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Stagiaires

Aus Moskau berichtet Corinna Hauri

Die MAZ-Absolventin berichtet hier aus Moskau, wo sie im September und Oktober 2006 einen Stage bei www.aktuell.ru machte, einer deutschsprachigen Online-Zeitung.

Corinna Hauri (Jg. 1974) schloss 2001 ihr Jus-Studium ab und besuchte nach einem Volontariat bei der Aargauer Zeitung das Nachdiplomstudium am MAZ (Abschluss 2003), mit Stage beim Tages-Anzeiger. Anschliessend war sie Redaktorin für die «Kehrseite» beim Tages-Anzeiger. Seit April 2005 arbeitet Corinna Hauri als Nachrichten- und Inlandredaktorin bei der Aargauer Zeitung/Mittelland Zeitung.

Corinna Hauri beschäftigt sich schon länger mit der russischen Sprache und Kultur. Sie war die erste Stagiaire in Moskau.

 

4. September 2006

Nun ist also der erste Arbeitstag vorbei... Und ich habe das Gefühl, bereits produktiv gewesen zu sein: Wie es sich für eine richtige Stagiaire gehört, habe ich mit einer Umfrage begonnen! Die Frage war: „Was halten Sie von der Forderung in der Stadt Kondopoga, dass alle Kaukasier aus der Stadt herausmüssen?“

(Hintergrund der Geschichte: nach Schlägereien, die zum Tod von zwei Russen geführt haben, mussten dieses Wochenende die Kaukasier die Stadt Kondopoga am Sonntag auf Druck der Strasse innert 24 Stunden verlassen.)

Mit Anna, einer russischen Germanistik-Studentin, bin ich also einmal um den Block spaziert, sie mit meinem Aufnahmegerät in der Hand, ich mit der Kamera. Für mich war erschreckend zu sehen, wie die meisten Leute diese Vertreibung – eine Frau hat es gar als Pogrom bezeichnet – bejaht haben... Rassismus gibt’s auch in Russland – und wer in letzter Zeit russische Medien etwas verfolgt hat, wird oft Artikel drüber gelesen haben.

Ich habe dann zwei Stunden lang versucht, aus diesem Bändli möglichst viel rauszuhören – es lag nicht nur am Strassenlärm im Hintergrund, dass ich nur rund 40 Prozent verstanden habe... Anna hat dann ergänzt und ich wiederum habe es in möglichst gute deutsche Sätze gefasst.

Ansonsten habe ich von Rufo (der Agentur, die aktuell.ru betreibt) noch nicht sehr viel mitbekommen. Ich war wie im Voraus mit dem Chef abgemacht um halb zehn da – er kam dann um halb zwölf, offenbar nach einem Notariatstermin. Es soll jeweils um 10 Uhr die „Planiorka“ geben, die Planungssitzung – diese fand dann so gegen zwölf statt.

Morgen will man mir das ganze System etwas besser erklären.

Über den Mittag habe ich versucht, mein Visum zu registrieren. Dazu folgende Erklärung: nicht nur brauchen alle, die nach Russland wollen, ein teures Visum, nein, wer mehr als 72 Stunden hier ist, muss es noch registrieren lassen. Was im Fall eines Hotelgastes einfach ist, weil es das Hotel macht, wer aber wie ich privat wohnt, muss entweder mit dem Vermieter den Behördenparcours machen oder pro forma eine Nacht in einem Hotel kaufen (wieder teuer) – dann übernimmt das Hotel den Behördenparcours.

Ich wollte also über Mittag in die Agentur gehen, die mir zu diesem Hoteltrick verhelfen sollte – doch die Agentur fand, das ginge mit einem Businessvisum nicht. So habe ich zwar zwei Stunden verloren (denn unterdessen kümmert sich die Sprachschule im gleichen Haus wie die Redaktion um die Registrierung), dafür aber etwas für meinen Haushalt gefunden, das ich das ganze Wochenende vergeblich an mehreren Orten in der Stadt gesucht hatte: Eine „Saschigalka“. So heisst offenbar das Ding, mit dem man einen Gasherd anzünden kann, ohne sich die Finger zu verbrennen – ich weiss leider den deutschen Ausdruck dafür auch nicht...

 



Womit ich bei meiner Wohnung wäre: Diese Zweizimmerwohnung liegt wirklich gleich um die Ecke von meinem Arbeitsort, an einer ruhigen Seitenstrasse. Das Haus hat eine normale Grösse (nur ein Eingang und nicht wie z.B. bei meine Arbeitsort 9 oder 10), Nachbarn habe ich noch kaum gesehen, aber vor einer Tür steht ein Kinderwagen.

Die Wohnung selbst ist nicht die neuste, wurde teilweise liebevoll renoviert. Die Fenster haben allerdings schon so viele neue Anstriche erhalten, dass sie nicht mehr richtig schliessen, weil sie nun grösser sind als der Rahmen, der Kühlschrank hat wohl noch Breschnews Zeiten erlebt, der Gasherd hat auch bessere Zeiten gesehen – und seit ich mich als Sanitärin betätigt habe, geht auch die WC-Spülung wieder. Und doch: bereits ist diese Wohnung für mich ein Stückchen zu Hause in dieser riesigen Stadt mit 15-20 Millionen Einwohnern.

Der zweite Arbeitstag (5.9.2006)

Den Morgen habe ich vorwiegend damit verbracht, auf dem Internet nach für die erste AZ-Kolumne zu suchen und Zeitungen zu Lesen. Über Mittag, hatte der Chef, Gisbert Mrozek, endlich Zeit, mir ein paar Dinge zu erklären und meinen Stage zu besprechen.

Noch muss ich viele Fragen stellen und verstehe längst nicht alles, aber so viel ist nun klar:

Ich werde in der ersten Zeit helfen bei der Produktion von Nachrichten (vor allem Kurzmeldungen schreiben), die Berichterstattung über Moskau unterstützen und nach Möglichkeit Porträts von Schweizern in Moskau schreiben. Es soll auch mal möglich sein, dass ich an eine Medienkonferenz mitgehe und dass ich mich mit einigen Themen etwas ausführlicher beschäftige. Ich bin gespannt – und habe auch ein paar Ideen, die ich anpacken möchte.

Über Rufo weiss ich unterdessen so viel: es gibt in Moskau, St. Petersburg und Kaliningrad insgesamt rund 8 Journalisten (v.a. Deutsche, aber auch Schweizer), die dieser Agentur angeschlossen sind. Dazu kommen hier in Moskau noch rund 5 Russinnen und Russen – ich verstehe noch nicht ganz, wer welche Funktion hat...

In einem bestimmten Turnus sind die Journalisten Chef vom Dienst (CvD). In dieser Funktion sind sie einen halben Tag dafür verantwortlich, Nachrichten ins Netz zu stellen, im Minimum eine pro Stunde. Um an die Nachrichten zu kommen, werden vor allem verschiedenste Webseiten konsultiert – Agenturen hat man keine abonniert, da die meisten Meldungen eh 5 Minuten später irgendwo im Netz auftauchten und es deshalb für Rufo verhältnismässig zu teuer sein, wurde mir erklärt. Doch man hält sich an die Zweiquellen-Regel und für längere Meldungen soll noch ein kurzer Kontrollanruf gemacht werden.

Am Nachmittag habe ich zwei Nachrichten geschrieben, die im Netz nun aufgeschaltet sind – wie auch die Umfrage vom ersten Tag. Dank eines rudimentären Übersetzungstools, das ich im Internet gefunden habe, kann ich kontrollieren, ob ich den Sinn der Meldungen richtig verstanden habe und mir das mühsame Nachschlagen der verschiedenen Wörter oft ersparen...

Da mein Visum noch nicht registriert ist, habe ich mir noch kein Handy organisieren können.

Dafür habe ich herausgefunden, dass mein Telefon in der Wohnung sich doch mit Telefonkarten bedienen lässt, man muss bei den Zahlen 1-3 einfach genügend lange und fest drücken, um den Wackelkontakt zu überlisten. Ich habe Telefonkarten gefunden, bei denen eine Minute nach Westeuropa 3-5 Rappen kostet. (Auf Anfrage kann ich auch den Trick verraten, wie man mich für weniger als 2 Rappen pro Minute erreichen kann.) Von meiner Wohnung aus schaffe ich es nicht ins Internet, aber gleich um die Ecke gibt’s ein Internetcafe mit Hotspot, wo ich mich mit meinem Laptop einloggen – und Berichte wie diesen hier einsetzen kann.

 

Weit weg und doch nicht... (7.9.2006)

Als ich 1994 während drei Monaten in den USA für einen Sprachaufenthalt weilte, waren meine Kontakte mit der Schweiz sehr beschränkt: Briefe, die mehr als eine Woche hatten und auf die ich (frischverliebt) mit Ungeduld wartete, ein oder zwei Telefonate pro Woche, die pro Minute rund 2 Franken kosteten und ganz selten fand ich irgendwo eine NZZ-Fernausgabe...

Nun bin ich noch keine Woche hier in Moskau und ich habe das Gefühl, sehr nahe an zu Hause zu sein: Ich bin ständig online, sehe was in der Welt und der Schweiz passiert, lese meine E-Mails, chatte und bekomme die Antworten in der gleichen Sekunde, kann dank günstiger Telefonkarten (mit so lustigen Namen wie „Hallo Mama“) für weniger als 5 Rappen pro Minute nach Westeuropa telefonieren, AZ und Tagi lese ich dank digitaler Ausgabe fast wie wenn ich die gedruckte Version hätte – und weil ich mein AZ-E-Mail hier via Webmail auch anschaue, bekomme ich sogar die E-Mails mit der Seitenplanung der AZ und weiss, wie die AZ-Front vom nächsten Tag aussehen wird.
Schon verrückt, was in diesen 12 Jahren alles gelaufen ist!
(Darüber, was in der gleichen Zeit hier in Moskau alles gelaufen ist, dann an einem anderen Tag – diese Änderungen sind mindestens so gross!)

 

Ein kleines Stück Heimat (8.9.2006)

Gestern war ich in der Schweiz. Oder zumindest fast: es fand ein Informal Luncheon für Journalisten statt in der Schweizer Botschaft. Diesen Anlass gibt es offenbar etwa zweimal pro Jahr, eingeladen sind alle möglichen Korrespondenten, die Schweizer Zeitungen beliefern. Ich habe von diesem Treffen über Kollegen hier bei Russland-Aktuell erfahren und fand, wenn da Deutsche hingehen können, sollte ich das doch auch dürfen – habe meinen Mut zusammengenommen und bei der Botschaft auch um eine Einladung gebeten...

Zuerst gab’s einen richtigen schweizerischen Apero mit Schinkengipfeli und Smalltalk. Anschliessend wurden wir vom Botschafter an den Tisch gebeten. Anwesend waren rund 10 Journalistinnen und Journalisten und ebenso viele Vertreter von der Botschaft. Während des viergängigen (sehr feinen) Mittagessens erzählten der Botschafter und andere Botschaftsvertreter was in den letzten Monaten so gelaufen ist und was diesen Herbst noch alles laufen wird. Da das ganze off-the-record war, kann ich hier nicht viel mehr darüber schreiben – aber es war spannend. Und ich habe einige Leute kennen gelernt, die ich teilweise nochmals treffen werde.

Seit gestern sind meine Eltern hier. Sie bleiben bis am Montag, heute steht eine Stadtrundfahrt auf dem Programm, am Montag dann der Kreml, am Wochenende werde ich mit ihnen die Stadt und voraussichtlich das Kloster Sagorsk in Sergejev Posad anschauen.

Unterdessen hat’s auf der aktuell.ru-Seite schon einige Artikel, die ich geschrieben habe, der neuste handelt um geplanten Umbau des Gorki-Parkes – ich bin sehr froh um diesen Online-Translator, merke aber auch, dass ich so nach und nach mehr reinkomme in diese Sprache.

Ach ja, und ich habe endlich auch eine russische Simkarte für mein Handy kaufen können. Wenn ich das richtig verstehe, so kostet mich eine Minute in die Schweiz rund 15 Rappen...

 

Der Herbst ist da (12.9.2006)

Seit dem Wochenende ist hier der Sommer definitiv vorbei. Es ist nun so zwischen 10 und 14 Grad... Am Wochenende hat’s auch viel geregnet, heute ist es nun immerhin sonnig – so ist der Herbst erträglich. Mit der Kälte ist bei mir auch die erste Erkältung dieses Winters gekommen... Ich weiss, in der Schweiz ist der Sommer zurück, ich will das gar nicht wissen.

Mit meinen Eltern habe ich am Wochenende das Kloster Sagorsk in Sergeiev Posad gesehen. Für mich war es bereits das vierte Mal – aber schön ist es jedes Mal wieder mit den goldenen und den blauen Kuppeln mit goldenen Sternen. Und die Fahrt dorthin im Zug ist auch jedes Mal wieder nett, durch die russische Landschaft mit den Birken, die langsam gelbe Blätter bekommen.

Am Sonntag haben wir uns das Panorama der Schlacht von Borodino angeschaut (so was wie das Bourbaki-Panorama in Luzern), sind mit dem Schiff auf der Moskwa gefahren (war aber schon ziemlich kühl) und waren im kleinen, aber herzigen Museum zur Geschichte Moskaus.

Es war spannend, die Stadt zu sehen mit Leuten, die sie zum ersten Mal sehen (meine Mutter) oder nur einmal kurz gesehen haben (mein Vater). Ihnen sind Dinge aufgefallen, die mir nicht oder nicht mehr auffallen... Das gab mir einen neuen Blick auf diese Stadt, die mich seit langem fasziniert.

Madonna und der Kombi-Steamer (13.9.2006)

Gestern war ich bei Madonna. Na ja fast – ich war immerhin im gleichen Hotel wie sie und habe sie nur um wenige Minuten verpasst. Madonna residierte hier vor ihrem Moskauer Konzert im Hyatt Hotel. Und genau da fand gestern die Präsentation einer Weltneuheit statt: Eine deutsche Firma, die gemäss eigenen Angaben im Bereich der Kombi-Steamer für Grossküchen mehr als die Hälfte des Marktes abdeckt, präsentierte ein Gerät, das in Ergänzung des Steamers jedes weitere Küchengerät überflüssig machen sollte. Aktuell.ru hat via den deutschen Wirtschaftsverband eine Einladung zu dieser Präsentation erhalten und weil wir wussten, dass im Hyatt eben auch Madonna residiert, gingen wir da hin.

Eingeladen war man auf 15 Uhr. Mein Aktuell-Kollege Christian und ich kamen um 14:50 an, die ganze Strasse vor dem Hotel war gesperrt, überall standen Polizisten. Fotografen, Fans und Journis standen hinter der Abschrankung, Augen auf den Hotelausgang gerichtet, wo drei grosse, schwarze Autos bereit standen.

Da wir ja an diese Steamer-Präsentation wollten, wurden wir durchgelassen, aber sogleich in den ersten Stock des Hotels geschleust. Dort standen sicher 100 weitere Gäste für diese Steamer-Präsentation – die meisten waren Steamer-Händler, wie wir später herausfanden. Es wurden Sushi gereicht, Cüpli, Tee, Kaffee etc. Doch alle Leute standen nur an der Brüstung, von der man in die Hotellobby sehen konnte. Und jedes Mal, wenn der Lift ankam, gespanntes Beobachten, wer rauskommt.

Da standen wir also wie bestellt und nicht abgeholt, denn in Sachen Steamer-Präsentation tat sich gar nichts, alle warteten nur auf Madonna. Erst nach einer Stunde beschloss man dann offenbar, dass man nicht länger auf Madonna warten könne und diese Weltneuheit doch präsentiere sollte. Wir beschlossen, uns diese Präsentation doch anzuschauen, wir konnten ja nicht einfach vor dem Saal stehen bleiben und weiter auf Madonna warten, nachdem der Marketing-Chef dieses deutschen Unternehmens uns bereits zehn Minuten lang die Vorzüge dieses neuen Gerätes aufgezeigt hatte. In einer Grossküche müsse man dann nur noch zwei Dinge haben: den Kombi-Steamer und das neue Gerät. So könne man in Restaurants mehr Gäste empfangen, weil die Küche nur noch klein sein müsse und der Koch habe mehr Zeit, um sich um die Kreation neuer Gerichte zu kümmern, weil diese Geräte alle programmierbar und so durch Untergegebene zu bedienen seien.

Die Präsentation begann mit einem Film, der die Geschichte des Kochens von der Steinzeit her aufrollte. Anschliessend folgte eine eher mühsame Rede eines Deutschen, der mit einem furchtbaren Akzent Englisch sprach, das „sehr geehrte Damen und Herren“ aber immer wieder auf Russisch einzuflechten versuchte. Eine Übersetzerin hielt die Rede auf Russisch und passte an gewissen Orten den Inhalt noch etwas an die russischen Verhältnisse an: Der Typ sprach zwar extra von Beef Stroganoff als Beispiel eines Gerichtes, sie fügte dann noch zwei, drei typisch Russische Gerichte bei in der Übersetzung. Und dann also wurde dieses neue Gerät, das offenbar so revolutionär sein soll wie der erste Mensch auf dem Mond (das Bild wurde zumindest in Zusammenhang mit dem Gerät gezeigt) endlich gezeigt: Für mich sah es aus wie eine kleine Küche in einem Hamburgerstand: links eine Bratfläche, in der Mitte eine Kochfläche und rechts eine Friteuse.

Wir verliessen daraufhin die Präsentation, verzichteten damit auf weitere Köstlichkeiten an einem Buffet. In der Zwischenzeit hatte offenbar auch Madonna das Hotel verlassen, die Strasse vor dem Hyatt war leer.

 

Einkaufen in Moskau (14.9.2006)

In Moskau kann man eigentlich ständig einkaufen. Ich habe im Umkreis von 200 Metern um meine Wohnung zwei Supermärkte, die 24 Stunden offen sind, eine Apotheke, die 24 Stunden offen ist und mindestens 3 andere, die von 9-21 Uhr offen sind. Dazu habe ich im gleichen Umkreis zur Verfügung: ein halbes Dutzend Kioske, die Getränke (vor allem Bier) und Chips, manchmal auch Zeitschriften oder Telefonkarten verkaufen. Ebenso viele Früchte- und Gemüsestände, kleine Lebensmittelläden, bei denen ich allerdings genügend Russisch können muss, um der Frau hinter der Theke zu sagen, was ich will, einen Outdoor-Markt, bei dem ich von der Bohrmaschine zur Tomate alles erhalte, einen Indoor-Markt mit ähnlichem Angebot (etwas weniger Bohrmaschinen, dafür etwas mehr Tomaten). Dazu kommen sicher 10 Schaurma-Stände (Schaurma ist so was wie Kebab im Fladenbrot, mit weniger Salat als bei uns und Sauerrahm- statt Joghurtsauce), einige haben ebenfalls 24 Stunden offen und einige verkaufen auch gegrillte Poulets.

Ach ja, und dann habe ich noch sicher ein halbes Dutzend Blumenstände in der Umgebung, vier Handy-Läden, zwei Musikläden, etwa 8 Kaffees (darunter eines der Kette Schokoladniza, welche einer der rund 4 Starbucks-Nachahmer-Ketten ist), je einen Rostiks (russische Version des Kentucky Fried Chicken), eine Pizzeria, ein Sushi-Restaurant, ein armenisches und ein georgisches Restaurant etc. Und dann gibt’s noch mehrere Babuschkas, die Gemüse oder Kräuter von ihrer Datscha oder momentan vor allem selbst gesammelte Pilze aus einem Korb anbieten. Wenn ich den Radius um meine Wohnung erweitere, kommen noch mehr Restaurants, Stände und Läden dazu.

Welcher Gegensatz zu meinem ersten Besuch in Moskau vor 13 Jahren mit unserer Russischklasse der Kantonsschule. Damals gab’s in der ganzen Stadt kaum Restaurants, wir ernährten uns von den wenigen Märkten oder den Babuschkas, die Essiggurken, Gschwellti oder gekochte Maiskolben anboten, um ihre Rente aufzubessern. Die Auswahl war gering, beim einzigen Mc Donalds waren die Schlange lang, ebenso im GUM, dem grossen Moskauer Warenhaus. Und wenn man in einem grösseren Laden etwas kaufen wollte, brauchte man Zeit: anstehen, schauen, was man will, dann zur Kasse gehen, anstehen, sagen, ich will etwas für x Rubel, das bezahlen, Zettel nehmen, zurück zum ersten Ort , anstehen und dort dann das Ding für x Rubel verlangen.

Eine Falle gibt’s in den heutigen Supermärkten: die Preise sind immer nur am Gestell angeschrieben, sie kleben aber keineswegs dort, wo das entsprechende Ding ist. Und wenn man nicht sehr gut aufpasst, erwischt man sehr teure Dinge. So wie der Beutel mit fünf kleinen Käsli à la Babybel, der 15 Franken kostete oder das feine Brot, das 70 Rubel kostete (22 Rubel sind ein Franken) – normales russisches Brot (allerdings etwas weniger fein...) kostet so um die 7 Rubel...
 

Meine Arbeit (20.9.2006)

Wie es der Chef von Russland-Aktuell formuliert hat, habe ich drei Hauptaufgaben. Das Schreiben von Kurzmeldungen, Schreiben von Moskau-Stadtnachrichten und Porträts von Schweizern machen. Kurzmeldungen habe ich vor allem in den ersten Tagen ein paar geschrieben. Das bedeutet im Wesentlichen, eine Meldung von einer russischen Webseite oder Zeitung auf Deutsch übersetzen, evtl. eine zweite zum gleichen Thema einzuarbeiten. So habe ich Meldungen zu Unfällen, Gesetzesvorlagen, Eröffnung einer Ausstellung o.ä geschrieben. Bei den Stadtnachrichten kann es entweder der Bericht über einen Event oder eine Pressekonferenz sein oder aber eine längere Meldung aus Zeitungsartikeln. Eigentlich wären auch Telefonanrufe gefragt, aber davor drücke ich mich mangels Sprachkenntnissen etwas. Bisher habe ich eine Reportage vom Welt-WC-Gipfel geschrieben, einen längeren Artikel über den Umbau des Gorki-Parkes, über die Stadt Moskau, die an vielen Orten einsturzgefährdet ist etc. Der neueste Artikel befasst sich mit den Problemen von Shell in Sachalin.

Bei den Porträts von Schweizer bin ich dran.... Ich gebe zu, dass ich das am Anfang vor mir her geschoben habe, weil ich mich an der Struktur der Webseite störe: Unter dem Titel Moskau – Deutsche in Moskau – Who is Who, Deutsche in Moskau sollen nämlich auch Schweizer erscheinen. Meinen Einwand, dass dies nicht geht und man das auf Deutschsprachige ändern soll, nimmt man nicht so ernst. Schade. Naja, ich habe unterdessen einige Interviews abgemacht – in der Hoffnung, dass diese Leute dann wiederum andere aus der Schweiz kennen. Ich bin gespannt, die Leute, die ich treffen werde, sind alle schon länger hier und werden mir hoffentlich ein paar spannende Dinge erzählen.

Und dann gibt’s auch den einen oder anderen Anlass, an dem ich war und nichts geschrieben habe: zum Steamer habe ich nur hier einen Eintrag geschrieben, die Präsentation von Luxusartikeln aus Baden-Württemberg werde ich allenfalls in einem anderen Zusammenhang mal benutzen. Zudem habe ich letzte Woche Olivier Buerki, den Deza-Verantwortlichen vor Ort getroffen, und eine spannende Einführung in die Arbeit der Deza erhalten.

Daneben habe ich Langzeitprojekte am Laufen: Ich möchte einen Artikel zum Thema Frauenhandel schreiben, da bin ich im Kontakt mit diversen Leuten und werde einige auch treffen – dazu sicher später. Und dann plane ich eine Reise nach Barnaul, das ist die Stadt etwa in der Mitte von Sibirien, in der Nähe des kleinen Dörfchens, in dem wir 1993 den Austausch gemacht haben. Und wenn ich grad nichts anderes zu tun habe, mache ich mir Gedanken zur Kolumne in der AZ und suche Infos zu Themen zusammen, die ich dort mal behandeln könnte...

 

Goldener Ring (24.9.2006)

Es gibt rund um Moskau herum mehrere kleinere und ältere Städte – sie werden „goldener Ring“ genannt, allenfalls weil sie alle so viele Kirchen mit goldenen Kuppeln haben.

Unterdessen habe ich fast alle Städte gesehen, die zu diesem Ring gehören – und es lohnt sich, diese Ausflüge in die Umgebung von Moskau zu machen, schon nur, um mal etwas rauszukommen aus der Stadt.

Das Kloster von Sergeiev Posad war zu UdSSR-Zeiten Sitz des Patriarchen – also so was wie der Vatikan der russisch Orthodoxen Kirche. Sergeiev Posad habe ich nun bereits viermal besucht und es lohnt sich jedes Mal, auch, weil die 90minütige Zugsfahrt dorthin spannend ist. Vladimir war die Hauptstadt des alten Rus-Reiches – dort war ich vor einer Woche mit meinem Mann Beni, als er hier auf Besuch war. Wir haben einen Ausflug von Patriarshy Dom Tours mitgemacht, eines offenbar amerikanischen Unternehmens, das sich für Kulturaustausch mit Russland einsetzt. Wir fuhren mit einem Car und rund einem halben Dutzend anderen Leuten zuerst nach Susdal, einem hübschen Städten, in dem die meisten Häuser im Zentrum noch aus Holz sind, meist sind sie einstöckig.

Wir haben verschiedene Klöster angeschaut und ein Freiluft-Holzmuseum a la Ballenberg. Ein Höhepunkt war sicherlich ein Konzert mit 17 Glocken (die Glocken wurden via Seile und Pedalen bedient) und anschliessend eines von 10 Männern in einer Kirche – diese tiefen Töne gaben ein bisschen Hühnerhaut, wunderschön! Zu meinem Bedauern reichte es nicht mehr für den Kreml. Ja, es gibt in jeder alten Stadt einen Kreml, nicht nur in Moskau, weil Kreml schlicht für eine Festung steht... In Vladimir schauten wir uns dann noch die Hauptkirche an. Wir fuhren insgesamt rund 8 Stunden, die Besichtigungen nahmen deshalb leider nicht so viel Zeit ein, wie ich mir gewünscht hätte. Aber es war eisig kalt und das machte auch nicht gross Lust auf Sightseeing. Nach Susdal würde ich gerne nochmals ein bisschen länger gehen und die Stadt in Ruhe anschauen. Die Gruppe war eher still und man war wenig an den Mitreisenden interessiert (ich auch nicht, weil ich das kurze Wochenende mit Beni genoss), doch wir machten die Bekanntschaft einer Amerikanerin, die bei Pfizer arbeitet und für ein halbes Jahr nun – bei vollem Lohn! – hier bei einer NGO arbeiten kann, die im Bereich der Aidsprävention arbeitet. Vielleicht gibt das dann noch Stoff für einen Artikel...

Gestern hat die gleiche Gesellschaft einen Ausflug nach Pereslavl-Salesski und nach Rostov-Veliki angeboten. Wieder fuhren wird rund 8 Stunden Auto, doch dieses Mal war die Gruppe  (ca. ein Dutzend Engländer, Amis, Australier) spannender, man sprach miteinander, tauschte Erfahrungen aus. Und weil das Wetter warm und schön war, schien grad alles noch viel schöner. Vor allem Rostov-Veliki hat es mir angetan. Der dortige Kreml hat einen kleinen Tümpel in der Mitte, in dem sich die Kuppeln der verschiedenen Kirchen spiegeln. Und im einen Kloster durften wir auf einen Turm hinauf – die Aussicht auf den See war einmalig. Und auch die paar Minuten an der Sonne am See habe ich genossen, dass es dort ein kleines Gästehaus gibt, habe ich mir gut gemerkt, da würde ich gerne hin.

Es gäbe nun noch zwei weitere Städte im goldenen Ring, die allerdings noch etwas weiter weg wären – und ich glaube, ich habe es nun gesehen. Die Kirchen gleichen sich irgendwann einmal: die Zwiebeltürme sind entweder grün, goldig, silberig oder blau (allenfalls mit goldenen Sternen) oder dann weiss mit einer sog. Zeltkuppel. Einige sind innen bemalt – aber immer sehr ähnlich.

Ansonsten habe ich diesen und letzten Sonntag die Sonne genossen: mit Beni habe ich letzte Woche die Schiffsfahrt auf der Moskwa noch mal gemacht (stand schon auf dem Programm mit meinen Eltern eine Woche zuvor) – man sieht die Stadt mal von der anderen Seite, lohnt sich. Und wir haben uns den Gorki-Park angeschaut – diesen Freizeitpark, der besungen (follow the moscwa, down to gorki park – Scorpions) oder beschrieben wurde (Agentenroman Gorki Park von Martin Cruz Smith) und bald umgebaut wird (unter www.aktuell.ru - moskau, findet sich ein Artikel von einer gewissen ch ;-)). An der Sonne sitzen, den Leuten zuschauen, das war super. Heute habe ich ähnliches auf den Sperlingsbergen gemacht, jenem Hügel, von dem man auf den Kreml sieht. Sonne tanken hat gut getan – die ganze letzte Woche war es sonnig und mild, aber im Büro merkt man wenig davon...

 

Zwei spannende Anlässe (28.9.2006)

Am Mittwoch war ich am Swiss-Russian-Business-Summit. Ziel dieses Anlasses war es, russische Unternehmen davon zu überzeugen, dass der Standort interessant ist. Man warb damit, dass in der Schweiz die Sozialabgaben und Steuern so tief seien (wäre spannend zu wissen, ob die gleichen Leute sich zu Hause dann doch für Steuersenkungen einsetzen...), das Arbeitsrecht so liberal, dass man erst nach 10 Jahren mehr als 3 Monate Kündigungsfrist habe, zudem arbeite man in der Schweiz im Schnitt 4 Stunden mehr als in Europa und Überstunden anzuordnen sei auch einfach... Natürlich ist unser Plus auch die Lage im Herzen Europas, die nicht-korrupten, freundlichen und hilfsbereiten Behörden und die kaum existierende Bürokratie (ok, ich gebe zu, dass diese Punkte für Russen sehr attraktiv sein können...), die Banken, die schöne Landschaft, die Rechtssicherheit und guten Gerichte (auch diese Argumente überzeugt Russen wohl) etc. Um von diesem Business-Paradies noch ein bisschen mehr überzeugt zu werden, konnte man nach den 10 kurzen Werbereferaten Workshops besuchen, um seine Fragen zum Bankengeheimnis, dem Steuerrecht etc. loszuwerden oder gleich die Wirtschaftsförderer verschiedener Kantone zu treffen.

Rund 150 Leute nahmen am Summit teil, wobei rund ein Drittel Schweizer waren – die Workshopleiter, Redner oder die Delegation aus Genf. Denn tags drauf fand dann noch das Geneva Economic Forum statt, mit Workshops zu Themen wie Bankengeheimnis, Steuerrecht etc. Doppelt genäht hält offenbar besser oder: Genf ist nicht die Schweiz....

Am Donnerstag war ich an einem Workshop mit dem Titel „a foreigner in Moscow, making your business thrive across the cultural divide”. Im Vorfeld hatte ich mich etwas lustig gemacht darüber und gedacht, es werde sich um interkulturell Kommunikation für Amis halten, die noch nie ausserhalb ihres Landes waren. Aber es war echt spannend und die Leute auch. Es waren alles Kaderleute aus internationalen Firmen, die seit 2 Monaten bis 10 Jahren hier sind. Der Seminarleiter war ein Engländer, der auf rund 20 Jahre Russlanderfahrung zurückschauen kann. Themen wie Führungsstil, Verhandlungen, Mitarbeitermotivation etc. wurden diskutiert unter dem Gesichtspunkt der russischen Eigenheiten. Es ist klar, dass verallgemeinert wurde und dass die russische Kultur nicht unbedingt nur gut wegkam. Aber es ging absolut nicht darum, die russische Kultur abschätzig zu behandeln, sondern eher darum, sie zu verstehen und Strategien im Umgang damit zu diskutieren. So wurde angesprochen, dass Russen nicht beim ersten Treffen zu einem Geschäftsabschluss kommen wollen, sondern zuerst das Gegenüber kennenlernen – und dass da die Westler mit ihrem schnellen Vorgehen auf die Nase fallen können. Oder die sehr hierarchische Struktur – nur der Chef entscheidet und sonst niemand. Und von den Chefs wird ein autoritärer Führungsstil erwartet, was gewissen Firmenkulturen internationaler Firmen völlig widerspricht und diese Chefs vor ein Problem stellt. Zeitweise hatte das Seminar Züge einer Selbsthilfegruppe, so, als einige zugaben, dass sie sich nun einen autoritäreren Führungsstil angeeignet haben und Angst davor haben, nach Hause zu gehen und dort mit diesem Stil anzuecken. Ein spannender Anlass, an dem ich sehr viel gelernt habe!

 

10 Fragen zur Halbzeit (1. Oktober 2006)

Wieso haben die Moskauer, die so kleine Wohnungen haben, so viele grosse Hunde?

Wieso zählt die Uhr an den Metrostationen nach dem Motto „Aetsch, zu spät“ die Sekunden seit der Abfahrt der letzten Bahn statt die Sekunden bis zur Ankunft der nächsten Bahn?

Wie ist es bei uns möglich, dass Aufschnitt beim Metzger in einen Plastik verpackt wird, hier aber eine Unterlage aus Styropor notwendig ist, die dann mit Plastikfolie eingepackt wird?

Wie beschäftigen sich diese Metroangestellten, die in den Glaskabinen sitzen und die Rolltreppen überwachen, den ganzen Tag?

Wie ist es möglich, dass ich mit meinem russischen Handy für 15 Rappen pro Minute auf jede Telefonnummer der Welt anrufe? Und weshalb kann man mich über eine bestimmte Telefonnummer aus der Schweiz für 3 Rappen pro Minute anrufen und ich mit einer Telefonkarte für 5 USD während 170 Minuten in die Schweiz telefonieren?

Wieso ist es in einem Land, wo die meisten mit Gas kochen, beinahe unmöglich, Zündhölzer oder einen Gasanzünder zu kaufen? (Feuerzeuge könnte man an jeder Strassenecke kaufen).

Wie halten die Russen den Gestank in den Treppenhäusern aus, der seit Jahrzehnten durch den zentralen Abfallschacht verursacht wird?

Wieso wird jeder Kassenzettel bis zur Hälfte angerissen, wenn man bezahlt hat? Es würde ihn ja niemand zweimal brauchen wollen...

Wer kauft alle die Blumen, die an jeder Ecke verkauft werden? Alleine auf meinem Weg zur Metro hat es rund 10 Blumenläden, die Hälfte hat 24 Stunden offen!

Wie würde man wohl russische Verkäuferinnen und Kellner zum Lächeln bringen?

Und noch die 11. Frage: Wieso ist Russisch eine so komplizierte Sprache?

 

Der Winter ist da (7. Oktober 2006)

... das haben zumindest diejenigen Leute entschieden, die für die Moskauer Heizzentrale zuständig sind. Denn seit einigen Tagen läuft die Heizung. Und wie! In meiner Wohnung, in der ich bis vor kurzem nur in der Faserpelzjacke einigermassen genügend warm hatte, trage ich nun nur noch T-Shirts. Das Duvet, das ich mir gekauft hatte, weil ich in der Nacht immer fror (es gab nur Wolldecken), ist fast überflüssig – und ich habe ständig ein Fenster offen, damit ich nicht vergehe vor Hitze... Denn die Heizung lässt sich nicht regulieren. Das wird zentral gemacht. Geheizt wird in Moskau ab dem Moment, wo es für mindestens fünf Tage am Stück durchschnittlich nicht wärmer als 8 Grad war. Dann wird das Heizkraftwerk, das aus den 1930er Jahren stammt, angestellt. Wasserdampf von 100 oder mehr Grad Celsius wird durch kilometerlange, riesige Röhren (teilweise mit Durchmesser von über einem Meter) geschickt, um dann das Wasser in den Radiatoren der Häuser aufzuheizen. Es ist klar, dass auf diesen langen Wegen einiges verloren geht, man spricht von einem Energieverlust von rund 30 Prozent.

Sibirien (8. Oktober 2006)

Die letzte Woche war ich in Sibirien. Und ja, ich habe den ersten Schnee gesehen diesen Winter, aber nicht meterhoch, sondern ein kleines weisses Schäumchen auf einer goldenen Landschaft – denn die Birken im Herbst sehen wirklich aus wie Gold. Ich war in Barnaul, das ist eine Stadt mit rund einer Million Einwohnern, 200 km südlich von Nowosibirsk, am Fuss des Altaigebirges. Die meiste Zeit habe ich aber nicht in Barnaul verbracht, sondern in Nautschni Gorodok, einer kleinen Ortschaft ca. 20 km von Barnaul entfernt.

1993 war ich schon mal dort – mit unserem Russischlehrer aus der Kanti waren wir damals ein halbe Woche in Moskau, dann 3 Tage im Altai Express (fährt einen Teil der Strecke der Transsib) und lebten anschliessend für zwei Wochen bei Familien in Nautschni Gorodok. Nun bin ich zurückgekehrt, habe Leute wieder gesehen, die ich seit einem Dutzend Jahre nicht mehr gesehen habe – und habe so viel Russisch gesprochen wie in meiner ganzen Zeit hier nicht....

Die Briefkontakte zu den Leuten von Nautschni Gorodok hatte ich einige Jahre nach dem Austausch aufgegeben – mein Russisch reichte schlicht nicht mehr. Doch ich hatte es geschafft, Olia, ein der Schülerinnen von damals, via E-Mail zu kontaktieren (danke, Marc!!!) und am Tag vor meinem Abflug hatte sie mir ihre Telefonnummer geschickt und auch die meiner einen Gastschwester. Ursprünglich hatte ich geplant, einfach ins Dorf zu reisen, Fotos herumzuzeigen und so hoffentlich Leute zu treffen. Doch nun wusste ich, dass ich sicher einige Leute treffen würde!

Ich flog am Dienstagnacht um elf in Moskau ab, kam um sechs Uhr morgens in Barnaul an – vier Stunden Flug und drei Stunden Zeitverschiebung lagen dazwischen. Am Nachmittag traf ich meine Gastschwester Lena in Barnaul. Ein emotionsreicher Moment! Wir haben zusammen Tee getrunken, News ausgetauscht und immer wieder drüber gestaunt, wie wenig wir uns verändert haben... Am Mittwoch fuhr ich mit Lena nach Nautschni Gorodok, traf dort meine Gastmutter, die jüngere Gastschwester und ihre Tochter – und wie damals, vor 13 Jahren, war das meistbenutzte Wort: „Iss, iss“... Meine Gastmutter hatte ein Gastmahl gekocht, wusste noch genau, wie ich ihre Piroschki (frittierte Teigtaschen, gefüllt mit Beeren, Früchten, Kartoffeln, Fleisch etc.) liebe...

Am Nachmittag besuchte ich die Schule – es roch noch alles genau gleich! – traf eine der Lehrerinnen, die damals dabei war (auch als unsere Gastgeschwister ein halbes Jahr später bei uns waren) und wir haben über alte Zeiten gesprochen, aber auch über die neuen, die für sie nicht einfach sind... Lehrerinnen verdienen sehr wenig und wenn sich diese Lehrerin einen Wintermantel kaufen will, ernährt sie sich tagelang von Brot und Milch und dem Gemüse, das sie in ihrem Garten zieht.... Am Abend dann wieder ein Festessen bei meiner Familie, der Vater stiess dazu, eine Freundin von Lena und Olia. Olia kann glücklicherweise sehr gut Englisch, so konnte sie manchmal etwas helfen, wenn ich mit meinem Russisch nicht mehr weiterkam. Der Freitag verlief ähnlich – essen, Leute treffen, noch mehr essen, noch mehr Leute treffen... Der Abschied war nicht einfach – und ich nehme mir fest vor, wieder zurückzukehren...

In diesen drei Tagen habe ich einen sehr tiefen Einblick bekommen in dieses Land und seine Leute – ich habe in Moskau nicht so persönliche Kontakte mit Russen, ich erfahre zwar sehr viel, aber nicht auf gleich direkte Art. Dort habe ich mit den Leuten sehr viel Persönliches sprechen können – sie wussten auch, dass ich nach Möglichkeit einen längeren Artikel schreiben will über die Veränderungen dort und haben mir sehr offen Auskunft gegeben. Verändert hat sich sehr viel: Gab es 1993 einfach 20 Blöcke a 60 Wohnungen und somit rund 2500 Einwohner, so ist unterdessen ein ganzes Einfamilienhausquartier dazu gekommen, heute wohnen 6000 Leute dort. Statt einem Laden gibt es fünf, statt dem Fünfjahresplan, der 1993 noch hing, eine Kirche...

Viele Leute haben Kredite aufgenommen, um sich Waschmaschinen, Computer oder schlicht das Leben leisten zu können. Meine Generation verdient meist besser als ihre Eltern, sie sagen alle, das Leben habe sich zum Guten verändert, mehr Freiheiten, mehr Möglichkeiten. Die Generation ihrer Eltern ist hingegen enttäuscht: „Früher waren zwar die Läden leer, aber ich hatte, was ich brauchte, heute sind die Läden voll, aber was bringt es mir, wenn ich es mir nicht listen kann?“ Diesen Satz habe ich mehrmals gehört von Leuten um die 50 sind. Nur mein Gastvater, der war optimistisch, wie ich ihn in Erinnerung habe: „Ich habe ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch, einen fruchtbaren Garten, zwei gute Töchter, eine Enkelin, bin gesund – was brauche ich mehr?“

 

 

Nur noch zwei Wochen (16. Oktober 2006)

Diese Woche ging vorbei wie im Flug – und bereits sehe ich, dass ich unmöglich alles noch machen kann, was ich wollte, denn bereits in zwei Wochen gehe ich zurück. Am Anfang schien die Zeit nicht vorwärts zu gehen und nun fliegt sie...

Am Montag habe ich eine Reportage aus Sibirien geschrieben, die jetzt auf aktuell.ru unter Reportagen zu finden ist. Und dann habe ich spontan den einen Schweizer noch mal treffen können, den ich für das who is who bereits getroffen hatte. Karl Eckstein ist schon lange hier, ist Anwalt, Rechtsprofessor und wird jetzt dann russischer Honorarkonsul für die Ostschweiz. Er ist seit 1985 hier und hat entsprechend viel Spannendes zu erzählen.

So wie auch der Schweizer Nobelbeizer, der auch ein Cateringunternehmen für Privatjets leitet, den ich am Dienstag traf. Wir haben länger über die reichen Russen gesprochen, die sich langsam anpassen und nicht mehr so negativ auffallen wie vor ein paar Jahren. Am Abend dann war die PK von Bundesrat Blocher. Ich lieferte in Windeseile ein paar Zeilen nach Baden und konnte so noch an den Empfang in der Schweizer Botschaft gehen. Dort habe ich gemerkt, wie viele Leute (ok, sind alles Schweizer...) ich eigentlich in dieser kurzen Zeit hier bereits kennengelernt habe. Dazu kamen an jenem Abend noch mehr Leute, das hat richtig Spass gemacht.

Am Mittwoch lieferte ich für aktuell.ru noch eine längere Meldung zum Blocherbesuch und schrieb einige Bändli mit Interviews ab, die schon länger rumliegen. Zudem schrieb ich meine AZ-Kolumne für die nächste Woche – nun gibt’s nur noch eine. Doch mir muss noch ein Thema einfallen...

Am Donnerstag traf ich den Leiter von Angel Coalition, das ist hier die bekannte NGO, die sich gegen Frauenhandel einsetzt. Die Deza arbeitet an verschiedenen Projekten zu diesem Thema zusammen mit Angel Coalition – und ich plane etwas Grösseres zu diesem Thema in der AZ nach meiner Rückkehr. Laut diesem Leiter von Angel Coalition macht die Schweiz nun verhältnismässig viel, in anderen Ländern wie Deutschland, Holland, Belgien arbeiten sie v.a. mit NGOs zusammen, in der Schweiz steht mit der Deza die Regierung dahinter – das hat mich sehr gefreut. Am Nachmittag nahm ich dann noch die Geschichte um den russischen Tilsiter auf, die ich in verschiedenen Schweizer Zeitungen gesehen hatte – auf aktuell.ru hat es dieser Tage markant mehr Artikel mit Schweizbezug...

Am Freitag schliesslich tippte ich weitere Bändli ab, u.a. auch das Gespräch mit dem Leiter von Angel Coalition, schrieb noch eine Kurzmeldung für aktuell.ru zur Russian Fashion Week. Am Abend war ich dann mit verschiedenen spannenden Leuten eingeladen beim Leiter des Swiss Business Hub – ein richtig schöner Abend.

Am Wochenende war dann Besuch aus der Schweiz da – Flurina und ich haben die „musts“ der Stadt angeschaut, waren im Museum für die neuere russische Geschichte und haben uns im Zirkus amüsiert.

Nun bin ich gespannt drauf, was ich die letzten zwei Wochen hier noch erleben werde!

 

Uff! (18. Oktober 2006)

Heute hatte ich einen richtig stressigen Arbeitstag!

Eigentlich ist das System hier bei aktuell.ru ja so: Jemand ist von 9-14 und jemand von 14-19 Chef vom Dienst. Dessen Aufgabe ist es, stündlich eine neue Meldung aufs Netz zu laden. Wenn diese Person dann von anderen, die auch grad da sind, unterstützt wird, ist das natürlich schön, weil er dann Zeit gewinnt und auch mal zwei Stunden für einen Text investieren kann. So sind z.B. Textangebote durch die Schweizer Stagiaire nicht ungern gesehen...

Als ich heute morgen ins Büro kam, war kein Chef vom Dienst da. Was mich nicht weiter erstaunt hat, weil die manchmal im St. Petersburger Büro sitzen (dort hats zu den vier Journis in Moskau noch mal 3 dazu) oder das von zu Hause aus machen. Als aber um zehn noch keine Meldung auf der Seite hing, fing ich mir an Gedanken zu machen. Und offenbar auch Sascha – der ist die rechte Hand des Chefs, liest alle wichtigen Zeitungen und berichtet in einer Kurzversion drüber, schaut auch sonst, was so läuft, erledigt tausend Dinge, kurz, er ist enorm wichtig hier. Um halb elf hat Sascha mich dann gefragt, was wohl los sei und wir haben dann realisiert, dass zum Dienst einer der Journalisten eingetragen war, der momentan in Deutschland ist und mit Visaproblemen kämpft für seine Rückkehr nach Moskau...

Da haben also Sascha und ich entschieden, dass ich ab sofort Chefin vom Dienst bin. Ein Aufgabe, die durch mehrere Punkte erschwert war:

  • eigentlich wollte ich heute einen langen Text schreiben über ein Theater zum Thema Frauenhandel, das ich gestern gesehen hatte. Weil es heute noch mal eine Aufführung gab, wollte ich den bis Mittag aufgeschaltet haben, damit Spontane noch hingehen können.
  • mir hat noch nie jemand das Content Management System hier wirklich erklärt, somit weiss ich nicht wirklich, wie das geht...
  • mein Russisch ist auf dem unteren Minimum, das man braucht, um Meldungen schnell zu verstehen und zu entscheiden, ob sie jetzt wichtig sind oder nicht.

Na ja, ich habe es dann doch gemacht und bis um 15 Uhr, als der Nachmittags-Chef-vom-Dienst eine Stunde zu spät kam, 5 Meldungen aufgeschaltet und daneben noch den Text zum Theater geschrieben. Der überzeugt mich nicht wirklich, aber immerhin war er dann doch um halb fünf aufgeschaltet und um vier habe ich doch auch mal noch Zmittag gegessen.

Alles in allem ein sehr arbeitsreicher Tag – und ein gutes Training, um aus dem gemütlicheren Tempo, das ich hier habe, wieder so richtig ins AZ-Newsdesk-Tempo reinzukommen. Denn in weniger als zwei Wochen sitze ich wieder dort!

 

 

Abba und Meryl Streep auf Russisch (23. Oktober 2006)

Seit Wochen wird hier in Moskau Werbung gemacht für das Musical „Mamma Mia“. Quasi als Abschluss hier habe ich mir einen Besuch da geleistet – die Tickets kosten 50 Franken und mehr und das Theater war voll, es gibt immer mehr Leute hier, die sich so was leisten können... Ich denke, ich habe die Story des Musicals verstanden – sie war nicht besonders hochstehend. Irgendwie nachdenklich stimmte aber doch, dass es darum geht, wer der Vater einer 20-Jährigen ist, die damals auf einer griechischen Insel gezeugt wurde – und im Theater sitzen lauter Leute, die vor 20 Jahren keine Chance hatten, auf einer griechischen Insel Ferien zu machen...

Die Musik lud zum Mitsingen und Mitklatschen ein - doch manchmal brauchte ich ein paar Takte, bis ich erkannte, um welches Lied es sich handelte: Die Abba-Hits werden auf Russisch gesungen! „Ja skaschu spassiba sa musiku, drug moi“ hiess es dann etwa – zur Melodie von „Thank you for the music“, oder „Ty nascha Dancing Queen“ – offenbar war „Karoljewa Tanzpola“ zu lange... Schade, die CD gab’s nur in der englischen Version zu kaufen...

Auch am Abend zuvor hatte ich getestet, wie weit ich mit meinen Russischkenntnissen komme: Ich war im Kino und hier werden die Filme meist synchronisiert... Ich habe mir einen nicht sehr hochstehenden Film ausgesucht – der mir auch zu den Frauen hier zu passen schien (und tatsächlich waren v.a. Frauen im Kino): „Diawol nossit Prada“ (The devil wears prada“). Schon speziell, wenn Meryl Streep dann plötzlich Russisch spricht... Ich gehe davon aus, dass ich die Hauptzüge der Story verstanden habe, ein paar Mal konnte ich sogar mitlachen, aber oft gingen die Witze an mir vorbei. Speziell war auch, dass jeder Schriftzug (der halt nicht in kyrillischen Zeichen geschrieben ist) von einer Stimme aus dem Off vorgelesen und gleich auch übersetzt wird. Ist da also eine Handtasche mit dem Schriftzug „Prada“ zu sehen, dann liest das diese Stimme vor – und wenn auf dem Strassenschild „7th Avenue“ steht, sagt die Stimme: „Sedmaja Uliza“.

Dieses letzte Wochenende habe ich in vollen Zügen genossen: Am Freitagabend war ich mit Flurina im „Kischmisch“ usbekisch essen. Eigentlich wollten wir ja in ein georgisches Restaurant – aber zumindest die kleinen Restaurants, die ich kenne, sind jetzt allesamt geschlossen, wohl unfreiwillig. Am Samstagmorgen waren wir – passend zu garstigen Wetter mit einer Mischung von Regen und Schnee – auf dem Friedhof beim „Neujungfrauenkloster“. Dort sind viele Prominente begraben und es war spannend, die Grabsteine von Leuten wie Gogol, Chruschtschow, Raissa Gorbatschowa oder Schoschtakowitsch zu sehen. Flurina reiste dann später wieder zurück in die Schweiz. Am Sonntagmorgen war ich bei Vesna zum Brunch eingeladen – die Wettingerin arbeitet als Sekretärin bei der Schweizer Botschaft. Zmörgele und plaudern, es war richtig gemütlich. Den geplanten anschliessenden Museumsbesuch liess ich zugunsten eines langen Spaziergangs an der Sonne fallen – nach einigen eisigen Tagen ist hier plötzlich wieder 12 und mehr Grad!

 

 

Wenn abschicken länger dauert als hinbringen (28. Oktober 2006)

Wer mal innert kurzer Zeit vieles kennen lernen will, das Russland ausmacht, sollte mal ein Päckli verschicken: Unfreundliche Beamten, die aber doch hilfreich sein können, ein System mit vielen Formularen, das aber doch unorganisiert ist...

Ich wollte einige Geschenke nach Sibirien senden. Da musste zuerst eine Schachtel her in der entsprechenden Grösse. Bei einer Post im Stadtzentrum hatte ich gesehen, dass es solche Schachteln gibt, blauweisse, die unseren gelben entsprechen – in Russland ist die Post eben blau-weiss. Doch ich wusste, dass es fast um die Ecke meiner Wohnung eine Post gibt, also kaufte ich die Schachtel nicht, als ich sie im Stadtzentrum sah. Am Donnerstagabend (Poststellen in Moskau haben kundenfreundliche Öffnungszeiten, von 8-21 Uhr!) ging ich dann auf die Post – doch ich wurde da belehrt, solche Schachteln führe man in dieser Post nicht. Ich müsse auf die nächste Post – die aber auch nicht weit weg war.

Da wollte ich also am Freitagmorgen vor der Arbeit diese Schachtel kaufen. Nachdem ich rund 20 Minuten in einer Schlange gestanden hatte, wurde ich am Schalter belehrt, dass man die Schachteln nebenan kaufe müsse. Also stellte ich mich eine Tür weiter in die Schlange. Als ich rund 30 Minuten später zuvorderst war, wurde ich angeschnauzt, ob ich denn nicht lesen könne, hier gehe es um Briefe und nicht um Pakete, Pakete seien nebenan. Na ja, das hatte ich übersehen. Dort gab es tatsächlich einen Raum, in dem zwei Frauen sassen inmitten Bergen von Päckchen. Schachteln gab es auch – aber leider nur die kleinste Grösse, die anderen Grössen seien ausgegangen. Man könne mir auch nicht sagen, wo es grössere Schachteln gebe, ich müsse halt bei anderen Poststellen fragen.

Ich beschloss deshalb, am Abend in jener Post die Schachtel zu kaufen, wo ich sie zuerst gesehen hatte. Als ich dort nachfragte, wie sie am Samstag geöffnet hatten, sagte man mir, so grosse Päckli könne ich nur bei der Hauptpost wegsenden.

Dorthin machte ich mich am Samstag auf den Weg. Unterwegs kaufte ich noch eine Rolle Klebeband. In der Hauptpost fand ich nach längerem Durchfragen schliesslich in einem Hinterhof den Raum, in dem man Päckli versenden kann.

Ich verklebte noch schnell die Päckli mit dem Klebeband und stellte mich mal auf gut Glück bei Schalter 42 an – in dem Raum gab es die Schalter 40-50. Dort schnauzte mich die Frau zuerst mal an, weil ich das Päckli zugeklebt hatte. Ich: „Ja, aber dann kann jemand die Dinge rausnehmen.“ Sie: „In Russland geht das nicht so“. Ich verstand nicht, was sie meinte. Sie riss alles Klebeband ab, das ich eben erst angeklebt hatte. Um danach gleich ihr eigenes Klebeband an genau die gleichen Stellen zu kleben. Der einzige Unterschied: ihr Klebeband war weiss, meines durchsichtig. Und auf ihrem Klebenband stand „russische Post“.

Und dann hatte ich noch einen Fehler gemacht: Ich hatte beim Absender meine Schweizer Adresse hingeschrieben – klar, denn ich reiste am gleichen Tag ja zurück in die Schweiz. Sie könne so kein Päckli entgegen nehmen, sagte mir die Frau. Und legte mir zwei Blätter hin: ein weisses Papier, das wie eine Päckliettikette aussieht und ein dickeres Papier, das sich so anfühlte, als ob es noch aus Sowjetbeständen stammte. Auf beide Zettel solle ich die Adresse noch mal ausfüllen und als Absender „postlagernd, Hauptpostamt“ schreiben. Dass ich das Päckli nie werde abholen kommen, weil ich wohl länger nicht mehr in Moskau bin, war der Frau schnurz. Also füllte ich die Formulare aus – das Sowjetding füllten übrigens alle aus, die ein Päckli dabei hatten.

Ich stellte mich wieder in die Schlange bei der gleichen Frau - trotz Anschnauzen schien sie doch Geduld mit mir zu haben. Als ich endlich dran war - wurde ich wieder angeschnauzt: Ich hätte nicht schön geschrieben. Sie füllte also das weisse Blatt noch mal aus (ich finde nicht, dass ihre Schrift schöner war, aber sie sah halt nicht so aus wie die von jemandem, die nur alle paar Jahre mal russische Schreibschrift schreibt...), klebte es auf das Päckli und schickte mich zu Schalter 50. Dort  sei die Chefin. Ich wusste zwar auch nicht, was ich dort sollte, wollte mich aber nicht weiter anschnauzen lassen und marschierte also mit meinem Päckli und dem Sowjetformular dorthin. Um mich gleich wieder anschnauzen zu lassen, ich müsse zu Schalter 47.

Dort stellte ich mich also an und konnte zuschauen, wie das ganze abläuft: Die Schalterfrau schreibt den Sowjetzettel ab in einen Computer. Gibt dann Päckli und Sowjetzettel an eine andere Frau. Die schreibt den Sowjetzettel ab in ein dickes Buch. Nimmt ein Packpapier und eine Schnur und packt das Päckli noch mal ein. Klemmt den Sowjetzettel zwischen Schnur und Päckli. Bei einigen Päckli wurde die Schnur noch mit einem Siegel am Päckli angemacht. Als ich endlich an der Reihe war, wurde ich gefragt, ob ich mit oder ohne Preis versende. Ich wusste nicht, was das ist und sagte mal, ich wolle das ohne Preis versenden. So bekam mein Päckli kein Siegel, aber es wurde noch mal verpackt. Übrigens: Das Päckli zu versenden hat mich 7.50 Franken gekostet – und inkl. Schachtelsuche rund 5 Stunden. Der Flug nach Sibirien dauert 4 Stunden.

 

 

Rückblick (5. Dezember 2006)

Seit mehr als einem Monat bin ich nun wieder zurück und der Alltag hat mich längst wieder eingeholt. Noch immer zehre ich von meinem Geschichten-Vorrat, den ich aus Moskau mitgebracht habe, so ist kürzlich meine ganze Seite zu Frauenhandel in der AZ/MZ erschienen, mindestens drei weitere Geschichten werden in den nächsten Wochen noch erscheinen.

Rückblickend fällt mir auf, wie zwiespältig die Zeit als Journalistin in Moskau war: Einerseits habe ich erlebt, wie viele Türen aufgehen, wenn man sagt, dass man Journalistin ist, wie viele spannende Menschen sich Zeit nehmen für ein Gespräch - Menschen, an die man kaum herankommen würde, wenn man nicht Journalistin wäre. Andererseits hat der Mord an Anna Politkowskaja genau zur Halbzeit meines Aufenthaltes auf erschreckende Art die negative Seite dieses Berufs aufgezeigt…

nteressant ist es auch für mich, zu sehen, wie wenig wir hier über Ereignisse in anderen Ländern erfahren. So werden seit Wochen in Russland Öl- und Gasförderunternehmen (v.a. westlichen) unter mehr oder weniger glaubwürdigen Vorwänden Lizenzen entzogen - in Russland war und ist dies ein grosses Thema, hier habe ich noch kaum etwas drüber gehört und auch die AZ/MZ bringt dazu nichts, trotz meiner Versuche, die Wichtigkeit des Themas aufzuzeigen. Wieviele andere wichtige Geschehnisse gibt es wohl auf dieser Welt, von denen wir nie etwas erfahren, trotz Nachrichtenagenturen und modernen Kommunikationsmittel?

SCHLUSS