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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Miriam Glass berichtet aus Vietnam
Die MAZ-Absolventin Miriam Glass (1979) arbeitet von Ende Februar bis Ende April 2011 in der Redaktion der englischsprachigen Tageszeitung Viet Nam News in Hanoi. Miriam Glass ist seit März 2009 Redaktorin für Gesellschaftsthemen im Kulturressort der Basler Zeitung. Davor arbeitete sie im Ressort «News». Sie hat Germanistik, Kunstgeschichte und Medienwissenschaften studiert, war danach Volontärin bei der BaZ und hat 2008 die Diplomausbildung Journalismus am MAZ abgeschlossen.
In chronologischer Abfolge.
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Sonntag, den 14.2.2011
Die Trillerpfeife klingt schrill. Ein grün uniformierter Mann wedelt uns mit den Armen davon, vom Parkweg zurück auf die Strasse. Dabei hatten wir uns brav an das "Rasen betreten verboten" gehalten und unsere Füsse respektvoll auf eines der asphaltierten Weglein in der Grünfläche gesetzt. Aber vor dem Mausoleum, in dem der Nationalheld Ho Chi Minh ruht, kann man natürlich nicht kreuz und quer herumspazieren. Ho Chi Minh (1890-1969), oft auch liebevoll "Onkel Ho" genannt, ist in Vietnam Symbolfigur; das Porträt des Kommunisten, Revolutionärs und einstigen Präsidenten der damaligen Demokratischen Republik Vietnam ist allgegenwärtig.
Diesem wichtigen Mann statten mein Freund Claudio und ich an unserem dritten Tag in Hanoi einen Besuch ab. In einer langen Schlange vor allem vietnamesischer Besucher bewegen wir uns um den einbalsamierten Vater der Nation. Und wir achten auf unsere Hände; in den Hosentaschen darf man sie nicht halten, aber auch nicht auf dem Rücken verschränkt. Flugs ist ein Uniformierter zur Stelle und zeigt, wie es geht: Arme stramm an die Seite, Hände im Pinguinstil nach aussen.
Nicht alles in Vietnam ist so strikt reglementiert wie das Verhalten rund um Onkel Hos letzte Ruhestätte. An die Ströme von Motorrädern, das nie endende Hupkonzert und den Anblick höchst ungewohnter Speisen (frittierte Spinnen...) haben wir uns seit unserer Ankunft in Ho Chi Minh City im Süden des Landes schon etwas gewöhnt - in den vergangenen drei Wochen haben wir Teile Vietnams, Kambodschas und Laos' bereist. Jetzt gilt es, in Hanoi in den kommenden zwei Monaten zumindest feine Wurzeln zu schlagen. Hilfreich dafür: Heute Nachmittag habe ich nach mehreren erfolglosen Besichtigungsterminen ein Zimmer gefunden, morgen kann ich einziehen. (Höchste Zeit, da heute im Badezimmer unseres Guesthouse eine Ratte unterwegs war.) Bleibt noch Zeit für ein paar Ferientage in der Halongbucht, bevor dann in rund einer Woche die Arbeit auf der Redaktion der Viet Nam News beginnt. |
Korrespondenten-Brief aus Hanoi Miriam Glass über «zu heikle» Themenvorschläge in Vietnam
in: Edito + Klartext,
Das Schweizer Medienmagazin, 2/2011 |
Donnerstag, den 17. Februar 2011
Heute morgen um fünf Uhr ist ein Schiff mit 27 Menschen an Bord in der Halongbucht gesunken. 12 von ihnen sind laut Medienberichten ertrunken. Nur wenige Meter davon entfernt lagen wir auf einem ganz ähnlichen Schiff in unseren Kabinen in ruhigem Schlaf.

Erfahren haben wir von dem Unglück nicht von unserer Reiseleiterin, der Besatzung auf unserem Schiff oder sonst einer lokalen Quelle - sondern durch ein besorgtes email aus der Schweiz nach unserer Rückkehr nach Hanoi. Und jetzt checken wir im Internet die Berichte in den Zeitungen und mir ist nach unserem wunderschönen Ausflug in die Halongbucht zum Weinen zumute. Ein Schweizer und eine Schweizerin sollen an Bord gewesen sein, der Schweizer ist möglicherweise gestorben, so wie auch elf weitere junge Passagiere und der Reiseleiter. Das EDA hat die Informationen zu den Schweizer Touristen noch nicht bestätigt, während ich dies schreibe. Die Viet Nam News (bei der ich am Montag anfange zu arbeiten) hat derweil auf ihrer Website bereits die Namen, Geburtsjahre und Herkunftsländer aller Passagiere veröffentlicht! > Bericht
Die Halongbucht ist ein Ziel, das wohl jeder Tourist in Vietnam ansteuert. Rund zweitausend Inseln, bzw. Steine mit teilweise bizarren Formen ragen hier aus dem Meer. Wir haben dieses Naturwunder, das die Unesco 1994 zum Weltkulturerbe erklärt hat, auf einer dreitägigen Tour bestaunt. Dass etwas passiert sein könnte, haben wir heute Morgen kurz vor halb neun Uhr eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Einer unserer Mitreisenden zeigte aus dem Fenster des Zwischendecks - da ragte ein Mast aus dem Wasser. Ringsum ein paar kleinere Schiffe. Es sah genau so aus, wie es die Agenturbilder auf bazonline.ch und anderen Zeitungen nun zeigen. "Da muss ein Schiff gesunken sein" mutmassten wir und wunderten uns. Unsere - während des ganzen Ausflugs sehr kompetente und auskunftsfreudige - Reiseleiterin meinte bloss, ja, da sei etwas passiert, das sei aber wohl schon länger her. Das war‘s.
Mir geht das Unglück nahe - und ich bin sehr gespannt, wie die Medien hier in Vietnam damit umgehen werden. Leider werde ich nur verfolgen können, was auf Englisch geschrieben und gesendet wird. Eine Namensliste wie die in der Viet Nam News wäre bei uns wohl undenkbar. |
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Freitag, den 18. Februar 2011
Die Märkte in Hanoi sind faszinierend. Stundenlang könnte ich mir anschauen, was die Marktfrauen da an Bekanntem und vor allem Unbekanntem anbieten. Gestern habe ich am Strassenrand ein grünes Netz entdeckt, das sich in seltsamer Art und Weise nach allen Richtungen zu bewegen schien - ich musste es ziemlich lang anstarren um zu begreifen, dass darin dicht an dicht lebende Frösche sassen, jeder so gross wie eine Männerfaust. Heute bin ich auf dem Markt nahe meiner Wohnung diesem Kleinen hier begegnet.
... gebratener Hund.
Auf dem Rückweg war noch ein Viertel von ihm übrig, aber die Marktfrau war gegen weitere Fotos...
Unerwartet vertraut in all dem Neuen war gestern Abend ein Gesicht in einer Bia Hoi-Kneipe ebenfalls hier im Quartier (Bia Hoi ist das lokale Bier, gibt’s an jeder Ecke): Da sass ein Kollege aus Basel mit drei anderen Schweizern, bzw.
Schweizerinnen. Zwei von ihnen arbeiten hier. Auch wenn’s ein Allgemeinplatz ist:
Die Welt ist klein.
Hanoi aber ist gross. Wie ich am besten von A nach B komme, ist mir noch nicht ganz klar. Das lokale Busnetz ist nicht schlecht, aber ich kenne mich noch nicht gut genug aus, um es wirklich zu durchschauen. Auf dem einzigen Busplan, den ich gefunden habe, sind die Haltestellen nicht eingezeichnet. Und wenn man die richtige verpasst hat, kann es ziemlich lange dauern bis zur nächsten. Also haben Claudio und ich uns heute auf ein XE OM gewagt - Xe om heisst so viel wie "Fahrzeug umarmen" und bezeichnet ein Motorradtaxi. Umarmt habe ich den Fahrer nicht, aber ihm mein Leben anvertraut in dem Strom von Mopeds und Autos, die in Hanois Strassen dicht an dicht und kreuz und quer fahren.
Wir sind heil angekommen - im Fussballstadion. T&T Hanoi, der Vietnamesische Meister, spielte gegen Danang, eine Stadt im Süden Vietnams. Alles sehr entspannt vor dem und im Stadion: es gibt keine Kontrollen am Eingang, man setzt sich hin, wo man will und während des Spiels geht es sehr gesittet zu und her.
Ein Ticket kostet 50 000 Dong, das sind ca. Fr. 2.50. Der Ticketschalter sieht so aus:

Ich verstehe nichts von Fussball, aber dass das Spiel ziemlich lahm war, habe selbst ich mitbekommen. Vielleicht kein Wunder bei der Ausgangslage: Beide Clubs gehören demselben Unternehmer! Nationalheld und Kommunist Ho Chi Minh hat offenbar nichts dagegen - auf dem Porträt über der Tribüne hat er denselben milden Gesichtsausdruck wie immer.

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Samstag, den 19. 2. 2011
Eine Schlagzeile gestern in der Viet Nam News: "State creates favourable conditions for internet". Im Artikel wird die Sprecherin des Aussenministeriums zitiert. Sie betont, dass "freedom of information and speech" in Verfassung und Gesetz festgeschrieben seien. Warum ich hier in Vietnam nicht auf Facebook zugreifen kann, steht leider nicht in dem Artikel. Und auch nicht, wie andere Personen dann doch auf die gesperrte Seite können - meine Vorvorgängerin im Viet Nam News-Stage, die immer noch in Hanoi lebt, ist ständig auf Facebook.
Ich muss wohl einfach noch den Trick finden...
Während ich dies schreibe, stellt sich im Internetcafe ein Junge hinter mich und schaut gebannt, was ich denn hier so schreibe. Ob er wohl Deutsch versteht? |
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Sonntag, den 20.2.2011
Morgens kurz vor sieben weckt mich Marschmusik. Wem denn hier täglich so früh der Marsch geblasen wird, habe ich noch nicht herausgefunden - die Fanfare am Anfang klingt wie live gespielt. Vielleicht markiert sie den Arbeitsbeginn im nahen Ministerium für Landwirtschaft?
Nur, warum dann auch am Sonntag? Wie so vieles kann ich auch diese Musik noch nicht einordnen.
Noch vor dem morgendlichen Tusch krähen ringsum "mein" Haus die Hähne. Mitten in der Stadt klingt es wie auf einem Bauernhof. Dann setzten das Rauschen des Verkehrs und das Hupkonzert ein. Insgesamt ist es aber ruhig hier, und die Aussicht aus dem fünften Stock fantastisch.

Das Haus liegt in einer Seitenstrasse. Leicht zu finden im Vergleich zu anderen Adressen, die auf keinem Stadtplan verzeichnet sind. Von den Hauptstrassen gehen nummerierte Seitenstrassen
(Ngo) ab, von denen wiederum Seitenstrassen abzweigen (Ngach). Eine Adresse kann dann lauten:
38b Phuong Mai, Ngo 6, Ngach 22. Total klar, wenn man es mal begriffen hat. Bei meinen Wohnungsbesichtigungstouren bin ich aber meistens irgendwo im Labyrinth steckengeblieben und habe das Handy gezückt. Oder auf Claudios Orientierungssinn vertraut...
Chin, mein Landlord, will die monatliche Miete in US-Dollar. Erst, nachdem ich ihm das zugesichert habe, habe ich rausgefunden: in Vietnam werden keine Dollar verkauft. Nur mit USD- Travellerchecks bekommt man welche. Vietnamesische Dong gegen Dollar zu tauschen ist nicht möglich. Ich nehme an, das hat mit dem schwachen, instabilen Dong zu tun - letzten Freitag wurde er erneut abgewertet, nachdem er vergangenes Jahr bereits drei Mal an Wert verloren hat.
Ich werde mir was einfallen lassen, um Chin mit der gewünschten harten Währung zu versorgen. |
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Montag, den 21.2. 2011
Mein erster Tag auf der Redaktion beginnt erst um 15 Uhr. Für dann hat mich Ms Thuy, "deputy editor in chief" in die Viet Nam News bestellt. Ich bin zu früh dran und spaziere noch zwei Mal um den Block. Am Eingang muss ich Namen, Adresse und sogar die Passnummer angeben - dann schickt mich die Dame im Pförtnerhäuschen in den 4. Stock. Frau Thuy bietet mir Grüntee an und bedauert, dass ich leider weder als Korrektorin arbeiten könne (da Englisch nicht meine Muttersprache ist) noch als Journalistin, da ich ja kein Vietnamesisch verstehe... Aber ganz so unnütz bin ich vielleicht doch nicht.
Myha, die Chefin des "Sunday Magazine" der Viet Nam News hat schon ein paar meiner Ideen für gut befunden und neue Vorschläge gemacht. Nun soll ich eine Restaurantkritik über Schweizer Essen in Hanoi schreiben, muss aber erst recherchieren, wo es hier Roesti und Fondue geben könnte.
Vorgestellt worden bin ich auch der Chefin des Inlandteils, Ms Phung. Alle waren sehr freundlich. Ich hoffe nun, auch noch Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion zu finden - als ich ankam, waren alle sehr beschäftigt, kaum jemand hob die Augen vom Bildschirm.
Die RedakteurInnen - die meisten sind Frauen - arbeiten in einem Grossraumbüro, eine Art Newsroom. Telefon habe ich an meinem temporären Arbeitsplatz keines entdeckt, auch die anderen gehen zum Telefonieren an einen Extratisch. Das Internet aber funktioniert. Phung hat mir vorgeschlagen, doch von zu Hause aus zu arbeiten. Vorerst werde ich aber auf die Redaktion kommen - erstens, weil es mich interessiert, wie hier gearbeitet wird und zweitens, weil mein Laptop noch nicht in Hanoi angekommen ist (er befindet sich im Zügeltransport einer Bekannten, von Ho Chi Minh City nach Hanoi zügelt, denn ich wollte ihm keine drei Wochen Backpackerferien zumuten).
Nun mache ich mich auf die Suche nach dem Buch von Heidi und dem Geissenpeter, das auf Vietnamesisch erschienen sein soll, was eventuell auch eine kleine Geschichte hergeben könnte. Mal sehen, ob ich es finde... |
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Dienstag, den 22. 2. 2011
Beim Aufwachen ist mir übel. War es gestern ein Bia zu viel im Biahoi?
Meldet sich da der Tofu, dessen schwabbeliges Inneres mir von Anfang an nicht geheuer war?
Oder ist mir vielleicht ganz einfach schlecht wegen der Nachrichten, die mich aus der Schweiz, bzw. der BaZ-Redaktion erreichen? Noch habe ich meinen BaZ-Mailaccount nicht kontrolliert, das funktioniert hier im Büro nicht (nur noch der älteste Computer war frei). Aber ich habe ein paar Zeilen auf Basler Blogs und Newsseiten wie infamy und onlinereports gelesen, und was dort steht, ist Grund genug für Bauchschmerzen.
Acht Kündigungen hat es gegeben.
Trotzdem wird es ein ganz guter Tag hier in Hanoi. Gleich morgens verwickelt mich eine Kollegin vom Inlandressort in ein Gespräch und bietet an, mich morgen in die Mittagspause in der Strassenküche mitzunehmen. Ich arrangiere Termine bei der Deza und de Helvetas, was man an einem Bürotag halt so macht. My Ha, die Chefin der Sonntagsausgabe, findet meinen Restaurantvorschlag gut - in zwei Stunden gehen Claudio und ich Fondue essen!!! Ich bin gespannt.
Morgen gibt’s ein Foto...
Zwei Nachträge:
1) Zu dem Unglück in der Halongbucht, bei dem 12 Touristen ums Leben kamen, hat die Viet Nam News einen Nachzieher publiziert. Der Kapitän ist festgenommen worden, er ist erst 21 Jahre alt.
Ausserdem werden sämtliche Touristenboote überprüft. Das Boot, das gesunken ist, hätte Ende April den nächsten Sicherheitscheck haben sollen. Zu spät.
2) Ich habe den Trick für Facebook gefunden, glaube ich zumindest. Es ist simpel: Ich hab einfach noch ein drittes Internetcafe ausprobiert, und dort hat es geklappt. War wohl Anfängerpech. |
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Mittwoch, den 23.2.2011
Ich finde es seltsam und irgendwie unpassend, in Hanoi Käsefondue zu essen - aber es hat gut geschmeckt gestern Abend. Und wir hatten solchen Hunger, dass ich vergessen habe, ein Foto vom vollen Caquelon zu machen. Ist mir erst am Ende eingefallen.

Sorry. Für die Bilder in der Viet Nam News sorgt zum Glück ein professioneller Fotograf. Und wer dieses Webtagebuch in der Schweiz liest, weiss ja, wie geschmolzener Käse aussieht.
Fremder war das Mittagessen heute. Hoa und Hoa, zwei Kolleginnen und Namensschwestern vom Inlandressort, haben mich in die Mittagspause mitgenommen.
Sie sind extra mit mir in die Altstadt gefahren - und wo haben sie mich hingeführt? Ausgerechnet in den Rindfleisch-mit-Nudeln-Schuppen, in dem ich mir am ersten Tag in Hanoi den Magen so verdorben habe, dass ich die Nudeln höchst unrühmlich und in aller Öffentlichkeit wieder von mir geben musste! Ich habe heute nichts dazu gesagt, sondern gelächelt, gekaut und geschluckt. Und sieben Stunden später geht es mir immer noch bestens. Entweder waren es damals doch nicht die Nudeln, oder mein Magen hat sich schon ganz gut ans Essen hier gewöhnt. Geschmeckt hat es ausgezeichnet, noch besser als das Fondue.
Dass Hoa und Hoa gleich heissen, ist keine Ausnahme - es gibt noch mehr Hoas auf der Redaktion. Und auch viele, viele Has. Die Chefin vom Lifestyle-Ressort zum Beispiel. Sie hat sich als Ha Tom vorgestellt. Tom heisst Shrimp und ist ihr Spitzname, um sie von den anderen Has zu unterscheiden. Warum gerade Shrimp? Ich hab wieder mal keine Ahnung.
Dafür habe ich heute einen Überblick über die Projekte der Deza in Vietnam bekommen. Allerdings scheint es nicht ganz leicht, hier darüber zu berichten.
Die Viet Nam News will - wenn überhaupt - nur Berichte zu Projekten, die noch nicht von anderen Stagiaires aus der Schweiz besucht worden sind. Hung, der zuständige Deza-Mitarbeiter hier vor Ort, hat mir deutlich gemacht, dass schon fast alles "abgegrast" ist. Aber zumindest ein Projektbesuch scheint möglich, Details müssen wir noch klären. Ich hoffe nun, schon bald "ins Feld" reisen zu können. |
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Donnerstag, den 24.2.2011
Heute gab es wieder Fondue, diesmal im vietnamesischen Stil:


Und: Facebook war doch blockiert die letzten Male, als ich darauf zugreifen wollte. Hoa und Hoa haben es mir heute bestätigt. Es gibt aber keine offizielle Erklärung dazu.
Erklärungen gab es dafür heute auf der Redaktion für mich - zum ersten Mal habe ich mitbekommen, wie hier die Produktion abläuft. Mein Text ging zuerst zu einem vietnamesischen Produzenten, der ihn nicht gelesen, aber formal grob durchgecheckt hat (zum Beispiel daraufhin, ob die Akzente in den vietnamesischen Strassennamen richtig gesetzt sind). Dann hat eine englischsprachige "Sub-Editor" den Text sprachlich etwas überarbeitet. Ich bin ja nicht die Einzige hier, die in einer Fremdsprache schreibt. Zeitgleich hat die Ressortleiterin den Text gelesen, danach ging er ins Layout und anschliessend erneut zu einem englischsprachigen Korrektor. Gar nicht so anders, als ich es aus der Schweiz kenne. Morgen aber gehen alle Texte noch zu den "Deputy Editors in Chief", das ist so etwas wie eine erweiterte Chefredaktion, für eine endgültige Abnahme. Ich bin gespannt, wie die Seite am Ende in der Printausgabe aussehen wird! |
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Freitag, den 25. 2. 2011
Kaum trete ich morgens auf die Strasse, winkt und ruft der erste Motorradtaxi-Fahrer. Auf den nächsten 20 Metern bekomme ich drei Xe-Om-Angebote, aber ich nehme den Bus. Ich bin immer die einzige Ausländerin in der Nr. 45, oder jedenfalls die Einzige, der man es ansieht. Für 3000 Dong, ca. 15 Rappen kaufe ich eine Fahrkarte.
Die städtischen Busse sehen so aus:

Aus dem Busfenster beobachte ich, wie Polizisten vor der grossen Lenin-Statue paradieren.
Zu Fuss gehe ich noch knapp zehn Minuten von der Haltestelle bis zur Redaktion der Viet Nam News.

Im Newsroom ist es kurz vor zehn Uhr morgens noch eher ruhig.

Die RedakteurInnen studieren die vietnamesischsprachigen Konkurrenzblätter und diskutieren neue Geschichten. Wie entschieden wird, was ins Blatt vom nächsten Tag kommt, würde mich interessieren – aber die entsprechenden Gespräche werden auf Vietnamesisch geführt.
Ich lese die aktuelle Viet Nam News und wundere mich manchmal, zum Beispiel bei diesem Texteinstieg: „Education and training would continue to be an important part of transforming the youth of today into a loyal force to carry on the revolutionary cause of the Party and the nation. This was said by Deputy Minister Nguyen Thien Nhan (...) yesterday.“ Nicht, dass ich noch vergesse, dass ich nicht bloss in Vietnam bin, sondern in der Socialist Republic of Vietnam.
Ich habe nicht viel zu tun heute, noch habe ich keine neue Geschichte begonnen. Also mache ich früh Feierabend – heute ist Claudios letzter Tag in Hanoi und ich begleite ihn zum Flughafen. |
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Samstag, den 26.2.
Klein wie Ameisen sind wir Menschen. Auf jeden Fall zu Füssen dieses mächtigen Buddhas.

Zum Besuch dieser Statue hat die „Vietnam Union of Friendship Organizations (VUFO) gemeinsam mit der „Hanoi Union of Friendship Organizations (HAUFO)“ eingeladen. Eine gute Bekannte, die in Vietnam für Terre des Hommes arbeitet und das Land seit 30 Jahren kennt, hat mich zu dem Anlass mitgenommen. Mehr zu ihrer Arbeit und ihrer Sicht auf Vietnam findet sich in einem Artikel von ihr auf Swissinfo.
An dem Ausflug nehmen Vertreter ausländischer NGOs und ihre lokalen Mitarbeiter teil, eingeladen sind auch Botschafter. Viel Networking läuft nicht, dafür werden wir nach dem Besuch beim grossen Buddha noch in eine wunderschöne, alte Pagode geführt:

Der schöne Tag versöhnt mich mit dem durchzogenen Tagesanfang. Auf dem Weg zum Treffpunkt habe ich zum ersten Mal ein „falsches“ Taxi erwischt. Eines, bei dem der Taxameter viermal so schnell läuft wie üblich und das kurz vor dem Ziel von der Polizei angehalten wird. Die Polizisten diskutieren mit dem Fahrer – allerdings erst, nachdem ich den horrenden Fahrpreis bezahlt habe. Ob sie ihm wohl eine Busse verpassen? Oder das Geld einfach unter sich aufteilen? Ich ärgere mich über mich selbst – schliesslich weiss ich, welche Taxiunternehmen als vertrauenswürdig gelten. Aber am morgen war es noch dunkel, der Bus kam und kam nicht und so bin ich halt einfach eingestiegen...
Am Abend sinke ich wie ein Stein ins Bett, mit Halsweh und Fieber. Und das, obwohl ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft blauen Himmel und die Sonne gesehen habe! |
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Sonntag, den 27. 2. 2011
Der Assistent zupft am Schleier, rückt den Kopf der Braut zurecht und dreht dem Bräutigam die Fussspitzen zwei Zentimeter nach rechts. Dann drückt der Fotograf ab – und die nächste Pose ist dran. Die Braut legt sich in ihrem weissen Kleid bäuchlings ins grüne Gras! Und der Bräutigam kniet strahlend hinter ihr.
Solche Szenen habe ich heute im botanischen Garten alle paar Meter angetroffen. Nach 15 Brautpaaren habe ich aufgehört zu zählen.

Ich will mehr über die Hochzeitsbräuche hierzulande herausfinden! Die Fotoshootings scheinen jedenfalls sehr wichtig zu sein.
Erstmal aber lege ich mich hin und kuriere die Erkältung aus... |
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Montag, den 28.2.2011
Pilze, ein ganzer Tisch voll. Und ringsum lauter Leute, die ich heute zum ersten Mal sehe und die die Pilze in zwei brodelnde Suppentöpfe werfen. Einer füllt mir immer wieder meine Essschale. Und einer schickt ab und zu ein fragendes „Alles ok?“ in meine Richtung. Letzterer ist Daniel Valenghi, Country Director von Helvetas Vietnam. Ich treffe ihn und seine vietnamesischen Mitarbeiterinnen, um mich über die laufenden Projekte zu informieren. Aber mitten in unserem Gespräch wird Valenghi unruhig. Es ist Zeit fürs Mittagessen, und als ich, seiner spontanen Einladung folgend, am Tisch sitze, wird mir klar, warum Valenghi sich nicht verspäten wollte: Dieses Essen ist der Höhepunkt des Tages, denn eine Mitarbeiterin hatte kürzlich Geburtstag und es wird gefeiert. Eine schöne Überraschung für mich, als Gast in der vergnügten Runde dabei sein zu dürfen.
Ich werde noch ein zweites Mal positiv überrascht: Frau Thuy fragt mich, ob ich im März an einer Reise des Multimedia-Teams nach Hue (eine Stadt südlich von Hanoi) teilnehmen möchte. Natürlich möchte ich! Auch wenn ich die Reisekosten selber tragen muss, da ich nicht an der Entwicklung des neuen Fernsehprojekts beteiligt bin, an dem das Team offenbar arbeitet.
Damit die Euphorie nicht allzu gross wird, fordert mich Hanoi auf dem Heimweg mit ein paar Kleinigkeiten heraus: An der Adresse, an der ich laut Reiseführer einen Supermarkt finden sollte, steht ein Nachtclub. Der Busfahrer fährt an meiner Haltestelle vorbei und lässt mich erst nach Protest meinerseits aussteigen. Das Obst auf dem Markt scheint täglich teurer zu werden, denn ich bin schlecht im Feilschen, die Marktfrau weiss das genau. Und es scheint unmöglich, bei mir im Quartier eine Bodylotion zu kaufen, die keine Bleichmittel enthält. In Vietnam gilt weisse Haut als schön und auf sämtlichen Produkten steht irgendwas von „whitening“. Ich verzichte vorläufig. |
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Dienstag, den 1. 3. 2011
Heute ist die erste Kolumne „neu in hanoi“ in der BaZ erschienen. Hier auch für die BlogleserInnen, mit Fotos von Claudio Miozzari:
Verbranntes Geld
Die Frau schwebt auf hohen Absätzen über den unebenen Strassenbelag, die Haare fallen ihr schwarz und glatt und glänzend über den Rücken. Rouge auf den Wangen, Lack auf den Nägeln – sie sieht aus, als wäre sie unterwegs zu einem Rendezvous in einem noblen Hotel. Stattdessen kauert sie sich mitten in der Altstadt von Hanoi vor einem Strassenschild auf den Boden. Zieht ein Bündel Geld aus der Tasche. Arrangiert es auf dem Trottoir zu einem Häufchen. Und zündet es an.

Daneben braust ein nie abreissender Strom von Mopeds an ihr vorüber. Passanten drücken sich an den Flammen vorbei und an der Dame, die in dem lodernden Papierhäufchen herumstochert. Keiner beachtet sie. Geld verbrennen ist nichts Besonderes in Hanoi, besonders in den Tagen nach Tet, dem vietnamesischen Neujahrsfest. Es ist für die Verstorbenen. Damit die sich im Himmel wirklich paradiesische Zustände leisten können. Die Gabe soll auch den opfernden Nachfahren Glück bringen. Damit die Ahnenverehrung nicht zu teuer wird, gibt es überall «Votivgeld» zu kaufen. Vietnamesische Dong, aber auch Dollar, Euro, Yen stapeln sich an Devotionalienständen fast bis in den Himmel. Tausenderbeträge sind für ein paar Rappen zu haben.
Trotzdem könnte das Feuer die schöne Frau am Strassenrand teuer zu stehen kommen: Die Regierung hat letzten Sommer angekündigt, öffentliche Feuer mit bis zu 50 Dollar Strafgeld zu büssen. Denn trauernde Angehörige Verstorbener sollen auch papierene Häuser, Kleider, Mofas verbrannt haben, in der Hoffnung, die Objekte so ihren Ahnen übermitteln zu können. Zu teuer, zu rauchig, zu gefährlich, entschied die Regierung. Doch heute halten die Ahnen die Polizisten offenbar fern. Die Dame erhebt sich und verschwindet wie ein schwarzer Schatten im Gewirr der Altstadtgassen. Und der nächste Strassenputzer wischt ein kleines Häufchen Asche in den Strassengraben.
Das Votivgeld sieht so aus:

Abgesehen davon geht es heute in diesem Blog schon wieder ums Mittagessen. Nachdem ich gestern vom pilzbeladenen Tisch bei der Helvetas berichtet habe, müsste ich heute eigentlich ein anderes Thema wählen. Sonst sieht es noch aus, als würde ich hier in Hanoi nichts anderes tun, als beim Lunch zu sitzen. Aber soll ich etwa verschweigen, was heute in der Residenz des Schweizer Botschafters in Hanoi zum „Déjeuner Bâlois“ aufgetragen wurde? Eben.
Botschafter Jean-Hubert Lebet, seit 2007 für die Schweiz in Hanoi, hat sehr schnell und sehr freundlich auf ein e-mail von mir reagiert. Ich hatte vorsichtig angefragt, ob ich mich vielleicht im Laufe meines Aufenthaltes in Hanoi einmal bei ihm vorstellen dürfe – und prompt folgte eine Einladung zum Mittagessen in seiner Residenz, zusammen mit weiteren Schweizerinnen und Schweizern, darunter die Beauftragte für den Menschenrechtsdialog Schweiz-Vietnam, mit der ohnehin ein Treffen geplant war. Eine gute Gelegenheit, um Leute kennen zu lernen, die schon länger in Vietnam sind und mehr über das Land wissen.
(Und es gab: Les huîtres gratinées de la mer de chine. Le rack d’agneau aux herbes accompagné de gratin dauphinois et de courgettes au curry. La tarte tatin. Fendant „Les Murailles“ 2009 aus Aigle und Pinot noir élevé en barrique 2008, Château d’Auvenir.)
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Mittwoch, den 2. 3. 2011
3,5 Millionen Motorräder sollen in Hanoi unterwegs sein. Diese Zahl hat jedenfalls die Reiseleiterin in der Halongbucht genannt. Mir kommt es vor, als wären es noch mehr.
Der Verkehr ist wohl der deutlichste Ausdruck für den Wandel, den Vietnam in den letzten zehn Jahren durchgemacht hat, und in dem es sich noch immer befindet. Bei meiner ersten Vietnam-Reise im Sommer 1999 war ich in Hanoi mit dem Velo unterwegs – manchmal in einem so dichten Strom anderer Velofahrer, dass mein Lenker sich mit dem des Radelnden neben mir verhakte. Auch heute sind noch Fahrräder in Hanois Strassen zu sehen, doch sie sind an den Rand gedrängt von den Motorrädern und auch immer mehr Autos.
Als Ausländer hat man den Eindruck, dass die Vietnamesen sich zwar ohne viel Rücksicht auf im Westen bekannte Verkehrsregeln, aber doch äusserst souverän im Strassenverkehr bewegen. Die Mopeds kommen einem auf der Gegenfahrbahn entgegen, sie überholen links und rechts und halten an, wo immer jemand auf- oder absteigen möchte. Bei alldem läuft der Verkehr aber meistens recht flüssig, die Fahrer können genau abschätzen, was sie sich wann erlauben können. „Go with the flow“ könnte das Motto auf den Strassen Hanois sein – damit kommt man recht gut voran.
Der Verkehr ist schwer zu fotografieren, hier zwei Versuche aus Ho Chi Minh City:


Die Lockerheit der Stadtbewohner im Verkehr ist aber eine scheinbare, sagen mir jedenfalls einige der Vietnamesinnen, die ich bisher kennen gelernt habe. Auch für die Menschen hier ist die Masse an Fahrzeugen anstrengend, fordert Konzentration und Anpassungsvermögen. Eine Kollegin von der Redaktion, die sieben Jahre im Ausland studiert hat, berichtet, welche Mühe sie hatte, sich nach der Rückkehr an die veränderten Verhältnisse einzustellen. Ein Problem sind auch die Abgase. Atemschutzmasken sind mit gutem Grund verbreitet, es gibt sie in allen Farben und Mustern zu kaufen.
Seit Ende 2007 ist Helmtragen Pflicht. Auch Helme gibt’s an jeder Ecke.

Manche richten sich auf ihren Mopeds häuslich ein, lesen hier die Zeitung...

... oder schlafen sogar auf dem Töff (Foto von Claudio Miozzari):

Trotz all der Mopeds - das Velo hat nicht ausgedient und wird auch als Marktstand verwendet:


Von mir unkommentiert hier noch eine Meldung aus der Viet Nam News vom Montag. Ein Dissident ist festgenommen worden. Dazu die Information aus dem Online-Newspaper der Communist Party of Vietnam. |
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Donnerstag, den 3. 3. 2011
Um fünf Uhr morgens stehe ich auf, um endlich das Rätsel der morgendlichen Marschmusik zu ergründen (vgl. Eintrag vom 20.2.).
Die Lösung gibt’s in der nächsten „neu in hanoi“-Kolumne in der BaZ. Heute nur soviel: Aus dem Landwirtschaftsministerium (wie ich am Anfang spekuliert hatte) kommt die Fanfare nicht. Sondern von der Zeremonie auf den Fotos.



So früh mein Tag begonnen hat, so früh ist er auch schon wieder beendet. Wieder einmal eine Magenverstimmung. Vielleicht hätte ich die gegrillten Grillen gestern nicht probieren sollen... |
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Freitag, den 4.3. 2011
Langsam lerne ich weitere Kolleginnen aus der Redaktion kennen. Von Huong, einer Wirtschaftsjournalistin, erfahre ich, was ihre Namen bedeuten: Huong heisst Parfum, Ha heisst Fluss, Hoa heisst Blume. Natürlich nur mit der entsprechenden Betonung. Vietnamesisch ist eine tonale Sprache, eine Silbe hat je nach Aussprache ganz unterschiedliche Bedeutungen. Wenn jemand „ma“ sagt, kann das „Grab“ heissen oder auch „Reissetzling“, „Pferd“, „Mutter“, „aber“ oder „Gespenst“. Kommt ganz drauf an, ob der Tonfall tief, ansteigend, fragend etc. ist. Der Ton wird mit verschiedenen Akzenten über und unter den Buchstaben gekennzeichnet. Ein Kollege auf der Redaktion zeigt mir die Tastenkombinationen dafür am Computer. Gar nicht einfach, aus Hanoi Hà Nôi zu machen – wobei hier jetzt noch ein Punkt unter dem o fehlt, meine Schweizer Laptop-Tastatur gibt den nicht her.
So faszinierend ich die Sprache finde, so schwer macht sie mir den Alltag: Ich kann zwar bis zehn zählen, aber leider nur in einem Ton, und das ist offenbar der falsche. Gebe ich dem Mopedtaxifahrer meine Hausnummer an, versteht er gar nichts. Auch den Strassennamen wiederhole ich meist mehrmals. Ich brauche dringend Sprachunterricht!
Aber auch das beste Vietnamesisch würde mir auf meiner bevorstehenden Reise in die Provinz Cao Bang nicht in jedem Fall weiterhelfen – die Angehörigen der ethnischen Minderheiten, die ich dort treffen soll, sprechen ihre eigenen Dialekte. Die NGO Helvetas, die die Reise organisiert, damit ich eines ihrer Projekte besichtigen kann, schickt eine Mitarbeiterin als Übersetzerin mit. Deren Übersetzung wird dann je nach Bedarf noch einmal in Dialekt übersetzt – und wieder zurück. Ich bin gespannt. Nicht nur auf diese sprachliche Herausforderung für alle Beteiligten, sondern auf die ganze Reise. Morgen Abend geht es los, per Nachtbus in den Norden, in Richtung der chinesischen Grenze. Und auf diesem Blog herrscht nun für ein paar Tage Ruhe. |
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Mittwoch, den 9. 3. 2011
Zwei Millionen Dong hat Na Thi Son mit ihrer Stickerei in rund einem Jahr verdient. Das sind rund neunzig Franken. Für mich ein Klacks, für Na Thi Son eine Chance. Für drei Millionen Dong bekommt sie eine Kuh. Sie hat das Tier sogar schon, sagt die 19-jährige, nun muss sie nur noch eine Million bezahlen, und sie strahlt vor Stolz. Nicht viele Frauen in ihrem Dorf haben eigenes Geld.

Ich treffe Na Thi Son in ihrem Dorf in der Provinz Cao Bang, ganz im Norden Vietnams, rund 35 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Cao Bang ist eine der ärmsten Provinzen des Landes, 90 Prozent der Einwohner gehören ethnischen Minderheiten an. Die verschiedenen Gruppen unterscheiden sich unter anderem durch ihre Kleidung, durch ihre Sprachen und durch die Art, wie sie zusammenleben. In manchen Dörfern wie dem von Na Thi Son, die zur Minderheit der Lolo gehört, stehen die Häuser eng beeinander, in anderen sind sie weit verstreut.

Die Frauen in diesen Dörfern haben bisher Stickerei und Textilien wie Baumwolle oder Hanftücher für den eigenen Bedarf hergestellt. Sie leben von dem, was sie als Bauern produzieren, Möglichkeiten, Bargeld zu verdienen, gab es bisher kaum. Seit Ende 2008 versucht Helvetas mit ihrem „Ethnic Handicraft Promotion Project“, für die Produkte aus den Dörfern einen Zugang zum Markt zu schaffen. Mit Erfolg, wie es scheint – es haben sich mehrere Abnehmer gefunden, die Hanf und Stickereien bestellen und daraus Kissen, Stofftiere, Kleider und mehr herstellen. Sogar der Schweizer Botschafter hat unlängst einen traditionellen Anzug bestellt, für den die Textilien in der Provinz Cao Bang im Rahmen des Helvetas-Projekts gefertigt werden.
Ich besuche die Dörfer gemeinsam mit Huong, Vizeprojektleiterin, und Quinh Anh, Kommunikationsverantwortliche von Helvetas Vietnam. Die Reise ist für mich ein Erlebnis – die Berglandschaft mit den Reisterrassen faszinieren mich, die Menschen in den Dörfern beeindrucken mich in ihrer traditionellen Kleidung und ihrem Auftreten. Ich habe den Eindruck, wir platzen mit Fotoapparat und Filmkamera in ihre sehr bescheidenen Häuser wie Elefanten in einen Porzellanladen. Aber keinen scheint das zu stören. Die Frauen posieren bereitwillig mit ihren Hanftüchern (hier im Bild zwei Frauen der Hmong-Minderheit).

Vielleicht am eindrücklichsten für mich ist der Besuch einer Schulstunde. Viele der Bauern und Bäuerinnen hier können weder lesen noch schreiben und sprechen auch kein Vietnamesisch. Das macht den Handel mit ihren Produkten schwierig. Zwar lassen sich Bestellungen theoretisch per Mobiltelefon übermitteln, aber die Details gehen oft unter, da sie niemand notieren kann. Helvetas hat deswegen Schulunterricht für die Erwachsenen organisiert. Abends nach der Feldarbeit kommen sie ins Schulhaus. Doch weil es keinen Strom gibt, gibt es auch kein Licht – und so hält jemand neben der Wandtafel zwei Stunden lang eine batteriebetriebene Leuchte hoch und die Schülerinnen und Schüler leuchten mit Taschenlampen in ihre Hefte.

Auch abgesehen vom Projektbesuch habe ich in Cao Bang eine gute Zeit, sogar beim Frühstück (um acht Uhr morgens verneine ich die höfliche Frage „do you like the interior of pigs?“ und komme mit geleeartigem Reis und Hackfleisch davon). Quinh Anh und Huong nehmen mich überall hin mit, der Fahrer meistert auch schlammige Strassen sicher, und so lerne ich einen spannenden Teil dieses Landes kennen, den allein zu bereisen wohl nicht ganz leicht gewesen wäre.
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Donnerstag, den 10. 3. 2011
Das Aussenministerium lädt zur Pressekonferenz. Ich habe nicht den Auftrag, darüber zu schreiben, die Berichterstattung für die Viet Nam News liefert die Viet Nam News Agency, das ist die staatliche Nachrichtenagentur, zu der die Zeitung gehört. Trotzdem gehe ich hin, mich interessiert, wie so eine Konferenz hier abläuft. Viel bekomme ich leider nicht davon mit, da ich den Ort suchen muss, etwas zu spät komme und die ganze Sache nach 15 Minuten schon wieder beendet ist.
Gelohnt hat es sich trotzdem – nach meiner Rückkehr ergibt sich auf der Redaktion ein Gespräch über den Umgang mit den Informationen, die bei solchen Regierungs-Pressekonferenzen weitergegeben werden. Was bei der Lektüre der Zeitung schon deutlich wird, bestätigen mir die Kolleginnen: Die Informationen werden übernommen, unabhängige Experten zu befragen oder selbst eine kritische Analyse vorzunehmen ist nicht üblich, wenn es um Mitteilungen der Regierung geht. Sämtliche Medien in Vietnam sind staatlich. Allerdings sind an der Pressekonferenz auch Journalisten von Reuters und AFP zugegen. Sie sind, zumindest so lange ich dabei bin, die einzigen, die Fragen stellen. |
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Freitag, den 11. 3. 2011
Auf der Strasse sitzt ein Mann und streichelt seinen Hahn. Ich sehe ihn jeden Morgen, wenn ich zur Redaktion komme. Er hält das Tier fest und fährt ihm durch die Federn. Weitere Hähne sitzen in Holzkäfigen daneben. Hoa sagt, die sind für Hahnenkämpfe. Hahnenkämpfe, hier, mitten auf dem Trottoir? Wozu? Hoa lacht. „Sometimes for money, sometimes for fun.“ Seither warte ich darauf, mal so einen Kampf zu sehen. Aber bisher war das Federvieh immer äusserst friedlich. Ich fürchte, ich komme zu den falschen Zeiten – heute nach der Mittagspause habe ich einen Haufen Federn auf dem Asphalt entdeckt.
Den Mann anzusprechen oder zu fotografieren habe ich noch nicht gewagt. Und den Hahn habe ich auch nicht richtig erwischt, aber immerhin ist der Käfig zu sehen...

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Sonntag, den 13. 3. 2011
Manches verstehe ich nicht in Vietnam - trotzdem darf ich sagen, dass die Vietnamesen und ich auf Augenhöhe diskutieren. Das ist keine diplomatische Floskel, sondern ganz buchstäblich zu verstehen: Während ich in der Schweiz meist den Kopf in den Nacken lege, um mit meinen Mitmenschen zu sprechen, bin ich hier mit meinen 155 Zentimetern Körpergrösse in bester Gesellschaft. Einem schon etwas älteren Artikel in der Viet Nam News entnehme ich, dass die durchschnittliche Grösse einer Vietnamesin bei 153,4 Zentimetern liegt, die eines Vietnamesen bei 163,7 Zentimetern.
Allerdings sollen mir die Menschen hier in den nächsten zehn Jahren über den Kopf wachsen, zumindest wenn es nach der Regierung geht: „Vietnam hopes to increase the average height of men to 167 cm and women to 157 cm by 2020“, schreibt die Viet Nam News mit Verweis aufs Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus. Erreicht werden soll das mit mehr Sport und besserer Ernährung, letzteres vor allem für Schwangere und Kinder. Klingt nach zwei vernünftigen Massnahmen. Ob es funktioniert? Ich habe hier bisher bestens gegessen und zu Fuss schon viele Kilometer in dieser Stadt zurückgelegt. Gewachsen bin ich nicht...
Hier der Artikel in der Viet Nam News |
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Montag, 14.3.2011
Wo gibt es in Hanoi Vollkornbrot? In welchem Kino laufen die guten Filme? Wen soll ich zum Thema Agent Orange befragen? Margrit weiss auf fast alles eine Antwort. Ich habe sie in diesem Blog bereits erwähnt, sie lebt seit vielen Jahren in Vietnam und hat hier ein gutes Netzwerk – von dem ich dank ihrer Offenheit profitiere. Immer wieder stellt sie mich spannenden Leuten aus ihrem Umfeld vor. Heute Mittag haben wir eine Übersetzerin, Schriftstellerin und Journalistin aus den USA getroffen, die Vietnam seit Jahrzehnten kennt, dazu den Repräsentanten vom „Vietnam Veterans Memorial Fund“ und George Burchett, einen australischen Künstler. Sein Vater Wilfred Burchett berichtete unter anderem aus dem Vietnamkrieg und war der erste Journalist aus dem Westen, der nach dem Abwurf der Atombombe nach Hiroshima kam. Ende März wird in Hanoi ein Dokumentarfilm über Wilfred Burchetts Leben gezeigt, den ich nun auf keinen Fall verpassen darf.
In der Redaktion kämpfe ich derweil noch immer mit dem Redaktionssystem. Ein paar Texte sind geschrieben - aber nun wohin damit? Wo abspeichern, welchem Editor geben, mit wem die Fotos auswählen? Die Abläufe sind einfach und gleichen denen, die ich aus der Basler Zeitung kenne – aber solange sie einem niemand schlüssig und am Stück erklärt und man sich bei wechselnden Personen durchfragen muss, dauert alles sieben Mal so lange wie nötig.
Das kann ermüdend sein. Aber ich bin offenbar nicht die einzige, der ab und zu die Energie ausgeht. Komme ich aus der Mittagspause zurück, ist nicht selten das Licht gedämpft – und die Kolleginnen liegen mit dem Kopf auf dem Tisch und schlafen. In der Schweiz wäre das irgendwie peinlich, aber hier scheint Schlafen am Arbeitsplatz ganz normal zu sein. Das gefällt mir gut, selber habe ich mich bisher trotzdem noch nicht auf der Computertastatur zur Ruhe gelegt... |
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Mittwoch, den 16. 3. 2011
In der Schweiz soll es frühlingshaft mild sein, wie ich höre. In Hanoi ist es etwa 11 Grad kalt und regnet in Strömen. Zu meiner eigenen Aufmunterung hier ein Bild von einem schöneren Tag und eine Illustration zum Thema „Plastikstühlchen-Wahn“. Den kriege ich manchmal, wenn ich wieder mal über einen der Mini-Hocker auf dem Trottoir gestolpert bin.

Die Plastikstühle sind überall. Man sitzt gut auf den Dingern und kann sie auch gleich noch als Tisch benutzen. Junge Leute in der Altstadt von Hanoi treffen sich am frühen Abend in Plastikhocker-Runden auf ein Glas Eistee.
Wenn in Basel die nächste Runde der Debatte über Gartenbeizen-Mobiliar losgeht, werde ich an die Plastikstühle in Hanoi denken...
Ausserdem:
Die zweite „neu in hanoi“-Kolumne ist gestern in der BaZ erschienen. Hier das PDF
Heute hat die Viet Nam News zudem meine Vorschau zur Hanoi International Theatre Society veröffentlicht. Falls sich jemand den Bericht antun will... |
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Donnerstag, den 17. 3. 2011
Ich komme zurück von einem Konzert der afrikanischen Band Ba Cissoko, zu dem jede Menge Expats durch den Regen ins „Youth Theatre“ geschwommen sind, und lese die neuesten Berichte zu Japan. Auf Deutsch, online in Schweizer und deutschen Zeitungen. Natürlich berichtet auch die Viet Nam News – aber wer liest in diesen Tagen nicht alles Mögliche im Internet, um zumindest einigermassen mitzubekommen, was passiert ist und weiterhin passiert?
Doch nun stehen wieder einige Tage ohne Computer bevor. Morgen früh breche ich auf zur nächsten Reise. Diesmal in nordwestlicher Richtung, mit Véterinaires et Agronomes sans Frontières, Partner der Deza in einem Projekt zur Armutsbekämpfung im nördlichen Hochland Vietnams. Es geht um die Aufzucht von Schweinen und Hühnern. Nicht gerade mein Spezialgebiet. Aber Einblicke in unbekannte Welten können nicht schaden und ich freue mich darauf, mehr zu einem für mich neuen Teil Vietnams und dem Projekt zu erfahren.
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Sonntag, den 20. 3. 2011
Ich hatte die stellvertretende Chefredaktorin vor meiner Reise mit Helvetas gewarnt: Ich bin keine professionelle Fotografin. „Just take as many pictures as you can“, war ihre Antwort, was ich dann auch getan habe. Trotzdem wäre die Platzierung der Geschichte fast an den Fotos gescheitert. Die Viet Nam News hat sie zur Coverstory der heutigen Sonntagsausgabe gemacht – aber am Donnerstag stellte sich heraus, dass die Bilder zu klein sind für den Druck. Hiess es zumindest am Anfang. Dann hat der Layouter eine Weile daran herumgetüftelt und am Ende ging es doch. Online ist ohnehin nicht viel davon zu sehen, trotzdem hier der Link. |
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Dienstag, den 22. 3. 2011
„Heal the world“, singt Michael Jackson, und einer der Männer auf dem Rücksitz summt leise mit, „make it a better place, for you and for me and the entire human race“, und keiner muss lachen darüber, dass ausgerechnet dieser Song aus dem Autoradio schallt in dem Wagen, in dem fünf Männer „on a mission“ unterwegs sind. „Mission“, so heisst diese Reise im Entwicklungs-Zusammenarbeits-Fachjargon. Sie besteht im jährlichen Zusammentreffen verschiedener Projektpartner: Ein Vertreter kommt aus dem „Headquarter“ der Organisation Agronomes et Vétérinaires sans Frontieres (AVSF) in Frankreich angereist, einer aus Kambodscha (ebenfalls Franzose, aber in der Region stationiert). Begleitet von vietnamesischen Mitarbeitern der Organisation treffen sie auf die Leute, die ein von der Deza finanziertes Projekt namens PALD vor Ort umsetzen.
PALD ist die Abkürzung für „Poverty Alleviation through Livestock Development in the Northern Uplands of Vietnam“, ein Projekt zur Unterstützung von Bauern in drei Provinzen in Nordvietnam. Die Bauern bekommen keine direkten finanziellen Beiträge, stattdessen wird ihnen Wissen vermittelt, etwa zum Verhalten bei Krankheiten ihrer Tiere, zu Impfungen und generell zur verbesserten Aufzucht von Schweinen und Hühnern.
Demnächst beginnt eine neue Projektphase (es fehlt noch die formelle Zustimmung der Regierung). In den kommenden vier Jahren sollen die Tierhaltung erweitert und Märkte für die Produkte der Bauern erschlossen werden.
Vor der Reise bekomme ich einen Bericht über die gerade abgeschlossene Projektphase zu lesen. Demnach waren in einem Distrikt noch im Jahr 2006 über 40 Prozent der Haushalte in den „Farmer Interest Groups“ im Projekt arm. Das heisst, sie lebten unter der Armutsgrenze von etwa 200 Franken pro Monat. 2009 waren es nur noch 7,5 Prozent, die Armut konnte also reduziert und die Lebensbedingungen verbessert werden. Über 5200 Haushalte haben seit Projektbeginn direkt von den Trainings profitiert.
Diese Zahlen können sich sehen lassen – für mich ist es allerdings nicht leicht, vor Ort einzuschätzen, was sie für die Bauern bedeuten. Denn die meiste Zeit der „mission“ verbringen wir in Sitzungen und bei Mittag- und Abendessen mit den wichtigsten Leuten der lokalen Behörden. Die Reise dient den Mitarbeitern von AVSF zur Kontaktpflege. Zu diesem Zweck fliesst jede Menge Reiswein (= Reisschnaps). „Hundred percent“ werden beim Anstossen verlangt – das heisst, das Glas muss ganz geleert werden und mehr als einer scheint es mir als ernsthafte Unhöflichkeit auszulegen, wenn ich es nicht jedes Mal schaffe. Am Sonntagmorgen stehen schon um acht Uhr früh Petflaschen neben der Blutwurst auf dem Tisch – Wasser ist da nicht drin.
Trotzdem bringt uns der Fahrer sicher in die Dörfer, in denen wir Familien besuchen, die am Projekt teilnehmen. Profitiert haben zum Beispiel diese Bäuerin, ihr Mann und ihre fünf Kinder:

Sie haben die Haltung ihrer Schweine verbessert und können inzwischen immer wieder welche verkaufen, was ein kleines, aber notwendiges Einkommen bringt. Denn die 1000 Quadratmeter Boden, auf dem sie Reis pflanzen, reichen für den Bedarf der Familie nicht aus.

In den Dörfern gibt es keinen Schnaps, sondern viel grünen Tee - auf unserer Reise kommen wir nicht nur an Reisfeldern, sondern auch an ausgedehnten Grünteepflanzungen vorbei (auf dem Bild im Hintergrund).

Mit ein paar Säcken Tee im Gepäck machen wir uns nach vier Tagen auf den Rückweg nach Hanoi. Mehr als einer der Männer im Auto nickt während der langen Fahrt ein. „Heal the World“ passt irgendwie nicht mehr, und der Fahrer legt eine CD mit vietnamesischen Liebesliedern ein.
Nachtrag: Erst nach der Rückkehr nach Hanoi lese ich die Berichte zu Libyen vom Wochenende. Und es kommt mir merkwürdig vor, angesichts dieser Ereignisse von meinen kleinen Erlebnissen hier in Vietnam zu berichten. Zugleich scheint es mir richtig so, denn zur Realität gehört auch: Das Weltgeschehen war in den Dörfern ganz einfach kein Thema (zumindest so lange Englisch oder Französisch gesprochen wurde) – obwohl in den meisten Hütten, und seien sie noch so arm, ein Fernseher steht. |
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Mittwoch, den 23. 3. 2011
Endlich verstehe ich es, wenn mich jemand auf Vietnamesisch nach meinem Alter fragt. Oder sollte es jedenfalls verstehen. Gerade hatte ich – gemeinsam mit einigen UN-Volunteers - meine erste Vietnamesischstunde, und wenn nächstes Mal jemand etwas sagt wie „Chi ay bao nhieu tuoi“, dann werde ich mal „ba“ und „hai“ antworten und zur Not noch meine Finger in die Luft halten (nicht den Daumen, warum auch immer).
Das Alter einer Person zu kennen, ist in Vietnam sehr wichtig, denn je nach Alter wechselt die Anrede. Und die sollte man nicht vermasseln, will man nicht respektlos sein. Für Frauen, die etwas älter sind als ich, gilt die Anrede Chi, sind sie zehn oder mehr Jahre älter, sollte ich sie Cô nennen und die ganz alten Frauen Bà. Für Männer gilt das gleiche, aber die Worte sind natürlich andere. Nur die Jungen, die ruft man immer „Em“.
Im Zweifelsfall sollte man die Leute in der Anrede lieber etwas älter machen, als sie sind. Trotzdem ist es ein Kompliment, einer Frau zu sagen, sie sehe jung aus. Alles klar? |
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Donnerstag, den 24. 3. 2011
Es ist wie aufatmen – nachdem ich mich nun tagelang mit Landwirtschaft, Schweinen und Hühnern auseinandergesetzt habe, besuche ich heute einen Dokumentarfilmworkshop im Goetheinstitut, um darüber zu berichten. Zwar waren die Einblicke ins ländliche Vietnam bisher spannend, aber zwischendurch ist es auch sehr angenehm, über vertrautere Themen zu sprechen...
Damit es nicht allzu heimelig und bequem wird, gehe ich wieder mal über den Markt und staune wie am ersten Tag in Hanoi. Ein paar Eindrücke:
Da gibt es mobile Suppenküchen..
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... Fingerfood...

... Schneckenberge...

... Fleischberge...


... Gewürzberge...
Und irgendwie muss das alles auch transportiert werden, natürlich auf dem Töff

gekauft wird auch vom Moped aus:
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Freitag, den 25. 3. 2011
Abends, wenn ich auf den Bus warte, sehe ich eine Frau, die einen Müllcontainer durch die Strassen schiebt und Grünabfälle von den Obst- und Gemüseständen einsammelt. Die Frau ist jung und sehr zierlich, sie trägt Gummistiefel und Gummihandschuhe und einen Mundschutz, der fast ihr ganzes Gesicht verdeckt. Die Marktfrauen wuchten ihr die Abfälle in Plastiksäcken entgegen. Was im Rinnstein landet, wischt sie mit einem Reisigbesen auf. |
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Sonntag, den 27. 3. 2011
Um zehn vor sieben am Sonntagmorgen fährt Redaktionskollegin Hoa mit ihrem Moped bei mir vor. Ich setze mir einen vom Vermieter geborgten Helm auf und los geht’s, zum Tay Ho oder Westlake, dem grössten von über vierzig Seen in Hanoi. An einer Bootsanlegestelle steigen wir aufs Velo um und strampeln etwa eine Stunde, bis wir den See umrundet haben. Jeden Sonntag trifft sich eine Gruppe Vietnamesen zu dieser Art Frühsport. Die Uhrzeit ist für ein Wochenende etwas gewöhnungsbedürftig, aber geschickt gewählt: Der Verkehr hält sich in Grenzen, der Uferweg ist frei. Und die Bewegung tut gut – falls wieder ein Fahrrad zu haben ist und ich rechtzeitig aus den Federn komme, werde ich wieder dabei sein.
Noch vor einigen Jahren hätte die Radtour um den See länger gedauert: Um Bauland zu gewinnen, wurde ein Teil davon zugeschüttet und die Wasserfläche verkleinert. Im Zentrum von Hanoi gab es noch in ihrer Kindheit viel mehr Seen als heute, sagt Hoa, fast hundert davon seien verschwunden. Nur eine von vielen Veränderungen in dieser Stadt und diesem Land, das eines mit dem schnellsten wirtschaftlichen Wachstum in Asien ist.
Nach der Velofahrt kommt der Hunger – und ich koche endlich wieder mal selber, jedenfalls so einigermassen: Freunde aus der Schweiz, die auch ein paar Monate in Hanoi leben, haben uns zu einem Kochkurs angemeldet. Die Hauptarbeit übernimmt der Küchenchef, aber ein bisschen gerührt und geschnippelt haben wir auch. Voilà la création (bzw. ein Teil davon):

Das Thema „Vietnamesische Küche“ ist damit natürlich längst nicht erschöpft... |
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Montag, den 28. 3. 2011
Auf Hanois Strassen wird nicht geküsst. Mehr dazu in der "neu in hanoi"-Kolumne, die vergangenen Dienstag in der BaZ erschienen ist. PDF |
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Dienstag, den 29. 3. 2011
Hoa hatte wohl das Gefühl, mir gehöre mal der Kopf gewaschen – jedenfalls hat sie mich mitgenommen in einen Coiffeursalon gleich hinter der Redaktion. Wieder so ein Ort, den ich allein nie gefunden hätte. Eine schmale Gasse führt zwischen zwei Hauswänden hindurch, an unzähligen Eingängen vorbei, und hinter der hintersten Tür arbeiten zwei Coiffeusen. Daraus ist die nächste „neu in hanoi“-Kolumne entstanden, die heute erschienen ist. Hier die Seite als PDF. |
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Mittwoch, den 30. 3. 2011
Fast beiläufig deutet Luong auf eine Vase: „Die ist siebenhundert Jahre alt.“ Wir wundern uns nicht einmal sehr darüber, denn an diesem Ort ist sowieso alles überraschend. Zwei Freunde aus Basel sind vor wenigen Tagen in Hanoi angekommen und haben von einem vietnamesischen Künstler den Tipp mitgebracht, ins Nhasan Art Studio zu gehen. Also haben wir uns auf die Suche nach diesem Ort gemacht und im Westen der Stadt ein altes, auf Stelzen gebautes Haus gefunden. Darin haben wir vergeblich nach einer Kunstausstellung Ausschau gehalten – und sind stattdessen in diesem Raum gelandet:

Ich dachte erst, wir seien in einer Art Pagode. Aber dafür war der Fernseher dann doch etwas zu prominent platziert.

Luong und Duc bitten uns unter den Augen unzähliger Statuen an einen niedrigen Teetisch. Luong spricht etwas Englisch und nach einer Weile stellt sich heraus, dass die beiden hier wohnen, dass das Haus aber zugleich das Nhasan Art Studio ist, in dem immer wieder Ausstellungen und Performances vietnamesischer und ausländischer Künstler stattfinden.
Auch Luongs Mann Duc ist Künstler, er lackiert und koloriert die Statuen; die Tochter des Paares scheint Malerin zu sein. Per Telefon lädt sie uns gleich zu einem Künstlergespräch und einer Performance ein – zu gerne wären wir hingegangen, aber leider ist der Abend schon verplant. Nachdem wir eine Weile Tee getrunken haben, zeigen uns Loung und Duc ein paar Stücke aus ihrer Sammlung.

Als wir wieder auf der Strasse stehen, bin ich beglückt, beeindruckt und etwas verwirrt – und werde das Gefühl nicht los, dass es an diesem Ort noch viel zu entdecken gäbe. |
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Freitag, den 1. 4. 2011
Es ist kein Aprilscherz: Ein frisch renoviertes Gebäude in Hanoi ist einfach so zusammengekracht – am Tag, bevor dort ein neues Restaurant der Kette „Pizza Hut“ eingeweiht werden sollte. Hier der Artikel dazu.
Ausserdem ist wenige Meter von meinem Wohnort entfernt ein Baum umgefallen. Besser gesagt, er wurde aus Versehen bei Bauarbeiten entwurzelt und ist einfach quer über die Strasse gekippt. Aufgehalten haben ihn die Stromleitungen und eine Mauer auf der anderen Strassenseite, auf der die Baumkrone gelandet ist. |
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Samstag, den 2. 4. 2011
Lenin schaut streng in die Ferne. Würde er mal kurz nach unten blicken, würde er sehen, wie junge Vietnamesen und Vietnamesinnen in bunten T-Shirts zu seinen Füssen Elektroboogie tanzen.

Tagsüber ist der Platz meistens leer, dann hat Lenin die ganze Aufmerksamkeit für sich.

Aber am Samstagabend geht’s hier ab, mit Fussball, Hiphop, Federball und Kindern, die in Plastikautos um die Mofas ihrer Eltern herumkurven. |
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Sonntag, den 3. 4. 2011
Hoas Grossmutter ist 72 Jahre alt. Ein winzige, zierliche und wunderschöne Frau, in deren Haus sich sonntags die Familie versammelt. Hoa nimmt mich mit zu diesem Sonntagsessen. Männer und Frauen sitzen an getrennten Tischen, wofür Hoa zwei Erklärungen gibt: Erstens ist der Tisch in der Küche zu klein für alle. Und zweitens trinken die Männer Bier und die Frauen nicht.
Zu uns Frauen setzt sich aber Hoas Onkel, der sehr gut Deutsch und Englisch spricht. Er erzählt mir vom Vietnamkrieg – als 17-jähriger kämpfte er als Nordvietnamese in Südvietnam gegen die Amerikaner. Drei Jahre lang, er hat Freunde verloren und Verletzungen davon getragen. Ich frage, ob er noch oft an diese Zeit denke, und er antwortet: „Zu oft“.
Seine Mutter denkt an etwas anderes, wenn sie das Wort „Krieg“ hört – an den Kampf gegen die Franzosen. Sie spricht nicht vom Verlust von Freunden, von Angst oder Tod, sondern davon, dass sie diese Jahre als Zeit des Aufbruchs in Erinnerung hat, als Zeit des Zusammenhalts und des Glaubens an einen Sieg und eine bessere Zukunft. Sie erzählt, wie die Kämpfer des Ho Chi Minh verehrt wurden, wie die jungen Frauen für die Kämpfer kochten und wie sie den Menschen auf dem Dorf lesen und schreiben beibrachten.
Auch als ich sie nach dem Krieg gegen die USA und nach der Nachkriegszeit frage (die Hoas Onkel als die schwerste, entbehrungsreichste Zeit seines Lebens beschrieben hat), spricht sie lieber von Patriotismus als von Angst oder Armut.
Ihr Gesicht verdüstert sich erst, als sie auf die Gegenwart zu sprechen kommt. Ja, es gehe den Leuten materiell besser als früher, und es sei sehr gut, dass die jungen Leute mehr Freiheiten hätten, vor allem die Frauen. Aber ihr gehen die Veränderungen im Land zu schnell, sie hat Angst, dass die Freiheiten zu gross werden und Traditionen verloren gehen. Sie findet es in Ordnung, dass Frauen sich heute kleiden, wie sie möchten und nicht jedes Mal das traditionelle Gewand, den Ao Dai tragen, wenn sie aus dem Haus gehen. Aber die kurzen Röcke heute...
Ich denke, ich hätte heute nicht den kurzen Rock anziehen sollen.
Dann fahre ich in eine andere Welt, ins Atelier des australischen Künstler George Burchett. An der Wand hängen seine „One Dollar Babes“, Drucke, die auf dem iPad entstanden sind. Ich kann nicht widerstehen und kaufe welche.
Mehr zu Georges Arbeit unter http://georgeburchett.com |
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Mittwoch, den 6. 4. 2011
Die Schildkröten-Geschichte ist um ein Kapitel länger und die Geschehnisse haben die Kolumne in der gestrigen BaZ überholt: Ich schreibe über die verletzte Schildkröte im Hoan-Kiem-See. Hier das PDF.
Inzwischen ist das legendäre Tier medizinisch behandelt worden, wie die Medien berichten (Link).
In der Viet Nam News arbeite ich unterdessen vorwiegend für die Ressorts Life&Style (was am ehesten mit einem Kulturteil zu tun hat) und Sunday. Mein Artikel über den Deza-Projektbesuch modert im Inland im Stehsatz. Ich hoffe, nicht mehr allzu lange... |
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Donnerstag, den 7. 4. 2011
Eine (von mir etwas gekürzte) Meldung der Nachrichtenagentur AFP vom 4. April:
„In einem der politisch umstrittensten Prozesse der vergangenen Jahre ist der vietnamesische Dissident Cu Huy Ha Vu zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Vus Verhalten schade der Gesellschaft, sagte Gerichtspräsident Nguyen Huu Chinh bei der Urteilsverkündung nach einem Prozess, der nur einen halben Tag gedauert hatte. Vu war "Propaganda gegen den Staat" vorgeworfen worden, nachdem er zwei Mal versucht hatte, den Ministerpräsidenten zu verklagen. Der 53-Jährige ist der Sohn des bekannten Dichters, Revolutionsführers und Wegbegleiters von Gründungspräsident Ho Chi Minh, Cu Huy Can. Die Gerichtsverhandlung fand unter starkem Sicherheitsaufgebot statt. (...) Mindestens drei Menschen wurden festgenommen. (...)
Vu war vergangenen November festgenommen worden, als die politischen Spannungen angesichts des bevorstehenden Parteitags der Kommunistischen Partei zunahmen. Die Anklage hatte ihm vorgeworfen, Propaganda anhand von Schriften, Interviews mit ausländischen Medien und über das Internet verbreitet zu haben. Zwischen 2009 und Oktober vergangenen Jahres soll er "die Regierung diffamiert", sich für ein Mehrparteiensystem eingesetzt und der Kommunistischen Partei vorgeworfen haben, nur den "illegalen Vorteilen einer kleinen Gruppe" zu nutzen. (...) Nach Angaben der Organisation Amnesty International vom vergangenen Monat wurden 2010 mehr als 20 (...) inhaftiert.
Copyright © 2011 AFP. |
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Samstag, den 9. 4. 2011
Kaum aus dem Haus, sehe ich auf dem Trottoir eine Frau, die hat ein Hühnchen rupfen. Erst mal macht sie ihm am Strassenrand den Garaus:

Dann geht alles sehr schnell...

Die Kundin wartet geduldig. Am Velolenker hängt das Hühnerblut im Plastiksäckchen

Knoblauch kauft sie auch noch gleich dazu

Dann kommt das Huhn ins Körbchen
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Sonntag, den 10. 4. 2011
Ein paar der kleinen Dinge, die ich in den letzten Tagen bemerkenswert fand:
- Ein sehr alter Mopedtaxifahrer lässt zum Bremsen die Füsse auf dem Boden schleifen.
- Der Verkäufer im Veloladen fragt Hoa auf Vietnamesisch, warum ich nicht fett sei, obwohl ich aus dem Westen komme.
- Hoa besteht darauf, mir ihr nigelnagelneues Velo zu überlassen („I can start to use it when you return to Switzerland“).
- Ich überstehe die Heimfahrt auf diesem Velo unbeschadet.
- An der Bushaltestelle erzählt mir eine Studentin, dass sie – wie viele andere – in Hanoi in einem „Dormitory“ lebt, weil alles andere zu teuer sei.
- Ich bin erneut am Sonntag bei einer Vietnamesin zum Essen eingeladen; ich kenne sie kaum, fühle mich aber so willkommen wie bei einer alten Bekannten.
- Es gibt hier Restaurants mit lauter vegetarischen Fleischgerichten.
- Eine Kollegin unterscheidet bei Kopien von Markenprodukten zwischen „fake one“, „fake two“ und „fake three“. „Fake one“ ist wie echt, „fake three“ hat mit dem Original nichts mehr zu tun - die vegetarischen Fleischgerichte sind definitiv „fake one“
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Montag, den 11. 4. 2011
Daniel Hueskes kommt mit acht Füssen im Koffer in Hanoi an – der Orthopädietechniker aus Basel ist für einen seiner halbjährlichen Besuche in Vietnam eingetroffen und bringt ein paar Prothesen mit. Zusammen mit dem Chirurgen Claude Müller behandelt er behinderte Kinder in Vietnam; die beiden leiten auch Workshops für hiesige Ärzte. Ich begleite sie bei ihrer Arbeit ins Vietcot, dem orthopädischen Ausbildungszentrum in Hanoi.
Der Warteraum ist voll, die Leute harren teilweise vier Stunden aus, bis sie drankommen. Im Untersuchungszimmer sehe ich Behinderungen und Fehlbildungen, von denen ich bisher nicht wusste, dass es sie gibt – verkrümmte Beine, die sich nicht strecken lassen, schiefe Hälse, fehlende Glieder bei Kindern.

Hueskes und Müller gehen davon aus, dass einige der Behinderungen noch Folgen des Vietnamkriegs sind. In den Jahren von 1961 bis 1971 sprühten die USA Millionen Liter von Herbiziden auf den Süden Vietnams. Über die Hälfte davon war ein Stoff namens Agent Orange, das Dioxin enthält. Dioxin gilt als die giftigste bisher bekannte Substanz überhaupt. Es ist schon in geringen Dosen tödlich, und kann zu verschiedenen Krankheiten führen sowie Föten schädigen.
Wie viele Kinder heute noch wegen Agent Orange behindert zur Welt kommen, ist schwer zu sagen, verlässliche Zahlen gibt es nicht. Experten bei der Vereinigung der Agent Orange Opfer in Vietnam sind sich aber sicher, dass auch die dritte Nachkriegsgeneration betroffen ist. Es gibt im Süden Vietnams mehrere sogenannte „Hot Spots“, wo noch immer stark erhöhte Mengen von Dioxin im Boden und im Wasser zu finden sind – zum Teil in dem Wasser, in dem Menschen Fische fangen und sich waschen.
Obwohl die Schicksale der Menschen im Vietcot zum Teil tragisch sind, ist die Stimmung gut. Ein kleines Mädchen, dem ein Unterarm fehlt, freut sich so auf die versprochene Armprothese, dass sie sie am liebsten gleich mitnehmen würde.

Morgen und übermorgen werde ich mit Herrn Müller und Herrn Hueskes unterwegs sein, sie werden in den kommenden Tagen verschiedene Spitäler besuchen. |
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Mittwoch, den 13. 4. 2011
„Hab ich noch nie gesehen“, sagt Claude Müller. Er hält die Beine eines Kleinkinds zwischen den Händen, sie lassen sich merkwürdig leicht nach oben und zur Seite biegen. „Der hat keine Kniescheiben. Operativ kann ich da nichts machen.“ Dann kommt der nächste dran, ein Mann mit verkrüppeltem Fuss – als Baby ist er in eine Feuerstelle gefallen. „Das geht“, sagt Daniel Hueskes, „da können wir den Vorderfuss amputieren und dann eine Prothese anpassen.“ Dann humpelt der nächste herein, mit einem Knie, so dick wie ein Fussball...
So geht es den ganzen Morgen im Rehabilitationszentrum in der Provinzhauptstadt Thai Nguyen. „Fast jeder von denen würde in der Schweiz als Spezialfall von Arzt zu Arzt gereicht, der Fall überall diskutiert“, sagt Müller später beim Mittagessen. „Hier sind solche Behinderungen leider nichts Besonderes.“
Während ich arbeite, den Patienten Fragen stelle, Dinge notiere und Fotos mache, macht es mir nichts aus, die Fehlbildungen zu sehen. Zurück in Hanoi schaue ich mir die Fotos an und bringe ein paar der Bilder nachher nicht mehr aus dem Kopf.
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Freitag, den 15. 4. 2011
Mit ein paar Kolleginnen bin ich unterwegs in die Mittagspause. Sie haben ein Restaurant in der Nähe vorgeschlagen, aber im Lift wird der Plan geändert. „Do you want real streetfood?“ „Sure“, sage ich. „Dann gibt es heute Schnecken“. Alle Augen richten sich auf mich, es ist plötzlich sehr still. „Sure“, wiederhole ich, „äh - gern“.
Und sie sind gut, die Schnecken in der Suppe, nur die grössten lasse ich übrig – aber das machen die Vietnamesinnen genauso!

Wir essen in der Nähe der Redaktion direkt vor einer Pagode:

Und wenige Stunden später gibt’s schon wieder was zu knabbern, auf der Redaktion werden neue Mitarbeiterinnen willkommen geheissen. Alle essen das fettige Hühnchen mit den Finger vom Zeitungspapier, und es ist alles wunderbar unkompliziert.
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Montag, den 18. 4. 2011
Meine letzte Woche in Hanoi hat begonnen – und ein paar Dinge sind abgeschlossen. Der Artikel über das Deza Projekt ist erschienen, und aus der Reise mit Claude Müller und Daniel Hueskes konnte ich eine weitere Coverstory für die Sonntagsausgabe machen. |
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Donnerstag, den 21. 4. 2011
Mein letzter Tag auf der Redaktion. Ich verabschiede mich von den Kolleginnen und Kollegen, schreibe einigen meine E-Mail-Adresse auf und nehme Visitenkarten entgegen – eigentlich ist es unverzeihlich, dass ich selbst keine habe, der Austausch von „Namecards“ ist in Vietnam äusserst wichtig. Aber mein bescheidener Kärtchenvorrat aus dem Rucksack war schon in den ersten Wochen aufgebraucht.
Einige der Journalistinnen und Journalisten der Viet Nam News werde ich morgen noch einmal sehen, die zwei Hoas haben ein Abschiedsessen vorgeschlagen. Eines von vielen, das Verabschieden zieht sich hin und bestimmt die ganze Woche. Auf der Redaktion gab es schon am Dienstag Teigtaschen zu Abschied, ich esse mit den UN-Leuten aus dem Vietnamesischkurs, mit den Basler Freunden, mit Margrit. Wenn ich so weitermache, bin ich bald so rund wie eine Frühlingsrolle... |
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Freitag, den 22. 4. 2011
Ich habe wieder mal eine halbe Stunde auf den Bus gewartet. Und es hat sich - wieder einmal – gelohnt. Schon oft haben sich an der Bushaltestelle kurze Gespräche ergeben. Heute spricht mich eine junge Frau mit Pferdeschwanz an. Erst stellt sie die üblichen Fragen – woher kommst du, wie alt bist du, bist du verheiratet, wie heisst du (in dieser Reihenfolge) – dann erzählt sie: Sie heisst Hong, das bedeutet Rose (oder rosa?) und steht für Liebe. Hong hat heute erfahren, dass sie schwanger ist, seit zwei Monaten und sechs Tagen. Sie hat Angst, nicht wegen der Schwangerschaft, sondern weil die Leute schlecht über sie reden können. Sie ist vierundzwanzig und nicht verheiratet. Ihr Freund ist ihr Nachbar. Jetzt werden sie heiraten und Hong hofft, dass ihr Bauch bis dahin noch nicht zu sehen ist. Sie wünscht sich einen Jungen, weil ihr Freund ein Einzelkind ist und sie seiner Familie einen Jungen schenken möchte, sagt sie. Aber sie würde auch ein Mädchen lieben.
Dann kommt der Bus.
Zurück in meinem Wohnquartier treffe ich auf zwei Däninnen, die sich im Gewirr der Gässchen verirrt haben. Sie suchen die Strasse, wo man Seide kaufen kann – die ist ziemlich weit weg. Ich rufe den beiden ein Taxi und erfahre dabei, dass es sich um Mutter und Tochter handelt, und dass die Tochter in Hanoi ist, um ihre Adoptivtochter abzuholen. Sie wird sie am Montag zum ersten Mal sehen, zehn Tage mit ihr hier verbringen und sie dann mit nach Dänemark nehmen.
Dann kommt das Taxi. |
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Samstag, den 23. 4. 2011
Auf den Tag genau drei Monate, nachdem ich die Schweiz verlassen habe, sitze ich wieder auf gepackten Koffern. Es war eine wunderbare Zeit. Ich komme wieder. Hen gap lai.

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MAZ - aktuell
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