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Aus Quito berichtet Andrea Freiermuth

 

Andrea Freiermuth hat an der Universität Zürich Publizistikwissenschaft und Medienforschung studiert und 2006 das Diplomstudium Journalismus am MAZ in Luzern abgeschlossen. In dieser Zeit hat sie daneben als Redaktorin beim Schulblatt Aargau/Solothurn gearbeitet und ein Stage bei der Aargauer Zeitung absolviert.

Biografie (PDF)

Preludium - 19.3.2006

Seit knapp sechs Wochen bin ich in Quito und versuche mein Spanisch auf Schreibniveau zu hieven. Morgen beginne ich mein Stage bei der Tageszeitung „El Comercio“ und zweifle ziemlich an meinen Sprachkenntnissen. Zumal ich dieses Wochenende den Härtetest in Sachen Verstehen absolviert habe. Während dreier Tage fand im Swissôtel die Konferenz der Gesellschaft der Interamerikanischen Presse (SIP) statt.

Tagung der Gesellschaft der Interamerikanischen Presse
Die Dialekte der Delegierten aus der ganzen spanischsprechenden Welt von Spanien bis Chile bereiteten mir Mühe. Eines aber habe ich klar verstanden: Mit der Pressefreiheit in den Amerikas steht es gar nicht zum Besten. In Ecuador sind im Februar zwei Journalisten ermordet worden. Mexiko brachte es innerhalb eines Jahres sogar auf 11. In Kuba sitzen 25 Verfechter der freien Presse im Gefängnis. Und in Venezuela wurden die Fernsehprogramme seit Jahresbeginn insgesamt 33-mal für im Schnitt eine Stunde und 40 Minuten Staatspropaganda unterbrochen. Praktisch aus jedem Land wurden Repressionen berichtet – inklusive den USA. Die Gegner der Pressefreiheit sind mächtige Drogenbarone, autoritäre Staatsmänner und pralle Geldbeutel.  


Chávez und die Pressefreiheit

Der Bericht aus Venezuela war besonders interessant. Der Referent liess Videos einspielen, die Hugo Chávez als selbstgefälligen Regenten zeigten. In einem Clip hielt eine Primarschülerin Lobreden über die Revolution und ihren Führer – mit einem Vokabular, das das Kind offensichtlich auswendig gelernt hatte. Nach der Präsentation ergriff ein Mann das Wort, der sich als Journalist aus Caracas vorstellte. Er sprach zu Gunsten Chávez und meinte, dass der Präsident die Mehrheit des Volkes vertrete, jedoch von den Besitzern der Medien sabotiert werde. Die SIP bezeichnete er als exklusiven Klub reicher Leute.

Mein zukünftiger Arbeitgeber „El Comercio“ feiert sein 100-jähriges Bestehen und geniesst in der SIP einen guten Ruf als unabhängiges Medium. Viele Quiteños – vor allem mit dunklerer Hautfarbe – meinen jedoch, dass die Zeitung kritischer sein könnte. Hier gilt zu beachten, dass alle drei Staatsgewalten von der weissen Minderheit dominiert werden – und auch „El Comercio“ einer weissen Familie gehört. 

Doch auch die ecuadorianische Gesellschaft verändert sich. Während ich bei meinem letzten Aufenthalt vor 13 Jahren fast keine farbigen Gesichter am Steuer sah, gibt es heute viele Mestizen und Indios, die sich ein Auto leisten können. Sie haben einen Hochschulabschluss und, oder eine gute Geschäftsidee. Und sie wollen mitreden.

 
Rogi sei Dank - 20.3.2006  

„Lassen Sie bitte die Identitätskarte hier“, meint der Portier freundlich, durchsucht meine Tasche und nimmt mir auch gleich die Kamera ab. Durch den Park erreiche ich das Hauptgebäude, wo mich Catia von den  „Recursos Humanos“ in Empfang nimmt und mich in den verschiedenen Abteilungen vorstellt. Während wir durch die Gänge und Büros schlendern, hält sie mindesten zehnmal die Backe zum Gruss hin. Anschliessend lande ich im Büro von Pedro, der auf der Redaktion für die Buchhaltung und Organisatorisches zuständig ist. Wir warten auf Chefredaktor Hernán Ramos, der noch nicht im Büro ist. Pedro meint, gestern sei eben die Party der SIP gewesen und da sei es sicher spät geworden. Wir plaudern lange und Pedro outet sich als Fan von Roger Federer: „Es muy simpático“. Insgeheim danke ich Rogi und denke mir, dass er für seine Freudentränen wirklich den Ehrenbotschafter verdient hat. Als Hernán schliesslich kommt, wird entschieden, dass ich je drei Wochen im Ressort „Quito“ und „País“ arbeiten werden.

Pedro übergibt mich an Markus, der mich mit in den Mittag nehmen soll. Dieser hält mir promt seine Backe hin, und ich nehme das Küsschen an. Nach Huhn, Reis und Ananas spazieren wir mit Tischnachbarn Mayra und Theo im Park. Dort sind Arbeiter damit beschäftigt, das Festzelt abzubauen. Eine Million Dollar soll das Fest gekostet haben, meinen meine neuen Kollegen. Eingeladen war keiner von ihnen.

Dicke Luft

Am Nachmittag warte ich auf Ressort-Chefin Gabriela und vertreibe mir die Zeit mit Grenzwerten für die Luftverschmutzung. Seit meiner Ankunft in Quito ärgere ich mich über die russenden Busse und den Benzingestank in der Stadt – und frage mich, warum niemand etwas dagegen tut. Die Stadtverwaltung veröffentlicht die Luftqualität auf einer Internet-Seite. Seit mehreren Wochen scheint die Luft ganz in Ordnung zu sein. Ein Blick auf die Zahlen weckt jedoch Argwohn. 34 bis 65 Mikrogramm Feinstaub pro Quadratmeter gelten in Quito als „gut“; in der Schweiz wird bei 40 Mikrogramm der Grenzwert überschritten. Ähnliches gilt für Ozon, Stickstoff und Kohlenmonoxid.

Schliesslich kommt Gabriela und stellt mir Paulina vor, mit der ich morgen an ein Indianerfest nördlich von Quito fahren soll. Es ist bereits Abend und Mayra lädt mich gemeinsam mit Markus und Theo zu einem Glas chilenischem Wein ein. Theo entpuppt sich als Umweltredaktor und meint, die Grenzwerte in Quito seien so hoch, weil der Bürgermeister wiedergewählt werden möchte. Und leider würde auch niemand reagieren, wenn man die Zahlen mit den EU-Normen vergleich würde – und ich dachte schon, ich hätte eine gute Geschichte gefunden. 

Beim zweiten Glas kommen wir auf die Tagung der SIP zu sprechen. Im Blatt wurde die Veranstaltung ausführlich besprochen. Der Journalist aus Caracas, der die SIP als ein Klub von Reichen bezichtigt hatte, wurde jedoch nicht erwähnt. Dabei hatte dieser Vorfall Newswert nach Lehrbuch. Meine Kollegen meinen, dass dies intern auch kritisiert worden sei. Der Autor habe jedoch den Platzmangel vorgeschoben und die Redaktionsleitung sei ebenfalls dagegen gewesen. Das Argument: Die Veröffentlichung komme einem Kamikaze gleich.

 


Mehr Chávez
- 21.3.2006

Um 9. 30 Uhr habe ich mich mit Paulina an der Ecke Rio Coca und Isla Isabella verabredet. Um 10.15 Uhr warte ich noch immer. Ich hätte es wissen müssen: die „hora ecuadoriana“. In Ecuador erscheint man aus Prinzip eine Stunde später zum Termin. Um 10.30 Uhr sind wird dann tatsächlich auf dem Weg nach Tulipe, zwei Stunden nordwestlich von Quito.

Es hat ungewöhnlich viel Polizei auf der Strasse. Wahrscheinlich wegen des Streiks der indianischen Bevölkerung in den Provinzen. Einige Delegationen sollen heute in Quito eintreffen, wo sie ihren Unmut über den Vertrag des freien Handels mit den USA (TLC) Ausdruck verleihen wollen. Gleichzeitung fordern sie die Kündigung des Vertrages mit der nordamerikanischen Ölförderfirma Oxy. Über die Indianerbewegung kommen wir erneut auf Hugo Chávez zu sprechen. Fotograf Pablo sieht in ihm einen Populisten, der die Massen irreführt; während Paulina meint, dass er viel für Bildung und Gesundheit tue. Die Eingriffe in die Pressefreiheit rechtfertigt sie mit dem Argument, dass in Venezuela jede grössere Firma einen Privatsender betreibe und diese Medien alles andere als unabhängig seien. Fahrer Kleber schweigt, bis Paulina ihn nach seiner Meinung fragt. Dies hätte sie besser unterlassen. Kleber unterstreicht seine Worte mit starken Gesten und lässt des Öfteren das Steuer los – auch in den Kurven. Er ist kein Freund von Chávez. 


Reinigung mit Spucke und Schnaps

Trotzdem erreichen wir Tulipe sicher und erst noch rechtzeitig, denn auch hier wird die „hora ecuadoriana“ eingehalten. Wir wohnen einem Ritual bei, das dem Beginn des Frühlings gewidmet ist. Ein Schamane beschwört die Energien der Erde und das weibliche Element, auf dass die Saat wachsen und die Ernte reich ausfallen möge. Gemeinsam mit einer ausgewählten Schar steht er in einer viereckigen Grube, auf deren Grund Früchte zu einem Kreis angeordnet sind. Die rund 400 Zuschauer haben am Rande Platz genommen. Zur inneren Reinigung nehmen wir mit der linken Hand ein Stück Zimt entgegen – die rechte gibt -  und lassen uns anschliessend mit parfumiertem Zuckerrohrschnaps bespucken und mit Weihrauch benebeln. Während das Blasorchester spielt, unterhält sich Pauline mit dem Bürgermeister, einigen Bewohnern und Besuchern sowie mit dem Archäologen, der die Kultstätte freigelegt hat. Ich bin froh, dass ich diesmal noch nichts schreibe, weil die Trompeten fürchterlich laut sind.

 

 

Bienvenido bei Mayra


La zona roja - 22.3.2006

Mein erster Auftrag ist ein Interview mit der Besitzerin eines Bordells im Zentrum von Quito. Ich lerne das Quartier, das von der UNESCO aus kulturelles Erbe deklariert wurde, von einer neuen Seite kennen. Nur wenige Schritte von prunkvoll restaurierten Kolonialbauten beginnt das Rotlichtmilieu. Die Bewohner haben sich bei der Stadtverwaltung beklagt und diese hat das Stundenhotel meiner Interviewpartnerin geschlossen. Der Betrieb wurde aber bereits nach drei Tagen wieder aufgenommen. Ich begleite Diana, die den Haupttext schreibt zur Quartiersversammlung. Allerdings machen wir erst einen Abstecher zum Präsidentenpalast, wo protestierende Indígenas erwartet werden. Dort hat es aber neben einigen Touristen bloss viele gelangweilte Polizisten im Kampfanzug und zwei Panzerwagen.

An der Versammlung beklagen sich die Anwohner über Diebe und Drogenhändler vor ihrer Haustür und machen mitunter die Prostitution dafür verantwortlich. Auch der Polizeikommandant ist anwesend und meint, dass ihm die Hände gebunden seien. Da er erstens über zuwenig Personal verfüge und zweitens der „Indendente“ – sein Chef – jeweils über die Wiedereröffnung der Bordelle entscheide. Dieser, stellt sich heraus, kassiert auch die Bussen – gemäss der Bordellbesitzerin mehrere hundert Dollar. Bis zum Schluss ist nicht klar, wer nun eigentlich die Verantwortung trägt, wer im Recht ist und welche Konsequenzen zu ziehen sind.

Ermahnungen - 23. 3.2006

Nach der Arbeit fahre ich mit einigen Kollegen auf den Panecillo, den Hausberg von Quito. Wir brauchen ziemlich lange, um dort anzukommen, weil das Zentrum wegen der Demonstrationen gesperrt ist. Die Gruppe wird durch eine kolumbianische Journalistin bereichert. Sie ist in Quito, um über die Aufstände zu berichten. Den ganzen Abend unterhält sie uns mit Thrillern aus ihrem Berufsleben: Bombenanschläge, Fluchten aus Kokafeldern und Drohungen. Von letzterem können auch die ecuadorianischen Kollegen erzählen. Vielfach handelt es sich dabei um „Ermahnungen“ von wichtigen Persönlichkeiten.

Der Vertrag mit dem Teufel - 25. 3. 2006

Gestern wurde in einigen Provinzen der Ausnahmezustand ausgerufen. Seit 12 Tagen blockiert die indianische Bevölkerung die Strassen in der Sierra. Sie fordert eine Volksabstimmung über den Tratado de Libre Comercio mit den USA (TLC). Einige Delegationen haben inzwischen Quito erreicht und Studenten haben sich der Bewegung angeschlossen.

Als Kleinbauern würden die Indígenas zu den Verlieren gehören. Die US-Agrikultur ist stark subventioniert und bedroht gewisse Sektoren des einheimischen Marktes. Bereits heute gibt es in Quito Äpfel aus Kalifornien zu kaufen. Produkte wie Bananen, Rosen oder Krevetten, die in Ecuador im grossen Stil produziert werden, sind hingegen vom Absatz auf dem US-Markt abhängig. Diese Plantagen sind im Besitz der führenden Elite. In der Vergangenheit hat dieselbe bereits Verträge mit ausländischen Firmen abgeschlossen, die nicht zum Vorteil des Landes waren, sondern Geld für die eigenen Taschen brachten. Daher betrachten weite Teile der Bevölkerung die Regierung als unfähig, bei den Verhandlungen die Interessen des Landes zu vertreten. Zudem sind die USA auf dem südamerikanischen Kontinent ein ungeliebter, aber leider meist unerlässlicher Partner.

Was die DEZA mit Chávez gemeinsam hat

In den Medien diffamiert der Sprecher der Regierung die Indígenas als dumm – insbesondere deren Führer Luis Macas. Je dunkler, desto dümmer, ein Vorurteil, das in der Bevölkerung – je heller, desto stärker – seit jeher besteht. Eine Volksabstimmung komme nicht in Frage, da die Mehrheit der Ecuadorianer nicht über solch ein komplexes Geschäft wie der TLC befinden könne. Tatsache ist: Die Regierung hat es bisher verpasst, umfassend über den Vertrag zu informieren. Was beim niederen Bildungsstand der Mehrheit der Bevölkerung zweifellos eine Herausforderung darstellt.

Es kursieren Gerüchte, dass die Indígenas von ausländischen NGOs unterstützt werden. Indirekt dürfte das auch auf das DEZA-Büro in Quito zutreffen. Im Leitbild des Landesprogramm heisst es: „Die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit befähigt ärmere Bevölkerungsgruppen vorab in ländlichen Gebieten der Zentral- und Südanden, die sozioökonomischen Chancen besser zu nutzen, ihre Interessen in demokratischen Prozessen zu vertreten und ihre Rechte einzufordern.“ Auch Hugo Chávez als militanter US-Kritiker wird verdächtigt, die indigene Bewegung zu unterstützen.

Fin de semana - 26. 3. 2006

Das Highlight des Wochenendes ist das Ausgehen mit den Comercio-Leuten am Freitagabend. Erst schlagen wir uns in einem spanischen Restaurant die Bäuche voll - es gibt Wein und Tapas a discretion. Anschliessend erhalte ich Salsa-Unterricht in einer kubanischen Bar, in der eine Live-Band die Stimmung tüchtig anheizt. Allen voran die Sängerin, ein zerknittertes Grosi. Einziger Stimmungsdämpfer sind der zehnjährige Junge und die Indígena mit Kleinkind auf dem Rücken, die mit Rosen und Kaugummi vor dem Lokal stehen. Auch um zwei Uhr nachts warten die beiden noch auf potenzielle Kunden.

 

 

Armut und Kaviar - 28. März 2006

In den vergangenen Tagen hat es stark geregnet. Viele Häuser wurden überschwemmt. Wir besuchen Familien, die besonders stark betroffen sind. Die Hütte von Tránsito Constante ist vollständig zerstört. Sie schläft gemeinsam mit ihren Töchtern und Enkeln unter einem Bauplastik auf dem Gehsteig. Solidarische Nachbarn unterstützen die Familie mit Esswaren und alten Kleidern. Die Verwaltung hat ihr eine Wohnung angeboten. Tránsito will jedoch nicht weg, weil sie Angst hat, dass man sie enteignet. Obwohl die Quiteña keine Papiere für das Grundstück besitzt, hat sie nach ecuadorianischem Gesetz Anspruch darauf, da sie bereits mehr als 15 Jahre auf der Parzelle wohnt. Die Administratorin des Bezirks meint, dass sie nichts machen könne, solange das Gericht nicht über die Besitzverhältnisse entschieden habe. Das kann in Ecuador aber Jahre dauern. Gewinnen wird voraussichtlich, wer mehr Geld und damit Zeit hat.

Am Abend begleite ich Theo in die kolumbianische Botschaft, wo die neue Tourismuskampagne vorgestellt wird. Unter Kronleuchtern posiert Miss Quito mit verschiedenen Botschaftern für die Kamera. Geboten wird russischer Kaviar; Truffes, die von Sprüngli sein könnten und wenig Information.

Quito is so beautiful - 30. März 2006

Gemeinsam mit Paty sitzte ich im Municipio, um über eine Debatte um den Parque Carolina zu berichten. Im Park hat sich seit Jahren eine private Firma  installiert. Dies wird kritisiert, da es sich um öffentlichen Raum handelt, der allen gehören sollte. Allerdings weiss niemand genau, wann welches Thema an der Reihe ist. Also warten wir. Das Warten ist für mich spannend, da unter anderem der Verwalter der Corpaire anwesend ist – die Firma, die für die Verbesserung der Luftqualität in Quito sorgen soll (siehe Thema Grenzwerte weiter oben). Einige Ratsmitglieder kritisieren die Rechnungsführung und fordern mehr Transparenz. Der Bürgermeister Paco Moncayo setzt sich für den Verwalter ein und meint alle Informationen seien auf dem Internet erhältlich. Die Diskussion wird laut und auch im Publikum regt sich Unmut. An dieser Stelle unterbricht der Bürgermeister die Diskussion und bittet die Primarschüler in den hinteren Reihen nach vorne. Sie sind anwesend, weil sie Moncayo für ein Projekt in ihrem Quartier danken möchten. Sie singen: „We are loving Quito, because Quito is so beautiful.“ Nach dem Abgang der Primarschüler verspricht der Bürgermeister, sich weiterhin für die kommenden Generationen einzusetzen und alles für die Verbesserung der Luftqualität zu tun - und leitet zum nächsten Punkt über.

 

 
Ausnahmezustand - 7. April 2008

Gestern haben die Manifestationen ihr erstes Todesopfer gefordert: Jhonny Montesdeoca, 18 Jahre alt und Student in einem Colegio in Cuenca. Die Nachricht war dem Comercio einen Zweispalter auf der siebten Seite wert. Zwei weitere Studenten wurden mit Schussverletzungen ins Spital eingewiesen. Noch ist unklar, ob die Polizei oder die Wachen einer Bank auf die Jugendlichen geschossen haben.

Der Ausnahmezustand in den Provinzen wird seit drei Wochen aufrecht erhalten. Auf den Zufahrtsstrassen nach Quito kontrolliert das Militär die Busse. Wer einen Poncho trägt, muss aussteigen. Damit will die Regierung verhindern, dass die Indigenas in der Hauptstadt demonstrieren. Während Demonstrationen gegen den TLC verboten sind, organisiert die Handelskammer von Guayaquil ein Gratiskonzert im Stadion, um die Bevölkerung für den kontroversen Vertrag zu gewinnen - gestützt von TV-Spots verschiedener Organisationen.

 

 

Ressort Ecuador: 20. April

Ich habe mich super gefreut, das Ressort zu wechseln, nachdem ich Quito bereits sechs Wochen als Spanischstudentin und drei Wochen als Journalistin kenne. Inzwischen hat sich die Freude etwas gelegt, da ich nicht so oft aus dem Büro komme, wie erhofft. Das Problem ist, dass man mich nicht alleine reisen lassen will und daher immer Fotograf und Chauffeur organisiert werden müssen. Zudem gibt es eigentlich keinen Grund, jemanden aus Quito loszuschicken, da die Provinzen personell gut besetzt sind. So wie ich das einschätzen kann, ist der Ressortleiter etwas im Clinch: Einerseits möchte er mir möglichst spannende Erfahrungen bieten, andererseits darf es nicht zu viel kosten ? und das tut es eben, wenn man mehrere Tage zu dritt unterwegs ist. Nachdem ich vor 13 Jahren alleine und weit naiver durch Ecuador gereist bin, fühle ich mich eigentlich fähig mit dem Bus zu reisen. Doch das muss ich wohl auf später verschieben.

 

 

Der Geist aus der Flasche: 27. April

Meinen letzten Eintrag habe ich mit schlechter Laune geschrieben. In der letzten Woche habe ich doch noch einiges erlebt. Vor allem die Reportage in Puyo, dem Tor zum Oriente, hat mich begeistert. Bei subtropischer Hitze habe ich Vertreter verschiedener Indianerstämme besucht, um eine Artikel über ihre Kleider, ihren Schmuck und ihre Rituale zu schreiben. Besonders eindrücklich war die Begegnung mit einem Schamanen, der von einem Zaubertrank erzählt hat, der zu kosmischen Gefühlen und klaren Gedanken verhelfen soll. Es handelt sich dabei offensichtlich um ein Halluzinogen. Speziell war, dass der Schamane teilweise dieselben Worte benutzte wie LSD-Entdecker Albert Hoffmann, mit dem ich mich im Januar anlässlich seines 100. Geburtstages beschäftigt habe.

Der Schatz im Regenwald

Im Amazonasbecken wachsen zahlreiche Pflanzen, deren Substanzen auf Körper und Geist wirken, jedoch noch unerforscht sind. Ein Verhandlungspunkt des Tratado de Libre Comercio ist die Patentierung dieser Substanzen durch Pharmamultis. Akzeptiert die Regierung dies, verliert Ecuador biologischen Reichtum in noch unschätzbarem Wert. Das Problem ist allerdings, dass Ecuador derzeit weder über die Infrastruktur noch das Wissen verfügt, die Pflanzen selbst zu erforschen. Zudem besteht die Gefahr, dass die Heilpflanzen in Vergessenheit geraten, da die indigene Bevölkerung im Urwald um die Erhaltung ihres Lebensraumes kämpfen muss und immer mehr von ihrer Tradition verliert.  Ihr Gegner ist ein mächtiger: internationale Ölfirmen. Sie verschmutzten das Trinkwasser und bauen Strassen, auf denen Holzfäller und die Zivilisation bis tief in den Urwald vordringen. Letzte Woche haben die Waorani, ein Stamm, der im Parque Nacional Yasuní (UNESCO-Biosphäre-Reservat!) lebt, zur Selbsthilfe gegriffen. Sie haben zwei Holzfäller auf ihrem Territorium mit dem Blasrohr angegriffen und schwer verletzt.

 

 

Schöne Aussichten: 29. April

An meinem letzten Arbeitstag stelle ich einen längeren Artikel für die Wochenendbeilage «Siete Días» fertig. Darin darf ich mich als Touristin outen und kann einige Eindrücke der letzten drei Monate verarbeiten. Es bleiben mir noch vier Wochen, in denen ich einige Artikel für die Aargauer Zeitung schreibe. Arbeitstitel: «Sonnenaufgang auf 5800 Metern» (Gipfel des Cotopaxis), «Wellenreiten will gelernt sein» (Selbsterfahrung im Surferparadies Montanita) und «Skandal im Urwald» (Ölförderfirmen und ihre Verbrechen).

 

 

Nachtrag: 30. Mai 2006

Während ich versuchte, die Brecher in Montanita zu bezwingen, hat mein letzter Artikel in Quito Wellen geschlagen. Zurück im Hochland hat mich eine Einladung ins Radio und Fernsehen erwartet ­ bei Ecuavisa International, ein Sender, der auch in Europa und USA empfangen werden kann. Ich habe noch nie vor der Kamera gesprochen und dass ich das nun in einer Fremdsprache tun muss, erleichtert die Sache nicht gerade.

Toxic-Tour

Nach diesem «Spanisch-Abschlusstest» geht’s in den Oriente, wo ich auf Toxic-Tour unterwegs bin.

 
Die Umweltschäden, die durch die Ölförderung entstanden sind, sind erschütternd. Durch saftiges Urwaldgrün marschierend führt mich ein Aktivist der «Frente de defensa de la Amazonia» zu 20 auf 30 Meter grossen «Piscinas» (Schwimmbecken). Sie sind randvoll mit Rohöl gefüllt und weder mit Plastik noch mit Beton ausgekleidet.
Texaco-Advokat Perez behauptet zwar, dass der Boden im Oriente wasserdicht sei, die nahen Bäche und Tümpel beweisen jedoch das Gegenteil ­ ganz zu schweigen von den Statements der Anwohner.


Ein Berg und andere Herausforderungen

Nach der Gifttour gibt’s nochmals was Erfreuliches: mein lang ersehnter Ausflug in die Berge ­ sozusagen der krönende Abschluss meines Ecuadoraufenthaltes. Nach drei Tagen Akklimatisation auf 4000 Meter nehme ich in der Nacht vom 22. Mai 2006 den Aufstieg auf den Cotopaxi in Angriff ­ mit 5897 Metern der welthöchste aktive Vulkan. Bei Sonnenaufgang kämpfe ich an der Westflanke mit mir. Als ich fast am Aufgeben bin, wirft der Berg seinen kegelförmigen Schatten auf die Andenhochebene.

 

 
Weit wie noch nie vom Erdmittelpunkt entfernt, fühle ich mich geerdet wie nie zuvor. Nach einer weiteren Stunde habe ich auch die letzten 100 Höhenmeter bezwungen, blicke in den schwarzen Schlund und atme Schwefelschwaden.

 

Zurück in der Schweiz stehe ich vor einer weit grösseren Herausforderung: Ich muss einen neuen Job finden. Egal, Ecuador ist eine Erfahrung, die meinen Lebenslauf nachhaltig beeinflussen wird.

Andrea Freiermuth

 

Artikel Comercio (PDF)

Artikel Ecuador_Amazoonico (PDF)


ENDE
 
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