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Stagiaires in Auslands-Redaktionen

David Lier berichtet aus Bolivien

David Lier (1983) arbeitet im Januar und Februar 2011 bei der bolivianischen Zeitung Página Siete in La Paz, Bolivien. Nach einigen Semestern Anglistik an der Universität Zürich studierte er Journalismus und Kommunikation in Winterthur und Buenos Aires. Derweil schrieb er für Aargauer Zeitung, Tages Anzeiger und Beobachter. Er hielt sich regelmässig im Ausland auf, u.a. als Englischlehrer in Tibet und als Praktikant beim Schweizer Fernsehen in Washington DC. Nach der DEZA-Stage wird er sich in Argentinien niederlassen, um ein Masterstudium in Internationalen Beziehungen aufzunehmen.

In chronologischer Abfolge

David Lieer

Sonntag, 2. Januar 2011 -  Dünne Luft in La Paz
Oliver Stone steigt in El Alto, dem internationalen Flughafen von La Paz, aus dem Flugzeug, winkt einen Gehilfen herbei  und nuckelt theatralisch an der Sauerstoffflasche, die dieser ihm eilig hinhält. Die Szene entstammt dem Dokumentarfilm  “South of the Border”, in welchem  der amerikanische Regisseur  den linksgerichteten Regierungen  Südamerikas nachspürt.  Offenbar war ihm die Höhe von 4061 m.ü.m zuviel des Guten. El Alto ist der höchstgelegene internationale Flughafen der Welt.

Ich war also gespannt, ob mich die Höhe gleichermassen erwischen würde. Meine Reise mit zwei Zwischenlandungen führte mich  von der argentinischen Pampa ins andine Hochland: Buenos Aires – Santa Cruz de la Sierra – Cochabamba – La Paz. Leider hatte mein Flug ziemlich Verspätung und verlief daher hauptsächlich in Dunkelheit;  ausser die Lichter der angeflogenen Städte sah ich unter mir nur schwarze Nacht, obwohl das Flugzeug aufgrund des Eintritts ins andine Hochland  tief über der Erdoberfläche flog.  Keine Strassenbeleuchtung, keine Dörfer oder Industriezonen, die Licht abstrahlten, sondern bloss eine Schwärze, die alles zu verschlucken schien. Ich verstand sie als klaren Hinweis auf Boliviens Bevölkerungsdichte von gerade mal 9.7 Einwohnern pro km² (im Vergleich dazu die Schweiz mit 189 Einwohnern pro km²).  

Und ja, die Höhe hat mich erwischt! Augenblicklich: Die Schritte beim Verlassen des Flugzeugs sind schwer, bei der Rampe zur Passkontrolle gerate ich beinahe ins Taumeln, mir wird etwas schwindlig, doch es geht, langsam. Irgendwie fühlt sich alles an wie eine magische Zwischenwelt, plötzlich ist einem  ganz anders -  im Kopf pocht es leise, aber unnachgiebig. Später wird sich der Magen melden: leichte Appetitlosigkeit, leichtes Unwohlsein im Verdauungstrakt. Und die ersten Treppenstufen werden die Atmung in einen Keuchusten verwandeln.

Leider habe ich nach der Gepäckübergabe kaum Zeit zum Verschnaufen:  Während der Fahrt vom Flughafen zu meiner Unterkunft kommt ein Besoffener von der Gegenfahrbahn ab, schrammt das Heck des Taxis und macht sich mit Bleifuss aus dem Staub. Mein Fahrer steigt aus, wirft einen Blick zurück, kichert und meint bloss: “Nichts passiert!” “War wohl nicht das erste Mal”, denke ich mir und schaffe es dabei ziemlich gut, meine Ruhe zu bewahren , nur um sie drei Sekunden später endgültig zu verlieren, als mir ein bellender Strassenhund durch die heruntergelassene Fensterscheibe hindurch beinahe an die Gurgel springt. “Gut, habe ich im Zentrum für Reisemedizin die Tollwut-Broschüre eingepackt”, sage ich zu mir selber. Eine gute Vorbereitung beruhigt doch ungemein! Ich will jetzt nur noch ins Bett.

Ich schlafe wie ein Stein. Dennoch fühle ich mich am nächsten Tag nach einem gemächlichen Sonntagsspaziergang durch das Zentrum von La Paz matt und müde, als hätte ich mit einer sich langsam anbahnenden Erkältung zu kämpfen. Die Bolivianer empfehlen mir mate de coca, den Tee aus Kokablättern, den man hier an jeder Ecke kriegen kann. Davon trinke ich fleissig. Und es wirkt nicht schlecht. Weil die Kopfschmerzen trotzdem anhalten, hole ich mir in der Apotheke eine Viererpackung Sorojchi-Pillen, die Anti-Höhenkrankheit-Klassiker der Andenregion. Was drin ist, weiss ich nicht genau. Auf jeden Fall helfen die kleinen Freunde ganz gut. Den Rest des Sonntags verbringe ich im Bett und hoffe darauf, dass mein Körper möglichst schnell rote Blutkörperchen bildet, die den Sauerstofftransport  effektiver machen und mir bei der Akklimatisation helfen, denn morgen ist bereits mein erster Arbeitstag auf der Redaktion.

 

Mittwoch, 5. Januar 2011: Vom blauen Turm zum Hexenmarkt

Die Büros der Zeitung Página Siete befinden sich in Sopocachi, einem vornehmen Viertel im südlichen Teil von La Paz. Hier beginnen die Wohngegenden der wohlhabenden Bolivaner , die sich weiter gen Süden in den Talkessel hinab erstrecken, wo die ausländischen Botschaften ihre Sitze haben. In La Paz korreliert die Höhe, in der man wohnt, durchaus mit der sozialen Schicht, der man angehört. Je tiefer man wohnt, desto wohlhabender – und umgekehrt. Immerhin beträgt die Höhendifferenz innerhalb des Stadtgebietes fast 1000 Meter, was eben mehr oder weniger Kopfschmerzen bedeutet. Die Ärmsten wohnen oben in der Flughafenstadt El Alto, die Reichsten  im Talkessel, der Zona Sur.

Aus den pastellfarbenen Häusern Sopocachis ragt der blau schimmernde “Torre Azul” hervor, der blaue Turm, in dessen 18. Stock ich die nächsten zwei Monate arbeiten werde. Er beherbergt verschiedenste Unternehmen und Institutionen, die bolivianische Telekommunikatonsfirma Entel zum Beispiel, oder die Deutsche Entwicklungshilfe. Die Aussicht ist schon aus dem gläsernen Aufzug atemberaubend.


Blick auf Sopocachi und den Torre Azul


Die Büros von Página Siete befinden sich im 18. Stock


Redaktionsbüro


Blick aus dem Bürofenster

Direktor Raúl Peñaranda und Chefredaktor Cándido Tancara nehmen mich herzlich in Empfang und skizzieren ihre Erwartungen: Dem Ressort “Gente y Lugares” (“Land und Leute”)  zugeteilt, soll ich unter Aufsicht des verantwortlichen Redaktors Fernando Chavez zwei Artikel pro Woche schreiben. Ich bin froh, den Chavez ist sehr freundlich, und das Lokalressort ist bestimmt der zugänglichste Bereich für einen Auswärtigen wie mich.

Ich schlage fünf, sechs Themen vor. Vier sind schnell vom Tisch, weil die in der Vergangenheit bereits von anderen Redaktoren abgegrast wurden – ob in der Schweiz oder in Bolivien, es ist immer das Gleiche: Irgendwer hats schon gemacht.

Ein Thema hat aber überlebt, und ich habe nun folgende Mission: Wie jede andere Stadt hat auch La Paz eine Touristenzone, eine verhältnismässig junge zwar, doch war sie die letzen Jahre ziemlich im Aufschwung begriffen. Die bekanntesten Strassen sind die Calle Sagárnaga und Calle Linares, wo alles zu finden ist, was Touristen brauchen: Hostels, Tour-Operators, Kunsthandwerk, andine Instrumente, Souvenirs, Bars und Cafés. In der Calle Linares befindet sich zudem der berühmte Mercado de Brujas, der Hexenmarkt, wo die Einheimischen ihre Ingredienzen für die Rituale der indigenen Aymara-Medizin erwerben, u.a. Lamaföten, Talismane, Knochen, getrocknete Kröten und Kokablätter. In diesem Panoptikum aus Touristen und Einheimischen, Produkten und Dienstleistungen, will ich ausländische Wahlbolivianer finden, die sich hier vor Jahren niedergelassen, vielleicht geheiratet und ein neues Leben gegründet haben. Sie will ich für Página Siete porträtieren und so die Ausländer in La Paz durch Geschichten und Gesichter etwas fassbarer machen.


Zeitungskiosk in La Paz


Pagina Siete mit Sportbund Campeones

 

 

Sonntag, 9. Januar 2010: Visionen im Andenraum

Das Wochenende brachte Sonnenschein und tolle Gefährten. Lindsay Hasluck, ein australischer Archäologe und Anthropologe, der seit 10 Jahren in Bolivien lebt, lud mich ein, zusammen mit einem nordamerikanischen Freund namens Dave Merkel  und seinem bolivianischen Schützling Brian, eine 4x4-Spritztour in ein offenbar relativ unbekanntes Tal in der Nähe von La Paz zu unternehmen.


Das Team

Lindsay könnte der kleine Bruder von Crocodile-Dundee sein: Lieblingsfarbe tarngrün, exzessiver Zigaretten- und Kaffeekonsum, die Machete unter dem Fahrersitz. Er kam aus Downunder nach Bolivien, um in den Anden Forschung zu antikem Stadtdesign der Inka und Aymara durchzuführen. Mittlerweile hat er ein, zwei Bücher darüber geschrieben, eine Archäologie-Stiftung aufgebaut, eine Bolivianerin geheiratet und denkt gar nicht daran, nach Australien zurückzugehen.

Nach ein paar Handgriffen, die das Biest zum Laufen bringen, geht es mit einem standesgemässen, alten  4x4-Toyota los durch den dichten Verkehr in La Paz. Wir klettern hoch durch La Paz‘ Steilhänge und gelangen in ein Tal, das kaum bevölkert ist, und wenn, dann sind es kleine Dörfer, in denen  man durchaus an einem Baum aufknöpft werden kann, sollte man auf die Idee kommen, etwas zu stehlen.


Notwendige Handgriffe


Das Biest

Entlang des Weges entfalten sich Geschichte und Kultur eines Tales, das vom Tourismus noch unberührt blieb. Wir passieren stillgelegte Minen, in denen höchsten noch ein paar Väter aus dem Umland mit ihren Söhnen verzweifelt nach vergessenem Wolfram schürfen, um sich so das Brot und den Zucker von morgen zu verdienen. Kleine Friedhöfe mit zerfallenem Mauerwerk und verwitterten Grabsteinen säumen den Weg – die letzte Ruhestätte unzähliger Minenarbeiter. Von ihren ehemaligen Baracken sind nur die aus Adobe gefertigten Grundmauern zu erkennen.

Als Schweizer, der in einem Land lebt, das keine natürlichen Rohstoffe besitzt, sind Erde und Gestein hier überwältigend. Immer wieder mal machen wir Halt, ich schaufle mit der hohlen Hand etwas Schlamm aus einem Bachbett und blicke verwundert auf die darin schimmernden Goldpartikel. Noch nie gesehen, so etwas. Beim alten, aus Kolonialzeiten stammenden Schmelzofen liegt Gips auf der Strasse, und drei Kilometer weiter oben im Tal pflügen die Einheimischen die pechschwarze Erde um, die beliebt ist als Pflanzenhumus, unten, auf den ausladenden Märkten von  La Paz. Auch wir können nicht widerstehen, kaufen einen Sack und binden ihn auf das Biest.


Goldbach


Kolonialer Hochofen


Stillgelegte Mine


Schwarze Pflanzenerde


Arbeit auf 4500 Metern


Wir kaufen Erde


Festzurren

Wir holpern über die steinige Strasse, und je höher wir steigen, desto grösser werden die Mengen Kokablätter, die wir uns zum Kauen hinter die Backenzähne klemmen.  Am Anfang noch zögerlich – höchstens zwei, drei Blatt aufs Mal, Stiel entfernt und schön gefaltet – stopfe ich mir auf 5000 Metern ganze Fäuste voll ins Maul, um das Pochen im Hirn zu betäuben, das unter der Schädeldecke herumschleicht wie ein ausdauernder Marder in einem alten Estrich. Wir mischen das Zeug mit Stevia, Bicarbonat oder einer Art Bananenlakritze, was hilft, die Alkaloide herauszulösen. Zahnfleisch und Backenwand werden so angenehm taub, einem Zahnarztbesuch ohne Spritze steht nichts mehr im Wege.


Andine Visionen


Drei Hochlandfreunde

Wir erreichen unser Ziel: Eine unlängst errichtete Öko-Lodge, wo Dave Merkel, pensionierter Soldat der Medienabteilung der US-Marine, bolivianische Jugendliche in das Video- und Fotohandwerk einführen will. Und auf diese Weise wie wir alle versucht, seinem Leben einen Sinn, und den bolivianischen Kids Lebensfreude zu geben.

Lindsay fühlt den Ruf der Natur, wandert hoch, in den weiten Raum um uns, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Wir gehen hinterher, schnaufend. Nach fünf Minuten ist er nicht mehr zu sehen.

Und was jetzt passiert, ist ein literarisch-ästhetischer Topos. Unterhalb einer kleinen Gletscherzunge zerstreuen wir uns, jeder für sich, aufgesogen von gewaltigen Raum um uns. Ich setze mich, lausche nur, dem Wind, dem plätschernden Bach. Um mich herum nur ein paar Lamas und dort, vielleicht 200 Meter entfernt, vielleicht auch 1000 Meter, sitzt Dave. Und dort Brian, ganz klein, hinter ihm ein paar Lamas, die Sicherheitsabstand halten. Die räumliche Wahrnehmung ist verzerrt, die Entfernungen sind trügerisch – ich weiss nicht, ob ich höhenkrank bin oder es tatsächlich nur ein Naturerscheinung ist. Ehrfurcht ergiesst sich wie aus einem grossen Kelch aus dem Himmelszelt, und ich denke zurück an eine Vorlesung an der Uni, über das Sublime als Inspirationsquelle in Kunst und Literatur. Und an meinen Lieblingstitel von Niklaus Meienberg: „Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge“.


Im Sublimen ruhend


Der Kopf glüht


Hochmoor


Wetterwindiges Hochland

Wir ziehen eine lange Schlaufe, traversieren dabei einen Bergsattel , und nähern uns dem Ufer eines Sees entlang wieder der Öko-Lodge. Lindsay, der Verschwundene, steht plötzlich wieder da. Es ist der Moment des Tages, da wir vier uns nah sind, obwohl wir uns kaum kennen.

Der Weg zurück nach La Paz führt uns über eine gewundene Schmugglerroute, die über die Hochebene mäandert. Angeblich werden hier Edelhölzer aus dem brasilianischen Amazonien an den Augen der bolivianischen Polizisten vorbeigebracht. Eine letzter Hauch Magie, eine letzter Lichtdurchbruch, der die Nebeldecke entzweit, ein letzter Blick noch, und die asphaltierte Strasse hat uns wieder.


Ein letzter Blick

La Paz in Sicht, am Fenster ziehen die Spelunken am Wegesrand vorbei. Beim Schwarzmarkt für illegal gebrannte Alkoholika, oben an der Krete der Stadt, stehen zwei und kriegen sich in die Haare. Eine Rechte, ein Knockout! Der ärmere der beiden armen Teufel torkelt rücklings auf die Strasse und kommt beinah unter die Räder.

Es dämmert und wird kühler. Unten im Kessel von La Paz entsteigen wir dem Biest mit glühenden Köpfen, glücklich, zufrieden. Nach zwei, drei Bier, zwei, drei Prosts und einer warmen Mahlzeit sagen wir Gute Nacht zueinander, und ich schlendere unter klarem Himmel über Kopfsteinpflaster nach Hause, falle ins Bett und gebe mich mit geschlossenen Augen meinen gewonnen Visionen hin – vom Hochgebirge, vom Sublimen.

 

Mittwoch, 12. Januar 2011: Bolivien - ein Land auf der Suche nach sich selbst

Einige Jahre nur ist es her, da galt Bolivien als das Tibet Südamerikas. Mysteriös, arm, vom Meer abgeschlossen, geprägt vor allem durch die unwirtlichen Höhen des Altiplano mit seinen schneebedeckten Gipfeln und der dort ansässigen, Westlern  fremden indigenen Kultur.


62 Prozent der bolivianischen Bevölkerung sind indigener Herkunft.

Das Land steht heute im Fokus der Weltöffentlichkeit. Entscheidungen des Präsidenten Evo Morales geben in regelmässigen Abständen Anlass zu Schlagzeilen – unlängst aufgrund der schlagartigen Erhöhung des Treibstoffpreises um 82%, die in den grössten Städten des Landes zu gewaltsamen Protesten führte. Bolivien importiert seinen Treibstoff aus dem Ausland und subventioniert diesen, um ihn im Inland zu deutlich tiefern Preisen zu verkaufen.

Die staatlichen Subventionen für Treibstoff betrugen 2010 alarmierende 666 Millionen Dollar, wobei aber ein Grossteil des billigen Brennstoffs zum Verkauf über die Grenzen ins benachbarte Ausland geschmuggelt wird, und die Subventionsgelder auf diese Weise de facto verpuffen. Für 2011 rechnet die Regierung sogar mit etwas über 1 Milliarde Dollar an Subvention, um die Preise auf ihrem derzeitigen Niveau halten zu können, was unter anderem auf einen Anstieg der Anzahl Automobile im Land zurückzuführen ist.

Die Entscheidung der Preiserhöhung ist notwendig, um die Blutung der Staatskasse zu stoppen, trifft die Ärmsten im Land aber mit der grössten Wucht. Die heftigen Volksproteste liessen nicht auf sich warten, und unter dem Druck der mächtigen sozialen Bewegungen des Landes musste die Regierung mittlerweile zurückkrebsen und das Dekret rückgängig machen.

Evo Morales: Eine Zäsur in Boliviens jüngster Geschichte

In Bolivien ist seit der Amtsübernahme von Evo Morales und seiner Bewegung MAS (Movimiento al Socialismo) im Jahr 2006 ein politischer Prozess im Gange, der im lateinamerikanischen Kontext seinesgleichen sucht. Mit dem ersten indigenen Präsidenten – Evo Morales Ayma gehört der Ethnie der Aymara an, die vor allem im andinen Hochland, dem Altiplano, ansässig ist – setzte die Regierung durch eine Reihe politischer Massnahmen einen Prozess der Dekolonialisierung in Bewegung, dessen Ausgang einerseits unvorhersehbar ist, da es keine vergleichbare historische Parallelen gibt, und der die Regierung andererseits vor gewaltige Herausforderungen stellt.


Movimiento al Socialismo

Mit Morales‘ Amtsantritt sah sich die Regierung vor die Frage gestellt, wie sich ein über Jahrhunderte kolonialisiertes Land, dessen Wirtschaft vom Export von Primärgütern abhängig ist, praktisch keine Industrialisierung vollziehen konnte, und dessen indigene Bevölkerungsmehrheit über weite Strecken diskriminiert und von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen war, endlich von seiner traumatischen Vergangenheit lösen sollte.

Wie funktioniert Dekolonialisierung?

Eine erste Antwort auf diese Frage war die Einberufung einer Asamblea Constituyente im Jahre 2006, einer verfassungsgebenden Versammlung, die es sich zur Aufgabe machte, eine neue Carta Magna auszuarbeiten, die der heterogenen ethnischen Zusammensetzung Boliviens im Sinne eines neuen plurinationalen Staates („Estado Plurinacional de Bolivia“, wie die Formel im Spanischen lautet) mit entsprechender Gleichberechtigung aller Völker endlich Rechnung tragen sollte.  Früh wurde von den bäuerlich-indigenen Bewegungen diesbezüglich ein einheitliches  Dokument ausgearbeitet, der so genannte „Pacto de Unidad“, mittels dessen auf die Ausgestaltung der neuen Verfassung Einfluss genommen werden sollte.


Nationalkongress

Die wichtigsten Innovationen umfassten die Forderung nach territorialer Autonomie der indigenen Völker – und in diesem Zusammenhang das Verbot von Grossgrundbesitz sowie der Ruf nach gerechter Landverteilung –, das Beharren auf einem binären Rechtssystem , das neben der klassischen, westlichen Rechtssprechung auch das traditionelle indigene Justizsystem anerkennt, sowie die Schaffung einer vierten Staatsgewalt, bestehend nicht etwa aus der Medienwelt, sondern aus institutionalisierten sozialen Bewegungen.

Die Oligarchien der Latifundienbesitzer in den östlichen Departementen Boliviens, vornehmlich hellhäutige Mestizen spanischer Abstammung, opponierten vehement, was enorme soziale Spannungen verursachte, die das Land an den Rand eines Bürgerkriegs brachten. Morales‘ Projekt der „Asamblea Constituyente“ wurde im Nachgang durch ein Volksreferendum gestützt. Obwohl die Polaritäten heute weiter existieren, können die Oligarchien im östlichen Tiefland als politisch geschlagen bezeichnet werden.

Die Herausforderung, einen nach diesen Prinzipien funktionierenden plurinationalen Staat zu etablieren,  wird aktuell durch den Umstand erschwert, dass die Regierung sich gezwungen sieht, im gleichen Zug einen funktionierenden Nationalstaat aufzubauen, der auf einem geeigneten Entwicklungs- und Wirtschaftsmodell fusst. Nach ihrer Machtübernahme präsentierte die Regierungspartei MAS früh ein „Nationales Entwicklungsprojekt“ (Proyecto de Desarrollo Nacional), das klassischen Entwicklungsansätzen kritisch gegenüber steht und die Kosmovision der indigenen Völker mit einbezieht. Es handelt sich dabei vornehmlich um die Integration der Perspektive des „Guten Lebens“ (sumaj kawsay auf Quechua; suma qamaña auf Aymara), das die Verteidigung der Mutter Erde („pachamama“) sowie der Biodiversität vorsieht und der westlichen Vorstellung des „Besseren Lebens“ gegenübersteht, die auf einem monokulturellen, auf der Ausbeutung der Natur fokussierten Konzept gründet.

Die Philosophie des „Guten Lebens“ hat Eingang in die bolivianische Verfassung gefunden und ist darin begriffen, den emanzipatorischen Sprachgebrauch Lateinamerikas zusehends zu durchdringen. Vor diesem Hintergrund ist auch die resolute Haltung von Evo Morales zu Klimafragen anlässlich des Klimagipfels 2009 in Kopenhagen zu verstehen, die vor allem die Industrieländer in die Pflicht nimmt. Ferner wurde er von der UN-Generalversammlung 2008 zum „World Hero of Mother Earth“ gekürt.


Die Staatsflagge links und die Flagge der indigenen Völker rechts

Dilemmas und Herausforderungen der nahen Zukunft

Die erdverbundene Rhetorik aus Regierungskreisen täuscht jedoch über ein gravierendes Dilemma hinweg, das sich aus der Notwendigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung des Lande ergibt: Während sich Bolivien nach aussen als Umweltschützer präsentiert, sieht es sich nach innen nach wie vor gezwungen, sich einer Wertschöpfung durch traditionelle Extraktionswirtschaft zu versichern, die schwere Umweltzerstörung mit sich bringt, und in deren Vollzug eine Vielzahl von Gebieten und die darin ansässigen indigenen Gemeinschaften Schaden nehmen.

Nach der Machtübernahme 2006 hat die Regierung mit einer raschen Verstaatlichung des Erdölunternehmens YPBF versucht, die Souveränität über die natürlichen Ressourcen des Landes wiederzuerlangen. Durch das auf diese Weise in die Staatskasse gespülte Kapital sollte „der grosse industrielle Sprung“ („el gran salto industrial“, Zitat Vizepräsident Álvaro García Linera) vollbracht werden.

Das bolivianische Entwicklungsmodell und die Frage nach Erfolg oder Misserfolg der Verstaatlichung geben dieser Tage in den lokalen Medien wieder viel zu reden. Das Problem der exorbitanten Subventionskosten für Treibstoff wird von der Presse als Scheitern der Verstaatlichung des Erdölförderungskonzerns YPBF gewertet, da dieser aufgrund fehlender privater Investitionen aus dem Ausland nicht in der Lage ist, die Fördermenge im Inland zu erhöhen. Weiter treten derzeit vermehrt Engpässe bei verschiedenen Produkten auf. Beispielsweise ist der Zucker vor einigen Tagen aus nicht restlos geklärten Gründen plötzlich vom Markt verschwunden, worauf die Regierung tonnenweise davon aus Kolumbien importieren musste. Ein ähnlicher Engpass ist derzeit auch beim Zement festzustellen. Gemäss Analysten sind dies mittelfristige Folgen einer verfehlten Wirtschaftspolitik.

Evo Morales befindet sich aktuell im zweiten Jahr seiner zweiten Amtszeit, die bereits jetzt als Konsolidierungsphase seiner Regierungspartei MAS bezeichnet werden kann, welche sich gemäss kritischen Stimmen zusehend zu einer politischen Hegemonialmacht mit totalitären Zügen entwickelt.

Bolivien wird weiterhin in Bewegung bleiben. Viele Fragen, wie diejenige nach der Reichweite der politischen, sozialen und kulturellen Reformprozesse, bleiben offen. Zudem wird sich zeigen müssen, wie sich die zusehende Hegemonie der Regierungspartei auf Opposition und soziale Bewegungen auswirken wird, und welche langfristigen Folgen für Gesellschaft und Umwelt ein Entwicklungsmodell nach sich zieht, das auf klassischer Extraktionswirtschaft beruht und dabei vor Umweltzerstörung nicht halt macht.

Wird sich Bolivien der Charakteristika einer neokolonialen Gesellschaft und deren Beziehungsstruktur von Dominanz und Ohnmacht entledigen können? Sicher ist nur Folgendes: Die Herausforderungen und Dilemmas sind kolossal, und die wirtschaftliche Instabilität des Landes ist augenfällig.  


Bolivianer informieren sich über das politische Geschehen

 

Montag, 17. Januar 2011: Vom Versuch, Diskrepanzen zu überwinden
Letzte Woche stand schliesslich der erste Besuch bei der Schweizer Botschaft und dem im selben Gebäude untergebrachten DEZA-Kooperationsbüro auf dem Programm. Dazu steige ich unweit des Redaktionsgebäudes in einen Minibus, der mich eine gewundene Strasse entlang hinunter in die wohlhabende Zona Sur bringt. Der Minibus ist hierzulande eines der öffentlichen Verkehrsmittel: Es handelt sich dabei um ein altes Privatfahrzeug, wie wir es bei uns zum Kleintransport von Gütern brauchen. Der Fahrer bringt an der Frontscheibe ein Schild an, auf welchem er die Route bekannt gibt, während sein Mitfahrer durch die geöffnete Fensterscheibe hindurch lauthals Werbung für die genannte macht. Ein- und Aussteigen darf man, wo immer man auch will, und natürlich wird der kleine Bus so richtig mit Menschen vollgepackt.


Fahrt im Minibus

Die Fahrt dauert etwa 15 Minuten – oder besser gesagt, zehn Minuten die Fahrt und fünf der Reifenwechsel. Dass der Reifen platzt, scheint nur mich kurz zu irritieren. An den schnellen Handgriffen der beiden halbwüchsigen Piloten und der Geruhsamkeit, mit der die anderen Fahrgäste in ihrer Zeitung weiterlesen, erkenne ich, dass es sich dabei nur um eine Routineübung handelt. Ich erinnere mich, dass ich in der Schweiz mal einen Job hatte, in dem ich viel Autofahren musste. Die Betriebsleitung organisierte, weil so etwas ja kaum vorkommt, alle Jahre einmal einen inszenierten Reifenwechsel – zum Training der Mitarbeiter im Umgang mit Fahr- und Werkzeug. Jetzt muss lachen, wenn ich zurückdenke, wie wir zu fünft ums Auto standen und einer nach dem andern am Reifen rumhantierten.

Die Botschaft ist ein roter Kubus, der etwas verloren im Gelände steht. Beim Eingang kontrolliert die Wache meinen Rucksack, und schon bin ich drin. Und weil die Dame am Empfang einen Schweizer Akzent im ihrem Spanisch nicht verbergen kann, fühle ich mich sofort wie zu Hause. Ich warte kurz und steige dann hoch in den zweiten Stock. Das Einzige, was mich jetzt noch an Bolivien erinnert, sind die Hochglanz-Prints an den Wänden; Aufnahmen, geschossen von bolivianischen Fotografen, die das Leben in und um La Paz darstellen. Jetzt muss ich warten, da der innere Kern des Gebäudes, sozusagen der Würfel im Würfel, nicht ohne Weiters zu betreten ist, weil sich Botschaft und DEZA seit 2008 in denselben Räumen befinden.


Die Schweizer Botschaft


Botschaftseingang


Welcome to Switzerland


Der Empfang

Die Tür geht auf, drinnen nimmt es sich aus wie in einer grossen gemütlichen Stube, fast einem Wohnhaus gleich, in dem aber auch gearbeitet wird. Alles ist schön und hell und gepflegt. Meine Kontaktperson Ursula Läubli, ihres Zeichens Adjunktkoordinatorin, begrüsst mich herzlich in ihrem Büro und legt gleich los mit einem Schwall an Informationen betreffend die DEZA, das Kobü, die Projekte und Bolivien allgemein. Die Ökonomin, die nun seit zwei Jahren in Bolivien weilt und vorher in Peru verpflichtet war, macht ihre Arbeit mit Begeisterung, das spürt man.


Der Würfel im Würfel


Ursula Läubli in ihrem Büro

Wir parlieren eine geraume Weile, und die mächtige Tür zum komplexen Themenbereich der Entwicklungshilfe wird weit aufgestossen. Zwar brummt mir ob der Fülle der Information bald der Kopf, doch bin ich trotzdem froh, dass mein Wissen einigermassen ausreicht, um Frau Läublis Ausführungen folgen zu können. Wir verbleiben mit der Möglichkeit des einen oder anderen Projektbesuchs auf dem Land und verabschieden uns. Bevor ich den Würfel verlasse, greife ich mir noch eine Handvoll Broschüren und zwei, drei Exemplare der wunderschön aufgemachten, hochintellektuellen Publikation des bolivianischen Think-Tanks Prisma. Draussen brennt mir die Sonne auf den Kopf, die Strasse sieht einsam aus, und die alte Frau am Hauseck hockt noch in der gleichen Positionen über ihren feilgebotenen Früchten.

Das Fass ist voll – und läuft über
Abends gehe ich aus – zum ersten Mal seit zwei Wochen. Dazu verbrüdere ich mich mit einem deutschen Kerl gleichen Alters, der in der Aussenhandelskammer ein Praktikum macht. Zum Auftakt gehen wir essen, asiatisch. Das Restaurant, unweit von unserem Wohnhaus im noblen Sopocachi, könnte schöner nicht sein. Für mein grünes Curry bezahle ich 50 Bolivianos, knapp sieben Franken. Das ist ziemlich teuer, wenn ich denke, dass ich am Kiosk für einen Boliviano ein Sprite kriege, oder dass ich über Mittag jeweils ein Restaurant aufsuche, dessen Besitzer mir für Suppe, Hauptgang und Dessert 13 Bolivianos verrechnet.

Wie auch immer, das Curry ist sehr gut, und nach ein paar Bier gehen wir weiter in einen Club. Die Beine vertreten, entspannen, etwas tanzen, die Gedanken zerstreuen, nichts weiter. Der Vodka-RedBull kostet 45 Bolivianos, es läuft feinster Elektro, auf der Tanzfläche sind alle weiss und wie aus dem Ei gepellt – gestylt, als wären sie direkt aus einem New Yorker Fashion-Magazin auf die Tanzfläche gehüpft. Ist da etwas Schlechtes dran? Eigentlich nicht. Die Leute tun niemandem etwas zu Leide, haben Spass und tanzen. Und trotzdem beschleicht mich ein ganz eigenartiges Gefühl.

Ein Bier zu viel, und fertig ist’s. Ganz schwierig auszuhalten ist das, Wut und schlechte Stimmung steigen in mir hoch. Ich kann nicht anders als an die hauptsächlich Dunkelhäutigen 60% der Bevökerung zu denken, die in diesem Land nichts zu beissen haben, und von denen man hier drin in diesem Club niemanden sieht. Innerlich erhebe ich Anklage – obwohl ich weiss, dass ich das nicht tun sollte – gegen die sich wogenden, die Realität verdrängenden Leiber auf der Tanzfläche. So lässt‘s sich schlecht feiern, ich muss den Club verlassen, bin mies drauf. Vor der Tür, zehn Meter vom Eingang entfernt, wühlt eine Frau im Müll.

Auf dem Nachauseweg teile ich mich meinem Kumpanen mit. „Habe ich das noch immer nicht überwunden?“, denke ich. „Komme ich noch immer nicht damit klar?“, frage ich mich. Es ist nicht das erste Mal, dass ich solche Ungleichheit sehe. Aber trotzdem: Die Härte des Kontrasts ist enorm. Und wie kann ich mir anmassen, auf solch moralinsaure Art und Weise Leute zu verurteilen, die ich gar nicht kenne, nur weil sie Spass haben und Geld ausgeben? Müsste ich dann nicht auch mit meiner Herkunft hadern, weil ich einen Schweizer Pass und Geld habe? Weil ich weiss bin, und weil ich dasselbe tue, jeden Tag, wenn ich in der Schweiz bin?

Mein deutscher Freund und ich sind uns einig: Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, hört es nicht mehr auf. Verdrängung scheint eine Notwendigkeit zu sein, um funktionieren zu können. Eine Notwendigkeit, die für einen Bolivianer, der solche Ungleichheit ein ganzes Leben lang zu schauen hat, wahrscheinlich zwingender ist, als für einen Schweizer, der zwei Monate zu Besuch kommt. Der Schweizer kann sich leicht empören und dann wieder verreisen. Der Bolivianer bleibt und ist zum Verdrängen gezwungen. Wieso also sollte man ihm das übelnehmen? Letztlich ist es stets eine Frage der Sichtbarkeit: Wenn wir in der Schweiz gut essen und trinken, dann ändert das nichts daran, dass die Menschen in Rumänien frieren und nichts zu beissen haben. Nur stehen sie nicht gerade vor der Tür des Restaurants, die armen Rumänen, und wir müssen uns ihrem Anblick nicht stellen. Das ist in Bolivien schlicht nicht möglich. Hier ist man gezwungen, sich zu stellen, jeden Tag.

Bei näherem Betrachten ist besagtes Verdrängen ja ein weltumspannendes, menschliches Phänomen. Nicht umsonst hat mir ein Kolumbianer auf die Frage, woher ihre ungestüme Fest- und Lebensfreude denn komme, einmal geantwortet: „Wenn du in einem Land lebst, dass über Jahrzehnte in Blut gebadet wurde, in dem soviele Familien Tote zu beklagen haben, dann weisst du wie wichtig es ist, fröhlich zu sein, einen Moment lang alles zu vergessen und bloss zu feiern.“ Und wie man hört und liest, soll es Tel Avivs Jugend, inmitten eines andauernden Konfliktes, ja ähnlich ergehen.

Mein Kollege und ich einigen uns darauf, wenigstens zu versuchen, es nicht zu übertreiben. Und jedem eine Chance zu geben, egal ob reich, arm, schwarz oder weiss. Klingt einfach und abgedroschen, ist es aber nicht unbedingt. Die Überwindung solch extremer Diskrepanzen ist und bleibt für mich eine der grössten Herausforderungen überhaupt – auch in der journalistischen Arbeit, wo dies oft der schwerste Schritt oder gar Sprung ist: Vom Konkreten, von der direkten und persönlichen Teilnahme an einer Geschichte, hin zum Abstrakten, zum analytisch-objektiven Betrachten und Beschreiben.


Heiteres Verdrängen

 

Freitag, 21. Januar 2011: Tippen und Telefonieren
Langsam aber sicher stellt sich hier in La Paz so etwas wie Alltag ein. Auf der Redaktion habe ich meinen Rhythmus gefunden: Mein Betreuer Fernando Chavez hat mir freie Hand gegeben und gemeint, ich sollte sowieso die meiste Zeit auf der Strasse sein, zum Runtertippen kurz ins Büro kommen und ihm einfach einen Artikel pro Woche abliefern (ursprünglich warens zwei, aber von dieser Vorgabe haben alle stillschweigend Abschied genommen). Da die morgendliche Redaktionssitzung auf neun Uhr angesetzt ist, aber trotzdem erst um zehn beginnt und sich bis kurz vor Mittag hinzieht, verliere ich – wenn ich daran teilnehme – viel wertvolle Zeit. Die Morgenstunden in der Redaktion sind friedlich; ausser Ramón Grimalt, der den Auslandteil macht und nebenher noch fürs Fernsehen arbeitet, ist um neun Uhr niemand da. Das heisst, ich habe einen festen Platz zum arbeiten und kann die Zeit nutzen, um Telefonanrufe zu machen.

Zu Mittag esse ich das günstige Tagesmenü im kleinen Restaurant um die Ecke und schwirre dann aus in die Stadt. Je nach dem, ob es mit Fernando noch etwas zu erledigen oder zu besprechen gibt, gehe ich gegen den späten Nachmittag noch einmal ins Büro. Dann ist aber meistens der Teufel los, und an ruhige Arbeit ist nicht mehr zu denken. Im Glasturm ist es dann heiss und feucht, die Politik- und Wirtschafts-Reporter tröpfeln in die Redaktion, telefonieren in den Gängen herum und lassen sich ihre Zitate bestätigen. Meistens geht das so zu und her bis Mitternacht, je nach Ressort und aktueller Nachrichtenlage.

Mittlerweile konnte ich zwei Artikel publizieren. Der erste Artikel war der eigentliche Auftakt zu meiner Stage. Fernando hat mich gebeten, für die Leserschaft meine ersten Eindrücke in La Paz festzuhalten, und mich so gleich selber zu lancieren. Wara, die jüngste und meistgelobte Fotografin des Hauses (wara bedeutet passenderweise „Stern“ auf Quechua), hat für den Artikel ein Bild von mir gemacht, wie ich an der Strassenecke stehe. Der Einstieg auf diesem Weg war ziemlich angenehm, da ich einfach mal von der Leber weg schreiben konnte, ohne recherchieren zu müssen.
> Artikel

Der zweite Artikel besteht aus drei moderierten Mini-Porträts über Ausländer, die sich in La Paz auf die eine oder andere Art ein neues Leben aufgebaut haben. Da die Doppelseite „Gente y Lugares“ von der Anlage her stets zwischen sechs und acht Bildgefässe aufweist, komme ich auch zum Fotografieren. Dass ich das selber mache, scheint Fernando entgegenzukommen. Wenn ein Thema visuell besonders ansprechend ist, bietet er auch mal Wara auf, um mir unter die Arme zu greifen. Für diesen Artikel ging es zum ersten Mal darum, Daten zum Tourismus in Bolivien zu ermitteln. Nur um ein paar Statistiken zu kriegen, telefonierte ich mit der Hotelier-Vereinigung, dem Migrationsamt, dem Vizeministerium für Tourismus und dem nationalen Statistikinstitut. Wie ein Ping-Pong-Ball wurde ich zwischen den einzelnen Institutionen hin- un hergespielt, bis ich mich entschloss, in corpore beim Vizeministerium aufzukreuzen. Erstaunlicherweise ging‘s dann keine fünf Minuten, und ein Angestellter lädt mir alle gewünschten Daten mit einem Augenzwinkern auf meinen USB-Stick.
> Artikel

„Sie sind aus der Schweiz, stimmts?“, wurde ich kürzlich gefragt. Offenbar haben mich die einen oder andern in der Zeitung gesehen. So verästelt sich mein soziales Netz zusehends. Vor allem auch die Porträtierten und ihre Angehörigen sind mir jetzt wohlgesinnt, weil ich sie und ihre Läden in die Zeitung gebracht habe. Der Bruder einer Porträtierten ist offenbar ein bekannter Anwalt und überreicht mir feierlich seine Visitenkarte, guckt mich wie ein Adler and und raunt mir zu: „Egal, was ist, ruf mich einfach an – wir können es immer auch unter vier Augen besprechen.“ So läuft das wohl hier in La Paz.


Departementshauptquartier der bolivianischen Polizei

Neuedings habe ich mit der Polizei zu tun. Mein nächster Artikel soll die Arbeit der Touristenpolizei zeigen. Der Subkommandant plaudert beim ersten Termin aus dem Nähkästchen, beklagt sich über fehlende Infrastruktur und Beamte. Beim zweiten Treffen ist er weniger gesprächig, weil er von oben einen Maulkorb gekriegt hat. Der Artikel hat nichts Brisantes, ist der Polizei im Gegenteil eher wohlgesinnt, da sich die Touristenabteilung endlich mal im besten Licht präsentieren kann. Dennoch wollen wir ein paar Zahlen der letzten Jahre zu Übergriffen auf Touristen. Der Subkommandant legt sich für mich bei seinen Chefs ins Zeug, doch es ist nichts zu machen: Die Zahlen werden nur rausgerückt, wenn ein explizites Schreiben vom Generalkommandanten vorliegt. Also setze ich zusammen mit Fernando einen Wisch auf, in welchem wir demselben Honig ums Maul schmieren und ihn bitten, uns die Statistiken aushändigen zu lassen. Das Schreiben, unterzeichnet von Zeitungsdirektor Raúl Peñaranda, geht am Montag raus – da bin ich ja mal gespannt auf die Antwort.


Schreiben an den Generalkommandanten

P.S.:
Die letzte Woche hat mir auch auf den Magen geschlagen. Ich habe wohl irgendeinen Käfer aufgelesen, der mich konstant aufs Klo schickt. Zusätzlich war ich etwas erkältet, weshalb ich mich auf den Weg in die Clínica Liendo mache, um dort einen Arzt sprechen zu können. Frau Dr. Ledezma behandelt mich und erklärt dem Käfer und meiner sich anbahnenden Infektion im Rachenraum den Krieg. Das Rezept, das sie mir aushändigt, weist nicht weniger als sieben Positionen auf: Es gibt Granulat zum Auflösen und Trinken, Hustensaft, grosse Tabletten gegen den Käfer, Serum zum Hydrieren, kleine Tabletten gegen das Unwohlsein und zum krönenden Abschluss zwei (!) riesige Penicillin-Spritzen ins Gesäss. „Ein toter Käfer ist ein guter Käfer!“, scheint hier die Devise zu sein – nur frage ich mich bei dieser Chemiekeule, wo das ganze indigen-bolivianische Pachamamatum mit seinen traditionellen Heilmethoden geblieben ist.


Frau Doktor Ledezma verschreibt am liebsten Penicillin.

 

Donnerstag, 27. Januar 2011: Das stille Leiden der Guaraní

Der erste DEZA-Projektbesuch in Bolivien führte mich in den Chaco und mitten ins Herz einer seit Jahrzehnten andauernden Unterdrückungsgeschichte. Der Gran Chaco ist eine Region in Südamerika, die Teile Boliviens, Paraguays und Argentiniens umfasst. Das Klima ist tropisch, hier liegt der Hitzepol des Subkontinents (48,7 Grad Celsius, gemessen im argentinischen Rivadavia). Die Böden sind äusserst fruchtbar, die Sommer heiss und feucht. Und der Chaco ist Heimat der Guaraní-Indianer – eine der 36 Ethnien des Estado Plurinacional de Bolivia.


Vom kargen Hochland...

In den Chaco gelangt man von La Paz aus via Luftweg über Santa Cruz; dies die grösste Stadt Boliviens, im östlichen Flachland gelegen und Wiege der Grossgrundbesitzer, die Agrikultur und Viehzucht im fruchtbaren Umland betreiben. Die Gegend zählt ausserdem zu den erdöl- und erdgasreichsten Gebieten des Landes, zieht so als starker Motor die Wirtschaft und hat den ansässigen Oligarchen zu ihrem Reichtum verholfen. Im Nordenwesten von Santa Cruz liegt der Chapare, eine Zentrum des Koka-Anbaus; die Blätter aus dieser Region werden – anders als in den Yungas nahe La Paz – zum grössten Teil zu Kokain verarbeitet. Es gibt viele Stimmen, die Kund tun, dass man in Santa Cruz richtigehend zusehen könne, wie die Gelder aus dem Drogenhandel in Immobilien und Grossraumfahrzeuge umgemünzt werden.

Der Flug dauert rund 50 Minuten und offenbart eine atemberaubende Sicht auf ein Stück bolivianische Topographie. Vom ockerfarbenen, trockenen, karg-erdigen Hochland hinunter ins tropische Sattgrün des Tieflands - von 4000 auf 400 m. Die erste Handlung am Flughafen, noch vor dem Griff auf das Förderband der Gepäckausgabe, besteht darin, so schnell wie möglich die Winterbekleidung loszuwerden, die ich aus dem Hochland mitgebracht habe.


hinunter ins satte Grün des Tieflands


Ankunft in Camiri

Von Santa Cruz fahren wir rund vier Stunden nach Camiri. Ich begleite Ursula Läubli von der DEZA und ihre bolivianischen Mitarbeiter Mariana Campos und Marino, die das Projekt im Chaco koordinieren. Camiri ist eine kleine Stadt und ein Zentrum der Erdölförderung, im Sommer unerträglich heiss und feucht. Rund um Camiri – und anderswo im Chaco – hat sich in den letzten Jahrzehnten Folgendes zugetragen:

Im Zuge der Missionierung der Guaraní-Indianer durch Jesuiten-Aussenposten, der versuchten Zugriffe des bolivianischen Staates und des angrenzenden Paraguay auf die Erdölvorkommen und fruchtbaren Ländereien in der Region – im erbitterten Chacokrieg zwischen Bolivien und Paraguay zu Beginn der 1930er Jaher fanden nahezu 100‘000 bolivianische und paraguayanische Soldaten den Tod – kam den Guaraní die Rolle der billigen Arbeitskräfte ohne Rechte zu. Die Grossgrundbesitzer hielten sich Guaraní auf ihren Haciendas wie Vieh und sorgten mittels eines perfiden Indoktrinations- und Verschuldungssystems dafür, dass diese sich nicht vom Fleck bewegen konnten.

Die Hauptcharakteristika dieser sogennanten Semi-Sklavschaft sind die folgenden: Guaraní erhalten auf den Haciendas keinen Zugang zu Bildung; wenn es Schulen gibt, dann dienen diese der Akzentuierung ihrer Unterwürfigkeit gegenüber dem Patron und seiner Familie. Analphabetismus ist  weit verbreitet, was dazu führt, dass Täuschungsmanövern, Schwindel und Betrug seitens des Patrons Tür und Tor offen stehen. Das funktioniert so: Der Patron bezahlt einem Guaraní einen Monatssold, der um Welten tiefer liegt als der Mindestlohn, den das nationale Arbeitsrecht vorschreibt. Gleichzeitig ist der Patron aber der einzige Versorgungskanal, über den Güter zu den arbeitenden Familien auf der Hacienda gelangen. Natürlich bietet dieser die Güter – Grundversorgungsmittel wie Seife, Zucker, Reis, Alkohol etc. – zu Preisen an, die weit über denjenigen des realen Marktes liegen. Die kinderreichen Familien werden so doppelt geprellt und müssen sich verschulden, um überleben zu können. Ende Jahr kommt der Patron mit einem Büchlein, hält es den Analfabeten vor die Nase und sagt: „Schau, hier stehts geschrieben. Ich habe dir dieses Jahr so und so viele Kleider gegeben, dazu Kochutensilien und Werkzeug. Ausserdem musst du mir die Nahrungsmittel bezahlen. Das alles kostet 1500 Bolivianos, leider verdienst du aber nur 800 Bolivianos. Du schuldest mir dieses Jahr also 700 Bolivianos, die du abarbeiten musst.“


Jahrzehnte der Unterdrückung haben Narben im Selbswertgefühl hinterlassen

Natürlich kann der Betroffene die Schuld niemals abarbeiten, denn nächstes Jahr kommt nochmal soviel an Schuld dazu – und so geht das weiter, von Jahr zu Jahr, die Schuld wird grösser und grösser, wir weitervererbt vom Grossvater zum Vater, vom Vater zum Sohn. Die Kinder kommen in Schuld und Gefangenschaft zur Welt, haben keine Rechte, keine Ressourcen, keine Möglichkeit, dieses Leben zu verlassen. Die Arbeit ist hart, manchmal 12 bis 16 Stunden täglich, Kinderarbeit ist an der Tagesordnung. Sonntage, Ferien oder Feiertage gibt es nicht. Kranksein ebensowenig. Die Frauen kriegen nur die Hälfte des Männerlohns, obwohl sie genauso hart arbeiten. In üblen Fällen kommen Übegriffe seitens des Patrons dazu: Schläge und Vergewaltigung der Töchter.

Dies ist bis heute so. Noch immer befinden sich mehrere hundert Familien im bolivianischen Chaco in dieser unwürdigen Lebenssituation, versklavt von Grossgrundbesitzern. Es ist dies ein erschütterndes Zeugnis der „totalen Abwesenheit des bolivianischen Staates in der Region“, wie ein Bericht der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte im Jahr 2008 nach Inspektionen vor Ort festhält.

Endlich frei – und jetzt?
Nach einem Dokumentarfilm über die Lebensbedingungen der Guaraní-Indianer auf den Haciendas im Chaco, der unter schwierigen Bedingungen mit Unterstützung der DEZA realisiert wurde, und dem Auftauchen der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte sind in Camiri und dem Umland nun verschiedenste Institutionen daran, die Missstände zu beheben: darunter befinden sich die DEZA, das UNO-Programm für Entwicklung, Institutionen der bolivianischen Regierung, die nun vor dem Hintergrund der Ratifizierung von internationalen Menschenrechtsabkommen in die Pflicht genommen wird, das Rote Kreuz, World Vision und andere NGOs mehr.

Im Dezember 2010 konnte ein erster Erfolg verzeichnet werden: Eine grosse Hacienda, die sich im Besitz eine US-amerikanischen Latifundisten befand, wurde als so genannte TCO (Tierra Comunitaria de Origen) verstaatlicht und den dort in Leibeigenschaft gehaltenen Guaraní übertragen. Besagte Hacienda trägt den Namen Caraparicito und hat eine traurige Geschichte. Caraparicito und die dort ansässigen Familien, die seit nurmehr zwei Monaten in Freiheit leben, haben wir diese Woche besucht.


Die verlassene Hacienda Caraparicito mutet gespenstisch an

Nach einer langen, explosiven Vorgeschichte ist der US-amerikanische Besitzer endlich abgezogen. Nicht aber, ohne vorher einige Zerstörung zu hinterlassen – beim Auszug aus Caraparicito wurde alles aus der Infrastruktur herausgerissen, was nicht niet- und nagelfest war. Das Schulgebäude wurde zerstört. Es ist nun ohne Dach, die zerfetzten Schulbücher liegen zerstreut auf dem schmutzigen Boden herum. Vorausgegangen waren auch mehrere gewalttätige Vorfälle: Besucher wurden eingeschüchtert, auf den Autokonvoi des bolivianischen Ministers für Landfragen, der zwecks Inspektionen vor Ort gekommen war, wurde geschossen, Journalisten und Guaraní-Anführer geschlagen, entführt und festgehalten.


Die Infrastruktur wurde stark beschädigt


Tot ist das einzig passende Wort


Dies sollte eine Stätte der Bildung sein


Yo soy la vida

Nun endlich sind die Guaraní in Caraparicito frei. Etwas verhaltene Freude ist zwar spürbar, doch von Euphorie kann keine Rede sein – denn die grössten Herausforderungen liegen vor ihnen, und damit auch vor der Phalanx an Institutionen, die ihnen in den letzten Jahren und Monaten zu Hilfe geeilt sind. Wie kommen Menschen vom einen Tag auf den andern mit Freiraum zurecht, dessen sie über Jahrzehnte beraubt waren? Wie baut man ein Selbstwertgefühl auf, das seit Generationen mit Füssen getreten wurde?

In Caraparicito leben derzeit rund 12 Familien. Sie haben noch nichts, fangen erst an, ihr Leben aufzubauen. Sie haben keine eigenen Nahrungsmittel, keinen Strom, keine geeigneten Behausungen, keine Wasserquelle. Noch nicht mal die Saat wurde ausgebracht; sie müssen bis zur ersten Ernte zuwarten, um wenigstens ein bisschen eigenen Mais als Nahrungsmittel ernten zu können. Gesät wird von Hand, Maschinen stehen noch keine zur Verfügung, das Wissen über moderne Landwirtschaft ist beschränkt. Die Angst und der Unglaube über die neu gewonnene Freiheit und darüber, dass sie nun Landbesitzer sind, steckt noch tief in den Köpfen drin. Viele fürchten sich vor Repressalien, davor, was geschehen mag, wenn ihr Patron mit seinen Schergen zurückkehrt. Im prächtigen Wohnhaus, wo nun Whirlpools, Cheminées und Saunas langsam zerfallen, wollen sie sich nicht aufhalten, geschweige denn schlafen – das Anwesen sei verhext, sagen sie. Sie schlafen unter Zeltdächern im Freien. Pikantes Detail in Caraparicitos Vergangenheit: Offenbar hat der ehemalige Patron auf der Hacienda Tourismus betrieben und dafür von der Interamerikanischen Entwicklungsbank Gelder kassiert, während Entwicklungshelfer zur gleichen Zeit am gleichen Ort daran arbeiteten, die Guaraní auf der Ranch aus der Leibeigenschaft zu holen.


Der morbide Sinn fuer Kunst des ehemaligen Patrons


Das Eingangstor weckt beunruhigende Assoziationen

In der persönlichen Begegnung wirken sie sehr still, die meisten – bis auf die Anführer – gar scheu. Aus westlicher Sicht könnte man denken, sie seien aussergewöhnluch apathisch, Initiativen kommen nur zögerlich in Gang. Es werden viele Versammlungen abgehalten – in der APG (Asamblea del Pueblo Guaraní) und deren lokalen Unterabteilungen, die Capitanías genannt werden. Diese Unterversammlungen bringen die Anführer der einzelnen Gemeinschaften zusammen. Dort wird über die Lage debattiert, unter sich oder im Austausch mit den Institutionen – so auch in Caraparicito mit der DEZA. Die Versammlungen dauern Stunden, die Mehrheit der Teilnehmer kaut ausdauernd auf ihren Kokablättern, jeder hat dasselbe Rederecht und kann sprechen, solange er will. Ich nehme an einer Versammlung teil, die locker sechs Stunden dauert; um neun Uhr abends versabschiede ich mich, während die Versammelten im Dunkeln Reis mit Kochbananen zu Abend essen, um dann weiter zu debattieren. Ich bin beeindruckt von dieser Art von Konsensfindung und Komunitarismus, die mir ein zentrales Charakteristikum in indigenen Gemeinschaften und mit ein Grund zu sein scheint, weshalb uns Westlern alles elend langsam und träg vorkommt.


Einschreiben zur Versammlung


Angehörige der Guaraní


Im Hintergrund wirkt die DEZA


Nahrungsmittel werden noch zur Verfügung gestellt

Viele der Institutionen führen Workshops mit den Anführern der Gemeinschaften durch, so auch die DEZA mit ihrem Program FORDECAPI (Fortalecimiento de Capacidades Institucionales), das darauf ausgerichtet ist, den betroffenen Guaraní Wissen und Werkzeuge an die Hand zu geben, die es ihnen ermöglichen, institutionelle Kanäle überhaupt erst zu nutzen. Viele der Leibeigenen haben keine Papiere, keine Geburtsurkunde, nichts. Ohne Frage ist es äusserts schwierig, unter diesen Vorraussetzungen auch nur die grundlegensten Rechte einzufordern. Weiterer Bearbeitung bedürfen die Problemfelder der Gleichstellung von Mann und Frau, der innerfamiliären Gewalt und des weit fortgeschrittenen Verlustes der eigenen kulturellen Identität der Ethnie. In einzelnen Fällen ist es zu innerfamiliären Vergewaltigungen gekommen, weil das Familienoberhaupt die Verhaltensmuster des ehemaligen Patrons imitiert hatte. Ebenso stellen sich die Fragen, welches landwirtschaftliche Modell von den Gemeinschaften angewendet und inwiefern der landwirtschaftlich Produktionsprozess künftig in den offenen Markt eingegliedert werden soll. Wieviel freie Marktwirtschaft verträgt ein Volk, das sich von seinem Weltbild her primär auf Substistenzwirtschaft ausrichtet?

Dies sind die brennenden, äusserst schwierigen Fragen der Aktualität, die sowohl die Guaraní wie auch die involvierten Institutionen vor grosse Herausforderungen stellen. Gewiss ist es ein grosser Schritt, dass diejenigen Guaraní auf der Hacienda Caraparicito, die heute noch Kinder sind, endlich in Freiheit aufwachsen können und die schwere Last der Erbschuld losgeworden sind. Und wie ich gerade gehört habe, wurde heute eine erste Fuhr Saatgut nach Caraparicito gebracht.


Diese Mädchen wachsen seit zwei Monaten in Freiheit auf


Sie haben einen weiten Weg...


ins Ungewisse vor sich.

Doch Caraparicito ist erst der Anfang. Hunderte Familien fristen weiterhin ein Dasein in Leibeigenschaft. Die Situation der Guaraní im Chaco wirft ein Schlaglicht auf zwei der brennendsten Probleme, mit denen Bolivien zu kämpfen hat: Die eklatante Schwäche der Institutionen und die erschreckende Abwesenheit des Staates in einer Viehlzahl von ländlichen Gebieten.


Nur langsam findet der bolivianische Staat nach Caraparicito


Nach dem alten Leben in Leibeigenschaft...


kommen die Hoffnung und die Kraft der neuen Generation.

 

Montag, 7. Februar: Über den grünen Ozean und noch etwas weiter
Und wie kommt man da hin? „Mit kleineren Flugzeugen“, antwortet Mariana Campos, die Projektkoordinatorin der DEZA, und lächelt mich – grosszügig über meine Unwissenheit hinwegsehend –mütterlich an. Ich habe eigentlich keine Mühe, in Flugzeuge zu steigen. Doch die Mücke namens Fairchild Metro 23, die an diesem nebelverhangenen Donnerstagmorgen auf dem Rollfeld auf uns wartet, scheint mir doch unbehaglich klein. In der propellergetriebenen Nudel finden 19 Menschen und ein paar Bund Zeitungen Platz, die man ins hinterste Eck des Landes verfrachtet.

Diesmal geht’s in das bolivianische Departement Beni, nach Riberalta – eine tropische Stadt an der Grenze zu Peru. Die Mücke hebt uns über die schneebedeckten Berge hinweg, senkt sich ins Grün hinunter und setzt uns in Trinidad ab, wo die warme, feuchte Luft unmittelbar nach dem Landen in den Flieger trieft. Von einer weiteren Mücke lassen wir uns über das verbleibende Stück Tiefland nach Riberalta tragen. Wir überqueren einen Ozean aus kräftigem Grün, als würden wir an einem unsichtbaren Stahlkabel in 5000 Metern Höhe in gerader Linie darüber hinweggezogen.

Der grüne Ozean scheint lebendig, und sogar in dieser Höhe, wo es ausser dem pulsierenden Rattern der Propeller keine Geräusche gibt, meint man, ihn wabern und brodeln zu hören. Ich schaue aus dem Fenster – die Gefühlslage pendelt zwischen Anspannung und lustvoller Verzückung – und frage mich, was da unter uns wohl kreucht und fleucht.

Auf dem winzigen Flughafen , der kaum je von grossen Vögeln besucht wird, sondern immer nur die gleichen Mücken kommen und gehen sieht, lümmelt ein einsamer Bursche in Leuchtgelb vor dem Hangar herum und starrt Löcher in die Luft. Ich fühle mich fernab der Welt, als befände ich mich auf dem Set eines James Bond Films. Nichts wäre normaler, wenn nächstens ein Kleinflugzeug mit Kisten voller weissem Pulver an Bord neben mir langsam zum Stehen käme. Die kleine Holzbaracke der Anti-Drogen-Polizei, mit Tarnfarben bemalt, vermittelt die Einsicht, dass das gar kein so abwegiger Gedanke ist.


Die Mücke


Ein winziger Flughafen fernab der Welt

Riberalta erinnert mich an die Ferienfotos meines Bruders, die er aus Vietnam mitgebracht hatte: Myriaden von Mofas schwirren über die Strassen aus rotgelbem Staub. Darauf sitzt meist ein Pärchen oder zwei kichernde Freundinnen, oder aber eine ganze Familie mit Kind und Kegel. Was hat mich bloss hierher verschlagen?

Ein Büro für Menschenrechte
Die DEZA war’s, mittlerweile ein Garant für abenteuerliche Ausflüge an die ausfransenden Ränder Boliviens. In und um Riberalta beschäftigen die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit verschiedene Themen, die mehr oder weniger lose zusammenhängen:

Verborgen im grünen Dickicht im bolivianischen Norden leben indigene Gemeinschaften, die kleinen Ethnien angehören. Sie tragen klingende Namen wie Chácobo, Tacana oder Araona. Einige von ihnen Leben abgelegen, an Orten, an denen mit Kleinflugzeugen auf Graspisten gelandet wird. Auch ein Boot kann einen über braune Wasser zu ihnen führen. Nur mit dem Automobil  gibt es kein Rankommen.

Sie sind Bürgerinnen und Bürger Boliviens, haben aber keine Dokumente, wissen oft nicht, wann sie geboren wurden. Da keine Ärzte vor Ort sind, sterben ihnen bei den Geburten viel zu viele  Kinder und Mütter weg. Von 1000 lebend geborenen Säuglingen sterben in Bolivien 43 bevor sie das erste Lebensjahr erreichen. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es gut zehnmal weniger, nämlich 4. Ebenfalls problematisch ist, dass viele Frauen der Gewalt ihrer Männer relativ schutzlos ausgeliefert sind. Die indigene Justiz, die in Bolivien auf gleicher Verfassungsebene steht wie die uns bekannte okzidentale Rechtssprechung, funktioniert zwar für kleinere Vergehen innerhalb der Gemeinschaften ganz gut, doch reicht das für einen angemessenen Schutz vor innerfamiliären Übergriffen nicht aus.

Die DEZA hat in Riberalta ein Menschenrechtsbüro eingerichtet, das versucht, sich mittels Workshops und Präventionsarbeit all dieser Missstände anzunehmen. Hinzu kommt die ohnehin schwache Justiz im städtischen Zentrum selber, die den Anforderungen moderner Fallführung nur selten gerecht wird. Das reicht von Vergewaltigungen von Minderjährigen, die nicht regelkonform verfolgt werden, über ungenügenden Zeugenschutz bei heiklen Prozessen bis hin zu ausstehenden Verfahrenseröffnungen wegen unterlassener Hilfeleistung und Ärztepfusch bei todkranken Personen. In all diesen Problembereichen  ist das Menschenrechtsbüro Anlaufstelle für die Bevölkerung und leistet den Behörden Amtshilfe.  Im Büro, wo Ursula Läubli mit ihren Mitarbeiten bis spät abends Dossiers durchgeht, stapeln sich die bearbeiteten Fälle bereits auf den Tischen.


Das Menschenrechtsbüro ist Anlaufstelle für die Bevölkerung


Ursula Läubli von der DEZA geht mit ihrem Mitarbeiter Dossiers durch

Die Geschichte von der Königsnuss
Im Umland von Riberalta schenkt ein ganz besonderer, ungemein schöner und majestätischer Baum mit einem bis zu 50 Metern hohen, astlosen, kerzengeraden Stamm und ausladender Krone der Menschheit seine leckeren Früchte: Bertholletia excelsa, der Paranussbaum. Die Paranuss, auf Spanisch etwas verwirrend castaña oder einfach almendra genannt (was eigentlich die Kastanie, respektive die Mandel wäre) ist die grosse Nuss, die Königsnuss sozusagen, die wir in den Nussmischungen von Migros und Coop finden, und bei der wir uns immer ein wenig fragen, woher sie kommt. Meistens hat es auch nur ein einzige davon im Beutel. In Riberalta jedoch findet man sie in rauen Mengen frisch an jeder Strassenecke, nature oder mit Schokolade und Kokosstreuseln überzogen.

Boliviens Anteil an der weltweiten Paranussproduktion beträgt satte 70%. Der Baum sichert den indigenen Gemeinschaften in Riberalta, deren männliche Angehörige in den Sommermonaten als Sammler arbeiten, ihr Auskommen. Dafür verlassen sie ihre Familien, um in Baracken eines Unterhändlers, des barraqueros, zu hausen, während sie in der unerbittlichen Hitze ihrer gefährlichen Arbeit nachgehen: Die Paranüsse stecken in einer Kokosnuss-ähnlichen, pickelharten Schale, die, wenn sie aus 50 Metern Höhe auf den Kopf eines Sammlers fällt, zu einem todbringenden Geschoss wird.

Der barraquero nimmt die Nüsse gegen Entgelt den Sammlern ab und verkauft sie an eine Fabrik weiter, wo sie von unzähligen Arbeiterinnen und Arbeitern manuell geknackt und in grossen Öfen geröstet werden.  Bezahlt werden die Nussknacker nach der Anzahl nackter Nüsse, die sie bei Einbruch der Dunkelheit vorweisen können. Weil in den Fabriken die Arbeitsplätze an die Angestellten verpachtet werden, wird Kinderarbeit zum Problem, da die Mütter und Väter oft ihre Sprösslinge zum Nüsseknacken schicken.


Eingang zur Paranussfabrik


Knacken...


...aussortieren...


...nach Grösse trennen...


...und schliesslich rösten.

Paradise Lost?
Wir fahren vier Stunden über eine staubige, zerlöcherte Strasse, gesäumt von der immergrünen, vor Feuchtigkeit tropfenden Vegetation. Ab und an erscheint ein sich in die Höhe reckender Paranussbaum im Sichtfeld. Die Radachsen und unsere Rücken ächzen unter den hämmernden Stössen, die uns die Schlaglöcher durch Mark und Bein jagen. Wenn wir nun Häuer sehen, dann sind sie aus Holz und haben Strohdächer, in deren Schatten halbnackte Kinder in Hängematten hin und her wiegen.


Strohdächer am Wegesrand

Vor Ort, auf einer Lichtung, um welche Strohhäuser gruppiert sind, treffen wir viele Frauen, ein paar Jugendliche und einen Haufen Kinder. Die Männer sind nicht da, sie sammeln Paranüsse und haben das kleine Dorf verlassen, um drei Monate lang in Baracken zu leben. Dementsprechend ist die Atmosphäre ziemlich verschwiegen. Die vielen Frauen sagen nichts, denn Reden, das ist Männersache. Erst als Mariana Campos von der DEZA mit ihnen allein ist, wagen sie, die eine oder ander Geschichte zu erzählen: Die meisten drehen sich um Probleme des Alltags, einige wenige berichten von gewalttätigen Übergriffen seitens der Männer.


Das Dorf ist ziemlich leer

An Nachwuchs mangelt es der Dorfgemeinschaft nicht. An jeder Ecke finden sich Kinder jeden Alters. Einige von ihnen spielen bei einer Wasserstelle. Sie bespritzen sich gegenseitig inmitten bunter Schmetterlinge, die um ihre kleinen Körper flattern. Ein Mädchen kümmert sich fürsorglich um einen Säugling, wäscht ihn und trägt ihn wie eine kleine Mutter herum,  obwohl er fast so gross ist wie sie selber. Es ist ein wunderschöner  Anblick – und beim Betrachten dieser ländlichen und unbefleckten Idylle wünschte man sich, all die Herausforderungen, die die moderne Welt in sich birgt, würden für diese Kinder nicht existieren.


Kinder spielen mit Wasser und Schmetterlingen


Im Hintergrund zieht Regen auf


Die Kleinen kümmern sich um die noch Kleineren

Mit dem einsetzenden Regen verlassen wir das Dorf nach einem kurzen, stillen Aufenthalt. Anfänglich bestehend aus zarten Tropfen, mausert sich der Regen zusehends zum Sturzbach, bis es schliesslich herunterschüttet wie aus Kübeln. Die staubige Strasse verwandelt sich in eine sumpfige Rutschpartie. Zweimal ist die Strasse vor uns von umgestürzten Bäumen versperrt, und wir Männer kriegen eine ordentliche Dusche verpasst, während wir das Wirrwarr aus morschem Holz, dornigen Ästen und Lianen mit der Axt zerhacken und von Hand aus dem Weg räumen. Dabei beissen uns ziemlich grosse, schwarze Ameisen mit ihren Zange in die Hände. Ich vollends begeistert und lasse mich zu einem Selbstporträt hinreissen.


Ab unter die Dusche


Daraus machen wir Kleinholz


Ich bin begeistert

Die mein Rückgrat zertrümmernden Schlaglöcher, die klitschnassen Jeans und die drückende Hitze sorgen jedoch dafür, dass das Indiana Jones Gefühl nicht lange anhält. Die Begeisterung verfliegt, und in Gedanken wünsche ich mich ins Hotelzimmer zurück, ins weiche Bett und in den dünnen Bauch der surrenden Mücke, die mich emporhebt in die Lüfte, über den grünen Ozean hinwegträgt und heim bringt, heim nach La Paz, wo es kühl ist und trocken.

 

Mittwoch, 17. Februar 2011: Depeschen aus Oruro

Ich habe nicht mal Zeit, meine Kleider zu waschen. Nach der Rückkehr aus Riberalta komme ich morgens ins Büro, und weiss bereit zur Mittagszeit, dass mit Ausruhen in La Paz nichts wird. Die Redaktionsleitung schickt mich nach Oruro, wo anfangs März der schillerndste und reichhaltigste Karneval der Amerikas stattfindet – das sagen zumindest die Bolivianer, doch der Umstand, dass dieser gewaltige Karneval von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde, ist zumindest ein Indiz dafür, dass die Behauptung stimmen könnte.

Als Karnaval-Preview ist ein 80-seitiges Spezial geplant, das am 27. Februar erscheinen soll, und zu welchem ich sechs Seiten beitragen werde. Es handelt sich dabei um eine Reihe von Porträts über Tänzer, Musiker und Stickerinnen, die Karnevalskostüme anfertigen. Zusätzlich soll ich einen Artikel über Evo Morales‘ Zeit als Trompeter in einer der Karnevalbands in den 70er-Jahren schreiben. Ich breche also früh morgens nach Oruro auf, eine ehemals vom Bergbau geprägte Stadt auf dem Altiplano, dreieinhalb Stunden von La Paz entfernt und heute vor allem für den Karnaval bekannt.

Die Zeitung hat mir eine Kontaktperson organisiert, die mir beim Aufstöbern der entsprechenden Leute helfen soll. Fabrizio Cazorla ist Kulturjournalist in Oruro und hat eine ganze Palette an Infos parat. Dennoch bringe ich die ersten beiden Tage praktisch nichts zustande, da die Stadt durch Jubiläumsfeiern lahm gelegt wird. Überall sind Strassensabschnitte aufgrund der mannigfachen Festumzüge gesperrt, es ist Feiertag und alle Personen, die ich kontaktiere, sind extrem beschäftigt und haben kaum Zeit.

Evos schneller Abgang und ein nerviges Jubiläum
Auch die Regierung ist vor Ort. Lustigerweise scheint sich Evo Morales auf allen meinen Reisen stets ganz in der Nähe aufzuhalten: Als wir mit der DEZA im Chaco waren, besuchte er nur einen Tag nach unserer Abreise ein in der Nähe gelegenes Dorf zwecks einer Gedenkfeier. Bei unserer Landung in Riberalta stand das Präsidentenflugzeug auf dem kleinen Flughafen – just zur selben Zeit war er auch dort zu Feierlichkeiten anwesend. Und jetzt ist er wiederum exakt zeitgleich in Oruro. Ausser am Geburtstag des Estado Plurinacional de Bolivia am 22. Januar, als ich ihn aus der Ferne vor der Tribüne sah, hatte ich nie wirklich Zeit, mich dem Präsidenten-Sightseeing zu widmen, doch diesmal, so beschliesse ich, wird er mir nicht entwischen.

Per Zufall komme ich am Hotel vorbei, in welchem die Regierung nächtigt, und warte mit Polizei, Medien und einigen Schaulustigen bis Evo auftaucht. Wir warten eine Weile, dann geht’s blitzschnell und es reicht gerade für ein hastiges Foto von ihm, während er mit seiner Entourage zügigen Schrittes zum Hoteleingang marschiert.
Bild: Ein Medienvertreter wartet auf die Regierungsgarde

Evo huscht vorbei

Das Stadtjubiläum interessiert mich nicht besonders. Viel eher rege ich mich darüber auf, weil es meine Arbeit behindert – schliesslich bin ich unter Zeitdruck und muss in vier Tagen fünf Artikel schreiben. Am Vorabend gibt es Festakte in Anwesenheit der Landesregierung und einen Militäraufmarsch. Für mich ein wenig befremdend, da man dafür, wie mir scheint, die grimmigsten Einheiten der Armee aufgeboten hat, die in voller Kampfmontur in Hundertschaften durch die nächtlichen Strassen marschieren. Einige tragen Fackeln und Standarten vor sich her – ein unbehaglicher Anblick.


Grimmige Soldaten marschieren auf

Der offizielle Umzug am eigentlichen Jubiläumstag wird dann aber ziemlich überschattet: Trotz des Geburtstages der eigenen Stadt, haben die lokalen Gewerkschaften zu Protestmärschen aufgerufen, ziehen lautstark durch die Strassen und fordern den Präsidenten auf, für Preissenkungen zu sorgen. Es gibt Ausschreitungen und Zusammenstösse mit den Sicherheitskräften, worauf die Regierung – deren Anwesenheit während der Festivitäten vom Nachmittag eigentlich vorgesehen wäre – beschliesst, von einer Teilnahme abzusehen. Morales und seine Truppe ziehen also vorzeitig ab; es wirkt wie der überstürzte Rückzug eines geprügelten Hundes.

Der Weg ist endlich frei
Die Jubiläumsfeierlichkeiten nähern sich allmählich ihrem Ende. Ich bin froh, denn die Lage normalisiert sich und ich erhalte Zugang zu meinen Interviewpartnern: Die erste Station ist die Strasse La Paz, wo traditionell die Künstler angesiedelt sind, die die prachtvollen und äusserst aufwendigen Karnevalkostüme der Tänze und Musiker anfertigen. Das sind vor allem Maskenbildner und Stickmeister. Ich treffe mich mit Don Cleto und Doña Ana: Über ersteren schreibe ich ein Porträt, letztere ist mir dabei behilflich, einen Artikel über das Kunsthandwerk der Stickergilde zu verfassen.


Stickmeister Don Cleto zeigt sein Handwerk


Eine der aufwändigen Kopfbedeckungen

Habe ich nach dem ganzen Jubiläumsbrimborium doch relativ schnell Fahrt aufgenommen, so werden meine weiteren Bemühungen jäh gebremst. Ich muss unzählige Telefonate führen, um mit einem Tänzer einen Termin zu vereinbaren. Ich merke einmal mehr, wie abträglich Zeitdruck guter Arbeit und dem eigenen Wohlbefinden sein kann. Nach einigem Insistieren willigt er jedoch in ein Treffen ein und lädt mich zur velada seiner Karnevalsgruppe ein. Bevor wir uns jedoch der Bedeutung dieser velada widmen,  ein Kurzüberblick über die Eigenheiten des Karnevals von Oruro.

Synkretismus in den Anden
Was den Karneval in Oruro derart speziell macht, ist der Synkretismus der in ihm manifest wird. Während der Karneval in Rio de Janeiro wohl auch seine Tradition und Geschichte hat, tendiert er viel eher dazu, vor allem fleischliche und musikalische Attraktivität in den Vordergrund zu rücken. Auch in Oruro sind die Röcke in den letzten Jahrzehnten zwar kürzer geworden, doch ist der Karneval an sich ein zutiefst religiöses Fest, das sein Zentrum in einer unvergleichlichen Verehrung der Jungfrau Maria findet.

Die spanischen Eroberer brachten den Katholizismus ins andine Hochland. Diese Form des Christentums traf auf eine seit Jahrtausenden bestehende andine Kosmovision, mit ihren eigenen Riten und Gottheiten. In der Folge überlagerten sich die beiden Glaubenssysteme und brachten eine gänzlich eigene Form des Katholizismus hervor, die uns Zentraleuropäer durchaus befremden kann. Beispielsweise verschmolz die christliche Jungfrau Maria mit dem andinen Konzept der Pachamama, was teilweise die enorme Verehrung erklärt, die der Jungfrau auf dem Altiplano zuteil wird.

In Oruro gibt es viele Minen, die jedoch nur noch dürftig Erze hergeben. Aus dem Haupthügel inmitten der Stadt ragt ein Minenschacht. Über dessen Eingang hat man eine Kirche gebaut, die die Jungfrau des Stollen beherbergt, ein Ölgemälde der Jungfrau Maria mit dem Christuskind auf dem Arm, die alle Anbetung der Einwohner in sich konzentriert.

Die Jungfrau des Stollen ist in Oruro die Patronin der Minenarbeiter, der Tänzer und Musiker des Karnevals, der Sticker, kurzerhand aller Stadtbewohner, die ihr unvergleichlich devot huldigen. Oft wird sie einfach mamacita genannt, Mütterchen, oder Virgen de la Candelaria, die Jungfrau des Lichts, die das Dunkel vertreibt und der Menschheit Erlösung bringt. Die Menschen bitten sie um alles, um eine gute Ernte, Glück in der Liebe, um Genesung eines kranken Familienmitglieds. Das Mütterchen ist für alles da. „Hier oben sind zwei Dinge von zentraler Bedeutung“, erklärt mir ein Herr aus Oruro. „Unsere Mutter Erde und die Jungfrau. Wenn du in Not bist, was bleibt dir dann?“, ruft er aus: „Die Jungfrau, nur die Jungfrau!“

Ein weiters prägnantes Beispiel für den andinen Synkretismus ist die Figur des Tío, des Onkels. Der Tío ist der Herr der Unterwelt, der Gebieter über Gestein und Berg. Und damit natürlich der Hüter der edlen Metalle, die in seinem Reich zu finden sind. In jeder Mine findet sich im Eingangsstollen eine Repräsentation des Tío: Er sitzt immer auf einem Thron, hat oft die Gestalt eines Teufels, groteske Gesichtszüge, Hörner und Hufe. Bevor die Mineure die Mine betreten, um Erze abzubauen, müssen sie um Erlaubnis bitten und dem Onkel Gaben darbieten.

Ihr Glaube gebietet  ihnen, am Altar ein Weilchen innezuhalten, einen Moment mit dem Tío zu teilen. Sie kauen Kokablätter und streuen sie zu seinen Füssen aus. Dann wird geraucht: Eine Zigarette für den Mineur, eine für den Onkel. Zum Schluss wird Alkohl getrunken, auf den Tío geprostet, und etwas davon für ihn dagelassen. Der Mineur bittet den Tío um Erlaubnis, seine Schätze abbauen zu dürfen. Denn: Wer nimmt, muss auch geben. Das Gleichgewicht von Nehmen und Geben ist in der andinen Vision ein absolut zentrales Lebenskonzept. Erst nachdem der Tío besänftigt wurde, kann der Minenschacht sicher betreten werden.

Aus christlicher Weltsicht ist der Tío als Herr der Unterwelt der Teufel, weshalb er auch entsprechend dargestellt wird. Darunter verborgen liegt jedoch die andine Vorstellung des inkaischen Gottes Huari, was den Tío nurmehr zu einer weiteren Gottheit im Pantheon der präkolumbinischen Völker macht. Daran ist die Verschmelzung zweier Weltanschauungen auf wunderbare Weise zu erkennen. Diese Art von Synkretismus zieht sich durch den ganzen Karneval, dessen Tänze und Musik unheimlich symbolträchtig Geschichten nacherzählen, die auf ebensolcher Verschmelzung beruhen


Stickkunst aus Oruro

Koka, Tabak und Bier zu Ehren der Jungfrau
Nun zur velada: Die veladas sind nächtliche Zusammenkünfte zu Ehren der Jungfrau, die in den Wochen vor dem Karneval jeweils samstäglich von den Karnevalsgruppen abgehalten werden. In der Regel wird dafür ein opulenter Altar mit einem Bildnis der Jungfrau hergerichtet. Die velada beginnt um acht Uhr, es folgt eine kleine Messe für die Jungfrau, Riten mit Gesang und Weihrauch. Während alledem wird getrunken, geraucht und Koka gekaut


Weihrauch für die Jungfrau

In meinem Fall bin ich zu Gast bei der velada der Morenada Central Cocanis. Morenada ist der Name der Karnevalsgruppe, eine von unzähligen in Oruro. Sie umfasst 1200 Tänzer. Ihr Name kommt von moreno, was schwarz/dunkel bedeutet, und somit Bezug nimmt auf die afrikanischen Sklaven die in kolonialen Zeiten von den Spaniern zur Arbeit unter Tage gezwungen wurden. Dieser Sklavengeschichte wird freilich in den Tänzen der Gruppe Ausdruck verliehen, unter anderm mit Ketten and den Knöcheln, die während der Tanzschritte rasselnde Geräusche erzeugen.

Der Zusatz cocanis weist daraug hin, dass diese Karnevalsgruppe aus der Gemeinschaft derjenigen Familien entstand, die sich damals dem Handel mit Kokablättern verschrieben. Aus diesem Grund werden während der velada Unmengen an Koka gekaut: Elegant gekleidete Frauen und Männer machen die Runde mit Silberschüsseln voller Kokablätter, die sie den Teilnehmern anbieten. Die heiligen Blätter werden mit beiden, zu einer Schale geformten Händen empfangen – nie mit einer Hand! Im grünen Haufen stecken auch Zigaretten; man ist eingeladen, sich zu bedienen und davon zu rauchen. Immer wieder kommt ein Paar vorbei, das in kleinen Gläsern Schnaps anbietet, jeder trinkt der Reihe nach. Mittlerweile fliesst auch reichlich Bier, das stets geteilt wird, niemals würde man sich selbst einschenken. Viel davon landet auf dem Boden, doch das ist gut! Den auch die Pachamama will teilhaben am edlen Gerstensaft.

Befremden mag für uns wirken, dass inmitten dieser Trinkerei und Raucherei immer wieder Teilnehmer vor den Altar stehen oder gar nieder knien und in sich versunken zur Jungfrau beten. Ohne den andinen Hintergrund des Teilens und Opferns, vor welchem sich diese Messe abspielt, wären das Geschehen kaum zu verstehen. Nachdem der Ritus beendet ist, wird das Bildnis der Jungfrau entfernt – die Leute scharen sich darum, um das Bild kurz zu berühren. Jetzt ist das Fest eröffnet. Der halbwüchsige Sänger einer Band stimmt andine Volkslieder an, das Bier fliesst in strömen, die Leute werden überschwänglicher und zudringlicher.


Die Party kann losgehen

„Alkohol ist in gewisser Weise notwendig, um den Ritus zu beginnen“, sagt die ältere Frau eines Tänzers: „Aber danach reicht es!“ Sie kommentiert den in der Tat exzessiven Alkoholkonsum viele Bolivianer, die wortwörtlich trinken, bis sie umfallen. Alkoholismus ist durchaus ein Problem. Noch nie habe ich Leute derart masslos trinken sehen. Und dabei scheint es wohl keine Unterschiede zwischen sozialen Schichten zu geben: Der Typ der mich seit einer Stunde torkelnd zulabert, kaum mehr fähig, einen geraden Satz zu stammeln, ist anscheinend Hochschulprofessor.  Das sagt mir eine Studentin, die noch einigermassen nüchtern nebenan steht. Ich hatte auch das Vergnügen mit Anwälten und Angestellten von Ministerien in vergleichbarem Zustand zu „kommunizieren“.

Auf der Suche nach Evos Geschwistern
Wie auch immer, ich komme zu meinem Interview mit dem Tänzer und habe ganz nebenbei einen „glatten“ Samstagabend. Etwas schwieriger gestaltet sich die Recherche nach Personen, die mir Informationen zu Evo Morales Zeit in Oruro in den 70er-Jahren geben können: Es geht das Gerücht um, Morales‘ Schwester verkaufe Fleisch auf einem lokalen Markt. Den Markt habe ich nach kurzem Nachfragen auf der Strasse schnell ausfindig gemacht, doch vor Ort geben alle Fleischverkäuferin zu Protokoll, die Präsidentenschwester habe den Fleischverkauf schon vor geraumer Zeit an den Nagel gehängt. Ich frage trotzdem weiter und gerate an eine Verkäuferin, die mir die Adresse des Wohnhauses der Schwester zusteckt, wo sie angeblich weiterhin Fleisch verkauft.


Die Fleischverkäuferin gibt den entscheidenden Hinweis

Per Taxi lasse ich mich hinbringen: Ein einfaches, kleines weisses Haus. Davor steht eine etwas gelangweilte Polizistin in einem Unterstand und sorgt zumindest für etwas Polizeischutz. Aber Esther Morales sei gerade krank, meint sie. Ich solle morgen wiederkommen.

Gesagt, geta: Am nächsten Morgen stehe ich erneut vor dem Haus, trete ein und treffe auf die Schwester, Esther Morales – eine einfache Marktfrau. Sie schiebt ein paar Brocken Fleisch auf dem Holztresen vor sich herum, während wir rund zwanzig Minuten schweigend Radio hören. Ihr Bruder, dessen Gesicht von den MAS-Postern herunterlacht, die überall im kleinen Laden hängen, steht derzeit ziemlich in der Kritik.

Sie ist freundlich, aber nicht sehr gesprächig. Ich solle mit ihrem Bruder Hugo Morales reden, der habe mehr Ahnung als sie. Ein Foto verweigert sie, gibt mir aber die Telefonnummer von Hugo. Wenig später sitze ich mir ihm auf dem Hauptplatz Oruros. Er gibt mir Auskunft über seine Jugend, die Armut, über Evo und über ihre Zeit als Musiker. Es ist merkwürdig neben ihm zu sitzen, der Evo Morales sehr ähnlich sieht, und daran zu denken, dass ich mir dem Bruder des Präsidenten spreche. Wir parlieren eine Weile und Hugo Morales organisiert kurzerhand einen Kumpel, der damals mit Evo trompetet habe.

Wir fahren zum Treffpunkt, ich steige aus, begrüsse den Herrn, während Evo sich schon verabschiedet – er verschwindet genauso schnell, wie er gekommen war. Ich auf jeden Fall bin hochzufrieden, konnte ich doch zu Morales‘ Geschwistern vorstossen und genügend Informationen für den Artikel sammeln. Mit Evos Musikerkollegen verabrede ich mich am nächsten Tag für Fotos, um halb sieben in der Früh. Ich ahne bereits, dass sie nicht aufkreuzen werden. Und so ist es dann auch: Niemand da, am Telefon geht keiner ran. Tja, dann werden die Bildredakteure halt das Archiv für Fotos bemühen müssen.

¡Nadie ha visto mañana! – Niemand weiss, was morgen ist
Dass Leute nicht auftauchen, sich nicht an Termine halten oder leere Versprechungen abgeben, kommt – wie allgemein in Lateinamerika – sehr oft vor in Bolivien. Meistens sagen sie irgendetwas, um das Gegenüber zu beschwichtigen, wissen aber schon im Voraus, dass sie nicht kommen werden. Will man nicht zum Misanthrop werden, sollte man sich davor hüten, sich darüber allzu sehr aufzuregen oder es gar als Unaufrichtigkeit und Heuchelei abzuurteilen, was zugegebenermassen aber einiges an Übung braucht. Die Uhr, die Leute und die sie umgebende Realität ticken einfach anders als bei uns: Nie kann man wissen, was im nächsten Moment geschieht. Hätte man da zu viele rigide Zukunftspläne, wäre man viel zu wenig flexibel, um auf die totale Änderung des Moments adäquat reagieren zu können.

Dieser Grundhaltung entstammt auch die teilweise unglaubliche Ruhe und Improvisation, die die Menschen hier und anderswo auf dem Kontinent im Angesicht von Stress und schlagartigen Veränderungen des status quo an den Tag legen – und das bewundern wir natürlich wieder. Das Nichtauftauchen, Verspätungen und Falschangaben sind die Nebenerscheinungen dieser Lebensweise. Natürlich erschwert das die Arbeit, vor allem auch die journalistische, bei deren Ausübung man auf verlässliche Quellen angewiesen ist. Da denke ich oft an die Schweiz zurück, wo diesbezüglich vieles so viel einfacher über die Bühne geht.

Eine Lektion in Auslandjournalismus
Gleichzeitig ist meine Oruro-Erfahrung insofern ein weiteres Lehrstück über Auslandjournalismus, als sie deutlich aufzeigt, was es heisst, im Ausland journalistisch zu arbeiten. Nach fünf Tagen physischem und psychischem Stress bin ich total fertig, zurückzuführen auf eigentlich ganz banale Faktoren, die man aber trotzdem oft übersieht: Man ist im Ausland und hat einen Auftrag, der in eine Stadt führt, die man nicht im geringsten kennt. Mühsam muss man sich einen Überblick verschaffen, geeignete Stadtkarten müssen beschafft werden – die Touristen-Stadtplänchen taugen schon nichts mehr, wenn eine bestimmte Person ausserhalb wohnt.

Die Unterkunft muss nach gewissen Kriterien organisiert werden; zentral gelegen sollte sie sein, Internetverbindung ist ein Muss. Dann kommt die Frage der Mobilität: Wie bewege ich mich von A nach B zu C, wenn ich den ganzen Tag rum rennen und Leute treffen muss? Um sich ins unter Umständen vertrackte ÖV-Netz einzuarbeiten, bleibt keine Zeit. Also sind Taxis die Antwort, oder noch besser ein angeheuerter Fahrer mit Ortskenntnis – doch wer vermittelt mir dazu den Kontakt?

Bleibt die Sprache: Ich spreche sehr gut Spanisch, doch ältere Menschen oder Leute vom Land mit ihrem Lokalkolorit stellen einen immer wieder vor eine Herausforderung. Ach ja, und essen sollte man dazwischen auch noch. Nach solchen Tagen heisst es dann zurück in die Hotellobby, Netbook aufklappen und fliessbandmässig Texte fabrizieren, bis man abends ins Bett fällt.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Das ist ein fantastischer Job! Aber er ist sehr anstrengend, und will man gute Resultate erhalten, wird es teuer und sehr aufwendig für die Redaktionen zu Hause. Und da will mir einer sagen, Auslandjournalismus ist ein Klacks? Das trifft wohl zu, wenn man im Glashaus vor dem Bildschirm sitzt und Agenturmeldungen aus dem Netz zusammenklaubt, um sie dann in Patchwork-Manier zusammenzuflicken. Aber sicher nicht vor Ort, nicht in Bolivien – und noch viel weniger im Nahen Osten, wo die Arbeitsumstände bestimmt einiges ärger sind als hier.

 
   
 
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