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Stagiaires in Auslands-Redaktionen

Dieter Bachmann berichtet aus Dhaka

Dieter Bachmann, 31, ist seit Anfang November 2008 bis Ende Jahr Stagiaire beim Daily Star in Dhaka, der bedeutendsten englischsprachigen Tageszeitung in Bangladesch (Auflage: Rund 50’000 Exemplare, Website: www.thedailystar.net). Seit 2001 ist er für die Wirtschaftsredaktion der Basler Zeitung tätig, zuerst als freier Journalist, später als Volontär und schliesslich als Redaktor. Er hat an der Universität Basel Ökonomie studiert.

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Dieter Bachmann, Dhaka

4. November 2008

Nach einer gut zwölfstündigen Reise bin ich endlich am Dienstagmorgen in Dhaka gelandet. Kaum aus dem Flugzeug gestiegen, steht da schon jemand, der ein Schild mit der Aufschrift Dieter Batchman hält – und mich zum Einwanderungsschalter begleitet. Der junge Mann ist von Asif, meinem Gastgeber geschickt. Asif selbst, ein Bangladeshi anfangs dreissig, bei dem schon mehrere meiner Vorgänger gewohnt haben, treffen wir kurz darauf.

Auch der Koffer ist da - leider mussten ein paar Geschenke wie ein Liter Kirsch oder ein Bierhumpen, die mir meine Vorgänger mitgegeben haben, aus Gewichtsgründen in Basel bleiben (Sorry, Thomas…).

Im neuen Zuhause angekommen, nimmt mich sofort Asifs Vater («Just call me uncle!») in Beschlag. Der pensionierte Marineoffizier hat unzählige Ratschläge bereit, erfragt meine Familienverhältnisse (Vater? Mutter? Schwester? inklusive deren Wohn-, und Ausbildungssituation  und bietet seine Hilfe für alles an. Er erkundigt sich nach meinen Menuwünschen («You like beef? Vegetables?»), macht rasch ein Telefon und Minuten später steht ein Mann mit einem Sack Frischfleisch und einem Sack Gemüse im Wohnzimmer.

Doch für Essen oder Ausruhen bleibt kaum Zeit. Um 4.30 hat mich der Editor des Daily Star zu sich ins Buero bestellt. Nach einer rasanten Fahrt im dreirädrigen Motorradtaxi (CNG genannt, weil sie mit Gasantrieb fahren), sind wir sogar überpünktlich auf der Redaktion. Weil der Editor erst noch eine kleine Siesta macht, unterhalte ich mich mit Herr Jamaluddin, sowas wie dem administrativen Chef des Redaktionsbetriebes, auch er weiss bald detailliert über meine Schweizer Familie Bescheid. Schliesslich stellt mich der Editor einem Team von Redaktoren vor, die alle irgendeine Führungsfunktion haben. Es folgt ein kurzer Rundgang durch die Redaktion. Es fällt mir sehr schwer, eine Einladung zu den Jubiläumsfeierlichkeiten einer Schwesterpublikation des Daily Star auszuschlagen, die heute Abend stattfindet. Aber mir fallen die Augen zu. Rasch noch dies Zeilen schreiben und dann nach Hause zu Uncle!

Soeben ist der Strom kurz ausgefallen und die Redaktion liegt für Sekunden im Dunkel. Nur die Computer, die an eine Notstromversorgung angeschlossen sind, laufen weiter. Welcome to Bangladesh!

 

Mittwoch, 5. November 2008
 
Um fünf Uhr weckt mich der Muezzin, doch ich schlafe rasch wieder ein. Überraschung beim Gang ins Badezimmer am Morgen: Das Wohnzimmer und der Flur haben  sich in ein Schulzimmer verwandelt. Etwa sieben oder acht Kinder in Schulunformen sitzen herum, lesen vor, machen Aufgaben und grosse Augen und sagen freundlich “Good morning”. Zurück vom Duschen finde ich mein Frühstück neben dem Bett: Poulet an einer Sauce, Toast, Gurken und Tomaten sowie eine Art scharfe Rösti. Da ich erst um etwa 16 Uhr auf der Daily-Star-Redaktion sein muss, geht es auf eine kleine Erkundungstour in Old Dhaka, dem Stadtviertel in dem ich wohne. Mit einer Fahrradrikscha lassen sich auch die engsten Gassen befahren, wobei es ständig zu Staus kommt. Doch irgendwie kommen alle aneinander vorbei. Wie im Verkehr auf den grossen Strassen gilt: Hupen, Klingeln, Rufen, Winken und vor allem: Drängeln!
 
Am Nachmittag der erste eigentliche Arbeitstag. Ich erhalte vom Leiter des Wirtschaftsressorts verschiedene Artikel meiner Kollegen zum Gegenlesen, muss die Fehler korrigieren und einen Titel machen. Dieser darf ja nicht zu reisserisch sein. Die meisten Texte Zusammenfassungen von Pressekonferenzen, Diskussionsrunden. Aber auch ein Stück zur Wahl von Barack Obama. Diese wird von vielen Bangladeshi begrüsst (“Er kommt aus einfachen Verhältnissen!” “Er hat eine dunkle Hautfarbe” “Sein Vater war Muslim”). Ein Gratulationsschreiben vom Bangladesh-Obama-Fan-Club macht die Runde auf der Redaktion. Der Kollege neben mir erfährt um kurz vor acht Uhr abends, dass er gleich noch an eine Pressekonferenz muss. Es sind wichtige Regierungsleute dabei, da kann man nicht nein sagen.
 
Später zu Hause Abendessen mit der Familie. Als ich zu Bett gehe, sehe ich, dass ich mein Zimmer nicht nur mit zwei Goldfischen sondern auch mit einem Gecko teile. “Ach die sind harmlos,” sagt Uncle, im Islam seien sie sogar ein Zeichen für Glück in einem Haushalt. Na dann.

 

 

Donnerstag, 6. November 2008
 
Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, dass die beiden Hausdiener Sayful (25) und Jenufar (13) ständig in mein Zimmer kommen, manchmal auch ohne Grund. Aber in einem Land, in dem die Leute, zumindest die Männer gewohnt sind, einfach in den Strassengraben zu pinkeln, herrscht eine andere Auffassung von Privatsphäre.
 
Grosser Zirkus heute in der Stadt: Die Politikerin Sheik Hasina (Kopf einer der beiden grossen Parteien) ist zurück im Land. Ihre Anhänger haben Ihr einen grossen Empfang bereitet bei ihrer Fahrt durch die Strassen Dhakas. Davon bekomme ich allerdings nichts mit, ausser am Fernsehen. Am 18. Dezember finden die lange ersehnten Wahlen statt, die den Ausnahmezustand mit dem aktuellen “military backed caretaker government” an der Macht beenden sollen.
 
An der Arbeit geht es heute für mich eher ruhig zu. Nach der wöchentlichen Redaktionssitzung verzieht sich das Wirtschaftsteam erstmal in die kleine Kantine im obersten Stock für Tee, dünnen  Kaffee und Snacks.

 

Freitag, 7. November 2008

Wochenende! Oder so ähnlich zumindest… Jedenfalls muss ich nicht zur Arbeit. Es gibt ein reichhaltiges Frühstück zu Hause. Danach eine kleine Stadttour mit Asif. Während er die Staubschutzdecke von seinem Geländewagen nimmt, rüsten nebendran auf dem Boden in der Einstellhalle ein paar Männer Karotten für ein Festessen. Das Nebeneinander hier von Arm und Reich, Alt und Neu ist immer wieder aufs Neue beeindruckend. Dasselbe gilt für diese Kinder, die in vielen Familien als “Diener”, Haushaltshilfen, Kinderbetreuer etc. eingesetzt werden. Heute sei es schwieriger als früher zu solchem Hauspersonal zu kommen, sagt Asif, da viele Kinder von den Eltern in die Textilfabriken geschickt werden. Unsere Haushaltshilfen sind von der Köchin aus ihrem Dorf mitgebracht worden. Die Köchin selbst war (ist?) mit einem Mann verheiratet, der elf Ehefrauen hat… Auf der Stadttour sehen wir unter anderem das Gebäude der Nationalversammlung, das Louis I. Kahn entworfen hat.  

 

Sonntag, den 9. November 2008 

“Montag!” Eine neue Woche beginnt. Und zwar mit einer hübschen Überraschung: Mein Bild von der Deutsch-Bangladeshi Handelsausstellung hat es in den Daily Star geschafft. Und nicht nur das, es ist auch im Prothom malo erschienen, einer Tageszeitung in Bangla! Alle finden es sehr lustig – und ich muss in der Kantine eine Runde Tee spendieren. Meine grösste Herausforderung bei der Arbeit heute ist es, die Geschenke meiner Vorgänger loszuwerden. Ich habe ein Durcheinander mit den Namen, doch so langsam kann ich eines nach dem anderen dem richtigen Empfänger übergeben.

 

Montag, den 10. November 2008
 
Der Sieg von Obama beschäftigt die Leute hier wirklich. Eine Immobilienfirma gibt einen Rabatt von 10 Prozent auf den Kauf eines Apartments zur Feier seines Sieges. Neben allen Sympathien für den Schwarzen aus einfachen Verhältnissen mit Muslim-Vorfahren spielt bei der Begeisterung aber auch die Hoffnung mit, dass auch in diesem Land auf politischer Ebene ein Wandel möglich ist. Dass es anders geht. Die Leute haben die Nase voll von den beiden grossen politischen Parteien, der Korruption, den ewiggleichen Köpfen an der Spitze. Es ist ein riesiges Geplänkel vor den Wahlen im Dezember, ein Kräftemessen. Jede Partei versucht, den Ablauf der Wahl, wie etwa den Termin zur Einreichung von Kandidatenlisten zu ihren Gunsten zurecht zu biegen.
 
Ein weiteres Thema für die Titelseiten ist das Vordringen von Burma auf das Staatsgebiet von Bangladesh um im Meer nach Öl zu bohren.. An dem Konsortium für die Bohrungen sind unter anderem die südkoreanische Firma Daewoo aber auch chinesische und indische Unternehmen beteiligt. So bringt halt Bangladesh ein paar Kriegsschiffe in Position im Osten des Landes. Doch auf beiden Seiten gibt es Appelle, die Situation mit Verhandlungen zu klären, was auch versucht wird.

Der Blick aus meinem Bürofenster:

 

Dienstag, den 11. November 2008

Die Bangladeshi sind ein sehr freundliches Volk. Bis jetzt habe ich zumindest keine anderweitigen Erfahrungen gemacht. In Einzelfällen kann es allerdings leicht nervig werden. Toppon, der “Apotheker” in meiner Strasse ist so ein Fall. In der ersten Woche meines Aufenthaltes hat er etwa zweimal täglich angerufen (die Nummer hatte er noch von meinen Vorgängern) und zwei SMS geschickt. Doch mittlerweile hat sich das etwas gelegt. Auf dem Nachhauseweg mache ich halt einfach manchmal kurz einen Stop bei seinem Laden für einen kleinen Schwatz und schaue ihm bei seiner Arbeit zu. Ständig kommen Leute mit Beschwerden vorbei. Und er nimmt die (zum Teil schon etwas verstaubten) Verpackungen aus dem Regal, schneidet (meistens zwei) abgepackte Pillen ab und versorgt die angebrochene Packung wieder.

 

Donnerstag, 13. November 2008

Heute hat die Mannschaft unserer Zeitung das Cricket-Turnier zwischen den Teams der verschiedenen Medienhäuser aus Dhaka gewonnen. Leider habe ich die Regeln des Spiels noch nicht ganz begriffen, aber ich arbeite daran. Schliesslich ist diese Sportart hier so beliebt und verbreitet wie keine andere sonst und gehört zur Kultur des Landes.

Antrittsbesuch bei der Schweizer Botschaft und der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza). Besprechung möglicher Projektbesuche. Die Schweizer Hilfe für Bangladesh beträgt zwischen 15 und 20 Millionen Franken pro Jahr. Damit werden hauptsächlich Projekte finanziert, die es der Bevölkerung ermöglichen sollen, ein Einkommen zu generieren. Dazu gehört etwa die Unterstützung von Jugendlichen, die ins Berufsleben einsteigen. Unter dem Begriff “local governance” wird die arme Bevölkerung unterstützt, so dass sie ihre Interessen gegenüber den Behörden besser geltend machen kann. Künftig soll zudem auch Präventionsmassnahmen für Naturkatastrophen dazukommen, da Bangladesh immer wieder von Zyklonen und Überschwemmungen heimgesucht wird.

Morgen ist Freitag: Wochenende!

 

Freitag, den 14. November 2008

Heute war ich in Bashundara City (www.bashundharagroup.com), dem gemäss Eigenwerbung grössten Shoppingcenter von Südostasien. Auch wenn das ziemlich sicher nicht stimmt, ist es dennoch ziemlich eindrücklich. Auf acht Stockwerken sind unzählige Läden untergebracht. Eine Etage ist für Fastfood und Kino reserviert. Dennoch unterscheidet sich der gigantische Glasbau weniger von den alten Einkaufszentren der Stadt, als es die riesige Eingangshalle vermuten lässt. Die Anordnung der Geschäfte ist überraschend unspektakulär, kleine Läden mit einem ähnlichen Sortiment reihen sich in engen Gängen aneinander. Im Unterschied zu den Zentren in Old Dhaka, dem Stadtteil in dem ich wohne, sitzt das Verkaufspersonal (ausser den Sari-Verkäufern auf ihren Podesten) nicht am Boden und es hat eine Klimaanlage. Der Besitzer des Bashundara-Konglomerates, zu dem der Einkaufspalast gehört, hat sich übrigens vor einiger Zeit nach London abgemeldet – um der Justiz zu entfliehen, die ihm  wegen verschiedener Wirtschaftsdelikte auf den Fersen ist.

Dass hochrangige Personen kriminell sind oder gar im Gefängnis sitzen, ist für dieses Land an sich nichts Aussergewöhnliches. Genau das ist das Problem der BNP-Partei, die unter anderem mangels verfügbarer Spitzenkandidaten damit droht, am 18. Dezember nicht zu den Wahlen anzutreten – und auf eine Verschiebung pocht. Dies wiederum passt der anderen grossen Partei, der Awami League nicht. Verständlich, denn dieser sagen Umfragen einen klaren Sieg voraus. Und die militärgestützte Übergangsregierung, die das Land seit 22 Monaten im - mittlerweile gelockerten - Ausnahmezustand regiert, habe sich, so heisst es, innerlich schon abgemeldet und möchte die Führung an eine gewählte Regierung abgeben.



 

Samstag, den 15. November

Heute lege ich einen Kultur-Tag ein. Mit zwei Kollegen vom Daily Star besuchen wir am Nachmittag in einem stickigen Kino einen Bangla-Film. Der Titel heisst übersetzt in etwa „Oh mein Geliebter!“. Die Geschichte: Ein jugendlicher Rowdy verliebt sich in die hübsche Schwester des bösen Polizeikommandanten. Das kann nicht ohne viel Prügel, Tränen, Tanz und Gesang gehen – und dauert drei Stunden. Zu Beginn wird die Flagge von Bangladesh gezeigt, da heisst es aufstehen.

Während des Films gibt es vom Publikum viel Gejohle, Applaus und Zurufe an den Helden. Laut meinen Kollegen sind diese Billigproduktionen (die ganz in der Nähe unserer Redaktion gedreht werden) fast ausschliesslich ein Freizeitvergnügen der unteren Bevölkerungsschichten (Rikschafahrer, Hilfsarbeiter etc.), die sich den Eintritt in die modernen Kinos nicht leisten können und keinen Fernseher haben.

Am Abend besuche ich ein Konzert des pakistanischen Rocksängers Atif Aslam, der auch in Bangladesh sehr populär ist. Hier ist dann das obere Ende der sozialen Hierarchie anzutreffen.


 

Sonntag, den 16. November

Meine Familie macht sich Sorgen um mich: Ich esse zuwenig! All mein Beteuern, dass ich das Essen mag und hier sogar mehr esse als in der Schweiz (was beides stimmt), kann ihnen ihre Skepsis nicht ganz nehmen. Dabei gibt es zweimal am Tag Fleisch und Fisch in verschiedenen Zubereitungsarten – am ersten Tag auch zum Frühstück, aber das war mir dann doch ein wenig zuviel des Guten. Überhaupt ist Bua, die Köchin, von früh bis spät am Arbeiten, nimmt Hühner aus, entschuppt Fische (die vorher einen Tag lang im Badezimmer in Plastikeimer herumgezappelt haben).

Bei der Arbeit fällt es mir noch schwer, mich an eigene Artikel zu machen. Was für mich vielleicht spannend scheint, ist für die Kollegen kalter Kaffee. Bisher beschränke ich mich meist auf das Korrekturlesen und das Besuchen von Veranstaltungen zusammen mit anderen. Ein Bericht über einen Franzosen, der mit einer Rikscha von Dhaka nach Mumbai fahren will (www.carnet-rikshaw.com) ist abgelehnt worden. Jean-Louis, so heisst der Mann, hat sich darüber geärgert, dass Rikschawallahs (das die Berufsbezeichnung) in Reiseführern meist nur negativ wegkommen und überhaupt nur ein Dasein am unteren Rande der Gesellschaft fristen, obwohl sie mit ihren billigen Transporten eine wichtige Funktion im Alltag der Bangladeshi erfüllen.


 

Montag, den 17. November

Mit meinem Kollegen Reefat gehe ich zum Sekretär des Verbands der Baumwollspinnereien von Bangladesh. Er hat neue Zahlen zu den Baumwollpreisen. Nun wollen wir untersuchen, was der Rückgang für die einheimischen Kleiderverarbeiter zur Folge hat. Als wir nachher noch in Bashundara City (siehe 14. November) etwas trinken gehen, stossen wir auf eine andere mögliche Geschichte. In den Fastfood-Restaurants wird kein Coca-Cola mehr ausgeschenkt, obwohl überall noch die Zapfanlagen herumstehen: künftig wird es nur noch Pepsi geben.

Offenbar haben die Betreiber des Einkaufszentrums einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen. Das wäre eine Gelegenheit, den Getränkemarkt ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Reefat ist allerdings nicht so sicher, ob wir die Geschichte machen können. Schliesslich ist die Unternehmensgruppe, zu der die Pepsi-Vertretung gehört auch Besitzerin unserer Zeitung, des Daily Star... Mal sehen! Überhaupt diese Konglomerate: Hier gibt es viele solche "Group of Companies", welche die unterschiedlichsten Aktivitäten unter einem Holding-Dach vereinen.

 

Dienstag, den 18. November

Mit Fachleuten der Deza kann ich auf einen Ausflug nach Tangail, eine Gegend nördlich von Dhaka mitkommen. Um sieben Uhr morgens geht es los. Der Verkehrsstau ist schon um diese Zeit enorm. Doch langsam entkommen wir der Metropole. Bevor wir aber auf dem Land sind, wo es auf beiden Seiten der Strasse Reisfelder hat, müssen wir noch einen Industriegürtel durchqueren, in dem es viele Textilfabriken hat. Ich hoffe, während meines Besuches noch so einen Betrieb besuchen zu können. Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreichen wir die Jamuna-Brücke, die den gleichnamigen Fluss überspannt. Mit einer Länge von 4,8 Kilometer soll sie unter den längsten Brücken der Welt Rang 8 einnehmen. Doch wir überqueren sie nicht, sondern besteigen ein Boot und fahren flussabwärts.

Dort besuchen wir ein Dorf, das jedes Jahr monatelang überschwemmt wird. Zudem schrumpft die Ackerfläche fortlaufend aufgrund der Erosion des Flussufers. Wir befragen die Bewohner zu diesen Problemen, was sie dagegen tun, was man verbessern könnte. Der Ausflug ist Teil eines Workshops, bei dem die Teilnehmer lernen sollen, das Risiko von Naturkastastrophen in Entwicklungsprojekte einzubeziehen. Während der Zeit, in der das Dorf unter Wasser steht, werden Frauen und Kinder in einem anderen Dorf untergebracht. Vorräte werden hoch oben in den Hütten gelagert. Eine Verbesserung wäre es bereits, die Häuser bzw. das Fundament etwas höher zu bauen.

Ein paar Leute sagen, die Situation habe sich seit dem Bau der Jamuna-Brücke verschlechtert, da damals auch der Flusslauf etwas verändert worden sei. Historische Daten zu Ernteausfällen und Intensität der Überschwemmungen haben die Leute keine. Vielleicht ist der Ort auch einfach ungeeignet zur Besiedelung, doch eine Alternative haben die Leute nicht. Bei einem Wegzug würden sie das wenige Land, das sie noch haben, verlieren.

 

Sonntag, den 23. November

Als ich nach etwa zehn Tagen im Land zu husten begonnen hatte, habe ich als Grund die schlechte Luft hier in der Stadt vermutet – weit gefehlt. Der Grund dass ich und unzählige Leute mit leichten Halsschmerzen und Schnupfen zu kämpfen hatten, ist viel mehr der Wechsel der Jahreszeiten, „season change“. Ja, der Winter kommt auch in Dhaka. In Bälde wird es wohl nachts zu kühl, um nur mit einem T-Shirt bekleidet herumzugehen.

Uncle hat bereits sein Faserpelzhemd aus dem Schrank geholt und die Klimaanlage wird mit Zeitung eingepackt, da man sie jetzt ein paar Monate nicht mehr braucht. Aber eben, auch der Winter ist relativ: Die Wetterprognose sieht fuer die laufende Woche täglich Temperaturen zwischen 16 und 29 Grad vor. Die Voraussage für Dhaka liest sich folgendermassen:

Today: Plenty of sunshine
Monday: Nice with plenty of sunshine
Tuesday: Sunny and pleasant
Wednesday: Sunny and delightful
Thursday: Sunny and nice
Friday: Sunshine and humid
Saturday: Mostly sunny

 

Montag, den 24. November 2008

Mit dem Reporter Raihan besuche ich heute ein Heim für Strassenkinder. Dort haben die Betreuer eine kleine Bank eingerichtet, die von den Kindern selbst verwaltet wird.  Sie können dort ihre Ersparnisse, so klein sie auch sind, aufbewahren. Assaduzzaman (15), der seit etwa sechs Jahren in dem Heim lebt, hat über die Zeit etwa 11000 Taka angespart (etwa 200 Franken). Diese hat er seiner Familie geschickt, die ihn verstossen hat. Unterdessen arbeitet er in 12-Stunden-Schichten in einer Textilfärberei, sechs Tage die Woche. Er kann etwa 1000 Taka (18 Franken) pro Monat zur Seite legen.

Zum Bild rechts: Ein ehemaliges Strassenkind, zeigt das Schliessfach mit seinem ganzen Besitz.

Zurück auf der Redaktion die News zum 300-Milliarden-Dollar-Rettungsplan für die US-Bank Citigroup das wäre dann rund vier mal das Bruttoinlandprodukt, die volkswirtschaftliche Leistung, von Bangladesh, meint ein Kollege.

Nachtrag: Bangladeshs Banken sind durch ihren Fokus auf die Lokalwirtschaft weniger stark durch die Turbulenzen am US-Immobilienmarkt in Mitleidenschafts gezogen worden, als die Institute in den westlichen Industrieländern. Mein Chef beim Daily Star regt deshalb an, dass ich einen Artikel zur Finanzkrise aus Schweizer Sicht verfasse (Link:
http://www.thedailystar.net/newDesign/news-details.php?nid=68729).

 

Mittwoch, den 26. November 2008

Eigentlich reichen meine Bangla-Kenntnisse mittlerweile ja aus, um auf der Strasse ein Dreiradtaxi (CNG) für die Fahrt ins Büro zu organisieren. Das Vokabular reicht auch, um den Fahrer mit „links, rechts, geradeaus“ ans Ziel zu dirigieren. Doch der Hausdiener Sayful bietet sich jeweils trotzdem noch an, mit mir mitzukommen, um einen tieferen Preis auszuhandeln. Denn wenn die Fahrer einen „Bideshi“ (Bezeichnung für alle Nicht-Bangladeshi) sehen, verlangen sie verständlicherweise mehr. Während für Sayful alles über 80 Taka (1.35 Fr.) für die rund halbstündige Fahrt überrissen ist, lasse ich durchaus auch mal 100 Taka (1.75 Fr.) springen, und verzichte dafür darauf, mit drei verschiedenen Fahrern über den Preis zu diskutieren.

Es ist zu Beginn schwierig, abzuschätzen wie teuer oder günstig hier die Dinge eigentlich sind. So habe ich begonnen, mir mal kreuz und quer Preise von alltäglichen und nicht so alltäglichen Gütern aufzuschreiben (Tk 1 = 1,7 Rp., 1 Fr. = Tk 57)

  • 1 Fahrt mit der Rikscha von der Autoeinstellhalle zum Haus (drei Minuten) = 17 Rp.
  • 1 Kilo Reis (teure Sorte) = 68 Rp.
  • 1 Liter Benzin = 1.35 Fr.
  • 1 Schlüsseldienst kommen lassen, weil eine Zimmertüre von innen verschlossen war = 2.10 Fr.
  • 1 Zeitschrift „The Economist“ = 5.80 Fr.
  • 1 Monatslohn Arbeiterin in Textilfabrik = rund 50 Fr.
  • 1 Monatslohn Journalist Daily Star = rund 400-600 Fr.
  • 1 Aufrüstung eines Autos zum Betrieb mit Erdgas (sehr populär, da deutlich tiefere Treibstoffkosten) = 590 Fr.
 

Donnerstag, den 27. November 2008

Nachdem ich am Dienstag mit einem Kollegen einen Ausflug nach Sonargaon, die ehemalige Hauptstadt Bangladeshs, gemacht habe, ist heute nun der daraus entstandene Artikel in der Zeitung (http://www.thedailystar.net/story.php?nid=65063). Von “Stadt” kann allerdings nicht wirklich die Rede sein. Vielmehr ist es eine ländliche Gegend.

Nur eine Strasse mit verfallenden herrschaftlichen Gebäuden ist zu sehen. Doch ganz in der Nähe hat sich in den letzten Jahren ein Gewerbe ausgebreitet. Kleinunternehmer weben Drahtnetze, die etwa für Fenster (als Mückenschutz) benötigt werden. Andere wiederum stellen Netze her, die in Dhaka als Einkaufstaschen verwendet werden.

Donnerstag, den 27. und Freitag, den 28. November

Mit meinem Gastgeber Asif fahren wir zur Hochzeit eines Freundes in Narsingdi, etwa zwei Stunden ausserhalb von Dhaka. Als wir am Abend ankommen, ist das Essen schon fast vorbei und bald sind jung und alt am Tanzen. Tags darauf wird am Nachmittag noch mal mit der ganz grossen Kelle angerichtet. Eingeladen wurden 5000 Personen. Schliesslich werden je etwa 1200 Leute in drei Schichten mit einem reichen Mahl abgefertigt. Das ganze findet in einem Schulhaus statt.

Das gibt einen weiteren Eintrag für die Liste mit Preisen und Kosten:

1 Hochzeitsfeier (nicht die oben erwähnte), obere Mittelklasse Ehepaar, gut 1000 Gäste, mehrere Tage, mit allem Drum und Dran) = 20'000 Franken oder mehr... (dafür wird dann ein Kredit aufgenommen).

 

Sonntag, den 30. November 2008

Heute nimmt mich Uncle mit auf eine kleine Tour durchs Quartier. Wir besuchen eine Galvanisierwerkstatt und einen befreundeten Metzger. Dort werden gerade mal rasch sechs Ziegen geköpft und verarbeitet. Das Spektakel ist eine gute Vorbereitung für das Opferfest Eid, das dieses Jahr am 9. Dezember stattfindet. Dann werden überall auf der Strasse Kühe geschlachtet.

 
   

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Heute Morgen ist John McCains 11-stündiger Besuch in Bangladesh zu Ende gegangen. Ob er sich wohl überhaupt im offiziellen staatlichen Gästehaus aufgehalten hat? Was Grösse und Park anbelangt kann das Gebäude mit dem Weissen Haus durchaus mithalten. Sicher ist nur etwas: Wäre Obama gekommen, und sei es nur zur Zwischenlandung, der Wirbel um den Besuch wäre um ein Vielfaches grösser gewesen.

Nachdem der Wahltermin für die nationalen Parlamentswahlen auf den 29. Dezember verschoben worden ist, geht nun der Streit um die Gültigkeit der Nominationen los. So hat die Wahlkommission heute 76 aufgestellte Personen disqualifiziert, die einen Kredit nicht zurückbezahlt oder ihre Stromrechnung nicht beglichen haben.

 

Sonntag, den 7. Dezember 2008

Die ersten Vorboten waren die Strohbündel in den Strassen: Futter für die vielen Kühe, die übermorgen am Opferfest Eid überall geschlachtet werden. Heute gehe auch ich mit meiner Gastfamilie auf einen der vielen Viehmärkte, die für die Opfertiere an Eid kurzfristig aufgebaut werden. Nach stundenlangem Begutachten, Herumspazieren im Kuhmist, Preise vergleichen, und schliesslich feilschen haben wir es geschafft. Kurz nach Mitternacht haben wir einen Ochsen erstanden - überhaupt sind die angebotenen Tiere obwohl alle von Kühen sprechen, allesamt männlichen Geschlechts, wie 98 Prozent der Besucher auf dem Viehmarkt. Der Preis: Stolze 1650 Franken (inklusive Steuer). Das ist eher am oberen Rand dessen, was die Leute ausgeben (können). Das gekaufte Viech ist allerdings auch riesig. Kleine, magere Kühe gibt es auch schon für etwa 250 bis 300 Franken. In diesen Tagen war in der Zeitung die Rede davon, dass die Steuerbehörde dieses Jahr die Käufer von besonders teuren Tieren stichprobenweise unter die Lupe nehmen will, um allfälligen Steuerbetrügern auf die Spur zu kommen, die zwar Geld haben aber kein Einkommen versteuern. Rund dreissig Prozent der Kandidaten für die Parlamentswahlen versteuern übrigens auch kein Einkommen.

Der extra für die Zeit bis zur Schlachtung engagierte Kuhpfleger führt den Ochsen nach Hause. Wir folgen mit der Rikscha. Die Passanten, die alle nach dem Preis fragen, sind beeindruckt. „Nobboi, nobboi“ (nobboi = neunzig(tausend)) wiederholen sie anerkennend. Vermutlich ist dieser Moment Bewunderung mit ein Grund, weshalb manche Leute bereit sind, viel Geld für eine Kuh (oder mehrere) auszugeben. Neben der Befolgung des Korans natürlich, der von den Gläubigen verlangt, das Wertvollste aus ihrem Besitz zu opfern. Ganz so wie Allah es einst von Ibrahim gefordert hat. Als dieser bei seinem Sohn das Messer anlegen wollte, hat der Allmächtige diesen dann freundlicherweise durch ein Tier ersetzt. Zu Hause angekommen, wird das Tier von allen begrüsst. Die erste Nacht darf es im Hausflur verbringen.

Montag, den 9. Dezember 2008

Nach der Rückkehr aus der Moschee am Morgen gilt es ernst: Versammlung im Hinterhof. Dem Ochsen geht es an den Kragen. Den ersten Schnitt macht der Hausherr und Familienvater, „Uncle“. Dann übernimmt der Metzger und trennt denn Kopf ab. Nach letzten Zuckungen bewegt sich das Tier nicht mehr. Der Metzger eilt bereits wieder zum nächsten Termin – er wird dieses Prozedere heute 20-mal oder noch öfter machen, schätzt Uncle. Die Gehilfen des Metzgers beginnen sofort mit dem Abziehen der Haut und dem Ausschlachten und Zerkleinern des Fleisches. Ausser den Innereien landen alle Stücke auf einem einzigen Haufen.

Leider lässt es der Koran offenbar nicht zu, Entrecôte, Filet, Voressen etc. schön zu trennen, sonst könnte man ja in Versuchung kommen, den Armen nur die billigen Teile zu geben. Und sie kommen, die Armen! Sie stehen Schlange vor der Türe, um ihre Ration Fleisch abzuholen. Oft verkaufen sie diese dann an Restaurants weiter. Man empfiehlt mir, in nächster Zeit Rindfleisch zu meiden, wenn ich auswärts esse. Das wird mir nicht schwer fallen, da es auch zu Hause Rind en masse geben wird bzw. gibt. Kurz vor zwölf Uhr mittags wird es erst mal Leber serviert. Später ein Mittagessen mit Ragout. Was gibt es wohl zum Abendessen?

12. Dezember 2008

Start zur Kreuzfahrt in die Sundarbans, die MangrovenWälder im Süden!



 

13. - 16. Dezember 2008

Nach einer zehnstündigen Busreise durch die Nacht erreiche ich um fünf Uhr morgens die Stadt Khulna. Hier beginnt der angenehme Teil der Reise: Gemütlich tuckern wir kurz nach Sonnenaufgang auf dem Schiff M.V. Chhuti südwärts den Passur Fluss hinab. Nachdem wir Mongla mit seinem Hochseehafen passiert haben, verändert sich zu beiden Seiten des Flusses langsam die Vegetation und wir erreichen die Mangrovenwälder, die Sundarbans. Es ist mit 10'000 km2 die grösste noch erhaltene Fläche dieser Art auf der Welt. Ungefähr ein Drittel davon liegt auf indischem Territorium.

Sundarbans

Bei einer Station des Forstdepartements machen wir Halt und es steigen zwei bewaffnete Wächter zu. Sie werden uns später auf den Landausflügen begleiten und vor Tigern schützen. Allerdings sehen wir ausser ein paar Pfotenabdrücken auf der ganzen Reise nichts von diesen Raubtieren. Dafür ein dickes Krokodil, Delphine, Rehe, ein paar Affen (solche waren kürzlich auch auf unserer Dachterrasse in Dhaka zu Besuch) und viele Vögel.

Leider vergeht die Zeit mit Beobachten, Erkunden und Entspannen allzu schnell. Schon am 15. Dezember verlassen wir unseren Ankerplatz bei Kotka am Golf von Bengalen und nehmen wieder Kurs auf Khulna. Bei der Ankunft in Dhaka nach der Rückreise per Bus ist es definitiv Winter geworden: Die Temperatur fällt unter 15 Grad und der Himmel ist grau und trüb.

 

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Endlich weiss ich, woher meine Ikea-Geschirrtücher kommen! Mit dem Verantwortlichen für das Einkaufsbüro in Bangladesh kann ich eine Fabrik besuchen, die den schwedischen Möbelriesen beliefert. Der Betrieb liegt in einer Spezialzone beim Hafen in Chittagong, der zweitgrössten Stadt des Landes. Dort sind die Strassen für Bangladesh-Verhältnisse ungewohnt leer. Keine Fussgänger, keine Rikschas, keine Verkaufsstände. Hier kommen nur die Angestellten der vielen Textilfabriken hinein, und die sind derzeit am Arbeiten. Zum Beispiel beim Ikea-Zulieferer Qualitex, gemäss Firmenaussagen ein Vorzeigebetrieb. Durchschnittslohn der 1100 Arbeiter: 3000 Taka pro Monat (ca. 50 Franken), der gesetzliche Minimallohn beträgt 1662.50 Taka.

Auf dem Rückweg nach Dhaka verpassen wir fast das Flugzeug, weil ein Umzug von Parteiparolen rufender Aktivisten den Verkehr lahm legt. Sowas ist im Wahlkampf normal. Allerdings sind die Parteien dieses Mal stark eingeschränkt in ihren Aktivitäten. So gibt es etwa eine zeitliche Beschränkung für das Benutzen von Megaphonen und auch eigentliche Strassenblockaden werden nicht mehr toleriert. Die Wahlplakate dürfen nur schwarz-weiss sein, damit die Kandidaten nicht zuviel Geld verschwenden, und sie dürfen auch nicht an die Wände geklebt werden. So hängen deshalb überall kreuz und quer Plakate an Schnüren über den Strassen, was eigentlich ganz hübsch aussieht.

 

22. Dezember 2008

Besuch bei einem Studenten an der Dhaka University. Für die rund 4000 Studienplätze der besten öffentlichen Universität des Landes bewerben sich jedes Jahr über 100'000 Personen. Ist man einmal drin, sind die Semestergebühren und die Kosten für die Unterkunft in einem der Studentenhäuser relativ günstig. Was jedoch vielen Studenten auf die Nerven geht ist die totale Verpolitisierung des Studentenalltags. Also dass man etwa nur dann ein Zimmer zugeteilt erhält, wenn man an Parteiaktivitäten (Versammlungen, Umzüge, Propaganda) mitmacht. Dies habe sich in den letzten zwei Jahren unter der Interimsregierung etwas gebessert, sagt der Student.
Ein Tee-Verkäufer auf dem Campus ist nicht so optimistisch, ob das nach den Wahlen vom 29. Dezember so bleibt. Er fürchtet einen Rückfall in die Zeiten, als die Studenten von ihm umsonst Tee forderten, Schutzgeldzahlungen gang und gäbe waren und es oft zu gewalttätigen Zusammenstössen kam. 

Nachtrag: Leider hat der pessimistische Teeverkäufer vorerst recht behalten.
Kurz nachdem der Wahlsieg der Partei Awami League nach den Wahlen vom 29. Dezember feststand, hat deren Studentenorganisation damit begonnen, die Kontrolle über die Studentenhäuser mit Gewalt wieder an sich zu reissen und die Studentenorganisation der unterlegenen BNP zu vertreiben. Diese Aktion trifft auch Unbeteiligte, wie etwa meinen oben genannten Freund. Er wird von Aktivisten für kurze Zeit aus seinem Zimmer ausgeschlossen.

26. Dezember 2008

Weihnachten habe ich dieses Jahr ausgelassen. Wenn man die ganze Vorweihnachtszeit verpasst, ist das nicht so schwierig. Ausser einem Rentierschlitten mit Weihnachtsmann auf dem Hotel Sheraton ist diesbezüglich nichts zu spüren. Der 25. Dezember ist zwar ein offizieller Feiertag, doch die Journalisten arbeiten trotzdem – ich schreibe einen Artikel über Supermärkte fertig:

http://www.thedailystar.net/newDesign/news-details.php?nid=68728

 

29. Dezember 2008

Heute ist der grosse Tag. Nach sieben Jahren wählt Bangladesh wieder ein Parlament! Mit zwei Kollegen klappern wir von morgens früh bis am späten Nachmittag verschiedene Wahllokale ab, befragen Wähler. Schon tags zuvor sind Kollegen in alle Regionen von Bangladesh abgereist.

Als um acht Uhr früh die Wahllokale öffnen, haben sich bereits lange Schlangen gebildet. Frauen und Männer stehen getrennt an. Weil die Polizei Privatfahrzeuge beschlagnahmen kann, Motorräder verboten sind und bis auf Rikschas kaum jemand auf den Strassen fährt, kommen wir mit unserem Dreiradtaxi zügig voran - in Dhaka eine absolute Ausnahme.

Für Verwirrung sorgt an vielen Orten die Nummer, anhand welcher die Wähler im Wahllokal identifiziert werden. Sie muss zuvor auf einer langen Liste mit Hilfe der Identitätskarte herausgesucht werden. Es gibt viele Leute, die frustriert wieder nach Hause gehen, weil sie ihre Nummer nicht finden können.

Alles in allem läuft der Wahltag aber friedlich und ohne grössere Zwischenfälle ab. Armee, Polizei und die Spezialpolizei RAB waren auch sichtbar präsent. In der Nacht auf heute hat die Polizei zudem einen hohen Betrag Bargeld im Auto eines Verwandten eines Politikers sichergestellt. Der Verdacht: Damit sollen Stimmen gekauft werden. Eine Praxis, die durchaus üblich ist. Weniger gravierende Verstösse sind etwa der Massentransport von Leuten aus einem Slum zu den Wahllokalen durch Parteiaktivisten, in der Hoffnung, sie so für ihren Kandidaten zu überzeugen.

Als wir zurück auf die Redaktion kommen, herrscht bereits Hochbetrieb. Langsam treffen die ersten Resultate ein. Plötzlich Jubel im Buero: Ein berüchtigter Krimineller ist in seinem Wahlkreis nicht mehr gewählt worden. Weitere Wahlkreise kommen dazu und es sieht ganz nach einem deutlichen Sieg der Partei Awami League unter der ehemaligen Premierministerin Sheikh Hasina aus.

 

30. Dezember 2008

Im Morgengrauen mache ich mich auf den Nachhauseweg von der Redaktion. Der überwältigende Sieg von Awami League war für die Daily-Star-Kollegen ein Grund zum Feiern. Die Kantine auf dem Dach hat die ganze Nacht geöffnet. Freude herrscht über die Niederlage vieler korrupter und krimineller Politiker der Bangladesh Nationalist Party (BNP) und vor allem über das Absinken des BNP-Bündnispartners Jamaat, der Islamisten, in die Bedeutungslosigkeit. Die Zeitung gibt heute aus Anlass der Wahlen im Verlaufe des Tages noch zwei Extraausgaben heraus.

 

31. Dezember 2008

Kurz nach Mitternacht hat sich heute früh die grosse Verliererin der Wahlen, Khaleda Zia an die Medien gewandt. Sie spricht von einem Geheimplan gegen ihre Partei (ja, das gibt es nicht nur in der Schweiz). Schon während des Wahlkampfs hat sie – die Niederlage ahnend – Andeutungen in die Richtung gemacht, das Militär und eine fremde Macht (gemeint ist Indien) hätten sich gegen sie verschworen. Internationale und nationale Beobachter sprechen von fairen und freien Wahlen.

Trotz allem ist die Lage soweit ruhig. Für den heutigen Silvesterabend hat die Polizei einzelne Strassen für den Verkehr gesperrt und ihre Präsenz verstärkt, um allfälligen Ausschreitungen vorzubeugen. Das Militär, das sich zur Sicherung der Wahlen im Land verteilt hat, bleibt noch bis morgen auf Posten.

 

Freitag, den 2. Januar 2009

Der letzte Tag in Dhaka. Morgen früh geht mein Flug in die Schweiz. Ich hoffe, ich habe alle Leute verabschiedet, die ich nochmals sehen wollte. Jetzt heisst es packen. Und auch dieses Mal spiele ich Geschenkkurier. „Hast Du noch Platz in Deinem Koffer?“, haben die Leute vor etwa einer Woche zu fragen begonnen, „Könntest Du vielleicht...?“, „Für die Mutter meines Freundes...“, „Es ist ganz leicht...“ – Aber klar doch, gerne. Ich habe auch schon ein paar Ideen, was ich dann meinem Nachfolger, meiner Nachfolgerin beim Daily Star mitgeben werde.

 
ENDE