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Stagiaires

Aus Dhaka (Bangladesh) berichtet Miriam Künzli

Miriam Künzli hat im September 2005 den Diplomstudiengang Pressefotografie am MAZ abgeschlossen. Von Anfang November bis Ende Dezember 2006 arbeitet sie im Rahmen des DEZA-Stage als Fotografin bei der englischsprachigen Zeitung The Daily Star in Dhaka, Bangladesh.

12.11.2006

Heute ist die Stadt in Aufruhr, die Geschäfte geschlossen, die Fahrzeuge versteckt, viele bleiben zu Hause.

Seit mehreren Wochen gibt es täglich grosse Hartals (Streiks) und Protestmärsche, organisiert von den zwei rivalisierenden Parteien BNP und Awami.

Für mich ist es zu gefährlich auf der Strasse und so genieße ich meinen ersten freien Tag seit ich hier bin. Ich habe mich bereits ganz gut eingelebt in dieser doch recht verrückten, aber durchaus liebenswürdigen Stadt. Permanent erlebe ich Dinge die meine Vorstellungskraft übertreffen. Ich bin überwältigt von der Freundlichkeit der Menschen hier. Sie sind noch nicht vom Tourismus überrollt. Natürlich bin ich eine Fremde und es ist ungewohnt, dass einem alle anstarren, für viele bin ich eine der wenigen Weißen die sie gesehen und meistens die Einzige mit der sie je geredet haben. So geht es auch zu Hause weiter. Ich sorge viel für Gelächter, besonders bei den Hausangestellten, den drei Köchinnen Bua, Bua und Nuri sowie dem Boy für alles Sayful.  Als stark ausgeprägter Linkshänder fällt es mir einfach nicht leicht, die Reiskörner vermischt mit Fischcurry, Lammcurry, Dal (Kichererbsensuppe/-Brei), Chickencurry und Gemüse mit den Fingern der rechten Hand zu ordentlichen Portionen zu formen und damit auch noch meinen Mund zu treffen.

Ich wohne in Wari, einem Teil von Old Dhaka bei einer grossen Familie. An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Barnaby für den Kontakt.

Nach David, einem amerikanischer Reporter und Mr.Barney (Barnaby Skinner, der letztes Jahr im Rahmen des MAZ-Stages in Bangladesh war), hat Rafiq, der Vater des Hauses jetzt endlich eine Tochter.



01.11.2006

Zu Beginn meines Aufenthaltes, habe ich nur Augen und Ohren für diesen unendlich chaotischen Verkehr. Zwischen hupende Autos und Motorräder, quetschen sich trötende CNGs (Babytaxis, dem Tuk Tuk ähnliche motorisierte Dreiräder, betrieben mit Gas), Massen von klingelnden Rickshaws und komplett verbeulte Busse und alte bemalte Trucks. Kreuz und quer, der Grössere hat Vortritt, bei Rot wird gefahren, bei Grün bleiben alle stehen, keiner kennt die Regeln und doch kommen die meisten an ihr Ziel.  Es bleibt mir schleierhaft warum es nicht andauernd kracht vor meinen Augen. Besonders die Rickshawfahrer sind ohne Knautschzone und ohne Licht definitiv benachteiligt.  Asif, einer der beiden Söhne des Hauses meint hierzu nur: Unfälle zwischen Rickshaws und Bussen nennen wir hier nicht mal Unfälle, allerdings steige die Zahl Todesfälle auf den Strassen Bangladeshs auf auf mittlerweile rund 30’000 pro Jahr.

 

03.11.2006

Neuer Tag, neue Erfahrungen.

Laut Morshed, dem Special Correspondent der Star City Beilage ist eine Überwindung des Kulturschocks nach 7 Tagen möglich, viele brauchen 7 Jahre.

Soviel Zeit hab ich nicht.

Mein erster Tag beim Daily Star besteht aus unendlich vielen Gesprächen und noch mehr Teetassen. Schnell finde ich heraus, dass ich die besten Chancen habe, auch eigene Geschichten vorzuschlagen, wenn ich mich an die Starcity-Abteilung hänge. Zakir, ein Fotograf der hauptsächlich für Starcity arbeitet, bietet mir gleich seine Hilfe an und schlägt vor, ich solle mir etwas überlegen zum Thema: City in Frame. Ca.5-12 Fotos und einen Text von ca.100 Wörtern.

 

04.11.2006

Zakir ist dabei ein paar Fotos an das New York Times Magazine zu schicken. Ich frage ihn warum er dafür schon seit einer Stunde auf den Computer starrt. Er lacht nur und meint: „Probier es selbst“ . Um auch nur ein Foto in der Grösse von einem MB zu versenden, brauche ich 17 Minuten. Das gibt mir wenig Zuversicht, dieses Tagebuch mit Bildern zu versenden! Die Leitungen sind extrem langsam. Die Redaktionen hier sind mit älteren PCs ausgestattet und die Fotoredaktion besitzt genau einen Computer, der nicht kalibriert ist. Zuerst musste ich die Bildredaktion überhaupt erst finden. Schliesslich fand ich sie in einem muffigen, feuchten Raum ohne Fenster der wie ein eigenes kleines Häuschen gegenüber der Cafeteria auf dem Dach des Gebäudes steht.

 

05.11.2006

Die Fotografen hier arbeiten hart für wenig Geld und führen ein nicht ungefährliches Leben. Verletzungen kommen vor und mancher Fotograf hat sich dazu entschlossen lieber zu schreiben. Sie fühlen sich oft nicht ernstgenommen. Keiner sagt ihnen genau was für Fotos gebraucht werden und der Umgang mit den Bildern in der Grafikabteilung, lässt zu wünschen übrig. Es wird fleissig beschnitten.

Der Tagesablauf für die Fotojournalisten sieht hier wie folgt aus. Gegen 10 Uhr treffen sich die meisten im Press Club um, abgesehen von den am Vorabend verteilten Termine, heraus zu finden was heute los ist. Mit Ausnahme von Pressekonferenzen, politische Treffen und Sportveranstaltungen gibt es für die vier regulären Fotografen des Daily Star Enam, Amran, Anisur und Jamil keine festen Aufträge. Sie sind weitgehend auf sich allein gestellt. Es wird von ihnen natürlich dennoch erwartet, dass sie am Abend spannende Fotos vorlegen. Ob diese dann auch publiziert werden ist eine andere Frage. Zwischendurch treffen sich die Fotografen in der Photojournalistic Association, trinken mehrere Tassen Schwarztee (im Schnitt 20 Tassen am Tag), essen ihren Mittagsreis mit Chili, Limone und Salz und besprechen ihre Probleme.

Gegen 17 Uhr trudeln die Fotografen in der Redaktion ein, jeder lädt seine Fotos runter, bearbeitet sie soweit es geht und wartet bis um 21 Uhr um die Termine für den nächsten Tag entgegenzunehmen.

06.11.2006

Der Fotograf Zakir arbeitet seit längerem an einem Buch über das Wachsausschmelzverfahren zur Herstellung von gegossenen Metallskulpturen in einem Hindudorf. Spontan fragt er mich, ob ich mitkommen möchte. Wir fahren aufs Land und ich freue mich dem Dunst und den Abgasen für ein paar Stunden auszuweichen. Now we are on the highway!, sagt er sobald wir die Satdt hinter uns gelassen haben. Schön, dass darauf Leute spazieren, Rickshawfahrer unterwegs sind und ab und zu ein Truck versehentlich entgegenkommt.

 

07.11.2006

Aufgrund meiner Hautfarbe, gestalten sich einige Aufträge schwierig.

Raihan, einer der Reporter arbeitet gerade an einer Geschichte über jugendliche Drogendealer. Zusammen fuhren wir in ein Slum um ein weiteres Gespräch mit den Jugendlichen zu führen und zu fotografieren. Doch innerhalb weniger Minuten, bildete sich eine Traube Menschen um mich. Ich wurde ungewollt zum Mittelpunkt des Geschehens und bald kam das Gerücht auf, die Frau von Zinedine Zedane sei da!

Wir hatten keine Chance und beschlossen unser Vorhaben abzubrechen.

 

08.11.2006

Eine Geschichte darüber wo Toiletten stehen dürfen und wie sie zu benutzen sind. In diesem Fall an einem wichtigen Denkmal zum Unabhängigkeitskrieg 1971.

Zu finden unter www.thesailystar.net : Sucht Archives, dann November (8) anklicken, auf der linken Seite Star City suchen und dort unter: Martyred intellectual memorial in shabby state suchen.

 

09.11.2006

Heute hatte ich die Gelegenheit den Friedens-Nobelpreisträger Dr. Mohammed Yunus zu treffen und zu fotografieren. Der Wirtschaftsprofessor hat eine Bank für jene Menschen gegründet, die sonst nie auf ein Darlehen zu hoffen wagten. Die Grameen Bank vermittelt Kleinstkredite an Arme und misst den Erfolg nicht am Profit. Mit zwei Spiegelreportern besuchten wir ein Dorf, das mit diesem Mikrofinanzsystem arbeitet.

In Bangladesh höre ich viel Positives aber auch Kritik an Herrn Yunus. 10 Monate um einen Kredit zurück zu zahlen sei zu kurz, 100 Dollar zu wenig, er helfe nicht den Ärmsten der Armen. Dennoch macht Dr. Yunus auf mich einen sympathischen Eindruck und ich habe das Gefühl, er versucht den Menschen auch wirklich zu helfen. Klar er verdient mit Grameenbank und Grameenphone sein Geld, aber wie er sagt: was ist daran verboten, mit ein und derselben Firma viel Geld zu verdienen und gleichzeitig armen Menschen helfen zu können.

10.11.2006

Ich war den ganzen Tag unterwegs um meine Geschichte für City in Frame zu kompletieren. Der Text musste auch noch weiter gekürzt werden. Ich sende Euch hier die Originalversion:

Monster Posters
(why the poster advertising in Dakha is strange to me)
by Miriam Künzli

The inhabitants of a particular city get of course used to their surrounding and finally they fail to see many things wich are for the fresh eye of a visitor very surprising and sometimes even strange. This  is indeed not specific for Dakha or Bangladesh but actually a world wide phenomenon.

After only a few days in Dakha I am still astonished about the hudge posters advertising luxury and often rather unnecessary products. Not only that a lot of the people can‘t afford a luxury camera or a showy car, but isn‘t it somehow crazy that just above the heads of millions of people who hardly manage to survive the next 24 hours, who can‘t find enough food for their children, don‘t have a save shelter and so little medical care, that above this peoples emaciated faces a well dressed and smilling woman is promoting a new shampoo or toothpaste? And this in a country where so many are still illiterate. Most people can not even read the silly slogans on these posters.

For some people it may be strange to hear that I also feel sorry that these gigantic posters cover many facades and buildings. Indeed it is not really important if I and others can see the window behind the posters. But I assume that the people living in those appartments wouldn‘t mind to look out of their windows, to check the sky and the weather and to get some sunbeams in their rooms or to witness what is going on on the street. Who has the right to cover all these windows? Wouldn‘t it be wonderfull, if all those people living behind the posters would cut little holes in the advertisings and stick their heads out of the new windows! Sad enough that they would have to expect some punishment...

Die Bilder und die gekürzte, am Ende auch zensierte Version des Textes, könnt Ihr unter www.thedailystar.net finden. Sucht Archives, dann November (12) anklicken und dann auf der rechten Seite das Fenster City in Frame zum vergrößern anklicken. Zum besseren Verständnis bitte ich zu beachten, dass bei den meisten der abgebildeten Plakatwände die Produktnamen im Photoshop entfernt werden mussten.!!!









11.11.2006

Es gibt auch Tage an denen nichts passierte und alle nur Tee tranken.

Amran und ich machten uns dann doch noch auf zur Jagd nach spannenden Bildern.

Ergebnis: Ein Foto zum Thema Umweltverschmutzung. Leider ist der Buriganga River auch das größte Abwasser- und Abfallauffangsystem der 12 Millionen Stadt. Es ist wirklich kein Vergnügen mit der Fähre über die braune Kloake zu fahren und sich über die offensichtliche Zusammensetzung des Wassers Gedanken zu machen. Aber auch Undefinierbares wird in den Fluss eingeleitet. Wir fanden unter einer Brücke eine Stelle, an der grünes Wasser in den Buriganga strömte. In der Nähe standen Kinder knietief im Fluss und wuschen sich die Haare mit Shampoo. Das gesundheitliche Risiko ist bekannt, aber was tun wenn es kein sauberes Wasser gibt!

Als mich Amran am Abend mit dem Motorrad nach Hause brachte, war nach unserer langen Tour plötzlich das Benzin leer. Amran: Oh, petrol empty. I go wrong side street. No afraid. Ich schaute lieber nicht hin.

 

12.11.2006

Wenn die Voegel kreischen...

....dann ist etwas passiert, so sagt man in Bangladesh. Wenn aber die Voegel kreischen und ich deshalb die Vorhänge meines Zimmers aufziehe, und dann auf meinem Balkon ein Affe sitzt, das hat man mir nicht gesagt.

Einen zweiten Tag daheim bleiben, das ging nicht. Ich wollte raus auf die Strasse, aber wohin? Waehrend der Streiks fahren keine Busse, keine CNGs, keine Autos. Nur Rickshaws. Aber mit einer Rickshaw bis zum Office ist recht weit und die Richshawfahrer haben keine Ahnung wie sie dahin kommen. Ich stand vor der Haustuer, hörte den schrillen Glocken der Rickshawfahrern zu und entschloss ihnen zu folgen. Dorthin wo sie sich sammeln, wo sie hergestellt und immer wieder repariert werden,  wo sie Pause machen. Ich fand sie gar nicht weit weg von zu Hause. Eine kleine Werkstatt, in der liebevoll Rickshaws gebaut und bemalt werden.

Link zu Daily Star

Originaltext:

Honour where honour is due!  Dhaka's 480 000 rickshaws get often blamed for their contribution to the traffic congestion, but actually they are the only zero emission and environmentally sustainable group within the city's traffic. Despite of the pullers hard graft they are also great art lovers dedicated to decorate their three-wheelers carefully with lines of shiny rivets as others adorn ladys with strings of pearls. Instead of a beautiful make up you will find masterly painted ornaments, picuters of Bollywoodstars, and of birds, deers and tigers as symbols of the pullers staying power.  Pride where pride is due!  








13.11.2006

Und was heute? Am dritten Tag der Hartals hatte ich nicht vor wieder nach Malereien Ausschau zu halten. Kurzerhand liess ich mich von Amran, dem Fotografen und einem Reporter mit einem CNG des Daily Star abholen und wir erkundeten die Blockaden.  Öffentliche Verkehrsmittel sind an diesen Tagen ja nicht zugelassen und so mancher Busfahrer musste dies mit dem Leben bezahlen, nur weil er versuchte seinen Bus aus der Stadt zu bringen und dabei in eine Menschenmenge  geriet.

Daher sind die CNGs der Zeitungen mit einem  Pressebanner versehen. Diese Fahne ist allerdings nur  vorne angebracht und kann daher von hinten gerne  übersehen werden. An diesem Morgen versuchte ein  ungeduldiger Militärtransporter uns unsanft von der Strasse  zu schieben. Das haette böse ausgehen koennen.  Doch wir hatten Glück. Als der Fahrer des Lasters mein empörtes und weisses Gesicht sah reagierte er mit einem  Schwall von Entschuldigungen.

 

14.11. 2006

Hier ist jede Art von Story möglich. Zum Beispiel eine Geschichte über die Funktion des Zebrastreifens. Das würde keinem Reporter in Europa in den Sinn kommen. Aber hier wissen doch tatsächlich rund 50% der Polizisten nicht einmal was die weissen Striche für eine Bedeutung haben. Auf der anderen Seite verstehe ich nach wie vor nicht, wieso Verkehrspolizisten bei grün die Fahrzeuge anhalten und bei rot durchwinken!

15.11.2006

Pinaki, ein Reporter, erzählte mir, dass er schon lange vorhatte einmal nach Europa zu reisen. Er wolle nach Italien, nach Frankreich und natürlich in die Schweiz um alle seine Freunde wieder zu sehen. Er sparte Geld. Hatte endlich genug Geld. Und dann, dann entschloss er sich statt dessen einen Kindheitstraum zu erfuellen. Er kaufte sich einen Berg. Jetzt spart er wieder.

 

 

17.11.2006

Die Tage ziehen ins Land und ich merke, dass die Zeit rennt. Geschichten und Termine zu koordinieren ist hier nicht leicht. Alles braucht eine Ewigkeit. Wie komme ich dort hin wo ich moechte? Mit wem? Wer schreibt? Schon wieder Tage voller Hartals, Blockaden an denen alles geschlossen ist und nichts vorwärts geht. Noch einmal 10 Tassen Tee. Warum stecke ich ständig für zwei und mehr Stunden im stinkigen Stau?  Um fünf ist es dunkel.....Es gibt Momente, da koennte  ich verzweifeln aber ich geb nicht auf.  Heute Abend bin ich bei Morshed, dem Staff Correspondent  von Star City zum Barbecue eingeladen...

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19.11.2006

Mein kleiner Nachbar Ikram überraschte mich um Mitternacht mit einer Eistorte. Ob mein Darm diese verkraftet war mir in diesem Moment egal. Ich hätte es besser wissen müssen! 

20.11.2006

An meinem dreissigsten Geburtstag wollte Asif mich ins Bella Italia einladen. Wieso nicht, nach drei Wochen  Curry, Dal, Reis, Rooti, Nan, war ich reif fuer eine Pizza!  Aufgrund der Hartals waren die Restaurants aber alle geschlossen und wir landeten schliesslich fuer mein  Festessen im einzigen KFC des ganzen Landes. Bei  16 Grad gab’s Chickenburger und Pommes. Was fuer  ein Gedicht! Nach nur 15 Minuten standen wir wieder  auf der Strasse. Es ist unglaublich, wie schnell die Leute hier essen. Stundenlang wird gekocht und vorbereitet, gegessen, ja regelrecht verschlungen werden die Speisen in ein paar Minuten. Vielleicht bekomm ich meine heiss ersehnte Pizza ja ein ander Mal.

24.11.2006

Ich bin zurück von einer wunderschönen Reise aufs Land. Mit Pinaki war ich auf der Hinduhochzeit seiner Cousine in einem Dorf nahe der indischen Grenze. Hin fuhren wir mit dem Zeitungsbus. Der erste Druck der Zeitungen wird noch am Abend gebuendelt und gelangt mit Mikrobussen aufs Land in die Dörfer. Um Mitternacht starteten wir eng gequetscht zwischen Zeitungen. Klein und zerbrechlich kam mir unser Bus vor zwischen den keuchenden Tata Trucks, die uns spärlich beleuchtet umringten und in ihre schwarzen Wolken sogen. Dann kam die Stille. Die Zeitungen wurden auf ein Holzboot verfrachtet und wir überquerten den Padma (Ganges), diesmal selbst ohne Licht, dafuer mit einem fantastischen Sternenhimmel. Ich war allerdings die einzige die dieses Naturspektakel während der 90 minütigen  Überfahrt bewunderte. Die anderen waren nahe am erfrieren, wickelten sich Wollschals um die Ohren und bedeckten ihre Gesichter mit Zeitungspapier. 

Nach einem fantastischen Frühstueck in Khulna und einer weiteren Flussüberquerung sassen wir für drei Stunden auf einem Rickshawvan. Schon bald wusste  ich echt nicht mehr welche Seite meines Gessaeses  mir mehr weh tat. Im Dorf angekommen war mein Steiss  taub. Wir wurden sofort umringt und auch bestaunt. Alle schienen sich über mich als doch recht  aussergewöhnlichen Hochzeitsgast zu freuen. Es wurde aufgetischt.

 

Da nicht genügend Teller für alle Hochzeitsgäste vorhanden waren (und natuerlich keine Spur eines Geschirrspuelers), bekam jeder der sich an einen neuen Tisch setzte, den gebrauchten Teller vom Vorgaenger  ueberreicht. Dazu gab es einen Essloeffel voll Salz auf  den Teller. In der Mitte des Tisches stand ein Topf mit  Wasser. Jeder hatte seinen Teller mit Salz selbst  einzureiben und ihn mit Wasser abzuspuelen.  Auf meinem blitzblank gescheuerten Teller sammelte sich hervorragendes Ziegencurry, scharf gebratener Fisch, Reis, Bohnen und die besten Auberginen die ich je gegessen habe. Kaum war der Teller leer, fand sich dort ein Riesenklecks mit pinkem Yoghurt als Nachspeise. Das war für mich definitiv die Masteruebung im Essen  mit meiner nackten rechten Hand.

Eine Hinduhochzeit ist etwas Mystisches, Aufregendes. Alles ist bunt. Es gibt viel zu Essen. Es wird gesungen bis spaet in die Nacht. Es ist lustig. Nicht so für das Brautpaar. Der Bräutigam muss brav auf seinem Platz sitzen bleiben und allerlei Zeremonien über sich ergehen lassen. Wenigstens hat er schon zu  Hause etwas gegessen, Die Braut dagegen darf zwei Tage  nichts essen und nichts trinken. Schon am ersten Abend wirkte sie schwach auf den Beinen, am naechsten  Nachmittag klappte sie zusammen. Der Kreislauf spielte nicht mit, ein Arzt wurde gerufen und sie musste an den Tropf angeschlossen. Dies hat natürlich die Feierlichkeiten etwas überschattet. Denn in der Gesellschaft eines so  kleinen Dorfes muss sie, so sagte man mir, nach diesem  Vorfall mit «Gerede im Dorf» rechnen. 

 

26.11.2006

Jeder Raum wird benoetigt fuer die vielen Polizisten, die vom  Land kommen während der Hartals. Sie schlafen wo sie  Platz finden. Hier in der Wartehalle des Busbahnhofes.

Foto 15 und 16

27.11.2006

Kaum zurück vom Land, wollte ich wieder los. Am liebsten überall hin. Ich entschied mit dem Reporter  Raihan nach Cox`s Bazar zu fahren. Cox`s Bazar liegt im Südosten an der Küste und hat mit 70km den längsten Sandstrand der Welt. Die Region ist ein  touristischer Anziehungspunkt und auch interssant wegen ihres ökonomischen Aufschwungs. Wir hatten also einiges  vor. Diesmal starteten wir mit einem modernen Bus und erreichten den Strand einigermassen ausgeschlafen. Für dieses eine Mal erlaubte ich mir das Vergnuegen  vor der Arbeit und nicht umgekehrt. Ich war nicht mehr zu   bremsen und tauchte ab in den indischen Ozean. Allerdings sei angemerkt, dass es sich mit Kleidern wirklich schlecht schwimmen laesst.

Im Nu rannten viele junge Maenner am Strand zusammen und riefen: Hey sister, picture! Am Beach  von Cox`s Bazar arbeiten rund 100 junge Fotografen, alle in roten T-Shirts, ausgestattet mit alten analogen Kameras. Sie verdienen ihr Geld damit, Fotos von Touristen  zu machen und ihnen diese zu verkaufen. Fasziniert von ihrer Eifrigkeit und ihrer penetranten Suche nach Familien unterm Sonnenschirm, drehte ich den Spiess um. Ich portraitierte sie. Cox`s Bazar hat mich in vielerlei Hinsicht ueberrascht. Ich hatte etwas anderes erwartet. Vielleicht Palmen oder türkises Wasser. Beides hab ich nicht gefunden aber eine trotzdem spannende Facette von Bangladesh.

 
28.11.2006 - Schwarzer Tag  

04.12.2006

Sechs Tage später, nun bin ich endlich bereit, mich hinzusetzten und zu schreiben:  Erfahrungen kann mir niemand rauben.

Die Liste meiner Erfahrungen hat sich schlagartig erweitert. Ich bin doch tatsächlich Opfer eines üblen Raubüberfalles geworden. Ich war auf dem Weg mit einer Rickshaw zu einem Fototermin im Grameenbank Headoffice. Ohne Vorwarnung kam von der linken Seite ein schwarzes Taxi angebraust und streifte uns hart. Einer der Insassen streckte den Arm aus und riss mir die Kameratasche aus der Hand. Reflexartig hielt ich daran fest, musste aber schnell feststellen, dass ein Auto doch mehr PS hat als eine Rickshaw. Die Rickshaw kippte und alle lagen auf dem Asphalt. Ich war so perplex, dass ich im ersten Moment nicht wusste ob ich lachen oder weinen sollte. Natürlich  fühlte ich mich verwundbar, verletzt und beleidigt.

Es ist passiert und die Zeit kann niemand  zurück drehen. Eigentlich bin ich ein vorsichtiger Mensch doch ich habe mich für keinen risikofreien Beruf entschieden und trage meine eigene Verantwortung. Jede Erfahrung hat auch ihre guten Seiten, daher sind Vorwürfe völlig fehl am Platz. Ich kenne viele, die beraubt, bedroht, verprügelt worden sind. Jetzt gehöre ich dazu. Das passiert überall auf der Welt, selbst an den sichersten Orten. Meine Liebe zu diesem Land, dieser Stadt und den Menschen wird dies nicht im geringsten schmaehlern, im Gegenteil, dieses Erlebnis  wird meine Verbundenheit mit Bangladesh noch vertiefen. Um es genau zu sagen, ich weiss jetzt was ich will. Fotografieren. 

Vielleicht muss einem die Kamera abhanden kommen, um zu verstehen wie wichtig Bilder sind. Die Sucht Gesehenes festzuhalten und für andere sichtbar zu machen lässt mich leiden. Solange ich eine Kamera hatte, habe ich vieles nicht fotografiert. Ich habe es mir eingeprägt, sehe es vor mir, kann es jederzeit abrufen. Ich konnte entscheiden was ich für mich abspeichere und was ich vermitteln möchte. Die Wichtigkeit meine Sicht der Dinge den Menschen  näher zu bringen ist mir jetzt noch bewusster geworden als je zuvor.

Im Moment ist mein Werkzeug weg. Doch Werkzeuge lassen sich ersetzen und sind dann leider wieder einem Risiko ausgesetzt. Meine Erfahrungen dagegen kann man mir niemals rauben. 

29.11.2006

Trotz dickem Knie, blauen Flecken, Schürfungen vergass ich Bernhard, den Reporter von Brandeins in der Grameenbank nicht. Mir blieb nur die analoge Variante verbunden mit dem Service von DHL, denn Mittelformat wird hier nur einmal im Monat entwickelt und die Chemie laesst zu wünschen übrig. Wir verbrachten Stunden im Grameenbank Headoffice für ein einziges Portrait. Und unsere anschliessende Reise zu einem Projekt auf dem Land endete in der Dunkelheit. Die Sonne war schon untergegangen und ich stand da, ohne Blitz!

03.12.2006

Heute fragte mich ein Onkel des Hauses, wann ich das letzte Mal Schweinefleisch gegessen haette. Vor fünf Wochen? Ich grinste und antwortete: Vorgestern! Pinaki, der ja aus einer Hindufamilie stammt, kochte mir ein hervorragendes Schweinecurry. 

05.12.2006

Nachdem ich nach wie vor auf eine neue Kamera warte (Pia Zanetti ist meine Glücksbringerin und kommt am Freitag nach Dhaka mit neuem Equipment), wende ich mich anderen Aktivitäten zu. Ich laufe, laufe einfach in der Stadt rum, laufe zum Daily Star, was doch 50 Minuten dauert. Es macht richtig Spass. Langsam finde ich mich gut zurecht ohne Strassenschilder, von Angst keine Spur und meinem Knie geht es auch wieder besser. Und ich spiele Tischtennis. Mit Reportern von der Zeitung New Age und Studenten in der verstaubten Sporthalle der Dhaka University.

 

06.12.2006

Meine sportlichen Aktivitäten weiten sich aus. Neben Tischtennis versuche ich mich in Badminton. Kaum geht die Sonne unter werden in der ganzen Stadt Netze auf Dächern und Plätzen gespannt und in haarsträubender Weise Stromkabel mit Glühbirnen aufgehängt. An diesen Abenden landet so mancher Federball auf der Kokospalme und, eine besonders beliebte Variante, in der offenen Kanalisation.

 

08.12.2006

2006 Der heiss ersehnte Tag ist gekommen. Ich fahre zum Flughafen um Pia Zanetti, die im Auftrag der Caritas in den Norden Bangladeshs reist, zu treffen. Sie hat sich bereit erklärt, mir meine neue Kameraausrüstung aus der Schweiz zu bringen. Aufgrund der Hartals hatte sie ihren Flug mehrmals verschoben. Ich bin bereits ein Nervenbündel. Der Flughafen Dhaka ist wie ein Hochsicherheitstrakt. Wer nicht ankommt oder abfliegt, hat keine Möglichkeit das Gebäude zu betreten. Bewacht wird das Areal von der Polizei und zusätzlichen Securities. Auf der Aussenseite des hohen Zauns, der das Gelände abgrenzt, kleben Hunderte von Männern, die schauen wer ankommt. Man hat nicht den Eindruck, dass diese Männer jemand abholen. Ich erinnere mich an meine Ankunft. Auf der Innenseite des Zaunes fühlte ich mich exponiert, bestaunt, vielleicht sogar begafft. Man denkt unweigerlich an den Zoo. Mein Problem besteht aber diesmal darin Pia zu finden. Wie sollte ich zwischen all diesen Männern ein Blick durch den Zaun ergattern? Schon nahe am Verzweifeln, fragt mich ein mir nicht minder verzweifelt erscheinender Mann, der zufällig neben mir steht, ob ich Pia sei, er sei hier um sie zu kontaktieren. „Nein, aber ich suche sie selbst ganz dringend!“. Nach energischem Bitten und einem nachhaltigen Lächeln meinerseits, darf ich mit seinem grossen Caritas Schild (und versehen mit all den Zusatzinformationen für Pia) alleine durch das ersehnte Tor in den Flughafen. Es dauert zwei weitere Stunden bis sie endlich zwischen all den dunklen Gesichtern zum Vorschein kommt.

Und schon bald mache ich mich überglücklich auf um die neue Kamera zu testen. Mit Morshed fahre ich an den Stadtrand. Wir überqueren den Buriganga River und spazieren durch sein Heimatdorf. Fern ab vom Gestank und Lärm der Grossstadt geniesse ich den Tag zwischen Feldern und einfachen Hütten. Diese Idylle ist allerdings akut bedroht. Morshed will mir Flüsse zeigen, in denen er als Kind gebadet hat, Reisfelder und Seen in denen er Fische gefangen hat. Ich kann sie nicht mehr sehen. Ganze Flüsse und Landstriche rund um Dhaka werden mit Sand aufgefüllt um sie als Bauland zu verkaufen. Schiffe pumpen Tonnen von Sand vom Grund des Flusses in ihren Bauch um ihn einige Kilometer weiter wieder aus zu speien. Hier wird nicht nur ein empfindliche Ökosystem zerstört; viele Bauern verlieren ihr Land, ihre Häuser, ihre Lebensgrundlage. Die neu bebauten Flächen mit billigen Mehrfamilienhäusern können aber schon bald zu tödlichen Fallen werden. Wenn mit dem nächsten Monsoon das Hochwasser wieder kommt wird der lockere und unarmierte Sand unter den Gebäuden aufgeweicht und wieder in die Flüsse zurück geschwemmt. Und die Häuser mit samt ihren Einwohner oben drauf!

09.12.2006

Für jede noch so kleine Dienstleistung gibt es hier einen Arbeitsplatz. Alles wofür wir Automaten erfunden haben, wird hier noch von Menschen gemacht. Da gibt es den Personenwaagenvermieter, den Schreibmaschienenschreiber, den Teekocher, den Liftboy, sogar den lebendigen Seitenspiegel des Busses, den Autowäscher, den Abfalltrenner und natürlich auch den Türöffner beim Daily Star.

10.12.2006

Obwohl viele Autos und die CNGs mit Gas fahren, leidet Dhaka unter einer extrem hohen Luftverschmutzung. Busse, Trucks, Ziegelfabriken etc. sind einige der wichtigsten Auslöser dafür. Zur Befeuerung von gewerblichen und industriellen Öfen wird alles hergenommen was brennt, dazu gehören natürlich auch alte Autoreifen.



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11.12.2006

Im Zoo von Dhaka sind neue Tiere aus Kuwait eingetroffen. Die Ankunft von Tieren unterscheidet sich hier wahrscheinlich nicht sehr von anderen Zoos. Der Tieraustausch mit Kuwait ist dem Daily Star aber die Entsendung eines Journalistenteams wert. Also nichts wie hin. Ich liebe Tiere, sehe sie allerdings lieber ausserhalb von Zoos. Die Neuankömmling haben sich zudem in etwas entferntere Ecken ihrer Gehege verkrochen. Kein Problem meinen die Wärter: „Gehen Sie doch einfach hinein und fotografieren sie den grossen Oryxantilopenbock und auch die hungrigen Dingos im Käfig aus der Nähe“. Dass die Wärter dabei lieber draussen bleiben, und mich alleine hinein lassen, hat mich dann doch etwas nervös gemacht.

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12.12.2006

Der Tag der Unabhängigkeit Bangladeshs steht bevor und zum ersten Mal dürfen Strassenkinder an der grossen militärischen Parade teilnehmen. Raihan und ich besuchen sie beim Training.





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13.12.2006

Durch den unvergesslichen Raubüberfall komme ich auf Wunsch der Redaktion zur ersten Textpublikation in meinem Leben.

 

14.12.2006

Trotz vieler Analphabeten gibt es in Bangladesh eine grosse Bücherindustrie. In Old Dhaka nahe dem Bangla Bazar gibt es hunderte von Buchhandlungen. Fast alle der dort angebotenen Bücher werden in Dhaka gedruckt, gebunden, verleimt und zugeschnitten. Rund 12’000 der als Bücherbinder Beschäftigten sind Kinder zwischen 10 und 18 Jahre. In dunklen Verschlägen und unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten, essen und schlafen sie am gleichen Platz. Sie arbeiten rund15 Stunden am Tag und dies ohne grössere Erholungspausen. Im ersten Jahr werden die Kinder angelernt und erhalten ausser Kost und Schlafplatz am Boden keinen Lohn. Mit 18 Jahren werden die meisten von ihnen wieder auf die Strasse geschickt. Die jüngeren Kinder sind angeblich flinker. Billiger sind sie alle mal. Die Arbeit ist ermüdend und dies führt an den scharfen Schneidemaschinen immer wieder zu schrecklichen Verstümmelungen der Hände. Die Sicherheitsmechanismen wurden bei diesen betagten Geräten schon längst anlässlich der wiederholten Reparaturen ausgebaut. Bei Stromausfall, und dies geschieht willkürlich und mehrmals am Tag, agieren die elektrisch betriebenen Maschinen oft wie spontane Fallbeile.
Werden die jungen Männer auf Grund ihres Alters oder wegen ihrer abgehackten Finger entlassen, können sie nichts anderes als Bücher binden und schneiden; Bücher die sie selbst nicht einmal lesen können. Diejenigen, die ein bisschen Geld sparen konnten, fügen sich ein in den nicht endenden Kreislauf von Arbeit geben und nehmen, eröffnen eine neue eigene kleine Buchbinderei in denen erneut Kinder arbeiten und dabei Leib und Leben riskieren werden.

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15.12.2006

Heute bin ich bei Amran, dem Fotografen zum Essen eingeladen. Schon seit Tagen fragt er mich, was ich denn essen möchte. Ich erzähle ihm, dass ich alles esse. Fisch? Ja. Grosse oder Kleine? Beides. Und Rindfleisch? Huhn? Welches Gemüse mag ich am liebsten. Ich antworte: Aubergine. Noch dreimal ruft er ganz aufgeregt an: Wie möchtest Du den Reis? Wann soll ich Dich jetzt abholen. Trinkst Du Wasser oder soll ich Dir eine Cola kaufen? Ich bin bewegt, es rührt mich richtig. Noch weiss ich aber nicht was mich erwartet. Amran holt mich um 21 Uhr mit seinem vierjährigen Sohn Nafiz auf dem Motorrad ab. Angekommen in seiner Wohnung, fällt der Strom wie jeden Tag aus. Bei Kerzenlicht will Amran`s Frau das Festmahl nicht eröffnen und so sitzen wir nebeneinander auf dem Sofa und warten. Geredet wird nicht viel. Amran kann kaum englisch und seine Frau bestaunt mich nur schüchtern.

Nach einer Stunde ist der Strom wieder da und dann geht alles ganz schnell. Der grosse Tisch vermag die vielen Schüsseln kaum zu tragen. Vor mir stehen: vier verschiedene Fischcurrys von grossen und kleinen Fischen, zwei Hühnercurrys, ein Rindfleischcurry, drei Auberginengerichte, fritierte Kürbisbällchen, Spinat, Dal, zwei Arten Reis, Tomaten und Gurken. Amran und seine Frau essen praktisch nichts. Sie sind damit beschäftigt aufzupassen, dass mein Teller nie leer wird. Kurz vor der Kapitulation meines Magens werde ich erlöst, wenigstens für fünf Minuten. Ich werde ins Schlafzimmer gebeten und sitze mit Amran schweigend auf dem Ehebett. Im Fernsehen läuft wieder eine wichtige Bangla Soap, die ich zum Erstaunen vieler immer noch nicht kenne. Kurze Zeit später bringt Amran`s Frau Tee, zwei verschiedene Arten Milchreis, Kuchen und Milchzuckerbällchen. Alles home made. Das hiess für mich nichts anderes als noch einmal „Augen zu und durch“. Alles hat sooo lecker geschmeckt. Und beinahe wäre zuviel eben zuviel gewesen. Ich bin dem Schicksal unendlich dankbar, dass mein Mageninhalt auf der Rückfahrt mit dem Motorrad nicht versuchte zu fliehen. Die brutalen Schlaglöcher, die harte Federung, das ruppige Stopp and Go, der Slalom-Verkehr Dhakas und die schweren fauligen Düfte dieser Stadt, haben mir dabei nicht geholfen.

 

 

16.12.2006

Victory Day. Am 16.12.1971 erlangte das ehemalige Ostpakistan nach einem neunmonatigen blutigen Krieg seine Unabhängigkeit. Keiner möchte die 35 Jahr Feier verpassen und die Strassen sind voller den je. Das fröhliche Treiben überschattet die politischen Vorkommnisse der letzten Monate. Den Vormittag verbringe ich mit Zakir, wir fahren von Veranstaltung zu Veranstaltung. Am Nachmittag schlendere ich mit Pinaki, Amit und seinem australischen Freund Calum durch das Uni Viertel und probieren diverse Zuckerartikel.

Pinaki`s Cousine war zwei Wochen nach ihrer Hochzeit mit ihrem Mann nach Dhaka gezogen. Wir sind am Abend zum Essen eingeladen. Die Redaktion verlassen wir heute etwas früher um noch einzukaufen. Pinaki fiel ein, dass seine Cousine nicht kochen kann. Er wollte auf Nummer sicher gehen und noch ein paar gegrillte Hühnchen kaufen. Zusammen mit den Hühnchen in meinem Rucksack und einer riesigen White Forrest Torte treffen wir bei seiner Cousine ein. Sie hat zwar nicht gekocht, dafür aber ihr Mann. Die Torte gab’s als Vorspeise. Da war ich eigentlich schon satt. Dann gab’s die Hühnchen. Da war ich voll. Dann gab’s ganz viele herrliche Curryvarianten. Tja, und dann gab’s noch ziemlich viel Eis als Nachspeise.

 

20.12.2006

Deadly manwhole

21.12.2006

Lange zögere ich den Augenblick des Packens hinaus. Als ich endlich damit beginne stelle ich schnell fest ,dass mein Rucksack zu klein ist. So viele Geschenke! Ikram und Sayful, die mir beim Packen zusehen, ziehen mich am Ärmel und wir fahren ein letztes Mal mit einer Rickshaw durch das Gassengewirr der Altstadt. Eine Tasche muss her. Gar nicht so einfach an einem Hartaltag. Die meisten Geschäfte und Markstände sind zu. Doch nach einer Stunde bin ich stolze Besitzerin einer rotblauen Reisetasche für 100 Taka (1,5$).

er Abschied fällt mir unglaublich schwer. Die letzten Tage war ich auf Abschiedslunchs, -dinners, -parties, einer nach der anderen, und die Zeit rannte noch schneller als schon die sieben Wochen zuvor.

Mahfuz Anam, der Chefredakteur des Daily Star hält am letzten Nachmittag vor versammelter Belegschaft eine Ansprache für mich. Am Ende der Rede bin ich bewegt, sprachlos, verstummt, möchte eigentlich so vieles sagen.
Es geht nicht.
Ich will nicht gehen.
Die Tränen halte ich zurück bis ich am nächsten Tag im Flugzeug sitze. Ich habe viele nette Menschen kennengelernt, neue Freunde gewonnen. Die Gastfreundschaft dieses Landes ist überwältigend.

Man hat hier für mich wie für eine Tochter, eine Schwester gesorgt. Nach meinen Beschreibungen, müsste man wohl davon ausgehen, dass ich etwas mollig geworden bin. Es gibt einen guten Grund, den ich bisher diskret verschwiegen habe, weshalb dem nicht so ist. Das „stille Örtchen“ heisst in Bangladesh Paykhana. Es sei geklagt, es gab auch Tage, da hab ich mich fast ausschliesslich im Paykhana aufgehalten, und da war es nicht immer besonders gemütlich.

Ich bin dankbar für diese Reise, für die beruflichen und menschlichen Erfahrungen, die ich in diesem Land machen durfte. Die Liste der einzelnen Menschen, denen ich persönlich zu danken habe, ist unendlich lang. Sie hat hier nichts zu suchen.
Kurz aber herzlich möchte ich mich hier wie folgt bedanken:
MAZ, Luzern
DEZA, Bern
Familie Ahmed, Dhaka (meine Familie)
und bei meinen Kollegen und Freunden von The Daily Star, Dhaka, Bangladesh (I’ll come back as soon as possible!).

 

Meine Erfahrungen kann mir wirklich niemand mehr weg nehmen.

ENDE

Miriam Künzli
Zürich 8. Januar 2007

www.miriamkuenzli.de