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| Stagiaires in Auslands-Redaktionen |
Kathrin Ammann berichtet aus Bolivien
Kathrin Ammann (1979) arbeitet im Januar und Februar 2012 bei der bolivianischen Zeitung Página SIETE in La Paz. Seit 2008 schreibt sie für die Nachrichtenagentur sda in Bern. Nach einem zweijährigen Praktikum und dem MAZ-Abschluss erhielt sie dort als Auslandredaktorin eine Festanstellung. Zuvor hatte sie drei Jahre als Lehrerin gearbeitet und anschliessend in Genf Internationale Beziehungen studiert. Kathrin wird einige ihrer Beiträge in Französisch verfassen.
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1. Januar 2012 – Das grosse Fest
Silvesternacht, 04.00 Uhr, Sucre, Bolivien: Gefühlte alle zwei Minuten stosse ich mit der Grossmutter meiner Gastfamilie auf das neue Jahr an. „Salud!“, sagt mir die 80-jährige Frau, hebt ihr Glas zum Anstossen in die Höhe und nimmt wieder einen Schluck Whisky. Ich habe vorsichtshalber beschlossen, beim Rotwein zu bleiben. Die Grossmutter findet aber, ich trinke nicht schnell genug und schenkt mir immer wieder nach, kaum ist ein bisschen weniger Wein in meinem Glas.
Seit gut zwei Stunden sitzen wir in der Wohnstube eines Onkels, der in der gleichen Strasse wie meine Gastfamilie wohnt. Zwei Männer singen zusammen Karaoke, alte mexikanische Schnulzen. Einer – ich denke wegen der bereits getrunkenen Menge Alkohol – bekundet etwas Mühe, den Text im richtigen Rhythmus zu lesen.
Während die einen singen, diskutieren die anderen plötzlich heftig. Es geht um den bolivianischen Präsidenten, Evo Morales. Wird 2012 mit Morales ein gutes Jahr oder nicht? Der Alkoholpegel erhitzt die Gemüter: Ein Onkel verlässt das Haus, angeblich weil seine Ehefrau während der Diskussion seinen Bruder beleidigt habe. Die Ehefrau geht ihm nach und kommt weinend – aber ohne ihn – zurück. Ihre ebenfalls anwesende Mutter tröstet sie und nun beginnt auch die Grossmutter neben mir zu weinen. Warum sie nun auch traurig ist, vernehme ich nicht, doch beschliessen darauf meine Gastmutter und zwei ihrer Schwestern, dass es nun Zeit sei, ins Bett zu gehen.
Ein Schwein für das grosse Fest
Schon auf dem Weg vom Flughafen zu meiner Gastfamilie war mir klar geworden, dass mich ein grosses Fest erwartet. Ob ich Vegetarierin sei, wollte Victor, der Sohn meiner Gastmutter im Auto als erstes von mir wissen. Meine negative Antwort schien ihn zu erleichtern: Das sei gut, sagte er, heute Abend gebe es nämlich ein ganzes Schwein. Es sei erst am Morgen extra für das grosse Fest geschlachtet worden.
Den ganzen Tag ging es geschäftig zu im Hof der Familie, alle hatten sie etwas für den Abend vorzubereiten. Vier Schwestern mit ihren Söhnen und Töchtern leben hier, Väter sind nur noch zwei da. Die Chefin des Hauses ist die Grossmutter.
Am Nachmittag fand ich doch noch etwas Zeit, mich nach meiner 33-stündigen Reise ein bisschen auszuruhen, um wenigstens halbwegs für den Abend gerüstet zu sein. Es kämen mindestens 30 Leute, bereitete mich Victor auf „la grande fiesta“ vor. Alle kämen sie um zu essen, zu trinken und zu tanzen.
Gegen 20 Uhr kam das zerstückelte Schwein in einen grossen Gasofen und mir wurde klar, dass das Fest erst spät beginnen wird. Zusammen mit Kartoffeln müsse es hier nun vier Stunden schmoren, erklärte mir Victor.
Warten auf Mitternacht
Gegen 23 Uhr trudelten die ersten Gäste ein. Zusammen mit ihnen setzte ich mich in die Stube, die zu einer Tanzfläche umgewandelt worden war: Die Stühle wurden an die Wände geschoben, laute Musik dröhnte aus den Boxen und in einer Ecke stand ein Tisch, der in allen Farben blinkte.

Auf einem weissen Tischtuch sitzen Maria und Josef und schauen auf das kleine Jesuskind, die drei Könige sind auf dem Weg zum Stall. Doch neben den mir bekannten Figuren hat es noch viele andere kleine Figürchen auf dem Tisch. Es sind Geschenke, die die Familie an Weihnachten für das Jesuskind hingelegt hatte.
Langsam aber sicher füllte sich die Stube und ich verlor die Übersicht bei all den Onkeln und Tanten und Kindern und Freunden. Alle warteten wir nun auf den Stühlen, dass es endlich Mitternacht werde. Bereits vorher drückte mir ein Onkel ein Glas Rotwein in die Hand, „damit das Warten etwas leichter fällt“. Andere gönnten sich schon ein erstes Glas Whisky.
Zwölf Trauben für zwölf Wünsche
Pünktlich um Mitternacht gingen wir in die Küche, in der ein schön gedeckter Tisch stand und stiessen mit Sekt an. Ein Onkel hielt eine kurze Rede und betonte, wie wichtig der Zusammenhalt der Familie und der gegenseitige Respekt seien. Danach umarmten sich alle und wünschten sich nochmals alles Gute für das neue Jahr. An jedem Platz stand ein kleines Tellerchen mit zwölf Trauben. Jede Traube steht für einen Wunsch für das neue Jahr. Ich musste nach sieben Trauben aufgeben, da mir die Wünsche ausgingen.
Danach ging es los mit Essen, es schmeckte super! Zum Fleisch und zu den Kartoffeln gab es Mais, Salat, Zwiebeln und Peperoni. Ich ass wohlerzogen alles, was mir auf den Teller geladen wurde, doch am Schluss platzte mir fast der Magen.
Ein schöner Einstieg
Mit einer bolivianischen Familie Silvester feiern, war für mich ein schöner Einstieg in das „andere Leben“, das mich hier während der nächsten zwei Monate erwartet. Nach einer Woche Spanischkurs in Sucre, werde ich mein Praktikum bei „Página Siete“ in La Paz kommende Woche beginnen. Ich bin gespannt. |
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9. Januar 2012 – Abstieg in die Zona Sur von La Paz
Von meiner Wohnung bis zur Schweizer Botschaft muss der Taxifahrer praktisch nie aufs Gaspedal drücken: Wir fahren runter, runter, runter in den Talkessel. Einige Strassen sind seht steil, einige breit, andere schmal, asphaltiert oder mit Pflastersteinen gebaut. Elegant weicht der Fahrer den Schlaglöchern aus – und gerät dabei immer wieder auf die Gegenfahrbahn. Wo das Auge hinschaut Häuser, die links, rechts und hinter uns die Hügel hinaufzuwachsen scheinen.

Die Talfahrt dauert rund zwanzig Minuten. Die Botschaft befindet sich in Obrajes, einem Quartier das schon zur Zona Sur gehört, dem tiefsten Punkt der Stadt (3200 Meter über Meer). Die Zona Sur gilt als Wohnviertel der wohlhabenden Schichten. Zudem befinden sich mehrere Botschaften in dieser Gegend, viele Ausländer wohnen hier.
In La Paz herrscht verkehrte Welt: Es sind die ärmeren Menschen, die hier in den höher gelegenen – und somit kälteren – Stadtteilen leben. Im Zentrum treffen sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen tagsüber wieder.
Gegründet wurde die Stadt 1548 von den spanischen Konquistadoren. La Paz war die Handelsstation zwischen der Hafenstadt Callao (Peru) und der damals boomenden Silbermetropole Potosí.
La Paz liegt im Canyon des Río Chokeyapu. Westlich der Stadt, auf der Hochebene, liegt El Alto. Dort auf 4100 Meter über Meer befindet sich auch der internationale Flughafen. Zusammen zählen die beiden Städte rund 2 Millionen Einwohner.
Ein roter Kubus
Die Schweizer Botschaft, in der sich gleichzeitig auch die Büros der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) befinden, ist ein roter Kubus.

Unten am Empfang steht es dick geschrieben: „Bitte benutzen Sie aus Sicherheitsgründen den Aufzug“. Ich befolge die Aufforderung und steige im dritten Stock aus. Doch sofort fragt mich eine Frau auf Schweizerdeutsch, wen ich suche. Ich habe mich im Stockwerk geirrt... und unbekannte Personen, die ohne Begleitung des Personals unterwegs sind, werden sofort angesprochen.
Schliesslich finde ich Barbara Jäggi Hasler, die mich freundlich empfängt, einen Stock tiefer. Sie ist Assistenzkoordinatorin hier im sogenannten Kooperationsbüro der DEZA und lädt mich in ihr Büro ein. Dort erläutert sie mir in groben Zügen die acht Programme der DEZA in Bolivien. Zwei davon werde ich während meines Aufenthalts hier näher kennenlernen.
Wer bereits jetzt mehr über die Arbeit der DEZA in Bolivien erfahren möchte, kann sich hier einen ersten Eindruck verschaffen:
“¡Paciencia por favor!”
Auf dem Rückweg – diesmal muss der Taxifahrer aufs Gaspedal drücken, denn es geht nun steil den Berg hinauf – mache ich einen Zwischenhalt in einem Geschäft von viva, einem der drei Netzwerkbetreiber in Bolivien. Ich kriege die Nummer 67 und stehe eine knappe Stunde Schlange.

Offenbar um uns das Warten zu erleichtern, dröhnt laute Musik aus den Lautsprechern: Auf einem grossen Bildschirm rocken unter anderen Brian Adams und David Bowie. Ich habe leichte Kopfschmerzen und frage mich, ob es an der Beschallung liegt oder an der Höhe hier in La Paz. Was wohl die anderen Wartenden denken mögen? Einige starren auf den Bildschirm, viele ins Leere.
Schon in Sucre war ich angestanden, um mir eine SIM-Karte von viva zu kaufen. Obwohl ich nur eine Prepaid-Karte wollte, musste ich mich registrieren lassen. Mit einer Kopie meines Passes in der Tasche wurde ich zweimal in ein anderes Büro geschickt, bis sich mir ein junger Mann schliesslich erbarmte. Die offizielle Erklärung für die Registrierung lautet, dass damit Diebstähle verhindert werden sollen (zum Beispiel dass ein gestohlenes Handy nicht weiterverkauft werden kann). Kritiker sehen darin einen Schritt in Richtung Überwachungsstaat.
Nach meiner Ankunft hier in La Paz musste ich feststellen, dass mein Handy nicht mehr funktionierte. Einheimische, die ich darauf ansprach, erstaunte das gar nicht. Ich müsse in einem Geschäft von viva vorbeigehen, rieten sie mir.
Als schliesslich die Nummer 67 aufgerufen wird, regelt eine nette Angestellte mein Problem mit zwei Mausklicks. Was genau sie gemacht hat, bleibt mir ein Rätsel, aber das Handy funktioniert nun auch in La Paz. |
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15 janvier 2012 – Observations de la fenêtre
Le petit garçon en face de ma fenêtre vit sur la terrasse. C’est au moins l’impression que j’ai en l’observant. Il y passe sa journée. Tôt le matin il se lave les dents au lavabo situé à l’extérieur et après il lave du linge et l’étend, le soir il l’enlève. Parfois il fait aussi la vaisselle, seul ou, je le suppose, avec sa grand-mère. Quand je rentre, il y est encore. Il observe ce qui se passe dans la rue, toute fois sans descendre. Il regarde aussi beaucoup les jeunes qui jouent au foot ou au basket jusqu’à tard le soir sur les terrains situés en face de nos maisons.
L’autre soir un jeune avait cassé la vitre d’un appartement avec une balle de foot ! Sans l’avoir fait exprès, bien sûr. Toute de suite plusieurs fenêtres se sont ouvertes – la mienne aussi – et des têtes ont apparues. Le malheureux a traversé la route et est venu voir la propriétaire. L’affaire a semblé rapidement et pacifiquement réglée.


Juste à côté des terrains de sport, les chauffeurs de minibus du quartier passent tous les matins pour se faire enregistrer. Un homme avec un casque rouge court sans arrêt d’un bus à l’autre, une feuille et un stylo dans la main pour noter quels chauffeurs travaillent. Ceux-ci sortent de leurs bus pour manger un plat chaud que sert une femme dans un tout petit stand. Ils restent debout en mangeant dans leurs assiettes et discutent. Quelques-uns profitent de la pause pour laver leurs véhicules.


Sopocachi – un quartier tranquille
J’habite au quatrième étage d’une maison dans le quartier de Sopocachi, un des quartiers les plus anciens de La Paz. Il est situé entre le Centro de la ville et la Zona Sur. Pour quitter la maison à pied vers le centre, tout va bien, ça descend. Parfois, quand je suis courageuse, je rentre à pied, mais la plus part du temps, je l’avoue, je prends un taxi ou un minibus.
J’ai l’impression que c’est un quartier tranquille. Des gens promènent leurs chiens dans la rue, parfois encore tard dans la soirée. A part les chiens tenus en laisse il y’en a aussi pas mal en liberté, mais ils ont l’air de bien s’entendre. Il y a des amoureux qui passent, des femmes habillées traditionnellement avec un petit enfant sur le dos dans un tissu coloré et des hommes d’affaire. Parfois il y a un monsieur qui passe en portant un sac lourd et qui crie « périódico !». Il vend le journal aux intéressés qui sortent de leurs maisons. Une fois j’ai aussi vu un monsieur qui portait des balais sur son dos et qui cherchait des acheteurs.

Quand j’entends un klaxon aigu et le moteur d’un petit camion, je sais maintenant que c’est le signe pour tous les gens qui souhaitent changer leur bouteille de gaz. Un adolescent se trouve derrière sur le camion pour décharger des bouteilles pleines et reprendre les vides. On s’échange un petit mot, les gens paient leurs nouvelles bouteilles et le camion s’en va en klaxonnant.
Le soir il n’y a que très peu de voitures qui passent. J’entends surtout les joueurs de foot. Avec un peu de chance, le ciel est dégagé et la silhouette majestueuse de l’Illimani apparaît qui veille sur la ville de La Paz dont les lumières commencent à s’allumer.

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20. Januar 2012 – Einblick in die Tageszeitung Página SIETE
Der blaue Wolkenkratzer ragt in den Himmel von La Paz. Einer der drei Glaslifte funktioniert meistens, so dass ich nur selten die Treppe hochsteigen muss, um in den 18. Stock des Gebäudes zu gelangen. Mindestens zwei junge Damen sitzen am Empfang von Página SIETE, wo sich die Angestellten täglich bei ihrer Ankunft mit Name und Zeitangabe einschreiben müssen.

Die meisten Journalisten gehen morgens direkt an den Ort, über den sie berichten werden. Mit Verónica, die für die Rubrik „Gesellschaft“ schreibt, war ich letzte Woche an der Eröffnung einer viertägigen Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Diktaturen in Lateinamerika. Alle Journalisten warteten auf den Bürgermeister von La Paz und stürzten sich buchstäblich auf ihn, als er den Saal betreten wollte. Die Fragen, die er beantworten musste, hatten aber überhaupt nichts mit dem Anlass zu tun...

Diese Woche waren wir auf dem grössten Friedhof der Stadt. Dort sollen mehr als 60 Leichen von Obdachlosen kremiert werden, die (zu) lange in einem Leichenhaus lagen, ohne dass sie jemand vermisste. Zum Friedhof zu gelangen war eine regelrechte Herausforderung, da die Buschauffeure von La Paz an diesem Tag streikten und die Hauptverkehrsachse der Stadt blockierten. Sie demonstrierten gegen ein neues Gesetz, das strengere Regeln bezüglich Sicherheit, Fahrplan und Tarife vorsieht.

Ein andermal durfte ich Sergio (ebenfalls von der Rubrik „Gesellschaft“) nach El Alto begleiten. Wir besuchten dort ein Museum, in dem drei alte Ekekos hinter einer Glasvitrine sitzen. Die kleinen Puppen sind Gottheiten der Aymara und stehen für Wohlstand und Fruchtbarkeit. Sie sind umgeben von Geldscheinen, Nahrung, Autos, Häusern und Babies in Miniaturausgabe. Zum Alasita-Fest am 24. Januar kaufen die Paceños (Bewohner von La Paz) diese kleinen Gegenstände in der Hoffnung, dass sie sich eines Tages in Originalgrösse verwandeln.
Ein Mann erzählte mir, er habe sich letztes Jahr ein kleines Auto gekauft. Einige Monate später habe ihm ein Freund den Kauf eines richtigen Autos zu einem guten Preis angeboten. Vielleicht kaufe er sich dieses Jahr einen Landrover in Miniaturausgabe...

Zu wenig Platz im Büro
Nach dem Mittag kommen die Journalisten jeweils ins Büro, um das Seitenlayout zu besprechen und zu schreiben. Die Platzverhältnisse hier sind für mein Verständnis sehr prekär. Auf dem Tisch ist kaum Platz für meinen Laptop und meine Wasserflasche. Wenn ich mich ein bisschen bewege, stösst mein Stuhl mit den Stühlen meiner Nachbarn links, rechts und hinter mir zusammen.
„Wir wachsen ständig und sind auf der Suche nach grösseren Büros“, sagt mir die Personalchefin Maria Isabel. „Schau, in diesem Büro waren wir früher drei Personen, nun sind wir zu fünft.“ Heute arbeiten insgesamt 101 Personen für Página SIETE, noch im September 2011 waren es drei weniger. 42 der Angestellten sind Journalisten, wobei eine Person bis zu zwei Seiten pro Tag schreibt!
Zweiter Geburtstag Ende April
Página SIETE ist eine junge Zeitung. Vor knapp zwei Jahren, am 24. April 2010 erschien ihre erste Ausgabe. Kurz zuvor gelangte eine der bedeutendsten Tageszeitungen Boliviens, La Razón, in venezolanische Hände (wer genau hinter dem Kauf steht – Privatpersonen oder die Regierung – scheint bis heute nicht klar zu sein). Der ehemalige Besitzer von La Razón, der Unternehmer Raúl Garáfulic Lehm, gründete darauf Página SIETE. Viele Journalisten, die vorher für La Razón gearbeitet haben, schrieben heute für Página SIETE.
Die 22 Angestellten in der Druckerei in El Alto drucken unter der Woche durchschnittlich 6400 Exemplare, am Sonntag sind es rund 9600 Ausgaben. Praktisch alle Artikel werden auch (gratis) auf dem Internet veröffentlicht: www.paginasiete.bo/
Am Sonntag kostet die Zeitung mit 7 Bolivianos etwas mehr als die Wochenausgabe (5 Bolivianos). 7 Bolivianos entsprechen rund einem Schweizer Franken. 22 Prozent der Bevölkerung in Bolivien mussten 2011 mit weniger als 2 US-Dollar pro Tag auskommen, das Bruttoinlandprodukt pro Kopf betrug 1720 US-Dollar (Quelle: Weltbank). Die meisten Bolivianer informieren sich denn auch nicht, indem sie eine Zeitung kaufen. Wichtigere Informationsquellen in Bolivien sind Radio und Fernseher.

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22. Januar 2012 – Plurinationaler Staat Bolivien feiert Geburtstag
Die Strasse vom Prado, der Hauptverkehrsachse von La Paz, zum Plaza Murillo ist steil. Nach knapp drei Wochen hier in La Paz kann ich aber nicht mehr der Höhe die Schuld geben, dass ich ins Keuchen komme... Auf dem Plaza Murillo findet heute ein Fest statt: Der Plurinationale Staat Bolivien feiert sein zweijähriges Bestehen.
Zum Platz wo sich der Präsidentenpalast und das Parlamentsgebäude befinden, gibt es erstmal kein Durchkommen. Die Rückwand einer Bühne und Männer in Uniform versperren den Zugang. Einer der Männer erklärt mir den Weg, den ich nehmen müsse. In allen Strassen, die zum Platz führen, stehen schwarze Autos mit verdunkelten Scheiben, Panzer und bewaffnete Männer. Polizei? Militär? Private Sicherheitsleute? Es ist mir nicht möglich, ihre verschiedenen Funktionen an den Uniformen abzulesen.


Auf dem Platz stehen die Menschen vor zwei grossen Bildschirmen, die die mehrstündige Rede von Präsident Evo Morales im Parlament übertragen. In seinem Rechenschaftsbericht vor den Abgeordneten hebt Morales vor allem die Erfolge seiner Regierung hervor. So bezeichnet er beispielsweise die Nationalisierung von Gas und Öl als wichtige Eckpfeiler seiner Präsidentschaft: Zwischen 2006 und 2012 seien durchschnittlich 31 Millionen Kubikmeter Gas gefördert worden. Im Vergleich zum Zeitraum 2000 bis 2005 sei das eine Steigerung um fast das Doppelte.
Die Menschen vor den Bildschirmen diskutieren. Ab und zu pfeifen sie, als wären sie nicht zufrieden, mit dem was Morales erzählt. Andere kaufen sich an einem Wurststand etwas zu essen oder tanzen und musizieren. Auf der Strasse rings um den Platz machen sich einige bereits in ihren verschiedenen Trachten und mit ihren Instrumenten bereit für den Umzug, der nach der Rede stattfinden wird.


Trotz des trüben Wetters leuchtet der Platz in allen Farben. MAS-Anhänger tragen die schwarz-weiss-blaue Fahne ihrer Bewegung zum Sozialismus, andere schwenken die rot-gelb-grüne Nationalflagge und auch die vielfarbige Fahne der indigenen Bevölkerung – seit 2009 der Nationalflagge gleichgestellt – ist zu sehen.
Warten auf Morales
Es beginnt zu regnen. Die Restaurants und Kaffees in der Nähe des Platzes sind wegen des Anlasses praktisch alle geschlossen. Zusammen mit Soldaten, anderen Touristen und Besuchern finde ich Unterschlupf in einem Fastfood-Restaurant. Einige harren auf dem Platz aus und warten, dass Morales endlich auf dem festlich geschmückten Balkon des Präsidentenpalasts erscheint.


Im Fastfood-Restaurant kommt plötzlich Bewegung auf. Einige Soldaten lassen ihre Hamburger ungegessen liegen und verlassen das Lokal. Zurück auf dem Platz blicken nun alle gespannt zum Balkon. Morales erscheint zusammen mit dem Vizepräsidenten, Alvaro García Linera und hochrangigen Militärs auf dem Balkon. Sie winken den Menschen auf dem Platz zu, der Umzug beginnt. Später treten verschiedene Musikgruppen auf, die Menschen tanzen und feiern.

Bolivien hat seit dem 25. Januar 2009 eine neue Verfassung. 61% der Bevölkerung stimmten damals für die Verfassung, die die multiethnische und plurinationale gesellschaftliche Realität des Landes anerkennt. Rund ein Jahr nach dem Referendum wurde der Plurinationale Staat Bolivien offiziell gegründet.
Das bisherige Staatskonzept Boliviens war stark durch westliche Werte geprägt. Die neue Verfassung sieht vor, auch die Werte der bolivianischen indigenen Völker gezielt zu fördern. Sie gewährt den 36 ethnischen Gruppen des Landes neu definierte Rechte (Zugang zu Land und natürlichen Ressourcen, Vertretung in den staatlichen Organen).
Kritische Stimmen
Nicht alle Bolivianer sehen im zweiten Jahrestag des Plurinationalen Staates einen Grund zum Feiern. Mehrere sagten mir, sie würden nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen, dies sei nicht ihr Fest sondern das der MAS. Sie entrüsteten sich über die Kosten der feierlichen Anlässe, die in allen neun Departementen des Landes stattfanden (300'000 Bolivianos – rund 39'400 Schweizer Franken).
Im Vorfeld der Feier sprachen vor allem regierungskritische Medien nicht nur über die Kosten des Anlasses (wieviel die früheren Staatsfeste gekostet haben konnte ich übrigens nirgends lesen). Auch erwähnten sie die verschiedenen sozialen Konflikte, mit denen die Regierung Morales konfrontiert sei.
International am meisten bekannt ist wohl der Steit um den Bau einer Strasse durch den als indigenes Territorium anerkannte Nationalpark Isiboro Secure (TIPNIS). Ein Protestmarsch von mehr als 1000 indigenen Bewohnern aus dem TIPNIS-Territorium unter der Führung der Organisation CONISUR wird noch in dieser Woche am Regierungssitz in La Paz erwartet. Die Protestierenden fordern, dass die Regierung ein Gesetz vom vergangenen Herbst annulliert. Das Gesetz schützt den Nationalpark und macht den Bau der Strasse unmöglich. Es wurde erlassen, nachdem Gegner des Strassenbaus vergangenen Herbst bis nach La Paz marschiert waren.
Wer mehr über den Konflikt wissen möchte, findet hier eine > Übersicht. |
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24. janvier 2012 – Alasita – La fête de l’abondance
Il suffit de suivre les gens dans la rue pour trouver la foire : Comme des fourmis ils sortent de leurs maisons et lieux de travail pour acheter une chose qu’ils désirent posséder : une voiture, une maison, de l’argent (bolivianos, dollars, euros), un contrat de travail, un bébé, une carte bleue, un passeport, une valise, des diplômes, un papiers de divorce, de la nourriture et un portable – en miniature bien entendu !

Bild: Elise Jaunet
L’idée, c'est que toutes ces petites choses se transforment en quelque chose de réel pendant l’année. Si je désire manger à ma faim, je vais acheter de la nourriture en miniature. Le Dieu de l’abondance, Ekeko, s’occupe de la transformation des choses, il les fait passer de miniatures à des choses grandeur nature.
La coutume dit qu’il faut que j’achète mon mini-objet avant midi. A midi, je vais à l’église pour que le prêtre bénisse les objets. Mais à la foire il y a aussi des femmes qui proposent de donner leur bénédiction au-dessus d’un petit feu de charbon.
J’observe un homme qui tient son petit camion au dessus du petit feu. La femme, assise, tient dans sa main une petite cloche qu’elle secoue, et dit des dictons que je ne comprends pas. Maintenant l’homme sort une petite maison de son sac de plastique. Il m’explique qu’il a besoin d’un camion dans son village pour pouvoir construire une maison. A la fin de la procédure il paye la femme et fait un signe de croix : le mélange de rituels religieux catholiques et andins est omniprésent.

La Paz est la ville la plus connue pour la fête de l’abondance en Bolivie. Le 24 février il y a des petits stands partout en ville, surtout autours des nombreuses places et à côte des églises. Dans les médias ils parlent de plus de 3000 commerçants désireux de vendre leurs objets manufacturés. Autour de midi on n’arrive presque plus à bouger, tellement il y a de gens.
Les stands qui se trouvent sur le terrain de la foire y restent pendant trois semaines. Ceux qui ne peuvent pas acheter Alasitas (en aymara ça veut dire « achète-moi ! ») le 24 février, peuvent donc le faire encore plus tard.
Ce ne serait pas une vrai fête s’il n’y avait pas aussi plein de possibilités d'acheter à manger pour les gourmands ou pour ceux qui simplement ont fin après une recherche épuisante de leur(s) objet(s) désiré(s). En particulier les stands avec les sucreries attirent mon attention. Une journaliste de Página SIETE me recommande d’y acheter à manger dans les premiers jours, après les produits ne sont plus frais, selon elle.


Deux autres journalistes m’offrent des billets de bolivianos et d’euros. «Pour que tu ne manques pas d’argent cette année », disent-ils en rigolant. Et un peu plus sérieux ils m’expliquent que le plus important c’est d’avoir la foi. Je ferais mes comptes à la fin de l’année… |
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25. Januar 2012 – Bolivianer in der Schweiz
Heute ist mein erster Artikel in Página SIETE erschienen. Vor meiner Ankunft in La Paz hatte ich in der Schweiz mehrere Bolivianer getroffen, die mir aus ihrem Leben erzählten. Dem Chefredaktor passte mein Vorschlag und so entstand ein Text zum Thema Bolivianer in der Schweiz.
Der Artikel lag schon eine Woche im Büro des Chefredaktors. Seine Idee war es, dass ich die Seite selber gestalte, doch fand nie jemand Zeit, mir das Programm zu erklären. Auch sind freie Arbeitsplätze hier eine Seltenheit, so dass ich keinen Zugang zum Programm hatte und sich das Vorhaben als etwas schwierig herausstellte.
Offenbar hat die Arbeit nun jemand anderes gemacht, denn bei meiner Ankunft im Büro entdeckte ich erstaunt meinen Text mit den Bildern auf der Doppelseite 20/21.
Der Verantwortliche der Rubrik Gente y Lugares hat den Text jedoch ziemlich stark umgeschrieben. So fanden beispielsweise Roger Federer, die Uhren und die Schokolade plötzlich auch noch ein Plätzchen auf den beiden Seiten. Zudem wird laut Text in der Schweiz neu Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch und Italienisch gesprochen. Die Rätoromanen mögen mir verzeihen...
Hier der Link zur Internetausgabe mit (leider) nur zwei Bildern. |
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30. Januar 2012 – Soziale Konflikte in Bolivien: Das Beispiel TIPNIS
Wieder sind sämtliche Strassen, die auf den Plaza Murillo führen gesperrt. Polizisten mit grimmigen oder teilnahmslosen Blicken versperren den Weg. Nur wer aus beruflichen Gründen die abgesperrte Zone betreten muss, wird durchgelassen, auf den Platz, wo sich der Präsidentenpalast und das Parlamentsgebäude befinden.
Nach einem 41-tägigen Fussmarsch kommen heute Anhänger der Gemeinschaft der Indigenen des Südens (CONISUR) in La Paz an. Sie protestieren mit ihrem Marsch gegen ein Gesetz, das den Bau einer umstrittenen Strasse durch den als indigenes Territorium anerkannten Nationalpark Isiboro Secure (TIPNIS) verbietet. Die Bewohner des Parks fordern den Weiterbau der Strasse, die das Tiefland-Departement Beni mit dem Hochland-Departement Cochabamba verbinden soll. Sie erhoffen sich dadurch eine Verbesserung ihrer Bildungs- und Gesundheitsversorgung.
Präsident Evo Morales hatte das Gesetz vergangenen Herbst auf Druck einer anderen Interessensgruppe Indigener erlassen. Die Aktivisten der Konföderation indigener Völker Boliviens (CIDOB) wehren sich gegen die Strasse, da sie die Natur zerstöre und ihre Siedlungsgebiete beeinträchtige. Sie befürchten einen Anstieg der illegalen Abholzung und eine Zunahme des Drogenschmuggels.
Erschöpfte Demonstranten
In den Strassen rund um den Platz stehen, sitzen und liegen sie: Alte Menschen, Kinder, Frauen und Männer. Sie sehen erschöpft aus, einige schlafen. Ihre Füsse sind gezeichnet vom langen Marsch in Flip-Flops oder Sandalen. Aus den Medien vernehme ich später, dass mehrere Personen während des Marsches und bei ihrer Ankunft in La Paz medizinische Hilfe in Anspruch nehmen mussten.

BILD 1 vom Krankenwagen
Ich fühle mich nicht wohl, habe das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Diese Menschen haben während mehr als einem Monat unglaubliche körperliche Strapazen auf sich genommen, um hier in La Paz von Morales empfangen zu werden. Erschöpfung aber auch Wut und Enttäuschung liegen in der Luft: Die Polizisten lassen die Menschen nicht bis zum Regierungssitz vordringen.
Die Gegner der Strasse, die am 19. Oktober in La Paz eingetroffen waren, durften bis auf den Platz marschieren. Die Bewohner von La Paz empfingen sie damals mit Applaus in den Strassen der Stadt. Der Marsch hatte kontroverse Diskussionen ausgelöst und war zwischenzeitlich von der Polizei gewaltsam aufgelöst worden, was Morales heftige Kritik einbrachte.
Demonstranten durchbrechen Polizeisperren
Die Befürworter der Strasse erhalten heute hingegen wenig Aufmerksamkeit. Die Menschen in La Paz gehen geschäftig ihren eigenen Aufgaben nach, einige versuchen den Demonstranten etwas zu Essen oder zu Trinken zu verkaufen.

Plötzlich kommt Bewegung auf. Es ist, als habe jemand ein Zeichen gegeben. Ich beschliesse nun endgültig, die Menschenmenge zu verlassen. Später höre ich in den Medien, dass sich die Demonstranten mit Gewalt Zugang zum Plaza Murillo verschafft haben. Es gab Verletzte, auch auf Seite der Polizei und der Medien.
Gegen Abend empfängt Morales schliesslich knapp 40 Repräsentanten der CONISUR. Nach dem Gespräch fordert er die verschiedenen Interessensgruppen dazu auf, sich untereinander zu verständigen, um eine von allen getragene Lösung zu finden.
Spekulationen in den Medien
Am nächsten Tag wird in den Medien spekuliert, der Marsch für den Bau der Strasse sei von der Regierung organisiert worden, die Demonstranten hätten Geld vom Staat erhalten. Morales wolle das Gesetz vom vergangenen Herbst wieder aufheben und diesen Akt durch den Marsch der Befürworter der Strasse legitimieren. Den Gegnern der Strasse hatte Morales damals vorgeworfen, sie würden von den USA unterstützt.
Die Pläne für den Bau der Strasse existieren seit mehr als 20 Jahren. Keine Regierung hat sie bisher umgesetzt, es kam immer wieder zu Protestmärschen, eine Lösung des Konflikts zwischen den verschiedenen Interessensgruppen wurde bisher keine gefunden. Die Mehrheit der Bevölkerung Boliviens spricht sich laut Medienumfragen für den Bau der Strasse aus.
Neues TIPNIS-Gesetz
Vier Tage nach der Ankunft der CONISUR-Demonstranten hier in La Paz, hat Vizepräsident Alvaro García Linera eine legislative Kommission beauftragt, ein neues TIPNIS-Gesetz auszuarbeiten. Dies sei nötig, da die verschiedenen Interessensgruppen sich nicht hätten einigen können.
Gegner des Strassenbaus warnen bereits, dies komme einer Aufhebung des Gesetzes vom vergangenen Herbst gleich und drohen mit einem neuen Marsch nach La Paz. Ein Ende des Konflikts scheint nicht in Sicht. |
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3 février 2012 – Article sur mes premières impressions de La Paz
Comment vois-tu La Paz ? Qu’est-ce qui saute en premier à tes yeux suisses ? Décris ce que tu vois ! Fais un petit encadré sur un aspect spécial, sur quelque chose que tu as vécu depuis ton arrivée.
Voilà les mots du rédacteur en chef et voilà le résultat apparu dans Página SIETE aujourd’hui.
L’encadré n’apparaît pas dans l’édition électronique. J’ai décrit la fête du nouvel an à Sucre (voir le premier texte de mon blog du 1er janvier 2012). |
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5. Februar 2012 – Tiwanaku: Auf den Spuren einer Prä-Inka-Kultur
Ein etwa 11-jähriges Mädchen kommt auf uns zu und macht uns ein Angebot: „Meine Eltern fahren euch zum gleichen Preis wie die Minibusse nach Tiwanaku. Sie bringen euch direkt zu den Ruinen. Die Minibusse hingegen laden euch an der Hauptstrasse ab, so dass ihr den restlichen Weg zu Fuss gehen müsst.“
Wir lehnen das Angebot höflich ab. Erstens rät jeder Touristenführer wärmstens davon ab, mit Unbekannten mitzufahren. Zweitens haben zwei unserer 5er-Gruppe mit privaten Angeboten tatsächlich bereits schlechte Erfahrungen gemacht: Eine „nette“ junge Frau hatte ihnen bei ihrer Einreise von Peru nach Bolivien angeboten, zusammen ein Taxi zu nehmen. Das komme billiger und sie müsse auch ins Zentrum von La Paz. Auf halbem Weg stieg ein (falscher) Polizist ein und durchsuchte das Gepäck der Passagiere. Kurz darauf forderte der Chauffeur die beiden plötzlich auf, sofort auszusteigen. Alleine zurückgelassen in einer verlassenen Strasse stellten sie fest, dass der Fotoapparat, der Laptop und alles Geld aus ihren Rucksäcken verschwunden waren.
Seit einer knappen Stunde stehen wir an einer Strassenecke in der Nähe des Friedhofes von La Paz. Im Touristenführer steht, dass hier die Minibusse nach Tiwanaku abfahren. Wir beschliessen, uns nochmals zu erkundigen: Polizisten, Strassenhändler und Passanten, alle sagen sie uns etwas anderes über Abfahrtsort und – zeit. Vielleicht ist es doch besser, einfach noch ein bisschen zu warten.
Schliesslich sitzen wir zusammengepfercht mit sieben anderen Personen in einem Minibus und brausen über die Landstrasse, die nach Tiwanaku führt, einer bedeutenden Ruinenstätte einer Prä-Inka-Kultur. Ich sitze zu hinterst im Bus. Platz für die Beine gibt es keinen und mit meinem Kopf berühre ich fast die Decke des Fahrzeugs. Meine Sicht beschränkt sich auf die Rücken der Passagiere, die vor mir sitzen. Es ist heiss. Mir wird halb schlecht, zum Glück geht es nur geradeaus!
Ein kühler Wind bläst uns entgegen als wir aussteigen. Wir befinden uns auf knapp 4000 Metern ü.M. und atmen erfreut die frische Luft ein, während wir zu Fuss von der Hauptstrasse zu der Ruinenstätte spazieren.

„Nur wenig ist bekannt über diese Zivilisation, die 600 vor Christus aufkam“, erklärt uns der Führer während wir dem Weg folgen, der uns zu einer 130 mal 120 Meter grossen Plattform führt (Kalasasaya). Es handle sich um einen rituellen Ort, einige der Mauern seien rekonstruiert worden.
Wohl am bekanntesten ist das sogenannte Sonnentor (Puerta del Sol). Es wurde aus einem einzigen Andesitblock (feinkörniger Vulkanstein) herausgehauen. Das Gewicht des rund drei Meter hohen Tors wird auf 44 Tonnen geschätzt. Die Forscher sind sich uneinig über die Funktion des Tores. Einige sehen darin eine Art Kalender, andere eine Opferstätte für die Sonne.

Hier in Tiwanaku feierten am 21. Januar 2006 Zehntausende mit einer Zeremonie nach dem Brauch der Aymara die Amtseinführung von Präsident Evo Morales. Die Menge mit Morales und den Priestern an der Spitze zog zu dem grossen Platz vor dem Sonnentor, wo der neue Präsident eine Rede hielt.
Wir steigen ein paar Stufen hinab in einen Tempel unter freiem Himmel. 175 Stein-Gesichter zieren die Mauern, einige sind nur noch sehr schlecht sichtbar. Der Führer kann uns die Bedeutung dieser Köpfe nicht erklären, die Forscher seien sich nicht einig. Auf der Internetseite der UNESCO steht, sie seien Symbole für die abgetrennten Köpfe von Feinden. Die Ruinenstätte von Tiwanaku gehört seit dem Jahr 2000 zum Weltkulturerbe: www.whc.unesco.org/en/list/567

Archäologen schätzen, dass die Stätte um 700 gebaut wurde. Wie all die Steine den Weg nach Tiwanaku fanden, bleibt laut dem Führer ein Rätsel. Angeblich hielt die Prä-Inka-Kultur keine Sklaven. In ihrer Blütezeit reichte der Einfluss dieser Aymara-Kultur von der pazifischen Küste bis zur (bolivianischen) Provinz Cochabamba. Auch Teile des heutigen Argentiniens gehörten zum Einflussgebiet dieser Zivilisation, die gegen 1200 nach Christus verschwand.
Ein grosser Teil von Tiwanaku wurde von den Spaniern während der Conquista zerstört. Sie brauchten die Steine, um Kirchen und Häuser zu bauen, das Gold gelangte nach Spanien. Einige Funde befinden sich heute in Museen in Europa.
Die Ruinen von Tiwanaku zählen zu den wichtigsten archäologischen Stätten Boliviens. Der Führer klagt, dass niemand Geld ausgeben wolle, um die Ausgrabungen voranzutreiben. Auch stehe kein Geld zur Verfügung, um die bereits gefundenen Gegenstände zu schützen. Im kürzlich neu gebauten Museum direkt neben der Ruinenstätte, bröckelt bereits in allen Räumen der Verputz von der Decke, dunkle Wasserflecken sind sichtbar.

Auf der Rückfahrt habe ich mehr Glück und ergattere einen Platz in der ersten Reihe des Minibusses. Im Licht der Abendsonne erreichen wir La Paz. |
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15. Februar 2012 – Oruro: Auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit
Wir stehen in einem grossen Raum mit drei Ehebetten. Der kalte Wind von Oruro bläst durch den fünf Zentimeter breiten Spalt über dem Fenster. Trotz dieser gewissermassen natürlichen Lüftung sticht uns ein beissender Geruch – ich vermute ein Putzmittel – in die Nase. Im unteren Stock des Hauses hat es ein WC – ohne Papier. Auch die Dusche suchen wir vergeblich.
Es ist Mittwochabend. Nach einer vierstündigen Busfahrt von La Paz nach Oruro holt uns eine Frau am Busbahnhof ab. Sie hat uns das Zimmer vermittelt, das ihr Nachbar uns während des Karnevals von Oruro vermieten will. Am Telefon sprach er von 50 Bolivianos (rund 6.50 Franken) pro Nacht und Person.
Als wir die drei Ehebetten sehen, müssen wir – fünf männliche Freunde und ich – lachen: Sprüche fallen und wir beginnen auszulosen, wer mit wem in welchem Bett schlafen wird. Doch das Lachen vergeht uns schnell, denn der Hausbesitzer verkündet nun, dass der Preis pro Person und Nacht auf 100 Bolivianos gestiegen sei.
Im Reiseführer steht, dass eine Übernachtung im Hotel oder bei einer Familie während des dreitägigen Karnevals in Oruro bis zu fünfmal mehr kostet als üblich. Davon, dass der Preis sich bei der Ankunft der Gäste verdoppelt, habe ich aber nichts gelesen. Er habe am Telefon verstanden, dass wir 17 Personen seien, rechtfertigt sich der Hausbesitzer. Wo er die weiteren 11 Personen hätte unterbringen wollen, sagt er uns nicht.
Alles was recht ist! Zehn Minuten später stehen wir mit unseren Rucksäcken (freiwillig) wieder auf der Strasse. Die Vermittlerin will nicht glauben, dass ihr Nachbar den Preis verdoppelt hat. “¿Qué hacemos ahora?“, fragt sie immer wieder. Schliesslich lädt sie uns in ihr Haus ein, wo sie mit ihrer Mutter und den zwei kleinen Kindern wohnt. Am Wohnzimmertisch sitzend suchen wir nach einer Lösung.
Um diese Uhrzeit scheint es uns unmöglich, sechs freie Betten zu finden. Der Karneval von Oruro ist eine der touristischen Hauptattraktionen Boliviens. Alle Hotels sind bereits einen Monat vorher bis auf wenige Betten ausgebucht. Eine andere Familie, die einen Teil ihres Hauses vermietet, kennt die Vermittlerin nicht.
Schliesslich schlägt ihre Mutter uns vor, die Nacht hier zu verbringen. Zusammen verschieben wir den Tisch, die Stühle und die Polstergruppe. Auch das Kinderzimmer wird kurzerhand zu einem Gästezimmer umgewandelt, die beiden kleinen Mädchen werden zusammen mit ihrer Mutter im Zimmer der Grossmutter schlafen. Dankbar nehmen wir das Angebot an.
Hungrig machen wir uns schliesslich noch auf die Suche nach einem Restaurant. Nur wenige Strassen sind hier, etwas ausserhalb des Stadtzentrums, geteert. Streunende Hunde wühlen in Abfallsäcken. Die Strassenlampen tauchen die Stadt in ein gelbliches Licht. In einem Minibus fahren wir in Richtung Zentrum.
Dort herrscht noch ein reger Betrieb. Arbeiter errichten Absperrungen und stellen die Tribünen entlang der mehr als drei Kilometer langen Karnevalstrecke auf. Mit weisser Farbe pinseln sie die Nummern der Sitzplätze auf die Holzbänke.
Auf dem Heimweg begegnen wir mehreren traditionell gekleideten Bauern. Sie werden morgen Donnerstag am autochthonen Karneval, der Anata,teilnehmen. In kleinen Zelten oder auf Plastikplanen, zugedeckt mit Wolldecken, verbringen sie die kalte Nacht in den Strassen. Ein Dach über dem Kopf können sie sich nicht leisten. |
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16. Februar 2012 – Anata Andina: Autochthoner Karneval in Oruro
Bereits um sieben Uhr in der Früh zieht die erste Gruppe der Anata Andina, des autochthonen Karnevals in Oruro, los. Tanzend und musizierend danken die Kinder, Frauen und Männer der Pachamama (Mutter Erde) für die Ernte des vergangenen Jahres. An der Spitze des Umzugs führen zwei kleine Kinder ein Lama an der Leine, das später geopfert wird.
Mehr als 80 verschiedene autochthone Gruppen nehmen an dem über drei Kilometer langen Umzug durch die Stadt teil, der den Karneval von Oruro einläutet. Viele der Bauern haben eine weite Reise vom Land in die Stadt hinter sich. Die Gruppen kommen aus den Provinzen Oruro, La Paz, Cochabamba und Potosí.
Die Teilnehmer tragen die Trachten ihrer Dörfer und spielen traditionelle Musikinstrumente. Die Frauen sind geschmückt mit Blumen, Früchten und anderen Symbolen der Ernte. Sie tanzen und singen zur Musik der Männer. Unermüdlich bewegt sich der Umzug fort.




Ab und zu machen die Gruppen eine Pause, stärken sich mit einem Schluck Alkohol und posieren kurz für ein paar Fotografen. Einige, insbesondere ältere Teilnehmer, wirken erschöpft. Doch es scheint, als wären sie in einer Art Trance. Nichts kann sie aufhalten, bis zum Ende des Umzugs weiterzumachen.
Gegen elf Uhr füllen sich die Zuschauertribünen allmählich. Die Menschen schützen sich mit Hüten und Schirmen vor der Sonne. Verkäufer suchen sich einen Weg durch die Menge und bieten Getränke, Sandwichs und Glace an. Es sind vor allem Einheimische, die das Spektakel verfolgen. Die meisten Touristen und Bolivianer aus anderen Städten reisen erst am Freitag nach Oruro, um am Samstag der sogenannten Entrada des eigentlichen Karnevals beizuwohnen.

Ich suche mir einen Weg durch die Menschenmenge in Richtung Iglesia del Socavon, wo der Umzug endet. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Einige Musiker hören gar nicht mehr auf zu spielen. Auf dem grossen Platz vor der Kirche tanzen und musizieren sie bis zur Erschöpfung weiter. Andere Teilnehmer gönnen sich ein kaltes Bier und kaufen sich an einem der vielen Stände etwas zu essen. Kinder bespritzen sich gegenseitig mit einer Art weissem Schaum aus einer Spraydose. Ab und zu fliegt ein Wasserballon durch die Luft. Ich beschliesse, meine Kamera nun in der Tasche zu lassen.



Am Abend treffe ich eine Tanzlehrerin aus Oruro in ihrem Haus, um sie für Página SIETE zu interviewen. Sie erklärt mir, dass die Anata Andina nichts mit dem eigentlichen Karneval vom Samstag zu tun habe. Viele der indigenen Gruppen nähmen erst seit etwa fünf Jahren an dem Fest teil. Die Tanzlehrerin – sie entwirft Choreographien für mehrere Tanzgruppen vom Samstag – ist nicht die einzige, die durchblicken lässt, dass ihr die Anwesenheit der autochthonen Gruppen nicht gefällt.
Andere Anwesende werden aber deutlicher und erklären mir, dass der Karneval durch die immer zahlreicher werdende Teilnahme der Indigenen an Glanz verloren habe. Die Stadt sei nun viel schmutziger und stinke während des Karnevals, da die Indigenen überall hinpinkelten. Schliesslich beginnt einer auch noch über den (indigenen) Präsidenten Evo Morales zu wettern.
Ich habe keine Lust, mir diesen einmaligen und eindrücklichen Tag durch solch rassistisch gefärbte Untertöne vermiesen zu lassen und verlasse das Haus der Tanzlehrerin daher gegen 21 Uhr. Die Strassen sind noch immer gefüllt mit feiernden Menschen. Der Alkoholpegel ist deutlich gestiegen. Ich steige in ein Taxi und lasse mich durch die Menschenmenge nach Hause chauffieren. |
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19 février 2012 – La folie du carnaval de Oruro
J’aimais dans ma vie je n’avais vu autant de gens, autant de musiciens, autant de danseurs et de danseuses qui dégagent une telle énergie, une telle joie contagieuse ! Avec chaque groupe qui passe, les spectateurs semblent être plus ivres. Ivres des couleurs des masques et des costumes magnifiques et de la musique qui les fait bouger sans qu’ils ne s’en aperçoivent.
La ville d’Oruro est bondée. Ce carnaval est une des attractions touristique parmi les plus importantes de Bolivie. Ceux qui ont de l’argent s’achètent une place sur un gradin, les autres cherchent à voir le défilé en grimpant sur un petit mur ou en s’installant un peu plus haut dans les rues. De grands écrans permettent aussi aux moins chanceux de jeter un coup d’œil sur ce spectacle unique.

Les premiers groupes démarrent à sept heures du matin. Pendant plus de trois heures ils jouent et danses sans arrêt. Il s’agit de danses différentes, comme par exemple la diablada, la morenada ou le tinku. Le dernier groupe arrive sur la place de l’église du Socavon vers quatre heures du matin !



Il s’agit d’une fête religieuse en l’honneur de la virgen del Socavon (la vierge de la mine). Les participants dansent pour la vierge, en espérant de pouvoir lui demander une faveur en échange de leur contribution. Il est (en principe) interdit aux participants de boire de l’alcool pendant le défilé. Les groupes qui ne respectent pas cette règle sont punis : on leur interdit de participer au carnaval l’année prochaine. Le dimanche, l’organisation est moins stricte. Les mêmes groupes refont le même défilé mais cette fois en l’honneur de Dios Momo (Dieu du plaisir), qui n’interdit pas la consommation de l’alcool. La fête dure jusqu’au lundi, puis Oruro retrouve sa vie normale.



C’est un grand honneur pour les groupes de participer au carnaval. Plus de 28 000 danseuses y danseurs, et plus que 10 000 musiciens défilent dans une cinquantaine de groupes différents.
Chaque participant paye entre 300 et 400 dollars pour pouvoir défiler. De plus, ils doivent payer leurs costumes qui coûtent jusqu’à 1 000 dollars pièce (le salaire minimum en Bolivie étant autour de 112 dollars par mois). C’est ce que m’a expliqué avec beaucoup d’émotions une professeur(e) de danse que j’ai rencontré mercredi soir. Elle semblait resplendissante de fierté quand elle me racontait que les spectateurs reconnaissaient les groupes auxquels elle avait enseigné les danses au cours de l’année.
Son enthousiasme pour cette fête était contagieux et me laissait espérer : d’après elle, le miracle du carnaval d’Oruro réside dans le fait que tous les gens sont capables de participer. « C’est comme si l’envie de danser descendait du ciel et contaminerait tout le monde », me dit-elle avec des yeux brillants.


Pour l’instant je me laisse entrainer par l’ambiance indescriptible que font ressentir les participants aux spectateurs. Tous mes sens sont éveillés pour absorber le maximum de cette fête inoubliable qui a été inscrite sur la liste représentative du patrimoine culturel immatériel de l’humanité en 2008. > Link

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Fortsetzung folgt... |
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