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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Monika Flückiger berichtet aus Dhaka
Von Februar bis Mitte April 2011 arbeitet Monika Flückiger für die Zeitung Daily Star in Dhaka, Bangladesch. Nach der Ausbildung zur Fotografin Ende der 80er Jahre in Bern
fotografierte Monika Flückiger während mehreren Jahren für die Tageszeitung Der Bund. Danach wechselte sie zur News-Agentur Reuters. Später war sie drei Jahre bei Keystone als Fotografin tätig. Seit 2007 arbeitet Monika Flückiger selbständig für mehrere Tageszeitungen, regelmässig für die Schweizer Illustrierte im Ausland und für einige Bundesämter.
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Mittwoch, 2.2.2011
Der Zug von Bern nach Genf-Flughafen fährt im Morgengrauen mit hoher Geschwindigkeit durch die gepflegte, kalte und ruhige Schweizerlandschaft. Ich schaue aus dem Fenster, schliesse die Augen und versuche mir vorzustellen, wo ich in 24 Stunden bin.
Was erwartet mich in Bangladesh?
Donnerstag, 3.2.2011
24 Stunden später.
Meine Gastgeberin Tasneem Athari holte mich auf dem Flughafen ab, wir lernen uns auf der halbstündigen Fahrt bis ins Banani-Quartier einwenig kennen, kaufen unterwegs ein paar Früchte und Glühbirnen ein.
Nun sitze ich auf dem Balkon meiner Gastgeberin und schaue in meine neue Umgebung.
Ringsherum wird gehupt und Baulärm steigt bis in den vierten Stock. Gleich nebenan entsteht ein Hochhaus. Ich sehe die Arbeiter in schwindelerregender Höhe bauen. Fasziniert vom luftigen Seiltanz, hole ich meinen Fotoapparat aus dem Zimmer und so entsteht mein erstes Foto aus Dhaka. Noch aus sicherer Distanz.

Freitag, 4.2.2011
Tasneem ist übers Wochenende verreist. Ich bleibe alleine mit Bua (dem Hausmädchen und Köchin) Tulena zu Haus. Sie spricht kein Englisch, ich verstehe kein Wort Bengali.
Aber irgendwie können wir uns verständigen und finden es beide lustig.
Um 11 Uhr holt mich ein Freund von Tasneem ab. Shantonu will mir Old Dacca zeigen.
Er fragt mich, wie ich fahren möchte. Egal, sage ich, und er meint, er wäre mit dem Motorrad hier.
Ich akzeptiere.
Und so erlebe ich meine erste abenteuerliche Fahrt, natürlich ohne Helm, durch den dichten Verkehr von Dhaka.
An Gefahren werden hier irgendwie nicht gedacht.
Nachdem ich lange all die fremden Gesichter fasziniert beobachtete, die an mir vorbei zogen und genauso viele neugierige Blicke auf mir spürte, wage ich endlich meine Kamera hervor zu nehmen und vom Rücksitz des Motorrads aus beginne ich zu fotografieren.


Wir machen einen kurzen Stopp am Dock, wo soeben ein Schiff anlegt.



Beim Besuch im Liberation War Museum bekomme ich einen Einblick auf die noch junge Geschichte von Bangladesch. Im März feiert der Staat seine 40-jährige Unabhängigkeit.
Hier kommt es für mich plötzlich zum Rollentausch:
Eine Schulklasse hat mich entdeckt, die Jugendlichen testen ihre Englischkenntnisse und wollen dann alle ein Foto zusammen mit mir. Ich posiere und lächle in 25 verschiedene Handy-Kameras.
Wieder zu Hause nimmt mich Tulena zum Sonnenuntergang mit auf unsere Dachterrasse. Wir treffen eine Freundin, ich denke sie ist die Bua unserer Nachbarn. Zusammen wird geschwatzt und in die Ferne geblickt.
Sie posieren gerne für mich, lachen und sagen was von Filmstar werden oder so.


Samstag, 5.2.2011
Um 16 Uhr habe ich beim Daily Star abgemacht. Ich bin schon den ganze Tag unruhig. Ich fühle mich noch sehr unsicher in der Stadt. Ich werde heute das erste Mal alleine unterwegs sein.
Gleich nach dem Mittagessen um 14.30 Uhr verlasse ich das Haus um rechtzeitig mit dem CNG, dem dreirädrigen Taxi-Töff, auf der Redaktion zu sein. Alles geht so reibungslos, dass ich viel zu früh ankomme. Die Fotografen sind noch alle unterwegs. Jamal Uddin, der Administrationschef, führt mich durchs ganze Haus und stellt mich allen wichtigen Leuten vor. Am Schluss kann ich mich an keinen einzigen Namen erinnern.
Nach und nach treffen die Fotografen ein. Wahrscheinlich sprechen nicht alle Englisch. Auf jeden Fall führe ich nur mit einigen ein Gespräch. Mit dem Chef-Fotograf Enam gehe ich mehrmals in der Kantine Tee trinken, er fragt mich viel. Vor allem interessiert er sich für mein Privatleben. Der ganze Nachmittag plätschert so dahin. Für den nächsten Tag wird beschlossen, dass ich mit Jamil auf eine Buchmesse gehe. Ich bin gespannt, was dort fotografiert werden muss. Erst nach 21 Uhr nehme ich das CNG und fahre durch den stickigen Verkehr nach Hause.
Sonntag, 6.2.2011
Ich schlafe immer noch schlecht. Die Matratze ist hart und das Gehupe auf der Strasse nimmt nie ein Ende.
Am Morgen will ich Tulena zum Einkaufen begleiten. Wir verstehen uns immer besser, durch Handzeichen und einigen wenigen Worten Englisch und Bengali. Wir überqueren die Hauptstrasse, dann das Bahngleis, dahinter beginnt ein Militärdistrikt. Männer in Uniformen machen irgendwelche Übungen. Wir werde angehalten. Der Uniformierte spricht mit Tulena Bengali. Dann mit mir Englisch. Anscheinend dürfen keine Fremden hier durchlaufen. Wir sollten einen grossen Bogen darum machen. So entscheiden wir, dass Tulena alleine weitergeht und ich mache mich auf die Suche nach einem Bancomat.
Als wir wieder beide zu Hause sind, verständigen wir uns ein andermal mit der Rikscha hinzufahren.
Am Nachmittag mache ich mich auf den Weg zur Arbeit. Ich habe mit Jamil an einer Kreuzung abgemacht. Da ich es nicht schaffe ein freies CNG zu finden, entscheide ich zu Fuss hinzugehen. Es soll nicht weit sein. Aber durch den dichten Verkehr und die vielen Menschen sind selbst die 30 Minuten Fussmarsch eine kleine Qual.
Die Buchmesse ist eine Art Volksfest für den Mittelstand und die Oberschicht. Viele Stände unter freiem Himmel mit Bücher in Bengali. Wir fotografieren etwa eine Stunde.


Jamil nimmt mich mit dem Motorrad zurück auf die Redaktion. Das geht schneller als auf dem Hinweg. Das Chaos auf den Strassen ist aber um diese Zeit noch grösser geworden.
Für Montag hat die Oppositionspartei einen Generalstreik ausgerufen. Der Chef-Fotograf entscheidet, dass ich nicht kommen soll. Einerseits würden keine CNG in die Innenstadt fahren und anderseits wäre ich noch nicht lange genug in der Dhaka um die Gepflogenheiten der Leute genügend zu kennen.
Montag, 7.2.2011
Ich erwache am Morgen durch Vogelgezwitscher. Ich wusste gar nicht, dass es Singvögel in meinem Quartier gibt. Wegen dem Generalstreik fahren heute keine Buse und kein CNG‘s und viele Leute gehen nicht zur Arbeit. Es ist für einmal richtig ruhig.
Ich geniesse die Stille.
Am Nachmittag entscheide ich mein Quartier zu Fuss zu erkunden. Ich mache einen Spaziergang ohne Ziel und schlendere durch die Gegend. Ich komme zu einem Fluss. Am Ufer gibt‘s Hütten auf Stelzen, Slums, Kinder waschen ihre Kleider im schmutzigen Wasser.
Da ich für die DEZA noch Bilder von Armut und Wasser machen sollte, denke ich dies wäre ein gutes Sujet. Ich bin aber unsicher, wie die Menschen auf meine Kamera reagieren werden. Vorsichtig fange ich an zu fotografieren. Sobald mich die Kinder entdecken, kommen alle und möchten von mir fotografiert werden.




Am Abend telefoniere ich mit den Fotografen und fixiere einen Termin mit Jamil für den nächsten Tag.
Dienstag, 8.2.2011
Ich treffe Jamil in der Lobby vom Sohargoan Hotel. Er fotografierte hier eine Pressekonferenz. Zusammen geht‘s mit dem Motorrad weiter zu einer Feier der hinduistischen Göttin Swaraswati.



Da Jamil in der Nähe wohnt, nimmt er mich zum Mittagessen mit zu sich nach Hause. Seine Frau und sein Hund empfangen uns. Jamil und seine Familie wohnen seit fast 20 Jahren in einer dunklen Parterrewohnung im Zentrum. Bis jetzt empfand ich mein Zimmer im Banani-Quartier nicht als ausserordentlich luxuriös. Jetzt begreife ich, dass dem aber so ist. In Bangladesch lebt auch eine Mittelstandsfamilie viel, viel schlichter.
Tasneem Athar bei der ich wohne, ist die Vizedirektorin von Campe, einer NGO Organisation, mit welcher das DEZA zusammenarbeitet. Tasneem ist alleinstehend und teilt ihre Wohnung mit ihrem Hund Putsch. Sie hat einen erwachsenen Sohn, der aber nicht mehr zu Hause lebt.
Unsere Wohnung hat zwei Schlafzimmer, ein grosses Ess-und Wohnzimmer, eine Küche, zwei Balkone. Ein Gästezimmer mit Bad, in dem ich lebe. Daneben gibt‘s ein ganz kleiner Raum und eine schlichte Toilette, hier haust bescheiden das Hausmädchen.



Mittwoch, 9.2.2011
Heute ist für mich ein Organisationstag. Am Morgen gehe ich auf die Schweizer Botschaft und das Koordinationsbüro der DEZA. Ich spreche mit Botschafter Urs Herren und treffe Joseph Guntern, den Programmbeauftragten von DEZA.
In den nächsten zwei Wochen muss ich einige Bilder für das DEZA Magazin „Eine Welt“ realisieren. Redaktionsschluss ist bereits Anfang März. Da bleibt mir nicht mehr all zuviel Zeit. Ich habe ja erst wenig von Dhaka und noch gar nichts vom Land gesehen. Deshalb bin ich auf die Hilfe von DEZA sehr angewiesen.
Sie geben mir einige Tipps und versprechen mir bei der Realisierung behilflich zu sein.
Vielleicht gibt es nächste Woche die Möglichkeit in den Norden von Bangladesch zu reisen.
Auch den Nachmittag verbringe ich nur im Büro. Zusammen mit den Fotografen von Daily Star. Langsam lerne ich sie besser kennen: Enam, Jamil, Palash, Amran und Anis. |
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Donnerstag, 10.2.2011
Jamil hat seinen freien Tag. Die Fotografen arbeiten sechs Tage die Woche.
So bin ich mit Palash unterwegs. Er ist der Jüngste im Team. Gerade erst seit einer Woche fotografiert er für The Daily Star.
Treffpunkt ist die Dhaka Börse. Ich brauche über eine Stunde um mit dem CNG bis ins Business-Quartier Motijheel zu gelangen. Als ich endlich ans Ziel komme, bin ich schon ziemlich geschafft.

In den letzten Tagen war der Börsenkurs im Tiefflug. Deshalb kam es jeden Tag zu Ausschreitungen. Ich hatte die Fotos von den Fotografen gesehen.
Doch heute ist‘s ruhig. Nach einer Viertelstunde gehen wir wieder.
Wir durchqueren mit dem Motorrad die ganze Stadt. Einmal bitte ich Palash anzuhalten damit ich die Bahnlinie unter uns fotografieren kann. Ich bin immer auf der Suche nach Sujets für’s DEZA Magazin “Eine Welt”.

Es geht zum National Cricket Stadion. Palash holt hier seine Akkreditierung ab.
In Bangladesch, Indien und Indonesien beginnt in einer Woche The Cricket World Cup 2011. Ganz Dhaka spricht nur noch davon.
Palash kriegt einen Anruf vom Daily Star. Er soll sofort zur Universität kommen. Wir müssen uns beeilen. Er gibt Gas, hupt. Wir drücken uns an Fussgängern, Bussen, CNG, Rikschas und einigen Limousinen vorbei. Er kennt Abkürzungen, fährt durch Einbahnstrassen. Gerade noch rechtzeitig treffen wir vor der Uni ein.
Hier muss er ein kleines Mädchen fotografieren. Sie arbeitete im Haus eines Professor‘s und wurde von dessen Frau misshandelt.
Die Medienleute umringen das kleine Mädchen. Sie wollen ihre Brandwunden sehen und stellen ihr Fragen.

Am Abend entscheidet der News-Editor die Geschichte nicht zu bringen.
Freitag, 11.2.2011
Ich muss mit meiner Arbeit für‘s DEZA vorwärts machen. Deshalb habe ich mich beim Daily Star abgemeldet.
Um 10 Uhr holt mich ein Guide ab. Zusammen gehen wir Richtung Old Dacca. Es ist jedoch Freitag und die meisten Geschäfte sind geschlossen. Im Hafen ist trotzdem was los. Waren kommen an, es wimmelt von Menschen, die auspacken, anpacken, rumstehen, schreien, fast alles Männer. Einer kriegt eine neue Frisur und eine frische Rasur unter freiem Himmel verpasst.








Familien lassen sich ans andere Ufer rudern. Im Passagierhafen warten Leute auf ihr Schiff, sie haben ihren ganzen Haushalt dabei.
Seit gestern fühle ich mich nicht so fit, ich niese ständig und die Nase läuft. Ich habe mich im unterkühlten Daily Star Büro erkältet. Am Nachmittag gehe ich nach Hause und sofort ins Bett. Ich schlafe lange, als ich erwache ist es schon dunkel.
Samstag, 12.2.2011
Ich rufe Jamil an, sage ihm, dass ich mich noch nicht wohl fühle.
Trotzdem will ich gegen Abend im Büro vorbeischauen.
Inzwischen habe ich erfahren, dass die dreitägige Reise vom DEZA, “The Donor Field Visit” in den Norden stattfindet und ich mitfahren kann. Abfahrt ist Sonntag um 7 Uhr. Ich packe meine Sachen.
Sonntag, 13.2.2011
Früh stehe ich auf und mache mich zu Fuss auf den Weg zum Treffpunkt, zur Schweizer Botschaft. Unterwegs überholen mich drei westliche Jogger. Die Szene ist schräg. Die drei Figuren rennen im Trainingsanzug durch die morgendliche, staubige Strasse. Wer schon wach ist, glaubt zu träumen.
Pünktlich fahren wir mit zwei Autos ab.
Meine Reisebegleiter sind Stefan Gamper vom DEZA und Goetz Ebbecke von “Swiss Contact”. Im anderen Auto sitzen zwei Holländerinnen, auch sie NGOs und in den selben Projekten engagiert wie die Schweizer.
Fünf Stunden Fahrt liegen vor uns bis zum Hotel in Bogra, eine weitere Stunde bis ans Ziel: Ein Bauer in einem Dorf bei Gaibandha.
Es ist viel Zeit um mich über unseren Feldbesuch zu informieren und mir die täglichen Problemen in der Entwicklungshilfe anzuhören. Korruption ist in Bangladesh Alltag.
Wir fahren aus der Stadt, lange geht‘s an den vielen Clothing Factorys vorbei. Grosse Klötze in denen Kleider für den Westen genäht werden. Als wir die Industriezone hinter uns lassen, fangen die Reisfelder an. Bauern, die auf den Felder arbeiten, dazwischen immer wieder Brick Factorys. Hier werden Ziegelsteine für den Bau gebrannt.
Die Strassen sind gut asphaltiert, zweispurig und werden von den unterschiedlichsten Fahrzeugen benützt. Es herrschen auch ausserhalb der Stadt keine Verkehrsregeln. Nur das Motto der Stärkste kommt zuerst. Es ist Horror zu zusehen, wie die Buse überholen und die entgegenkommenden Fahrzeuge zum abbremsen zwingen.
Ich frage mich, wie viele Todesopfer es in Bangladesh im Strassenverkehr gibt, aber wahrscheinlich wird darüber keine Statistik geführt. Endlich treffen wir beim Farmer ein. Wir werden erwartet. Stühle stehen im Schatten für die Besucher bereit. Das halbe Dorf kommt vorbei um uns zu sehen.
Man diskutiert eine halbe Stunde zusammen.



Danach fahren wir auf die Felder



Montag, 14.2.2011
Die Fahrer holen uns um 7.30 ab. Wir halten auf einem Marktplatz damit ich Bilder machen kann. Es ist wenig los, wir sind zu früh.



Wir müssen aber weiter, bis nach Balashighat, zum Jamuna River brauchen wir noch über eine Stunde. Der Fluss ist breit. Ich fotografiere die Arbeiter, beim Sand abladen.




Man fährt uns mit einem Boot rüber zu der Char. Das ist eine bewohnte Sandbankinsel.


Auf der Char wohnen 85 Familien. Sie leben vom Maisanbau und haben ein paar Milchkühe. Die Dorfgemeinschaft weiss nie, wie lange eine Char ihr Zuhause ist.
Alle paar Jahre werden die Chars während dem Monsun weggespült und die Gemeinschaft muss weiterziehen.
Die Insel ist öde. Nach einem viertelstündigen Fussmarsch durch die Sandlandschaft tauchen die Maisfelder auf, dann ein kleines Dorf mit Strohhütten.





Wir essen unser Picknick auf der Rückweg im Wagen. Wir genieren uns irgendwo unter freiem Himmel zu essen. Wir wissen, dass sofort viele Menschen um uns rumstehen würden.
Unser Fahrer kennt einen kleinen Teestand in einem Dorf. Hier gibt‘s einen ausserordentlich guten Milchtee. Mit frischer Milch, normalerweise gibt‘s nur Milchpulver. Es macht Spass, den jungen Mann beim Tee kochen zu beobachten. Er erinnert an einen italienischen Barista, der seinen Cappuccino zelebriert.
Nach der Teepause besuchen wir ein “Grameenphone Community Information Center”.

Es ist Eng im kleinen Laden. Zwei Studentinnen sitzen am Computer. Hier gibt’s eine Helpline für Farmer. Man kann sich im Internet informieren. Und hinter einem Vorhang entdecke ich ein kleines Passfotostudio. Sie zeigen mir, wie sie arbeiten. Und wir fotografieren uns gegenseitig.


Unser Tagesprogramm ist beendet.
Es bleibt noch eine Stunde bis zum Sonnenuntergang.
Alle wollen eine Brick-Factory besichtigen. Wir stoppen bei der Nächsten.
Und werden herzlich empfangen.



Dienstag, 15.2.2011
Stefan organisiert für mich, dass ich auf dem Rückweg nach Dhaka Handwerkerinnen zum Thema Microcredit fotografieren kann. Ich fahre mit Asad von “Katalyst”(partners in business and innovation). Die andern gehen Richtung indische Grenze. In Sirajganj treffen wir Krishibid Hamidur Rahman, Team Leader von “NDP”(National Development Programme). Das Programm wird vom DEZA unterstützt. Krishibid fährt uns voraus. Auf seinem kleinen Motorrad bringt er uns in drei von der Hauptstrasse abgelegene Dörfer. Die erste Familie flechtet Pastmatten. Im nächsten Dorf sind mehrere Familienmitglieder beschäftigt Hanfseile herzustellen. Und im letzten Dorf werden Saris gewoben. Einige Frauen stricken und häkeln Puppen und Tiere.




Gleich nebenan ist die Dorfschule. Ich werfe einen Blick hinein. Die Lehrerin heisst mich willkommen. Die Kinder begrüssen mich in Englisch. 25 Kinder sitzen im dunklen Raum auf dem Boden. Sie lernen Bengali und Englisch, schreiben und lesen.



Wir haben 3 Fahrstunden zurück in die Stadt vor uns.
Zu Hause treffe ich niemand an. Normalerweise ist Tulena da, weshalb ich auch keinen Schlüssel habe. Ich rufe Tasneem an. Sie erzählt mir, dass die Schwester von Tulena gestorben ist und sie deshalb nach Hause in ihr Dorf gefahren ist. Sie wird frühestens am Freitag wieder in Dhaka sein. Der Wohnungsschlüssel ist beim Security-Wächter hinterlegt.
Tulena kommt vom Distrikt Sylhet.
Um in ihr Dorf zu fahren, braucht sie mit dem Bus zwei Tage.
Tulena ist verheiratet und Mutter von 5 Kinder. Ihr Mann ist Bauer und verdiente als Rikscha-Fahrer noch was dazu. Vor 2 Jahren hatte er einen Unfall. Jetzt kann er nur noch leichte Arbeit ausführen. Zudem brauchte er viel Geld für seine Medikamente.
Um die Familie durchzubringen, kamen Tulena und ihre zwei älteren Töchter (10-und 14-jährig) nach Dhaka. Die beiden Mädchen arbeiten in Familien und hüten deren Kinder. Tulena ist seit eineinhalb Jahren bei Tasneem. Zweimal im Jahr fährt sie ins Dorf. Ab und zu besucht ihr Mann sie in Dhaka. Tulena kann nicht lesen und schreiben. Auch ihre beiden Töchter werden es nicht lernen.
Mittwoch, 16.2.2011
Ich schlafe aus. Stefan ruft mich an. Er hat auf seinem Arbeitsweg in Gulshan, Strassenbauarbeiter beim asphaltieren gesehen. Das ist eines der Sujet, über welches wir unterwegs im Wagen gesprochen haben. Ich möchte das gerne fotografieren.
Aber ich will heute auch die tausend Bilder von meiner Reise durchsehen und bearbeiten. Ausserdem habe ich am Nachmittag im Daily Star Büro abgemacht. Für alles reicht die Zeit nicht.
Um vier mache ich mich auf den Weg ins Büro. Der CNG-Fahrer will 200 Taka für die Fahrt bis Farmgate. Mit dem Taxometer kostet die Strecke zwischen 50 und 60 Taka. Ich zahle meistens 100 Taka (zirka 1,50 Franken). 200 Taka zu verlangen, finde ich frech. Da fahre ich nicht mit.
Ein Rikscha-Fahrer hat unser Gespräch mitgekriegt. Er bietet mir an mich mit der Rikscha zu fahren. Ich sage ihm es wäre zu weit weg. Ich will bis Farmgate. Die Rikschas fahren normalerweise nur kurze Strecken. Er meint, er schaffe dies in einer halben Stunde. Im Stau brauche ich auch mit dem CNG fast solange. Er will natürlich auch 150 Taka. Aber das ist ja egal. Ich bin gespannt, welchen Weg er mit der Rikscha fährt und ich willige ein. So habe ich eine Abwechslung. Ich merke, dass ich mein Fahrrad vermisse, am liebsten würde ich selber Rad fahren.
Beim Daily Star folgt die grosse Überraschung. Die Sicherheitsleute informieren mich, dass heute keiner im Büro ist. Man hat vergessen mir mitzuteilen, dass morgen keine Zeitung erscheint.
Morgen Abend ist die Eröffnungsfeier der Cricket-Weltmeisterschaft und die Regierung hat einen Feiertag befohlen.
Donnerstag, 17.2.2011
Ich will nicht nochmals vor verschlossenen Türen stehen. Ich telefoniere mit Jamil. Die akkreditierten Fotografen sind im National Stadion mit der Cricket-Feier beschäftigt. Er selbst hat bis Samstag frei.
Und Samstag fliege ich für 4 Tage nach Mumbai.
Ich habe dort einen Job für die Schweizer Illustrierte. Ich werde Claude Hauser, Migros-Verwaltungsratspräsident, portraitieren. Im Süden von Indien, in Tirupur, lässt die Migros Kleider produzieren und unterstützt ein Schulprojekt. Dieses werden wir besuchen.
Ich bearbeite meine Fotos der letzten Tage.
Dazwischen wasche ich meine dreckigen Kleider von Hand. Es gibt im Haus zwar eine Waschmaschine, aber leider ohne die richtigen Anschlüsse.
Freitag, 18.2. 2011
Ich arbeite an meinen Bildern weiter. Brenne die Fotos auf eine externe Harddisk. Lade alle Akkus auf. Packe meinen Koffer für Mumbai. Lese die Zeitung. Schreibe mein Dailybook. Räume mein Zimmer auf und putze mein Bad.
Am Nachmittag kommt Tulena heim. Ich sehe, dass es ihr schlecht geht. Ich kann ihr nicht einmal mein Beileid ausdrücken. |
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Donnerstag, 24.2.2011
Ich bin zurück aus Mumbai.
Noch im Flugzeug schicke ich dem Fahrer Jamal, welcher mich vor vier Tagen auf den Flughafen brachte eine SMS. Ich hatte ihm versprochen, ihn wieder zu engagieren.
Er ruft mich an. Anscheinend konnte er meine SMS nicht lesen. Er spricht nur ein paar Brocken Englisch und ich dachte nicht daran, dass er eventuell unsere Schrift nicht lesen kann. Wir versuchen uns zu verständigen. Nach vier Anrufen und dank der Hilfe eines andern Taxifahrers, der ihm in Bengali erklärt, wo ich stehe, finden wir uns.
Jamal freut sich, dass ich wieder mit ihm fahre. Unterwegs ins Banani Quartier bleibt sein Auto zweimal stehen. Er muss Kühlwasser nachfüllen. Um seinen Kanister mit Wasser aufzufüllen, überquert er die gefährliche, sechsspurige Autobahn.
Nachdem er mich in die Road 6 gebracht hat und dank meiner Bezahlung, kann er jetzt sein Auto in die Werkstatt bringen. Auch ein Rückspiegel ist abgebrochen.
Ich fühle mich zu Hause.
Es war interessant die Luft einer anderen Millionen Metropole zu schnuppern und jetzt einen Vergleich zu haben.
In Mumbai gibt’s moderne Quartiere mit Wolkenkratzer, Designerläden, Geschäfte mit internationalen Marken, trendigen Restaurants, Kinos, teure Hotels, ein vielseitiges Nachtleben. Dank meinem Auftraggeber und der Migros wohnten wir in South Mumbai, im Taj Mahal Palace, einem wunderschönen Bau in Kollonialstil. Hier steigen die Reichen und Schönen dieser Welt ab. Im November 2008 wurde das Taj Mahal Palace von Terroristen gestürmt und während einige Tage besetzt. Dabei wurde einige Geiseln ermordet und ein Teil des Gebäudes zerstört.
Jetzt steht das Hotel wieder in vollem Glanz da. Und die Sicherheitskontrollen wurden verschärft.
Gleich vor den schicken Läden und neben dem Luxushotel schlafen Menschen auf der Strasse. Auf dem Weg zum Flughafen sehe ich auch in Mumbai grosse Armut und viele Slums.
Im Morgengrauen joggen Grossstädter an der Meerpromenade entlang.
Inderinnen tragen Saris,Tunikas ,Burkas oder Jeans.
Überall tummeln sich Touristen. Und westliche Geschäftsleute lassen sich in Taxis und Limousinen durch die Stadt chauffieren.
Im Vergleich zu Mumbai wirkt Dhaka trotz seiner Grösse viel ländlicher und brutaler. Die verstaubten Strassen sind überbevölkert. Privatsphäre ist ein Fremdwort. Überall wird hingespuckt und in jeder zweiten Ecke ist ein Mann am urinieren.
Hier herrscht das Gesetz der Stärke: Reich vor Arm. Auto vor Rischka.
Keiner nimmt auf den Andern Rücksicht. Man geht nicht zimperlich miteinander um.
Touristen sind eine Seltenheit, Frauen in Jeans ebenfalls.
Als Fremde fällt man auf und wird angestarrt. Sie sind neugieriger und stellen alle die gleiche Frage:
Your country? Oh, Swisserländ, nice country!
Freitag, 25.2.2011
Um 11 Uhr holt mich Jamil ab. Wir gehen in den “Press Club” und trinken Tee. Das Gebäude wirkt verstaubt, hat aber seinen Charme.

Die Kantine liegt im schattigen Innenhof und es ist schön hier unter freiem Himmel zu sitzen. Wer Press Club Mitglied ist, muss seit mindestens fünf Jahre journalistisch tätig sein.
Der Freitag wird mein Lieblingswochentag.
Er ist der offizielle Ruhetag.
In den Strassen ist weniger Betrieb und man erstickt nicht im Verkehr und kommt schnell vorwärts.
Ich würde gerne ein Freitagsgebet auf offener Strasse fotografieren, weiss aber nicht, ob ich da als Frau und Ungläubige hin darf? Jamil meint, das wäre kein Problem.
Um 13 Uhr gehen wir zur Moschee um die Ecke.



Im Anschluss ans Gebet kommen zwei Studenten zu uns. Sie zeigen uns eine Fotoausstellung in der Nähe. Die Zwei haben auch Bilder ausgestellt und sind sehr stolz. Es gibt interessante Fotos von Bangladesh zu sehen.
Die Bilder sind in Bengali angeschrieben. Ich kann nicht einmal die Namen der Fotografen lesen. So muss es sich anfühlen, wenn man Analphabet ist.
In der Abenddämmerung sehen ich aus dem Fenster der “Daily Star-Kantine” unter uns drei Männer auf einer Dachterrasse sitzen.
Das Bild gefällt mir und ich will es festhalten. Jamil rät mir vorsichtig zu sein, damit sie mich nicht sehen. Die Drei trinken Alkohol, was in Bangladesh verboten sei. Sie hätten wenig Freude fotografiert zu werden.

Samstag, 26.2.2011
Ich lasse mich mit dem CNG zum “Press Club” chauffieren. Hier gibt’s für mich ein zweites Frühstück.
Danach fahren wir durch den dichten Verkehr zu einer Nationalen Konferenz für Säureopfer. Etwa 80 Prozent der Opfer sind Frauen und Mädchen. Sie wurden Opfer von heimtückischen Attentaten mit ätzender Säure. Meist sind es gekränkte Verehrer, die im Schutz der Nacht kommen, mit einem Becher Säure bewaffnet, den sie den Mädchen und Frauen ins Gesicht schütten. Sie nehmen die Säure aus alten Autobatterien oder kaufen sie, denn in Bangladesh kann man überall für wenig Geld diese Säure bekommen. Die Säure frisst sich durch die Haut und legt die Knochen frei, häufig verlieren die Frauen mindestens eins oder sogar beide Augen. Pro Jahr soll es nach Angaben von Unicef mehr als 400 dieser brutalen Überfälle geben.

www.unicef.de/.../bangladesch/bangladesch-saeure/bangladesh-feature2/
Die Konferenz ist in Bengali. Viele Opfer sind anwesend. Es ist schrecklich zu sehen, was man ihnen angetan hat.




Jamil kriegt einen Anruf. Letzte Nacht wurde ein weiteres Opfer von einem Säureattentat ins Regionalspital eingeliefert. Die 42-Jährige hatte Glück im Unglück. Ihr Gesicht wurde verschont. Aber ihr Körper ist schwer verätzt. Der Täter ist ihr Ehemann.

Ich bin zum ersten Mal in einem Bengali-Spital. Es ist schlecht beleuchtet, und wirkt nicht steril. Auch in den Gängen liegen Patienten und viele Leute stehen rum.



Sonntag, 27.2. 2011
Ich fahre mit Jamil durch Gulshan. Er hat den Auftrag Autos im Parkverbot zu fotografieren. Er steigt immer wieder auf eine Rischka, um die Szene in der Vogelperspektive festzuhalten.

Ich bin überrascht, dass es in Dhaka überhaupt Parkverbote gibt. Anscheinend gibt es auch eine Helmpflicht für Motorradfahrer. Somit habe ich die Erklärung, warum immer nur der Fahrer einen Helm trägt, nie die Mitfahrer. Oft sitzen zwei oder drei Leute hinten auf einem Motorrad. Manchmal Frauen mit Kindern oder Säuglingen. Alle ohne Helm, auch ich trage keinen.
Mit dem Motorrad fahren wir kreuz und quer durch die Stadt. Ich lasse Jamil immer wieder stoppen um zu fotografieren. In jeder Ecke entdecke ich ein Bildsujet. Jamil ist erstaunt, für ihn sind das normale Alltagszenen.




Montag, 28.2.2011
Ich gehe schon um 8 Uhr in den “Press Club”. Für die Fahrt brauche ich dreiviertel Stunden. Zusammen mit Jamil und zwei anderen Members frühstücke ich. Danach überqueren wir die “Buriganga-Bridge” um auf die andere Uferseite des “Burigana Rivers” zugelangen. Jamil muss Fotos zur Wasserverschmutzung machen.
Ich bin fasziniert von der “River-Laundry”. Männer waschen hier Berge schmutziger Kleider, direkt im Fluss und lassen sie in der Sonne trocknen.





In Dhaka gibt es viele Baustellen. Überall entstehen neue Häuser. Es wird gebaut und gebaut.

Die Stadt gehört zu einer der schnellst wachsenden Megastädte der Welt. Bei der letzten Volkszählung im Jahre 2001 hatte sie rund 6 Millionen Einwohner. Heute wird ihre Zahl auf 12 Millionen geschätzt. Davon lebt fast die Hälfte in Elendsviertel.
Am Nachmittag gehe ich nach Hause. Ich nehme eine Dusche und mache mich auf den Weg zu Stefan (DEZA) und seiner Familie. Ich bin zu einem Risottoessen eingeladen. Ich mache den Fehler und nehme eine Rischka. Obwohl ich nur nach Gulshan 2 muss, stecke ich über einer Stunde im Feierabendverkehr fest. Der Rischkafahrer muss mehrmals nach dem richtigen Weg fragen. Es ist schon Nacht, als ich ankomme. Hinterher lese ich, dass davon abgeraten wird alleine bei Dunkelheit mit der Rischka unterwegs zu sein. Es kommt in Banani und Gulshan regelmässig zu Raubüberfällen. |
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Dienstag 1.3. 2011
Ich erwache, fühle mich aber noch immer müde. Jamil sagt mir am Telefon, dass er noch nicht wisse, wie sein Tag aussieht. Ich bin froh mich abmelden zu können.
So habe ich Zeit meine Fotos der letzten Tage zu sortieren und auf eine externe Harddisk zuladen. Jetzt ist auf meinem Laptop Platz geschafft für neue Bilder!
Ich mache mir Gedanken über meine Projekte der nächsten Wochen.
Zwei Geschichten stehen fest:
Für “Eine Welt” soll ich die Shelters in Khulna fotografieren. Shelters sind Schutzbauten, welche die Bevölkerung vor zukünftigen Zyklonen schützen soll, Geplant und finanziert wurden die Bauten von der DEZA. In zwei Wochen wird der erste Shelter, südwestlich von Dhaka eingeweiht. Der Schweizer Botschafter fliegt in einem Wasserflugzeug hin und es gibt für mich einen reservierten Platz.
Die Schweizer Illustrierte hat ihr Interesse für eine Geschichte von einem Schweizer Bauer, der in der Nähe von Chittagong lebt, angekündigt. Der Bauer leitet dort ein privates Milchkuhprojekt. Die Idee ist Bengali Kühe und Schweizer Stiere zu kreuzen, damit die Kühe mehr Milch geben. Anscheinend sind die ersten Kälber geboren. Mitte März werde ich die Farm zusammen mit dem Berner Michael Elsaesser, dem Projektinitianten, besuchen. Er ist seit zwanzig Jahren regelmässig beruflich in Bangladesh engagiert.
Mittwoch, 2.3.2011
In der Nacht kriege ich von Jamil eine SMS. Er muss morgen früh zum Flughafen. Man erwartet die Rückkehr der ersten bengalischen Arbeiter aus Libyen. Libyen rekrutierte über 50’000 Bengali als Arbeitskräfte. Da in Libyen der Bürgerkrieg ausgebrochen ist, versuchen die Männer in ihre Heimat zurückzukehren. Sie sitzen seit Tagen in Tripolis oder in einem Lager an der tunesischen Grenze fest.
Es ist nicht klar, wann das Flugzeug landen wird.
Aber schon warten einige Verwandte am Flughafen in der Hoffnung, dass ihr Sohn, Bruder oder Ehemann unter den ersten dreihundertfünfzig Heimkehrern ist.
Viele Medienschaffende stehen herum. Unter den rund hundert Journalisten, Fotografen und Fernsehleuten, sehe ich eine einzige Frau, die restlichen sind Männer. Sie stürzen sich alle auf die gleichen wenigen Sujets: Mütter mit Tränen in den Augen.

Irgend einmal wird klar, dass der Flieger nicht vor 14 Uhr landet.
Jamil und ich machen uns zu Fuss auf den Weg zum nahen Bahnhof. In einer Bretterbude essen wir wunderbares Gemüsedal und Naan. Dazu trinken wir Tee.
Im Bahnhof fahren Züge ein. Für mich eine Augenweide. Einige Menschen sitzen auf dem Zugdach oder auf den Puffern zwischen den Wagen.
Dies in Bangladesh normal.


Ich habe aber Bilder gesehen, wo die Bahnhöfe und die Züge vor lauter Menschen fast zusammenkrachen. Dieser ausserordentlich grosse Andrang ist aber nur an gewissen Feiertagen. Während meinem Bangladesh Aufenthalt wird das nicht der Fall sein.
Zum Trost schenkt mir Jamil eines seiner Fotos.

Um 13 Uhr sind wir zurück und warten zwei weitere Stunden vor dem Flughafengebäude.
Dann wird’s hektisch. Die müde aussehenden Arbeiter kommen aus dem Gebäude und werden umzingelt von den Journalisten. Jeder will ein gutes Interview oder eindrückliche Bilder haben. Es bleibt wenig Distanz zwischen den Heimkehrern und den Medienschaffenden. Der Rummel dauert lange. Einige finden Familienangehörige und ziehen ab. Die Andern können sich nirgends zurückziehen. Sie warten in einem Bus. Der bleibt aber vor dem Flughafen stehen und bietet keinen Schutz.



Donnerstag, 3.3.2011
Ich kriege vom “Eine Welt” Redaktor eine E-Mail. Er möchte von mir Fotos von BRAC.
BRAC ist eines der grössten NGO Unternehmen der Welt. BRAC hat in Dhaka ein zwanzigstöckiges Officegebäude, eigene Banken, eine eigene Universität und den die Ladenkette Aarong.
Der Wolkenkratzer von BRAC ist nicht weit weg vom Bananiquartier.
Ich gehe zu Fuss hin. Mir fehlt in Dhaka die Bewegung.
Ich laufe eine Strasse entlang, die zum Gulshan Lake führt.
Erneut fällt mir der fliessende Übergang zwischen Arm und Reich auf.
Im Banani Viertel sind die Häuser durch Mauern geschützt und Wachmänner stehen vor den Eingangstüren. Die Häuser enden und eine Dammstrasse führt über den See, diese ist links und rechts dicht gesäumt mit Wellblechhütten. Der Boden ist sandig. Die Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten auf dem schmalen Streifen zwischen ihren Hütten und der befahrenen Strasse. Ich laufe praktisch durch ihr Wohnzimmer.
Heute habe ich keine Lust meine Fotokamera aus der Tasche zunehmen.
Die Armut zu sehen macht traurig.
Freitag, 4.3.2011
Endlich ist wieder Freitag! Ich kann die Stadt ohne Stau geniessen. Zum Mittagessen habe ich im “Press Club” abgemacht. Es ist ruhig und als Ausländerin bin ich willkommen. So einfach haben es Bengali Presseleute nicht. Sind sie keine Members, dürfen sie hier nicht rein. Die Members erklären mir, dass es schwierig war Member zu werden. Was man jedoch tun muss um es zu werden, bleibt mir weiterhin ein Geheimnis.
Von den sechs Daily Star Fotografen sind Enan, Jamil und Amran stolze Members.
Auf dem Weg ins Daily Star Office stoppt Jamil auf den Hühnermarkt.
Er will zwei Poulets kaufen. Das heisst, er sucht sich zwei Hühner aus und feilscht mit dem Verkäufer um den Preis.
Als sich die Beiden einig sind, schneidet der Hühnerhändler den Hühner den Kopf ab, schmeisst sie in einen blauen, blutigen Plastiktonne, schliesst den Deckel und wartet bis die toten Hühner darin nicht mehr herumflattern. Dann rupft er sie.
Innerhalb einer Viertelstunde wurde aus den beiden Hühnern zwei Poulets.
Als Vegetarierin war das harte Kost.
Aber in Bangladesh wird’s schwierig mit zwei Hühner Mitleid zu haben. Man sieht zuviel Elend auf der Strasse.


Samstag, 5.3.2011
Jamil und ich sind früh am morgen unterwegs. Wir suchen nach Taglöhnerinnen. Die Arbeiterinnen versammeln sich zusammen mit den Männern an einem Strassenrand. Ihr Werkzeug, eine Pickel, haben sie dabei.


Zwischen 8 und 10 Uhr kommen die Auftraggeber und holen die nötigen Leute im Lastwagen ab. Sie brauchen Arbeitskräfte für die Baustellen. Nicht jeden Tag gibt es Arbeit für alle.
Taglöhnerinnen verdienen 170 Taka pro Tag. Für die gleiche Arbeit kriegen ihre männlichen Kollegen 200 Taka. (100 Taka = 1,50 Schweizer Franken)
Jamil will die Geschichte über die Taglöhnerinnen dem Daily Star, für den 8. März, dem Internationalen Frauentag, vorschlagen.
Nur wenige Meter davon entfernt, finden wir Strassenbauarbeiterinnen. Zwölf Leute, darunter fünf Frauen sind dabei einen Platz zu asphaltieren. Dunkler Rauch steigt in den Himmel und die Luft ist schwer. Auf drei Feuer kocht in Fässern der Asphalt.





Zurück im Press Club treffen wir Enan und Amran, die andern beiden Daily Star Fotografen und Members.
Enan nimmt mich am Nachmittag in seinem Auto mit raus aus der Stadt. Als Chef fährt er ein Auto. Ich hoffe auf eine erholsame Fahrt ins Grüne. Doch sein Auto ist klein und die Kühlanlage leider ausgestiegen. Die Reise wird lang. Wir stoppen nur kurz um zu fotografieren und am Strassenrand Tee zu trinken.
Die vielen Ziegelsteinfabriken rund um die Stadt sind mitverantwortlich für die schlechte Luft in Dhaka.


Auf der Rückfahrt, im Stau und in der Hitze, kriege ich langsam Kopfweh.
Im Büro teile meinen Kollegen mit, dass ich morgen einen “Day off” nehme.
Und freue mich auf einen erholsamen Sonntag.
Sonntag, 6.3. 2011
Der Tag vergeht schnell und ruhig. Nur mein Tagebuch wird aktualisiert. |
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Montag, 7.3.2011
10 Uhr, Treffpunkt Press Club.
Jamil holt sich hier bei seinen Kollegen die neusten Infos.
Jeden Tag lerne ich neue Journalisten und Fotografen kennen. In Bangladesh soll es rund 180 Zeitungen geben, davon mehrere in englischer Sprache.
Vor dem Press Club Gebäude gibt es täglich mehrere Demos: Einmal stehen nur zwanzig Leute da, manchmal deutlich mehr. Immer haben sie Transparente dabei. Oft tönen aus den scherbelnden Lautsprecher ihre Forderungen. Der Verkehr vor dem Gebäude kommt durch die Demonstranten zusätzlich ins stocken.
In allen Zeitungen sieht man regelmässig diese Bilder von Protestanten vor dem Presse Club.
Heute fordern die heimgekehrten Fremdarbeiter aus Libyen Hilfe vom Staat. Noch immer sitzen tausende Bengali in Libyen fest.


Am Mittag machen Jamil und ich uns zu Fuss auf Sujetsuche.
Ich bin erstaunt, wie wenig die Fotografen mit den Journalisten zusammenarbeiten. Die einzigen Infos, welche die Fotografen jeweils nach 21 Uhr von der Redaktion erhalten, ist eine Liste mit den Themen, welche für den übernächsten Tag geplant sind. Oder manchmal wird ein Interviewbild gewünscht, mit genauer Zeit- und Ortsangabe.
Aber ansonsten sind die Fotografen auf sich gestellt. Natürlich wird erwartet, dass sie jeden Tag gutes Material liefern.
Ich habe es gut. An mich werden keine Forderungen gestellt. Ich bin ja immer mit einem Daily Star Fotografen unterwegs. Und es ist nicht in meinem Interesse, ihnen Konkurrenz zu schaffen.
Auf unserem Spaziergang finde ich Sujets, die in der Schweiz längst verschwunden sind oder die es vielleicht nie gegeben hat. Männer warten auf Schreibaufträge. Auf ihren elektrischen Schreibmaschinen werden amtliche Briefe verfasst. In Bangladesh hat noch längst nicht jeder Zugang zu einem Computer.
Und ein Schriftenmaler malt in seinem Atelier die Plakate noch von Hand.


Am Nachmittag informiert mich Tasneem, dass im Quartier Dhamondi, im Vorfeld des morgigen Internationalen Frauentages, eine Solidaritätskundgebung für Säureopfer stattfindet.
Zusammen mit Palash fahre ich hin.



Dienstag, 8.3.2011
Langsam kommt Regelmässigkeit in meinen Alltag:
Um 9 Uhr verlasse ich das Haus, nehme eine CNG und komme gegen 10 Uhr im Press Club an.
Nach unserem Tee fahre ich mit Jamil auf gut Glück durch die Gegend.


Abseits vom Zentrum hält Jamil um zu telefonieren. Ich schaue durch ein kleines Fenster am Strassenrand und entdecke eine Metallgeschirrwerkstatt.
In der 12 m2 kleinen Bude ist’s laut und dunkel.
Darin arbeiten sieben Leute. Darunter auch ein Junge, der kaum älter ist als zwölf.
Sie haben Freude von mir fotografiert zu werden.


An einem normalen Arbeitstag komme ich nicht vor 22 Uhr nach Hause.
Tulena wartet mit dem Essen auf mich.
Ich nehme eine Dusche und falle müde ins Bett.
Mittwoch, 9.3.2011
Bevor ich mich auf den Weg zum Press Club mache, muss ich bei der Schweizer Botschaft vorbei um mein Flugticket für nächste Woche abzuholen.
Vor dem Press Club stehen wieder Demonstranten herum. Jamil fotografiert.
Danach fahren wir mit dem Töff durch Old Dhaka, auf der Suche nach guten Sujets. Diesmal enden wir bei einer Produktionsstätte für Armreife. Auch diese Werkstatt ist klein. Am arbeiten sind vorwiegend Frauen und Kinder.



Kinderarbeit ist in Bangladesh Alltag.
Einmal sah ich mehrere Knaben in einer Hanfschnurproduktion arbeiten. Dort kriegte ich ein Fotoverbot.
Donnerstag, 10.3.2011
Jamil hat frei. Und der Cheffotograf will keine Zeit haben. Deshalb gibt er auch mir einen Freitag. Das ist mir Recht. Die Arbeitstage verfliegen immer so schnell, dass mir fast keine Zeit bleibt an Freunde aus der Schweiz zu denken oder in einem Buch zu lesen.
Ich habe Lust durch mein Viertel zu schlendern. Ich suche immer noch ein hübsches Guesthouse in meiner Nähe. Ein Freund aus Bern kommt mich in drei Wochen besuchen. Unterwegs merke ich einmal mehr, dass es nicht üblich ist, als Fremde ziellos herumzulaufen.
Ich falle auf und werde angesprochen. Es ist keine angenehme Situation.
In den letzten Tagen ist’s richtig heiss geworden und schwitzen gehört jetzt zur Tagesordnung.
Lange und weit bin ich auf meinem Spaziergang nicht gekommen - aber immerhin war ich ein wenig draussen. |
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Freitag, 11.3.2011
Auf der Fahrt zum Daily Star erlebe ich hautnah, wie gefährlich Dhakas Strassen sind. Mein CNG Fahrer schneidet einem Motorradfahrer zu knapp den Weg ab. Der Töff kommt ins schleudern - und ich sehe den Fahrer schon fallen. Glücklicherweise gelingt’s diesem sich im letzten Augenblick aufzufangen. Zu recht ist er stinksauer. Er stoppt meinen Fahrer und staucht ihn zusammen.
Es war nicht mein erster Schreck im Strassenverkehr. Oft retten nur Millimeter vor einem Zusammenprall.
Im Daily Star lese ich, dass in Dhaka an diesem Wochenende neunzehn Personen bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen.
Nach fünf Wochen Bangladesh, sehe ich heute endlich eine Frau am Steuer:
Abrar, Tasneem’s Sohn ist seit ein paar Tagen aus Mumbai zurück.
Seine Freundin holt ihn mit dem Auto ab.
Vielleicht gäbe es auf Dhakas Strassen mehr Rücksicht, wenn Frauen häufiger Fahrzeuge lenken würden?
Samstag, 12.3.2011
Jamil zeigt mir eine Ballonfabrik. Sie liegt auf einer Halbinsel im Buriganga River. Unter Bäumen arbeiten Kinder und Erwachsene.

Daneben wird Alluminium-Geschirr produziert.





Hier am Fluss gibt es viele interessante, kleinere Handwerkerbuden.
Es wird Plastik gewaschen, am Ufer getrocknet und für Recycling weiterverkauft.
Leider müssen wir zurück in die Stadt. Wir beschliessen bei einer anderen Gelegenheit zurückzukommen.
Sonntag, 13.3.2011
Einen zehnminütigen Fussmarsch vom Press Club entfernt liegt das Universitätsgelände.
Jamil will, dass ich auch was Positives von Dhaka zeige.
Das Gelände mit den verschiedenen Fakultäten ist gross. Studenten spazieren herum, stehen in Grüppchen zusammen und diskutieren. Der Ort strahlt Ruhe aus. Eine Oase in der hektischen Stadt.

Am frühen Nachmittag fahre ich nach Hause. Schon wieder heisst’s packen.
Morgen fliege ich nach Kulna zur Einweihung der Shelters. Am Dienstag geht’s weiter nach Chittagong.
Montag, 14.3.2011
Frühmorgens startet das Wasserflugzeug Richtung Südwesten. Siebzig Kilometer von Kulna entfernt landen wir auf einem Fluss bei Morrelgani.


Hier werden der Schweizer Botschafter Urs Herren, seine Tochter und ich mit einem Boot abgeholt, ans andere Flussufer gebracht und unter Polizeischutz im Auto geht’s weiter bis Hogolpati. Um uns den zwanzigminütigen Marsch durch den Wald zu ersparen, fahren uns Rischkas hin. Auch die Polizisten steigen auf.


Nahe vom Shelter, warten die Offiziellen und die Landbevölkerung, unter dem farbigen Zeltdach, auf die Leute aus der Schweiz. Jetzt werden lange Reden gehalten. Unter dem Stoffsegel wird’s unglaublich heiss.
Nach einer Viertelstunde schleiche ich davon. Ich bin hauptsächlich hier um den Neubau zu fotografieren und die Zeremonien gehen mir eindeutig zu lange. Natürlich begleiten mich einige Jungs aus dem Dorf und wollen auf jedes Bild. Das wird mir bald zu bunt und ich muss mich mit meinen wenigen Worten Bangla durchsetzen, dass sie mir nicht ständig blöd vor die Kamera stehen.


Nach fast zwei Stunden Reden, durchschneidet Urs Herren endlich das Band. Der Shelter darf nun von den Gästen und den Dorfhöchsten besichtigen werden. Das Volk muss warten. Erst als die Gäste wieder auf die Rischkas verfrachtet werden, gehört der Shelter endlich dem Volk.

Am Nachmittag wird ein zweiter Shelter eingeweiht.
In einem Bau werden in Zukunft rund 1300 Personen Schutz vor Zyklonen finden. Die Schweiz finanziert zwölf solche Shelters in dieser Gegend.
Eine zweistündige Autofahrt durch Reisfelder, bringt uns nach Kulna ins Hotel.
Dienstag, 15.3.2011
Mein Bus fährt um 8 Uhr und bringt mich zum Flughafen von Jessore. Hier nehme ich das Flugzeug zurück nach Dhaka. Kurz vor Mittag lande ich.
Um 15.30 Uhr habe ich meinen nächsten Flug nach Chittagong.
Im Hotel in Kulna hatte ich keine Internetverbindung.
Das Magazin “Eine Welt” wartet auf meine Bilder von den Shelters.
Im Flughafen von Dhaka ist die Internetverbindung gut, deshalb schicke ich meine Fotos von hier aus in die Schweiz und entscheide, nicht mehr nach Banani zu fahren, um zu duschen und frische Klamotten zu holen.
Ich werde meine verschwitzten Kleider heute Abend im Lavabo des Guesthouses ausspülen. Trocken werden sie in der Hitze schnell.
Meine Reise nach Chittagong wird von der Firma Youngone, für welche der Berner Michael Elsaesser arbeitet, organisiert.
Youngone ist ein koreanischer Kleiderfabikant. Die Firma näht seit zwanzig Jahren in Bangladesh (für internationale Marken, wie Northface, Patagonia, Nike, ect) Sportkleider und produziert Freizeitschuhe. Mit über 40’000 ArbeiterInnen in Chittagong und Dhaka, eine der ganz Grossen.
Um 15 Uhr bringt mir ein Angestellter der Firma das Flugticket.
In Chittagong angekommen, werde ich richtiggehend bis zum firmeneigenen Guesthouse geschleust:
Zwei Angestellte erwarten mich am Flughafen. Sie bringen mich zu einem Auto und verabschieden sich. Nach drei Minuten Autofahrt, steige ich um auf ein Boot. Begleitet von zwei neuen Männer überqueren wir den Fluss. Am andern Ufer wartet ein Auto und wieder neue Gesichter auf mich. Weitere zehn Minuten Fahrt und ich komme zum Guesthouse, mitten im Grünen.
Youngone hat hier, ausserhalb von Chittagong, vor zehn Jahren ein 16 km2 grosses Grundstück gekauft. Darauf plant die Firma einerseits neue Fabriken zu bauen und Wohnungen für die Angestellten. Daneben bleibt viel Platz. Es gibt auch einen Golfplatz. Das neue Guesthouse mit über neunzig Zimmer beherbergt Kunden aus aller Welt, und Spezialisten aus Korea und anderswo.
Beni Pulver empfängt mich. Auch er wohnt seit 6 Monaten im Guesthouse.
Er ist der Schweizer Bauer, den ich fotografieren will.
Vor Sonnenuntergang fahren ich mit Beni durch die einsame Landschaft, mit künstlich angelegten Seen, runter zum Kuhstall. Unterwegs begegnen wir Kojoten und sehen viele Vögel. Die zehn Minuten Fahrt führt uns auch durch ein Christendorf. Eine Minderheit in Bangladesh.
Später, zurück im Guesthouse, stösst Michael zu uns.
Mittwoch, 16.3.2011
5 Uhr, Tagwacht.
Nach dem Frühstück fahren wir auf den Hof. Die zwanzig Arbeiter warten auf die Befehle von Beni Pulver. Bevor sie auf die Felder oder im Stall verschwinden, muss ich die Gelegenheit nutzen ein Foto mit allen zusammen zu machen. Für mich ist’s noch sehr früh um bereits entscheidungsfähig zu sein. Aber wenn ich nicht vorwärts mache, werden sie in alle Himmelsrichtungen verschwunden sein.
Das Fotografieren weckt mich.
Die gemolkene Milch wird sofort mit der Rischka in die Kühle zum Guesthouse gebracht.
Milch ist in Bangladesh Mangelware und sehr teuer. Deshalb will Michael Elsaesser versuchen für Youngone eine eigene Milchwirtschaft aufzubauen. Platz ist auf dem Gelände genug, um Gras, Reis und Mais, als Futter anzupflanzen. Weil einheimische Kühe wenig Milch geben, hatte Michael die Idee, bengalische Kühe mit Schweizer Stieren zu besamen.
Seit Dezember sind die ersten vier Kälber, mit Schweizer Väter, geboren.
Beni Brunner ist der Mann vor Ort, der das Projekt leitet.
Im Moment wird die Milch im Guesthouse konsumiert. Soll aber später, bei höherer Quantität, an die MitarbeiterInnen abgegeben werden.
Am Mittag fahren wir zurück ins Guesthouse.
Ich brauche eine Pause um mir zu überlegen, was ich schon im Kasten habe und welche Sujets mir noch fehlen!
Die Geschichte wird eventuell in der Schweizer Illustrierte publiziert.
Deshalb zeige ich im Tagebuch nur Fotos, welche ich nicht der Schweizer Illustrierte schicke.




Donnerstag, 17.3.2011
Erneut Tagwacht 5 Uhr, um rechtzeitig auf dem Fabrikgelände zu sein, wenn die ArbeiterInnen eintreffen.
Die NäherInnen fangen um 8 Uhr an. In der Fabrikzone gibt es mehrere grosse Kleiderfabriken. Und so strömen um halbacht Zehntausende durchs Haupttor. Frauen sind klar in der Überzahl, ein buntes Farbenmeer.
In der Youngone Fabrik wird zehn Stunden gearbeitet. Sechs Tage die Woche. achtundvierzig Stunden zu normalem Lohn, zwölf Stunden als Überzeit bezahlt.
Die Fabrikationshallen sind riesig. Es ist eindrücklich zu sehen, wo die Kleider produziert werden, welche später bei uns in Europa in den Regalen hängen.
Es werden Daunenjacken für die Wintersession 2012 genäht.
Ob ich nächsten Winter in der Schweiz wohl einer dieser Jacken, welche ich heute in der Produktion sah, wieder begegnen werde?












Mit einer Cessna von Youngone fliegen Michael und ich am Abend zurück nach Dhaka. |
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Freitag, 18.3.2011
Ich melde mich beim Daily Star, damit sie wissen dass ich zurück in Dhaka bin.Ich bleibe aber zu Hause und bearbeite die Fotos der letzten zwei Tage aus Chittagong. Den ganzen Tag mache ich nichts anderes. Es gibt zu tun. Am Abend brennen mir die Augen.
Samstag, 19. 3. 2011
Wie gewohnt gehe ich zum Press Club. Erst trinken wir Tee und dann mit dem Motorrad durch das Gewühl von Old Dhaka. Auch nach über sechs Wochen bin ich immer noch fasziniert:
Über die engen Gassen, die offene Abwasserkanalisation, die vielen Rischkas und Fussgänger, die sich kreuz und quer durch die Gassen drängen. Vieles was bei uns hinter geschlossenen Türen passiert, findet hier in aller Öffentlichkeit statt.
Wir fahren durch Strässchen mit unglaublich kleinen Läden, manche sind nur 2 bis 3 m2 gross. Aber anscheinend bieten sie genug Platz um was anzubieten und sich eine bescheidene Existenz zu sichern.
Wir fotografieren eine öffentliche Wasserstelle. Frauen füllen Wasser in Krüge und tragen es gegen Bezahlung in die Häuser. Die meisten Wohnungen in Old Dhaka haben kein fliessendes Wasser.


Im Cricket World Cup spielt Bangladesh gegen Südafrika. Um die Vorrunde zu überstehen, müssen die Bangladeshi gewinnen.
Leider haben sie keine Chance. Alle sind einwenig traurig, aber nicht lange.
Jetzt hilft man halt Pakistan, Indien, oder Australien.
Es ist einwenig wie bei der Fussball Weltmeisterschaft in der Schweiz.
Nachdem die eigene Nation ausgeschieden ist, hat jeder eine andere Mannschaft zum mitfiebern bereit.
Sonntag, 20.3.2011
Wir sind zu viert unterwegs. Ab und zu geht Jamil zusammen mit Fotografen von andern Zeitungen auf Sujetfang. Am Anfang habe ich das Gefühl, es werde einwenig kompliziert soviele Wünsche unter einen Hut zu bringen. Wir kommen langsam voran.
Dann wird’s aber doch interessant zu sehen wie unterschiedlich wir die Sujets wahrnehmen. Am Strassenrand, vom Wind geschützt durch ein Plastikvorhang, machen wir Teepause. Ich mache Bilder von der jungen Frau mit ihrem Kind, die unseren Tee aufbrüht. Und plötzlich sind alle vier am fotografieren. Unser Modell nimmt es gelassen. Vielleicht hat sie auch Freude, einmal im Mittelpunkt zu stehen.


Neben dem Teeshop liegen Säcke mit Altglas. Mittendrin sitzen Jungs und sortieren das Glas.


Wir fahren weiter. In der Zone Gabthali, auf einer Brücke halten wir erneut. Unten am Fluss werden Schiffe mit Kohle entladen. Frauen und Männer tragen die Kohle auf dem Kopf vom Schiff auf die etwa achzig Meter entfernten Lastwagen. Für sechzig Touren erhalten sie 100 Taka. Es ist heiss, schmutzig und sie müssen ihre Last vom Schiff auf’s Festland über Bretter balancieren.






Als wir auf die Motorräder steigen, lachen die Andern, auch ich bin schwarz im Gesicht
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Montag, 21.3 2011
Ich gönne mir einen freien Tag. Tulena hatte erneut einen Todesfall in der Familie und ist weg.
Ich wasche und bügle meine Kleider. Und übernehme die Aufgabe mich um Putsch, den Hund, zu kümmern. Einen viertelstündigen Spaziergang am Morgen. Poulet füttern am Nachmittag.
Dienstag, 22.3.2011
Im Diplomatenquartier Baridhara, im Cafe Mermaid, treffe ich Elisabeth Fahrni Mansur.
Elisabeth lebt seit fast zehn Jahren in Bangladesh. Zusammen mit ihrem bengalischen Ehemann arbeitet sie an einem Projekt für den Schutz von Flussdelfinen. Wir sitzen im Schatten des gemütlichen Gartens und trinken Fruchtshakes. Später gesellt sich Tini, die Frau von Stefan Gamper, zu uns und gemeinsam essen wir.
Die Rechnung ist hoch, zwar nicht für uns. Wir bezahlen rund 2500 Taka. Etwas über 40 Schweizer Franken. Im Press Club, im Daily Star oder in einer lokalen Imbissstube kostet ein einfaches Essen zwischen 30 und 50 Taka.
Der Monatslohn einer Näherin liegt bei etwa 3500 Taka. Unsere Köchin und Hausangestellte kriegt neben Kost und Logie 2500 Taka monatlich.
Taglöhnerinnen verdienen 170, Taglöhner 200 Taka im Tag.
Im Diplomatenquartier und in Gulshan ist alles viel teurer. Auch die Mietzinse sind mehr oder weniger westlichen Verhältnissen angepasst.
Mitwoch, 23.3.2011
Ich warte im Press Club auf Jamil. Er ist irgendwo am fotografieren. Ich konnte nicht mit, weil mir die nötige Akkredidierung fehlt. Jamil ist verspätet. Ich trinke Tee und warte. Inzwischen ist schon Mittag. Wir telefonieren. Er ist immer noch beim gleichen Anlass und wartet seinerseits auf sein Sujet. Ich esse was und warte weiter.
Am Nachmittag kommt Jamil endlich. Jetzt ist es zu spät um noch auf Bildsuche zugehen. Wir gehen ins Daily Star Büro.
Der dritte Tag ohne Fotos, ich werde einwenig unruhig.
Donnerstag, 24.3.2011
Jamil hat frei. Ich will heute aber fotografieren. Keiner der Fotografen reisst sich darum mich mitzunehmen. Schlussendlich muss Amran in den sauren Apfel beissen.
Er gibt sich Mühe, weiss aber nicht, was er mit mir anfangen könnte. Was ich fotografieren möchte, liegt ihm zu weit weg. Er muss am Nachmittag im Zentrum sein. Wir fahren einwenig planlos durch die Gegend und wieder zurück zum Press Club. Ich habe nichts schlaues im Kasten.
Freitag, 25.3.2011
Mit Jamil gehe ich an den Fluss um eine Geschichte über Plastikrecycling zu machen.
Am Strassenrand sitzen drei Mädchen und nähen Säcke. Jamil fragt für wenn sie arbeite. Anscheinend sind es drei Schwestern. Sie gehen zur Schule. Aber nach der Schule müssen sie ihren Anteil im Familienbetrieb leisten.

Bei unserer Ankunft waren die Drei alleine. Innert kürzester Zeit läuft eine Menschenansammlung zusammen, alle wollen uns, oder vorallem mich, sehen. Auch als wir weiterziehen, haben wir einige Begleiter.



Auf der Fahrt zurück in den Press Club, wird mir übel. Ich trinke ein Pepsicola und lasse mein Mittagessen stehen. Ich gehe nach Hause. Die Übelkeit hält an. Erst am Abend kann ich mich übergeben und ich fühle mich einwenig besser.



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Samstag, 26.3.2011
Ich fühle mich noch schwach und habe keine Lust auf Essen. Selbst an ein Teller Spaghetti zu denken, was eines der Gerichte ist, welches ich in Bangladesh manchmal vermisse, lässt keinen Appetit aufkommen.
Am Nachmittag gehe ich trotzdem ein paar Stunden ins Office.
Sonntag, 27.3.2011
Heute ziehe ich alleine durch Dhaka.
Ich will nicht immer meine Kollegen bitten, mich zu begleiten.
In den letzten Tagen hatte ich vom Motorrad aus ein paar Orte gesehen. Und da will ich jetzt hin.
Ich starte beim National Assembly Building, dem Parlamentsgebäude. Für Bangladesh ist dies ein einzigartiger Bau und ein Symbol für die junge Nation. Es wurde vom pakistanisch-amerikanischen Architekten Louis Kahn im Jahr 1962 entworfen. Während des Unabhänigkeitskrieges gegen Pakistan wurden die Arbeiten gestoppt.1974 entschied die bengalische Regierung den Bau, ohne Abänderungen der ursprünglichen Pläne, fertigzustellen.

Mein nächster Besuch gilt dem Bashundhara City Shopping Complex. Ich nehme die Rolltreppen bis ganz zu oberst. Auch das ist Bangladesh.

Weiter laufe ich durch die verstopften Strassen und suche mir meinen Weg durch die Menschenmenge.

Ich fotografiere und gehe möglichst rasch weiter. Wenn ich zu lange Halt mache, bleiben immer Leute stehen. Sie starren mich an oder vesuchen mit mir ins Gespräch zu kommen. Das Mühsame dabei ist, dass ich so nicht fotografieren kann. Wenn Jamil dabei ist, weist er die Leute manchmal zurecht, sie sollen uns arbeiten lassen.
Ich sehe zwei Maler auf herunterhängenden Bambusrohren sitzend eine Fassade streichen. Ein sogenannter “Risiko-Job”: Je höher und gefährlicher sie herumklettern müssen, um so mehr verdienen sie.

In der Dämmerung gehe ich zurück zum Shoppingcenter. Unweit davon entfernt stehen einfache Imbissstände ohne Strom, dahinter der moderne Bashundhara Complex. Diese Szene will ich mit meiner Kamera einfangen.

Aber ich habe keine Sekunde Zeit mir zu überlegen, wie ich meine Foto machen möchte. Nicht einmal meine Kameraeinstellung kann ich richtig checken. Ich werde sofort belagert. Einer gibt mir zu verstehen, dass ich etwas in seinem Plasiksack fotografieren soll. Als ich nicht aufpasse, hält er mir plötzlich eine Schlange unter die Nase. Ich erschrecke und die Leute amüsieren sich auf meine Kosten prächtig.
Wie wird mir das in der Schweiz bloss vorkommen, wenn ich in drei Wochen wieder anonym durch die Berner Gassen laufe und keiner beachtet mich und ich versinke in der Normalität?
Montag, 28.3.2011
Auf meine Bitte, organisierte mir Tahsinah vom DEZA Büro einen Ausflug in ein Trainingscenter für Kinder und Jugendliche. DEZA unterstützt dieses Projekt, geführt wird es von einer lokalen Organisation, “The Centre of Mass Education in Sciences(CMSE)” Jamil will auch mit. Wir werden um 8 Uhr vor der Schweizer Botschaft vom Projektleiter Hadiuzzaman und seinem Fahrer abgeholt. Wir fahren nach Tangail. Die Gegend liegt 90 km ausserhalb von Dhaka. Tahsinah schrieb mir in einer E-Mail die Fahrt würde eineinhalb Stunden dauern. Unser älterer Fahrer ist sogar für meine Verhältnisse sehr vorsichtig unterwegs und wir kommen nur langsam vom Fleck. Erst nach drei Stunden haben wir unser Ziel erreicht.
Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien habe hier die Chance eine Art Berufsschule zu machen:
Sie werden zu Schneiderinnen, Schreiner, Schlosser, Töpfer, ausgebildet.
Daneben besuchen sie auch normalen Schulunterricht. Heute haben sie Physik. Die Kinder führen uns Experimente vor.
Sie lernen auch kompostieren, Pilze züchten, Kücken aufziehen. Praktische Dinge, welche ihnen später helfen können, in der ländlichen Gegend, einen Nebenverdienst aufzubauen.








Die Rückfahrt in die Stadt wird zur Geduldsprobe. Zwanzig Kilometer ausserhalb von Dhaka bleiben wir endgültig im Verkehr stecken. Die Strasse ist nach einem Unfall gesperrt und es geht gar nichts mehr.
Nur die Strassenhändler zwischen den Autos freut’s. Sie verkaufen Popcorn und das Geschäft läuft gut. Popcorn gegen Langeweile wird fleissig gegessen.

Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, diese Nacht in meinem Bett zu schlafen. Doch kurz vor Mitternacht, nach über sechs Stunden Heimfahrt treffen wir in Banani ein.
Dienstag, 29.3.2011
Ich bearbeite meine Bilder zu Hause und gehe erst am Nachmittag ins Büro.
Mittwoch, 30.3.2011
Nach fast einer Woche Abwesenheit gehe ich in den Press Club.
Heute begleiten uns wieder die beiden Fotografen Tapan und Abu Thaher. Wir fahren zusammen bis Chowk Bazaar. Jamil lässt sein Motorrad zum Oelwechsel beim Mechaniker und wir laufen durch Old Dhaka runter zum Buriganga River.
Auf dem Rückweg gibt’s ein Wolkenbruch und wir suchen Schutz in einer Imbissstube. Nach acht Wochen Trockenzeit, ist mir der Regen willkommen. Die Strassen werden zwar matschig, dafür sind die Bäume vom Staub reingewaschen und leuchten endlich grün.
Donnerstag, 31.3.2011
Um 6 Uhr holt mich ein Fahrer von Youngone in Banani ab. Ich habe noch eine Möglichkeit Bilder von den Näherinnen auf dem Arbeitsweg zu machen. Die Kleiderfabrik liegt zwanzig Kilometer ausserhalb von Dhaka. Es regnet. Wir kommen etwas spät auf dem Fabrikgelände an und schon sind die Näherinnen in der Fabrik verschwunden. Ich hatte nicht viel Zeit zum fotografieren und keine der heutigen Fotos, schafft es in meine engere Auswahl.
Freitag, 1.4.2011
Auf unserer Tour durch Bashabo, ein Quartier östlich vom Zentrum, sehen wir zwei Männer, die bei einem offenen Senkloch und neben einem übelriechenden Abfallhaufen sitzen. Wir stoppen und gehen hin. Es wimmelt von Kakerlaken.



Beim Regenwetter der letzten Tage wurde die Strasse überschwemmt. Die beiden Männer putzen die Abwasserkanalisation, damit das Wasser wieder abfliesst. Zuerst kann ich mir nicht genau vorstellen, was sie machen werden. Das Senkloch ist bis oben gefüllt mit einer trüben, stinkigen Brühe. Plötzlich lässt sich der jüngere Arbeiter langsam ins schmutzige Abwasser gleite, holt kurz Luft und taucht für eine lange Minute unter.
Es gibt nicht eine einzige Schutzvorkehrung, er hat kein Werkzeug, keine Maske, keine Taucherbrille, nichts. Als er wieder auftaucht und nach Luft ringt, hält er in seinen Händen Abfall, welcher das unterirdische Abwasserrohr verstopft. Nach einer kurzen Pause taucht er erneut ab. Und holt mehr Abfall rauf. Nachdem der Jüngere vier, fünf Mal abgetaucht ist. Ist der Ältere an der Reihe.
Nur schon über die Vorstellung, dass mir während meiner Arbeit eine Kakerlake das Hosenbein raufkriechen könnte, schaudert mich.
Aber was die Beiden für eine grausige und vorallem gefährliche Arbeit machen, sowas habe ich noch nie gesehen. Ihr Tageslohn 200 bis 250 Taka.(3 Schweizer Franken)
Wir fahren weiter Richtung Osten und kommen nach Trimohoni, an den Rand von Dhaka. Hier beginnen die Reisfelder und eine ländliche, idyllische Landschaft präsentiert sich uns.


Am Abend beim Einschlafen habe ich noch den Geruch der Kanalisation in der Nase und die Bilder schwirren mir im Kopf herum. Mir ist ein wenig übel.
Samstag, 2.4.2011
Ich habe schlecht geschlafen und spüre, dass dies nicht mein Tag werden wird. Aber noch weiss ich nicht, was auf mich wartet.
Frühmorgens treffe ich Jamil am Bahnhof. Wir machen eine Zugfahrt, eine knappe Stunde raus aus der Stadt, Richtung Süden. Ein 10jähriger Strassenjunge hilft uns den Weg zum richtigen Perron zu finden. Der Bahnhof ist sein Zuhause. Er hat keine Eltern oder keine, die sich um ihn kümmern.
Als im Jamil Geld geben will für seine Hilfe, will er das nicht. Dafür begleitet er uns auf der Zugfahrt.



Er bleibt in unserer Nähe. Er ist sympatisch, wirkt schüchtern, aber auch verschmitzt.
Ich finde es total schön, wie Jamil mit dem Jungen umgeht.
Als wir an unserem Zielbahnhof ankommen und bei den Fähren fotografieren, wollen Sicherheitsleute den Jungen verscheuchen. Doch Jamil sagt ihnen der Junge gehöre zu uns, er wäre unser Führer.
In einer Imbissstube will Jamil frühstücken. Der Junge bleibt draussen, doch Jamil holt in rein und lädt ihn zum Essen ein. Er setzt sich zu uns. Ist aber zu schüchtern und will nicht essen. Er sagt, er hätte keinen Hunger.
Hier in der Imbissstube mache ich einen Fehler, für den ich die nächsten Tage büssen muss. Ich bin durstig. Normalerweise habe ich immer Wasser in einer Petflasche von zu Hause dabei. Aber heute habe ich’s vergessen. Ich verlange nach Wasser. Und ohne mich zu achten, wo der Keller es herholt, trink ich es.

Zwei Stunden später, zurück im Press Club, fühle ich mich nicht mehr so wohl. Eine Stunde später übergebe ich mich ein erstes Mal. Ich fahre mit Jamil zwar noch ins Daily Star Office. Aber es geht mir nicht gut und ich muss nach Hause. Ich übergebe mich ein weiteres Mal. Gleichzeitig kriege ich jetzt noch Durchfall. Es plätschert unten und oben aus mir heraus. Ich versuche zu schlafen, aber mir ist übel. Und ich muss immer wieder auf die Toilette.
Glücklicherweise ist Tulena zu Hause. Sie macht sich sorgen. Sie entscheidet Tasneem zu informieren, Tasneem benachrichtigt die Schweizer Botschaft, die wiederum entscheidet, dass sie mich ins Apollo Hospital zur Kontrolle bringen sollen. Sie schicken einen Fahrer vorbei. Tasneem und Tulena begleiten mich kurz vor Mitternacht in den Notfall. Meine Blutwerte sind schon nicht mehr so gut. Anscheinend hätte es gefährlich werden können, hätte ich länger gewartet. Ich muss die Nacht im Spital bleiben und kriege eine Infusion.
Zur gleichen Zeit sitzt im Flugzeug unterwegs nach Bangladesh Michele, ein Freund aus Bern. Ich hatte versprochen ihn morgens um 5 Uhr am Flughafen abzuholen. Das kann ich jetzt nicht. Ich schicke ihm eine SMS in der Hoffnung, dass er sie bei der Landung kriegt. Tasneem verspricht, den Fahrer, der mich abholen will, zu informieren, dass er Michele alleine holen müsse.
Gleichzeitig will auch Jürgen Fritsche, der Mann von der Schweizer Botschaft, der bei mir im Spital vorbeikommt, versuchen Michele zu erreichen.
Sonntag, 3.4.2011
5.08 Michele schickt mir eine SMS er ist gelandet und hat meine Nachricht erhalten.
5.29 Der Guesthouse-Besitzer, welcher mir den Fahrer besorgte, ruft an und fragt wo ich wäre? Der Fahrer warte seit einer halben Stunde vor meiner Haustür. Leider hat er nicht bei Tasneem geklingelt. Aber es ist noch nicht zu spät. Ich erkläre ihm die Situation.
5.59 Michele will wissen, ob der Fahrer seinen Namen wisse?
6.59 Michele schickt eine SMS, er ist im Guesthouse angekommen.
Und ich kann endlich schlafen.
Ich habe trotz Medikamenten und Infusion den ganzen Tag weiterhin Durchfall.
Ich schlafe, schlafe, schlafe.
Ständig bringen sie mir neues Essen. Ich zwinge mich in das Eine oder Andere reinzubeissen. Aber ich habe keinen Hunger und erst recht keinen Appetit.
Ich kann nicht nach Hause. Ich muss eine weitere Nacht im Spital verbringen.
Montag, 4.4.2011
Auch in der Nacht habe ich weiterhin Durchfall und Fieber.
Der Nachtarzt entscheidet die Medikamente zu wechseln. Am Morgen fühle ich mich endlich einwenig besser. Um 10 Uhr kommen Michele und Jürgen Fritsche vorbei.
Der Durchfall hat jetzt aufgehört. Ich muss aber im Spital bleiben. Der Arzt sagt, vielleicht könne ich morgen nach Hause.
Dienstag, 5.4.2011
Es geht mir viel besser und ich will nach Hause. Ich warte ungeduldig auf die Arztvisite.
Obwohl ich mit Michele bereits abgemacht habe, dass er mich am Mittag abholt.
Jetzt will ich noch etwas zum Apollo Spital sagen. Es ist ein Privatspital und das Beste in Dhaka. Es ist nicht zu vergleichen mit dem Regionalspital, welches ich vor ein paar Wochen in Dhaka sah. Schon eher mit einem Schweizer Spital. Es ist sauber und modern. Ich hatte ein Einzelzimmer. Die Schwestern und Angestellten hatten immer ein Lächeln auf den Lippen. Ich fühlte mich in guten Händen. Erst gestern Abend und heute Morgen, als es mir wieder besser ging, fand ich das Eine oder Andere zum kritisieren. Wohl ein Zeichen, dass ich wieder genesen bin, oder?
Am Abend besuche ich endlich Michele in seinem Guesthouse um die Ecke. |
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Mittwoch, 6.4.2011
Jamil ruft mich an, er hat eine Überraschung: Während meinem Spitalaufenthalt hatte er meine Fotos von Tangail dem Newseditor weitergegeben. Meine Bildreportage über das CMSE Trainingcenter ist im heutigen Daily Star publiziert.

Ich mache um 15 Uhr mit Jamil zum Tee im Press Club ab. Michele begleitet mich. Ich will ihm mein Dhaka Alltagsleben zeigen. Jedoch kann Michele die Reise im CNG nicht geniessen. Er ist total verspannt und froh aussteigen zu können. Für mich war’s eine ganz normale Fahrt, so sehr habe ich mich an die chaotische fahrweise der CNG-Fahrer gewöhnt.
Auf der Rückweg stoppen wir in Maghbazar und besuchen Elisabeth Fahrni Mansur. Michele hat für sie ein paar Sachen aus der Schweiz mitgebracht.
Elisabeth teilt ein mehrstöckiges Haus mit ihren bengalischen Verwandten. Jeder hat sein Stockwerk. Man spürt, wie sehr Elisabeth hier zu Hause ist. Sie sprüht vor Energie und Ideen.
Ich habe mich relativ gut von meiner Lebensmittelvergiftung erholt.
So entscheiden Michele und ich morgen nach Khulna zu fliegen und wie geplant vier Tage durch Sundarban zu reisen. Eine entsprechende Tour vom Reisebüro Guide Tours wurde abgesagt. Michele und ich waren die einzigen Interessenten. Aber Elisabeth offerierte uns ihr eigenes Hausboot R.B.EMMA. Wir müssen vor der Abreise noch einiges erledigen und am Abend bin ich ziemlich geschafft.
Donnerstag, 7.4.2011
Wir fliegen am Spätnachmittag nach Jessore, werden dort abgeholt und nach Khulna gefahren. Es ist schon dunkel, als wir im Hafen ankommen. Die dreiköpfige Crew und der Guide erwarten uns. Sobald wir an Bord sind, läuft auch schon der Motor und wir fahren flussabwärts in die Nacht hinein. Am Anfang sind noch viele andere Boote unterwegs, doch bald wird’s ruhig. Wir sitzen auf dem Deck und sehen in den Sternenhimmel. In der Zwischenzeit hat Koch Palash ein hervorragendes Nachtessen zubereitet. Alles ist wunderbar und die Vorfreude auf Sundarban riesig.
Die Sundarbans (auf deutsch: schöner Wald) sind die größten Mangrovenwälder der Erde.
Die Sundarbans umfassen ein Gebiet von 10.000 km². Davon liegen 6000 km² in Bangladesh und 4000 km² im indischen Bundesstaat Westbengalen.
Freitag, 8.4.2011
Ich erwache vor Sonnenaufgang und gehe auf’s Deck. Die Crew ist schon eifrig am Werk. Eben wird der Anker raufgezogen und schon tuckern wir auf dem Rupsha River Richtung National Park.

Wir stoppen in einem Dorf am Rande von Sundarban um unsere Bewilligung abzuholen. Während die Crew sich um die Formalitäten kümmert, schlendern wir durchs Dorf.




Ab jetzt werden die Begegnungen mit Menschen spärlich. Nur noch wenige Fischer und die paar Soldaten, die auf den Forststationen wohnen und die Gegend kontrollieren, sind anzutreffen.

Für uns beginnt jetzt das grosse Abenteuer, den vom aussterben bedrohten, bengalischen Tiger zu finden.
Man wünscht uns “tiger-luck”!
Wir fahren viele Stunden den Fluss entlang, rechts und links sind die Ufer besäumt mit Tropenwälder. Hier ein Adler, der sich durch die Lüfte schwingt. Dort ein Flussdelfin, der sich im Wasser dümpelt.
Am Abend steigen wir auf’s kleine mitgeführte Ruderboot und Mojibol rudert uns lautlos durch einen kleinen Kanal. Vögel zwitschern, ein Gecko ruft, eine Fischotterfamilie gleitet einige Meter vor uns ins Wasser. Aber keine Spur vom Tiger. Schon ist’s dunkel und wir kehren zum Hausboot zurück.



Samstag, 9.4.2011
Wir stehen früh auf und Mojibol rudert uns erneut geräuschlos durch einen Kanal. Nach ein paar hundert Meter finden wir frische Tigerspuren im lehmigen Boden. Ein Tiger überquerte hier das Wasser, kurze Zeit vor unserem erscheinen.

Mojibol sieht alles: Ein Reh im Gebüsch, ein Affe auf dem Baum, eine Green Vine Snake auf einem Ast.


Wir kehren zum Frühstück auf’s Hausboot zurück. Danach laufen wir durch die Wildnis. Es ist bereits heiss und wir schwitzten in der Sonne.

Alam, der Schiffskapitän, führt uns dreiviertel Stunden durch die Grassteppe. Plötzlich stehen wir am Golf von Bengalen. Ein langer einsamer Sandstrand liegt vor uns. Ein einzelner Fischer wirft sein Netz aus.



Wir fahren mit dem Boot raus auf’s Meer. Das Wasser ist trüb. Michele, Guide Sahim und ich springen ins Wasser und schwimmen rüber zu der kleinen Insel. Die Crew holt uns mit dem Boot wieder ab. Das Wasser ist warm, trotzdem fühle ich mich erfrischt nach dem Nass.
Weiter geht’s lange Stunden dem Ufer entlang.

Am frühen Nachmittag treffen wir in der Forststation Kothka ein. Michele und ich möchten endlich den Tiger sehen. Aber es ist klar, die Chancen sind nicht so gross. Mojibol rudert uns erneut durch einen Kanal. Wir finden am Uferrand Spuren vom Tiger. Der Tiger ist nah, bleibt aber unsichtbar. Begleitet werden wir auf unserer Bootsfahrt von einem neugierigen Kingfisher Vogel. Er fliegt voraus, wartet auf einem Ast, beoachtet uns, lässt uns Näher rankommen und wechselt kurz bevor wir auf seiner Höhe sind den Baum. Und das Spiel beginnt von vorne.

Auf der Kothka Forststation gibt es einen Aussichtsturm, nahe an der Bootsanlegestelle. Von hier können wir die Steppe beobachten. Im Abendlicht grasen Hirsche und Rehe am Waldrand. Warum nur holt sich jetzt der Tiger nicht sein Abendessen?


Michele und ich übernachten auf dem Aussichtsturm. Vielleicht bekommen wir in der Nacht irgendwas vom Tiger mit? Doch der Mond ist eine Sichel und geht zudem auch früh unter. Die Nacht wird stockfinster und zu sehen gibt’s nichts. Es weht eine angenehme, frische Brise und ich schlafe tief.
Sonntag, 10.4.2011
Monjibol weckt uns frühmorgens. Wir wandern durch die Steppe. Begleitet werden wir aus Sicherheitsgründen von zwei bewaffneten Soldaten. Der Guide zeigt uns die Stelle, wo er das letzte Mal auf einen Tiger stiess. Auch am “Bay of Bengal” finden wir Tigerspuren im Sand. Der Tiger ist hier vor kurzer Zeit vorbeispaziert.




Ich fantasiere: auf unserer ganzen Reise werden wir vom Tiger begleitet. Irgendwo ist er versteckt und beobachtet uns. Er will sich nicht zeigen.
Ich habe die Hoffnung längst aufgegeben ihm zu begegnen. Wahrscheinlich muss ich wiederkommen und ich werde ihn sehen. Der Gedanke an eine Rückkehr ist nicht all zu schlimm.
Nach dem Frühstück geht’s mit dem Boot den Strom aufwärts. Stundenlang fahren wir am Ufer entlang. Ich sehe Hirsche, Affen, Adler, Delfine. Keinen Tiger. Zwischendurch döse ich im Schatten ein und träume von Tieren. Am Abend auf unserer letzten Ruderfahrt durch einen Kanal, sehen wir eine King Cobra auf uns zu schwimmen. Sie ist die giftigste Schlange Bangladesh’s und die längste Giftschlange der Welt.
Palash kocht hervorragend. Gleich nach dem Essen warte ich immer schon auf die nächste Mahlzeit, so sehr schmeckt es mir. Sogar Pastas stehen auf seinem Menuplan. Die Kilos, die ich während meines Spitalaufenthaltes verloren hatte, nehme ich gleich wieder zu.

Montag, 11.4.2011
Sobald es hell wird, beginnt unsere Rückreise den Fluss aufwärts Richtung Khulna. Sechs, sieben Stunden Fahrt haben wir vor uns. Bald verlassen wir Sundarban und somit unsere Tigerträume.


Die belebten Dörfer nehmen wieder Überhang, Boote und Lastschiffe fahren auf und ab. Wir essen unsere letzte Mahlzeit auf dem Schiff. Michele und ich werden das gute Essen vermissen. Am späten Abend kehren wir nach Dhaka zurück.
Dienstag, 12.4.2011
Am Morgen treffe ich Michele. Wir wollen zusammen einkaufen gehen. Michele möchte Lungis kaufen. Der Lungi ist ein Bauwolltuch, dass die Männer in unterschiedlichen Varianten, als eine Art Wickelrock tragen. Es sieht gut und bequem aus.

Wir lassen uns auf dem Markt einige der tausend verschieden Farb- und Musterkompositionen zeigen. Ein englischsprechender Bengale berät und übersetzt für uns. Bald stehen eine ganze Traube Männer um uns herum und finden uns interessant.
Nach langer Abwesenheit, nach meinem Spitalaufenthalt und nach Sundarban, gehe ich am Abend endlich wieder ins Daily Star Office. Wir schwatzen und trinken Tee.
Mittwoch, 13.4. 2011
Michele und ich fahren zum Press Club und warten auf Jamil. Wir wollen zur Kunstakademie. Studenten sind dabei Masken, Vögel und grosse Figuren für das “Bengali New Year”-Fest zu gestalten.




Am 14. April wird in Bangladesh Neujahr gefeiert. Der bengalische Sonnenkalender beginnt morgen mit dem Jahr 1418.
www.meyer-schodder.de/meyer/.../BengalischerKalnder.htm
Michele und ich laufen in der Hitze Richtung Daily Star. Unterwegs kaufen wir hier und da noch etwas ein. Nach zehn Wochen kann ich mich in der Stadt endlich orientieren und ich finde den Weg ohne Mühe. Um 16 Uhr essen wir in einem Fastfood-Restaurant im Bashundhara City Complex. Ich will keine weiteren, gesundheitliche Risiken mehr eingehen. Danach gehe ich ins Daily Star Office, Michele fährt heim, in sein Guesthouse.
Donnerstag, 14.4.2011
Michele ruft mich um 5 Uhr an. Er hat Durchfall und in der Nacht wenig geschlafen. Wir wollten zusammen um sechs in den Ramna Park. Dort treffen sich die Menschen, um zusammen New Year zu feiern. Michele kommt nicht mit. Ich denke es wird schwierig werden in den Massen Jamil zu finden. Nach einigen Motivationsschwierigkeiten, raufe ich mich zusammen und mache mich alleine auf den Weg.
Lange suche ich nach einem freien CNG. Wenige fahren und welche vorbeikommen sind bereits besetzt. Kurz entschlossen steige ich in den nächsten Bus. Ich weiss nicht genau wohin er fährt. Aber die Richtung stimmt. Ich kenne ungefähr den Weg bis zum Ramna Park. Und werde einfach auszusteigen, sobald der Bus von meiner Strasse abbiegt. Die Leute starren mich alle an. Aber ich habe mich langsam daran gewöhnt und nehme es gelassen. Ich steige in der Nähe vom Park aus. Den Rest laufe ich zu Fuss. Viele Leeute sind unterwegs, alle rot und weiss gekleidet, was an New Year Tradition hat. Musik ertönt aus mancher Ecke. Vom Universitätsgelände aus startet um halbacht ein Umzug. Jetzt ist langsam ein Gedränge auf den abgesperrten Strassen. Alle tanzen und sind fröhlich in den frühen Morgenstunden. Ich treffe in der Menge auf einige Fotokollegen und am Schluss finde ich sogar Jamil. Um 10 Uhr steige ich in ein CNG und fahre nach Hause.






Michele geht’s nicht besser. Wir sind mit Tasneem zum Mittagessen bei ihrer Freundin eingeladen. Michele muss auch das absagen.
Freitag, 15.4.2011
Ich schlief wenig. In der Nacht rufte mich eine Freundin aus der Schweiz an, mit der schlechte Nachricht, dass unser gemeinsamer Freund Eric, tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Ich bin traurig. Zudem hatte ich in der Nacht erneut Durchfall. Dafür geht’s Michele wieder besser. Wir machen einen längeren Spaziergang nach Gulshan 1 und 2. Die Bewegung tut trotz Hitze gut. Als wir heimkommen, bin ich dennoch fix und fertig. Eine kleine Pause und ein Picknick zu Hause helfen mir wieder auf die Beine. Ich muss unbedingt noch ins Office. Ich habe Jamil versprochen ihm zwei, drei meiner Fotoreportagen zu übergeben. Und die Zeit läuft und läuft... Der Abflug rückt näher und die Liste meiner Aufgaben ist noch immer lang.
Samstag, 16.4.2011
Jamil hat Michele und mich zum Mittagessen bei sich zu Hause eingeladen, damit ich mich von seiner Frau und seinem Sohn verabschieden kann.
Danach fahr ich mit Michele zum Buriganga River. Jetzt sieht auch er mit eigenen Augen das schwarze Wasser von dem wir ihm erzählten. Für die Rückfahrt zum Daily Star Office nehmen wir den Bus. Langsam fühle ich mich als Profi hier und ich bin richtig stolz, wie ich mich in der Stadt zurecht finde.
Im Daily Star heisst es Abschied von meinen Kollegen nehmen. Ich warte lange bis endlich alle im Büro sind. Die letzten drei Tage waren Feiertage und zudem hatten die Fotografen Stress mit dem zwanzig Jahre Jubiläum von “The Daily Star”. In der Hitze des Gefechts entging es Chief Photographer Enam, dass heute mein letzter Tag ist. Er sucht verzweifelt nach dem Chefredaktor. Und schlussendlich kann ich mich bei ihm am Telefon bedanken und mich verabschieden.
Lange Abschiedsszenen sind nicht mein Ding:
Ich sage meinen Arbeitskollegen, Tasneem,Tulena nicht Goodbye, aber auf bengali “Ashi”, auf ein baldiges Wiedersehn!
Montag, 18.04.2011
Ich bin in der Länggasse unterwegs. Ich will die Strasse überqueren. Mit den Gedanken bin ich anderswo. Automatisch suche ich mit den Augen nach einer Lücke in der Autokolonne. Doch der erste Fahrer stoppt, lässt mich passieren und ich erwache aus meinen Träumen. Jetzt bin ich zu Hause angekommen!
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