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Stagiaires in Auslands-Redaktionen

Mirjam Mathis berichtet aus Managua

Von Mitte Dezember 2010 bis Mitte Februar 2011 ist Mirjam Mathis (1985) Stagiaire bei der Zeitung El Nuevo Diario in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua. Sie hat im 2010 den Master of Arts in Journalism am MAZ und der Hamburg Media School abgeschlossen und ist als freie Mitarbeiterin beim Regionaljournal Zentralschweiz von SR DRS und bei der Neuen Nidwaldner Zeitung tätig. Vor der Journalismusausbildung studierte sie Internationale Beziehungen in Genf und Madrid. Ab März 2011 macht sie den trimedialen Stage bei Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).
Blog-Abfolge: Neueste Artikel oben.

Mirjam Mathis (MAZ)

28.2.2011            Letzte Impressionen aus Nicaragua
Zurück in der Schweiz möchte ich gerne noch einmal die Bilder sprechen lassen. Aber zuerst die Links zu zwei Artikeln, die ich schon länger geschrieben habe und die während meinem Urlaub in Nicaragua im Nuevo Diario gedruckt wurden: Einen zweiten Artikel über Tourismus in Managua und einen Artikel über ein Projekt, das von der DEZA unterstützt wird.

Und hier nun die versprochenen letzten Eindrücke in Bildern:


Das Ferienparadies Little Corn Island in der Karibik


Granada, die touristische Kolonialstadt am Lago de Nicaragua


Granada


Die Inseln von Granada


Die spezielle Flora des Vulkan Mombacho


Der rauchende Vulkan Santiago bei Masaya

MANAGUA


Markt Managua


Lago de Managua


Zeitungsverkäufer Managua


Verkäufer Managua


Lunchbox

Auf dem Land


Bus


Fleischverkäuferin


Kinder spielen


Norden


Frau Tortilla


Junge Wasser


Fritanga


Kinder


Frau

 

12.2.2011            Letzter Arbeitstag
Der letzte Arbeitstag ist vorbei, die Zeit beim Nuevo Diario kommt mir viel zu kurz vor. Jetzt da ich mich eingelebt habe, das Umfeld kenne und weiss, wie ich an Informationen rankomme, muss ich schon gehen.  Bei meiner Stage kamen einige unglückliche Umstände zusammen, allem voran der Raubüberfall, welcher mir die Arbeit während einiger Zeit praktisch verunmöglichte, aber auch, dass nichts los war im Dezember, als ich anfing und niemand da war, der mich eingeführt hat. Zudem hat sich mein „Betreuer“, der Chefredaktor, vor ein paar Wochen in die USA abgeschlichen und ich hatte fortan keine direkte Ansprechperson mehr. Insgesamt war die Stage in diesem Sinne nicht allzu produktiv, aber ich habe auf jeden Fall sehr viel Spannendes erlebt und über Nicaragua und den Journalismus hier erfahren.

Nun aber zu meinem letzten Arbeitstag: Wie fast jeden Tag diese Woche musste ich früh aufstehen. Um 6 Uhr holte mich ein Chauffeur der Zeitung ab, wir fuhren in eine andere Stadt um eine Schweizer Organisation (Sofonias) zu besuchen, die seit den 80er Jahren in Nicaragua arbeitet. Als ich die Zeitung aufschlug, lachte mir auf der Titelseite Marielle Vogler entgegen, die Obwaldnerin über die ich einen Artikel geschrieben habe. Ich war fast erstaunt, dass es so gut geklappt hat mit der Publikation und erst recht, dass der Artikel auf der Titelseite angerissen wurde. Hier den Link.

Am Nachmittag musste ich dann wieder auf die Redaktion, um noch letzte Arbeiten zu erledigen und danach gäbe es ein Verabschiedungsfest für mich, hatten mir die Redaktionskollegen mitgeteilt. Als ich aber ankam, meinten sie, sie müssten mir etwas sagen. Es könnten nicht alle kommen, einige müssten länger arbeiten, da der Präsident noch eine Konferenz einberufen habe und sie hätten momentan kein Geld, da der Zahltag von Mitte Monat (hier wird zweimal im Monat bezahlt) noch nicht eingetroffen ist. Ob wir das Fest nicht verschieben könnten, auf einen Tag, an dem sie alle kommen könnten.

Ich war gar nicht so unglücklich darüber, da ich schon ziemlich kaputt war und am nächsten Tag wieder um 5 Uhr aufstehen musste und so machten wir ein anderes Datum ab. Wegen dem Geld fand ich eigentlich, ich könne ja für die Kosten aufkommen (den Alkohol hätte sowieso ich gekauft und was zu essen wäre sicher auch noch dringelegen). Das wollten sie aber auf keinen Fall, sie möchten ein schönes Fest für mich machen und es sei ja nicht so viel Geld für jeden einzelnen, nur hätten sie es halt momentan nicht. Einen Tag zuvor konnten sie das aber lustigerweise noch nicht antizipieren, denn eigentlich wäre dann das Fest gewesen und sie haben es im letzten Moment auf den Freitag verschoben.

Nun bin ich gespannt, ob die „Despedida“ vor meinem Abflug tatsächlich noch zustande kommt. Es würde mich natürlich sehr freuen, aber ich fixiere mich gedanklich nicht allzu sehr darauf, denn ich weiss ja langsam, wie es hier ist… :-) Im Endeffekt zählt schliesslich der Gedanke.

Jetzt bleiben mir also noch knapp zwei Wochen, um Nicaragua etwas zu geniessen, ich freue mich sehr darauf, da ich leider bisher noch nicht allzu viel vom Land gesehen habe. Meine Eindrücke teile ich dabei gerne mit euch und werde bald weitere Impressionen hochladen.

 
Antiker Rum und Pelibuey

Da ich nicht mehr lange in Nicaragua sein werde, wollte ich das letzte Wochenende so gut wie möglich ausnützen, um Tagesreisen zu machen.

Am Freitagabend war ich im Hause eines Mitarbeiters der Schweizer Kooperation zum Nachtessen eingeladen. Es war ein Essen mit Mitarbeitern der DEZA. Das Haus befindet sich ganz am anderen Ende der Stadt, wo ich mich überhaupt nicht auskenne. Bald aber bemerkte ich, dass es in einer nobleren Gegend sein musste. Als mich dann die Wächter reinliessen auf das Anwesen, sah ich mich meiner Vermutung bestätigt. Ein wunderschöner Garten mit einem Schwimmbad und einem schönen grossen Haus. Ich staunte nicht schlecht, bin aber froh, dass ich nicht dort wohne, denn dieser krasse Gegensatz zwischen arm und reich würde mir zu sehr zu schaffen machen und gleichzeitig würde ich nicht die Realität der nicaraguanischen Wohnverhältnisse erleben.

Der Abend war aber nett und das Essen sehr gut. Es gab für einmal nicht nur Reis, Bohnen und Tortilla mit Fleisch oder Fisch sondern ganz verschiedene Köstlichkeiten. Und erst das Dessertbuffet, himmlisch. Mit der Sorte Ananas, die wir von der Schweiz kennen und die ich hier noch nie gegessen habe (ich musste fragen, ob die jetzt speziell gelb war, oder ob die gelben Ananas immer so gelb seien, so sehr habe ich mich schon an die weissen Ananas gewöhnt).

Die meisten nicaraguanischen Mitarbeiter verschwanden schon vor dem Dessert, aber nicht ohne sich ein Stück Schokokuchen mitzunehmen und die Schweizer mit nicaraguanischer Begleitung waren ebenfalls bald danach weg. Zum Kaffee und zum Gläschen des antiken Flor de Caña (23-jähriger Rum) blieben nur noch die zwei Schweizer, welche einen Kurzbesuch in Nicaragua machten, bevor sie an eine Konferenz der UNO nach New York reisten und ich. Die Gastgeber meinten, so sei es meistens, die Nicaraguaner blieben nach dem Essen kaum noch sitzen.

Am Samstag wollte ich nach Masaya, ein Ort in der Nähe von Managua, wo einheimische Kunst, wie zum Beispiel Hängematten gemacht werden. Dort wollte ich unter anderem hin, um eine Hängematte zu kaufen. Denn als ich ausgeraubt wurde, hatte ich eine Hängematte dabei, die ich mir von einer Bekannten ausgeliehen habe, um zu übernachten. Nun will ich ihr eine neue kaufen, obwohl sie findet, dass sei überhaupt kein Thema.

Doch wieder kam es anders als geplant und diesmal bin ich sogar selber schuld. Ich wachte mit lästigen Bauchkrämpfen auf und bewegte mich fortan zwischen Bett und WC. (Warum weiss ich nicht, aber alle tippen darauf, dass mir die Mango, die mich bei der Strassenverkäuferin vor dem Diario so angemacht hat, dass ich sie einfach kaufen musste, nicht gut getan hat. Es war meine erste Mango seit ich hier bin, denn die Mangosaison beginnt erst gerade.)

Ich blieb also zuhause und war trotzdem nicht ganz unproduktiv, denn ich traf eine Schweizerin, die seit 30 Jahren in Nicaragua lebt und mir ganz viel erzählen konnte über Hilfe aus der Schweiz in den 80er Jahren.

Sonntag war dann Familientag. Mit einem Mikrobus ging’s los in eine Finca ausserhalb von Managua. Fast 30 Leute waren auf diesem kleinen Familienausflug und sie alle hatten schlussendlich Platz im Mikrobus (die Regel ist hier, dass im Fahrzeug so viele Leute Platz haben, wie reinwollen).

Der Hof – wie man bei uns wohl sagen würde – des Grossonkels war gross. Rund ums Haus standen Mango und Orangenbäume, nebenan war ein Stall mit Tieren und die Gemüseplantagen. Das Highlight aber war, dass es ein Schwimmbecken auf dem Areal hatte.

Zu Essen gäbe es dann „Pelibuey“, wurde mir gesagt. Ich wunderte mich schon die ganze Zeit, was das sei, bis ich dabei zusehen durfte, wie das „Essen“ zubereitet wurde.


Unser Mittagessen, ein Pelibuey (Mischung zwischen Schaf und Ziege) wird ausgenommen…


…in Stücke zerlegt…


…und grilliert

Ich war fasziniert, wie hier alles so unkompliziert gemacht wird. Die Ausstattung ist zwar mehr als mangelhaft, aber wir schlachten eben mal ein Tier und bereiten es zu. Anstatt Grillwerkzeug braucht man kurzerhand die Hände, um das Fleisch zu grillieren und zerlegen kann man es ja auch einfach am Boden.

Da bin ich doch einiges abhängiger von Werkzeugen, und dies fängt schon beim Gemüseschäler an. Von der Kreativität der Nicaraguaner in diesen Belangen kann ich also einiges lernen (auch wenn es für mich nicht gerade das Schlachten eines Pelibueys sein muss).

 

5.2.2011          Journalistische Höhenflüge

Schon wieder ist eine Woche vergangen. Da ich mein Aufnahmegerät wieder hatte, wollte ich so viel wie möglich profitieren und habe einerseits die Aufnahmen mit der Obwaldnerin fürs Radio noch einmal gemacht und andererseits recherchiert für einen weiteren möglichen Beitrag in der Schweiz. Recherchieren bedeutet hier so viel wie; jeweils stundenlang vergeblich zu probieren, eine Institution am Telefon oder per Mail zu erreichen und wenn es dann mal klappt, solche Probleme mit der Leitung zu haben, dass man verzweifelt wieder auflegen muss. Nicht zu vergessen, dass die meisten Leute sowieso gar nicht zu sprechen sind und die, welche man sprechen kann, nicht weiterhelfen können. So kann eine simple Recherche Tage in Anspruch nehmen.

Da kam mir die kleine Abwechslung gerade recht: Am Donnerstag war ich mit der DEZA und vielen anderen Journalisten auf einer Insel im Nicaraguasee (Ometepe), um ein Projekt anzuschauen. Habe dort Mitarbeiter vom Schweizerischen Korps der humanitären Hilfe kennengelernt, was für mich natürlich sehr spannend war und nebenbei habe ich einen weiteren schönen Ort in Nicaragua kennengelernt.


Der Vulkan Concepción auf der Insel Ometepe

Nicht ganz so harmonisch wie die Insel waren wieder einmal die Arbeitsabläufe: Als ich vom Ausflug hörte und beim Diario kundgab, dass ich teilnehmen würde, ging ich eigentlich davon aus, dass ich einen Bericht darüber schreiben würde. Dann wurde mir aber gesagt, dass der Korrespondent dieser Region auch mitkommen würde. Nun gut, mir ist das ja egal. Aber natürlich kam es so, wie es kommen musste und der Korrespondent tauchte nicht auf. Als mich auf dem Ausflug die Journalisten der Konkurrenz – der Zeitung La Prensa – dann fragten, ob ich den Bericht noch am gleichen Tag abgeben würde, winkte ich ab und sagte, dass ich keine Ahnung habe. Sie waren froh, denn sonst hätten sie eine Nachtschicht einlegen müssen, bei ihnen hiess es, wenn der Diario publiziert, müsst ihr auch. Ich war fast etwas neidisch über die geordneten Verhältnisse bei der Konkurrenz.

Da ich das Chaos beim Diario schon einigermassen kenne, habe ich damit gerechnet, dass ich nun den Bericht schreiben würde, und ging frühzeitig in die Redaktion. Ich solle den Artikel so schnell wie möglich abgeben, er sei für den nächsten Tag, hiess es dort. Das tat ich dann auch – und warte nun schon drei Tage vergeblich auf ein Erscheinen. Auf die Nachfrage, was mit dem Bericht und den Fotos passiert sei, konnte bisher niemand genau Antwort geben. Und wenn ihr jetzt denkt, für etwas habe man ja einen Chefredaktor, dann muss ich euch leider sagen, dass der seit drei Wochen verschwunden ist (angeblich sei er in den USA). Obwohl er mein Verantwortlicher ist bei der Zeitung, hat er es nicht einmal für notwendig befunden, mir Bescheid zu geben oder sich zu verabschieden (er bleibt anscheinend noch eine Weile weg, ich werde ihn also nicht mehr sehen).

Das soll aber nicht heissen, dass ich ihm besonders nachtrauere, denn zwei weitere Artikel, welche ich mit ihm abgesprochen hatte und vor ungefähr drei Wochen programmiert gewesen wären, sind auch immer noch auf Halde (oder möglicherweise schon lange im Müll gelandet…).

Ich bin bloss froh, dass ich hier nicht angestellt bin und mir somit nicht gekündigt werden kann (seit ich hier bin, sind nun schon drei Mitarbeiterinnen fristlos entlassen worden, keine einzige bekam eine Erklärung).

Trotz dieser Umstände finde ich es schade, dass ich nur noch eine Woche beim Diario arbeiten werde, denn die Mitarbeiter sind sehr nett und es ergeben sich immer wieder spannende Gespräche, in denen ich viel über Land und Leute lernen kann.

Ach ja, hier noch ein Highlight der Konkurrenz, La Prensa, in der Ausgabe vom Freitag


Micheline Calmy-Rey wurde neben einer Nachricht zum Tod der französischen Schauspielerin Maria Schneider abgebildet

 

31.1.2011        Wer sucht, der findet…
Die letzte Woche war nicht sehr lustig. Einerseits musste ich mich vom Überfall erholen und mich wieder auf die Strasse und zur Arbeit trauen, andererseits konnte ich trotzdem gar nicht wirklich arbeiten, da ich meine journalistischen Arbeitsutensilien (Aufnahmegerät und Kamera) nicht mehr hatte. Oberste Priorität hatte für mich also der Kauf eines radiotauglichen Aufnahmegeräts. Nicht so schwierig, denkt sich der verwöhnte Schweizer und macht sich auf in die Einkaufszentren und Elektronikfachgeschäfte. Fehlanzeige. Aufnahmegeräte sind zwar leicht zu finden, diese gehören aber eher in die Kategorie Diktiergeräte. Ein Aufnahmegerät mit USB-Anschluss ist rar und hat seinen Preis (min. 200 Dollar; online kriegt man diese aber schon ab 50 Dollar). Ich kaufe schliesslich nichts, das ist mir einfach zu teuer dafür, da ich nicht sicher bin, ob ich die Aufnahmen fürs Radio gebrauchen könnte.

Als nächstes erkundige ich mich bei Kollegen (bei der Zeitung arbeiten auch einige ehemalige Radiojournalisten), mir wird aber gesagt, dass sie solche Geräte nicht kennen, wie ich eines brauche. Nun wird mir klar, warum immer alle mein Aufnahmegerät - respektive das Aufnahmegerät, welches ich vom Schweizer Radio ausgeliehen habe - bestaunt haben. Mir wird schnell klar, dass auch weitere Einkaufstouren nichts bringen werden, denn in Nicaragua hinke man technisch gesehen halt einfach einige Jahre hinterher. Es gilt also Alternativen zu überlegen.

Der Direktor der Zeitung meint, eine Möglichkeit wäre, jemanden in den USA zu beauftragen, das Gerät zu kaufen und dann müsste man nur noch jemanden finden, der es nach Managua bringt. Ob man es denn nicht einfach online bestellen könne, frage ich. Aber auch das scheint hier nicht zu gehen. Und genauso wenig würde es bringen, wenn mir jemand aus der Schweiz ein Gerät schicken würde. Erstens dauert es mindestens einen Monat bis ein Päckli ankommt (obwohl in der Schweiz gesagt wird, es gehe fünf Tage) und zweitens ist dann eben noch die Frage, ob es überhaupt ankommt, oder ob es sich vielleicht irgendwo „verliert“.

Mir gefällt diese Ausgangslage nicht, ich brauche ein Aufnahmegerät! Ich beginne erst zu scherzen, dass ich ja versuchen könne, mein Gerät wiederzufinden. Wo es wohl verkauft werden würde? Die meisten tippen auf den Mercado Oriental, den grössten Markt Zentralamerikas, auf dem man alles Mögliche kaufen kann. Dies leuchtet mir ein und aus dem Scherz entsteht der Gedanke, dass ich das Gerät tatsächlich dort finden könnte. Mir wird davon abgeraten, der Oriental ist gefährlich, noch viel gefährlicher für Ausländer und die Chance klein, dass ich das Gerät finden würde. Möglicherweise  verkaufen die Bandidos die gestohlene Ware auch in einer anderen Stadt, quién sabe…

Zu Hause spreche ich mit meiner Gastfamilie über die Idee, die Meinungen gehen auch hier auseinander. Aber meine Gastmutter teilt meine Ansicht und sie kennt sich sehr gut aus auf dem Oriental. Wir entscheiden uns hin zu gehen. Ich gehe so einfach wie möglich, ohne Tasche, ohne Schmuck, ohne Geld, dann ist es weniger gefährlich. Meine Gastmutter nimmt auch keine Tasche mit, sie präpariert ihre Jeans, damit sie das Geld zusammenrollen und reinstopfen kann (nicht in die Hosentaschen!). Etwas Kleingeld und ihr Handy trägt sie in der Jeanstasche. So suchen wir jenste Geschäfte ab und fragen immer wieder nach Aufnahmegeräten. Uns wird dieses und jenes gezeigt und gebracht, aber kein Gerät entspricht meinen Vorstellungen.

Wir schauen uns auch Digicams an. Es gibt einige, die preiswert und gut wären, aber als ich sie ausprobiere und sogar noch die Fotos der früheren Besitzer darauf sehe, wird mir ganz anders. Ich dachte ja schon, dass die Ware hier geklaut ist (man kauft die Kameras ohne Aufladegeräte und ohne Hüllen und sie sehen zum Teil gebraucht aus), aber nun wird es mir richtig bewusst. Das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Unverrichteter Dinge gehen wir also wieder nach Hause. Ich bin frustriert, ich will arbeiten und habe keine Lust, meinen gestohlenen Sachen hinterherzurennen.

Mercado Oriental
Zufahrt zum Mercado Oriental, dem grössten Markt Zentralamerikas

Gegen Ende der Woche spinnt zudem mein Magen erneut, das trägt auch nicht gerade zu guter Stimmung bei. Das Wochenende verbringe ich bei einer Schweizer Familie, die für drei Jahre in Managua lebt und hier für eine Organisation arbeitet. Meine Gastfamilie ist nämlich weg und ich getraue mich nicht alleine im Haus zu bleiben (respektive ich würde mich nicht alleine raustrauen). Es ist spannend, zu erfahren, wie andere Schweizer Nicaragua erleben.

Am Montag (heute) habe ich abgemacht, dass ich mit meiner Gastmutter noch einmal auf den Oriental gehe. Ich muss es einfach noch einmal probieren, das Aufnahmegerät zu finden. Und dann passiert folgendes: Wir steuern auf einen Stand zu, an dem Handys und Kameras verkauft werden (auch hier offensichtlich geklaut) und fragen nach Kameras. Ich schaue mir einige an und nach einer Weile fragt meine Gastmutter wieder nach einem Aufnahmegerät. Sie habe keine Aufnahmegeräte, sagt die Verkäuferin, aber vielleicht einer ihrer Kollegen. Ein Typ, der in der Nähe steht, meint, er habe eines, sei aber nicht sicher, ob wir von so etwas sprechen. Er solle es mal bringen, antwortet Doña Cándida.

Es dauert keine zwei Minuten – ich bin noch in die Kameras vertieft – da kommt der Typ zurück und mich trifft fast der Schlag! In der Hand hält er doch tatsächlich die Hülle eines Marantz-Aufnahmegerätes (diese Marke gibt es hier nicht). Ich werde kribbelig, denn es kann sich fast nur um mein Gerät handeln. Gleichzeitig weiss ich, dass ich dies nicht zu sehr zeigen sollte, denn wir wissen ja noch nicht, was sie für das Gerät verlangen. Wenn sie bemerken, dass ich es unbedingt haben will, werden sie einen höheren Preis nennen. Ich versuche mich also zu beruhigen, respektive meine Freude nicht zu sehr zu zeigen und frage, ob ich das Gerät mal ausprobieren dürfe.

Als ich es in der Hand halte, bin ich mir ganz sicher, dass es sich um „mein“ Gerät handelt. Der Verkäufer will 1000 Córdobas dafür, das sind ca. 50 Franken. Gekonnt holt meine Gastmutter das Geld aus der Hose und wir verschwinden mit dem Aufnahmegerät. Als erstes machen wir einen kurzen Freudentanz und danach düsen wir so schnell wie möglich ab nach Hause, nicht, dass uns das Prachtstück wieder abgenommen wird.

Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir es geschafft haben am grössten Markt Zentralamerikas das gestohlene Aufnahmegerät zu finden und zurückzukaufen. Bin überglücklich, dass ich es wieder habe und endlich wieder arbeiten kann.

26.1.2011        Eine bewegte Woche in Managua
Die letzte Woche war ziemlich viel los und da ich am Abend jeweils ganz müde ins Bett falle, wurde es mit den Updates etwas schwieriger.

Montag
Am Montag war ich mit dem DEZA an einem Anlass in einer Schule für Agronomen. Die auszubildenden Agronomen luden Bauern aus der Region ein, um ihnen zu zeigen, was  sie in der Schule lernen und wie die Bauern die Gemüseproduktion verbessern können.


Ein Agronom erklärt Bauern, wie man Kürbis anpflanzt

Dienstag
Am Dienstag konnte ich an einer Konferenz von Präsident Ortega teilnehmen. Es war ein Treffen des Staatsoberhaupts mit den grössten Unternehmen, um über Wirtschaft zu sprechen. Lustig war, dass ausser Präsident Ortega niemand ein Wort sagen konnte. Ortega sprach fast zwei Stunden und die Wirtschaftsbosse (unter anderem war auch der reichste Mann Nicaraguas, Carlos Pellas, anwesend) sahen immer müder und desinteressierter aus und konnten das Gähnen kaum unterdrücken. Die Medien hingegen schrieben eifrig mit und filmten die gut geschmückte Szenerie und den Speech des Präsidenten. Die staatlichen Medien konnten sich dabei frei im Raum bewegen und den anderen war ein Platz am Ende des Saals zugewiesen. Als mich die erste Spannung verliesss, dass ich so viele wichtige Personen auf einem Haufen sehe, langweilte ich mich auch etwas.


Präsident Daniel Ortega mit seiner Frau Rosario Murillo und dem Kardinal Miguel Obando, seinen ständigen Begleitern

Aber auf einmal wurde es hektisch. Der Präsident hatte anscheinend seine Rede geschlossen und im letzten Satz irgendetwas zu den Medien gesagt. Diese begannen auf jeden Fall eifrig die Sachen zusammenzupacken und einige eilten nach vorne auf den Präsidenten zu. Ich frage meinen Kollegen, was nun sei und er sagte, jetzt stehen die Leute für Interviews zur Verfügung. Ich freute mich schon und ging auf die Journalistenrunde zu, die sich in der Nähe des Präsidenten befand.

Doch in der Mitte der Tafel hielt mich eine Sicherheitsbeamte auf und verwies mich und die Kollegen der Zeitung des Saales. Wieder verstand ich nur Bahnhof. Anscheinend durften nur einige auserlesene Medien (die staatlichen) mit den Politikern und Wirtschaftsleuten Interviews machen, die anderen durften nur während der Konferenz zuhören und mussten danach den Saal verlassen. Tja, so scheint das hier zu gehen, aber dafür gab es für die Trostpreise einen Imbiss, was mir auch nicht unrecht war.

Mittwoch
Am Mittwoch habe ich mit einer Obwaldnerin abgemacht, die schon seit 25 Jahren in Nicaragua lebt. Sie hilft unter anderem in einer Privatschule mit, die während den Schulferien gratis eine einfachere Art von Ferienpass organisiert für arme Kinder des Viertels. Ich habe mit ihr Aufnahmen gemacht für einen Beitrag für das Regionaljournal und und für den Nuevo Diario.


Die Obwaldnerin Marielle Vogler mit Clown Traca-Traca und Kindern des Viertels

Donnerstag
Nach der Arbeit das Vergnügen. Hatte mit meiner Gastfamilie abgemacht, ins Kino zu gehen. Habe mir extra das Programm in der Zeitung und im Internet angeguckt und abgemacht, dass wir in die Vorstellung um halb acht gehen würden. Als wir ankamen, kontrollierte ich auf der Anzeigetafel, ob auch wirklich der Film laufen würde, den wir sehen wollten und wie erwartet stand dort gross, dass um 7.30 PM eine Vorstellung sei. Das bedeutet hier aber noch gar nichts, denn als wir an der Kasse die Tickets kaufen wollten, hiess es, der Film laufe diese Woche nicht, weil japanische Filmwoche sei. So ist das hier, man kann nie ganz sicher sein, ob etwas auch wirklich so ist, wie es gesagt wird. Obwohl ich das nun eigentlich weiss, war ich ein weiteres Mal überrascht.

Freitag
Die Erde bebt. Ich sitze in der Redaktion am Computer und spüre das Zittern. Erst glaube ich, dass jemand neben mir vorbeiläuft, dann ist es jeweils auch fast so, als würde die Erde beben. Es kommt aber niemand vorbei und das Zittern hält an. Die Redaktoren werden nervös und beginnen miteinander zu diskutieren. Der Fernseher wird lauter geschaltet. Ich geselle mich zu ihnen und schon bald kommen die ersten Infos zum Erdbeben. Die Geschäftigkeit in der Redaktion nimmt zu, es wird organisiert, wer wohin geht und was abdeckt. Ich widme mich wieder meiner Arbeit, spüre jedoch, dass die anderen nervös sind. Selber habe ich das Erdbeben nicht als schlimm empfunden, es ging nichts kaputt, es war halt einfach ein Rütteln.

Aber die Leute hier sind alarmiert. Einige von ihnen haben das schwere Beben in den 70er Jahren erlebt, das fast ganz Managua zerstört hat. Und alle fürchten sich vor einem erneuten solchen Beben, denn anscheinend geschehe dies ungefähr alle 30 bis 40 Jahre. So lebt man hier in ständiger Angst vor dieser Naturgewalt. Managua sei nämlich sehr ungünstig gelegen erdbebentechnisch. Es sei eine totale Fehlkonstruktion, dass die Stadt (und zudem die Hauptstadt) hier sei. Es habe auch schon Pläne gegeben, Managua an einen anderen Ort zu verlegen, diese hätten sich aber nie durchgesetzt. Ach mein Gott, denke ich mir, ich könnte das glaube ich nicht, an einem Ort zu leben, an dem ich weiss, dass ich in Gefahr bin.

Samstag
Samstag war der Tiefpunkt dieser Woche und meines ganzen Aufenthalts in Nicaragua. Ich wurde nämlich ausgeraubt und mir wurde alles abgenommen, was ich dabei hatte (Bargeld, Aufnahmegerät vom Radio, Digitalkamera, Handy, Schmuck, Kleider, Sonnenbrille, Rucksack, Hängematte, usw.).

Es war so, dass ich mit einem Redaktor der Zeitung übers Wochenende in ein indianisches Dorf gehen wollte, weil er einen Artikel darüber schreibt (eine Reise von ca. 5 Stunden). Wir wollten um 6 Uhr den Bus nehmen, aber der Kollege erschien nicht an der Busstation und ging nicht an sein Telefon, also kehrte ich nach Hause zurück. Später rief er mich an und wir machten aus, dass wir den 9 Uhr Bus nehmen. Es war aber nur noch ein Platz frei, so mussten wir auf den nächsten warten (der ca. 2 Stunden später gefahren wäre). Da kam ein junger Typ und begann mit uns zu reden. Er ginge auch in diese Richtung, in ein Dorf nebenan seine Familie besuchen. Wir könnten ja mitkommen, sein Bruder hole ihn mit dem Auto ab. Ich sagte nicht viel, sondern wartete ab, was meine Kollege davon hielt. Und der sagte, das sei super, dann müssten wir nicht so lange warten. Wir warteten also mit dem jungen Mann (der ziemlich nett aussah) auf seinen Bruder.

Als ich ihn so anschaute, fiel mir aber eine Narbe im Gesicht auf und ich dachte daran, dass man nicht mit Fremden mitgehen sollte. Ich zog den Kollegen zur Seite und fragte ihn, bist du dir sicher, dass dies eine gute Idee ist? Er meinte, klar, gar kein Problem, das mache er ab und zu. So stiegen wir also ins Auto. Zwei Blocks weiter meinte der "Bruder", seine Tante komme auch noch mit und zwei Frauen stiegen ein. Wir waren nun ziemlich eingequetscht. So diskutierten wir eine Weile über Politik, über die Arbeit und über Managua, bis die Frau neben mir meinte, dies sei ein Überfall, wir sollen die Augen zumachen und alles hergeben, was wir haben. Das taten wir natürlich auch, angesichts der aussichtslosen Lage und der Tatsache, dass sie bewaffnet waren. Als sie aber bemerkten, dass in meinem Portemonnaie "nur" 1000 Cordobas und ein paar wenige Dollars, also etwa 60 Franken waren und keine Kreditkarte, wurden sie wütend.

Sie wollten wissen, wo ich wohne und dass ich mit einem von ihnen dorthin gehe und ihnen alles gebe, was ich zuhause habe (Bargeld und Computer), während sie meinen Kollegen als Geisel behalten würden und erschiessen, falls ich nicht gehorche. Ich wusste, dass dies auf keinen Fall geschehen durfte, da dies für meine Gastfamilie und für uns schrecklich gewesen wäre. Also erzählte ich ihnen, ich hätte keinen Computer zuhause, keine Kreditkarte und nur wenig Geld, weil ich schon bald zurückreisen würde. Trotzdem musste ich ihnen sagen, wo ich wohne (habe mich etwas dummgestellt, als wüsste ich die genaue Adresse nicht, aber das Quartier musste ich sagen). Habe aber noch nicht aufgegeben und gesagt, dass es ziemlich schwierig werden würde, da viele Leute im Haus sind, ich keinen Schlüssel habe, also jemanden rufen müsste und dass sie merken würden, dass etwas nicht stimmt. So diskutierten wir, bis sie den Plan aufgaben.

Sie liessen uns aber trotzdem nicht gehen, sondern fuhren in der Stadt herum, hielten an, um Reifen zu wechseln (an einer stark befahrenen Strasse, wie ich merkte, als ich die Augen mal ein wenig aufmachte) und ich hatte keine Ahnung, was sie vorhatten. Als der Fahrer immer wieder gegen das Auto trat und die Kühlerhaube öffnete, wurde mir mulmig. Ich dachte, es könnte ja auch sein, dass sie das Auto präparieren, anzünden und uns verbrennen lassen. Deswegen achtete ich darauf, dass wenigstens der junge Typ mit uns im Auto blieb (ich hielt ihn an der Hand fest, dass ich es bemerken würde, wenn er rausgehen wollte). Mit ihm konnte man noch einigermassen reden. Aber auch er schaffte es nicht, sich durchzusetzen, dass sie uns laufenlassen würden.

Als das Auto repariert war, stiegen alle wieder ein und wir fuhren weiter. Das nächste Mal stoppten wir in einem Viertel (die Strasse war nicht geteert und sehr holprig). Wir mussten sehr lange warten und wussten nicht genau, was geschehen sollte. Sie sprachen untereinander, ich verstand nicht alles, aber anscheinend diskutierten sie darüber, mich zu behalten, da sie mich noch "gebrauchen", resp. missbrauchen könnten. Danach könnten sie mich in eine andere Stadt mitnehmen und dort mit mir handeln. Mir wurde immer komischer, da ich spürte, dass sie über mich redeten und gleichzeitig wurden sie auch gereizter, lauter. Weiterhin versuchte ich sie vom Schlimmsten abzuhalten und sprach mit ihnen. Ich bat sie, uns lebendig gehen zu lassen, ich hätte zwei Kinder usw...

Auf einmal wurde es hektisch, wir mussten in ein anderes Auto umsteigen (immer noch mit geschlossenen Augen). Es kam noch eine weitere Person dazu und es wurden Vulgaritäten ausgetauscht (mein Kollege meint, es sei gut, dass ich nicht alles verstanden habe…). Irgendwann hiess es, sie würden uns rauslassen, wir müssten uns mit geschlossenen Augen hinsetzen und 10 Minuten warten. Insgesamt wurden wir 3 Stunden gefangen gehalten.

Obwohl uns angedroht wurde, uns bei der Zeitung aufzusuchen, falls wir Anzeige erstatten, gingen wir zur Polizei und meldeten den Vorfall. In der Verbrecherkartei haben wir einen der Bandidos wiedergefunden, die anderen konnten wir nicht eindeutig identifizieren. Was nun mit unseren Angaben passiert, wissen wir nicht. Die Polizei mache nicht viel, habe ich von verschiedenen Seiten gehört. Das erstaunt mich auch nicht angesichts der Mittel, die sie zur Verfügung hat. Die Computer sind uralt und hatten immer wieder Störungen und die Verbrecherkartei war unglaublich chaotisch, Personen kamen mehrfach vor, viele Frauen wurden als Männer gespeichert und Typen mit Jahrgang 80 sind plötzlich 25 Jahre und solche mit Jahrgang 85 21 Jahre alt.

Mittlerweile habe ich mich etwas erholt vom Schock und der Todesangst (im wörtlichen Sinn!) und taste mich wieder an den Alltag in Managua heran, allerdings mit bedeutend mehr Sicherheitsmassnahmen. So werde ich jetzt jeden Abend von der Redaktion nach Hause gefahren und nehme gar kein Taxi mehr in der Strasse. Denn auch in Taxis passieren solche Überfälle. Den Stage abbrechen wollte ich trotz dieses schrecklichen Erlebnisses nicht. Ich glaube, ich könnte schlechter damit umgehen, wenn ich fluchtartig das Land verlassen würde. Auf jeden Fall bin ich extrem froh, dass die Situation schlussendlich so glimpflich ausgegangen ist und wir ohne körperliche Schäden davongekommen sind. Genau dies sagen auch alle Nicas sofort: Sei einfach froh, dass du noch lebst!

 

13.1.2011        Redaktionsalltag


Der Eingang zum Nuevo Diario

Der Nuevo Diario ist die zweitgrösste Zeitung in Nicaragua. Gegründet wurde er vor 31 Jahren von Sympathisanten der Frente Sandinista de Liberación Nacional (die Partei, welche 1979 die Somoza-Diktatur in Nicaragua stürzte und seit 2007 wieder an der Macht ist).

Der Nuevo Diario wird mittlerweile als unabhängiges Medium wahrgenommen, da er sich von der Partei entfernt hat und die Regierung kritisiert, weil Präsident Daniel Ortega (ehemaliger Kommandant während der sandinistischen Revolution) diktatorische Züge angenommen habe und nicht mehr einen sandinistischen Kurs, sondern einen “danielistischen” verfolge. (Daniel Ortega hat Nicaragua bereits von 1985-1990 regiert und danach jedes Mal an den Präsidentschaftswahlen teilgenommen, bis er 2007 mit 38% der Stimmen wieder an die Macht kam.)

Gerade weil die Zeitung nun nicht mehr hinter der Regierung steht, ist die Berichterstattung schwierig geworden. Staatliche Institutionen verstecken sich vor den Printmedien (die grösste Zeitung „La Prensa“ gehört der Opposition an) und versuchen, möglichst keine Auskunft zu geben. Am schlimmsten sei es mit Präsident Ortega selber. Wenn er eine Pressekonferenz hält, werden nur die regierungstreuen Medien eingeladen.


Einer der Redaktionsräume des Nuevo Diario (hinten in der linken Ecke ist mein Platz)

Wie schwierig es sein kann, unter diesen Umständen als Journalist zu arbeiten, habe ich bei meinem ersten eigenen Artikel über Tourismus in Managua gemerkt. Meine Recherche begann am Flughafen, wo ich mir ein paar Touristen schnappen wollte, die Managua besuchen. Leider habe ich keinen (!) Touristen gefunden, der in Managua blieb. Meine Schlussfolgerung war, dass Managua keine Touristendestination ist. Eine Tourismusexpertin bestätigte meinen Eindruck, dass es in Managua fast keine Angebote für Touristen gibt, obwohl die Stadt kulturell und geschichtlich einiges zu bieten hätte. Die Touristenattraktionen seien aber nicht in Stand gehalten, die Museen nicht fertig und ohne Führer, kurz, die Infrastruktur fehle, um Touristen zu empfangen.

Mit diesen Informationen bemühte ich mich um ein Interview mit dem Promotionschef des Nationalen Instituts für Tourismus (Staatsinstitution), der mir empfohlen wurde. Dies klappte ziemlich gut, er gab mir einen Termin. Der Chauffeur brachte den Fotografen und mich rechtzeitig hin. Da hiess es aber: Der Videa, hmm, der ist eben rausgegangen zum Mittagessen, der kommt sicher nicht sofort wieder zurück. Ich rief ihn an und er meinte, er könne gerade nicht, wir sollen doch in einer Stunde wiederkommen. Das taten wir und kehrten pünktlich zurück. Wieder warteten wir und als der Promotionschef nach dem verabredeten Zeitpunkt zurückkam, musste er gleich weiter zu einer Besprechung mit seinem Chef. Eine weitere Stunde später empfing er uns dann endlich. Das Interview war nicht schlecht, ich hatte ihn zumindest so weit gebracht, dass er eingestand, dass Managua mehr Potenzial hätte für Tourismus und dass Infrastruktur und Angebote fehlen würden für Touristen.

Zufrieden kehrte ich in die Redaktion zurück und schrieb an meinem Artikel, den ich am nächsten Tag dem Chefredaktor abgeben sollte zur Überprüfung. Als ich am Morgen in die Redaktion kam, meinte meine Kollegin, Videa habe das Interview zurückgezogen, es sei nicht autorisiert gewesen. Ich verstand das nicht, wir hatten ja einen Termin ausgemacht, er wusste, worum es ging, es war alles klar. Erst regte ich mich auf, dann meinte der Fotograf: „Das habe ich dir doch schon gesagt, die dürfen nicht reden. Der ist ein armer Kerl, wenn du jetzt über ihn schreibst, verliert er wahrscheinlich seinen Job. Aber er konnte das Interview ja auch nicht verweigern. Hast ja gesehen, dass er uns abwimmeln wollte.“
Videa ruft mich noch einmal an und meint, wir können die Statistiken (die ziemlich unbrauchbar waren) benutzen. Dann fragt er mich, was ich denn eigentlich am Wochenende mache. „Aha der Vulkan in Masaya, also falls du irgendwas brauchst oder wenn du mal sonst irgendwohin willst, melde dich einfach bei mir.“

Na so was, denke ich mir und konzentriere mich wieder auf meine Arbeit. Der Chefredaktor meint, ich solle was zusammenbasteln, obwohl wir das Interview nicht brauchen können. Pünktlich um 12 Uhr - wie vereinbart - gebe ich ihm meinen Artikel zur Ansicht, denn der sei fürs Wochenende. Gegen Abend, weil ich immer noch kein Feedback bekommen habe, frage ich noch einmal nach. „Dein Artikel, ach ja, hmm, den habe ich mir noch nicht angeschaut, das mache ich aber gleich noch.“ Gut, ich gedulde mich noch eine Weile (wie ich später herausfinde, zu lange)… Denn als ich erneut nachfragen will, heisst es im Büro der Editoren, dass der Chefredaktor schon länger ins Wochenende gegangen sei. Ich solle den Artikel einfach im System abspeichern und für den Wochenenddienst ausdrucken.

Tranquila, tranquila, sage ich zu mir selber und überfliege den Text noch einmal. Ich hätte zu gerne jemanden gehabt, der mir mein Spanisch etwas verbessert und den Artikel inhaltlich absegnet. Aber damit war wohl nichts, am Montag erscheint der Artikel ohne Änderungen in der Zeitung, sogar die Zusatzkommentare für die Redaktion wurden übernommen.
Hier der Artikel:

Bald nachdem ich den Artikel entdeckt habe, kommt auch schon der Chefredaktor und meint: „Wegen deinem Artikel, es ist so, mir fehlen da zwei Aspekte, deswegen solltest du noch einen zweiten Teil zu diesem Thema machen.“ Hmmm, okay, aber hätte er mir das nicht vor der Publikation sagen können, damit wir den Artikel erst fertig machen? Nun ja, egal, ich mache, was er mir sagt. So muss ich noch einmal Kontakt mit dem Tourismusinstitut aufnehmen, er will nämlich ein autorisiertes Interview mit dem Minister. Und zwar gleich! Der Minister hat aber leider die Combox seines Handys voll und ist auch sonst nicht zu erreichen. Am Abend habe ich endlich Glück. Er sagt mir, am Mittwoch habe er Zeit, wann wisse er aber noch nicht, ich solle dann einfach nochmal anrufen. Ich habe also Zeit für weitere Recherchen und am Mittwoch gehe ich extra früh in die Redaktion, damit ich gleich einen Termin vereinbaren kann. Aber was für ein Wunder, die Combox ist schon wieder voll! Und im Büro sei er noch nicht angekommen. Ich probiere weiter. Um 14 Uhr sagt mir seine etwas genervte Sekretärin dann, er sei auf einer Veranstaltung, der Einweihung des ersten Wasserflugzeuges, sie wisse nicht genau, wie lange diese daure.

Genau, das Wasserflugzeug, davon habe ich gehört. Ich sage es dem Koordinator und er bestellt mir sofort einen Wagen, meint, ich solle pressieren, die Veranstaltung habe schon begonnen.
Natürlich hat die Veranstaltung noch nicht begonnen, weil alle auf den verschollenen Minister warten. Eine Stunde, zwei Stunden. Dann kommt er endlich, und die Medien stürzen sich auf ihn.


Der Tourismusminister ist da, jetzt muss ich mich nur noch zu ihm durchkämpfen

Dank meiner Kollegin, die über die Einweihung des Wasserflugzeugs schreibt und ganz viele Kontakte hat, darf ich dem Minister kurz zwei Fragen stellen. Für mich hat sich das Warten also gelohnt. Für meine Kollegin nicht, denn eine weitere Stunde später heisst es, der Wind sei zu stark und die Wellen zu hoch, das Flugzeug könne deswegen nicht landen. Morgen versuche man es nochmal. Während der weiteren Wartezeit stellt mir meine Kollegin den Sohn des Präsidenten, Laureano Ortega, vor. Als Souvenir lasse ich mir ein Foto mit ihm machen.


Laureano Ortega, Sohn des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega - mit Reporterin Mirjam Mathis

 

9.1.2011          Managua
Managua ist sehr speziell - oder eben genau nicht, je nachdem, wie man es anschaut. Managua ist unübersichtlich, chaotisch und alles andere als schön. Grund dafür sind Erdbeben in den Jahren 1941 und 1972, die praktisch die ganze Stadt zerstörten. Nach dem Erdbeben 1972 wurden fast keine mehrstöckigen Häuser mehr gebaut, es kommt einem also vor, als lebe man in der Vorstadt (wenn man den Lärmpegel oder die Luftqualität als Massstab nimmt, natürlich nicht). Zudem hat die Stadt kein richtiges Zentrum, weil das alte Zentrum nach dem Erdbeben nicht wiederhergestellt wurde.

Dadurch ergibt sich ein grosses Problem: die Orientierung. Es gibt fast keine Anhaltspunkte, an denen man sich orientieren kann. Und es ist alles so zerstreut, dass man sich nicht einfach auf die wichtigste Gegend beschränken kann und sich danach einigermassen zurechtfindet. Hinzu kommt, dass die Stadt sehr schlecht (also praktisch gar nicht) signalisiert ist. Es gibt keine Schilder und es gibt auch nicht eindeutige Adressen. Ich wohne zum Beispiel in der "Villa San Jacinto, Calle Principal, de los semáforos de la Miguel Gutierrez dos cuadras arriba, mano derecha, contiguo a la clinica dental". Was so viel heisst, wie: von der Ampel des Viertels „Miguel Gutierrez“ zwei Häuserblöcke nach oben, auf der rechten Seite bei der Zahnklinik. Dies ist eigentlich die Wegbeschreibung. So findet man hier alles. Oft werden auch Dinge als Referenz genommen, die vor dem Erdbeben existierten. Dann heisst es, dort wo dieses Restaurant oder jenes Kino war.

Den Überblick muss ich ehrlich sagen, habe ich bisher noch nicht. Ich kenne jetzt einige Orte und weiss, wie ich dort hinkomme (zur Arbeit, ins Einkaufszentrum, auf den Markt), aber nur schon dies war nicht einfach. Denn es gibt zwar Busse, diese sind jedoch nur mit der Linie angeschrieben. Man muss also jemanden haben, der einem sagen kann, welche Linie wohin fährt. Ein weiteres Problem ist, wo man ein- und aussteigt. Die Haltestellen sind oft nicht erkennbar und der Bus hält sowieso überall dort, wo jemand die Hand rausstreckt und Halt verlangt. Mit dem Bus an einen unbekannten Ort zu fahren, ist eigentlich unmöglich, ausser man bittet Einheimische um Hilfe. So ist es mir am Anfang auch passiert, dass ich die Haltestelle verpasst habe, obwohl ich mir extra einige Anhaltspunkte gemerkt hatte. Der Buschauffeur hat für mich dann einen Extrahalt eingelegt.

Meine Busfahrten sind mittlerweile etwas gelassener, aber teilweise ziemlich ungemütlich. Die Busse sind zur Hauptverkehrszeit so voll, dass die Türen nicht einmal mehr zugehen. Hatte auch schon Angst, rauszufallen, denn es ist ja nicht so, dass die Buschauffeure sorgfältig fahren würden. Und wegen den Strassenverhältnissen machen sie noch ein paar Schlenker mehr, um Schlaglöcher zu vermeiden. Es ist aber auch schon passiert, dass der Fahrer volle Pulle über die Löcher donnerte und der Bus auf einmal den Geist aufgab. Wenigstens erhielten wir das Geld zurück, was ich sehr vorbildlich fand, obwohl der Einheitspreis von 2,5 Cordobas für mich ja nicht sehr viel ist (etwas mehr als 10 Rappen).

Ach ja, a propos sorgfältige Fahrweise: Letztens fuhr der Bus sogar ab, während dem die Leute noch am Aussteigen waren. Und das drei Mal, bis endlich alle draussen waren. Begleitet wurde die Aktion von ausrufenden Nicas (und einer Schweizerin). Der Chauffeur hatte wohl etwas pressant, warum weiss ich zwar nicht, es ist ja nicht so, dass es hier einen Fahrplan gäbe...

Wem das Busfahren zu mühsam ist, der fährt Taxi. Dafür zahlt man zwischen 1 und 4 Franken, je nach Distanz. Aber beim Taxifahren sei Vorsicht geboten, es gebe viele Halunken. Wenn sie versuchen, zu viel Geld zu verlangen für die Fahrt, hat man gerade noch Glück gehabt (das versuchen sie eigentlich sowieso immer, besonders bei Ausländern). Es gebe aber auch ab und zu Überfälle und zum Teil auch schlimmeres, wie Vergewaltigungen von Taxichauffeuren und ihren Komplizen. Mir ist es deshalb wohler, den Bus zu nehmen, wenn ich alleine unterwegs bin.

 

5.1.2011               MALAS NOTICIAS

Der Alltag hat mich wieder - nach einem Ausflug nach Granada (Touristen- und Kolonialstadt) und einem Wochenende am Meer über Neujahr. Seit dieser Woche läuft etwas mehr auf der Redaktion und ich arbeite an meinem ersten ganz eigenen Artikel. Komme einigermassen zurecht, auch wenn ich immer noch viel Neues lerne (zum Beispiel, dass ich zwar ein eigenes Telefon habe, meinen Anschluss aber mit der Kollegin teile, wir also nicht gleichzeitig telefonieren können).

Was jedoch gestern passiert ist, kann ich fast nicht glauben. Meine Gastschwester Xiomara, die auch bei der Zeitung arbeitet, wurde entlassen. Per sofort. Und zwar so: die Human Resources Abteilung rief an, sie solle bitte runterkommen. Dort streckten sie ihr einen Zettel hin, auf dem stand, dass sie entlassen sei. Warum wurde ihr nicht gesagt. Sie packte ihre Sachen und ging, der Chef der Zeitung verabschiedete sich nicht einmal von ihr! Ich war entsetzt und meinte, dass könne doch nicht sein, dass man einfach so fristlos entlassen werde. Sie zuckte mit den Schultern und meinte, hier sei das halt so. Keiner der Mitarbeiter hat eine Garantie, dass er in der nächsten Woche oder nur schon am nächsten Tag noch eine Stelle hat. Anscheinend ein Grund für diese Art von Entlassungen sei, dass Mitarbeiter, die nicht fristlos entlassen würden, etwas anstellen könnten. Ein Fotograf habe zum Beispiel mal Bilder aus dem Archiv gelöscht.

Das kommt mir alles ziemlich Spanisch, respektive Nicaraguanisch vor. Heute ging es gleich weiter mit schlechten Nachrichten: Der Chef der Zeitung ging raus um eine Zigarette zu rauchen. Da kamen zwei Typen auf einem Motorrad herangefahren, hielten ihm eine Pistole hin und raubten ihn aus. Einfach so am heiteren Tag, direkt vor der Redaktion, die an einer Hauptstrasse liegt.

 

29.12.2010          Impressionen aus Managua

Damit Managua etwas fassbarer wird, habe ich hier ein paar Impressionen zusammengestellt. Leider kann ich nicht überall und vor allem nicht in den besten Momenten fotografieren. Teilweise sei es nämlich zu gefährlich, wenn man sich mit einer Kamera zeige. Bin deswegen noch am abtasten, wann ich ohne Gefahr fotografieren kann und wann nicht. Fürs erste müsst ihr euch mit den folgenden Fotos zufrieden geben.


Der äussere Bereich des Mercado Oriental, dem angeblich grössten Markt von Zentralamerika


Auch am 25. Dezember ist der Linienbus gut gefüllt


Mit Doña Cándida auf einem Markt in der Nähe (dem Mayoreo)


Eine der vielen Strassenverkäuferinnen


Managua by night


Auch die Polizei wird auf den Pick Ups durch die Stadt chauffiert


Mein erster Auftrag beim Nuevo Diario; der Santa Claus Nica verteilt Geschenke an 500 Kinder


Erholungsgebiet in der Nähe von Managua, die Laguna de Xiloá, immer noch etwas überschwemmt vom Hochwasser im Herbst


Die Strasse (also eigentlich die vier Strassen), in der ich wohne


Der Waschtrog im Innenhof, das Zentrum des Hauses, in dem ich wohne

 

25.12.2010          FELIZ NAVIDAD
Ich bin überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung dieses Jahr. Es gibt keine Weihnachtsguetzli, keinen Punsch oder Glühwein, keine Kerzen und keine Familie und Freunde. Und bei dieser Hitze kann ich mich hier fast nur wie im Sommer fühlen, auch wenn es schon um 18 Uhr dunkel wird. Trotzdem war ich gespannt, wie die Nicas Weihnachten feiern.

Schon bei meiner Ankunft Mitte Dezember war die ganze Stadt gut ausgeleuchtet und in den Wohnzimmern standen Weihnachtsbäume herum. Ein weiteres Anzeichen dafür, dass bald Weihnachten ist, waren die vielen Geschenke, die in der Redaktion ankamen und verteilt wurden. Wenn auch sonst nichts passierte und fast niemand da war, die Geschenkbörse florierte. Stündlich kamen Boten mit Geschenken für die Chefs der Zeitung und andere Redaktionsmitarbeiter. Ich konnte nur noch staunen.

Das war aber alles an Weihnachtsstimmung, das Managua zu bieten hatte. Zumindest für mein Verständnis von Weihnacht. Am 24. Dezember musste ich nicht arbeiten, da am 25. keine Zeitung herauskam. Der ganze Tag bestand aus einkaufen, kochen (wobei ich nur zuschauen konnte) und mit Verwandten plaudern. Da meine Gastmutter, Doña Cándida am 24. Geburtstag hat, kamen einige am Nachmittag kurz vorbei. Sie alle bekamen gleich was zu essen (nicht nur Apéro!).

Meine Gastschwestern Carmen und Xiomara mit mir vor dem Weihnachtsbaum

Am Abend hörten wir dann Musik (keine Weihnachtsmusik!) und tanzten ein bisschen. Um Mitternacht sei der Höhepunkt, dann würden wir nämlich Geschenke verteilen, das Festtagsmenu essen und auf die Strasse gehen. Ich war gespannt, wie das alles miteinander funktionieren würde, liess es aber auf mich zukommen (ich bin schon einiges entspannter seit ich hier bin). Es ergab sich so, dass die Geschenke alle schon vor Mitternacht geöffnet waren, da sie individuell verteilt wurden. Also nichts von gemütlich um den Christbaum herumsitzen und Geschenke auspacken. Um Mitternacht gingen wir dann raus auf die Strasse, wünschten allen Nachbarn frohe Weihnachten und schauten den Feuerwerken zu, die über der ganzen Stadt hochgingen. Das Festtagsmenu bekam ich dann am nächsten Morgen zum Frühstück – da meine Gastmutter kurz nach Mitternacht eingeschlafen war.

Das Mitternachtsmenu am 24. Dezember – mein Frühstück

Aber Weihnachten ist ja noch nicht vorbei, dachte ich mir heute Morgen auf dem Weg in die Redaktion. Und weil ich keine Lust hatte, den ganzen Tag unnütz in der Redaktion zu verbringen, habe ich mit einer Obwaldnerin abgemacht, die schon seit 25 Jahren in Nicaragua lebt. Dies wollte ich dem Redaktionsleiter bei meiner Ankunft sagen, doch wie die meisten anderen, war auch er nicht da. Ich bin froh, dass ich mein schweizerisches Pflichtbewusstsein schon etwas abgelegt habe und einfach das gemacht habe, was ich wollte. Es war ein interessanter Besuch, aber leider mit einem etwas bitteren Nachgeschmack: Ausgerechnet bei einer Schweizerin und ausgerechnet an Weihnachten habe ich mir meine erste Magendarmverstimmung in Nicaragua geholt (ich vermute, dass der Fruchtsaft, den ich getrunken habe, mit Hahnenwasser angemacht war). Die Details erspare ich euch jetzt an dieser Stelle…

 

20.12.2010

Heute ist mein dritter Tag in der Redaktion. Es sind fast keine Leute da, die Weihnachtsferien haben begonnen. Alle haben entweder diese oder nächste Woche frei. Ein Glück für mich, denn so findet sich ein Platz (mit Computer), den ich benutzen kann. Abgemacht ist, dass ich noch ein paar Mal mit Redaktoren mitlaufen kann, wie ich es letzte Woche getan habe. Ich warte und warte.

Gegen zehn Uhr kommt der Chefredaktor und sagt, er schicke mich mit Roberto, einem Redaktor ins Rathaus. Es ginge um Konzessionen für die Taxis in Managua. Also ab ins Auto mit Roberto und einem Fotografen. Irgendwann fragt mich Roberto, um was es denn eigentlich ginge. Ich sage ihm, dass ich es nicht genau wisse, es habe etwas mit den Taxikonzessionen zu tun. Ob es denn ein Interview sei, fragt er weiter. Na, keine Ahnung, ich weiss nur, dass ich euch begleite. Der Fotograf und der Redaktor mutmassen und kommen zum Schluss, dass es ein Interview mit einem Stadtrat sei. Dann dreht sich Roberto zu mir um und meint: Frag ihn einfach, wie es so um die Konzessionen steht. Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Ich soll das Interview machen? Aber ich habe ja gar keine Ahnung, um was es geht?! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich informiert.

Ich nehme mein Notizbuch hervor und denke mir ein paar Fragen aus, mir wird noch wärmer als mir sowieso schon ist. Beim Rathaus steigen wir aus, doch da ist niemand. Gut, dann fahren wir eben in sein Büro. Wo es genau ist, wissen die anderen auch nicht, auf der Strasse fragen sie sich durch. Bis wir vor der verriegelten Türe stehen und uns einer nachruft, dass die gesuchte Person in den Ferien sei. Wir kehren unverrichteter Dinge zur Redaktion zurück. Dieser Ausflug hat uns zwei Stunden gekostet. Aber vorher anzurufen, um einen Interviewtermin abzumachen, anstatt vier Leute umsonst raus zu schicken, scheint keine Alternative zu sein.

An meinem ersten Wochenende in Nicaragua bin ich schon aus Managua rausgekommen. Meine Gastmutter Doña Cándida nahm mich mit nach Juigalpa, eine kleine Stadt. Es war toll, frische Luft zu schnappen und die Landschaft Nicaraguas zu geniessen. Der einzige Nachteil: weniger Komfort. So musste ich mich mit den Plumpsklos anfreunden, die in den meisten Gärten stehen (inmitten der Hühner und Hunde).

 

 

16.12.2010

Managua, eine unbekannte Stadt. Nicht einmal beim Check-in am Flughafen in Zürich wusste man, wo Managua ist. Und ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Eine Reise ins Unbekannte. In den zwei Tagen seit meiner Ankunft haben sich viele Fragengeklärt. Werde ich wirklich vom Flughafen abgeholt? Wie ist die Familie, bei der ich wohnen werde? Wo werde ich arbeiten und wie werde ich mich einleben?

Um die Stadt kennen zu lernen und mich richtig einzuleben braucht es natürlich noch eine Weile. Aber die ersten Eindrücke sind gut. Die Familie, bei der ich einquartiert bin, ist sehr nett. Es sind Xiomara (26), die beim Nuevo Diario arbeitet, ihre Schwester Carmen (23) und die Mutter, Doña Candida. Ein reiner Frauenhaushalt, muydivertido. Die Wohnung ist einfach, aber sehr sauber. Vorne ist ein Wohnzimmer mit einer Küche, danach betritt man den Innenhof, dort ist der einzige Wasseranschluss. Zum Duschen und für die WC-Spülung benutzt man ein Plastikgefäss, mit dem man Wasser schöpft, dass man sich dann entweder über den Kopf oder in die Kloschüssel leert. Gewöhnungsbedürftig, aber eine gute Abkühlung.

Rund um den Innenhof sind die Schlafzimmer verteilt. Ein grosses Bett, ein Schreibtisch und eine Kleiderstange. Schöner Plattenboden. Ein Wellblechdach, das nicht weiter stört, ausser wenn irgendwelche Tiere in der Nacht darauf herumtrampeln.

Alleine getraue ich noch nicht wirklich, mich in der Stadt zu bewegen. Es sei nicht sehr gefährlich, aber eben doch gefährlich. Besonders wenn man eine “extranjera” ist und sich nicht auskennt. Hier ist halt alles ein bisschen anders. Aber darauf werde ich sicher noch zu sprechen kommen.

Heute bin ich in der Redaktion, habe die Leute kennengelernt und mit dem Chefredakteur darüber gesprochen, wie meine Zeit beim Nuevo Diario sein wird. Ich bin nicht fix einem Ressort zugeteilt, sondern solle vor allem Themen aufgreifen, die für mich als Ausländerin speziell sind, aber für die Nicaraguaner zum Leben gehören. Morgen gehe ich mit einem Redaktor raus, damit ich sehe, wie hier gearbeitet wird.

Übrigens, auch in Nicaragua ist es Winter. Die Leute beklagen sich, wie kalt es sei (knapp 30 Grad) und viele sind erkältet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Leute bei 30 Grad erkälten können. Viel eher denke ich, dass der Grund dafür die klimatisierten Einkaufszentren und Bueros sind, in denen auf ungefähr 15 Grad runtergekühlt wird. Gestern im Kino bin ich fast erfroren, ich hatte nicht wie die anderen eine Jacke oder einen Rollkragenpulli an, sondern nur ein Bolerojäckchen, dazu aber immerhin Jeans und Turnschuhe. Während dem Film musste ich kurz aus dem Saal, um mich aufzuwärmen. Draussen war es angenehme 25 Grad.

 

 
   
Mirjam Mathis (MAZ)  
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