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Stagiaires in Auslands-Redaktionen

Andrew Jones berichtet aus Bangladesch

Andrew Jones (1980) arbeitet von Mitte November bis Ende Dezember 2010 bei der englischsprachigen Zeitung  The Daily Star in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Seit 2001 ist er für die Neue Luzerner Zeitung tätig, zunächst als Redaktor für verschiedene Magazine, heute als Kulturredaktor. Er hat an der Universität Luzern Medienwissenschaften studiert.

Andrew Jones

Samstag, 13. November 2010: „Sie sehen müde aus“

Ich bin der letzte in der Schlange. Nach fünf Viertelstunden bin ich dran mit der Passkontrolle, der Beamte grinst, fragt, woher ich sei, meint „sie sehen müde aus“, entschuldigt sich für das Warten, knipst ein Bild von mir und lässt mich dann rein. In die Gepäckhalle des Flughafens. Nach Dhaka. Nach Bangladesch. Bis Ende Jahr werde ich hier leben und arbeiten. Ich trage Koffer und Rucksack aus dem Gebäude und da steht, zum ersten Mal in meinem Leben, ein Mann mit einem grossen weissen Karton, auf dem mein Name steht. Die ersten Male werden sich heute noch häufen.

Der Mann mit dem Schild ist ein Fahrer der Reisefirma Guide Tours, die meiner Gastgeber-Familie gehört. Als wir nach weiteren fünf Viertelstunden in ihrem Haus im Zentrum Dhakas eintreffen, werde ich herzlich empfangen. Ich bin bei Emile einquartiert, einem 23-jährigen Reiseführer, der mir ein Zimmer in seiner Wohnung zur Verfügung stellt. Ein anderes Zimmer in der Wohnung bewohnt  zurzeit Coralie Wenger. Sie war meine Vorgängerin als Stagiaire beim Daily Star, besucht bis Weihnachten Freunde in Bangladesch und hat die Unterkunft für mich vermittelt. Ich packe einige Geschenke aus, Emile freut sich vor allem über den Whiskey, und es kommt sowas wie WG-Stimmung auf. Halima, Emiles Hausmädchen und Köchin, tischt Reis und Beilagen auf und das zweite erste Mal an diesem Tag kann starten: Essen mit den Fingern. Ich werde instruiert. Am einfachsten lädt man die Speisen auf Zeige- und Mittelfinger und benutzt den Daumen, um sie sich in den Mund zu schieben. Klappt ganz okay.

Mit meinen Mitbewohnern gehe ich dann ein paar Stockwerke nach oben. Hier treffen wir Elisabeth Fahrni Mansur und ihren Mann Rubai mit ihrem zweimonatigen Sohn. Die Geschichte des Paares wurde in der Schweiz und in Deutschland  wiederholt  in den Medien erzählt. Elisabeth war Lehrerin im Thurgau, bevor sie sich in den Bangladeschi Rubai verliebte und weit über Bangladesch hinaus als Reiseveranstalterin und Naturschützerin bekannt wurde. Rubai ist Emiles Cousin, aber viel weiter durchblicke ich die recht komplexen Verwandtschaftsstrukturen der Guide-Tours-Dynastie noch nicht. Vorerst zählt, dass sich Elisabeth und Rubai über Schoggi und Käse aus meinem Koffer freuen und sich offen zeigen, mir jederzeit behilflich zu sein.

Eigentlich sollte ich jetzt schlafen, denn ich sehe mittlerweile sicher noch müder aus als vorhin am Flughafen. Aber Dhaka ist ein Sog, der einen reinzieht und durchschüttelt. So steht es in einem Reiseführer. Er hat Recht. Mit Coralie und Emile schwinge ich mich auf eine Rikscha - mein drittes erste Mal für heute - und erlebe wie in einem seltsamen, bunten, schrillen, teils bizarren Kurzfilm, was Dhaka bedeutet: Totale Anarchie auf der Strasse und überall Menschen. Nebeneinander, übereinander, untereinander.

Daheim nehme ich eine kühle Dusche und schlüpfe unter das grosse Moskitonetz, das Halima für mich aufgespannt hat. Draussen ruft der Muezzin, der Strom fällt aus und der laute Generator des Hauses springt an, aber das ist mir alles egal. Endlich schlafen.

Sonntag, 14. November: Mit der Rikscha ins Büro

Die Matratze ist hart, aber fair. Ich fühle mich erfrischt und greife bei Halimas Omeletten gerne zu. Auf 11.30 Uhr hat mich der Administrationschef des Daily Star ins Büro bestellt. Er erklärt über mein Handy einem Rikschafahrer auf Bangla den Weg. Weil die Oppositionspartei heute einen landesweiten Streik ausgerufen hat, sind einige Strassen gesperrt und Autos dürfen bis zum Sonnenuntergang nicht fahren. Der permanente Stau in der Stadt ist also für einmal aufgelöst. Ich komme beim Daily Star rechtzeitig an und betrete ein neu gebautes Hochhaus, in dem die Zeitung erst gestern drei Stockwerke bezogen hat. Alles ist neu und so passe ich eigentlich recht gut ins Bild. Ich werde verschiedenen Leuten vorgestellt und erhalte bald schon vom Chef der Lokalredaktion einen ersten Auftrag. Morgen soll ich mit einem Reporter an den Kuhmarkt, um danach meine Erlebnisse als ausländischer Besucher aufzuschreiben.

Am Abend ist Shahnaz, eine Reporterin des Daily Star und eine Freundin Coralies, in unserer WG zum Essen eingeladen. Sie hat ein Auto mit einem eigenen Chauffeur. Wir essen Pizza vom Lieferservice, quatschen über unsere Arbeit, Sport, Reisen, Kinofilme und vieles mehr, derweil der Chauffeur ganz selbstverständlich unten vor dem Haus wartet. Das ist mir unangenehm. Es ist das gleiche Gefühl, das ich heute Morgen hatte. Als ich das Redaktionsgebäude betrat, stand der junge Wachmann auf und salutierte mir zackig. Dhaka entlarvt mich als reicher Westler, ob ich will oder nicht.

 

Montag, 15. November: Reporter kauft Kuh

Die Viehhändler von Dhaka sind bestens gelaunt (siehe Bild). Zwei Tage vor dem muslimischen Opferfest Eid al-Adha laufen die Geschäfte gut. Familien, die das Fest begehen, werden nämlich zum Kuh-Kauf-Clan. Sie schleppen ein Tier mit sich nachhause, um es am Morgen von Eid al-Adha vor dem eigenen Heim zu schlachten. Mit Helemul, einem Reporter beim Daily Star, klappere ich für einen Bericht die Viehmärkte ab. Er fragt nach Preisen und Spezialitäten. Auf einem grossen Platz in der Altstadt Dhakas werden zum Beispiel die weissen Mirkadim-Kühe angeboten. Deren Fleisch soll besonders zart sein. Wie wir erfahren, werden sie mit Reis und Butter gefüttert. Angeblich schlafen sie sogar unter Moskitonetzen.

Mehrere Stunden wate ich mit Helemul durch die Gassen von Old Dhaka, die gepflastert sind mit Stroh und Kuhdung. Das Gedränge ist enorm. Auf einem Platz spricht Helemul dann sehr lange mit einem Händler und telefoniert immer wieder – alles auf Bangla, weshalb ich zu Beginn nicht verstehe, was los ist. Langsam dämmert es mir: Der Reporter will hier selber noch schnell ein Geschäft erledigen. Es kommt zur Einigung, die Kuh wird reserviert, und wir rasen mit einem so genannten CNG, einem Motorradtaxi mit einer Art Käfig als Fahrgastraum, zurück zur Redaktion. 

Der Fotochef will die Bilder sehen, die ich mit meiner Kompaktkamera auf dem Kuhmarkt geknipst habe. Er findet sie gut und überlegt, Helemuls Bericht damit zu illustrieren. Dann kommt Tamanna vorbei, eine junge Redaktorin eines Magazins. Sie möchte mich interviewen. Was ist meine persönliche Meinung zum Massenschlachten am Opferfest?  Etwas überrumpelt wähle ich die vermeintlich politisch korrekte Antwort: „Ich respektiere Traditionen“. Tamanna runzelt die Stirn. „Ich frage dich nach dem Fest nochmals.“

Vor dem Heimgehen spreche ich kurz mit Helemul. Sein Bruder hat eine noch bessere Kuh gefunden, erzählt er mir.

Dienstag, 16. November: Mein Seite-3-Bild

Weil morgen keine Zeitung erscheint, habe ich frei. Ich tue, was die Menschen von Dhaka in solchen Situationen gerne tun: zuhause bleiben. „Etwas unter die Leute gehen“ bedeutet in dieser Stadt „untergehen“. Gegen Abend schlüpfe ich dennoch rasch in die Schuhe, um mir am Zeitungsstand eine Ausgabe des Daily Star zu kaufen. Mein Foto einer verwöhnten Mirkadim-Kuh hat es als Hauptbild auf Seite 3 geschafft.

Für die Zeitung zahle ich 10 Taka. Das entspricht etwa 15 Rappen. Es verdeutlicht mir einmal mehr, wie arm dieses Land ist. 30 Prozent der Bangladeschi müssen mit weniger als einem Franken pro Tag auskommen. Journalisten sind im Vergleich dazu reich. Aber auch sie verdienen selten mehr als 500 Franken im Monat. Trotz Uniabschluss und perfektem Englisch.

Mittwoch, 17. November: Blut an den Sohlen

Sie tragen lange, helle Gewänder und hasten durch die Strassen. Morgens um halb acht eilen die Männer zum traditionellen Gebet des Opferfests. Mit Morshed, einem Redaktor des Daily Star, fahre ich mit der Rikscha zur Nationalmoschee. Auf der Strasse davor verbeugen sich hunderte Männer.

Anschliessend fahren und gehen wir durch die Quartiere. Ich schaue mir an, was Besucher von Bangladesch meist nur einmal erleben wollen: Das Schlachten der Opferkühe. Vor den Häusern steht jeweils eine Gruppe Männer, die ein Tier festhält, das sich nach Kräften windet. Mit einem langen Messer durchtrennt einer den Hals der lebenden Kuh. Blutfontänen. Noch auf dem Trottoir werden die Tiere aufgeschlitzt, Gedärme liegen im Staub und Dreck. Bis am Abend sitzen die Männer draussen und hacken das Fleisch in kleine Stücke. Später wird es dreigeteilt und geht an die Familie, an die Verwandten und an Bedürftige. Das Blut bleibt in langen, dunklen Pfützen liegen und es ist unmöglich, ihnen komplett auszuweichen.

Morshed lädt mich zum Essen bei seiner Schwester ein. Ich empfinde das als grosse Ehre. Eid al-Adha  ist für Muslime etwa gleich wichtig wie Weihnachten für Christen. Morshed will alles über die Schweiz wissen und hofft, sich vielleicht in drei Jahren ein Flugticket nach Europa leisten zu können. Was ihn aktuell am meisten nervt, ist seine Wohnsituation. Weil er unverheiratet ist, will ihm niemand eine eigene Wohnung vermieten. Die Vermieter fürchten Damenbesuche und Partys. Mit 32 ist er noch immer gezwungen, bei Verwandten zu leben.

Zurück in Emiles Wohnung werde ich nochmals zum Eid-Essen eingeladen, diesmal bei den Mansur-Grosseltern, die das unterste Stockwerk unseres Hauses bewohnen. Es gibt sehr zartes Rindfleisch und ich denke seltsamerweise keine Sekunde an das, was ich heute gesehen habe.

Donnerstag, 18. November: Bangla aus dem Kühlschrank

Mit einem Rumoren im Magen wache ich auf. Der gestrige Tag war zu viel des Guten. Von Halima, unserem Hausmädchen, erhalte ich ein Sachet mit einem Pülverchen. Es nützt, auch wenn ich nicht verstehe, was auf der Packung steht. Dass hier so wenige Leute Englisch sprechen und vieles nur in Bangla angeschrieben ist, habe ich nicht erwartet. Zum Glück habe ich in der Schweiz in letzter Minute einen Bangla-Sprachführer gekauft. Er ist jetzt Gold wert. Weil meine Mitbewohner Coralie und Emile auf einer Bootsfahrt im Süden sind, bin ich mit Halima alleine in der Wohnung. Ich übe ein paar Überlebensphrasen, die sich ums Essen drehen. Halima hat Spass an meinen Versuchen und ist eine gute Lehrerin. Sie nimmt Esswaren aus dem Kühlschrank, sagt mir die Begriffe auf Bangla vor, ich vergleiche mit dem Sprachführer und spreche nach. Aufbau und Aussprache sind relativ simpel. „Ami khabo na“ sage ich später auswendig, „ich esse nichts“. Aber Halima lässt das nicht gelten. Huhn, Reis und Tee päppeln mich etwas auf.

Die genaue Geschichte von Halima kenne ich nicht. Klar ist mir aber, dass Emile und seine Familie sie sehr gut behandeln. Sie hat eine eigene kleine Wohnung, man spricht nett mit ihr und es ist auch okay, dass jeden Tag Frauen bei uns vorbeikommen, die wahrscheinlich Freundinnen oder Verwandte Halimas sind. Sie gehören ganz offensichtlich zu den Ärmsten. Coralie vermutet, dass einige von ihnen in den Slums von Dhaka wohnen, und dank Halima eine Stunde oder so dieser Welt entrinnen können. Oft sitzen sie dann bei uns auf dem Küchenboden und sagen nicht viel.

 
Montag, 22. November: Die Detektive von Dhaka

Ziemlich cool sitzen sie auf ihren Motorrädern, rauchen, und schlängeln sich nonchalant durch den dichten Verkehr. Pinaki (auf dem Bild links) und Rakib (rechts) sind Reporter beim Daily Star. Heute begleite ich sie und steige bei Pinaki auf. Die Geschichte, an der die beiden dran sind, ist harter Stoff. In einem Dorf wollte die Armee Bürger zum Verkauf von Land zwingen. Als die Leute dagegen protestierten, wurden mehrere von ihnen angeschossen und verschleppt. Wo diese Menschen jetzt sind, weiss niemand, ihre Angehörigen sind verzweifelt. Der Daily Star hat in der Sonntagsausgabe darüber berichtet. Dass die Vermissten noch am Leben sind, ist unwahrscheinlich. Pinaki und Rakib versuchen nun herauszufinden, wo ihre Leichen sein könnten.

Wir fahren zu einer Agentur in Dhaka, die ein Begräbnisregister führt. Dort ist meine Kompaktkamera hilfreich, um mehrere Seiten der handschriftlich verfassten Akten zu fotografieren. Danach besuchen wir die medizinische Fakultät, um die Verantwortlichen der Leichenhalle zu befragen. Doch niemand weiss Genaues, die  Reporter werden ihre Recherchen später fortsetzen.

Das Foto oben könnte ein falsches Bild vermitteln. Pinaki und Rakib sind zwar entspannte junge Menschen, doch wenn sie an einem Fall wie diesem arbeiten, sind sie sehr ernst und total professionell. Pinaki mit seiner melancholischen Ader wäre sogar die Idealbesetzung für jeden Thriller.

Doch dies ist die Realität. Und wie wichtig Pinaki und Rakib sind, ist fast nicht abzuschätzen. Wenn nicht sie die Vorkommnisse aufklären, wird es womöglich niemand tun. In Bangladesch kann die Hälfte der Erwachsenen weder lesen noch schreiben. Es ist für sie fast unmöglich, gegen Behördenwillkür anzukämpfen. Die Medien können zumindest aufdecken und publik machen, was in diesem Land geschieht.

 

Dienstag, 23. November: Eiskalt

Aus Neugier google ich den Redaktor, an dessen Pult ich vorübergehend sitze. Überraschung: Er ist ein Nationalheld. Musa Ibrahim hat diesen Sommer als erster Bangladeschi den Mount Everest bestiegen. Auf dem Gipfel hat er nicht nur die grün-rote Nationalflagge entrollt, sondern auch ein Banner mit dem Daily-Star-Logo in die Kamera gehalten. Auf dem Rückweg ist Musa Ibrahim allerdings fast gestorben, weiss Google weiter. Ein junger Brite fand ihn ohnmächtig im Schnee und konnte ihn retten.

Gesund aussehend kommt Musa später an diesem Tag ins Büro und ich rücke einen Platz weiter. Er ist vom Typ her eher trocken und hat die letzten paar Tage Werbung für eine Zementfirma gemacht. Passt irgendwie.

Während draussen gegen 30 Grad herrschen, ist die Klimaanlage im neuen Büro auf null Grad eingestellt, so fühlt es sich zumindest an. Kaum betreten die Mitarbeiter den Stock, zippen sie Fleecejacken zu und schlingen Schäle um den Hals. Ein Wirtschaftsredaktor, kein Witz, trägt sogar konsequent eine Skimütze.

Ansonsten herrscht auf der Redaktion der normale Wahnsinn, wie ich ihn aus der Schweiz kenne. In einem charmelosen Grossraumbüro hängen Flachbildschirme an den Wänden, auf denen verschiedene Fernsehprogramme laufen. Es gibt übermütige Jungredaktoren, die zwischendurch gerne ein Ballergame am PC spielen, es gibt schrullige Abendredaktoren mit Augenringen, resolute Ressortleiterinnen, hochrespektierte Chefreporter, hübsche Jungautorinnen, und einen Chefredaktor, der seiner Mannschaft gerne die Welt erklärt.

Mittwoch, 24. November: Der König kommt

Seit heute sind die Wände vollgepflastert mit Plakaten: Der König kommt, Shahrukh Khan, der beliebteste Schauspieler Indiens und einer der bekanntesten Menschen dieses Planeten. Am 10. Dezember wird King Khan (so steht es auf dem Plakat) im Armeestadion Dhakas auftreten. Was er dort machen wird, kann mir niemand genau beantworten, ist wohl aber auch egal. Wahrscheinlich wird er zu Liedern aus seinen Bollywood-Filmen herumhampeln. Eigentlich hätte ich Lust, dieses Spektakel mitzuerleben. Als mir Emile dann aber erzählt, wie viel ein Ticket kostet, lasse ich von diesem Plan ab. Wer zu Khan will, zahlt 200 Dollar oder mehr. Wer kann sich das leisten, in Bangladesch?

Die Masse macht‘s aus. Das kleine Land hat 160 Millionen Einwohner. Auch wenn nur ein Bruchteil der Bevölkerung wohlhabend bis reich ist, bedeutet das ein Millionenpublikum für solche Events.

Die Leute um mich herum sind allerdings genervt von der Elite des Landes. Meine Kollegen und meine Gastfamilie gehören zur Mittelschicht. Die Oberschicht lebt in einer so genannten AC-Bubble, sagen sie, einer Blase, in der immer eine Air-Conditioning läuft. Doch nicht nur physisch meide die Elite das restliche Bangladesch. In ihren Familien und Schulen werde zum Teil nur noch Englisch gesprochen, Bangla als minderwertig empfunden.

Unter den Plakaten mit dem lächelnden Shahrukh Khan schlafen derweil Kinder auf den Trottoirs. Familien campieren neben Abfalltonnen und kratzen Essensreste aus den fortgeworfenen Sachen. Verkrüppelte, magere Menschen schleppen sich auf Rollbrettern über den staubigen Asphalt. Behinderte werden in grob gezimmerten Kisten herumgekarrt.

Freitag, 26. November: Nochmals Kühe

Der Freitag ist der Ruhetag in Bangladesch, ein eigentliches Wochenende gibt es nur bedingt. Manche Leute haben auch am Samstag frei, beim Daily Star arbeiten alle sechs Tage die Woche. Da heute also quasi Sonntag ist, erscheint der Daily Star mit etwas mehr Lesestoff. Es liegt das Star Magazine bei, ein Heft mit längeren Hintergrundgeschichten und leichten Kolumnen. Unter anderem gibt es nochmals Artikel zum Opferfest Eid al-Adha. Auch mit mir und von mir.

Hier ist der Artikel von Tamanna Khan über die Erlebnisse von Ausländern am Opferfest, inklusive mir...

Mein Text über die Kuhliebe der Bangladeschis aus der Sicht eines Schweizers ist ebenfalls erschienen. Schade, er wurde leider nicht korrigiert.

Online ist jetzt auch der Text von Helemul Alam über Dhakas Kuhmärkte, mit dem von mir geschossenen Bild.

Samstag, 27. November: Nachtleben

Abends riecht es in Dhaka ein bisschen nach Pfadilager. An den Imbissständen, welche die Strassen säumen, zünden die Händler Petrollampen und Kerzen an. Überall brutzelt und dampft etwas. Oft liegen ganze Quartiere mehrere Stunden lang im Dunkeln, weil wieder einmal der Strom ausgefallen ist. So muss es vor einigen hundert Jahren in Europa ausgesehen haben.

Dies zumindest ist die Stimmung in meinem Quartier, in Moghbazar. Gestern war ich erstmals in Gulshan, dem Diplomatenviertel – oder deutlicher: Reichenghetto. Wie anders ist es hier. Mit meinen Mitbewohnern und zwei Daily-Star-Leuten ass ich in einem Restaurant mit gemütlichem Gartensitzplatz. Während in Moghbazar fast nur Rikschas und CNG-Babytaxis verkehren, kurven hier grosse schwarze Schlitten mit blitzendem Chromstahl durch die breiten, sauberen Strassen. In manchen herrscht sogar Rikschaverbot (siehe Bild). Aus Festzelten vor Restaurants dröhnt asiatischer Billig-Pop, eine aufgetaktelte Partymeute stakst aus den Autos in die Lokale.

Heute Abend erlebe ich dann eine dritte, recht abgefahrene Art von Nachtleben. Reporter Pinaki schlägt mir vor, mich an ein indisches Kulturfestival mitzunehmen. Zuerst aber, sagt er, wolle er mir eine Bar zeigen. Eine Wodkabar. Ich sage zu.

In der Bar ist es stockdunkel. Nur hinter dem Tresen brennt eine Lampe, irgendwo hängt ein kleiner Fernseher, es läuft englischer Fussball. In der Dunkelheit finden wir schliesslich Pinakis Freunde. Wir trinken zwei Gläser Wodka aus der Region und naschen dazu Kichererbsen an einer scharfen Sauce. Keinen von Pinakis Freunden würde ich bei Tageslicht wieder erkennen, so dunkel ist es. Genau dies ist das Ziel. Niemand soll einen anderen Gast verpfeifen können. Der Kauf von Alkohol ist in Bangladesch verboten, ausser man ist Ausländer oder besitzt ein ärztliches Rezept. Pinaki wirkt etwas trotzig, als wir aus der Bar treten. Er gehört zur Minderheit der Hindus, die sich den Regeln der muslimischen Mehrheit anpassen muss.

Im Wodka hatte es definitiv Alkohol. Pinaki und ich fläzen uns in die roten Plüschsessel des Nationaltheaters und dösen zu den psychedelischen Sitar-Klängen eines indischen Meisters fast ein.

Sonntag, 28. November: Den Falschen im Fokus

Heute Nachmittag bin ich erstmals alleine für eine Geschichte unterwegs. Im British Council, dem britischen Kulturhaus, besuche ich eine Pressekonferenz (im Bild: Journalisten anderer Medien). Es geht um Rabindranath Tagore, den Nationaldichter von Bangladesch, dessen Geburt sich nächstes Jahr zum 150. Mal jährt. Der British Council veranstaltet dazu ein Festival. An der Pressekonferenz spricht unter anderem Akram Khan, ein Bangladeschi, der in England lebt und als Tanz-Choreograph weltweit erfolgreich ist. Er arbeitet unter anderem mit Popsängerin Kylie Minogue zusammen.

Doch während Khan vorne spricht, schwenken die zahlreichen Kameraleute immer wieder zu mir. Ich setze mein seriösestes Gesicht auf und mache eifrig Notizen. Die Bilder von mir sollen wahrscheinlich suggerieren, dass die Sache wichtig ist. Oder ich bin als Westler einfach das kurioseste Ereignis an diesem eher biederen Anlass.  

Hier ist mein Kurzbericht für den Daily Star.

Montag, 29. November: Schmetterlinge

Mittlerweile geniesse ich es, zu Fuss ins Büro zu gehen. Ich brauche dafür etwa eine halbe Stunde. Der Weg führt mich vorbei an Dutzenden kleinen Lädelchen und Ständen, die Früchte, Frittiertes, Medikamente und SIM-Karten verkaufen. Ebenso gibt es Coiffeursalons und Fotostudios, Mini-Moscheen, Supermärkte für Reiche und Möbelgeschäfte. In Open-Air-Autogaragen biegen Männer mit glühenden Eisen rote Scheiben zu Rücklichtern.

Alle Leute sind sehr, sehr höflich zu mir. Kaum einer will mir etwas verkaufen, die meisten Leute schauen nur oder sagen verschmitzt „Hello“. Berührt werde ich nie. Ab und zu will mir jemand sein Englisch beweisen und fragt mich ein bisschen aus. So auch der Verkäufer, bei dem ich mein Handy-Guthaben aufgeladen habe. Neulich hat er mich angerufen, einfach so, für einen Schwatz.

Hinter jeder Ecke wartet hier so viel Spannendes, Verblüffendes, Schönes, aber auch Tragisches. Und mittendrin im farbigen Chaos von Menschen und Maschinen flattern erstaunlich viele Schmetterlinge

Dienstag, 30. November: Piraten

Heute ist ein so genannter Hartal. Schon zum zweiten Mal, seit ich in Dhaka bin, herrscht ein landesweiter Streik. Die Proteste drehen sich darum, dass die Chefin der Oppositionspartei eines ihrer Häuser räumen musste. Sie und die Premierministerin liegen sich seit Jahren in den Haaren, meine Kollegen auf der Redaktion finden das Gezanke kindisch. Persönliche Eitelkeiten der Damen legen das ganze Land lahm. Heute dürfen wiederum bis Sonnenuntergang keine Autos auf den Strassen fahren.

In einzelnen Quartieren Dhakas kommt es zu Demonstrationen und Tumulten. Ich nehme eine Rikscha ins Büro. Auf den meisten Strassen ist es nie so friedlich wie an einem Hartal.

Furchteinflössend sind einzig die Patrouillen des RAB. Das Rapid Action Battalion ist eine Spezialtruppe der Polizei und des Militärs. Es soll Terroristen und Kriminelle verfolgen. Das RAB entscheidet weitgehend selber, wen es ins Visier nimmt und wie es das tut. So sehen seine Männer auch aus. Auf Motorrädern und Jeeps rasen sie durch die Strassen, ganz in schwarz gekleidet und mit schwarzen Piratentüchern auf den Köpfen.

Mittwoch, 1. Dezember: Zwischen Käse und Karate

Heute fahre ich in den Norden der Stadt, zuerst ins Quartier Banani. Um 11 Uhr treffe ich den Schweizer Botschafter Urs Herren. Mit zwei Mitarbeitern erklärt er mir, wie die DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) in Bangladesch arbeitet. Zu Fuss gehe ich dann weiter nach Gulshan, wo die höchsten Geschäftsgebäude der Stadt stehen und alles ein bisschen westlicher aussieht.

Für das Lifestyle-Magazin des Daily Star soll ich verschiedene Artikel schreiben, unter anderem über die Verwendung von Käse. Viele Bangladeschis seien da ratlos, sagt mir Raffat, die Magazin-Leiterin. An der Gulshan Avenue liegt der grösste Supermarkt der Stadt und ich checke mal die Lage in der Käseabteilung ab. Sie ist erwartungsgemäss sehr klein. Verblüffender ist für mich, dass ich nach zweieinhalb Wochen in Dhaka zum ersten Mal westlich aussende Menschen sehe. Grüsst man sich in so einer Situation? Die andern machen es nicht und so lasse auch ich es sein.

Am Nachmittag besuche ich eine Karateschule in der Nähe von Gulshan, ebenfalls für das Lifestyle-Magazin. Ich interviewe Shahed, den Schulleiter. Er beeindruckt mich. Selten habe ich einen so konzentrierten und gleichzeitig so gelassenen Menschen erlebt.

Gulshan ist der reichste Teil der Stadt, doch auch hier gibt es einen Slum. Als ich Richtung Karateschule gehe, überquere ich auf einer Brücke den völlig verdreckten Banani Lake. Die Slumbewohner haben darauf eine Art Taxidienst mit Booten eingerichtet (siehe Bild). Schaltet man den Kopf aus und schaut man nicht genau hin, wirkt die Szenerie idyllisch.

Donnerstag, 2. Dezember: Sie sind dann mal weg

Sie verblüffen mich immer wieder. Die jungen Menschen um mich herum sind kreativ, gebildet und sehen, woran dieses Land krankt und was es bräuchte, um die Lage zu verbessern. Und viele leben einen sehr westlichen Lifestyle. Sherpa, ein junger Businessreporter beim Daily Star, erzählte mir heute von Heavy-Metal-Konzerten, die er in Dhaka regelmässig besucht. Morshed, ein Newsredaktor, kennt sich mit russischen Filmen bestens aus. An einer Party bei uns im Haus erzählte mir eine junge Frau, dass sie Modetechnologie studiert. Anders als die abgehobene Elite könnte diese weltoffene, gut verwurzelte Mittelschicht das Land voran bringen.

Das Problem ist nur: Ein grosser Teil dieser progressiv denkenden Menschen will Bangladesch so bald wie möglich verlassen. Mit arrangierten Ehen, dem Alkoholverbot und korrupten Behörden wollen sie nicht leben. Das Land bringt zwar helle Köpfe hervor, droht sie aber sogleich zu verlieren.

Weil es so viele Bangladeschis gibt, hat jeder einen Cousin, Onkel oder Bruder in einem westlichen Land. Das Ziel heisst darum Kanada, nicht Khulna, und Deutschland, nicht Dhaka.

Freitag, 3. Dezember: Die Tinnitus-Kur

Am Abend bin ich zu einer Party eingeladen. Meine Gastfamilie feiert die Geburtstage zweier Frauen bei uns im Haus, von Lara, Emiles Nichte, und von Elisabeth, seiner Schweizer Schwägerin. Auf der sonst kargen Dachterrasse steht ein grosses Partyzelt aus weissem Stoff, indem sich rund hundert herausgeputzte Gäste am Buffet bedienen. Einigen Gästen erzähle ich, dass in der Schweiz jetzt Schnee liegt, der in den Strassen alle Geräusche schluckt. Sie lachen und meinen, in Dhaka herrsche nie Ruhe. Mir fällt in der Tat auf, dass ich das leise Pfeifen in den Ohren, das ich in der Schweiz manchmal höre, hier noch nie wahrgenommen habe. Dhakas Soundtrack läuft in der Endlosschleife. Das Klingeln der Rikschas, das Klagen der Bettler, das Schreien der Katzen, die Bollywoodshows im Fernsehen, das laute Horn des Zuges, der die Menschen, die auf den Schienen gehen, vertreibt, das Hupen der Autos, die Rufe der Händler, der Gesang der Muezzins: alles vermischt sich, löst sich ab, verschwimmt.

Ich notiere mir eine Geschäftsidee: Tinnitus-Kuren in Bangladesch.

Samstag, 4. Dezember: Es gibt Reis

Was isst man eigentlich so in Bangladesch? Die Kurzfassung lautet: Reis.

Wer es etwas genauer wissen möchte: Am Morgen kocht Halima für uns meist einen gelben Reis, den sie mit Kartoffeln mischt. Dazu gibt es kleine Fladenbrote, mit denen man eine Art Reiskebab bastelt. Am Mittag und am Abend gibt es meist Reis mit verschiedenen Beilagen (siehe Bild). Das können unterschiedlichste Gemüse sein, etwa Spinat oder Blumenkohl. Dazu gibt es immer Fisch oder Fleisch, das heisst Huhn oder Rind. Alle diese Speisen sind gut gewürzt, aber nie höllisch scharf. Auch zum Dessert gibt es oft Reis, dann einfach gesüssten. Als kleine Häppchen zwischendurch mögen die Bangladeschis alles Frittierte – luftige kleine Küchlein oder Gemüsetaschen. Getrunken wird Wasser oder Schwarztee.

Hier in Dhaka gibt es allerdings auch sehr viele Fast-Food-Restaurants. Die verkaufen dann Speisen, die sie Pizza oder Clubsandwich nennen, für mich aber weder so aussehen noch so schmecken. Ich bleibe sehr gerne beim Reis. Nur zwischendurch kaufe ich mir etwas Toastbrot oder Käse im exklusiven Supermarkt in unserem Quartier. Erstaunlich, wie schnell das einen Magen stabilisiert, der mal wieder etwas rumpelt.  

 

Samstag, 4. Dezember: Frauen, Männer, Facebook

Nach ein paar Wochen in der Reporter-Abteilung schreibe ich nun für das Lifestyle-Magazin, bei dem es akut an Autoren mangelt. Ich arbeite im obersten Stock der Redaktion, in der so genannten Feature Section. Hier entsteht alles, was nicht brandaktuelle News sind, also verschiedene Magazine und Kulturseiten. Im Gegensatz zum Newsroom herrscht ein gemütliches Klima. Die normale Arbeitszeit für Redaktoren beträgt auch hier fünf Stunden, allerdings bleiben viele weniger lang. Zarif und Sakeb, zwei Redaktoren des Lifestyle-Magazins, kommen oft gegen 12 Uhr und verlassen das Büro kurz nach 15 Uhr. Teepausen und Lunch inbegriffen. Dies aber nicht aus Faulheit. Es gibt einfach nicht mehr zu tun.

Magazin-Redaktorin Tamanna will von mir wissen, ob ich auf Facebook sei und nachdem wir ein paar Allgemeinplätze darüber ausgetauscht haben, erzählt sie mir, warum sie ihr Profil deaktiviert hat. Tamanna ist Mitte Dreissig, Single, und hat über Facebook einen Mann kennen gelernt, der sie ziemlich deutlich angebaggert hat. Erst sehr spät fand Tamanna heraus, dass er verheiratet ist. Seither traut sie Facebook nicht mehr und braucht eine Pause.

Die Bangladeschis sind Facebook-crazy. Mit gutem Grund. Ausser dem Arbeitsplatz gibt es kaum Orte, an denen sich Männer und Frauen ungezwungen treffen können. Freizeitgestaltung ist in Dhaka überhaupt sehr schwierig. Wer sich treffen will, muss sich zuerst eine oder mehrere Stunden durch den Stau kämpfen. Zum Flirt im Büro gibt es deshalb nur zwei Alternativen. Entweder hilft die Familie irgendwann nach und arrangiert etwas. Oder es klappt eben im Internet.

Als ich in einer Teerunde in der Kantine einmal scherzhaft erwähne, ich käme zurück nach Dhaka und eröffne Gemeinschaftszentren für junge Leute, schreien mich meine Kollegen vor Zustimmung fast an.

Dienstag, 7. Dezember: Schweiz baut Arche Noah

In der Schweizer Botschaft treffe ich heute Nachmittag Matthias Anderegg. Er ist Katastrophenexperte bei der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) und war interessanterweise einst Musik-Manager in der Berner Mundartszene. In einem kleinen Vortrag erklärt er mir, wie die Schweiz bessere Notunterkünfte für die Menschen im Süden des Landes entwickelt hat. Die Region um Khulna ist bei Zyklonstürmen jeweils besonders stark betroffen. Der Zyklon Sidr forderte im November 2007 rund 3500 Todesopfer.

Beim Daily Star erzählte mir ein älterer Reporter, Morshed Ali Khan, dass viele Schutzhäuser schlecht gebaut sind und zudem gar nicht genutzt werden, weil die Bauern ihre Tiere nicht mitnehmen können und die Frauen Angst haben, dieselbe Toilette wie die Männer benutzen zu müssen. Für solche Probleme haben die Experten der DEZA nun Lösungen gefunden. Sie bauen zwölf so genannte Cyclone Shelters, die einen neuen Standard setzen sollen. Über einen Steg gelangen die Bauern mitsamt ihren Kühen und Ziegen in die länglichen Gebäude, die ein bisschen wie eine Arche Noah aussehen. Das Vieh bleibt im Erdgeschoss, die Menschen beziehen einen Stock höher ihr Quartier. Es gibt Wasser, Solarstrom und getrennte WCs für Frauen und Männer. Die zwölf Shelter kosten insgesamt rund 3,4 Millionen Franken, der erste wird im Februar eingeweiht.

Für die Neue Luzerner Zeitung schreibe ich einen Artikel darüber. Bevor ich ihn nach Luzern maile, telefoniere ich noch lange mit Matthias Anderegg. Der Botschafter Urs Herren und er sind etwas unzufrieden, da sich meine Wortwahl nicht mit der Sprachregelung der DEZA deckt. Ebenso gefällt ihnen meine Arche-Noah-Metapher nicht so ganz, weil sie nach christlicher Missionierung klinge. Es heisst cool bleiben und Kompromisse finden.

Matthias Anderegg ruft mich später nochmals an: Er habe im Koran nachgeschaut und tatsächlich eine Stelle über Noah und seine Arche gefunden. 

Donnerstag, 9. Dezember: Waten und Beten

Es regnet, wie es im Tessin jeweils regnet. In Kübeln, nicht in Bechern. Zum ersten Mal, seit ich in Dhaka bin, herrscht anderes Wetter als das übliche schwül-warm-heiter. Im Strässchen vor unserem Haus waten die Leute im knöcheltiefen Wasser. Ich kremple die Hosen hoch, ziehe Flip-Flops an und mache mich auf den Weg ins Büro. Staub und Sand am Strassenrand haben sich in glitschigen Matsch verwandelt. Die Luft ist dafür frisch und ich nehme einige Züge auf Vorrat.

Am Abend zappe ich durch die Kanäle des Fernsehers, der in meinem geräumigen Zimmer steht, das eigentlich Emiles Vater gehört, der zurzeit in Khulna für die Familienfirma Guide Tours arbeitet. Ich bleibe hängen bei Islamic TV. Der Name ist Programm. Im Frontalunterricht erklären Gelehrte, wie man richtig betet. Dann folgt ein Theaterstück, in dem ungefähr zwölfjährige Jungs die Vorteile einer gewissen Islamic International School preisen. Zum Beispiel finden sie super, dass Mädchen und Buben getrennt unterrichtet werden. In einer weiteren Szene stauchen die Dreikäsehochs ihren Onkel zusammen, der Geschäfte macht, die nicht mit dem Koran vereinbar sind. Ihre Argumente kann ich zumindest nachvollziehen. Völlig Krudes sendet aber Peace TV, ein anderer Sender. Hier referiert ein Mann darüber, dass es eigentlich gar nicht so schlecht wäre, Dieben die Hand abzuhacken (siehe Bild oben).

Ich schalte um. Die indischen Sender mit ihren melodramatischen Seifenopern sind mir lieber. Doch auch hier gibt es endlos lange Monologe über Werte und Moral. Und ich dachte, wir Europäer seien die Verkopften.

Freitag, 10. Dezember: „Gorom Pani!„

Nur Köchin Halima und ich sind heute zuhause. Meine Mitbewohner Coralie und Emile sind auf einem Boot in den Mangrovenwäldern, wo Emile für eine Studie Fischer interviewt. Halima und ich sind beide stark erkältet. Als ich am Morgen ein kaltes Glas Wasser trinken will, hält mich Halima  lautstark davon ab. „Gorom Pani!“ ruft sie mir zu, „warmes Wasser!“. Heute gibt es nur heisse Speisen und Getränke. Entweder ist dies gesunder Menschenverstand, oder ich nehme aktiv an einer Ayurveda-Kur teil. Leider lässt mein Bangla eine Diskussion darüber noch nicht zu. Über alltägliche Dinge können wir uns jedoch schon gut verständigen.

Auch in der Stadt sind ein paar Wörter und Sätze auf Bangla sehr nützlich. Zum Beispiel kann ich bereits mit Babytaxi-Fahrern über Transportpreise verhandeln. Ich kenne zwar nur die Zahlen 50, 100 und 200 auf Bangla, aber das macht genügend Eindruck. Die Fahrer scheinen es sogar zu geniessen, etwas zu feilschen. Verlangen sie mehr als 150 Taka für eine Fahrt (rund 2 Franken), schüttle ich den Kopf und gehe ein paar Schritte weg. Fast immer rufen sie mich dann lachend zurück und nennen mich „Bhai“, Bruder, oder „Bhondu“, Freund.

Einige Babytaxi-Fahrer singen lauthals während der Fahrt, andere fragen mich die üblichen Fragen, die mir hier jeder stellt (in dieser Reihenfolge): Verheiratet oder unverheiratet?  Aus welchem Land? Wie lange in Bangladesch? Warum in Bangladesch? Wie gefällt dir Bangladesch?

Das Bild unten zeigt einen ganz normalen Stau in den Strassen Dhakas. Die grünen Gefährte sind die erwähnten Babytaxis, auch CNGs genannt. CNG steht für Compressed Natural Gas, komprimiertes Erdgas – der Treibstoff der dreirädrigen Töffs mit Rumpelkabine. Für längere Strecken nimmt man ein CNG, für kürzere eine Rikscha.

Sonntag, 12. Dezember: Stecken geblieben

Bislang ist mir in Dhaka noch nichts Unangenehmes passiert, bis gestern. Als ich Geld mit meiner Maestro-Karte abheben wollte, wurde sie vom Automaten verschluckt und nicht wieder  ausgespuckt. Doch mir wird geholfen. Die Hotline der betreffenden Bank funktioniert tatsächlich, ein netter Herr erklärt mir, bei welcher Bankfiliale ich mich melden muss. Am Sonntag kreuze ich dort auf und der Manager verspricht mir, „alles denkbar Mögliche“ zu tun, um mir meine Karte rasch wieder zu beschaffen.

Ich vertraue ihm. Bangladesch gilt zwar als eines der korruptesten Länder der Welt. Doch mir gegenüber sind alle Menschen unendlich hilfsbereit. Kann ich mich mit einem Rikschafahrer nicht verständigen, eilt zum Beispiel sofort jemand herbei und übersetzt auf Englisch. Die Bangladeschis erlebe ich ganz allgemein als direkt und deutlich. Sagen sie ja, meinen sie ja, nein bedeutet nein. Es gibt keine speziellen Codes oder Barrieren wie in anderen asiatischen Ländern. Über schräge Situationen lachen sie ebenso gern wie wir. Und anders als die Inder wackeln sie nicht ständig verwirrend mit dem Kopf, wenn sie reden. 

Mein Artikel über die DEZA-Shelter ist heute in der Sonntagsausgabe der Neuen Luzerner Zeitung erschienen, als Aufmacher mit zwei Bildern. > Artikel

Montag, 13. Dezember:  Highway to Hell

Für das Lifestyle-Magazin habe ich einige Artikel fertig geschrieben und kann mit gutem Gewissen auf meinen ersten längeren Ausflug. Ich fahre in den Südosten des Landes, in die hügeligen und grünen Chittagong Hill Tracts. Das Gebiet liegt an der Grenze zu Myanmar. Mit dabei sind Freunde aus der Schweiz, Martin und Valerie, die unabhängig voneinander auf Reisen sind und zufälligerweise im selben Hostel in Dhaka wohnen. Zu dritt nehmen wir den Nachtbus. Und wissen jetzt, wieso die Strasse zwischen Dhaka und Chittagong gerne als „Highway to Hell“ bezeichnet wird.

Ausser mit stoischer Gelassenheit lässt sich die Fahrt kaum ertragen. Weil Lastwagen nur in der Nacht fahren dürfen, ist die schmale Strasse vollgestopft mit grossen, lahmen Trucks. Unser Busfahrer überholt deshalb ständig und tut dies mit lautem Hupen. Neben ihm sitzen ein paar Männer, die so etwas wie Navigatoren sind. Einer haut ständig aufs Armaturenbrett, um seine mündlichen Kommandos zu untermalen.

Das Beste am Lärm im Bus ist die Musik, die im Cockpit läuft. Bangla-Pop, meist ziemlich melancholisch, mit R’n’B-Rhythmen, arabischen Melodien, hohen Frauenstimmen und indischen Instrumenten. Ein interessanter Mix, eigentlich, und gut für die Nerven. Ich verkrieche mich im Kapuzenpulli und döse irgendwann gegen drei Uhr ein.

Gegen sechs Uhr werden wir drei Ausländer geweckt. An einem Polizeiposten müssen wir uns in ein grosses Buch eintragen. In der Vergangenheit ist es in den Chittagong Hill Tracts zu Entführungen gekommen. Die Situation sei heute entspannter, heisst es zwar, doch die Polizei ist überall präsent. 

Dienstag, 14. Dezember: Willkommen im Dschungel

Im kleinen Ort Bandarban finden wir alles, was Dhaka nicht bietet: Stille. Eine Aussicht auf unendliche grüne Landschaften. Wir wohnen im Hillside Resort, einem Hotel von Guide Tours, der Firma meiner Gastfamilie. Auf der Terrasse des Restaurants treffen wir Hasan, den Familienpatriarchen, und seine Frau Topu, die in einem Buch über Käfer blättert. 

Alles ist wunderbar easy hier oben. Schmetterlinge flattern zwischen den grossen Bananensträuchern, es hat kaum Leute, und wir schlafen in geräumigen Bungalows an einem waldigen Hang. Sogar heisse Duschen gibt es. Getoppt wird das Ganze durch das Abendessen. Wir verschlingen verschiedene Schalen mit Poulet –  an einer Austernsauce und mit Cashew-Nüssen – und essen dazu Gemüse und Reis. Es ist die beste Mahlzeit, die ich in Bangladesch bisher hatte.

Mittwoch, 15. Dezember: Ein anderes Land

Unser Führer Nelson kündigt ihn als „Michael Jackson von Bangladesch“ an und drückt auf Play. Der Refrain des folgenden Songs besteht aus den Worten „bhalo na“, also „nicht gut“, und passt recht gut zum etwas besorgten Gesicht Nelsons. Er stammt aus einem Dorf in der Gegend Bandarbans und sieht wie die meisten Leute hier nicht dunkel und robust aus wie die meisten Bangladeschis, sondern sehr fein und südostasiatisch. In den Chittagong Hill Tracts hat man sowieso das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. In den Hügeln wohnen kleine Stämme, so genannte Hill Tribes. Sie sind Buddhisten oder Christen.

Mit Nelson fahren wir im Jeep zu einem Dorf eines christlichen Stammes. Die Hütten aus Bambus und Bananenblättern stehen auf Pfählen, unter welchen sich grunzende Schweinchen tummeln. Kinder spielen (siehe Bild), eine junge Frau sitzt an einem Webrahmen und Nelson führt uns eine Art Dudelsack vor.

Nachher fahren wir zurück nach Bandarban und essen in einem winzigen Restaurant. Der Wirt fragt uns, ob wir „Alkohol“ trinken möchten. Wir bejahen und sind gespannt. Bald schlüpft ein kleiner Junge durch den Türrahmen. Er trägt eine Halbliter-Petflasche mit sich. Es ist Reiswein, den wir mit etwas 7-Up verdünnt degustieren. Er ist stark. Den Rest schenken wir Nelson.

Letzter Programmpunkt ist eine buddhistische Tempelanlage. Am Abend nehmen Martin und ich dann wieder den Nachtbus zurück nach Dhaka, während Valerie noch bleibt. Das Wartehäuschen der Busgesellschaft ist eine Hütte aus Bambus und Wellblech, innen brennen nur zwei Kerzen. Der Bus ist dasselbe Modell, der Fahrer ist heute allerdings schlechter. Zwischen Vollgas und Vollbremse kennt er wenige Zwischenstufen. Seinen Fahrstil nennt Martin sehr treffend „binäres Fahren“.

 

Donnerstag, 16. Dezember: Egotherapie
                                               
Wir sind heil in Dhaka angekommen. Es ist Victory Day, Bangladesch feiert. Bis 1971 gehörte das Land zu Pakistan, in einem blutigen Krieg erlangte es die Unabhängigkeit. Die Stadt ist voll mit herausgeputzten Menschen in grünen und roten Kleidern, den Nationalfarben. Es gibt Umzüge, Konzerte. Im Park der Universität essen die Leute Snacks, spielen Badminton oder Cricket.

Martin und ich schlendern herum. Und fühlen uns abermals so, wie sich Roger Federer wohl jeweils fühlen muss. Schon gestern, als wir den buddhistischen Tempel besuchten, erregten wir Aufmerksamkeit. Kaum bleiben wir kurz stehen, bildet sich eine aufgeregte Menge um uns. Die Leute zücken Handykameras, legen ihre Arme um unsere Schultern, lachen und wollen sich mit uns fotografieren lassen.

Wer unter dem Gefühl leidet, völlig unbedeutend und uninteressant zu sein, sollte dringend nach Bangladesch reisen. Touristen sind noch derart rar, dass man sogar auf den Strassen der Hauptstadt nur ein- oder zweimal pro Woche einen Westler erspäht. Steht irgendwo ein Stuhl, wird er einem sofort angeboten, stehen Bangladeschis in einer Schlange, wird man daran vorbeigewunken.

Mein Kollege Martin bekommt sogar Komplimente. „Du siehst sehr gut aus“, meint ein junger Typ auf Englisch, als wir einer Parade zusehen. Mich hingegen fragt einer „Bist Du Chinese?“. Am Abend schaue ich sehr lange in den Spiegel.

Freitag, 17. Dezember: Am schwarzen Fluss

Wir stapfen über festgetrampelte Abfallberge. Martin und ich legen einen Sightseeing-Tag ein. Wir beginnen am Buriganga, dem breiten Fluss, der sich im Süden durch die Stadt schlängelt. Fluss ist allerdings übertrieben. Es ist ein tiefschwarzes Gebräu, auf dem ein loser Müllteppich driftet. Am Sadarghat-Bootshafen nimmt uns sofort ein Touristenführer in Beschlag. Juwul scheint uns kompetent, sein Englisch ist gut. So besteigen wir mit ihm ein kleines Ruderboot aus Holz und lassen uns vom Fährmann auf die andere Flussseite paddeln (siehe Bild oben).

Hier, neben und auf Kehrichthaufen, werden grosse Fähren gebaut und auseinandergenommen. Das geschieht praktisch von Hand. Unzählige Männer sitzen auf Gerüsten, hämmern, reissen, ziehen, schweissen, schrauben. In kleinen Teams schleppen sie schwere Eisenplatten herbei. Man wähnt sich beim Pyramidenbau im alten Ägypten. Juwul zeigt uns Löcher im Boden, in denen Schiffsschrauben gegossen werden. In einer Werkstatt stehen frühpubertäre Jungs an schweren Maschinen. Wie alle Arbeiter, die wir sehen, sind sie stolz und haben diesen feurigen Eifer im Gesicht, den man  in Dhaka überall antrifft. Trotz der Armut haben die Leute so viel Energie.

Wir spazieren durch die kleine Siedlung neben der Schiffswerft, kein Slum, aber die Häuser sind sehr einfach gebaut. Hier treffen wir ein Kuriosum an, von dem mir Kollegen beim Daily Star schon erzählt haben: Die Bangladeschis kann man angeblich in zwei Gruppen unterteilen, in Argentinien-Fans und Brasilien-Fans. In der Tat ist in diesem Viertel jede grössere Wand bemalt - mit Namen von Fussballern und den Nationalflaggen der südamerikanischen Staaten. Wer zweifelt noch daran, dass die Globalisierung den hintersten Winkel dieser Welt erreicht hat?

Am Nachmittag besuchen wir ein Kino, in dem Filme auf Bangla laufen. Dhallywood, so wird die Filmindustrie Dhakas genannt. Doch das ist eher ironisch gemeint. In den Filmen spielt fast immer dieselbe Hand voll Schauspieler ist, einzelne Genres gibt es nicht.  Ein Streifen ist alles auf einmal: Komödie, Lovestory, Sozialdrama, Musical, Actionfilm. Emotionen wechseln im Sekundentakt.

Bei einer Actionszene sieht man das Seil und den Haken, an dem der Schauspieler hängt. Das ist aber kein Problem. Das Bild auf der Leinwand ist so unscharf, dass man es kaum bemerkt. Das Publikum klatscht begeistert, wenn ein Bösewicht eine Klatsche kriegt.

Samstag, 18. Dezember: Der Auftrag

Zurück auf der Redaktion. Mit Raffat, der Leiterin des Lifestyle-Magazins, bespreche ich meine weiteren Einsätze. Sie hört gerne von meinen Erlebnissen in Bandarban und möchte, dass ich auch noch in die Sundarbans fahre, in die die berühmten Mangrovenwälder im Süden des Landes. Der Bericht über meine Reisen soll in einer Sondernummer im Februar erscheinen. Dann findet in Bangladesch die Cricket-Weltmeisterschaft statt und der Daily Star will ausländischen Besuchern eine Idee der touristischen Möglichkeiten geben. Ab nach Sundarbans also. Ich probiere es bei Guide Tours, der Firma meiner Gastfamilie, doch dort sind alle Schiffe ausgebucht. So buche ich beim Konkurrenten Bengal Tours. Ich stelle mir schon die vorwurfsvollen Gesichter vor, die mich daheim bei meiner Gastfamilie erwarten.

Es ist dunkel, als ich mich zu Fuss auf den Heimweg begebe. Vis-à-vis der Redaktion blicke ich in die hell erleuchteten Fenster eines Hauses und erkenne erstmals, was dort passiert. Es wird geschneidert, junge Menschen sitzen an Nähmaschinen. Auf grossen Tischen ist Stoff ausgebreitet.

Während in der Schweiz Kleider aus Bangladesch verteufelt werden, entsteht vor Ort ein differenzierteres Bild. Klar, die Angestellten der Textilfabriken arbeiten zu lange und verdienen massiv zu wenig. Sie müssen mit rund 44 Franken im Monat auskommen, sie schuften pro Tag zwölf Stunden oder länger. Am vergangenen 12. Dezember gab es bei Protesten in der Stadt Chittagong drei Tote. Wütende Textilarbeiter und Sicherheitskräfte gerieten aneinander. Ein weiterer tragischer Zwischenfall gab es zwei Tage darauf. Eine Fabrik ausserhalb Dhakas brannte, der TV-Sender Diganta berichtete von 20 Toten und 100 Verletzten.

Viele Bangladeschis sprechen dennoch mit Stolz über die Textilindustrie. „Was haben wir denn sonst?“, sagt mein Redaktionskollege Morshed. „Wenn die Herstellung von Kleidern teurer wird, wandern die Firmen einfach ins Ausland ab“, so seine Befürchtung. Ob das stimmt oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur beschreiben, was ich in Dhaka sehe: Wenn die Arbeiter morgens um acht in grossen Gruppen in die Fabriken strömen, dann sehe ich Jugendliche und junge Erwachsene, aber keine Kinder. Sie tragen anständige Kleider und Würde in den Gesichtern, sind gepflegt, einige wirken sogar fröhlich. Es geht ihnen zumindest besser als den vielen Menschen, die in Dhaka auf den Strassen siechen.

Schlechte Arbeitsbedingungen kann auch ich nicht hinnehmen. Aber in Dhaka relativiert sich der Blick auf solche Dinge. Die Armut ist krass, viele haben gar nichts und sind völlig hilflos. Plötzlich kommt ein Mann um die Ecke, der ein Kind mit einem Wasserkopf auf den Armen trägt. Neben einem Fussgängerstreifen sitzt eine Frau und klagt, vor ihr am Boden liegt eine weitere Person – ich kann nicht erkennen, ob sie noch lebt. Solche Erlebnisse fühlen sich an wie Faustschläge ins Gesicht. Ich kann danach jeweils länger nichts mehr essen und fühle mich ohnmächtig und wütend. 

Sonntag, 19. Dezember: Neue Freunde

Heute bleibt es nicht beim Händeschütteln und Reden. Vor dem Eingang des Nationalmuseums besteht ein junger Bangladeschi darauf, meine Schweizer Kollegen Valerie und Martin und mich durch die Ausstellung zu begleiten. Maruf heisst er und bemüht sich sehr, uns bei jedem Ausstellungsstück mit Zusatzinfos einzudecken. Bald hat er seinen grossen Auftritt. Eine Gruppe indischer Militärkadetten kommt mit uns ins Gespräch, einige teilen mit uns ihr erstaunlich exaktes Wissen über die Schweizer Militärgeschichte: Die Schweiz hat nie ein anderes Land angegriffen und wurde nie eingenommen, verkünden sie mit grossem Ernst. Maruf geniesst es, sich den Indern als unser dicker Freund darzustellen. Es entsteht fast ein Gerangel um unsere Sympathie. Zierliche Kadettinnen möchten Fotos mit Martin schiessen. Natürlich mit ihm. Wir besprechen Pläne, ihn auf dem indischen Subkontinent als Popstar zu vermarkten.

Marufs Visitenkarte wandert in meine Sammlung. Diese wächst und wächst. Jeder wirft mir hier sein Kärtchen hinterher, ob Bankkaufmann, DVD-Recorder-Verkäufer oder Autoersatzteilhändler. Meine zehn Visitenkarten, die ich dabei hatte, gingen am ersten Tag schon alle weg.

Montag, 20. Dezember: Willkommen im Dschungel (II)

Den ganzen Tag tuckern wir südwärts, vorbei an Fischerdörfern, deren Häuser mit Strohdächern bedeckt sind. Mit einer Reisegruppe sitze ich auf dem Deck der MS Dinghy, einem geräumigen Touristenschiff von Bengal Tours mit Platz für rund 40 Passagiere. Unser Ziel sind die Mangrovenwälder am Golf von Bengalen. Der Nationalpark ist die Heimat des bengalischen Tigers. Sundarbans heisst die sumpfige Dschungellandschaft, in Prospekten angekündigt als „Magical Mangroves“. Nach einer Nacht im Zug ist es herrlich, den Kopf im Wind und an der Sonne durchzulüften.

Der Bengal-Tours-Chef Nasim hat mich alleine in einer Zweierkabine einquartiert, was ich geniesse. Stundenlang gibt es nichts zu tun ausser rumzuhängen. Die Bangladeschis plaudern gerne mit mir, die meisten sind gebildet und weltgewandt. Neben mir ist nur ein weiterer Westler an Bord, Richard, ein siebzigjähriger Australier, der mit minimalstem Gepäck, einem 5-Kilo-Rucksäcklein, auf einer Südostasienreise ist.

Lustig ist, dass mich an Bord schnell alle als „Mr. Andrew“ kennen, während sie meinen Mit-Westler „Sir Richard“ nennen. Dazu muss man wissen, dass Vor- und Nachnamen in Bangladesch keine festen Kategorien sind. Hier bastelt sich jeder seinen Namen selber und baut noch extra Schikanen ein. Wie verwirrend das sein kann, zeigen drei Beispiele aus der Redaktion des Daily Star:  

Helemul Alam Biplob etwa ist nicht Herr Biplob, wie man meinen könnte. Wie viele Muslime in Bangladesch hat Helemul (sein Vorname, so viel ist mir klar, aber nicht viel mehr) einen Spitznamen, den er auf seiner Visitenkarte an den Schluss seines Namens setzt. In seinem Fall also Biplob. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, einen weiteren Rufnamen zu führen. Seine SMS unterschreibt er mit Sojib.

Mahbub Morshed ist auch nicht Herr Morshed, wie man meinen könnte. Er habe zwar einen Nachnamen, sagt er mir, aber benutze ihn nicht. Seine Freunde nennen ihn alle Morshed. Ist Mahbub also sowas wie sein Vor-Vorname? Morshed lächelte mich bei der Frage nur milde an, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

Ein weiterer Kollege auf der Redaktion heisst Morshed Ali Khan. Ist er also Herr Khan? Oder Herr Ali, und sein Spitzname ist Khan? Nein, nein, winkten alle ab. „Er heisst ganz einfach Morshed Ali Khan“.

Kein Wunder, habe ich in Dhaka noch nie ein  Telefonbuch gesehen.

Dienstag, 21. Dezember: Tigerspuren

Sehr früh morgens fahren wir in zwei kleinen Motorbötchen in die schmalen Kanäle, die vom Hauptfluss abzweigen (siehe Bild). Frauen wie Männer haben sich in Decken gehüllt und tragen Wintermützen. Es ist frisch. Nachdem wir gestern schon ein Krokodil am Flussufer erspäht hatten, tauchen wir jetzt in einen eigentlichen Garten Eden ein. Bunte Vögel sitzen im Geäst, ein blau-oranger Eisvogel flattert gleich neben unserem Boot vorbei. Über dem Wasser schweben letzte Nebelschwaden, die sich mit dem Aufgehen der Sonne in Nichts auflösen. Am lehmigen Ufer eines Kanals entdeckt unser Guide Ripon Spuren eines Tigers.

Vom bengalischen Tiger leben noch mehrere hundert Exemplare in den Sundarbans. Und sie sind gefährlich. Jedes Jahr töten sie rund hundert Menschen. Meist sind es ältere Tiger, die nicht mehr fit genug sind, um andere Beute zu jagen. Die Tiger springen Honigsucher von hinten an und beissen sie in den Nacken. Im indischen Teil der Sundarbans tragen diese Arbeiter deshalb spezielle Helme, in Bangladesch ist dafür kein Geld vorhanden. Ebenso greifen die Tiger Shrimp-Fischerinnen an, die im flachen Ufergewässer arbeiten. Der bengalische Tiger ist ein sehr guter Schwimmer.

Bei der Rückfahrt zu unserem Mutterschiff sehen wir weiss gepunktete Rehe, die scheinbar friedlich grasen. Neben ihnen turnen Affen herum. Die Idylle ist trügerisch. Rehe und Affen bilden eine Zweckgemeinschaft und ziehen gemeinsam durch die Wälder, um sich bei Tiger-Gefahr gegenseitig zu warnen.
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Mittwoch, 22. Dezember: Islam und Imodium

Nach weiteren Ausflügen fahren wir mit der MS Dinghy wieder nordwärts. An Bord sorgt ein Passagier immer wieder für Unterhaltung: Mazhar, ein Fernsehmoderator bei R-TV, einem kleineren nationalen Kanal. Mit einem Kameramann dreht er eine Doku-Sendung über die Sundarbans. Mazhar ist laut, egozentrisch und hat einen recht groben Humor. Doch er ist lustig und beliebt, spielt mit den Kindern und schäkert mit den Teenager-Mädchen. Als wir ein paar Fischer kreuzen, kauft er ihnen einen Sack Krabben ab und vertilgt sie mit knackenden Schmatzgeräuschen zum Zvieri. Auf Deck nippt Mazhar aus einer Petflasche mit einer klaren Flüssigkeit und verrät mir in einem ziemlich konspirativen Moment: „Es ist Wodka.“ Ich komme mir vor wie in einem Klassenlager im Untergymnasium.

Als wir am Abend gegen unseren Zielhafen Khulna fahren, beleuchtet ein kitschiger oranger Mond den Fluss. Vom Ufer her hören wir die Muezzins von den vielen Minaretten rufen. Mazhar und Reiseführer Ripon nehmen mich zur Seite und fühlen sich verpflichtet, bei mir Aufklärungsarbeit zu leisten. Es entwickelt sich ein spannendes Gespräch über den Islam in Bangladesch. Was mir die zwei jungen Männer erzählen, deckt sich mit meinen bisherigen Erfahrungen: Viele Bangladeschis sind in der Art Muslime, wie viele Schweizer Christen sind. Sie beten gar nicht oder nur an hohen Feiertagen, die Religion ist eher ethische Leitlinie als täglicher Drill. Sie betonen Werte wie Liebe, Frieden und Hilfe für Bedürftige. Nur wenige Frauen in Bangladesch tragen ein Kopftuch, Jeans und T-Shirts sind kein Problem. Mazhar und Ripon zitieren für mich Koranstellen, die positiv und poetisch klingen.

Das Problem sei, sagen sie, dass das Land immer stärker von Fundamentalisten unterwandert werde. Strenggläubige aus dem arabischen Raum finanzieren Schulen, in denen konservative Werte gelehrt und gepredigt werden. Geld macht Meinung. Dagegen können sich die aufgeschlossenen Muslime im mausarmen Bangladesch nur schwer wehren.

Als wir in Khulna ankommen und auf den Nachtbus nach Dhaka umsteigen, schlucke ich vorsorglich zwei Imodium-Tabletten. Auf dem Schiff hat mich wieder einmal der Durchfall erwischt. Die Busfahrt dauert lange. Mitten in der Nacht geht der Motor kaputt, im Nirgendwo müssen wir am Strassenrand drei Stunden auf einen Ersatzbus warten. Nach 15 Stunden ohne richtige WC-Pause erreichen wir den Busbahnhof in Dhaka. Ich bin erleichtert, in jedem Sinn des Wortes.

Donnerstag, 23. Dezember: Festartikel

Inzwischen ist ein weiterer Artikel von mir im Daily Star erschienen. Für das Lifestyle-Magazin habe ich Ausländer erzählen lassen, wie sie Weihnachten in Dhaka feiern werden. Der Artikel ist hier zu finden.

Bei meiner Gastfamilie gibt es ein herzliches Wiedersehen mit Coralie und Emile, die von ihrer Feldforschung zurück sind. Emile wird schon morgen wieder unterwegs sein, diesmal auf einem Boot in den Sundarbans, wo er den indischen Hochkommissar herumführen wird. Weil Coralie morgen in die Schweiz zurückfliegt, gehen wir am Abend bei Pizza Hut essen und treffen uns später mit Kollegen vom Daily Star. Wir gehen in eine Hotelbar in der Nähe der Redaktion. Die Szene ist recht absurd: Auf einer kleinen Bühne singen zwei Frauen traditionelle Lieder, sonst halten sich ausser Coralie nur Männer in der Bar auf. Vierzigjährige trinken Bier und tanzen ungelenk, sehr ausgelassen. Inwiefern das Ganze legal oder illegal ist, finde ich nicht heraus. Ganz klar scheint das auch den Journalisten nicht zu sein. Chefreporter Manik sagt nur sehr kryptisch: „Wenn die Polizei vorbeikäme und die Leute hier büssen würde, könnten sie sich die Busse sicher leisten.“

Samstag, 25. Dezember: Müesli und Marley

Weihnachten in Dhaka. Gestern habe ich nur geschlafen und mit meinen Liebsten in der Schweiz übers Internet telefoniert. Köchin Halima hat, wohl eher zufällig, mein bangladeschisches Lieblingsgericht gekocht: Frittierte Kartoffelschnitze mit Gemüse- und Pouletreis. 

Heute bin ich bei Rubai im oberen Stock zum Frühstück eingeladen. Weil es etwas kompliziert ist, nochmals: Er ist Emiles Cousin und der Mann von Elisabeth, der Schweizerin hier im Haus. Diese wiederum ist zurzeit mit Babysöhnchen Dylan in den USA auf Verwandtenbesuch. Bei Rubai fühle ich mich jedenfalls wie daheim. Er macht Pancakes, es gibt Schweizer Müesli, richtigen Bohnenkaffee und zu Bob Marley aus dem CD-Player plaudern wir über Rubais Projekte. Als Sohn von Guide-Tours-Gründer Hasan ist Rubai praktisch in den Sundarbans aufgewachsen. Er ist der Tiger-Experte schlechthin und hat an vielen Büchern und Filmen mitgearbeitet. Zurzeit konzentriert er sich mit Elisabeth auf ein Delfinprojekt. Um die Tiere zu schützen, müssen deren Bestände erforscht werden. In den nächsten Tagen wird Rubai deshalb wieder mit einem Spezialboot und seiner Crew in See stechen. In der Wohnung steht das Material schon bereit, etwa ein neues Unterwassergehäuse für Rubais Kamera.  

Um 10 Uhr treffe ich meinen Redaktionskollegen Morshed. Wir wollen die Kirchen in Dhaka abklappern, um zu sehen, wie hier Weihnachten gefeiert wird, und platzen jeweils mitten in die Gottesdienste. In einer ersten, kleinen Kirche, sind zahlreiche Afrikaner und US-Amerikaner versammelt. Letztere erkennt man unschwer an ihren bleichen Gesichtern und den zu grossen Anzügen. Eine Rockband spielt einen beseelten Groove und die Leute in den Bänken wirken ebenso beseelt mit ihren ausgestreckten Armen und den geschlossenen Augen.

Ganz konventionell ist hingegen der Gottesdienst in der Holy Rosary Church im Quartier Tejgaon. Es ist die grösste katholischen Kirche in Dhaka und praktisch alle Besucher sind Bangladeschis. Statt den schlecht sitzenden Anzügen der Amis tragen sie Kleider, die wir in Europa wohl höchstens zu Hochzeiten tragen würden.

Einmal mehr bin ich beeindruckt, wie stilsicher die Bangladeschis durchs Leben gehen. Das fängt bei den Rikschafahrern an. Selbst diese tragen oft gebügelte Hemden. Frauen sind ganz generell gut gekleidet. Meist tragen sie ein langes Oberkleid, das bis zu den Knien reicht, darunter eine bequeme, passende Hose. Darüber schlingen sie einen langen, breiten Schal, der auch als Kopfbedeckung dienen kann. Saris werden eher zu wichtigen Anlässen getragen.

Dank den fliessenden Formen und kräftigen Farben dieser Kleider sehen auch mollige Frauen gut aus. Das Runde muss nicht ins Eckige. Es gibt keine fiesen Hosenbünde, die Problemzonen abschnüren.

Sonntag, 26. Dezember: Wikileaks und ein Rauswurf

In den Tagen bis zu meiner Abreise werde ich noch einige Texte schreiben. Zum einen werde ich den Reisebericht für den Daily Star fertigstellen. Zum andern möchte mein Chef bei der Neuen Luzerner Zeitung, dass ich aus Bangladesch vier Kolumnen unter dem Motto „Kulturschock“ liefere. Ich habe also genügend zu tun. Dennoch reicht es beim Daily Star für häufige Teepausen mit lustigen Gesprächen. Die Kantine ist ein wüster Raum mit nackten Betonwänden, aber einem grossartigen Ausblick auf die Stadt. Obwohl ich fürs Lifestyle-Magazin arbeite, fragen mich jeden Tag auch die Redaktorinnen des Star Magazine (siehe Bild), ob ich mit in die Kantine komme.

Tamanna (ganz rechts) lädt mich zum Abendessen bei ihrer Familie ein, was wohl aussergewöhnlich ist für eine junge Frau in Bangladesch. Dementsprechend ist die Stimmung bei ihr zuhause etwas angespannt. Mit Tamanna und ihrer Schwester Rumana unterhalte ich mich zwar bestens. Sie wollen zum Beispiel wissen, wie Snowboarden genau funktioniert. Doch ihr Vater kommt regelmässig in die Stube und gibt mir zu verstehen, dass er mich im Auge hat. Er trägt einen Lunghi, den traditionellen Wickelrock, und ist durchaus sympathisch. Bei seinen Kontrollbesuchen stellt er mir immer einige Fragen, zum Beispiel, wie ich zu Wikileaks stehe. Dann ist aber bald mal Schluss, ich möge doch besser gehen, um noch ein Babytaxi zu erwischen. Es ist erst kurz nach neun.

Montag, 27. Dezember: Ein Fisch namens Pomfret

Noch eine Einladung, dieses Mal bei Asif, der einige meiner Schweizer Vorgänger beherbergt hat. Asif ist 31 und sehr beschäftigt als Marketingleiter einer Fluggesellschaft. Mit etwa drei Stunden Verspätung holt er mich zuhause in Moghbazar ab und wir fahren nach Old Dhaka, wo er mit Frau, Kind und weiteren Verwandten wohnt. Zum Essen gibt es einen Fisch mit dem originellen Namen Pomfret und dazu, wie könnte es anders sein… ja, richtig geraten.

Asif diskutiert gerne und hält ebenso gerne Monologe über sein Leben und sein Land. Er muss selber lachen, als er mir erzählt, dass er sechs Hausangestellte hat. In der Tat stehen sich diese gegenseitig fast auf die Füsse. Ein junger Angestellter bringt Asif sogar die TV-Fernbedienung, als er sich in den Stubensessel fallen lässt.

Wie viele Bangladeschis ist auch Asif sehr darauf erpicht, dass ich einen guten Eindruck mit nach Hause nehme. Als ich mich per SMS bei ihm bedanke, schreibt er zurück: „Alles Gute! Bitte erzähle deinen Freunden, dass Bangladesch nicht einfach ein Sumpf ist und wir mehr haben als Überflutungen.“

Dienstag, 28. Dezember: Ich, der Passistent

Am Morgen ruft mich Reporter Pinaki an. Ich solle unbedingt meinen Pass einpacken.
Mit ein paar Kollegen vom Daily Star möchte er auf Einkaufstour nach Gulshan, wo das so genannte Warehouse steht. Hier gibt es Bier, Wein und alle möglichen Spirituosen, allerdings nur mit einem ausländischen Pass. So stehen die Bangladeschis in kleinen Grüppchen um einen Westler oder Japaner vor der Kasse an und schicken den Ausländer mit einer langen Bestellliste vor. Wir fahren am Nachmittag hin, ich zeige den Pass und wir laden kistenweise Bier ins Auto eines Daily-Star-Grafikers. Bis zum nächsten Schweizer Stagiaire dürfte der Vorrat wohl reichen.

Meine Analyse der Käseregale in hiesigen Supermärkten ist heute im Lifestyle-Magazin erschienen. Diese Geschichte gibt’s hier nachzulesen.

Mittwoch, 29. Dezember: Auf der Schokoladenseite

Letzter Arbeitstag. Rührende Szenen. Zum Mittagessen holen meine Lifestyle-Kollegen Chickenburger von einem Take-Away, die wir in der Kantine essen. Danach gibt’s eine grosse Schokoladentorte mit der Aufschrift „Bon Voyage Andrew“. Ich verteile meine letzten Tafeln Schokolade und ein paar Sackmesser, die ich mitgebracht hatte. Dem Chefredaktor Mahfuz Anam bringe ich einen Bericht über meine Stage und erhalte ein sehr positiv formuliertes Arbeitszeugnis. Schon muss ich gehen! Die meisten können es kaum glauben, dass die Zeit so schnell vorbei gegangen ist. Shanto, ein Übersetzer, legt seine Hand auf die Brust und sagt sehr ernst: „Ich bete dafür, dass Du zurückkommst“. Kloss im Hals. Ja, auch ich wünsche mir ein Wiedersehen mit diesen wunderbaren Menschen.

Bevor ich den letzten Abend bei meiner Gastfamilie verbringe, schlendere ich ein letztes Mal über den Kawran Bazar (siehe Bild unten). Der grosse Markt liegt in der Nähe der Redaktion. Mittlerweile bin ich völlig gelöst im Umgang mit den Bangladeschis. Hühnerhändler wollen mir scherzend ihr Federvieh andrehen, ich kontere auf Bangla, so gut ich kann.

Donnerstag, 30. Dezember: „Das ist Pech!“

Köchin Halima steht im Treppenhaus und winkt, ein Fahrer von Guide Tours lädt mein Gepäck ins Auto und wir fahren zum Flughafen. Mein Aufenthalt in Dhaka endet so, wie er begonnen hat – mit einem Schwatz mit dem neugierigen Zollbeamten:

Er: „Bist Du verheiratet?“
Ich: „Nein.“
Er: „Du solltest aber heiraten.“
Ich: „Naja, vielleicht werde ich das irgendwann mal tun.“
Er: „Nein, nein, nächste Woche.“ (lacht)
Ich (lache)
Er: „Hast Du eine Freundin in Bangladesch?“
Ich: „Nein.“
Er (grinst): „Das ist Pech!“

Am Gate erhalte ich dann aus irgendwelchen Gründen ein Upgrade in die Business Class. Ich fläze mich in den grossen Sessel, die Stewardess lächelt und bald schon perlt Moët & Chandon in meinem Glas. Am Bordmonitor schaue ich den neusten Film von Woody Allen, in dem neurotische Grossstädter an ihrem Wohlstand verzweifeln. Da ist sie wieder, die andere Welt. Hallo. 

Dienstag, 4. Januar 2011: Nachtrag

Meine Reportage über eine Karateschule in Dhaka ist nun ebenfalls publiziert worden, hier geht’s zum Artikel.
Und dies sind meine Kolumnen, die in der Neuen Luzerner Zeitung erschienen sind:

Ende.  

 
   
Andrew Jones  
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