eigentlich wollte ich etwas ausspannen am Sonntag, ein paar Sachen lesen und etwas arbeiten, aber es hiess, ich müsse unbedingt das pollo tip top kennen lernen, das beste Hühnchen im Land. Ich bin gespannt. Wir fahren also ins Einkaufszentrum, wo es eins dieser Tip-Top-Imbisse gibt. Die Portionen sind riesig, die Schlange vor der Theke ebenfalls.
So sieht ein Menu Pollo Tip Top aus – mit dem rot-gelben Logo.
Im Vergleich sieht die vor McDonalds winzig aus. Das frittierte Huhn ist lecker, aber eben sehr viel und das Ambiente im Einkaufszentrum ist hektisch und laut. Das ist es eigentlich sowieso immer und überall, laut. Immer hat es Hintergrundgeräusche auf hoher Dezibelfrequenz, sei es Verkehr, Musik, Flugzeug, Fernseher, Klimaanlagen, Raumklang usw.
Es gibt übrigens sozusagen einen Geflügelkrieg, billige Importhühner aus den USA gegen die eigenen Poulets. Die importierten seien zwar günstiger als die einheimischen, dafür viel fettiger und nicht wirklich lecker. Die Regierung hat den Import vor wenigen Wochen erlaubt mit der Begründung, dass sich eben jeder ein Huhn leisten können sollte. Dass das Problem wahrscheinlich wo anders liegt und nicht an den höheren Preisen der einheimischen Ware, ignorieren sie dabei völlig. Und dass dabei der heimische Produktionszweig leidet und allenfalls ganz daran zugrunde geht, wie man das schon in Afrika gesehen hat, und dadurch gar Arbeitsplätze verloren gehen können, hat die Regierung wohl auch nicht bedacht oder nimmt es in Kauf.
Ein Tag am Strand
Endlich geht‘s Richtung Strand, nach drei Wochen Nicaragua. Eigentlich wollte ich gemütlich mit meiner Gastmutter und meiner Gastschwester gen Pazifik reisen, aber es waren dann noch drei Personen mehr, inklusive Kleinkind. Frühmorgens um 5.30 Uhr treffen wir alle beim Busbahnhof und haben Glück, einer fährt gleich nach Rivas los, wo wir umsteigen müssen. Wir richten uns ein und freuen uns, dass alles so gut geklappt hat. Aber kurz vor Masaya lässt uns der Bus stehen, irgendwas mit den Bremsen. Alle aussteigen, und da stehen wir also, am Strassenrand statt am Strand. Wir überlegen uns schon einen Plan B, falls uns kein Bus mehr mitnimmt Richtung Süden. Aber wir haben Glück und nach nur einer guten halben Stunde warten lädt uns einer auf, der sogar noch Sitzplätze frei hat.
Unterwegs nach San Juan del Sur.
Die Strecke bis Rivas, im Süden von Nicaragua ist interessant, erst geht‘s vorbei an einem der vielen Vulkane Nicaraguas, dem Mombacho, und dann, später, sieht man auch von Weitem die beiden Vulkane der Insel Ometepe.
Der Vulkan Ometepe aus dem Bus heraus.
Nach ein paar Stunden Fahrt und umsteigen in Rivas sind wir dann endlich in San Juan del Sur, nahe der Grenze zu Costa Rica. Eine hübsche Bucht erwartet uns im verschlafenen Fischerdörfchen. Ich teste das Wasser und bin erstaunt, wie warm es ist. Ich hab befürchtet, der Pazifik hier ist so kalt wie bei Antofogasta in Chile, wo ich mir mal fast ein Bein abgefroren hab ...
Die Bucht von San Juan del Sur.
Strandbar mit Gastmutter und Begleitung.
San Juan del Sur ist ein beliebtes Ausflugsziel von ausländischen Touristen, zur Weihnachtszeit und zu Neujahr soll es übervoll und laut hier sein. Kann ich mir im Moment nicht vorstellen, aber die Infrastruktur dafür ist schon vorhanden.
Auf der Heimfahrt erblicke ich ein paar mächtige weisse Villen an den Hängen oberhalb von San Juan del Sur – ja, da sei das Geld hingeflossen, das der damalige Präsident Alemán aus den Hilfsgeldern für den Hurrikan Mitch 1998 abgezwickt habe … Transparency International hat ihn in ihrem Report 2004 gar als einen der zehn weltweit korruptesten Amtsinhaber der letzten 20 Jahre eingestuft, neben Suharto, Marcos, Milosevic oder Mobutu und Fujimoro.
Arnoldo Alemán, Ex-Präsident Nicaraguas. Es wird ihm auch nachgesagt, ein Spitzel in Zeiten der Somoza-Diktatur (von Anastasio Somoza Debayle, ) gewesen zu sein und zur Somoza-Jugend gehört zu haben. (Der Somoza-Clan)
Alemán wurde denn auch im 2003 wegen Veruntreuung von Staatsgeldern und Geldwäsche verurteilt und bekam nebst einer Geldstrafe eine zwanzigjährige Haftstrafe. Doch, er musste nie ins Gefängnis, während seiner „Haft“ konnte er sich frei in Managua bewegen und bereits 2009 wurde das Urteil gegen ihn vom Obersten Gerichtshof ausgesetzt. Er hat sich nie aus der Politik zurückgezogen und trat sogar als Präsidentschaftskandidat im November 2011 erneut an.
13. Dezember 2011 – Cosude zum zweiten
Um 10 Uhr sollte ich nochmals bei Cosude sein und melde das schon um 8.30 Uhr beim Koordinator in der Redatkion an, damit ich sicher einen Chauffeur habe und pünkltich bin. Brav gehe ich schon um 9.25 Uhr zum Parkplatz, wo ich dann aber vertröstet werde, weil grad keiner da ist. Es käme aber gleich einer, der sei ganz in der Nähe. Geschlagene 40 Minuten darf ich dann aber warten, und erst als meine Kollegin ebenfalls Ungeduld zeigt, wird hektisch herumtelefoniert. Dann endlich, ein Auto. Unterwegs erhält meine Kollegin einen Anruf, dass sich ihr Termin erledigt hätte und sie samt Fotografen wieder unerledigter Dinge in die Redaktion zurück darf. Auch sie hat viel Zeit für nichts verloren, das ist hier leider nicht aussergewöhnlich. Vorher aber fängt das Suchen nach der Cosude von vorne an. Ich geb dem Chauffer die genaue Adresse an und einige Referenzpunkte. Doch er sucht in der falschen Richtung. Leider hört er nicht auf mich – er denkt sicher, la suiza kennt Managua sowieso nicht – und glaubt mir erst, als er vor einer Botschaft einen Wachmann fragt, wo denn die Schweizer Botschaft sei.
Das mit den Adressen ist so eine Sache in Managua. Strassenschilder gibt es keine. Wenn ich also sage, Cosude liegt an der Rotonda Jean Paul Genie, 900 mts abajo (900 Meter runter sprich nach Westen, wo die Sonne untergeht, was sonst ...), 150mts al lago (150 Meter Richtung See), hilft das oft nicht viel. Die Menschen orientieren sich nach Referenzpunkten. Das kann ein Kino sein, das vor dem Erdbeben 1972 dort stand, ein Club, eine Kirche, ein Geschäft oder eine Kreuzung. Einer sagt mir, ich solle das nächste Mal lieber sagen: entweder da, wo die Bank Procredito liegt, die von Las Terrazas, von da eine Kreuzung runter und dann Richtung See. Oder „lo que antes fue el Club Terrazas 4 cuadras arriba, 150mts al lago. Was soviel heisst wie “da, wo vorher der Club Terrazas war, vier Kreuzungen hoch, also gen Osten (wo die Sonne hoch geht; gut, dass die Fahrer immer die Himmelsrichtung im Kopf haben, ich wäre da aufgeschmissen), und 150 m Richtung See.
Dann endlich angekommen treffe ich Reto Grueninger, stellvertretender Koordinator der Cosude und verantwortlicher für die Wasserprojekte in Zentralamerika. Ich erhalte weitere Informationen und klären, welche Projekte ich besuchen könnte in den nächsten Tagen. Über einen Aspekt unseres Gespräches – ein gesetzlicher Leitfaden, der kürzlich mit Hilfe von Cosude und ihren Fachpersonen der Wasserprojekte, publiziert wurde – schreibe ich ebenfalls einen kurzen Artikel, der sogar endlich erschienen ist (> hier). Auf die Publikation des anderen Artikels über das Gespräch mit Direktor Eisele warte ich weiter vergebens.
15. Dezember 2011 – Asamblea Nacional zu Sessionsende
Heute war der letzte Sessionstag im Parlament, Schliessungsakt nicht nur des Jahres, sondern der Legislatur. So wurde vom Präsidenten der Asamblea Nacional auch vorgetragen, was alles in der vergangenen Legislaturperiode erreicht und getan wurde. Was nicht, wird natürlich nicht erwähnt.
Der Präsident der Asamblea Nacional zum Rückblick auf die Legislaturperiode.
Ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt. Das liegt aber nicht an am Spanisch, sondern an zwei Dingen: dem Echo in der Asamblea, eine grauenhafte Akustik in dem Raum. Und daran, dass der Parlamentspräsident anscheinend Kehlkopfkrebs hat und mit derart rauer Stimme spricht, dass es manchmal eher wie ein Röcheln klingt. Ich frage mich, wie die Journalisten das machen, die seine Aussagen für das Schreiben ihrer Texte verstehen sollten.
Der Präsident der Asamblea Nacional zum Rückblick auf die Legislaturperiode mitsamt Geräuschkulisse.
Journalisten in der Asamblea Nacional.
Auf der unteren Galerie, mehr Journalisten, in der oberen die Militärkapelle, welche die Nationalhymne spielten zum Schluss der Session spielten.
Einer unserer Fotografen mit Aussrüstungsgürtel.
Nach Sessionsende, Fest mit Musik und Folklore auf dem Platz der Nationalversammlung.
16. Dezember 2011 – León
... oder eben auch nicht. Ich wollte nach León, ein Projekt vor Ort von Interteam besuchen und gleichzeitig die Stadt im Nordwesten kennenlernen. Aber in der Nacht davor bin ich um 2 Uhr mit Bauchweh aufgewacht und mit mehreren Gängen zur Toilette. Das ging dann bis in den Nachmittag hinein so und León fiel daher ins Wasser.
17./18. Dezember 2011 – Somoto oder doch Managua
Ebenfalls ins Wasser fiel der Ausflug fürs Wochenende in den Norden, nach Somoto. Dafür lerne ich Managua etwas besser kennen. Auf dem Weg zum „Lomo de Tiscapa“ entdecke ich doch auch mal noch ein Bushaltestelle-Schild:
Der Parque Histórico Nacional Lomo de Tiscapa mit seiner Lagune liegt mitten in Managua am Rand eines erloschenen Vulkankraters. Von hier aus sieht man über ganz Managua. Das Militärkrankenhaus und die Militärakademie befinden sich am Fuss des Hügels. Auf dem Hügel stand früher der Präsidentenpalast – und darunter der „Bunker“, ein berüchtigtes Gefängnis zu Somoza-Zeiten. Vom Palast steht nur noch eine Seitenwand, er überstand das letzte Erdbeben 1972 nicht. Der Bunker indes schon, den mussten die Sandinisten mit Sprengstoff öffnen. Es ist eine massive Beton-Stahl-Konstruktion und sicherlich kein schöner Ort, um inhaftiert gewesen zu sein. Es wird erzählt, dass als die Sandinisten die Gefangenen der Diktatur befreiten, Menschen aus den Tiefen des Hügels kamen, deren Bärte bis zu den Knien gingen und die Fingernägel mindestens einen halben Meter lang gewesen sein. Die Menschen hätten auch nur kurz überlebt, da sie weder das Sonnenlicht noch die Luft vertragen hätten. Man stelle sich vor, wie viele Jahrzehnte die wohl in den Verliessen vor sich hinvegetiert haben müssen ...
Hier einige schwarz weiss Bilder, wie es früher auf dem Berg aussah: www.managua.gob.ni/index.php?s=2153
Es wird auch gesagt, dass in genau diesem Gefängnis der Widerstandskämpfer und Namensgeber der Bewegung der Sandinisten, Augusto César Sandino, 1934 ermordet worden sei nach einem Abendessen mit Somoza im Präsidentenpalast. Und dass seine Überreste in der Lagune von Tiscapa am Fusse des Lomo de Tiscapa liegen. Daher steht auch eine Statue Sandinos auf dem Hügel, der und dessen Umland einst den Somozas gehört habe, wie fast ganz Nicaragua. Zu den Somozas und Sandino muss an dieser Stelle etwas ausgeholt werden, hier einige Informationen:
Somoza-Dynastie
Die Somoza-Familie regierte Nicaragua während 43 Jahren diktatorisch und sich auf die Nationalgarde stützend von 1934 bzw. 1937 bis 1979. Gleichzeitig war die Familie verbündete der USA und unterstützte diverse Operationen der CIA gegen Kuba, Honduras, Costa Rica oder Guatemala usw. Die Somozas waren Grossgrundbesitzer und eigentliche Eigentümer des Landes, sagen die Nicaraguaner. 1979 mussten sie vor den Sandinisten aus Nicaragua flüchten. In den 1980er-Jahren unterstützten sie die Contras (Konterrevolutionäre gegen die Sandinisten im Auftrag der USA) im Kampf gegen die Sandinisten. Die Iran-Contra-Affäre war ein politischer Skandal in der Amtszeit Ronald Reagans und wurde 1986 aufgedeckt. Vor Kurzem wurden dazu neue Dokumente veröffentlicht, welche die früher abgestrittene Unterstützung der Contras durch die USA weiter belegt: www.heise.de/tp/blogs/6/150911
Anastasio Somoza García (1896–1956), Sohn eines Kaffeefarmers, war zweimal Präsident, von 1937–1947 und 1950–1956. Vor und nach seiner ersten Wahl bzw. Putsches gegen seinen Onkel Juan Bautista Sacasa war er Oberbefehlshaber der Nationalgarde (welche übrigens ursprünglich von den USA aufgebaut wurde zur Verteidigung derer Interessen). 1956 wird er in León vom jungen Dichter Rigoberto López Pérez angeschossen. Einige Tage später starb er.
Luís Somoza Debayle (1922–1967), Oberst und erster Sohn von Anastasio Somoza García, war Nachfolger seines Vaters auf dem Präsidentenstuhl und beherrschte Nicaragua von 1956 bis 1963. Auch er regierte diktatorisch und stützte sich auf die Nationalgarde, deren Chef zu der Zeit sein jüngerer Bruder, Anastasio Somoza Debayle, war. Ebenso lehnte er sich an die USA an und unterstützte diverse Operationen der CIA gegen andere lateinamerikanische Länder (z. B. gegen Kuba bei der Invasion der Schweinebucht, die von Nicaragua aus startete). Er starb mit nur 45 Jahren an einem Herzinfarkt. Gerüchte besagen indes, dass er von seinem jüngeren Bruder vergiftet worden sei, der selbst Präsident sein wollte.
Anastasio Somoza Debayle (1925–1980), 5-Sterne-General und zweiter Sohn von Anastasio Somoza García, war zweimal Präsident von Nicaragua, von 1967–1972 und 1974–1979. Als Chef der Nationalgarde war er auch in den Interimsjahren, in denen formal andere das Präsidentenamt ausübten, faktisch an der Macht. Das verheerende Erdbeben in Managua von 1972 nutze er und seine Familie aus, um sich weiter an Grundstücken zu bereichern und Banken und Bauwirtschaft an sich zu reissen. Ebenfalls wurde mindestens eine halbe Milliarde USD an Hilfsgeldern nach dem Erdbeben unterschlagen. Er soll das eh schon riesige Familienvermögen in seiner zweiten Präsidentschaft verfünffacht haben- 1976 gehörten ihm 346 Unternehmen in den unterschiedlichsten Bereichen der Wirtschaft Nicaraguas (siehe „Bereicherung der Familie Somoza unter seiner Herrschaft“ im Wikipediaartikel zu Anastasio Somoza Debayle). Die Familie soll 30 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Bodens besessen haben, was bei einem insbesondere bergigen und stark mit Wald bedecktem Land sehr viel ist. Freunde und Günstlinge der Familie besassen weitere grosse Teile landwirtschaftlicher Flächen.
Die Familie Somoza: Anastasio Somoza Debayle, Anastasio Somoza García (auch Vater der Diktatur genannt) und Luis Somoza.
Der Widerstand im Land gegen die Diktatur wuchs in den 1970er-Jahren. Auch der damalige US-Präsident Jimmy Carter distanzierte sich zunehmends von Somoza und seinen Methoden der Regierungsführung. Die Aufstände nahmen ab 1976 immer stärker zu, gegen die Somoza mit äusserster Härte und Todesschwadronen vorging: Oppositionelle wurden verhaftet, gefoltert und getötet, dabei sogar aus fliegenden Hubschraubern in den Ozean geworfen; gegen von den Sandinisten eroberten Städte liess er mit Artillerie und Luftwaffe vorgehen. 1976 wurde der Gründer der FSLN, Carlos Fonseca, ermordet; 1978 der Oppositionsführer, Publizist und Herausgeber der La Prensa, Pedro Chamorro.
Am 19. Juli 1979 gelang der FSLN die Machtübernahme. Gut 30 000 Menschen liessen ihr Leben in diesem Bürgerkrieg, 150 000 seien vertrieben worden. Das bereits ausgeblutete und ausgepresste Land verarmte noch stärker. 1979 solidarisierte sich das Bürgertum Nicaraguas mit den Sandinisten, Somoza floh mit seiner Familie und samt Staatskasse nach Miami. Das Vermögen, das er zurückliess, wurde durch die Sandinisten entschädigungslos enteignet. Da Somoza indes in den USA unerwünscht war, ging er in das Paraguay des Diktators Alfredo Stroessner ins Exil, wo er 1980 von der Argentinischen Revolutionären Volksarmee ermordet wurde. Dahinter sollen die Sandinisten und Fidel Castro als Auftraggeber stecken.
Augusto César Sandino
Sandino (1895–1934) ist der Held und Namensgeber der Frente Sandinista de Liberación Nacional FSLN, der 1961 gegründeten Sandinistische Nationale Befreiungsfront, und der 1979 daraus hervorgegangenen politischen Partei Daniel Ortegas. Sandino war Guerillaführer und Kopf des nicaraguanischen Widerstandes gegen die US-Interventionen im Land und der dauerhaften Besatzung Nicaraguas in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.
Ab 1926 kämpfte der liberale Sandino als General der sozialrevolutionären Guerillabewegung gegen die amerikanische Besetzung. Nach Abzug der US-Truppen 1934 aus Nicaragua und Unterzeichnung des Waffenstillstandes, wurde Sandino während eines Banketts im Präsidentenpalast in Managua von der Nationalgarde Anastacios Somoza García (siehe Somoza-Dynastie) ermordet.
Die 18 Meter hohe Metallfigur des sandinistischen Heldens Sandino auf dem „Loma de Tiscapa“.
Leider war es ein bewölkter Tag, aber die Aussicht auf die Stadt und den Managuasee sind von hier aus super.
Beim Aufstieg auf den Lomo de Tiscapa.
Die Aussicht vom Park über Managua, mit dem Bank of America-Hochhaus, welches als eines der wenigen Gebäude das Erdbeben 1972 widerstand und heute Teil des Parlamentes bildet. Rechts davon sieht man die alte Kathedrale bzw. was das Erdbeben übrig liess.
„Parque de la Niñez Feliz“ oder „Platz der glücklichen Kindheit“
Von dem Lomo de Tiscapa aus gehen wir zur Plaza de la Fe, dem Glaubensplatz. Sein Name geht zurück auf den Besuch Papst Johannes Paul II in Nicaragua. Eine Ruhe strömt der Platz indes grad nicht aus, falls man das geglaubt hat. Seit August ist der Platz ein Rummelplatz, es gibt diverse Bahnen – vom Karussell für die Kleinen, zur Achterbahn oder Geisterbahn usw. –, dazwischen wird alles Mögliche verkauft, und, mangels vorhandener Abfallkörbe, die Verpackung und die Reste auf den Boden geworfen. Die Bahnen sind gratis – eine Aktion des Präsidenten „para la niñez feliz“, für die fröhliche Kindheit. Mein Vorbehalt, das sei doch sicher Wahlpropaganda in letzter Minute gewesen, erhält Gegenwind, als mir gesagt wird, dass Ortega diesen Vergnügungspark schon etwa drei Jahre nach Managua bringe.
Hier einige Eindrücke
Die Angestellten, die auf die Kinder aufpassen und die Bahnen bedienen, sind Jugendliche, die hier während vier Monate einen Job erhalten und so Geld verdienen. Die meisten sind denn auch sehr aufmerksam mit den Kleinen und recht engagiert. Es gibt sogar Gratisbusse, die einen von der Plaza Inter bis zur Plaza de la Fe bringen und zurück.
Ein Arbeitskollege meint dazu nur ironisch, das sei doch wie bei Pinocchio, als er mit seinen Freunden ins Spielland gehe. Zunächst seien sie begeistert und geblendet vom Paradies und dem süssen Nichtstun, doch dann werden sie plötzlich in Esel verwandelt und werden zu Arbeitstieren.
Puerto Allende
Die Ausgangsmeile am Malecón, der vor wenigen Jahren erneuerten Uferpromenade, hat zum Glück keine Mücken, da es recht windig ist. Die Restaurants und Bars liegen direkt am See, dessen Pegel noch immer recht hoch ist von den letzten Überschwemmungen im November. Eine Anlegebrücke steht nach wie vor unter Wasser. Von hier aus kann man auch Bootsfahrten unternehmen auf dem Managuasee. Man trifft Einheimische wie Touristen hier. Vor dem Erdbeben 1972 war der Malecón Teil des Zentrums der Hauptstadt – heute ist der grösste Teil des Zentrums Grünfläche und wurde nicht wieder aufgebaut.
Der See lädt zum Verweilen ein. Doch die Wasserqualität sei miserabel, da seit Jahrzehnten das Abwasser der Hauptstadt ungeklärt in den See fliesse. Es ist nun aber 2009 eine Kläranlage mit Unterstützung der Deutschen gebaut worden. Diese soll helfen, dass sich der See langsam erholt.
19. bis 21. Dezember 2011 – Auf Projektreise im Landesinneren
Heute geht es auf Projektreise mit der Deza bzw. Aguasan. Es geht um zwei Wasserprojekte, eines im Departement RAAN (Región Autónoma del Atlántico Norte), im Norden Nicaraguas, und eines im Departement Jinotega. Da die Reise recht lang ist und die Strasse insbesondere in den Norden schlecht ist, geht es am Montag erst mal nach Matagalpa, wo wir übernachten. Ich bin unterwegs mit Hubert Eisele und seiner Frau, dem Direktor der Deza in Nicaragua sowie zwei Ingenieuren und dem Medienverantwortlichen von Aguasan. Aguasan ist sozusagen der operative Arm der Deza für die Wasserprojekte in Zentralamerika.
El Naranjo
Am Dienstag geht es um fünf Uhr früh los gen Nordosten. Die Strasse ist erst noch recht gut bis La Dalia, dann wird sie aber zur Schotterpiste. Für knapp 85 Kilometer von Matagalpa bis Waslala brauchen wir über 4,5 Stunden. Es geht durch Kaffeeplantagen und über Berge.
Unterwegs, ein Chauffeur wäscht seinen Bus an einem der Flussläufe.
Dann sind wir im municipio Waslala im Departement RAAN (Karte), das an der Grenze zum Departement Matagalpa (Karte) liegt. Municipio bedeutet, dass es einerseits eine Gemeinde ist und gleichzeitig eine Verwaltungseinheit, zu der mehrere Ortschaften gehören. El Naranjo beispielsweise, wo die Einweihung der neuen Trinkwasseraufbereitungsanlage und des Abwassersystems stattfindet, ist noch einige Kilometer weiter auf der Schotterpiste. Wir kommen aber einigermassen pünktlich an und das Fest kann losgehen. Erst gibt es eine Besichtigung der neuen Trinkwasseranlage, dann die Ansprachen, die Fotos und dann gibt es Essen. Zu solchen Anlässen wird gerne eine von der Gemeinde gestiftete Kuh geschlachtet und das halbe Dorf nimmt teil daran.
Besichtigung und Begehnung der Trinkwasseraufbereitungsanlage El Naranjo.
Nach dem Essen besuchen wir noch die Schule im Dorf, welche neu ein Toilettenhäuschen erhalten hat mit sechs separaten Toiletten und neu auch mit WC-Schüsseln und Pissoirs, Mädchen und Jungs getrennt. Früher standen im Hinterhof zwei Latrinen, und es gab kein Wasser, um sich die Hände zu waschen.
Zu den neuen Installationen gehört auch die Bildung, wie die neuen Wasser sparenden Toiletten benutzt werden und dass es wichtig ist, die Hände immer gut zu waschen. Dabei wird auch die Hygiene im Alltag und im Haushalt angesprochen sowie die Müllentsorgung. So sollen allmählich die Gewohnheiten verändert und dadurch die Hygiene verbessert werden. Denn noch immer erkranken und sterben in Nicaragua viele Kleinkinder an Durchfall oder Parasiten mangels schlechter Hygiene. Seit El Naranjo aber endlich sauberes Trinkwasser und saubere Toiletten hat, seien die Erkrankungen merklich zurückgegangen, freut sich eine Gesundheitspromotorin.
Wir versuchen, sobald wie möglich wieder aufzubrechen, um 17 Uhr dunkelt es in Nicaragua schon ein und auf diesen Strassen in der Dunkelheit fahren macht noch weniger Spass. Zum Glück haben wir ein gutes Auto und wir kommen einigermassen vorwärts. Trotzdem kommen wir spät in Matagalpa an, wir essen kurz was und dann fallen wir alle ins Bett. Am nächsten Tag geht’s schliesslich wieder früh los, Richtung Jinotega. So hab ich leider Matagalpa nur auf der Durchfahrt und nachts bzw. im Morgengrauen gesehen. Es wäre aber hübsch und es ist merklich kühler als in Managua, sehr angenehm.
Eine der vielen bemalten Bushaltestellen in den Farben des FSLN, „Daniel Presidente“ – der Präsident Daniel Ortega wird hier gerne einfach mit dem Vornamen genannt, Daniel, und alle wissen, von wem die Rede ist.
Zwei Überlandbusse kreuzen sich, darüber das omnipräsente pinke Plakat mit Daniel Ortega und seinem Slogan : „Nicaragua, de victoria en victoria. Cristiana, sozialista, solidaria“ – Nicaragua, von Sieg zu Sieg. Christilich, sozialistisch, solidarisch.
El Dorado
Auf dem Weg nach Jinotega machen wir im Schwarzwald halt – der Selva Negra, ein schönes Wandergebiet und ein Naturschutzpark. Es gibt ein Hotel mit hübschen Bungalows (gegründet von der deutschen Familie Kühl), einen Teich und eine Kaffeefarm. In den heissen Monaten in Managua sicher ein hübscher Ort, um sich zu erholen.
Wir fahren durch Jinotega (Karte Departement Jinotega) noch weiter bis El Dorado, ein Dorf am Lago Apanas. Doch die Ironie dieser Dorfgemeinschaft ist, dass zwar Wasser in der Nähe ist, die Bevölkerung von El Dorado aber kein (fliessendes) Wasser hat. Auguasan hat auch hier ein Trinkwasser- und Abwasserprojekt. Bis anhin mussten die Menschen das Wasser mit Eimern aus dem Stausee holen, das aber unbehandelt und nicht sehr sauber war. Nun gibt es eine Wasseraufbereitungsanlage mit Wasser aus zwei Quellen und ebenfalls Toiletten. Das Projekt ist fast abgeschlossen und es gibt wiederum eine Besichtigung. Diesmal nicht ganz einfach, da es die letzten drei Tage geregnet hat, was man am Zustand des steilen Weges unschwer erkennen kann, den wir zu Fuss bewältigen müssen – er besteht aus sehr rutschigem klebrigem Lehm.
Anlässlich der Besichtigung der Trinkwasseraufbereitungsanlage stellen uns Verterter der Gemeinde alle Etappen des Projekt vor. Sie haben acht Jahre um solch eine Trinkwasserversorgung gekämpft und sind stolz, es endlich erreicht zu haben.
Zum Abschluss werden wir noch bekocht, es gibt leckeren Fisch aus dem See. Wir brechen auf und kommen erst spät in Managua wieder an.
19. Dezember 2011 – Wenn einen die Kindheit einholt
Eines Abends, als ich mit meiner Gastfamilie doch etwas fern sehe, erschrecke ich fast. Das ist doch Chapulin Colorado?? Als ich klein war, in den 1970er-Jahren, lief die Serie schon in Venezuela und nicht nur ich war begeistert. Und sie läuft noch heute, die gleichen alten Episoden von damals, im Abendprogramm. Und nicht nur das, es gibt auch eine neue animierte Zeichentrickausgabe des Superhelden Chapulin Colorado (Der Rote Grashüpfer). Die mexikanische Serie ist eigentlich eine Parodie auf die gängigen Superhelden und sehr humoristisch mit viel Sprachwitz und Doppeldeutigkeiten. Ebenfalls läuft El Chavo del Ocho (Der Junge aus dem Achten), mit dem gleichen Protagonisten und demselben Produzenten, Roberto Gomez Bolaños, El Chespirito.
Links: El Chesperito links als Chapulin Colorado, rechts als El Chavo del Ocho.
Schwierig, einen kurzen Ausschnitt von Chapulin zu zeigen, um einen Eindruck zu vermitteln. Hier einen, in dem Chapulin einen Hühner- und Eierdieb stellen will und dafür seine Geheimwaffe anwendet:
Pedrito Fernández
Eine weitere lustige Erfahrung war, als meine Gastmutter und ich herausfanden, dass wir beide in Pedrito Fernández verliebt sind, meine Liebe, als ich sechs, sieben Jahre alt war. Der nur vier Jahre ältere Pedrito war damals schon ein kleiner Star unter den Musica-Ranchera-Sängern und wurde mit der Platte „La De La Mochila Azul“ (Die mit dem blauen Rucksack) 1978 bekannt, worauf 1980 der dazugehörende Film in die Kinos kam.
Ausschnitt aus „La de la Mochila Azul"
Meine Schwester und ich lagen damals stundenlang am Boden, hörten uns die Platte an und schmachteten dazu das Cover an, dasselbe Foto von Pedrito vorne farbig und auf der Rückseite in schwarz weiss:
Cover der Platte „La de la Mochila Azul"
Der Mexikaner ist noch heute ein sehr beliebter Sänger und heisst natürlich nicht mehr Pedrito, sondern Pedro Fernández. Sein Pate, der 71-jährige Vicente Fernández, ist der wohl bekannteste lebende Vertreter diese Musikrichtung mit mehr als 40 Millionen verkaufter Platten. Überhaupt ist die Ranchero-Musik auch in Nicaragua sehr beliebt, insbesondere im Norden des Landes.
22. Dezember 2011 – Mercado Oriental
Endlich lerne ich den Mercado Oriental kennen, anscheinend der Grösste Zentralamerikas. Hier findet man alles: frisches Gemüse und Obst, Fleisch, Kleider, Schuhe, Haushaltsware, Handys oder Fotokameras – Neues wie Gestohlenes – Essstände usw. Er ist in der Tat sehr gross und nach ein paar Minuten würde ich mich schon nicht mehr zurechtfinden, aber meine Gastmutter kennt sich hier blind aus. Es ist stickig und heiss, und es wimmelt nur so von Menschen. Und man soll äusserst gut auf seine Sachen aufpassen, da es viele Taschendiebe gäbe, insbesondere um die Weihnachtszeit. So zücke ich auch mein Handy nicht, um zu fotografieren, und marschiere im Eiltempo hinter meiner Gastmutter durch den Markt.
Einer der Eingänge zum Mercado Oriental. (Foto END)
24. Dezember 2011 – Weihnachten und Geburtsagsfeier meiner Gastmutter
Heute klingelt schon um halb fünf Uhr morgens das Telefon. Man stelle sich vor, in der Schweiz ruft jemand um diese Zeit an, um zum Geburtstag zu gratulieren … Hier gilt wohl, je früher, desto besser. Später gehe ich mit meiner Gastmutter Candida noch die letzten Besorgungen machen, ja, auch hier gilt, in letzter Minute … Vor wenigen Wochen wurde ein neuer Supermarkt ganz in der Nähe eingeweiht, ein Maxi Palí – die nicaraguanische Walmart-Kette von Walmart Mexiko und Zentralamerika. Vor der Eingangtüre sind Musikboxen aufgestellt und beschallen nicht nur den Parkplatz davor, sondern das halbe Quartier, so laut ist die Musik. Drinnen scheint es noch einigermassen angenehm zu sein, aber schnell wird klar, dass es viele Leute hat und die Schlangen an der Kasse gross sind, schon morgens um 9 Uhr. Wir brauchen denn auch alles in allem etwa zwei Stunden zum Einkaufen, obwohl der Maxi Palí gleich bei uns um die Ecke ist.
Eine der vielen Werbeflächen in Nicaragua – sie wird einfach auf eine leere (Häuser-)Wand gemalt. Hier die Werbung für ein Geschirrspülmittel.
Schwer beladen kommen wir zurück und Candida fängt an zu kochen. Kurz danach kommen die ersten Gäste – und so geht’s dann bis um Mitternacht. Gäste kommen, gratulieren zum Geburtstag und wünschen frohe Weihnachten. Es wird gegessen und getrunken, natürlich gibt’s auch noch einen Kuchen. Und Musik. Um 18 Uhr stehen die Mariachis stramm vor der Türe, ein Geburtstagsgeschenk an Candida. Alle tanzen und schwitzen und tanzen. Nach 12 Liedern sind die sechs Jungs wieder weg und die Musik geht per DVD weiter, Salsa, Cumbia, Bachata, Milli Vanilli, Schnulzen, Pedrito Fernández, MC Hammer statt „Stille Nacht, Heilige Nacht“ …
Die Mariachis im Wohnzimmer .
Still ist hier nichts an dem Abend und um Mitternacht geht’s auf die Strasse, um den Nachbarn frohe Weihnachten zu wünschen. Dazu laute Kracher und Feuerwerk – mir kommt es eher vor wie ein Silvesterabend. Zurück im Haus werden die Geschenke ausgepackt und dann geht’s ins Bett.
27. Dezember 2011 – Aufruhr in der Redaktion
Der Direktor Francisco Chamorro kündigt seinen Rücktritt an, per 3. Januar bzw. per sofort. Er taucht auch nicht mehr auf. Es gäbe zu viele Differenzen in der redaktionellen Ausrichtung zwischen den neuen Eigentümern, der Bankengruppe, und ihm bzw. der „alten“ Führung. Im Laufe der letzten sieben Monate sind denn auch schon einige kritische Geister – und Mitbegründer – der Zeitung gegangen aufgrund unüberbrückbarer Differenzen. Nun also auch der Sprössling aus der Gründerfamilie.
Am Abend gibt es eine Versammlung mit Vertretern der Bankengruppe, um die Mannschaft etwas zu beruhigen und zu versichern, dass nicht Ortega dahinterstecke. Und auch, dass nicht dessen Frau am folgenden Tag die Führung der Zeitung übernehmen würde (zu den Gerüchten und Besitzverhältnissen siehe auch Eintrag vom 29.11.2012 „Wenn sich Gerüchte (fast) bestätigen“). Er führte auch die ersten Gedanken über die Neuerungen der redaktionellen Linie aus. Da sprach ein Finanzspezialist, kein Journalist. Gewisse Themen dürften nicht mehr so scharf angefasst werden, nicht, wenn die Bankengruppe in dem entsprechenden Gebiet Investitionen getätigt hätte und diese gefährdet werden könnten. So vor allem im Streit um den Grenzfluss Rio San Juan mit Costa Rica. Da prallen zwei Interessen aufeinander, die ökonomischen und die journalistischen. Ich denke nur, das ist wirtschaftliche Zensur und wird zu vermehrter Selbstzensur führen, was dann auch während der Heimfahrt im Minibus unter den Kollegen diskutiert wird.
Es bleibt abzuwarten, wie stark die Einschränkungen tatsächlich sein werden, welche Neuerungen sich durchaus positiv auswirken werden und ob und wo die Schere im Kopf angesetzt wird. Genaue Ausführungen über die Pläne und die neue Ausrichtung sollen im Januar vorgestellt werden. Auf jeden Fall ist am Folgetag das Hauptthema der letzten Tage aus den Schlagzeilen der Zeitung verschwunden, der seit über einem Jahr schwellende Grenzstreit mit Costa Rica um den Fluss San Juan.
30. Dezember 2011 – Ausflug auf einen der vielen Vulkane
Auf der Fahrt zum Markt bzw. Busbahnhof bemerke ich plötzlich, dass ich unter meinen Füssen die Strasse vorbeizischen sehe – nicht das erste Mal. Es ist, würde ich meinen, sogar die gleiche alte Klapperkiste wie letztes Mal. Der Boden des Gefährtes weist hier und da Löcher auf, ist etwas durchgerostet und auch der restliche Zustand des Busses ist eigentlich nicht grad vertrauenserweckend. Aber es fährt eben noch, und das so lange, bis er auseinanderbricht oder die Kooperative der Buslinie ebenfalls neue Busse von Ortega erhält. Mir wird von verschiedenen Seiten gesagt, dass dies nämlich eine Taktik sei: Die Ortega nahen Transportkooperationen hätten schon vor längerem neue Busse aus Mexiko bzw. Russland gespendete erhalten, die übrigen müssten sich gedulden. Aus Protest hätten diese ihre ältesten Vehikel wieder hervorgenommen, auf dass auch die Passagiere protestierten und neue Busse forderten.
Es handelt sich hier aber nicht (nur) um ein Problem der richtigen Parteizugehörigkeit – die betroffene Buskooperative wollte anscheinend vor einiger Zeit unabhängig werden und ist daher aus der gemeinsamen Kooperative ausgetreten. Nun wird sie privat geführt, wird aber immer noch von der Regierung subventioniert hinsichtlich Treibstoff. Aber, da sie nun eigenständig ist, kommt sie natürlich nicht mehr in den Genuss von subventionierten Ersatzteilen oder eben von neuen Bussen.
Bildlegende: Einer der neuen (russischen) Busse.
Dafür ist Jesus mit von der Partie:
Am Huembes-Markt nehmen wir den Bus Richtung Masaya und steigen auf der Höhe des Vulkans Masaya aus. Das Naturschutzreservat ist Nicaraguas erster Nationalpark (1979), ist 54 km2 gross und enthält neben den Vulkanen die gleichnamige Lagune.
Wir machen uns auf, die 5,5 Kilometer bis zum Krater zu gehen. Wandern kann man dem nicht direkt sagen, es ist eine asphaltierte Strasse, die bis zum Krater führt – daher gilt der Masaya-Vulkan auch als der am einfachsten erreichbare. Es gibt aber nebst dieser Zugangsstrasse rund 20 km Wanderwege, welche man indes meist nur mit einem Führer betreten darf.
Der 635 Meter hohe Vulkan Masaya und der Nindirí – der erloschene der beiden Vulkane – sind imposant: Es sind fünf Krater, und der grösste davon, der Santiago-Krater, stösst Schwefelschwaden aus. Bei dem aktiven Vulkan könnte man von einer Seite her auch noch das Blubbern der heissen Lava in der Tiefe sehen. Leider ist der Weg zu diesem Aussichtspunkt aber gesperrt, weil der vor einiger Zeit in die Tiefe gestürzt ist und der Krater in ständiger Bewegung ist.
Bildlegende: Landschaft auf dem Weg zum Krater hoch.
Bildlegende: Blick in den Santiago-Krater.
Die Lagune von Masaya – ebenfalls vulkanischen Ursprungs.
31. Dezember 2011 – Silvester
Natürlich muss auch heute noch eingekauft werden, in letzter Minute, da geht man auch mal mit Lockenwickler in den Super:
Wir verbringen Silvester bei Freunden der Familie. Es ist nicht viel anders wie Weihnachten, einfach ohne Mariachis: Es wird gegessen, getrunken, getanzt, laut Musik gehört, Feuerwerk gezündet. Und, „El Año Viejo“ verbrannt. Eine Puppe, mit alten Schuhen, verwaschenem und gebrauchtem T-Shirt, einem dreckigen Hut, der Körper aus Tüchern und ein wenig Schwarzpulver. So wird „El Viejo“, der Alte verbrannt und alles, was am alten Jahr nicht gut war. Ich komme mir ein bisschen vor wie beim „Sechsilüte“ ...
Bildlegende: El Viejo.
2. Januar 2011 – Statt Strand, Aufräumtag
Eigentlich wollten wir an den Strand, diesmal etwas näher an Managua, als es San Juan del Sur ist. Doch wie so oft kommt alles anders. Morgens um halb fünf klingelt das Telefon – eine Freundin der Familie ist in der Nacht gestorben. Sie hatte Krebs im Endstadium. Meine Gastmutter fuhr denn auch hinaus ins Dorf und blieb gleich dort, denn die Beerdigung war auf den nächsten Morgen um sieben Uhr angesagt.
Ich hab den Tag etwas genutzt, um Ordnung in all meine Papiere zu kriegen, wenn ich schon zuhause bleibe. Es hat sich in den letzten sechs Wochen so einiges angesammelt, Gesprächsnotizen, hier ein Zettel, da ein Zettel, Aufnahmen, Fotos, Informationsmaterial, Visitenkarten. Es bleiben mir nur noch vier Wochen in Nicaragua, daher war auch ein kurzes Brainstorming angebracht, was alles noch zu tun ist bei der Arbeit und was ich alles noch machen und sehen will während meines Aufenthaltes in Nicaragua.
Beim Sortieren gefunden: das Brillengeschäft Münkel – omnipräsent in Managua und oft Referenzpunkt für Taxifahrer oder unsere Chauffeure der Redaktion.
3. Januar 2012 – neuer Redaktionsalltag
Ich habe einen neuen Arbeitsplatz. Da bläst einem die Klimaanlage erst recht um die Ohren. Und das meine ich nicht nur von der kalten Luft her, sondern auch vom ständigen lauten Rauschen. Das ist nicht etwa ein Hintergrundgeräusch, für Hintergrund ist es echt zu laut, ich habe das Gefühl, neben einem Düsenjet zu stehen.
Der Arbeitsplatz sieht auf den ersten Blick super aus im Vergleich zum Letzten. Der Stuhl ist in etwa gleich unergonomisch und hart, aber der Bildschirm ist viel grösser und ich hoffe, da endlich wiedermal alles auf einer Seite im Internet zu sehen, was auf eine Seite gehört. Aber erst muss der Techniker her, denn es gibt nur ein Administratorenprofil, da hab ich natürlich keinen Zugang. Aufgestartet merke ich schnell, dass die Auflösung des Bildschirmes etwas schummrig ist – und ich ihn nicht nach unten kippen kann. Ich muss also hochstarren und hab schon nach ner halben Stunde fast eine Genickstarre.
Aber, ich entdecke Boxen, endlich hab ich auch mal Ton. Das funktioniert dann die erste halbe Minute einwandfrei, dann wird es eher unangenehm, ständig gibt es Interferenzen von einem Handysignal und ich stell die Dinger schnell wieder ab. Und die Tastatur ist auch weder Deutsch noch Spanisch und schreibt insbesondere bei den Sonderzeichen nicht das, was auf den Tasten steht. Dann kommt ein / statt ein & und man probiert durch. Eine kleine Herausforderung und nicht sehr Effizienz fördernd ...
Unsere Infowand – die beiden Info-Bildschrime, von meinem neuen Arbeitsplatz aus gesehen.
Seit einer Woche ist zudem unsere Mikrowelle tot. Die spärliche Ausstattung unseres Aufenthaltsraumes ist noch karger geworden und Ersatz scheint nicht in Aussicht. So essen derzeit alle ihr mitgebrachtes Mittagsessen eben kalt.
Heute Morgen gab es eine erste Sitzung mit dem neuen END-Chef Nuñez und seinem neuen Stellvertreter Douglas Carcache vor versammelter Mannschaft. Die, die weiter hinten standen im Sitzungsraum haben nur leider kaum ein Wort dessen verstanden, was der neue Direktor gemurmelt hat. Einerseits, weil die Klimaanlage, wie alle hier in der Redaktion, einfach einen unheimlichen Lärm macht, aber auch, weil der Doktor Nuñez fast im Flüsterton redete. So bleiben Unsicherheiten weiter bestehen über die Zukunft der Redaktion und der Angestellten und man wartet weiter.
Schweizer Doppelseite im END
Dafür ist gestern, dem 2. Januar, endlich mein überfälliger Artikel erschienen zum Thema Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Nicaragua (Cooperación suiza continúa firme, tras 30 años), etwas durch die Abschlussredaktion verändert und leider hat es nun die eine oder andere Verdoppelung drin. Aber der Artikel geht über die Hälfte des linken Blattes. Darunter ein halbseitige Inserat einer Telenovela. Auf der rechten Zeitungsseite erschien eine kurze Reportage über Zürich (Zürich, un paraíso cerca del cielo) und den Säntis mit vielen Fotos. Diese besagt indes, dass die Häuser in Zürich klein und nur vier Stockwerke hoch sind. Hat da jemand nur das Niederdorf zu Gesicht gekriegt?
2012 – Die Farbe Pink oder die Suche nach Harmonie
Ich frage mich seit Längerem, wieso eigentlich die grossen und kleinen Plakate mit der Regierungspropaganda in der Farbe Pink gehalten sind, auch Schriftzüge der Regierung oder offizielle Webseiten.
Die omnipräsenten Propagandaplakate in Pink.
Jedenfalls nicht gerade die Farbe, mit der man Revolutionäre in Verbindung bringt oder Präsidenten noch Könige und Diktatoren. Es ist auch nicht die Farbe der Sozialisten oder (selbst ernannten) Linken, die Farben des FSLN sind eigentlich Rot und Schwarz. Ebenso wenig ist es die Farbe des Christentums oder der Solidarität, wie es der Slogan „cristiana, solidaria y socialista“ suggeriern könnte. Die Farbe des heutigen Nicaraguas ist aber pink. Naja, nicht pink, sondern „rosado chicha“ oder eben rosenrot. Woher kommt das?
Chicha kommt vom indigenen Mischgetränk, das meist aus Mais gemacht wird und das beim Gären nicht immer den gleichen Pinkton erhält, mal dunkler, mal heller. Es ist die Farbe des „oficialismo“, es ist omnipräsent, es ist Fahne und Symbol.
„Erfunden“ haben soll es auf meine Nachfragen bei den Kollegen die First Lady Rosario Murillo (ich dachte mir schon, diese Farbe kann nur einer Frau wählen) in ihrer Funktion als Organisatorin der präsidialen Wahlkampagne. Murillo ist Dichterin, Regierungssprecherin, verfasst die Communiqués und ist auf Ernennung Ortegas hin Vorsitzende des „Rates für Kommunikation und Staatsbürgerschaft“ – ein Gremium auf nationaler Ebene und einer von vier Räten, die in seiner letzten Amtsperiode ins Leben gerufen wurden, um eine direktere und partizipativere Demokratie zu fördern. In dieser Funktion kontrolliert die Primera Dama die gesamte Öffentlichkeitsarbeit der Regierung. Und dies, obwohl es ein Gesetz gibt, das die Anstellung von Familienangehörigen wie eben auch Ehepartner explizit untersagt. Es wird denn auch immer gemunkelt, dass sie die starke Hand des Ortega-Murillo-Duos ist und nicht der Präsident selbst. Beobachtet man das Duo, sieht es manchmal durchaus so aus.
Rosario Murillo, Präsidentschaftsgattin und Regierungssprecherin.
Dieses „rosado chicha“, sagte Rosario Murillo, sei eine Mischung aus drei Farben: die Farbe Rot, das Weiss der Reinheit und das Blau der Ruhe. Gemäss Farbenlehre suchten sie zusammen die Harmonie, den Frieden und die Liebe. Andere Theorien meinen, sie rufe eher Künstlichkeit hervor, Stolz und Pomphaftigkeit. Jedenfalls soll es die FSLN-Farben Rot und Schwarz, die in der Wahlkampagne kaum mehr Verwendung fanden, wohl etwas vergessen machen oder den FSLN positiver hinüberbringen: Schwarz-Rot stehe nämlich für Tod und Blut, eine Symbolik, die noch aus den revolutionären Zeiten des FSLN stammt.
Die Flagge des FSLN – Frente Sandinista de Liberación Nacional.
6. bis 8. Januar 2012 – Somoto, 2. Versuch
Auch der gelingt nicht. Wieder kommt etwas dazwischen und so nutze ich die Tage, um in Masaya nochmals durch den grossen Markt zu schlendern, dem Martktreiben zuzuschauen und einige Dinge einzukaufen und zu erledigen.
Samstag ist dafür Strandtag. Diesmal klappt es und es geht nach Pochomil, sozusagen der Strand der Hauptstädter. Morgens um fünf wollten wir los, um den Tag am Meer richtig auszunutzen, es wurde dann aber doch sechs Uhr. Immer noch früh genug, um einen entspannten Tag am Meer zu verbringen.
Morgengrauen in Managua.
Szene aus dem Busbahnhof im Israel Lewites-Markt.
Szene im Israel Lewites-Markt.
Ein Fleischstand in San Rafael del Sur.
Mit dem Bus sind es etwa zwei Stunden bis Pochomil. Viele Abgeordnete hätten hier ihre Strandhäuser und zu Ostern und in den Ferien sei der Strand übervoll. Heute ist es sehr gemütlich und die Wellen laden zum Baden ein. Der Strand ist recht breit und ewig lang.
Immer wieder werden uns Schildkröteneier angeboten, eine Delikatesse, die die Nicaraguaner lieben. Eigentlich ist der Verkauf und auch der Verzehr ja verboten...
9. Januar 2012 – Parlamentseröffnung und Vereidigung
Heute Montag ist die Eröffnung der neuen Legislaturperiode und gleichzeitig findet die Vereidigung des frisch gewählten Parlaments statt, in dem der FSLN neu die Mehrheit stellt.
Ausserdem laufen die Vorbereitungen für den morgigen Dienstag, 10. Januar auf Hochtouren: Amtsantritt de neuen alten Präsidenten und die erneute Vereidigung Ortegas. Die Gegend um das ehemalige Zentrum der Hauptstadt, rund um die alte Kathedrale und die geschichtsträchtige Plaza de la Revolución, ist schon seit gestern gesperrt. Am Platz gibt es noch Bauarbeiten, er wird herausgeputzt für diese Gelegenheit. Zutritt dazu kriegen aber nur die regierungsnahen Medien, der END versucht seit zwei Tagen, Zutritt und Informationen zu den Umbauarbeiten zu erhalten und wird von der Polizei immer abgewiesen. Ich frage mich, wie das wohl morgen sein wird.
Mein vierter Arbeitsplatz
Ich hab wiedermal einen neuen Arbeitsplatz, diesmal in der Abstellecke. Die Klimaanlage bläst hier nochmals um einiges stärker und ich sitze mit Schal, langarmigem T-Shirt, Kapuzenpulli und Pulswärmer, langen Jeans und Turnschuhen auf dem Stuhl und erfriere immer noch. Entsprechend reagiert meine Nase ... Und ausserdem ist sie noch lauter als bei meinem vorherigen Arbeitsplatz, da ich ihr noch näher bin. Das bedeutet einen sturmen Kopf.
Die Tastatur macht mir das Arbeiten auch nicht leichter, auch diese schreibt nicht, was bei den Sonderzeichen auf den Tasten steht und ich suche und suche. Zudem ist die Aufschrift auf der Hälfte der Tasten gar nicht mehr existent – intuitives Tippen ist gefragt. Ausserdem braucht der Computer während der Hälfte des Tages jeweils zwischen einer bis drei Minuten, bis er auf einen Befehl von mir reagiert, eher zum Verzweifeln denn motivationsfördernd. Dafür funktioniert tatsächlich der Ton einigermassen einwandfrei ...
Erste Veränderungen im Redaktionsalltag
Vom neuen Redaktionsalltag unter der neuen Führung spüre ich selber noch nicht viel, ausser dass einige Themen über Bord geworfen werden. Einerseits Themen, über die ich noch einen Bericht machen wollte wie die Freihandelszonem und die (schlechten) sozialen Bedingungen dort – obwohl mir immer wieder versichert wird, dass sie um einiges besser geworden seien und die Arbeitgeber dort schärfer kontrolliert würden: So müssten sie nun allen eine Krankenkasse bzw. Versicherung bezahlen und die Firmen selbst sogar dem Staat ein Mindestzinssatz an Steuern abgeben – doch höre ich von betroffenen Frauen doch immer wieder, wie hart es dort ist zu arbeiten, denn es ist Akkordarbeit. Und in Zeiten wie Weihnachten dürften sie kaum zweimal pro Tag auf die Toilette ... Aber die Eigentümer des END, die Bankengruppe, sind Befürworter der Zona Franca, der Freihandelszonen und wünschten sich noch mehr davon, schliesslich gäben diese viele Arbeitsplätze. Das mag sein, ich hätte nur gern gewusst, was für Arbeitsplätze, ob gute oder prekäre, also zu welchem Lohn und auch mit welchen Umweltverschmutzungen.
Ein eigentlich wichtiges Thema, das von einem Tag auf den anderen aus der Zeitung verschwunden ist, ist der Grenzstreit um den Rio San Juan (siehe 27. Dezember 2011). Das war also keine leere Drohung der Bankengruppe betreffend der redaktionellen Ausrichtung ...
Carlos Fernando Chamorro, Publizist und Herausgeber der Fernseh-Diskussionssendungen „Esta Semana“, „Esta noche“ und der Wochenzeitung „Confidencial“ und Preisträger der Goldenen Medaille 2010 des Maria Moors Cabot-Preises (ja, ein weiterer Chamorro, in diesem Fall der Sohn des 1978 ermordeten Pedro Chamorro, der als erster Nicaraguaner diesen Preis erhielt) – einer der ältesten Journalistenauszeichnungen der USA, wird von der New Yorker Columbia University verliehen – hat in seiner Sendung als Erster den Ex-Direktor des El Nuevo Diario, seinen Cousin Francisco Chamorro, interviewt und über die Gründe seines Rücktrittes befragt. Text und Bild dazu hier.
Gegen Feierabend dann sichte ich plötzlich in einem unserer beiden Fernseher der „Video-Wand“ Hildebrand – der Rücktritt des Schweizer Nationalbankpräsidenten hat es also bis in die Nachrichten von CNN Español geschafft.
Dienstag, 10. Januar: Toma de posesión oder der Tag des Amtsantritts von Ortega
Es gibt umfangreiche Strassensperrungen am Tag der Vereidigung des Präsidenten, der öffentliche Verkehr leidet und die Menschen meinen, es gäbe auch weniger Busse, da diese aufs Land raus gefahren seine, um Jugendliche für die Veranstaltung heranzukarren. Seit Sonntagabend gibt es ausserdem ein Verkaufsverbot für Alkohol in ganz Managua. Die Gegend um den ehemaligen Präsidentenpalast und heutiger Casa de los Pueblos, der alten Kathedrale und dem Platz der Revolution ist weiträumig abgesperrt. Zutritt erhalten nur die geladenen Gäste und Parteianhänger, vor allem von der sandinistischen Jugend. Das Volk aber wurde vom Akt ausgeschlossen.
Derweil trifft ein Gast nach dem anderen ein, nebst einigen Vizepräsidenten, Sonderbotschaftern und Delegationen aus Kuba und von diversen lateinamerikanischen Ländern auch aus China und Taiwan, Japan, Thaliand, der EU, Australien usw. Nicht gekommen sind Vertreter von Costa Rica aufgrund des seit langem andauernden Streites um den Grenzfluss San Juan. Mit von der Partie sind dafür der Kronprinz von Spanien, Felipe (der übrigens immer wieder mal ziemlich irritiert dem Treiben zuschaut) und der Amtskollege aus dem Iran, Ahmadinejad. Und natürlich der beste Freund und grösste Geldgeber Orteagas: Hugo Chávez, der venezolanische Staatschef.
Das Dream-Team Otrega, Chávez und Ahmadinejad. (END)
Um 18 Uhr geht es los, der Parlamentspräsident ergreift das Wort, die Gäste werden alle vorgestellt, dann wird Ortega vereidigt, es gibt Musik und Murillo singt und schwenkt die Arme wie einst zu Hippiezeiten zu Musik von unter anderem den Beatles und John Lennon, natürlich in angepassten Versionen auf Spanisch. Die „neue“ Hymne des FSLN, man höre, sehe und staune:
VIDEO:
Auch während der folgenden Antrittsrede von Ortega erklingt die Musik weiter im Hintergrund. Es nimmt der Ernsthaftigkeit, welcher dieser Moment eigentlich ausstrahlen sollte, ein wenig die Würde, es wirkt eher wie die Eröffnungsrede eines Einkaufszentrums oder Vergnügungsparkes. Ortega hält sich laut Kritikern kaum an das herrschende Protokoll für solche Zeremonien. Er begeht auch diverse Faux pas, übergeht den Kronprinzen Felipe beim Händeschütteln usw. Er nutze die toma de posesión, zur Selbstdarstellung.
Ortega redet lange, er redet mit vielen Pausen. Er redet viel von Frieden, von der Liebe, von Versöhnung und von der Wichtigkeit des Dialoges. Er verteidigt das zivile Atomprojekt Irans, zieht Parallelen zu den nicht vorhandenen C-Waffen im Irak und dem Sturz Saddam Husseins, redet von den ilegitimen Invasionen der NATO – erwähnt aber weder Ghaddafi noch Libyen. Man ist sich nicht sicher, ob das extra ist oder ob ihm der Name grad nicht einfällt, denn zwischendurch hat man das Gefühl, dass er den Faden verloren hat während seiner Rede.
Video: Eindrücke der Zeremonie, nach erfolgter Vereidigung von Ortega. (END)
Zur Fotogalerie des END.
Natürlich wird auch die sandinistische Revolution in Ortegas Rede erwähnt, der Sturz der Somozadiktatur 1979 durch die sandinistischen Truppen. Und ich denke plötzlich, war da nicht im Iran ebenfalls anno 1979 eine Revolution, die Islamische, als Schah Reza Pahlewi aus dem Land floh und Ayatollah Khomeini in Teheran landete?
Was wohl sonst noch alles in diesem Jahr geschah? Saddam Hussein kommt an die Macht und Margaret Thatcher wird Premierministerin, aus Rhodesien wird das unabhängige Simbabwe und der sowjetisch-afghanische Krieg beginnt mit der Landung sowjetischer Truppen in Kabul.
An einem 10. Januar wie der heutige Feiertag indes, 1978, wird der Publizist Pedro Joaquín Chamorro ermordet (zur Familie Chamorro siehe 22.11.2011, Redaktion Tag 1), was allgemein als der Beginn vom Ende der Somozadiktatur angesehen wird.
13. bis 15. Januar 2012 – Somoto zum Dritten
Endlich schaffen wir es nach Somoto bzw. Ocotal. Ocotal liegt auf über 500 m ü. M. im Norden Nicaraguas nahe der Grenze zu Honduras. Es ist ganz schön kalt in der Nacht. Die 1780 gegründete Stadt war eine Hochburg von César Sandino und seiner Armee. Ein hübsches Städtchen mit vielen Kolonialbauten, das hauptsächlich vom Kaffeeanbau lebt.
Bei einem kurzen Abstecher nach Dipilito noch weiter nördlich kaufe ich direkt bei einem Kaffeebauern, dem wir in den Hof trampen, frisch gerösteten und herrlich duftenden Kaffee.
Kaffeebauer in Dipilito beim Mahlen seines Kaffees.
Eines der vielen Schilder in der Gegend, die von einem Projekt der Entwicklungszusammenarbeit zeugen. Hier indes nur noch die Flaggen von Nicaragua (links) und Dänemark kenntlich, und nicht mehr, was für ein Projekt es war.
Am nächsten Tag geht’s zum Cañon de Somoto. Hier entsteht der sich bis zum Atlantik schlängelnde Río Coco, der sich aus dem Zusammenschluss zweier Flüsse bildet. Der fünf Kilometer lange Canyon hat seinen Ursprung wahrscheinlich von einer Erdspalte, die sich im Laufe der Zeit durch das Wasser weiter vertiefte. Die Felsen ragen bis zu 130 Meter auf beiden Seiten des Flussbettes hoch, in der Regenzeit füllt sich dieses schon mal bis ganz oben, versichert uns der Führer.
In diesem Naturschutzpark gibt es verschiedene Wanderwege und diverse Ausflüge, die man mit einem Führer machen kann. Wir entschliessen und für die „mittlere“ Variante, eine dreieinhalbstündige Tour, die uns durch den Trockenwald der Umgebung führt, teils schwimmend, teils watend und wandernd durch den Canyon und mittels einer kurzen Bootsfahrt an den Ausgang des Cañons. Die Natur und die Höhe der Schlucht sind schon recht imposant, und der Ausflug mit Nicht-Schwimmern doch recht lustig und aufregend.
Noch am Freitag werde ich von der Deza für eine weitere Projektreise angefragt, diesmal geht es um lokale wirtschaftliche Entwicklung, also um die Unterstützung von Kleingewerbe und -produzenten, KMU oder kleineren Genossenschaften usw. Es gehe für zwei Tage nach Somoto. So komme ich also am Dienstag wieder nach Somoto, nachdem ich es davor in drei Anläufen nicht geschafft hatte. Die Projektreise ist zusammen mit den beiden Kommunikationsverantwortlichen der Cosude und Swisscontact, einer Schweizer NGO, die ebenfalls schon seit über 30 Jahren in Nicaragua tätig ist.
Ich darf im Rahmen der Projektreise eine neue „Fabrik“ in Susucayán besichtigen, die Panela herstellt, eine Melasse aus dem Saft des Zuckerrohrs, das in dieser Anlage gereinigt und gekocht wird. Einerseits wird die daraus entstehende Melasse zu Vollrohrzucker gemahlen und verkauft, andererseits brauchen die lokalen Rosquilleras diese Zutat für ihr Gebäck. Die Anlage ist landesweit die erste ihrer Art und bereits übersteigt die Nachfrage nach dem Produkt deren Produktion. Geführt wird sie von einer Genossenschaft der lokalen Zuckerrohrbauern. Dank der gesteigerten Produktion in der Anlage und den besseren hygienischen Bedingungen als in den einzelnen Betrieben auf dem eigenen Hof konnten neue Absatzmärkte gefunden werden und so unter anderem das Einkommen der einzelnen Familien verbessert werden. Teile des Projektes widmen sich zudem dem Anbau des Zuckerrohrs und die Schonung der Umwelt mittels optimierter Anbautechniken und Ähnliches.
Die Zuckerrohrpresse der neuen Panela-Anlage.
Auf der Fahrt nach Somoto geht es vorbei an Ciudad Antigua, nach Granada und León die dritte Stadt, die von den Spaniern in Nicaragua 1538 gegründet wurde. Ein hübsches ruhiges Örtchen mit einer sehr alten Kirche.
In Somoto lerne ich die Genossenschaft der Rosquilleras kennen, Gerson. Die Gegend stellt traditionellerweise rosquillas her, ein Gebäck, deren Basis aus gemahlenem Mais vermischt mit Käse, Margarine, Milch und Zucker besteht. Nach vielen Gesprächen, Informationen und Eindrücken falle ich an diesem Abend todmüde ins Bett.
Am nächsten Tag geht’s weiter, ich lerne das „Haus des Bambus“ kennen, hier stellen Einwohner von Yalagüina Körbe für die Kaffee-Ernte und anderes aus Bambus her. Ein Interview mit der Bürgermeisterin steht auf dem Plan und die Besichtigung zweier Rosquilla-Betriebe.
Die Herstellung von Rosquillas im Akkord.
Zum Abschluss lerne ich noch eine Herstellerin von Ziegeln kennen, ebenfalls ein traditionelles Gewerbe in der Gegend. Alle diese verschiedenen Wirtschaftssektoren in Susucayán, Somoto und Yalagüina sind Teil des Projektes von Swisscontact.
Ziegel-Herstellung im optimierten und umweltschonenderen Ofen. Um die Ziegel zu brennen, wird viel Holz verbrannt und die traditionellen Öfen waren offen – entsprechend benötigten sie mehr Holz, und bildeten mehr Rauch, der die Arbeiter und die Umwelt krank macht. Der neue Ofen brennt zudem die einzelnen Ziegel regelmässiger und man erhält ein einheitlicheres, qualitativ besseres Produkt.
20. bis 22. Januar 2012 – Camoapa und der letzte Arbeitstag
Immer noch warte ich auf die Veröffentlichung meines letzten Textes. Sicher schon fünf Mal wurde ich gebeten, ihn doch nochmals im entsprechenden Ordner abzuspeichern, dem einen und anderen Redaktor zu mailen. Aber jedes Mal wenn ich nachfrage, ob ich ihn denn überarbeiten soll oder sonst was schief ist, wird abgewunken, alles oke, man sei dran ... Da heisst es nur, weiter warten.
Derweil suche ich täglich einen Stuhl, weil jeden Morgen meiner wieder verschollen ist und ich erneut auf die Suche einer Sitzmöglichkeit gehen darf. Auch die Maus funktioniert nur äusserst widerwillig, von der Tastatur ganz zu schweigen. Aber, es geht nicht nur mir so: Der grösste Teil der Infrastruktur in der Redaktion ist veraltet und ich meine, fast schon im Verfall begriffen. Und doch, täglich erscheint eine Zeitung. Da kann man nur bewundernd staunen, wie die Kollegen das Tag für Tag hin kriegen. Aufnahmegeräte, die nicht vorhanden sind oder nur dank Klebstreifen noch eine Einheit ihrer Einzelteile bilden; einige noch aus der Ära der Kassette, andere doch schon digital. Bei Letzteren indes kämpfen die meisten damit, dass sie keine Abhörmöglichkeiten finden, da kaum ein Computer Ton oder die kompatible Softwarelösung bietet, usw.
Nach dem ich die Rohfassung meines letzten Textes zu einem Aspekt der letzten Projektreise verfasst habe und ich eigentlich meinen letzten Arbeitstag hätte – das aber keiner zur Kenntnis genommen hat – beschliesse ich, den Artikel übers Wochenende liegen zu lassen und mich frühzeitig aus dem Staub zu machen, um am Montag nochmals kurz vorbeizuschauen, den Text fertig zu schreiben und mich in Ruhe zu verabschieden.
Camoapa
Und so geht es Freitagabend nach Camoapa, ins Heimatdorf meiner Gastfamilie. Jedenfalls dachte ich, es sei ein Dorf, sie sprachen immer vom pueblo, dem Dorf, und nicht von der ciudad, der Stadt. Es erwartet mich aber eine Kleinstadt. Die 120 km östlich von Managua gelegene Stadt hat über 40 000 Einwohner und lebt vor allem von der Viehwirtschaft.
Am Samstag besuchen wir denn auch den Bruder meiner Gastmutter auf seiner Finca, die ich mir ebenfalls anders vorstelle. Sie nennt sich Quinta – auf Deutsch Landhaus. Ich stelle mir ein grosszügiges herrliches Landhaus in leuchtenden Farben vor, mit einer Veranda voller Schaukelstühle und einer Hängematte. Doch es ist ganz bescheiden und nicht halb so gross, wie es mir vorschwebte:
Die Quinta.
Die Aussicht indes und die Umgebung, der Horizont, sind beeindruckend. Der nächste Nachbar ist in weiter Ferne, die Ruhe hier in der Natur tut gut.
Am nächsten Tag ist wieder die ganze Familie vereinigt. Es ist Jahrestag einer Tante, die vor einem Jahr gestorben ist. Ein durchaus katholisches Land muss ich ein weiteres Mal feststellen. Es gibt diverse Gebetsrunden im Haus mit allen, die vorbeikommen. Und natürlich gibt es Essen für alle – die Frauen stehen seit dem Vorabend in der Küche, um auf dem kleinen Herd genug für alle zu kochen.
Die Kochstelle im Hinterhof.
Und dann noch ein Gottesdienst um vier Uhr nachmittags. Die übervolle und grosse Kirche zu sehen hätte wohl jeden Schweizer Pfarrer neidisch gemacht. Die Messe geht gut 90 Minuten, und mir wird schwindlig vom Stehen und vom übermässigen Gebrauch des Weihrauches, der die ganze Kirche einlullt.
23. Januar 2012 – letzter Anlauf
Montag – mein letzter Arbeitstag. Nach dem ich fündig wurde auf meiner erneuten Stuhlsuche und die lahme Maus mit der meinigen ausgewechselt habe, beende ich meinen letzten Artikel. Mal sehen, ob der oder der seit Anfang Januar pendente mal noch erscheinen oder nicht.
Der Abschied kommt für die Kollegen überraschend, irgendwie hat keiner mitbekommen, dass die Zeit schon um ist. Es war denn auch eine Zeit vieler Veränderungen, voller Unruhe und Unsicherheiten in der Redaktion wie auch in der politischen Landschaft mit dem abtretenden Parlament und dem neuen, durch eine Partei dominierten Asamblea.
25. Januar 2012 – León, endlich
Heute geht es endlich Richtung Norden, in die zweitgrösste Stadt Nicaraguas: León. Eine Universitätsstadt und die Wiege des Liberalismus. Ziel der Reise ist nicht nur die Stadtbesichtigung, sondern auch ein Besuch bei der Frauenorganisation Mary Barreda, über die ich einen Artikel schreiben will.
Bei Mary Barreda bin ich mit Doris verabredet, die hier seit zweieinhalb Jahren im Rahmen ihres Projekteinsatzes mit der Schweizer NGO Interteam in der Organisationsentwicklung mitarbeitet. Die Frauenorganisation ist in der Gewaltprävention tätig und ist Anlaufstelle für Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt, kommerzieller sexueller Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen sowie für Prostituierte. Sie bietet juristische und medizinische Beratungen sowie Sozialberatungen an. Seit über 23 Jahren kämpft die Organisation für die Sensibilisierung eines der grossen Probleme der nicaraguanischen Gesellschaft, die Gewalt.
León hat unzählige Kirchen. Und es ist richtig heiss in der Stadt. Wir spazieren etwas herum, sehen die eine und andere Kirche und natürlich die grösste und älteste Kathedrale Mittelamerikas.
Die Kathedrale um 1900.
Es gibt wunderschöne Innenhöfe von alten hohen Kolonialhäusern zu sehen und viele grüne Plätze. León gilt als intellektuelle Metropole von Nicaragua und war Wohnsitz des weltberühmten Dichters und Begründer der literarischen Strömung des Modernismo Rubén Darío. Der Diktator Anastasio Somoza Garcia wurde hier 1956 angeschossen (siehe der Somoza-Clan) und sie war Zentrum der Revolutionskämpfe 1978/79.
Die letzten Tage
Die letzten Tage verbringe ich mit Organisieren, mit Pendenzen abarbeiten, Tagebuch schreiben, Artikel für die Schweizer Presse verfeinern aber auch mit Ausflügen hier und dort – die leider manchmal am „schlechten“ Wetter scheitern: zu viel Wind für die Bootsfahrt auf dem Managuasee usw. Aber die Zeit rast und am Montag geht’s schon wieder zurück in die Schweiz. So heisst es überall wieder Abschied nehmen und sich langsam auf die kalte Schweiz einstellen.