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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Anita Cassese berichtet aus Managua
Anita Cassese (Jg. 1976) arbeitet seit Februar 2009 als Stagiaire bei der nicaraguanischen Tageszeitung El Nuevo Diario in Managua. Die MAZ-Absolventin studierte Hispanistik, Soziologie und Ethnologie an der Universität Bern und ist als freie Journalistin für verschiedene Schweizer Zeitungen tätig.
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Donnerstag, 5. Februar 2009
Ich bin vor vier Tagen in San José, Costa Rica, gelandet, dem südlichen Nachbarland Nicaraguas, und heute besteige ich um sechs Uhr den Bus nach Managua. Geplante Reisezeit: 8 bis 9 Stunden. Der Bus ist bis zum letzten Platz gefüllt, und schon kurz nach der Abfahrt fühle mich wie in einem Kühlschrank, Klimaanlage sei Dank. Ein Film über Huskys in der Antarktis läuft am kleinen Fernseher. Nach sechs Stunden ohne Halt erreichen wir die Grenze. Hier heisst es: aussteigen, Schlange stehen zur Ausreise, einsteigen, fünfzig Meter über die Grenze fahren, den Pass abgeben und 8 Dollar bezahlen, aussteigen, sich das Gepäck in einer Traube von Passagieren angeln, Schlange stehen zur Gepäckkontrolle, Gepäck erneut im Bus verstauen, Pass entgegen nehmen. Das alles dauert eine Stunde, bevor wir unsere Sitzplätze wieder einnehmen können.
In der Weiterfahrt sitzt Emily neben mir, zehn Jahre alt. Sie erklärt mir, wann Regen entsteht, weshalb Vulkane Feuer spucken und warum man vom Rauchen Lungenkrebs kriegt. Ihre Mutter, erzählt mir Emily, arbeitet in Costa Rica, und weil sie nicht auf Emily und ihre kleine Schwester aufpassen kann, schickt sie ihre Kinder zur Familie nach Nicaragua zurück. Um halb fünf Uhr nachmittags kommen wir in Managua an. Ein Chauffeur vom Schweizer Kooperationsbüro für Entwicklungszusammenarbeit (COSUDE) holt mich ab und bringt mich an meinen künftigen Wohnort.
Wochenende, 6.-8. Februar 2009
Für die zwei Monate miete ich ein Zimmer mit Bad bei Ana Maria Hernández und ihrem Mann, Mauricio Mejía. Ana Maria ist eine langjährige Mitarbeiterin bei COSUDE, Mauricio gelernter Architekt und Künstler; Sohn Roger Mauricio, kurz Mauri, ist 17 Jahre alt und besucht ein Gymnasium am Samstag und Englischkurse unter der Woche.

Mein Zimmer
Mein erster Rundgang in Managua mit Ana, Mauri und Cousin Julio führt mich zum luxuriösen Shopping Center Las Galerias. Dort gibt es: Fastfoodketten, Kleidergeschäfte, Kinos. Danach fahren wir zum Mercado Roberto Huembes, benannt nach einem sandinistischen Helden. Dort gibt es: alles für den Haushalt und alles, was gefälscht werden kann.
Am Sonntag: Ausflug mit der Familie nach Nagarote, einer Kleinstadt 45 km nordwestlich von Managua.

Mauricio, Ana Maria, Mauri und Julio im Shopping La Galeria

Nagarote
Montag, 9. Februar 2009
Ich fahre zu COSUDE und treffe Reto Grueninger, stellvertretender Koordinator. Er gibt mir einen ersten Überblick über die Projekte im Land. Am Nachmittag fährt mich Claudia Pereira, die mir Stage und Unterkunft vermittelt hat, zur Redaktion von El Nuevo Diario. Die Klimaanlage im Büro des Direktors, Francisco Chamorro, knattert so laut, dass ich bei der Begrüssung mehrmals ‚wie bitte?‘ fragen muss. Entweder ist ihr Spanisch so schlecht oder sie ist taub, muss er sich von mir gedacht haben.
Dienstag, 10. Februar 2009
Ich stehe mit Übelkeit auf und ja, leider ist es schon soweit nach einer Woche in fremdem Land: irgendetwas habe ich gegessen, was für meinen sensiblen Schweizer Magen nicht ganz koscher war. Ich muss erbrechen und fahre mit flauem Gefühl im Magen zur Arbeit. Um halb neun Uhr treffe ich in der Redaktion ein. Ich werde heute die Redaktorin Amparo Aguilar zu einer Pressekonferenz ins Kinderspital ‚La Mascota‘ begleiten. Das Thema: Erstmals führen einheimische Ärzte Nierenplantationen bei Kindern durch. Bisher war man auf fremde Hilfe angewiesen, vornehmlich aus Costa Rica. Die Konferenz ist eigentlich keine Konferenz, sondern die Ärzte stehen etwas unorganisiert in einem Gang des Spitals herum, umzingelt von den Journalisten von Print, Radio und Fernsehen. Niemand weiss so recht, wann wer spricht. Die Patienten, zu denen die Schar von Journis ins Zimmer eintreten, werden nicht gefragt, ob sie fotografiert werden wollen oder nicht. Eine Patientin zog sich scheu die Decke über den Kopf, überrumpelt vom Gerangel der Journalisten. Das sei halt so im öffentlichen Spital, sagt man mir. Vom Recht ans eigene Bild, nada.
Während der Film- und Tonaufnahmen erhalten die Journalisten Anrufe aus der Redaktion, und ich bewundere, wie sie mit einer Gelassenheit in der einen Hand das Aufnahmegerät halten, mit der einen Hand ihre Handys hervor zücken, die in einer unglaublich hohen Lautstärke und mit einer unglaublich aufdringlichen Melodie klingeln. Ich jedenfalls habe zeitweise vor Lärm gar nichts mehr verstanden.
Mittwoch, 11. Februar 2009
Ich nehme heute meinen Arbeitsplatz in Besitz. Obwohl ich eher Regionales abdecken werde, sitze ich im Ressort „Sucesos“ und „Variedades“, Seiten über Mord und Totschlag und People. Zwei grosse Klimaanlagen an der Decke blasen mir die kalte Luft direkt in den Rücken. Vor mir läuft der Fernseher, wohl wegen der Nachrichten, aber die meiste Zeit laufen Telenovelas und People-Magazine. Ich sässe definitiv lieber in der etwas ruhigeren Ecke der nationalen und regionalen Teams.
Ich gehe an meine erste Pressekonferenz: das Ministerium für Gesundheit informiert über getane Arbeit und zukünftige Projekte im Bereich Alkoholprävention. Der Sprecher sagt kaum Neues, die aktuellsten Zahlen liegen drei Jahre zurück und sind auch nicht auf dem Internet abrufbar. Die Journalisten nehmen hier immer alles aufs Band auf, und so lege auch ich Aufnahmegerät hin. Man nehme auf, weil man sich absichern wolle, erklärt mir meine Kollegin Amparo. Damit im Nachhinein niemand behaupte, etwas nicht gesagt zu haben.
Auf dem Weg zu einem weiteren Interview fahren wir an einer Ansammlung von Pensionierten vor dem Nationalen Institut für Sozialversicherungen vorbei. Sie demonstrieren, weil man ihnen angeblich einen Teil Lohnabzüge nicht an die Pension angerechnet hat. Amparo springt aus dem Auto und interviewt die Leute.
Am Nachmittag verfasse ich meinen ersten kleinen Bericht über die Pressekonferenz.

Journalisten warten im Vorzimmer des ICAD auf die Pressekonferenz


Demonstration von Pensionierten vor dem Nationalen Institut für Sozialversicherungen

Die Journalistin Amparo Aguilar interviewt die Demonstranten
Donnerstag, 12. Februar 2009
Nicaragua rutschte 2008 auf der Skala der Korruption der Organisation Transparency International weiter nach unten, hiess es gestern in den Nachrichten: Es erhält die Note 2,5und ist damit das korrupteste Land der fünf zentralamerikanischen Länder. Die Skala geht von 0 bis 10, wobei 0 fur maximale und 10 fur minimale politische Korruption steht. Von den 32 lateinamerikanischen Ländern haben nur noch Paraguay, Ecuador, Venezuela und Haiti schlechtere Noten als Nicaragua.
Die nationale Fussballmannschaft von Nicaragua klettert in der FIFA-Weltrangliste von Platz 176 auf Platz 132, hiess es gestern ebenfalls in der Zeitung. Die Steigerung um 50 Plätze macht das Nationalteam zu einem der progressivsten weltweit.
Wegen meiner erneuten Magenunpässlichkeiten, auf die ich hier nicht naher eingehen will, gehe ich heute einen Blut- und Stuhltest machen. Kosten: 8 Dollar.
Freitag, 13. Februar 2009
Ich bleibe dem Thema Gesundheit treu: der Redaktionsleiter schickt mich an eine Veranstaltung des Ärzte-Syndikats. Die Spezialärzte in Nicaragua verdienen im Durchschnitt 600 Dollar pro Monat, Allgemeinärzte 300. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen und eine Lohnangleichung an das zentralamerikanische Niveau: 1600 für Spezialärzte, 1200 für Allgemeinärzte.
Ich habe kaum den letzten Satz der Nachricht geschrieben, schickt man mich nach Laguna de Apoyo, einer Lagune vulkanischen Ursprungs zwischen Masaya und Granada. Jemand habe angerufen, es werde dort eine Nichtregierungsorganisation verscheucht und deren Büros geräumt. Der Redaktionsleiter wittert eine Geschichte; eventuell versucht der Staat das Land in Besitz zu nehmen. Das Klima zwischen Regierung und NGO’s habe sich, sagt man mir, in letzter Zeit verschlechtert. Als wir nach einer knappen Stunde Fahrt ankommen, erweist sich das Ganze als juristischer Zwist zwischen ausländischen Privatpersonen. Die Geschichte stirbt.
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Montag/Dienstag, 16./17. Februar 2009
Diese beiden Tage widme ich mich einem Thema mit langer Vorgeschichte: Seit Monaten setzt die Regierung rezadores (Betende) ein, die an den Verkehrskreiseln in Managua für Frieden beten sollen. Das Ganze erscheint im ersten Moment als Witz, ist aber eine kalkulierte Strategie und Idee von Rosario, die Frau des Präsidenten Daniel Ortega. Die Kreisel waren von verschiedenen oppositionellen Gruppen in Beschlag genommen worden, um gegen die Regierung zu protestieren. Die rezadores verdrängten nun mit ihren Nationalflaggen, Gesängen und aufgestellten Maria-Figuren die Protestierenden. Die rezadores sind arme Leute, viele von ihnen ehemalige bananeros, Arbeiter von Bananenplantagen, die wegen der von den transnationalenUnternehmen versprühten Pestizide an furchtbaren Hauterkrankungen und genetischen Veränderungen leiden. Viele von ihnen haben sich seit Jahren vor dem Regierungsgebäude in sogennanten champas (Hütten) eingerichtet, um fuer ihre Rechte zu kämpfen.
Die Regierung von Ortega hat ihnen Unterstützung im Kampf gegen die internationalen Firmen wie Fruit of the Loom und anderen versprochen; die Regierung gibt diesen Armen Essen und Medikamente. Umstritten ist, ob sie ihnen auch Geld dafür geben. Letztes Wochenende nun rebellierten acht bananeros, die sich von der Regierung veräppelt fühlen. Meine Aufgabe war es herauszufinden, wie es für diese Leute nun weitergehen soll, und wie die Atmosphäre in den champas ist. In Begleitung des Fotografen mache ich mich auf den Weg. Folgende Berichte kamen dabei heraus: http://www.elnuevodiario.com.ni/nacionales/40511
http://www.elnuevodiario.com.ni/nacionales/40629

In diesen Hütten (champas) haben sich die ehemaligen Plantagearbeiter vor dem Regierungsgebäude eingerichtet.

Die Bewohner der champas stehen an für den kostenlosen medizinischen Dienst. |
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Mittwoch, 18. Februar 2009
Der Redaktionsleiter schlägt vor, dass ich das Thema Sucht weiterziehe. Ich habe deshalb auf heute einen Termin vereinbart mit dem Direktor des Instituts für Alkohol- und Drogenabhängigkeit, ein Institut, das an das Gesundheitsministerium angegliedert ist. Als ich pünktlich um 9 Uhr eintreffe, heisst es: Entschuldigen Sie, der Direktor kann Sie heute nicht empfangen. Er trifft sich gerade mit einem internationalen Gremium. Auch nicht morgen oder die nächste Woche, sondern übernächste Woche. Ich hinterlasse meine Koordinaten, die Sekretärin versichert mir, dass man sich bei mir melden wird für einen neuen Termin, oder mir zumindest Infos über Präventionsprojekte für Jugendliche per Email schickt. In der Redaktion zurück, ernte ich verständnisvolle Blicke der Redaktoren. Ja, das komme oft vor, daran müsse ich mich gewöhnen. Meine Suche nach irgendwelchen aktuellen Statistiken verläuft erfolglos. Auch hier, verständnisvolle Blicke: Ja, Zahlen seien schwierig zu kriegen. Und meine Telefonrecherche scheitert dabei, dass die Ämter schon um drei Uhr nachmittags das Telefon nicht mehr abnehmen. Am Nachmittag besuche ich die Anonymen Alkoholiker.
Donnerstag, 19. Februar 2009
Wieder werde ich sitzen gelassen. Der Subdirektor erst in 40 Minuten da, heisst es, als ich wie vereinbart um 10 Uhr morgens beim Rehabilitationszentrum REMAR eintreffe. Ich interviewe in der Zwischenzeit einen jungen Mann, der sich in der Reha befindet und unterhalte mich mit dem Pastor. Der Subdirektor erscheint auch nach 40 Minuten nicht, also mache ich kehrt zur Redaktion. Der versprochene Rückruf des Direktors bleibt aus. Am Nachmittag suche ich einen Psychiater auf, der angeblich mit Drogenabhängigen arbeitet. Zwar entpuppt sich die Information als falsch, nur gerade 1 Prozent seiner Patienten kommen wegen einem Suchtproblem zu ihm. Aber immerhin fand das Gespräch statt.
Abends fahre ich mit einem Redaktor nach Granada, wo diese Woche das Internationale Festival der Poesie stattfindet. Granada ist ca. 40 Minuten von Managua erreichbar.




Freitag, 20. Februar 2009
Ich werde an eine Pressekonferenz der Botschaft der Dominikanischen Republik geschickt. Sie hätte ein paar „wichtige Erklärungen“ abzugeben. Mehr wisse man nicht, ich solle einfach mal hin. Als ich dort ankomme, ist die Konferenz beendet, im Vorraum bedienen sich die Journalisten am Buffet, der Botschafter sitzt mit fünf anderen Leuten in einer Reihe an einem Tisch und beantwortet Fragen. Noch immer habe ich keine Ahnung, worum es geht, und so warte ich, bis mir jemand eine Kopie des „Programms“ in die Hand drückt. Da lese ich: 165 Jahre Unabhängigkeit der Dominikanischen Republik. Eine Woche öffentliche Feier (gastronomischer Abend, eine Nacht des Rums und der Zigarre, ein Fest Merengue, Bachata und Salsa). Das hätte man ja auch per E-Mail kommunizieren können, denke ich mir, und so befrage ich den Botschafter zur Wirtschaftslage in seinem Land und mache daraus eine Kurznachricht.
Samstag/Sonntag, 21./22. Februar 2009
Der Schweizer Klub von Nicaragua organisiert einen zweitätigen Ausflug nach Matagalpa, um ein Projekt des Schweizer Kooperationsbüros zu besichtigen. In Nicaragua leben etwa knapp 200 Schweizerinnen und Schweizer. Dem Klub gehören etwa 35 Mitglieder an. Da ich die Infos zum Projekt etwas verarbeiten möchte für einen Bericht, kommen erst einmal ein paar Bilder von Unterwegs:




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Montag, 23. Februar 2009
Tipps, wie ich mich beim Taxifahren verhalten soll (in absteigender Besorgnis):
- einen exklusiven Taxidienst bestellen (und den doppelten Tarif in Kauf nehmen)
- vorher vereinbaren, dass keine weiteren Fahrgäste mehr einsteigen (und einen Aufpreis in Kauf nehmen)
- Türe von innen verschliessen (damit niemand von links und rechts einsteigen und mich überfallen kann)
- hinten einsteigen (damit niemand einsteigen kann und mich von hinten bedrängen)
- wenn ich nur grosse Noten habe, vorher fragen, ob er Wechselgeld hat
- das Gesicht des Taxifahrers betrachten und entscheiden, ob ich ihm vertraue
- einsteigen und Gott vertrauen
Morgens um acht Uhr fährt mich meist don Mauricio in die Redaktion, ein Taxifahrer und Freund der Familie. Allerdings hat er mich schon zweimal “vergessen”, rief an, dass er “etwas später” komme (eine halbe Stunde), einmal ging ihm die Luft aus einem vorderen Reifen aus, so dass ich in ein anderes Taxi umsteigen musste. Ich bezahle gewöhnlich 2 Dollar und treffe nach einer halben Stunde in der Redaktion ein. Abends fahre ich meist in einer Art Sammelbus nach Hause, welche die Redaktion zur Verfügung stellt. Abfahrt: 19:30 Uhr. Und pünktlich! Ich bin fast immer die letzte, die aussteigt, da ich im Süden der Stadt wohne und die Redaktion sich im Norden befindet. Um 20.15 Uhr komme ich zuhause an.
Vom Busfahrten rät man mir sehr ab. Es sei zu gefährlich, zu unzuverlässig, zu voll, zu langsam.
Dienstag, 24. Februar 2009
Die Redaktion von El Nuevo Diario befindet sich auf einem Stockwerk, verteilt auf zwei Grossraumbüros. Die Produzenten sitzen in einem halb von der Redaktion abgetrennten Raum, nur die beiden Direktoren haben ein eigenes Büro. Die Anordnung der Räume entspricht in etwa dem, wie ein Text entsteht. Die Redaktorinnen schreiben den Text, drucken ihn aus und bringen ihn zu den Produzenten. Diese redigieren ihn soweit nötig, schreiben Lead und Titel und wählen, manchmal in Absprache mit dem Fotografen, die Fotos aus. Einer der Direktoren schaut sich zuletzt die wichtigsten Titel an und bringt letzte Änderungen an.
El Nuevo Diario erscheint jeden Tag, auch am Sonntag. Die RedaktorInnen arbeiten deshalb zusätzlich jedes dritte Wochenende Samstag und Sonntag. Überstunden werden nicht aufgeschrieben. Ferienanspruch: zweimal pro Jahr jeweils vierzehn Tage. In der Realität, erzählt mir ein Redaktor, kann meist nur eine Woche aufs Mal bezogen werden.

Eines der Grossraumbüros der RedaktorInnen

Das Büro der Produzenten und des Redaktionsleiters

Eingang von “El Nuevo Diario”

Kleiner “Kiosk” am Eingang der Zeitung |
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Mittwoch, 25. Februar 2009
No hay agua (es gibt kein Wasser). Mit diesem Satz begrüsse ich oft die Hausangestellte Doña Ana Rosa um sieben Uhr morgens. Sie drehen den Hahn zu, um das Wasser zu rationalisieren, hat man mir erklärt. Die Firma macht Unterhaltungsarbeiten, lautet eine andere Version. Wer es sich leisten kann, sammelt das Wasser vorsorglich in privaten Tanks. Die Armen hingegen zapfen sich heimlich an den Wassserleitungen an. Das führe dann dazu, dass ab und zu ein ganzes Quartier mit Wasserstopp “bestraft” werde, bis die Leute den Minimalbetrag bezahlt haben, erzählt mir Doña Ana Rosa.
Da der Hahn zu unvorgesehenen Zeiten zugedreht wird, habe ich mir angewöhnt, jeweils abends zu duschen, damit ich wenigstens am Morgen halbwegs frisch bin, und immer dann, wenn der Wasserstrahl gerade mal prächtig stark ist. |
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Donnerstag, 26. Februar 2009
Auf Samstag ist eine Demonstration oppositioneller Gruppen und Nichtregierungsorganisationen angesagt. Gleichzeitig, oder besser gesagt als Reaktion auf diese Ankündigung, hat Präsident Daniel Ortega beschlossen, die Feierlichkeiten des Jubilaeums der Revolution vor 30 Jahren zu feiern. Was nun erwartet wird, ist ein konfliktreicher Zusammenstoss der Demonstranten mit den Anhängern der Regierung. Dem Präsidenten wird vorgeworfen, er suche mit dem “zufällig” ausgewählten Datum den Konflikt und versuche die Bevölkerung einzuschüchtern, damit sie nicht an der Demonstrationen teilnehmen.
El Nuevo Diario führt im Vorfeld mehrere Interviews mit Repräsentanten der Politik, der Polizei, der Kirche, der NGO’s durch. Ich treffe mich mit Marco Carmona, dem Direktor einer NGO, die sich seit Jahren für Menschenrechte in Nicaragua einsetzt. Leider wird das Interview in letzter Minute wegen Platzmangel aus der Seite gekippt. Hier der Link zur Nachricht, die ein Tag vor der Demonstration erscheint: http://www.elnuevodiario.com.ni/politica/41382
Freitag, 27. Februar 2009
Ich starte einen letzten Versuch, an Zahlen zum Alkoholkonsum in Nicaragua zu gelangen und treffe mich mit einem Statistiker im Gesundheitsministerium. Er hat die Zahlen, die mich interessieren, bereits an den Direktor des Instituts für Alkoholprävention weitergeleitet. Selber habe er keine Kopie mehr. Bevor Daniel Ortega Präsident wurde, erzählt er mir, sei alles viel einfacher gewesen, er habe die Zahlen den Medien ohne Probleme weitergegeben. Jetzt sei alles anders. Die Regierung kontrolliere die Information, und die Angestellten hätten Angst, ihre Arbeit zu verlieren, wenn sie etwas kommunizieren. Zurück auf der Redaktion, erhalte ich endlich eine Antwort der Sekretärin besagten Direktors. Ich soll eine schriftliche Anfrage verfassen, signiert vom Chef der Tageszeitung, mit Kopie eines juristischen Schreibens, Kopie meines Ausweises, und bitte eine Woche im Voraus. Schikane, meinen die Kollegen in der Redaktion, schulterzuckend. Sie scheinen sich längst damit abgefunden zu haben, dass die Behärden sich nicht der Transparenz verpflichtet fühlen.
Samstag, 28. Februar 2009
Der Tag der “marcha”, die angekündigte und offiziell bewilligte Demonstration. Der Protest gilt der Regierung Daniel Ortegas und unter anderem auch die Art und Weise, wie er sich vor zwei Jahren mit nur 38 Prozent Stimmen an die Macht gehieft hat.

Die oppositionellen, zivilen Demonstranten in Blau-Weiss, den Farben der nigaraguanischen Flagge
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Schätzungsweise 2500 Demonstranten machten am Rundgang mit. Die Organisatoren sprechen von einem Erfolg und kündigen weitere Demos an.

Die Anhänger der Regierungspartei versammeln sich an Kreiseln, um den Rundgang der Demonstranten in die Quere zu kommen. Polizisten formen eine Mauer zur Strasse hin, wo die Demonstranten marschieren.

Anhänger der Regierungspartei, in den Farben Rot-Schwarz der “Frente Sandinista”. Einige von ihnen schiessen auf die Demonstranten mit selbstgebastelten Böllern. Die zivilen Gruppen werfen der Polizei später vor, nicht eingegriffen zu haben.

Ein Journalist interviewt einen der Polizeichefs.
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Montag, 2. März 2009
Ich bin am Nachmittag auf Themenpirsch, als der Chauffeur plötzlich von einem Hausbrand in der Nähe erfährt. Der Fotograf stürzt aus dem Auto und rein ins Gewühl, ich springe ihm hinterher, spreche mit der Feuerwehr sowie der Frau, die ihr ganzes Hab und Gut verloren hat und Fenosa verflucht, die private und einzige Firma aus Spanien, die im Land den Strom verteilt. Praktisch ganz Managua ist ohne Licht, als wir in die Redaktion zurück fahren.
Dienstag, 3. März 2009
Leerlauf: die taiwanesische Botschaft legt den ersten Stein eines Gebäudes für die Präsidenten aus Zentralamerika und der Karibik. Als ich ankomme, ist bereits ein Journalist der Zeitung da. Der Fotograf und ich warten über eine Stunde auf den Chauffeur. Der Vormittag ist dahin.
In der Redaktion lauft der ganze Tag nur eine Nachricht am Fernseher: eine ehemalige Redaktionsmitarbeiterin, die vor kurzem fristlos entlassen wurde, wäscht schmutzige Wäsche der Redaktion vor laufender Kamera. Unter anderem beschuldigt sie die Direktion, sie verbiete den Redaktoren, ihre Meinung zu äussern. Und sie behauptet, die Frauen würden sexuell belästigt von ihren männlichen Vorgesetzen, wobei sie alle betroffenen beim vollen Namen nennt. Die Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion schauen zu, manche schweigend, manche entrüstet.
Mittwoch, 4. März 2009
Ich schreibe ein Porträt über Luis Morales, einen barbero (Herrenfriseur), der in seiner 55-jährigen Erfahrung allerlei prominente Kunden bediente und noch heute wichtigen Politikern “das Messer an den Hals” legt. Auch Anastasio Somoza Debayle landete damals auf seinem Friseurstuhl, in den letzten acht Monaten, bevor der Diktator am 17. Juli 1979 ins Ausland flüchtete. Also versuche ich, dem Friseur einige “Beichten” der Politiker zu entlocken. Er verrät nicht viel, schliesslich will er sich nicht mit seiner hochkarätigen Kundschaft anlegen, aber zu einigen lustigen Anekdoten reicht es. Das Schreiben machte Spass und der Artikel wurde in der Redaktion gelobt. Hier der Link: http://www.elnuevodiario.com.ni/nacionales/42217.

Der Herrenfriseur Luis Morales, der einst dem Diktator Somoza den Bart stutzte, in seinem Lokal „El Caballero“.
Donnerstag, 5. März 2009
Ich wurde schon mehrmals in eine Karaoke-Bar eingeladen. Das funktioniert so: Man bestellt sich etwas zu trinken, dabei erhält man ein Blatt Papier und eine Liste von Liedern (spanische, englische und japanische). Man wählt ein Lied aus, schreibt den Titel aufs Papier, das der Kellner dem DJ weiterleitet. Der Kellner kommt mit dem Mikrofon zurück, der DJ lässt die Musik laufen, der Text erscheint an den Bildschirmen an der Decke und los geht‘s. Am meisten gewählt werden Balladen und Mariachi-Musik; mit Inbrunst und ohne Hemmungen. Ich bin beeindruckt. Mit dem Bierkonsum steigt dann die Anzahl Jauchzer und falschen Töne. Selbst habe ich mich dann doch nicht getraut zu singen. Natürlich nur, weil ich die Lieder auf der Liste nicht so gut kannte…
Freitag, 6. März 2009
Ich arbeite an einem Porträt von Ligia Areas, der einzigen Astronomin Nicaraguas, im Hinblick auf den Internationalen Tag der Frau am kommenden Sonntag. Nicht nur ist sie die einzige Frau mit einem Mastertitel in Astrophysik und Astronomie, sondern überhaupt die einzige Person im Lande mit diesem Titel, soweit bekannt. Ich treffe mich mit ihr in einem kleinen Buero eines gemeinnützigen Vereins von Astrophysikern. Das Teleskop hat der Vereinspräsident vor kurzem für 10 000 Dollar gekauft, und seither trifft man sich jeden Freitagabend, um den Sternenhimmel zu betrachten.
Ligia Areas erzählt mir, sie habe schon in der Schule gemerkt, dass sie “anders” als die anderen Mädchen war, ihr Vater habe ihr physikalische Phänomene erklärt, und sie selbst mochte lieber Mathematik büffeln anstatt Poesie rezitieren. Sie habe eigentlich keine Freundin gehabt, ausser ihren sechs Geschwistern. Nach dem Physik-Studium ging sie für zwei Jahre nach Tegucigalpa, Honduras, und erlangte den Mastertitel. Ligia, 36 Jahre alt und unverheiratet, erklärte mir den Himmel, bis mir vor lauter astronomischen Erklärungen schwindlig wurde. Gerne hätte ich, im Hinblick auf den Frauentag, mehr über ihre (professionelle und private) Beziehungen zu Männern gewusst, in einem Land, in dem es immer noch eher rar ist, eine Akademikerin wie sie anzutreffen. Doch Ligia blieb, was ihr Privatleben anging, auf sanfte Art zugeknöpft. Was aus dem Gespräch wurde, ist hier zu lesen:

Ligia Areas, die einzige Astronomin Nicaraguas, erklärt das Teleskop.
Sonntag, 8. März 2009

Ausflug an den Strand San Juan del Sur
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Montag, 9. März 2009
Der Präsident Daniel Ortega gibt dem britischen Journalist David Frost ein Interview für sein Fernsehprogramm “Frost over the World” auf dem arabischen Nachrichtensender Jazeera. Der 63-jährige Präsident gibt unumwunden zu, bis an sein Lebensende an der Macht sein zu wollen. Damit er wieder gewählt werden kann, müsste die Frente Sandinista allerdings die politische Verfassung reformieren. Und dazu bräuchte sie die Mehrheit im Parlament. Ob er es sonst “à la Putin” machen würde, fragt ihn der Journalist. Die Leute hätten das Recht, ihren Präsidenten zu wählen, und falls diese Bedingungen nicht erfüllt seien, antwortet Ortega, ziehe er den Posten des Premierministers in Betracht, um nach fünf Jahren wieder als Präsident gewählt zu werden. Dieser Posten müsste erst geschaffen werden. Und natürlich, falls Gott ihn so lange leben lasse. Aber seine Mutter sei schliesslich auch 97 Jahre alt geworden. “Daniel Ortega will an der Macht sterben”, titelt El Nuevo Diario.
Dienstag, 10. März 2009
Ein Besuch beim Nicaraguanischen Roten Kreuz (Cruz Roja Nicaraguense), um herauszufinden, wie sich die Organisation auf die kommende Badesaison vorbereitet. Das Rote Kreuz stellt jedes Jahr 1400 Freiwillige als Rettungsschwimmer an den Badestränden auf. Das Budget beläuft sich auf 30 000 Dollar, ein Monat vor dem grossen Event, die Osterwoche, fehlt genau noch die Hälfte davon. Hauptsächlicher Gönner ist die Privatwirtschaft.
A propros Rotes Kreuz: Managua sei die einzige Stadt mit mehreren Schweizer Konsulaten, erzählte mir mein Zimmervermieter Mauricio, als er mir in den ersten Tagen eine Stadtkarte in die Hand drückte. Als das Ministerium für Tourismus die Karte druckte, wurden bei den Standorten des Roten Kreuzes die Farben verwechselt: mehrere weisse Kreuze auf rotem Hintergrund zieren die Karte. Und tatsächlich fahre ich diese Tage an einer Apotheke vorbei mit Schweizer Wappen.
Mittwoch, 11. März 2009
Zuerst fand ich sie befremdend, dann fürs Auge angenehm bunt: die direkt auf die Mauer aufgemalte Werbung von Nestle, Maggi, Knorr & Co. Bilderauschnitte aus meiner täglichen Fahrt zur Redaktion:

Werbung für Lollipops und Bonbons

Werbung für Thunfisch

Werbung für Instant-Kaffee

Werbung für Nestle-Baby-Food und Maggi-Gewürz

Werbung für Coca-Cola
Donnerstag, 12. März 2009
Ein anonymer Anruf erreicht mich auf der Redaktion:
- „Buenos dias, spreche ich mit Anita Cassese?“
- „Ja, am Apparat.“
- „Ich habe eine Information über einen Korruptionsfall, der Sie interessieren dürfte.“
- „Aha? Wie ist Ihr Name? Um was geht es?“
- „Es geht um Gelder der internationalen Kooperation, das dänische Konsulat ist darin verwickelt. Meinen Namen kann ich Ihnen nicht sagen, aber ich schicke Ihnen die Informationen per E-Mail.“
- „Ok und weshalb rufen Sie gerade mich an?“
- „Ich habe einfach ein paar Namen von Journalisten aus der Zeitung gewählt, Sie sind per Zufall die erste Person, die ich versuche zu erreichen.“
Ich beschliesse, der Person mein E-Mail durchzugeben, kann ja, nichts schaden, denke ich, verheddere mich dann aber im Buchstabieren der Adresse. Mein Gott, wie sagt man schon wieder dem „h“ von „.ch“ auf Spanisch?
Das ominöse E-Mail kam nie an.
Freitag, 13. März 2009
Ich besuche APROQUEN, eine Stiftung für brandverletzte Kinder, gegründet von Vivian Pellas, ein Mitglied der reichsten Familie im Lande („nach dem Präsidenten Daniel Ortega“, wie mir als Kommentar auf der Redaktion nachgeschoben wird). Vivian Pellas überlebte 1989 einen Flugzeugabsturz mit schweren Brandverletzungen am ganzen Körper. Das einschneidende persönliche Erlebnis liess sie eine Stiftung aufbauen, die es möglich macht, dass brandverletzte Kinder von A bis Z gratis behandelt werden: von der Notfallaufnahme über die plastische Chirurgie bis zur Physiotherapie und psychologischen Betreuung. Am Beispiel von Felix, einem kürzlich schwer brandverletzten Kind, soll ich die Arbeit dieser Stiftung aufzeigen. Der Bericht wird gross auf der ersten Seite angerissen und der Redaktionsleiter zeigt sich zufrieden mit dem Resultat: http://www.elnuevodiario.com.ni/nacionales/42852

Felix ist zweieinhalb Jahre alt. Beim Spielen ist er in eine alte Letrine gefallen, in der Abfall verbrannt wurde. In der Physiotherapie soll er unter anderem lernen, seine Angst vor Berührungen mit der verbrannten Hand zu verlieren.

Ich möchte dem plastischen Chirurg Fragen über den Schweregrad der Brandverletzungen bei Felix fragen. Der Chirurg operiert gerade, heisst es, ob ich in den Operationssaal wolle fürs Interview? Ich werde grün eingepackt und darf dem Chirurgen das Aufnahmegerät hinstrecken, während er an einem Mädchen eine Hauttransplantation durchführt. |
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Montag, 16. März 2009
Bestimmt habe ich im letzten Monat die Nationalhymne Nationalhymne mehr gehört als die Schweizer Hymne in den letzten zehn Jahren: Vor einer Versammlung einer Aerzte- Gewerkschaft, vor einer folkloristischen Auffuehrung im beruehmten Theater Rubén Dario, und heute mal wieder, vor einer Veranstaltung des Vereins Carlos Fonseca Amador, steht auf wie im Gottesdienst, steht stramm und singt. Ich bin dann jeweils etwas betreten; warum, weiss ich nicht.
Aber nun zur Veranstaltung: Der Verein Carlos Fonseca Amador hat sich der “Volksbildung”, u.a. auch der Alphabetisierung, verschrieben. Nicaraguas Alphabetisierungskampagne gilt in der Geschichte der UNESCO als besonders erwähnenswert: Nach dem Sturz der Somoza-Diktatur 1979 erklärte die sandinistische Regierung die Alphabetisierung des Landes zu einer Hauptaufgabe. In einem “nationalen Kreuzzug gegen den Analphabetismus” zogen Hunderttausend Freiwillige aus, um die Menschen in den entlegenen Dörfern zu unterrichten.
Innert Kürze sank die Analphabetenquote von 60 auf 12.9 Prozent. Nach der Abwahl der Sandinisten 1990 wurde der Prozess vernachlässigt. 2004 betrug die Quote nach offiziellen Angaben der UNESCO wieder 18,8 Prozent. Seit die Frente Sandinista wieder an der Macht ist, heisst es von Regierungsquellen, sei die Quote wieder gesunken. Im Juli dieses Jahres will die Regierung das Land offiziell frei von Analphabetismus erklären (gemaess UNESCO-Richtlinien nicht mehr als 5 Prozent der Bevölkerung) .
Dienstag, 17. März 2009
Ich begleite Matilde, eine Journalistin, zu einer Pressekonferenz, bei der auch Daniel Ortega und seine Frau Rosario Murillo anwesend sind. Das Militär überreicht dem Präsidenten den Jahresbericht. Da ich nur mitgehe und nicht mitschreiben muss, beobachte ich das Drumherum: Ortega kämpft gegen akutes Desinteresse, so scheint mir, und starrt nach vorne in die Leere. Als er an die Reihe kommt mit Sprechen, misst er nicht die Gelegenheit, gegen die Yankees herzuziehen.
Er redet sich von Pontius zu Pilatus, und laut Matilde bereitet er kaum je eine Rede vor. Rosario flüstert während der ganzen Konferenz mit ihrem Nachbar zur rechten Seite. Sie trägt mehr als zehn Ringe an jeder Hand, und böse Zungen sagen ihr Esoterismus nach, und dass in Wirklichkeit nicht ihr Mann, sondern sie alle Fäden in den Händen hält. Die Tageszeitung „La Prensa“ hat im Juli 2008 ein genüsslich zu lesender Bericht über die esoterischen Züge der Präsidentenfrau geschrieben: hier.

Rosario Murillo (mitte), Frau des Präsidenten Daniel Ortega (rechts)
Mittwoch, 18. März 2009
Seit Tagen habe ich ein solches Verlangen nach allem, was NICHT Reis, NICHT Bohnen, NICHT Fleisch, NICHT Kochbananen ist. Mir schwebt ein Teller Pasta vor, oder endlich mal wieder Gemüse. Ein Kollege auf der Redaktion muss mir den Entzug ansehen, jedenfalls fährt er mit mir extra zu einem Pizza Hut in der Nähe, wo er darauf besteht, dass ich auf seine Einladung einen Gemüseteller bestelle. Ich schiele auf den Preis, 100 Córdobas (ca. 5 Dollar), der Teller so gross wie bei einer Vorspeise, und natürlich ist das für hiesige Mittagessen viel zu teuer. Aber alles andere als die Einladung annehmen wäre unverschämt meinerseits gewesen. Nach dem Mittag fühle ich mich inspiriert. Das kann nur vom Broccoli kommen.
Donnerstag, 19. März 2009
Ich recherchiere zu einer Geschichte über Blinde. Der nationale Blindenverein führt mich zu einem Blindentreffen, das diese Woche stattfindet und ich lerne die paraolympische Blindensportart „Goalball“ kennen: Zwei Dreierteams rollen sich gegenseitig einen Basketball-ähnlichen Ball zu, der beim Aufprall ein klirrendes Geräusch ab, wegen der Glöckchen im Innern des Balls. In der Halle ist es still, die Zuschauer flüstern, damit die Spieler das Klingeln hören.

Am Boden ist eine Schnur mit Tape befestigt. Mit den Fingern tasten die Spieler diese Linie ab; sie hilft ihnen, sich auf dem Spielfeld zu orientieren.
Freitag, 20. März 2009
Die sandinistische Parteipropaganda ist überall in Managua anzutreffen: unübersehbar sind beispielsweise die übergrossen pinkfarbenen Plakate mit Ortegas Gesicht und der winkender Hand, meist an den Hauptverkehrsachsen, mit verschiedenen Sprüchen wie „Hoch leben die Armen“ oder sinngemäss „Seine Pflicht/sein Versprechen dem Volk gegenüber erfüllen, heisst, seine Pflicht Gott gegenüber nachkommen“. Nicht weniger diskret kommen die Parteisprüche an Hauswänden und Mauern daher; dafür sind die Farben der Regierungspartei, Schwarz und Rot, an den Bäumen schon fast übersehbar:


Sonntag, 22. März 2009
Ausflug zum Vulkan von Masaya

Vulkan Masaya
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Montag bis Mittwoch, 23.-25. März 2009
Auf Einladung von UNICEF und der NGO “Save the Children” besuchen ich und ein Fotograf der Zeitung ein Projekt an der atlantischen Küste: Tausende von Kinder existieren rechtlich gesehen in Nicaragua nicht, da sie nach der Geburt nie im Zivilregister eingetragen wurden. Davon betroffen sind vor allem Familien in entlegenen Gebieten, wo eine Reise zum Gemeindebüro tagelang dauern kann und den Familien zu teuer zu stehen kommt. Um diese Missstände aufzuheben, haben sich zivile Organisationen zu einer Allianz zusammengeschlossen; gemeinsam mit den Gemeinden führen sie das Projekt “Recht auf einen Namen und eine Nationalität” durch. Es ermöglicht den Eltern, kostenlos die Geburtsscheine ihrer Kinder ausstellen zu lassen.
Die atlantische Küste zeigt mir noch einmal ein anderes Gesicht Nicaraguas: Die Region stand einst unter englischem Schutz, kreolische Wurzeln mischen sich mit denjenigen der Eingeborenen, hauptsächlich Miskitos.
In einem Mini-Flugzeug erreichen wir in einer Stunde die Hafenstadt Bluefields. Von dort aus fahren wir in pangas, kleine motorisierte Boote, ins entlegene Distrikt Laguna de Perla. Am Dienstag findet in einer Gemeinde die offizielle Übergabe der Geburtsscheine statt, und am Mittwoch geht’s nach einem kurzen Abstecher an den Strand nach Managua zurück.

Brian Hunter von Save the Children übergibt einer Mutter die Geburtsscheine ihrer sechs Kinder im Alter zwischen vier und sechzehn Jahren.

Ein Dorf im Distrikt Laguna de Perla, Atlantikküste Nicaraga

Kinder in Schuluniform in Karawala, einem Dorf im Distrikt Desembocadura del Río Grande, Atlantikküste Nicaragua

Mädchen in Karawala. Die Mehrheit der Eingeborenen an der Atlantikküste sind Zugehörige der Miskitos.
Freitag bis Sonntag, 27.-29. März 2009
Dieses Wochenende bin ich mit der Feuerwehr unterwegs. Ich soll beschreiben, wie verschiedenartig die Einsätze der Feuerwehrsleute sind, und dass sie oft alles andere tun als Feuer löschen. Sie helfen bei Kurzschlüssen und Bienennestern, sind die ersten vor Ort bei Strassenunfällen und kümmern sich um die Sicherheit des Präsidenten, wenn dieser im Hubschrauber landet. Ich begleite einen Feuerwehrmann auf seiner Tour am Freitag sowie die Nacht von Samstag auf Sonntag. Am meisten rückt die Ambulanz der Feuerwehr wegen Motorradunfällen und Streitereien aus. Alkoholkonsum ist oft im Spiel: betrunken wird gefahren, betrunken wird gestritten – verletzt wird mit Flaschen, Messern, Pistolen. Ich sehe in dieser Nacht viel Blut – in der Tat habe ich zuvor noch nie einen blutübergossenen Menschen gesehen, ausser in Spielfilmen – und bin ein bisschen stolz, dass ich die Nacht als Reporterin so souverän gemeistert habe.

Samstag um Mitternacht: Ein Mann kriegte einen botellazo, einen Schlag auf den Kopf mit einer Flasche. Der Feuerwehrsmann José Manuel Obregón (r.) hat an diesem Abend Ambulanzdienst. Er fährt den blutüberstroemten Mann in die Notfallstation eines Spitals. Da dort kein Bett mehr frei ist und die Aerzte die Kopfwunden auf der Barre der Ambulanz nähen, muss Obregón eineinhalb Stunden warten.
Montag, 30. März 2009
Heute treffen sich die Präsidenten der zentralamerikanischen Länder in San José, Costa Rica, mit dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Joe Biden. Dem Treffen wird eine grosse diplomatische Bedeutung beigemessen, insbesondere in wirtschaftlicher Hinsicht erhoffen sich die Länder ein Signal der Unterstützung durch die USA. Die Botschaft der USA lautet: Präsident Barack Obama will mit der Region zusammenarbeiten und gemeinsam auf eine Lösung der wirtschaftlichen Krise des Kontinents hinarbeiten. Der Präsident Nicaraguas, Daniel Ortega, glänzt durch seine Abwesenheit; er laesst sich durch seinen Vize-Aussenminister vertreten. Diese Nicht-Bereitschaft zum Dialog wird im Land heftig kritisiert, insbesondere auch von Vertretern der Wirtschaft. In der heutigen Ausgabe des Nuevo Diario erscheint einen lesenswerte Analyse darüber.
Dienstag, 31. März 2009
Es ist diese Tage heiss, so heiss, dass der Schweiss nur so heruntertröpfelt und man schon eine Stunde nach dem Aufstehen erneut unter die Dusche will. Schon am Morgen zeigt das Thermometer 30 Grad an. Zum ersten Mal flüchte ich richtiggehend in die Klimaanlage-gekühlte Redaktion, und bin gar nicht so traurig, wenn ich dort den ganzen Tag verbringe. Heute schreibe ich die Feuerwehrs-Reportage fertig.
Mittwoch und Donnerstag, 1.-2. April 2009
Ich treffe mich nochmals für Interviews mit einem Representanten von UNICEF sowie mit einem Beamten des Obersten Wahlgerichtshofs, weil mir einige rechtliche Zusammenhänge noch unklar sind. Ich schreibe den Bericht über die Registrierung der Kinder an der Atlantikküste fertig. http://www.elnuevodiario.com.ni/especiales/44986
Freitag, 3. April 2009
Ich bin unterwegs mit Marielle, einer Schweizerin, die in den 80er Jahren als Krankenschwester nach Nicaragua kam, um in Gesundheitsprojekten zu arbeiten und beim Aufbau des Landes nach der Revolution mitzuhelfen. In Ciudad Sandino, einer Kleinstadt fünfzehn Kilometer von Managua entfernt, besuchen wir diverse Projekte, in denen sich Marielle damals engagierte. Eines davon ist ein Hort für Kinder mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Autistische Kinder sind darunter; die meisten, verstossen von ihren Eltern, bleiben ihr Leben lang in diesem Hort.
Nach etlichen Besuchen solcher sozialen Institutionen habe ich den Eindruck, ohne internationale Hilfe scheint in diesem Land oftmals nichts zu gehen. Man erzählt mir: Dank der Unterstützung einer NGO, einer internationalen Kooperation etc. erreichten wir dies, verbesserten wir jenes, aber nun fehlt es uns an presupuesto, an Budget – sprich Geld, und der Staat uebernimmt nur die Haelfte, oder fast nichts, und jetzt ist alles noch schlimmer, die ökonomische Krise,… Ich bin mir bewusst, dass die Kooperationen ein Geben der Leute fordern und die Hilfsprogramme mehrheitlich gut geführt, die Ausgaben kontrolliert sind. Dennoch habe ich manchmal den Eindruck, viele Leute haben sich an die internationale Hilfe gewöhnt, das Nehmen wird zur Selbstverständlichkeit. Ist diese Erwartungshaltung vermeidbar? Ich denke nicht. Es ist eben auch eine menschliche Redaktion.

Marielle Vogler (l.) besucht die Kinder im „parajito azul“ in Ciudad Sandino. Im Hort leben um die hundert geistig oder körperlich behinderte Kinder. Gerade ist Tanzen im grossen Saal angesagt.
Montag, 6. April 2009
Ostern steht vor der Tür und praktisch niemand ist in dieser Woche erreichbar. Wem es sein Geldbeutel zulässt, fährt an den Strand, an eine Lagune oder zu Verwandten aufs Land. Mir fehlt noch eine Experten-Stimme für einen Artikel über Träume von Blinden. Nach fünf erfolglosen Anrufen bei Neurologen ist endlich ein Traumspezialist bereit, mich zu empfangen. Das Spital befindet sich eine halbe Stunde von der Redaktion entfernt, es ist schätzungsweise 35 Grad, und ich komme schon mal bachnass an. Leider seien dem Arzt noch zwei Patienten dazwischen gekommen, teilt mir die Rezeptionistin mit. Ich warte eine halbe Stunde, bis der erste Patient draussen ist. Leider könne er mich erst nach dem zweiten Patienten empfangen (so in 40 Minuten), so Rezeptionistin erneut. Aha. Ich verstehe einfach nicht, warum man mir das nicht vorher mitteilen kann, schliesslich hinterlasse ich immer brav meine Telefonnummer. So viel Zeit, Weg und Ärger würde dadurch gespart. Ich bräuchte doch nur fünf Minuten, insistiere ich, und denke: In der Zeit, in der die Rezeptionistin mit dem Arzt spricht, ob er mich nun empfangen könne oder nicht, hätte ich längst meine Fragen gestellt. Schliesslich kriege ich seine E-Mail-Adresse und erhalte die Antworten – zu meiner positiven Überraschung – schon tags darauf schriftlich zugestellt.
Dienstag, 7. April 2009
Xiomara, die Web-Verantwortliche, ist verzweifelt: ab Mittwoch bis Sonntag wird keine Zeitung gedruckt. Das heisst, dass auch die Website der Zeitung ausser durch internationale Agenturmeldungen während fünf Tagen praktisch nicht aktualisiert wird. Das bringt Xiomara auf die Palme. Dem Web werde einfach nicht die nötige Priorität beigemessen, schüttet sie mir ihr Herz aus. Und auch sonst gestalte sich die Zusammenarbeit mit den Print-Journalisten oft harzig. Die Online-Redaktion verfügt über keine eigenen Reporter, sondern besteht einzig aus drei Redaktoren, welche die Website aktualisieren, aber keine eigenen Inhalte generieren. Xiomara hat daher das Gefühl, den Printlern ständig hinterher rennen zu müssen. Diese wollten eben, meint sie, ihre News nicht fürs Netz preisgeben, weil sie sonst für die Zeitungsausgabe am folgenden Tag noch Mehrwert liefern müssten.
Mittwoch bis Freitag, 8.-10. April 2009
Nein, ich fahre nicht an einen der überfüllten Strände an den freien Ostertagen, sondern besuche eine Redaktionskollegin in der hübschen Kolonialstadt León und nutze die sonntägliche Ruhe in der Hauptstadt Managua, um nochmals ein paar touristische Spots abzuklappern. Impressionen:

Prozession durch die Innenstadt Leóns am Karfreitag

Warten auf die Karfreitagsprozession

Berühmt sind in León die aus Holzspänen gestalteten „Strassenteppiche“

Die alte Kathedrale Santiago de Managua hat das Erdbeben von 1972 überstanden, wurde aber 2000 wegen Einsturzgefahr geschlossen

Die neue Kathedrale Metropolitana de Managua (1993), charakteristisch wegen ihres „eierschachtelförmigen“ Dachs

Nationalpalast an der ‘Plaza de la Revolución’

Die 18 Meter hohe Metallfigur des sandinistischen Heldens Augusto César Sandino auf dem ‚Loma de Tiscapa‘ bei Managua
Montag, 13. April 2009
Bilanz der Osterwoche: 33 Ertrunkene, 18 Verkehrstote, 16 Ermordete – insgesamt 67 Tote innerhalb einer Woche im ganzen Land. Etwa soviel wie letztes Jahr zu Ostern, melden die Zeitungen. Und sonst: heut ist mal wieder Montagsflaute.
Dienstag, 14. April 2009
Meine letzte Geschichte, die ich diese Tage fertig schreibe, dreht sich um die Frage, wie Blinde träumen. Die Idee entstand an einem dieser Tage, an denen ich in der Redaktion mir selbst überlassen war. Ich spreche mit Blinden über ihre Träume im Schlaf – und was sie sich fürs Leben erträumen. Was dabei herausgekommen ist: http://impreso.elnuevodiario.com.ni/2009/04/28/especiales/100345
Donnerstag, 16. April 2009
Es ist seltsam, den Bürotisch aufzuräumen und daran zu denken, morgen nicht mehr hier zu sitzen. Der Tag vergeht zwischen Umarmungen und Posieren für Fotos, Glückwünsche zum Abschied. Ob ich denn wiederkomme? fragen mich meine Kollegen. Ojalá, antworte ich. Hoffentlich.

‚La periodista suiza‘: letzter Arbeitstag beim Nuevo Diario
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