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Stagiaires in Auslands-Redaktionen

Stefanie Hablützel berichtet aus Mali

Stefanie Hablützel (1975) ist seit Ende Dezember 2008 Stagiaire bei Radio Kledu in Bamako, Mali. Sie studiert Soziologie und Geschichte an der Universität Basel und arbeitet als Redaktorin bei Radio Grischa in Chur. Vorher absolvierte Stefanie Hablützel die Zürcher Hochschule der Künste und unterrichtete am Gymnasium Bildnerisches Gestalten.
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Stefanie Hablützel

22.12.2008
Meine Reise nach Mali wird jäh unterbrochen – das Flugzeug trifft mit über zwei Stunden Verspätung in Casablanca ein, der Anschlussflug ist bereits weg. Zusammen mit einem Malier, der in Genf arbeitet und einer Deutschen, die in Basel studiert, mache ich mich auf den Weg zum Hotel. Bereits bei der Passkontrolle fallen die vielen weiss gekleideten Menschen auf, meist mit einer goldenen Flasche um den Hals; es sind Pilger, die von Mekka zurückkehren. Ich lasse mir erklären, dass sich in der thermosähnlichen Flasche heiliges Wasser befindet. Die Kontrollen im Flughafen sind streng und so dauert es einige Stunden bis wir samt Hotelbon den Ausgang erreichen. Es ist unterdessen drei Uhr morgens, doch vor dem Gebäude drängen sich hunderte von Menschen hinter Absperrungen, davor stehen Polizisten. Jedes Mal, wenn einer der Pilger auf den Platz tritt, stimmen Frauengruppen zur Begrüssung Gesänge an, die Geräuschkulisse ist eindrücklich.

Audioschnipsel: Begrüssung der Pilger in Casablanca (MP3)

Nach kurzer Zeit werden wir misstrauisch von der Polizei angesprochen und machen uns auf den Weg ins Hotel.

 

23.12.2008

Nach knapp zwei Tagen erreiche ich Bamako am frühen Morgen. Sory, Chauffeur und Techniker bei Radio Kledu, holt mich ab und versucht mir auf dem Weg in die Stadt erste Worte in der hiesigen Sprache Bambara beizubringen. Bereits die diversen Begrüssungen geben einen Vorgeschmack auf die Komplexität der Sprache. Aber auch wenn alle Bambara reden, Unterrichtssprache sei Französisch, fügt Sory hinzu. Schliesslich erreichen wir das Haus von Radiodirektor Jacques Dez und seiner Frau, bei denen ich freundlicherweise die erste Nacht verbringen kann.

Am Nachmittag steht ein erster Besuch bei Radio Kledu an, situiert im Quartier Cité du Niger in Sichtweite des Flusses. Die Studios befinden sich im Gebäude rechts von der Satellitenschüssel (siehe Bild).

Meine Vorstellung in der Redaktion beginnt mit einem Misston; als Jacques Dez mich den anwesenden vier Redaktoren vorstellt, fragt eine Journalistin postwendend, wann denn endlich jemand von Kledu in die Schweiz gehen könne. Dez winkt ab, die finanziellen Mittel fehlten, man werde schauen. Nach einer kurzen Vorstellung meinerseits beginnt die eigentliche Redaktionskonferenz, unterdessen ist auch Aliou, ein weiterer Journalist eingetroffen. Er hatte am Morgen eine Ausgabestelle für Vignetten besucht; jedes Motorrad – ein beliebtes Transportmittel hier – muss eine Jahresvignette lösen. Das Problem dabei: Die Behörden arbeiteten sehr langsam und hätten innerhalb mehrerer Stunden nur für fünf Motorräder eine Vignette ausgestellt. Entsprechend schlecht sei dann auch die Stimmung an der Ausgabestelle gewesen, so Aliou. Nach der Redaktionskonferenz bringt mich der Radiodirektor samt Gepäck in meine Pension.

 

24.12.2008

Erster Arbeitstag bei Radio Kledu. Als ich um 9 Uhr ankomme, ist die Nachrichtenverantwortliche Assa und ein Reporter da. Assa ist von 9 bis 13 Uhr zuständig für die stündlichen Informationsbulletin, dessen Inhalt sie von verschiedenen Internet-Nachrichtenportalen nimmt, die Redaktion verfügt nicht über eine Agentur. Themen sind unter anderem der Tod des Staatspräsidenten in Guinea und der nachfolgende Putschversuch, die Forderung von Erzbischof Desmond Tutu in Südafrika, den zimbabwischen Staatspräsidenten Robert Mugabe per Gewalt aus dem Amt zu heben, aber auch die bunte Geschichte, dass die Schuhmarke, die der irakische Journalist George W. Bush nachgeworfen hatte, zum "it-shoe" avanciert. Für die Technik während des Nachrichtenbulletins ist ein Techniker verantwortlich, der Moderator macht Pause.

Gegen halb 12 kommt eine weitere Journalistin, Célia, mit Tönen von einer Konferenz des "Pesticid Action Network Mali". Die Tagung fand an den zwei vorangehenden Tagen statt und thematisierte die Gefahr von falsch entsorgten Pestiziden für Mensch, Tiere und Umwelt. Célia produziert dazu einen knapp zweiminütigen Beitrag, der dann ihm Rahmen des Hauptbulletins um 13 Uhr ausgestrahlt wird.

Am Nachmittag schaue ich im Sendestudio einer rund eineinhalbstündigen Diskussionssendung zu; Lamin, der Moderator, hat zum Jahresende verschiedene Musiker und Musikerinnen eingeladen, die die Musikgeschichte von Mali vor und nach der Unabhängigkeit 1960 mitgeprägten. Die Runde ist lebhaft, gesprochen wird durchwegs Bambara, ausser wenn mir Lamin während den Liedern eine kurze Zusammenfassung in Französisch gibt. Nach der ersten halben Stunde kommen auch Hörer live zu Wort. Die Tonübertragung ist ziemlich unkonventionell; Lamin stellt das Telefon auf Lautsprecher und hält dann sein eigenen Mikrophon an die Tonausgabe.

 

Lebhaft ist die Diskussion auch, weil die Gäste zwischendurch immer wieder ihre Mikrophone verschieben und justieren – falls notwendig, springt der Moderator von seinem Platz auf und macht es selber – oder Mobiltelefone klingeln und auch in einer Ecke des Studios abgenommen werden.

Am Abend schliesslich bin ich zu Weihnachten bei Jacques Dez und Familie sowie Freunden zu Weihnachten eingeladen. Sogar der «Père Noël» schaut vorbei, um den Kindern die Geschenke zu bringen.

25.12.2008

Nach einer kurzen Nacht bin ich um 6.30 Uhr bereits im Studio; Radio Kledu überträgt heute live die Messe der kleinen protestantischen Kirche «L'Eglise Evangelique de Torokorobougou» im gleichnamigen Quartier. Sory, der Techniker, lädt das nötige Equipment ein und wir fahren auf der anderen Seite des Niger. Die Kirche selber ist als solche nicht zu erkennen, ein unscheinbares Gebäude mit Sonnendach und einigen Bänken davor. Wir beginnen das Material auszuladen und Sory steckt die Antenne zusammen, mit der das Signal direkt an das Studio übertragen wird. Gegen halb neun Uhr treffen die ersten Kirchgänger ein und auch der Chor in roten Roben installiert sich. Viele der Frauen, aber auch einige Männer, tragen Kleider aus dem gleichen weissen Stoff mit braunem Muster und Bibelsprüchen auf Bambara, dazwischen appliziert eine bunte Illustration, die die Geburt von Jesus zeigt. Ich mache meine ersten Interviews auf Französisch und unterhalte mich mit mehreren Frauen über diesen Stoff. Wie sich herausstellt, wird jedes Jahr für Weihnachten ein neues Muster gedruckt und zu Weihnachtsgewändern verarbeitet. Mit dem Verkauf unterstützt die Gemeinde Missionare, die in diversen Regionen Malis missionieren.

Die Messe selber, mit Predigten, Botschaften und Liedern ist grösstenteils in Bambara, mit kurzen Zusammenfassungen auf Französisch. Frauen und Männer sitzen getrennt auf der linken und rechten Seite, ich glücklicherweise auf der richtigen Seite. Die Musik ist beeindruckend; diverse Chöre singen und tanzen, begleitet unter anderem von Trommeln und einem elektrischen Piano. Auch der Pfarrer selber singt nach seiner Predigt zusammen mit der Gemeinde ein kurzes Stück:

Audioschnipsel: Pfarrer singt mit Gemeinde (MP3)

Nach gut zwei Stunden kommt die Messe zu einem Ende. Während die Einen hinausströmen, lassen sich Andere in der Kirche in ihren Weihnachtskleidern fotografieren.

Danach werden wir von Radio Kledu beim Pfarrer zum Essen eingeladen. Am Schluss bedankt sich dieser und kündigt an, den vereinbarten Geldbetrag vorbeizubringen – die Übertragung der Messe war demnach Teil einer Medienpartnerschaft. 

 

26.12.2008

Ich produziere meinen ersten kleinen Beitrag von 1'30'' zu den Weihnachtskleidern. Luxuriös dabei: Radio Kledu hat ein Produktionsstudio samt dem dafür verantwortlichten Techniker Buky, der mit den Journalisten die Texte aufnimmt. Er korrigiert meine Aussprache und gibt Tipps für die Montage. Trotzdem, mein Schweizerdeutsch verrät sich in allen möglichen Wörtern. Der Beitrag geht am nächsten Tag im 9-Uhr-Bulletin über den Sender. 

 

27.12.2008

Samstag. An der Universität in Bamako ist für neun Uhr morgens eine Demonstration angekündigt. Per Moto fahren mein Redaktionskollege Kane und ich zum Campus auf die «Colline du savoir» (der Präsidentenpalast befindet sich auf der «Colline du pouvoir»). Wie sich herausstellt, handelt es sich nicht um eine Demonstration, sondern der neue Generalsekretär der naturwissenschaftlichen Fakultät von Bamako soll gewählt werden. Eineinhalb Stunden und mehrere Interviews später realisiert Kane, dass auch diese Information falsch war: Heute beginnt ein zweitätiger Kongress des AEEM, der «Association des étudiants et élèves du Mali» mit Delegierten der verschiedenen Regionen. Schlussendlich scheint klar: Morgen wird der neue Generalsekretär der AEEM gewählt, zwei Kandidaten stehen zur Auswahl. Diese promenieren vor der Veranstaltung über das Gelände, flankiert von muskelbepackten Männern und gefolgt von ihrem Clan mit 20 bis 30 Männern. Wie Kane mir erklärt, ist der Posten begehrt, weil sich damit Geld verdienen lässt, unter anderem durch Korruption.

Wer Studentin ist und wer auf dem Campus arbeitet, bleibt meinen Blick verborgen; als ich für ein Interview auf eine vermeintliche Studentin zugehen möchte, hält mich Kane lachend zurück und meint, dass sei eine der Bediensteten, klar erkennbar an Kleidung und Haaren. Ich hingegen sehe unterschiedlich gemusterte Stoffe, verschiedene Rocklängen und Frisuren. Mit über einer Stunde Verspätung beginnt schliesslich der Kongress mit diversen Grussworten. Studentinnen sind klar in der Minderheit, deutlich hörbar beim Singen der malischen Nationalhymne.

Audioschnipsel: Malische Nationalhymne (MP3)

Vor zwölf Uhr machen wir uns auf den Rückweg ins Studio und bereiten einige Töne für das Bulletin von 13 Uhr vor. Morgen soll es ein zweites Mal auf den Campus gehen, wenn der neue Generalsekretär gewählt wird. 

Am Abend esse ich zusammen mit dem Chefredaktor in einem kleinen Restaurant. Im TV läuft auf ORTM, dem staatlichen Sender, die Nachrichtensendung und berichtet wird auch über Eröffnung des Kongresses. Bei einem Schwenk über das Publikum entdecke ich mich in der Gruppe der Journalisten. Das Fernseh-Bulletin selber besteht aus einer Aneinanderreihung von diversen Pressekonferenzen, bei denen zu den Grussworten und Reden Ansichten des zuhörenden Publikums gezeigt werden.

 

28.12.2008

Zweiter Tag an der Universität. Als ich fast schon vor Ort bin, telefoniert mir Kane; die Veranstaltung beginne mit zweieinhalb Stunden Verspätung. Wir schauen uns in einem Restaurant einen Fussballmatch der englischen Championsleague an und fahren danach per Moto zur Universität. Nach etlichen Gesprächen wird klar, dass Amadoun Traore von der Geisteswissenschaftlichen Fakultät bereits als neuer Generalsekretär der AEEM gewählt ist. Kane organisiert sich über einen der Delegierten die Mobil-Nummer von Traore, für ein Interview steht dieser aber nicht zur Verfügung. Gegen 17 Uhr kehren wir in die Stadt zurück, ohne Töne und Geschichte.

 

29.12.2008

Als ich nach neun in die Redaktion komme, ist ausser dem Chefredaktor und einer der Sportredaktoren niemand da. Ich lese mich in einen Bericht der UN ein, der den Kokainhandel von Südamerika über Westafrika nach Europa untersucht. Der interessante Aspekt: Mehr als die Hälfte der Kokainlieferungen nach Europa verlassen Westafrika über nur vier Ländern, mit Mali an vierter Stelle. Angeführt wird die Liste von Nigeria und Senegal, gefolgt von Guinea. Importiert wird die Droge jedoch via die Küstenländer, sodass das Kokain vor dem Export über Hunderte von Kilometern zum Flughafen von Bamako transportiert werden muss. Die Studie mutmasst bezüglich der Gründe – die Originalität der Handelsroute, das Netzwerk der Drogenhändler vor Ort – und schliesst damit, dass weitere Untersuchungen notwendig sind.

Die tägliche Redaktionssitzung um 14 Uhr findet zwischen Stühlen und Bänken statt, da der Chefredaktor nicht auftaucht. Jede und jeder der anwesenden Redaktoren sagt von seinem Arbeitsplatz aus, an welchem Thema sie oder er zurzeit arbeitet, diese werden anschliessend in einem dicken A4-Journal festgehalten. Ich mache mich früh auf den Heimweg, da es keine Arbeit für mich gibt; es sei Jahresende, meinen meine Kollegen und Kolleginnen entschuldigend, im Januar werde wieder mehr los sein.

Normalerweise fahre ich mit dem Taxi zur Arbeit und retour, diesmal gehe ich jedoch die Strecke zu Fuss. Die Strassen orientieren sich an einem rechteckigen Raster. Diverse Leute sprechen mich an, sei es, weil sie mir eine Lesebrille mit 0.5 Dioptrin verkaufen möchte (ich habe eine Korrektur um 4 herum) oder um sich mit mir zu unterhalten, darunter auch die Polizei, die an einer Kreuzung sitzend Wache schiebt. Sie rufen mich mit dem hiesigen Wort für Weisse, «Toubab». Inmitten unseres kurzen Gespräches zum woher und wohin ändert einer der beiden Polizisten brüsk das Thema und beginnt über die Schweiz zu sprechen. Es gäbe doch Möglichkeiten, nach Europa zu reisen, nicht? «Ja, es gebe Möglichkeiten», antworte ich ausweichend, ahnend, worauf er abzielt. Der Polizist will nach Europa und benötigt dafür eine Einladung. Und er will auch meine lokale Telefonnummer, worüber ich mich mit einer Notlüge hinweg rette.

Nach einigen weiteren Strassenüberquerungen – die teilweise Minuten dauern, bis ich in einer Lücke zwischen den Autos, Motorrädern und Lastwagen die Strasse queren kann – komme ich in meiner Auberge an.

 

30.12.2008
Ich erreiche Radio Kledu kurz vor der Redaktionskonferenz um 14 Uhr. Auch heute erscheint der Chefredaktor nicht, die Redaktorinnen und Redaktoren organisieren sich selber. Für morgen steht der Jahresüberblick an, «la retro», für die jeder Redaktor einen Beitrag zum eigenen Ressort produziert.

Gegen vier mache ich mich zusammen mit Assa auf den Weg zur Schlussveranstaltung der «semaine nationale de l'enfant». Rund 100 Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren aus ganz Mali haben sich während einer knappen Woche mit diversen, zum Teil happigen Themen auseinandergesetzt: Beschneidung, Rechte der Frauen oder Zwangsheirat. Die Themen wurden unter anderem in Sketche umgesetzt, die an der Schlussveranstaltung gezeigt werden. Assa führt für mich ein Interview mit dem Präsidenten der Conaf («La Coalition Africaine des Droits de l'Enfant») Mussa Sissoko, gibt mir die Anweisung, die Schlussrede aufzuzeichnen und verabschiedet sich dann, um für ihren Mann das Nachtessen vorzubereiten.

Einige Interviews später fahre ich zusammen mit einem Radiojournalisten des Staatssenders ORTM per Moto zurück auf die andere Seite des Flusses. Dort angekommen, führt er mich durch die Studios des Senders, die architektonisch zwar modern sind, technisch aber mit einer Mischung aus den Technologien den letzten 60 Jahren arbeiten – Studerpulte mit Magnetbändern, Nagra-Aufnahmegeräte, aber auch DAT und digitale Systeme.

Im Nebengebäude ist das staatliche Fernsehen und mein Journalistenkollege zeigt mir eines der beiden Aufnahmestudios, dessen Dekor ich kürzlich im TV gesehen habe – davor sitzend der malische Präsident Amadou Toumani Touré.

 

 

31.12.2008
Am Morgen produziere ich den Beitrag zur gestrigen «Semaine National de l'Enfant» - und verhaue mich im Timing. Der Beitrag solle nur 1'30 sein, meint Lacinet, der verantwortliche Nachrichtenredaktor, ich hatte jedoch auf 2'30 produziert. In einer Feuerwehrübung kürzt er die Töne runter, die Montage tönt entsprechend. Im Bulletin von 13 Uhr wird dann mein «élément» ausgestrahlt, während ich vor dem Computer sitze und mich ärgere. Wie es sich herausstellt, kann zwar ein Beitrag zu einem Thema schon diese Länge haben, muss dann aber zweigeteilt werden, sprich eine weitere Anmoderation enthalten.

Beitrag: Clôture de la semaine nationale de l'enfant (31.12.2008, 1'40)
« La 3eme édition de la semaine nationale de l'enfant s'est achevé hier à Bamako. La cérémonie a été marquée entre autres par des prestations d'artistes, des sketchs et des remises de prix. Une centaine d'enfants agés de 10 à 18 ans sont venus de toutes les régions du Mali. Pendant la semaine, ils ont travaillé sur des thèmes tels que leur droits et devoirs, l'abandon de l'enfant, l'excision ou le mariage précoce. Le reportage de Stefanie Hablützel. »

Lacinet erzählt mir später am Nachmittag, er habe im Bulletin darauf verzichtet, meinen Familiennamen auszusprechen. Hablützel bereitet meinen Redaktionskollegen beträchtliche Ausspracheprobleme – so wie mir ihre Namen. Wir einigen uns auf «Ablüssel» als Annäherung.

Das Neue Jahr beginnt mit einem rund zehnminütigen Stromausfall. Ich bin unterwegs mit Momo von der DEZA, der mich freundlicherweise für den Abend eingeladen hat. Zusammen mit zwei seiner Freunde, einem Hochbauzeichner und einer Englischstudentin sind wir mit dem Auto unterwegs. Unterwegs wollen die beiden Männer von ihr wissen, ob sie sich eine polygame Ehe vorstellen könne. Sie antwortet nach einem kurzen Zögern, höchstens als erste Frau. Auf meinen Einwurf hin, ob sie sich denn eine Ehe mit drei Männern vorstellen könne, meint sie amüsiert ja, im Gegensatz zu den Männern, bei denen der Vorschlag auf Unverständnis stösst.

Gegen ein Uhr erreichen wir einen Freund von Momo, der eine kleine Party veranstaltet. Da es sich um eine muslimische Familie handelt, gibt es keinen Alkohol, ungewohnt für mich für Sylvester. Nach einiger Zeit wird das Buffet eröffnet und eine der Frauen kommt zu uns, es sei «Self-Service». Es stellt sich heraus, dass dies nur für einen Teil der Gesellschaft gilt. Während der grösste Teil der Männer sitzen bleibt, servieren ihnen die Frauen das Essen. Gegen zwei Uhr mache ich mich auf den Rückweg in die Auberge und komme doch noch zu einem Bier.

 

1.1.2009
Feiertag. Ich gönne mir zum Frühstück französische Baguettes und Eier, gekauft an einem der vielen – zumindest für meine Augen – improvisierten Stände vor den eigentlichen Häusern. Am Abend treffe ich mich mit einer Bekanntschaft aus Côte d'Ivoire, die zurzeit Verwandte in Bamako besucht. Ihr Geschäftsmodell: Sie fliege nach Dubai, kaufe dort Mobiltelefone, fülle einen Koffer von bis zu 32 Kilogramm damit und reise damit zurück. Beliebt seien zurzeit Handys mit zwei SIM-Karten und überhaupt, «Les Ivoriens aiment le luxe». Weniger gut für das Geschäft sind jedoch die Zollgebühren. Sie überlege sich deshalb, die Ware über Mali per Landweg nach Abidjan zu transportieren – im Klartext zu schmuggeln.

 

2.1.2009
Zum ersten Mal seit über einer Woche übernachten zwei weitere Touristen in meiner Auberge mit insgesamt fünf Zimmern,  und das in der Hochsaison. Es scheint, dass sich die Finanzkrise auch auf den hiesigen Tourismus auswirkt. Die Krise ist auch Thema in einem Jahresrückblick auf dem Fernsehsender Africabel; ein malischer Ökonom bemerkt dazu nur trocken, Afrika sei nicht erst in der Krise seit dem Subprimedebakel, sondern bereits seit Jahrzehnten.

Am Nachmittag unternehme ich zusammen mit Bakary, der die Auberge führt, eine Spritztour durch die Stadt. Wir fahren mit dem Moto über die älteste Brücke, die nur während der Trockenzeit benutzt werden kann. Die Landschaft ist bizarr und höchstens der Verkehr lässt vermuten, dass sich eine Millionenstadt in der Nähe befindet.

Bei der Brücke selber handelt es sich um einen schmalen geteerten Weg ohne Geländer, der nur gelegentlich kurze Strecken über das Wasser zu überbrücken hat. Am Strassenrand verkaufen Frauen Karotten, angehäuft zu gut sichtbaren Türmen.

 

3.1.2009
Wochenende. Am Nachmittag treffe ich mich mit Katja, einer Schweizer Journalistin, die seit über zwei Jahren in Bamako lebt. Sie wohnt in einer «concession», einem Innenhof, darum gruppiert einstöckige Gebäude mit teilweise kleinen Veranden, die von verschiedenen Parteien bewohnt werden. Heute ist der Hof besonders belebt, weil «Cousinentag» ist. Rund ein Dutzend Frauen – alles Cousinen – sitzen oder liegen auf Matratzen und Stühlen und unterhalten sich lebhaft.

Eine der älteren Frauen wirft immer wieder Muscheln auf eine kleine runde Bastmatte, sortiert einzelne aus, wirft erneut. Die Muscheln werden «Cauris» genannt und sollen die Zukunft verraten. Katja spendiert für mich 500 CFA und die erste Frage an die Wahrsagerin ist, ob ich verheiratet sei? Nein, antworte ich. Die Muscheln stossen klimpernd zusammen und sie sagt mir einen im Schatten lauernden Verehrer voraus, «un prétendant de l'ombre» viel Liebe und Geld. Die Finanzen sind bei allen ein beliebtes Thema, gefolgt von Heirat und Liebe.

5.1.2009
Montag. Nach den Feiertagen ist heute zum ersten Mal ein Grossteil der Redaktion an der Sitzung um 14 Uhr; der Chefredaktor, die Nachrichtenverantwortliche und acht Reporter. Die Redaktionskonferenz verläuft ruhig, jeder und jede sagt kurz sein Thema an. Ich schlage den Besuch der Molkerei «Djom Kossam» vor, eröffnet vor einem halben Jahr rund 40 Kilometer vor der Stadt bei Siby, das Projekt eines malischen Agraringenieurs und einem Schweizer Lebensmittelingenieur. Der Vorschlag stösst auf Zustimmung und ich verabrede mich noch  für den Abend mit Aguibou Sall, dem malischen Partner.

Am Nachmittag fahre ich zusammen mit Kane wegen eines mutmasslichen Mordes zur lokalen Polizeistation. Das kleine, ebenerdige Gebäude ist voll von Menschen, die warten oder mit Beamten diskutieren. Verstaubte Motorräder verstellen den Innenhof, an den zwei Zellen angrenzen. In der linken Zelle sehe ich eine Frau am Gitter, rechts davon rund acht Männer. Der für uns zuständige Polizeibeamte weist auf die an die Wand angelehnte Tafel hin, vollgekritzelt mit Nummern von gestohlenen Mobiltelefonen. Weder Kane noch ich verstehen, wozu die Liste dienen soll, da ein gestohlenes Telefon einfach mit einer anderen SIM-Karte benutzt werden kann (die umgerechnet knapp fünf Franken kostet). Der mutmassliche Mord entpuppt sich als natürlicher Tod, der Beamte erzählt uns anschliessend ungefragt eine weitere Totschlaggeschichte aus der Silvesternacht, illustriert mit Fotos auf seinem Handy.

6.1.2009
Zum ersten Mal seit zwei Wochen verlasse ich die Millionenstadt Bamako zusammen mit Aguibou Sall, dem Mitinitianten der Molkerei, begleitet von einer seiner Kolleginnen. Mit über 100 Stundenkilometern brettern wir über die kürzlich neu eröffnete Nationalstrasse nach Siby zur Molkerei, die im letzten Sommer eröffnet wurde. Stephan Wullschleger, der beteiligte Schweizer, hatte mir bereits in Zürich erzählt, dass die gute Verbindung zur Hauptstadt ausschlaggebend gewesen sei, denn dort wird die Milch verkauft. Unterbrochen wird die rasante Fahrt nur von einem Kontrollposten. Diverse Behörden haben laut Sall das Recht, Geld zu verlangen, darunter der «service de controle et reglementation alimentation», Kostenpunkt für die Milch 500 CFA, umgerechnet 1.15.-. Geld einziehen können aber auch die Polizei, der Zoll, die Gendarmerie, der Bezirk Bamako und das Forstamt, Quittungen stellen nur der Bezirk Bamako und die Nahrungsmittelbehörde aus.

Es ist ruhig in der Molkerei. Während des ganzen Tages werden nur 37 Liter zusammenkommen, dies im Gegensatz zu täglich 200 Litern im Sommer. Grund für die sehr magere Ausbeute ist die Ernährungssituation, konkret der stark gestiegene Preis des «tourteau de coton», Pellets aus gepressten Baumwollsamen, die als Nahrungsmittelergänzung während der Trockenzeit verfüttert werden. Seit 2005 hat sich der Preis verdoppelt, zurzeit kostet ein Sack à 50 Kilogramm 9000 CFA, rund 20 Franken. Grund für den Preisanstieg ist die zusammengebrochene Baumwollproduktion in Mali wegen dem Preiszerfall auf den internationalen Märkten.

Nach der Molkerei (s. Bild o.l.) besuchen wir die Milchsammelstelle von Djom Kossam in Bankumana, einem rund zwanzig Kilometer entfernten Dorf. Die Piste ist holprig und wir brauchen für die Strecke ermüdende vierzig Minuten. Weil hier zurzeit mehr Milch abgegeben wird, befindet sich auch die Pasteurisiermaschine hier. Als wir ankommen, gibt gerade ein Bauer vier Liter ab, angeliefert per Velo in einem kleinen gelben Kanister. Djom Kossam zahlt den Bauern pro Liter 250 CFA (-.58) und verkauft sie nach der Verarbeitung in Bamako für 500 CFA (1.15.-), abgepackt in Plastiksäckchen (siehe Bild o.r.). Mit der Hilfe von Sall als Übersetzer erfahre ich von dem Bauer, dass er heute die Hälfte seiner Tagesproduktion abgegeben hat – die anderen vier Liter konsumiert die eigene Familie mit zurzeit kleinen Kindern.

Nach dem Mittagessen – Schafsleber und Schafsfleisch von einem der Stände – ist die Milch pasteurisiert, sie schmeckt vorzüglich. Wir machen uns auf den Rückweg nach Bamako, um die Milch am Verkaufspunkt (s. Bilder u.l. und u.r.) im Quartier Badalabougou abzuliefern, im Kofferraum zwei lebende Hähne und Futter für die Schafe Salls in Bamako. Immer wieder rufen Besitzer von Lebensmittelläden an und fragen, wo die Milch bleibt; die Nachfrage wäre da, aber Djom Kossam kann wegen dem fehlenden Futter nicht liefern.

Zum Abschied schenkt Aguibou Sall seiner Kollegin und mir je eines der beiden Hähne – deshalb auch die Frage auf der Autofahrt, ob ich Poulet kochen könne. Das Tier döst im Taxi glücklicherweise friedlich auf meinem Schoss. Zuhause angekommen, kann ich das Tier einem der Wächter abgeben, der es in der Garage festbindet, mitsamt einem Schälchen Wasser und einigen Reiskörnern.

 
7.1.2009
Der Fokus für den geplanten Beitrag über die Molkerei soll auf derzeitigen Ernährungssituation in der Trockenzeit liegen. Telefonisch vereinbare ich zwei Interviews für den nächsten Tag, mit der erst kürzlich gegründeten Bauernorganisation «Syndicat national des producteurs de lait du Mali» und dem Koordinator des staatlichen Milchförderungsprogramm.
 

Für das Nachtessen ist der Hahn geplant, der heute morgen um fünf bereits die Auberge zusammengekräht hatte. Wir fahren zu dritt zum Markt, mit dem Tier im Kofferraum vom SUV. Kola und Bakary von der Auberge erstehen im Erdgeschoss des Schlachthofes zwei weitere kleinere Hennen. Den Tieren wird danach hinter dem Gebäude der Hals durchgeschnitten; die eigentlichen Metzger seien schon nach Hause gegangen und so verdiene sich jemand sonst einen Zustupf, erklärt mir Bakary. Die drei Geflügeltiere bluten in aufeinandergestapelten Autoreifen aus, umschwirrt von Fliegen. Gerupft und ausgenommen werden sie danach im oberen Stock des Schlachthofes in einer Badewanne, die punkto Sauberkeit schon bessere Zeiten erlebt hat.

Nach stundenlangem Präparieren und Kochen bei Kola daheim durch die Frauen kommen die Vögel auf den Tisch, garniert mit Bohnen und Kartoffel, ein Nachtessen für rund sechs Personen. Gegessen wird aus einer grossen Schüssel mit den Händen, der schnellere isst mehr.

8.1.2009
Ich treffe Oumar Gueye Fall, einer der Initianten der Bauernorganisation «Syndicat national des producteurs de lait du Mali». Mit dem Mikrophon hingestreckt über seinen immensen Pult sprechen wir rund zwanzig Minuten über die aktuelle Situation in der malischen Viehzucht. Weniger Erfolg habe ich mit meinem zweiten Gesprächspartner Yaya Konate, den ich erst am Abend wieder erreiche. Er entschuldigt sich, den Termin vergessen zu haben.

9.1.2009
Der Tag beginnt mit einem Interview mit Yaya Konate, Koordinator des «projet lait», mit dem die Regierung die nationale Milchproduktion ankurbeln will. Angestrebt werde eine jährliche nationale Produktion von 500 Millionen Litern Milch, was pro Einwohner rund 40 Liter ergäbe. Mit seinen geschätzten 9 Millionen Tieren könnte sich Mali selber versorgen, importiert zurzeit aber für umgerechnet über 20 Millionen Franken Milchpulver. Es fehlt an einem dezentralisiertes Netz von Milchsammelstellen und Molkereien,  gleichzeitig schwankt die Milchproduktion, weil die Herden auf der Suche nach Nahrung im Land umherziehen. Direktsubventionen für die Milchproduktion existieren nicht. Die Strategie der Behörden punkto Ersatznahrung scheint zurzeit, alternative Ersatznahrung zu den überteuerten Baumwoll-Pellets zu finden, dazu die ernüchternde Einschätzung von Yaya Konate: «Pour le moment, la culture de coton n'a pas d'avenir». Geführt werden soll auch der Kampf gegen die Buschfeuer, die die letzten trockenen Gräser und Blätter für die Tiere vernichten.

Bei Radio Kledu handle ich mir für mein Thema 2'30 aus, ein sogenanntes «Magazine»: Das derzeit längstmögliche Format für das Bulletin. Wenig Zeit für ein komplexes Thema! Der Beitrag läuft am Abend über den Sender. 

Beitrag: Crise dans l'élevage à cause du coton (9.1.2009, 2'31)
«Crise dans l'élevage: Le prix pour le tourteau de coton, l'alimentation supplémentaire des bétails a doublé depuis 2005. Un sac de 50 kilogrammes coûte actuellement 10'000 Francs CFA. Le prix du tourteau affecte maintenant les petites industries de production locale du lait. Un exemple, présenté par Stefanie Hablützel.»

10.1.2009
Wochenende. Ich lasse mir die Haare schneiden, die zurzeit wie eine kleine Explosion auf meinem Kopf thronen. Der Salon wird von einer Französin geführt, deren Eltern noch während der Kolonialzeit nach Mali kamen. Während sie mir bedächtig die Haare schneidet, klagt sie über den Dreck in den Strassen und meint, vor der Unabhängigkeit 1960 wäre alles besser gewesen. Ein schwieriges Gespräch für mich, weil sich die beiden Themen Sauberkeit und Kolonialismus zu einem rassistisch eingefärbten Problem der Abfallentsorgung vermengen.

«Il faut manger!» Zusammen mit rund zehn Leuten bin ich abends zu einem kleinen Fest eingeladen, wir sitzen auf der Terrasse eines Beauty-Salons im Quartier Sebenikoro. Auf den zwei Tischchen stehen mehrere Platten mit Essen, gegessen wird mit den Händen. Die Männer um mich herum greifen zu. Immer wieder schieben sie mir besonders gute Pouletstücke zu und ich bemühe mich redlich, reichlich von den exzellent gebratenen Bananen, Kartoffelstücken und dem Huhn zu nehmen. Es nützt aber alles nichts, sogar die Frauen meinen am Schluss, ich habe zuwenig gegessen. Dann erzählt sich die Runde bei Softgetränken ausgelassen Geschichte um Geschichte in Bambara.

12.1.2009
Montag. Ich treffe die Teilnehmer der «Rallye München – Afrika», Abenteuerreise und gleichzeitig privates Hilfsprojekt, auf das mich ein Schweizer Redaktionskollege aufmerksam gemacht hatte. Die Gruppe aus Deutschland war in den letzten Wochen per Auto von München quer durch die Sahara nach Bamako gefahren mit dem Ziel, ihre Fahrzeuge vor Ort zu verkaufen und den Erlös zu spenden. Mitgereist war auch eine Ambulanz, Baujahr 1982, 30'000 Kilometer, für die nun ein Empfänger gesucht wird.
 
Die 17 Teilnehmern besichtigen an diesem Morgen die katholischen Privatschule «Cours Jean d'Arc», die junge Frauen in Buchhaltung und für das Sekretariat ausbildet. Die Schwestern betreiben weiter ein Waisenhaus mit Schule im 400 Kilometer entfernten San. Hier soll der Erlös des Citroën BX hinfliessen, Baujahr 1987, knapp 240'000 Kilometer, gestiftet von einem deutschen Autohändler. Es ist das einzige Auto, dessen Gewinn gespendet wird. Mehr gesponserte Autos seien in Deutschland nicht aufzutreiben gewesen, erklärt ein Teilnehmer bedauernd. Mit dem Verkauf der restlichen Fahrzeuge würden die eigenen Unkosten gedeckt.

Bei dem Rundgang schiessen die Besucher Bilder von den Klassen  – und werden von den Schülerinnen mit ihren Mobiltelefonen fotografiert. Die Schule scheint nicht dem Bild eines armen Afrikas zu entsprechen. «Die Mädchen haben ein Handy und gefärbte Haare, wie soll man das einem Spender in Deutschland erklären», meint enttäuscht Dieter Scholz, Mitorganisator und Unternehmer. Das nächste Mal wolle er das Geld einem wirklich hilfebedürftigem Ort geben und fragt mich nach Adressen.

Für die Direktorin der Schule kommt die Unterstützung zu einem guten Zeitpunkt: «Effectivement, on peut acheter quelques ordinateurs». Zwei bis drei kaputte Maschinen könnten mit den versprochenen 1000 Euro ersetzt werden. Davon nicht begeistert ist Erich Seiler, Mitorganisator und Lehrer, der den Kontakt zu den Schwestern über einen Freund hergestellt hatte. Ein grosser Teil der Summe sei eigentlich für die Schule in San vorgesehen gewesen. Man wolle aber den Schwestern die Entscheidung überlassen, wie das Geld am sinnvollsten eingesetzt werde: «Ich bin sicher, dass wir mit dem Geld Gutes tun können».

13.1.2009

Am Morgen treffe ich erneut die Gruppe der Deutschen, die unterdessen erfolgreich ihren Citroën für umgerechnet 1000 Euro verkauft hat. Sie überreicht das Geld der Schule, erhält dafür eine Quittung sowie das Versprechen, das Geld für neue Computer einzusetzen. Dann wird die Geldübergabe fotografisch dokumentiert.

Mit Unterstützung meines Redaktionskollegen Kassim punkto Französisch produziere ich den Beitrag zur Rallye München - Afrika für den nächsten Tag.

Beitrag: Munich - Bamako (13.1.2009, 1'26)

«Munich – Bamako en voiture, c'est ce qu'un groupe de 17 allemands vient de faire. Arrivé à Bamako, ils ont vendu une des voitures pour aider une école. L'école privée Cours Jean d'Arc, qui a bénéficié de cette aide veut acheter des outils informatiques. Un projet avec une bonne idée, mais bien difficile à réaliser. Stefanie Hablützel fait le récit de cette aventure.»

Bei der Redaktionskonferenz am Nachmittag ist die Stimmung auf einem Tiefpunkt, weil die Spesen seit mehr als einem Monat nicht mehr beglichen wurden. Die Redaktion beschliesst, ab Donnerstag keine Reportagen mehr zu machen, falls die Telefon- und Transportkosten nicht beglichen werden.  

14.1.2009 Mittwoch
Die Schweizerische Nichtregierungsorganisation Helvetas unterstützt in Mali unter anderem das Kunsthandwerk. Ich begleite Jasmin Fischer von der Helvetas auf ihrem Besuch eines lokalen Handwerkbetriebes, der unter anderem Stoffe herstellt, färbt und verarbeitet sowie Schmuck produziert. Helvetas möchte in Erfahrung bringen, wie viel Biobaumwolle die einzelnen Betriebe pro Jahr verarbeiten, sodass Angebot und Nachfrage besser koordiniert werden können.

Die Gruppe von Deutschen hat unterdessen einen Empfänger für ihre Ambulanz gefunden, die Commune VI in Bamako. Mit dabei auch das staatliche Fernsehen ORTM mit einer positiven Berichterstattung.

Audioschnipsel: Beitrag des Staatlichen Fernsehens ORTM

Wie das gespendete Geld bleibt auch die Ambulanz in Bamako, ein generelles Problem in Mali: Der grösste Teil des Geldes, geschätzte 80 % des Staatsbudgets, werden laut Angabe der DEZA, der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, in der Hauptstadt ausgegeben.

15.1.2009 Donnerstag
Für Diskussionen sorgt zurzeit das von Frankreich angestrebte Rückführungsabkommen mit Mali. Die Vereinbarung sieht ein Kontingent von 1500 Arbeitsbewilligungen in Frankreich für Malier vor. Im Gegensatz zu anderen westafrikanischen Ländern weigert sich Mali jedoch, das Abkommen zu unterzeichnen. Der Grund laut meinem Redaktionskollegen Djaki: Das Geld, das von den Migranten zurückgeschickt werde, sei eine wichtige Unterstützung der Wirtschaft und übersteige sogar die Entwicklungshilfe. Gegenüber den Medien fallen auch kritische Worte zu Frontex, das Grenzkontrollregime des Schengenraumes. Mamadou Goïta, Direktor des «Institut de recherche et de promotion des alternatives en développement» wählt harte Worte: Es handle sich um eine neue Form der «Balkanisierung von Afrika», mit der versucht werde, die afrikanischen Länder untereinander auszuspielen.  

Für das Bulletin von 13 Uhr produziere ich einen Beitrag zur Strategie für eine lokale Milchproduktion, ausgehend von einer Studie des Ministeriums für Viehzucht und Fischerei und meinem Interview mit dem Koordinator des «projet lait» Yaya Konate (siehe 9.1.2009). Sein Blick in die Zukunft ist optimistisch: Innerhalb von zehn Jahren könnte es möglich sein, dass Mali nicht nur genügend Milch für den Eigenbedarf produziere, sondern auch exportiere.
 
Auch nach über drei Wochen beherbergt meine Auberge kaum Touristen. Wie ich von Kollegen erfahren, war auch die diesjährige Ausgabe des «Festival sur le désert» in Essakane in der Nähe von Timbuktu schlechter besucht als sonst. Hauptgrund scheinen die Unruhen im Norden zu sein. Der Nachmittag vergeht mit der Recherche nach möglichen Gesprächspartner zur aktuellen Situation im malischen Tourismus.
 
16.1.2009
Der Tag beginnt um acht Uhr mit einem Misserfolg. Mein Interviewpartner in der «direction du tourisme», vermittelt durch das Sekretariat, will keine Auskunft geben; er vertrete nur den Direktor. Einige Informationen – wenn auch nicht für das Mikrophon – lässt er sich trotzdem entlocken. So sei eine der grossen Herausforderungen des Tourismus in Mali, kaufkräftigeres Klientel anzuziehen und dafür auch die entsprechenden Leistungen zu bieten. Als künftige Märkte würden die USA, China und Japan ins Auge gefasst.

Eine Stunde später treffe ich meinen Redaktionskollegen Djaki für die Eröffnung eines Workshops zum Thema Dezentralisierung, organisiert von CRI 2002, «le cercle de réflexion et d'information pour la consolidation de la démocratie au Mali» unter anderem zusammen mit der DEZA, der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit. Thema des Workshops ist die «expérimentation», eine Strategie, mit der Kompetenzen (sprich Macht) und Ressourcen (sprich Geld) lokalen Behörden und Organisationen gegeben werden soll. Die Idee dahinter: Lokale Probleme bräuchten auch lokale Lösungen, so Geneviève Federspiel, Direktorin des DEZA-Büros in Mali. Hauptproblem sei zurzeit aber, dass das Geld nur zögerlich in die Regionen fliesse, was wiederum verhindere, dass vor Ort Know-How entstehen könne. 

Anschliessend wiederholen wir das Interview mit Geneviève Federspiel auf Englisch, damit es Djaki für die Station «West Africa Democracy Radio» in Dakar, Senegal verwenden kann. Wie die meisten meiner Kollegen hat er einen zweiten Job, um genügend Geld zu verdienen. Andere schreiben für Zeitungen oder moderieren am Wochenende Sendungen bei anderen Stationen. Das monatliche Salär bei Radio Kledu beträgt laut meinen Kollegen 70'000 CFA, umgerechnet 160.- plus Spesen für Benzin und Telefon für 15'000 CFA, knapp 35.- . Eine zusätzliche, wenn auch unsichere Einnahmequelle sind die «Perdiem», euphemistisch auch Sitzungsgelder genannt, die teilweise bei Pressekonferenzen abgegeben werden. Sie betrügen im Schnitt 5000 CFA, umgerechnet gut 11.- . Doch darüber redet niemand gerne, und das Unbehagen punkto journalistischer Unabhängigkeit ist spürbar.

Nach der Redaktionskonferenz um 14 Uhr zahlt die Direktion die Spesen mit zwei Wochen Verspätung aus.

17.1.2009
Meine Kollegin  Djebou begleitet mich auf den «Grand Marché»; ich möchte mir Duschgel, Hautcreme und einige Stoffe kaufen. Vor Ort angekommen, läuft sie zielstrebig in den Markt hinein, eine Mischung aus engen Verkaufsstrassen, Ständen und mobilen Verkäufern, die ihre Ware mit den Händen hochhalten.

Die Händler sind nicht zimperlich, um auf ihr Angebot aufmerksam zu machen. Sie packen den Arm von Djebou, doch diese schüttelt die Hände ab und läuft unbeirrt weiter. Körperpflegeprodukte werden in kleinen Läden verkauft, bei denen die Produkte an den Wänden bis zur Decke hinauf aufgereiht sind. Der Raum erinnert an eine klassische europäische Apotheke mit Kontor. Um ein bestimmtes Produkt zu bekommen, muss man aus Distanz darauf zeigen und bekommt es dann von einem der Verkäufer gereicht. Mein Nivea-Duschmittel muss schon seit längerer Zeit auf einen Käufer gewartet haben, der hier allgegenwärtige Staub hat sich am Plastik festgesetzt.

Die Vielfalt der Stoffe ist gross und ich begnüge mich für ein erstes Mal mit Schauen. Verkauft werden nicht nur Stoffe aus Afrika, sondern auch aus China, bedruckt mit hiesigen Mustern.

19.1.2009
Ein Tag vor der Inauguration von Barack Obama, dem 44. Präsidenten der USA. Für heute Abend sind gleich zwei Fester zu seinen Ehren angekündigt, «Obamako» im Musée National und «La Grande Soirée de Soutien au Président Afro-américain élu M. Barack Obama», organisiert von Sekou, einem Redaktionskollegen. Wir gehen zuerst ins Musée National – und sind viel zu früh. Um 20.30 Uhr, dem offiziellen Beginn, sind mehr Journalisten vor Ort als Zuhörerinnen und Zuhörer. Die Veranstaltung beginnt schliesslich eine gute Stunde später mit Musik, gefolgt von einer Podiumsdiskussion.

Der Stolz und die Freude darüber, dass zum ersten Mal ein Schwarzer Präsident der USA wird, ist mit den Händen zu greifen. Manche haben für den Abend  selbst gestaltete T-Shirts mit dem Konterfei von Obama an, und eine Gruppe von drei Amerikanern hat für alle Pins produziert, die reissenden Absatz finden. Der neue Präsident wird abwechselnd als Held, Prophet oder «unser Präsident» bezeichnet. Einem der Initianten des Abends passiert sogar ein freudscher Versprecher: Er nennt Obama «Président des Etats-Unis de l'Afrique» und korrigiert sich nach einem Hinweis lachend; doch es wäre schön, wenn sich die afrikanischen Länder zusammenraufen könnten.

Per Moto fahren Kane und ich zum «Palais de la Culture» zur zweiten Veranstaltung. In den letzten Wochen hat es merklich abgekühlt und überall in der Stadt verstreut brennen kleine Feuer, um die sich Menschen scharren. Die Leute tragen zum Teil dünnere und dickere Skijacken über ihren schönen Kleidern. Auch Kane vermummt sich mit einem grossen Schal und ich verstecke mich fröstelnd hinter seinem Rücken.

Bei der zweiten Veranstaltung – die auch mit grosser Verspätung beginnt – müssen meine Radiokollegen Kane und Djaki als Moderatoren einspringen, weil die von Sekou angefragte Person kurzfristig abgesprungen ist. Djaki wählt in der Diskussion klare Worte: Barack Obama habe endlich gezeigt, dass auch der Schwarze zu etwas fähig sei, «l'homme noir est capable». Für Afrika selber sind die Erwartungen tief. Obama sei zuerst Amerikaner, stehe zurzeit vor einem riesigen Berg von innenpolitischen Themen und werde sich darum in erster Linie kümmern.

Die Diskussionen und Gespräche mit eingeladenen Gästen wechseln sich ab mit musikalischen Einlagen von zwei bekannten Künstler, Mangala Camara und DJ Macko «Bamanan». Bei jedem Song wird das Publikum auf die Bühne gebeten und tanzt mit, auch ich. Meine männlichen Redaktionskollegen versuchen sich zu drücken, am Schluss bleibt ihnen aber keine Wahl.

Audioschnipsel: Mangala Camara

 

20.1.2009
Tag der Armee, nationaler Feiertag. Ich habe frei und nutze die Zeit, um einen Beitrag zum gestrigen Obama-Abend für Radio Grischa zu produzieren (Der Beitrag kann auf der RadioGrischa-Website nachgehört werden). Danach verfolge ich die Inauguration von Obama auf TV5.

21.1.2009
Die amerikanische Gruppe, die ich am «Obamako»-Abend getroffen hatte, bemalt zurzeit die Aussenfassade des medizinischen Zentrums im Quartier Sikoroni mit einem Wandbild. Kopf der Gruppe ist Eduardo Pineda, «muralist» und Kunstlehrer  aus San Francisco, unterstützt von seiner Tochter Therese sowie Dan, der einen Film über das Projekt dreht und einen Weblog zum Projekt führt. Das Bemalen von Wänden habe in den USA seit den sechziger Jahren Tradition, erklärt Eduardo. Wandbemalungen, auf Englisch «mural» würden von marginalisierten Gruppen als Mittel eingesetzt, um sich eine Stimme im öffentlichen Raum zu verschaffen.

 

Initiiert wurde die Wandbemalung von der GAIA VF Foundation (The Global Alliance to Immunize Against AIDS Vaccine Foundation). Die Organisation versuche, einen Impfstoff gegen HIV/AIDS in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vor Ort zu entwickeln, so Tounkara Karamoko, Arzt und Direktor des Gesundheitszentrums und gleichzeitig Direktor von GAIA VF in Bamako. Ein weiterer Fokus sei die gleichzeitige Behandlung von AIDS und Tuberkulose. Das «centre médicale» in Sikoroni sei jedoch nicht spezialisiert auf die Autoimmunkrankheit, sondern biete eine niederschwellige ambulante Gesundheitsversorgung an.

Laut seinen Aussagen frequentieren rund 700 Patienten monatlich die Klinik, der Preis für eine Konsultation beträgt 500 CFA (umgerechnet 1.15.-) – was die Leute teilweise von einem Arztbesuch abhalte. Aber zum Glück gelten HIV/AIDS oder Tuberkulose als chronische Krankheiten, da sei die Konsultation gratis.

Das Mural selber besteht aus mehreren Szenen, die HIV/AIDS thematisieren.

Auszug Interview: Eduardo Pineda beschreibt das Mural (3'19, englisch)

Die Motive entstanden in einem rund einwöchigen Prozess, darin involviert das Gesundheitszentrum, die Chefs des Quartiers und die Künstler. Explizite Darstellungen zur Krankheit fehlen jedoch. Die Quartierchefs hätten sich gegen ein Präservativ auf der Wand gewehrt, erzählt der Direktor des Gesundheitszentrums. Der Grund: Die Angst, dass sich weniger Leute behandeln lassen würden, wenn der Eindruck eine AIDS-Zentrums entstehe.

22.2.2009
Für das 13-Uhr Bulletin produziere ich den Beitrag zum Mural im Quartier Sikoroni. 

Beitrag: L'art lutte contre le Sida (22.2.2009 / 1'46)
« Le centre médical de Sikoroni change de visage. Un groupe d'artistes venus des USA peint depuis ce week-end un mural du dit centre. L'initiative est de la fondation GAIA VF, une organisation américain engagée dans la lutte contre le fléau du Sida. Stefanie Hablützel est allée voir.»

Auch ich selber werde Gegenstand von Berichterstattung auf dem Weblog von Dan, dem Dokumentarfilmer. Er berichtet über meinem Besuch unter dem Titel «The media arrives».

 

24.1.2009
Samstag. Seit Donnerstag findet in Bougouni, rund 100 Kilometer von Bamako entfernt, « Le forum sur l'eau et l'assainissement » statt, mitorganisiert von der Schweizer NGO Helvetas und dem überregionalen Verband Bulonba, der aus den drei Kreisen Bougouni, Kolondiéba und Yanfolila besteht. Das Forum will während drei Tagen den Austausch zwischen Entscheidungsträgern, Basis und Nichtregierungsorganisationen ermöglichen.

Nach gut zwei Stunden Fahrt erreiche ich gegen zehn Uhr zusammen mit Vertretern der Helvetas die Veranstaltung, auf dem Programm «L'importance de l'eau potable et de l'assinisement dans le développement communautaire». Der Verband Bulonba stellt seine Arbeit vor, das Ziel: die Wasserversorgung in 25 Gemeinden sicherzustellen, die insgesamt 456 Dörfern mit rund 396'000 Einwohnern umfassen.

Eines der Hauptprobleme ist die schleppende Dezentralisierung in Mali. Das Geld fliesst nur zögerlich von Bamako in die Regionen. An der Rückwand der Bühne prangt deshalb die Forderung «Décideurs, augmentez et transférez aux CT [collectivités territoriales] les fonds alloues au secteur de l'eau et de l'assainissement».

Der Block beginnt mit einem Sketch von Kindern und Jugendlichen in Bambara, dem ich dank der Übersetzung von Maï von der Helvetas ansatzweise folgen kann. Thematisiert wird unter anderem das Geschlechterverhältnis: Ohne die Beteiligung der Frauen könne die Wasserfrage nicht gelöst werden. Theater ermögliche heikle Themen anzusprechen und gleichzeitig die Jugendlichen zu erziehen, erklärt sie mir. In einem Lied singt ein junges Mädchen weiter, die Eltern müssten für sauberes Wasser sorgen, denn sonst würde es krank – und zählt diverse Krankheiten von Durchfall und Malaria bis zu Cholera auf.

Danach richtet ein Junge das Wort an die Verantwortlichen, von rechts nach links: Dorfchef, Bürgermeisterin, Abgeordneter und Minister.

Am Nachmittag habe ich die Möglichkeit, zusammen mit dem zu Besuch weilenden Direktor von Helvetas Nepal eines der Projekte in der Nähe von Bougouni zu besichtigen. Aus Plastikabfällen, die geschmolzen werden, entstehen schwärzliche Pflastersteine. Eine Strasse sei damit noch nicht gepflästert worden, die Nachfrage sei aber da, führt einer der Verantwortlichen aus. Eventuell werde aber als Erstes das Strassenstück vor dem Helvetas-Sitz in Bamako damit gepflastert, zurzeit eine Sandpiste wie viele Nebenstrassen in der Hauptstadt.

Gegen 16 Uhr kehren wir für die Schlussveranstaltung an das Forum zurück. Sie beginnt mit über einer Stunde Verspätung, weil sich die Delegierten nicht über die Punkte der Schlussdeklaration einigen können. Nach 18 Uhr müssen wir vor dem Schluss wegen der einbrechenden Dunkelheit aufbrechen, und bis der Beitrag für Radio Kledu verschickt ist, zeigt die Uhr nach 23 Uhr.

 

25.1.2009
Nach gut einem Monat in Bamako verlasse ich die Hauptstadt für längere Zeit. Ich breche zusammen mit Bakary zu einer rund einwöchigen Reise in Richtung Norden auf. Ab Mitte der Woche wollen wir das «Festival sur le Niger» in Ségou besuchen.

Die Fahrt nach Djenne dauert mit dem öffentlichen Verkehr geschlagene zehn Stunden. Die Strasse führt grösstenteils schnurgerade über das flache Land, der Bus fährt meist über 100 Stundenkilometern.

Die letzten Kilometer legen wir in einem überdachten Peugeot-Pickup zurück. Für die Überquerung des Flusses per Fähre müssen wir das Auto verlassen. Als ich mich umdrehe und das Fahrzeug von aussen sehe, erkenne ich es erst, als ich meinen Koffer auf dem Dach entdecke. Die Motorhaube ist komplett verrostet, die Front verbeult und Scheinwerfer fehlen.

26.1.2009
Montag. Die Moschee von Djenne gilt zusammen mit der Altstadt seit 1988 als UNESCO-Weltkulturerbe wegen seiner Lehmarchitektur. Wir lassen uns von einem Studenten durch die Stadt führen und besuchen nachher das informative Museum. Eine ältere Luftaufnahme zeigt schön, wie die kompakt gebaute Stadt inmitten des Fluss-Deltas liegt.

Am Abend besuche ich Radio Jamana, dessen Chefredaktor Lévi ich in Bamako kennengelernt hatte. Die Station liegt am Rande des historischen Städtchens. Jamana sendet für Djenne in einem Umkreis von maximal 80 Kilometern, gesprochen wird meist Bambara, einzelne Stunden sind auch in Peul, Songhaï und Bozo. Grosse Abwesende ist die Sprache der ehemaligen Kolonisatoren, Französisch.

Einziger Journalist der siebenköpfigen Mannschaft ist der Chefredaktor. Er erzählt, dass pro Woche ein rund halbstündiges Informationsjournal produziert werde, das in allen vier Sprachen ausgestrahlt werde. Aktuelles Thema sei die Renovierung der über 100-jährigen Moschee.

Einen weiteren Teil des Programms machen «Sensibilisierungskampagnen» aus. Laut eine der Moderatorinnen werde aktuell dazu aufgerufen, die Kinder gut vor der Kälte zu schützen und Säuglinge bis zum sechsten Monat mit Muttermilch zu füttern. Es sei aber nicht so, dass die Mütter das nicht wüssten – vielmehr dominierten die Traditionen.

Meine Frage, ob solche Sendungen auch Wirkung zeigten, bejaht sie: So hätte man in den letzten Jahren die Familien aufgefordert, nicht nur die Buben, sondern auch die Mädchen in die Schule zu schicken. Das Verhältnis sei unterdessen ausgeglichen.

27.1.2009
Die Strecke von Djenne nach Mopti legen wir in einem «taxi en brousse» zurück – ein PW-Peugeot mit einer zusätzlichen Sitzreihe im Kofferraum und Gepäckträger auf dem Dach. Das Fahrzeug ist heillos überfüllt. Wir sitzen zu dritt auf dem Beifahrersitz neben dem Chauffeur, auf dem Rücksitz drängen sich zwei amerikanische Touristen mit zwei weiteren Passagieren, dahinter mehrere Frauen mit Kindern.

Nach einigen Stunden Fahrt erreichen wir unser Ziel. Bei einem Spaziergang in Mopti fallen die vielen kunstvoll gemalten Ladenfassaden ins Auge, mit denen Produkte und Dienstleistungen angepriesen werden, unter anderem die «Star Boutique» mit Artikeln für den Alltagsbedarf...

.... und ein Fischhändler mit dem Übernamen «Vertrauen»:

 

28.1.2009
Kleider waschen, Ölwechsel des Autos, Fischjagdgründe: Die Nutzung des Nigers in Mopti ist vielfältig und nicht unbedingt umweltfreundlich. Sogar 4x4-Fahrzeuge von amtlichen Stellen werden im Fluss gewaschen. Das Problem sei, dass Alternativen fehlten, meint Clemens aus Deutschland, der bei einem Wasserschutzprojekt mitarbeitet; auch wenn die Autos nicht im Fluss geputzt würden, ohne Kläranlage lande das Schmutzwasser doch wieder im Niger.

Im Hotel nutze ich die Gelegenheit und interviewe einen der beiden Besitzer zur aktuellen Situation im Tourismus. Die Touristenzahlen seien klar eingebrochen, was mit der Finanzkrise wie auch den Unruhen im Norden zusammenhänge, so dieser. Damit sich der Tourismus künftig entwickeln könne, seien vor allem Investitionen in die Infrastruktur notwendig, unter anderem in eine kontinuierliche Stromversorgung.

Elektrizität fehlt bei einem Grossteil der Dörfer, durch die wir am Abend Richtung Süden nach Ségou fahren. Vor den Häusern spenden Petroleumlampen Licht. Die fliegenden Verkäufer, meist Kinder und Jugendliche, beleuchten für die Buspassagiere ihr Ware mit Taschenlampen.

Die Fahrt ist nervenaufreibend. Der Bus fährt mit knapp zwei Stunden Verspätung ab, weil er eine Pinasse abgewartet hatte und erreicht das Ziel vor Mitternacht nach über sieben Stunden Fahrt. Es bleibt mühsam; das in Ségou vorgängig reservierte Zimmer ist bereits vergeben. Über persönliche Kontakte können wir jedoch auf einer dünnen Matratze auf dem Boden übernachten.
 

29.1.2009
Unser Übernachtungsort, ein Haus mit insgesamt drei Räumen und ein bisschen Umschwung befindet sich in ATT-Bougou, einem Sozialwohnungsbauprojekt des aktuellen Präsidenten Amadou Toumani Touré, von allen nur ATT genannt.

Die Räume erreichen erstaunliche knapp vier Meter, gedeckt von einem Kastenwellblechdach. Wie in vielen Gebäuden befindet sich die Wasserleitung aussen. Die Küche, ein mobiler Gaskocher, steht zurzeit im Hof.

Am Abend wird das «Festival sur le Niger» eröffnet. Auf der Bühne thront ein älterer Mann als König von Ségou, dem verschiedene Gruppen singend und tanzend ihren Tribut überreichen. Es ist ein stimmungsvolles Ambiente: Die grosse Bühne befindet sich auf dem Fluss, das Publikum schaut vom Ufer aus zu.

30.1.2009
Zweiter Festivaltag. Zusammen mit Martin, der für die BBC arbeitet, ziehe ich über das Gelände. Auf diversen Bühnen und Plätzen gibt es Musik und Tanz aus verschiedenen Regionen Malis.

Mein Radiokollege produziert eine Reportage, ich schaue ihm über die Schulter. Sein rund fünfminütige Beitrag besteht aus mehreren Elementen, darunter das Interview mit einem Musiker, Besuch eines Textilworkshops und Impressionen eines Konzerts. Alle moderativen Teile spricht er vor Ort ein, Interviewaussagen übersetzt er gleich anschliessend. Die verschiedenen Bausteine werden dann gemäss mitgeschicktem Skript von einem BBC-Techniker zusammengemischt.

Auch ich versuche mich im Reportageformat (ausser das der Techniker fehlt) und habe Freude an meinem knapp vierminütigen Beitrag für Radio Grischa.
 

31.1.2009
Die Übermittlung des Beitrags in die Schweiz nimmt Stunden in Anspruch. Dafür liegt das Pressezentrum wunderbar in der obersten Etage eines Schiffes gleich neben der Hauptbühne. Während Martin seinen Beitrag sendet, schaue ich den vorbeiziehenden Booten zu, die gerade ein Rennen auf dem Niger absolviert haben.

Das «Concert Géant sur le fleuve» am Abend ist beeindruckend. Über vier Stunden lang treten bekannte Musikerinnen und Musiker auf, unter anderem Vieux Farka Touré und Oumou Sangaré (beide aus Mali) sowie Coumba Gawlo Seck (Senegal).

Das meist junge Publikum sitzt dicht gedrängt auf der abschüssigen betonierten Rampe zum Fluss hin. Gruppen von Jugendlichen sorgen für Unruhe, weil sie immer wieder aufspringen um mitzutanzen und so den dahinter liegenden Reihen die Sicht versperren. Auch eine junge weisse Frau erregt durch ihren Tanzstil Aufmerksamkeit bei einer Gruppe von malischen Frauen und wird kurzerhand auf Video festgehalten.

Die Organisatoren fordern die Leute immer wieder auf, aus Sicherheitsgründen sitzen zu bleiben: «Asseyez-vous, s'il vous plaît, soyez un gentil public»  – ohne Erfolg. Einige Lieder später versucht es der Verantwortliche mit einer neuen Strategie: Er bestimmt in jeder tanzenden Gruppe einen Chef und verspricht ihm am Ende des Konzerts ein Geschenk: «Tu gères les jeunes autour de toi, à la fin du concert, tu as un cadeau». Doch das Regime bricht vollends auseinander, als Gawlo Seck alle zum mittanzen auffordert.

1.2.2009
Retour nach Bamako, diesmal glücklicherweise in einem Geländewagen. Wir erreichen die Haupstadt nach einer ruhigen und schnellen Fahrt in knapp drei Stunden. Zeit zum Ausspannen!

3.2.2009
Dienstag, erneuter Aufbruch von Bamako. Zusammen mit der hiesigen Direktorin der schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) reise ich nach Sikasso, gut vier Stunden im Südosten von Bamako. Dort findet bis Donnerstag ein «Atelier plate-forme de planification» zur Landwirtschaft statt, organisiert von der Schweizerischen Stiftung Intercooperation.

Die Organisation arbeitet im Auftrag der DEZA und möchte mit dem dreitätigen Anlass die strategische Ausrichtung für das kommende Dreieinhalbjahres-Projekt bestimmen. Die dazu veranschlagten Gelder, rund fünf Millionen Franken, müssen noch in Bern bewilligt werden.

Als wir am Nachmittag ankommen, arbeiten die rund 40 Teilnehmenden – darunter nur eine Frau – in drei Gruppen. Es sind Politiker, Verantwortliche von nationalen und regionalen Projekten, Mitarbeitende von Staatsstellen und Bauern. Das erste und wichtigste Thema ist die Bodennutzung, bei der es in der Vergangenheit zu Konflikten gekommen ist. Der zweite Workshop beschäftigt sich mit der Wasserversorgung für den Anbau. Während der Regenzeit sammelt sich das Wasser in sogenannten «bas fonds» (Bodensenken), versickert jedoch zu schnell, weil Auffangbecken fehlen. Eine dritte Gruppe bespricht schliesslich, wie die verschiedenen Vorhaben finanziert werden sollen. Im Plenum präsentieren die Teilnehmer anschliessend ihre Überlegungen.

4.2.2009
Am Tag zwei des Workshops treffen sich nur die Verantwortlichen von Intercooperation und der DEZA, um das weitere Vorgehen für den dritten Tag zu besprechen. Ich selber ruhe mich nach einer fiebrigen Nacht aus. Am Abend treffe ich Yann, einen Schweizer Politologen, der zurzeit in Sikasso seine Dissertation über Mobilisierungsstrategien der Parteien in Mali schreibt.

Sikasso ist deutlich ruhiger als Bamako und Yann ruft schlussendlich direkt eine Taxifahrer an, der mich heimbringen kann. Pech für mich, dass dieser dringend Benzin kaufen muss. Alles verhandeln nützt nichts, ich zahle den doppelten Preis. Um Treibstoff zu sparen, rollt der Fahrer wenn möglich mit abgestelltem Motor im Leerlauf. Glück für mich, dass das Fahrzeug erst auf der Hoteleinfahrt den Geist aufgibt.

5.2.2009
Für den dritten Tag der Planungssitzung haben die Organisatoren die Thematik eingeengt. In den kommenden dreieinhalb Jahren sollen Mittel und Wege gefunden werden, um Familienbetriebe in der Landwirtschaft zu unterstützen. Zielsetzung ist, den Zugang zum Boden und dessen Nutzung sicherzustellen. Wieder arbeiten die Teilnehmer in drei Gruppen, diesmal zur Bodennutzung, der Erschliessung der Bodensenken für die Wasserversorgung und dem Zusammenspiel zwischen lokaler und nationaler Politik. 

Aus verschiedenen Gesprächen formt sich für mich langsam ein Bild der Problematik: Der gleiche Boden wird je nach Jahreszeit von unterschiedlichen Gruppierungen benutzt. In der Trockenzeit weiden die Viehzüchter ihre Tiere, während der Regenzeit betreiben die Bauern Landwirtschaft und die Fischer werfen ihre Netze aus.

Diese Mehrfachnutzung des Bodens bedingt ein System an Nutzungsrechten. Traditionell scheint der Boden ein oder zwei Familien zu gehören, die das Dorf gegründet haben, teilweise vor mehr als hundert Jahren. Diese Familien haben das Recht später Hinzugezogenen die Bodennutzung zu erlauben. Nach drei bis vier Jahren erhalten diese ein «Gebrauchsrecht»  und haben wiederum die Möglichkeit, den Boden zu verleihen.

Die Verwaltung des Bodennutzungssystem in einem Dorf übernehmen verschiedene Chefs.  Während den Diskussionen werden drei aufgezählt: Der Chef des Bodens, der Verwaltungschef und ein Chef für die unterschiedlichen Nutzungen.

Das auf Erfahrung basierende System wird nun irritiert durch diverse Faktoren. Ein mehrfach erwähntes Problem ist der Staat, dem seit der französischen Kolonisation der Boden gehört und der faktisch über dessen Verwendung entscheiden kann. Für Unmut scheinen Privatisierungen sowie von oben bestimmte Staudammprojekte zu sorgen.

Konflikte gibt es auch zwischen Bauern und Viehzüchtern. So hätten die Bauern begonnen, traditionelle Viehwege zu bepflanzen, was die Herden in ihrer Futtersuche eingeschränkt hätte.

Ein weiterer häufig angesprochener Streitpunkt ist die Bodenverteilung zwischen Alteingesessenen und Hinzugezogenen. Familien mit einem «Gebrauchsrecht» können einen Teil ihres Bodens an neue Dorfbewohner abgeben, fordern diesen aber nach einigen Jahren zurück, damit diese nicht das Recht zur Nutzung übernehmen. Unter dieser Perspektivenlosigkeit leiden marginalisierten Gruppen wie Migranten und Frauen. 

Gefragt nach der Relevanz, meint die Bodengruppe, die Zukunft und der Frieden des Landes hänge von der Lösung des Bodenproblems ab. Das Wort «Frieden» stösst aber bei den anderen Teilnehmern auf Widerspruch. Sie fordern, nur von «Zukunft» zu sprechen. Eine weitere Frage der Organisatoren an die Teilnehmer ist, ob das Bodenproblem innerhalb von drei Jahren gelöst werden könnte. «Pflöcke einschlagen ja, endgültig lösen nein» lautet die Antwort.

6.2.2009
Zurück bei Radio Kledu beginne ich mit der Sichtung der diversen Interviews des Vortages. Das Thema ist komplex und nimmt den ganzen Tag in Anspruch. Gegen Mittag kommt «der Brasilianer» zurück, wie ihn alle scherzhaft nennen. Es ist mein Redaktionskollege Djaki, der in der letzten Woche vom Weltsozialforum in Belem, Brasilien berichtet hatte. Ermöglicht wurde die Reise durch «l’Institut Panos Afrique de l’Ouest» (IPAO).

7.2.2009
Bei einem Spaziergang entdecke ich am Strassenrand zwei Personen, die gerade daran sind, den abgeklebten Rand ein Schildes mit schwarzer Farbe zu betupfen. Wie viele Handwerksbetriebe in Bamako arbeiten die Maler unter freiem Himmel. Im Hintergrund hängen die handgeschnittenen Schablonen. Drei Tage dauere das Malen eines Schildes, so der Verantwortliche, der Preis betrage umgerechnet rund 300 Franken. 

Angekündigt wird der Bau einer dritten Brücke über den Niger, mitfinanziert von China. Das asiatische Land ist auch im Strassenbau sehr präsent. Die Beziehungen zwischen Mali und China geben auch Anlass zu Witzen: «Ein Chinese und ein Malier treffen sich in einer Bar. Sie heben die Gläser, um auf das Geschäft anzustossen und der Malier sagt: Tschin Tschin. Der Chinese: Mali Mali».

9.2.2009
«La retine» – «la retine». «Aminata a vu une vipère»; im Chor sprechen die rund zehn Kinder und Jugendlichen die Wörter und Sätze nach. Licht spendet die an eine Leine geklemmte Stromsparlampe. Die Schülerinnen und Schüler sitzen in Holzbänken, vor ihren Augen steht die an eine Hauswand gelehnte Wandtafel. In ihrem Rücken blinken die Lichter von Bamako.

Das «Centre d'alphabetisation» befindet sich in Sikoro, einem Quartier am Rande der Stadt. Seit drei Monaten trifft sich die Gruppe jeden Abend, um lesen und schreiben zu lernen – in Französisch. Einen Kurs in Bambara würde niemanden interessieren, meint Amadou, 23-jähriger Student und der Lehrer: «Sie würden mir sagen: Aber für was kann ich Bambara brauchen? Um welches Dokument zu lesen?».

Gegen neun Uhr Abends trudeln die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ein. Sie bezahlen pro Monat für den Kurs 1000 Francs CFA, rund 2.50.- Einige der Mädchen besuchen während des Tages die «Medersa», die islamische Schule auf Arabisch. Andere lernen nicht genug in der öffentlichen Schule – die Klassengrösse liegt im Schnitt bei 50 Kindern. Manche haben nie eine Schule besucht.

Heute steht die Korrektur eines Diktates auf dem Programm. Amadou schreibt den Text an die Tafel, die Gruppe schreibt ab. Er liest vor, die Gruppe spricht nach. «Rare» – «Je rêve» – «Je me lave à la rivière» – «Ali a tapé Ramata».

Der Unterricht basiert auf dem Lehrbuch «mamadou et bineta», erschienen 1950, «à l'usage des écoles africaines», so der Untertitel. «Das Kind muss so schnell wie möglich begreifen, was es liest», lautet das Hauptprinzip des 80 Seiten dicken Büchleins. Pro Lektion wird ein Vokal oder Konsonant eingeführt und dann mit bereits bekannten Buchstaben kombiniert. Einfachheit kommt dabei vor Inhalt. Der erste kurzer Text folgt in Lektion 6 und erzählt vom kleinen Toto, der sich am Kopf berührt (siehe Bild oben).

Für den Lehrer Amidou ist der Kurs Freiwilligenarbeit, bezahlt sind nur die Spesen. Sein Traum: Dass das Quartier Sikoro eines Tages alle anderen Quartiere punkto Entwicklung überholt.

10.2.2009
«52 Kilogramm». Ungläubig schaue ich auf die Waage, die heute morgen aus dem Nichts vor  meiner Auberge aufgetaucht ist. Wenn der Apparat richtig funktioniert, muss ich mächtig abgenommen haben. Jedoch wo? Die Runde der Männer um mich herum kommentiert und lacht, jeder kontrolliert sein Gewicht. Ich atme auf, als jemand meint, er sei drei Kilo leichter.

Die Gruppe Männer bleibt vor der Türe unter dem Baum sitzen, ich mache mich auf den Weg ins Radio. Zum wiederholten Male verfluche ich mein Gratis-Audioprogramm auf dem Mac. Tonabschnitte bleiben plötzlich stumm oder die Konvertierung in .mp3 klappt nicht. Schlussendlich steht meine Collage zum Französisch-/Alphabetisierungskurs samt Übersetzung.

Beitrag: Alphabétisation = apprendre le français (2'40)
«Apprendre le français, ça va au Mali ensemble avec l'alphabétisation. Selon l'UNESCO, seulement un quart de la population malienne savent lire et écrire. Les écoles avec parfoirs leur grands effectifs ne réussissent pas toujours à couvrir leur besoins. À Bamako, les centres d'alphabétisation communautaire essaient de remplir cette lacune. Dans le quartier de Sikoroni une classe avec une douzaine d'élèves  à commencé il y a 3 mois. L'enseignant bénévole Amidou Maïga, est au micro de Stefanie  Hablützel.»

11.2.2009
Das China-Restaurant «Piano Restaurant» neben meinem Wohnort hat alle Neon-Lichter repariert. Entlang der Strasse sind die Werbeplakate durch Bilder von Gebäuden ersetzt worden. Morgen wird der chinesische Präsident Hu Jin Tao in Bamako erwartet.

Anlass des Besuches ist die geplante dritte Brücke über den Niger, komplett bezahlt von China (und nicht nur teilweise, wie früher vermerkt). Es soll das grösste je von China bezahlte Bauwerk in Mali werden, nach mehreren Stadien, einer Zuckerfabrik oder dem internationalen Konferenzzentrum.

12.2.2009
Die Wand ist knapp neun Meter hoch, Schwierigkeitsrad fünf, Granit. Eine Gruppe von Schülern des privaten Gymnasiums «Liberté» versucht sich am Felsen, gesichert von Bergführern der «coopérative des moniteurs d'escalade de Siby». Zu ihren Füssen liegt der botanische Garten von Bamako.

«Klettern in Bamako», das Thema hatte an der gestrigen Redaktionskonferenz für Staunen gesorgt. Auch ich selber bin verwundert, als ich die professionell eingerichtete Wand sehe. Alles Material sei von Europa importiert, erklärt Soumaïla Traoré, Mitinitiant des eigentlichen Kletterzentrums im 40 Kilometer entfernten Siby.

Zum Sportimport aus Frankreich kam es 2001, als Soumaïla in Grenoble weilte. Er war als Jugendlicher ohne Schulbildung von einer Nichtregierungsorganisation eingeladen worden. Beim Anblick der Berge in Chamonix habe er sich gesagt: «Solche Felsen haben wir auch zuhause. Könnte man dort nicht auch klettern?» Unterdessen gebe es in Siby rund 150 Routen, und langsam kämen auch die Kunden.

Nach knapp drei Stunden an der knallenden Sonne stelle ich mich während Minuten unter die kalte Dusche. Danach bricht Hektik aus, denn: «Der chinesische Präsident fährt vorbei!». Alle stürzen an den Strassenrand, die Polizei hat die Route de Koulikoro abgesperrt. Rund 200 Meter entfernt staut sich der Verkehr. Nach einigen Minuten fährt ein erster Konvoi mit Blaulicht vorbei, eine Gruppe von kleinen Kindern skandiert «Chine, Chine, Chine». Dann folgt der Pickup-Truck des Fernsehsenders Africable. Im Visier der Journalisten ist die Limousine mit den beiden Staatsoberhäuptern, der malische Präsident ATT winkt seinem Volke zu. Nach einigen weiteren 4x4-Fahrzeugen und Motorrädern dürfen wieder alle die Strasse benutzen.

Mein Kletterbeitrag schafft es am nächsten Tag sogar in das Sportmagazin,  neben den Nachrichten das wichtigste Standbein von Radio Kledu. 

Beitrag: L'escalade à Bamako (2'36)
«Les Bamakois aiment faire du sport, soit faire du jogging, jouer au basket ou au foot. Stefanie Hablützel a découvert des activités auxquelles on n'aurait pas forcément pensé: l'escalade. La coopérative des moniteurs d'escalade de Siby a installé des voies professionnelles dans le gardin botanique près du Musée national. Séance découverte en pleine nature à Bamako avec Stefanie.»

14.2.2009
«Nicht das Muster zählt, sondern die Botschaft», erklärt der Stoffverkäufer auf dem «Grand Marché». Zweifelnd drehe ich den hellblau-violetten Stoff mit der Aufschrift «8 MARS 2009 journée internationale de la femme» in meinen Händen. In der Werbung auf dem staatlichen Sender ORTM waren die Farben hübscher gewesen. Schlussendlich kaufe ich Stoff für einen Rock.

Die diesjährige Botschaft des Familienministeriums, Herausgeber des Stoffes: «Gleiche Verantwortung für Männer und Frauen gegenüber HIV/Aids». Geschätzte 1.5% der Bevölkerung in Mali sind laut UNAIDS mit der Autoimmunschwächekrankheit infiziert.

Gegen Mitternacht platzt die Disco «La source» fast aus allen Nähten, so viele Leute sind am tanzen. Es läuft «coupé dekalé», Tanzmusik aus der Côte d'Ivoire. «Die Männer! Wer hat am meisten Kaufkraft, der soll seine Hand heben!» schreit der DJ in das Mikropohon. Der Bass wummert, Techno mit afrikanischem Einschlag.  «Wer trägt teure Markenkleider, der soll die Hand heben!» Das vorwiegend männliche Publikum johlt und macht mit. Coupé dekalé ist berühmt-berüchtigt für die konsumorientierten Texte. «Die Frauen! Wer hat den grössten Hintern, die soll die Hand heben!»

 

16.2.2009
Meine letzte Woche in Bamako. Ich lade die Redaktion sowie all meine Freund und Bekannte zu einem Abschiedsfest am Donnerstag ein. Montag wie auch Dienstag vergehen mit dem Schreiben eines Artikels für das Radiomagazin in der Schweiz Ich portraitiere Radio Kledu in Bamako und das kleine Lokalradio Jamana in Djenne.

18.2.2009
Mein letzter Beitrag für Radio Kledu geht im Bulletin von 13 Uhr über den Sender: Eine Buchbesprechung.

Beitrag: Un droit décentralisé (1'30)
Le processus de décentralisation au Mali est en cours depuis plus d'une dizaine d'années. Deux juristes maliens se sont interéssés à la question: Comment les conventions locales existantes pourraient aider pour créer un droit local qui est légitime? Leur livre s'appele  "Les conventions locales face aux enjeux de la décentralisation" Un des deux auteurs, Abdel Kader Dicko est au Micro de Stefanie Hablützel.

Konzertplakate, allerlei technisches Equipment und traditionelle Instrumente an der Wand, dazu hunderte von Schallplatten: Am Abend besuche ich meinen Moderationskollegen Lamin in seinem Büro, einem kleinen Ladenlokal. Für Radio Grischa in der Schweiz möchte ich eine kleine Musikreihe realisieren, bei der ein Lied vorgestellt und dann gespielt wird.

Die Texte sind enorm wichtig, leider jedoch häufig in Bambara. Als Lamin einen bekannten Hit von Oumou Sangaré übersetzt, schlucke ich leer. Sie gibt der verheirateten Frau Ratschläge: Nicht zurückzuschlagen, wenn der Mann sie schlägt, nicht zurückzufluchen, wenn der Mann flucht. Kritisch sei das Lied nicht gemeint, nein nein.

Zumindest Oumou Sangaré beschränkt sich in ihrem Leben nicht auf das devote Führen des Haushaltes – sie hat unter anderem ein Hotel in Bamako und ihr Name schmückt die chinesische Automarke «Oum Sang», produziert für den afrikanischen Markt. 

19.2.2009
Das Abschiedsfest nimmt Form an: 40 Eingeladene, 20 Hühner, 60 Eier, 5 Kilo Rindfleisch, zig Kochbananen und Kartoffeln, literweise Öl. Eine Schweizer Kollegin, die schon seit mehreren Jahren in Bamako wohnt, hatte mich vorgewarnt: «Quantität zählt vor Qualität!». Unterstützung erhalte ich von Bamuni, der Frau des Auberge-Besitzers. Als sie die Zahl der Eingeladenen hört, fragt sie eine Freundin für Hilfe an. Es bleibt nicht bei zwei Köchinnen – schlussendlich waschen fünf Frauen Hühner, schälen Eier, zerstossen Pfefferkörner, zerstückeln Peperonis, Rüeblis, Randen.

Die Küche ist vielmehr ein Gang. Tische gibt es keine, die Frauen sitzen auf kleinen Holzschemeln und Gartenstühlen. Kein leichtes Unterfangen, die Peperonis ohne Brettchen in kleine Würfel zu schneiden!

Ab sieben Uhr abends trudeln die ersten Gäste ein und wir sitzen bei köstlichem Essen im Garten der Auberge zusammen, plaudern und lachen. An diesem Abend lerne ich auch eine Eigenheit malischer Partys kennen; sobald fertig gegessen wird, beginnen sich die Ersten zu verabschieden. Nach zehn Uhr sind fast alle gegangen. Das sei normal, meint eine Schweizer Kollegin. So bleibt Zeit, ein letztes Mal tanzen zu gehen.

20.2.2009
"Schmeiss doch einfach dein Flugbillet weg und bleibe hier", hatte gestern mein Kollege von der BBC gesagt. Reizvoll, aber leichter gesagt als getan – die Koffer sind gepackt, die Dienstpläne von Radio Grischa gemacht. Bei der Redaktionskonferenz bedankt sich der Chefredaktor für meine Arbeit und ich mich bei meinen Kollegen und Kolleginnen für ihre Unterstützung. Nach vielen herzlichen Verabschiedungen und überraschenden 20'000 Francs CFA (umgerechnet 50.-) vom Radiodirektor für Spesen – die Stagiaires bei Radio Kledu bekommen den gleichen Betrag als Monatslohn – spaziere ich für die letzten Geschenke durch die Stadt. Den Abend geniesse ich bei warmen 30 Grad unter freiem Himmel zusammen mit Bakary, bei Bier, Fleischspiesschen und Frites.

Air Maroc bleibt sich treu. Mit über einer Stunde Verspätung hebt der Flieger inmitten der Nacht um vier Uhr morgens ab. Die orangen Strassenlampen der Teerstrassen und die verstreuten kleinen weissen Lichter der Häuser zeichnen die Millionenstadt nach, Bamako glitzert verheissungsvoll.

ENDE