JOURNALISMUS
KOMMUNIKATION
ÜBER DAS MAZ
DIENSTLEISTUNGEN
PRÄSENTATIONEN
Veranstaltungen
Infomaterial
Jobbörse
Links
Classroom
mazblogs
  Home
   
 
 
Stagiaires in Auslands-Redaktionen

Benno Tuchschmid berichtet aus Laos

MAZ-Absolvent Benno Tuchschmid (26) arbeitet von November 2011 bis Januar 2012 für die Vientiane Times in Vientiane, Laos. Seit Beginn der Diplomausbildung Journalismus (2007) ist er bei der der az Aargauer Zeitung angestellt, ab 2009 als Reporter im «Mantel». Zuvor war er Praktikant und freier Mitarbeiter beim Sonntags-Blick.

Benno Tuchschmid


Der Standort der Vientiane Times mitten in der Innenstadt der laotischen Hauptstadt. Vis à vis das Schweizer Konsulat. Hier beginne ich am 7. November.

Eine Reise mit Vorurteilen und zwei Kilo zu viel Gepäck

Das Problem ist: Man hat ja immer so seine Vorstellungen und Wünsche, aber viel mehr noch hat man seine Vorurteile. Die Vorstellung: Reporter sein in einem exotischen Land am Mekong. Der Wunsch: So viel wie möglich vom Land zu sehen, so viel wie möglich schreiben, Menschen kennenlernen, den Beruf neu kennenlernen und so weiter. Das Vorurteil: Zensur, Misstrauen und Langeweile (Laos ist ein 1-Parteien-Staat mit unfreier Presse, meine Zeitung direkt dem Informationsministerium unterstellt).

Das erste Vorurteil treffe ich im Flug von Düsseldorf nach Bangkok (Air Berlin, günstigster Flug). Es sitzt auf dem Fensterplatz neben mir, trägt Schnauz, Jeansjacke, halblanges Haar und ist kurz davor alt zu werden (60 sollte sich später herausstellen). Klarer Fall. Gespräch vermeiden.

Nach ein paar Stunden, als das Essen serviert wird, breche ich ein. „En guete“ wünsche ich. Er ist Schweizer. Sofort entwickelt sich ein Gespräch. Ein gutes Gespräch. Wir mögen uns. Der Mann ist Typograf, frisch pensioniert. Ich spreche mit ihm über Bleisatz, Abschlusszeiten, Alkoholismus im Journalismus und auch etwas über Thailand. Er spricht alle südostasiatischen Namen in klassischem Swenglish aus, Bangkok ist Bänki, der Strand die Biitsch. Das Gesprächsthema Südostasien versuche ich kurz und sachlich zu halten. Möglichst keine „die Asiaten sind halt..“-Phrasen provozieren. Ganz vermeiden lässt es sich nicht. Aber wenigstens spürt man: Er mag Südostasien und seine Menschen von Herzen. Reist seit den frühen 80ern durch die Länder. Thailand, Philippinen, Vietnam, Kambodscha, China, auch Indien. . Alles mit dem Rucksack.  Die Schichtarbeit erlaubte viele Ferien. Vielleicht kauft er auch Sex. Vielleicht auch nicht, hoffe ich. Am Schluss glaube ich es sogar. Aber gefragt habe ich nicht.

In Bangkok trennt sich der Weg des Vorurteils von meinem. Seiner führt nach Pattaya, von wo er irgendwann weiterreisen will, auf die Philippinen, wohin auch immer, einfach nicht mehr zurück in die Schweiz (viel Glück dabei, ernsthaft); mein Weg führt mich zum nächsten Vorurteil.
Mein Gepäck ist nur bis Bangkok durchgecheckt. Am Schalter der Lao-Airlines (8 Flugzeuge) sagt mir die Frau, „we will collect your luggage for you“. Aber nicht jetzt, sagt die Frau, erst in fünf Stunden, denn mein Flug gehe ja erst in neun Stunden. Ich sehe meinen zu schweren Koffer (2 Kilo zu schwer, 76 Franken. Air Berlin ist defizitär) bereits einsam in der Gepäckausgabe kreisen, von einem Angestellten in einen „nicht-abgeholt“-Wagen geschmissen und zwei Tage später auf einem Markt in Bangkok zum Kauf angeboten werden.

Nach fünf Stunden checke ich ein. Keine Zusatzkosten.
Nach 9 Stunden steht ein weiteres Vorurteil vor mir. Es ist ein Propeller-Hochdecker der Lao-Airlines. Die Treppe zum Eingang wackelt stark. Drinnen droht eine Plakette: Chinesische Bauart. Das Licht flackert. Kurz vor dem Abheben dröhnt die gesamte Plastikverkleidung in der Kabine ohrenbetäubend. Rucksack-Touristen gucken sich ängstlich an. Der Flug ist dann aber ruhig. Unten werden die Lichter weniger. Die Landung ist ruppig. Alles in allem kein schlimmes Erlebnis.
Übrigens: Bald bekommen die Lao-Airlines neue Flugzeuge. Zwei Airbus A-320. Bestellt hatte sie Muamar Gaddafi für seine Afriqiyah Airways. Nun, die Lieferungsadresse wurde dann geändert.
An der Gepäckausgabe des Wattay Airport von Vientiane erscheint nach zwei Minuten mein Vorurteil, der Koffer. So kann es weitergehen mit mir und meinen Vorurteilen.

 


Sonnenuntergänge sind ein strapaziertes Bildsujet. Atemberauben ist der Anblick über dem Mekong trotzdem.

Der laotische Spatenstich

„Viel Erfolg bei Ihrer Arbeit“, sagte der Australier in der Scandinavian Bakery in Vientiane mit einem mitleidigen Lächeln. „Ich hoffe es wird interessant“, fügte er noch an. Was er eigentlich meinte: „Das werden die langweiligsten drei Monate deines Lebens.“ So wie der Mittfünfziger aus Sidney reagieren hier die meisten westlichen Leute, die erfahren, dass ich für drei Monate bei der Vientiane Times arbeiten werde. Die englischsprachige Regierungszeitung hat einen unterirdischen Ruf. Vier Tage eingehende Blatt-Lektüre zeigen wieso: Die VT ist ein Regierungsorgan. Punkt. Und optisch kommt sie tatsächlich äusserst langweilig daher: Was in der Schweizer Lokalpresse der Spatenstich ist, das millionenfach publizierte, sich nur in Nuancen unterscheidende Foto einer Baugemeinschaft  beim ersten symbolträchtigen Aushub, eben dem Spatenstich,  das ist bei der Vientiane Times der Händedruck. Der Händedruck, der eine Vertragsunterzeichnung besiegelt. Der Händedruck zwischen einem laotischen Offiziellen und einem Offiziellen eines anderen Landes oder einer Hilfsorganisation. Ein Händedruck, der zeigt: Wieder hat der Staat etwas zu Gunsten seiner Bürger zu Stande gebracht. So werden bei der VT die Seiten gefüllt. Übrigens: Auch die Leiterin hat des DEZA-Regionalbüros hat es schon mehrmals auf die Titelseite „geschafft“, wie sie mir lachend erzählte.

Optisch ist die VT in der Tat langweilig. Und zugegeben: Auch inhaltlich mag die Zeitung für den westlichen Leser, an den sich die VT schlussendlich ja richtet, einschläfernd wirken. Verlautbarungsjournalismus und von der Regierung gesteuert. Man muss vielleicht schon Journalist sein, um etwas Spannendes daran zu finden.

Doch tatsächlich finde ich dutzende Berichte, die in sich spannende Geschichte bieten. Wenn zum Beispiel, beim trockenen Bericht über einen Medien-Seminar zum Thema Internet, am Ende des Artikels ein Regierungsbeamter auf die Wichtigkeit des „Management“ von sozialen Netzwerken aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ hinweist, dann bedeutet das im Umkehrschluss: Auch in Laos, einem der am wenigsten entwickelten Länder der Welt, fürchtet der Staat Twitter, Facebook und Co. Wenn die Zeitung in einer Rubrik Leute auf der Strasse zu aktuellen Themen, wie dem Bau einer neuen Stadtautobahn befragt, ist das dann ein erster Schritt zu mehr Meinungsfreiheit und einfach  eine konstruierte Meinungsfreiheit. Wie funktioniert eine Zeitung in einem Ein-Parteien-Staat wie Laos? Wieso wird da jemand Journalist: Weil er etwas ändern will, oder weil er Veränderung verhindern will? Suche ich zu Recht etwas zwischen den Zeilen oder interpretiere ich etwas hinein, das es nicht gibt?

Ganz so langweilig, glaube ich, werden die nächsten drei Monate nicht. Am Montag ist mein erster Arbeitstag.

 

7.11.2011: Der entscheidende Unterschied

Text: Der Unterschied ist klein. Wenn man in die Redaktionsräume der Vientiane Times in Vientiane, Laos, tritt, dann ist es ein bisschen aus wie in einer Redaktion in Liestal, Dietikon oder Aarau. Es gibt Computer, Journalisten, es gibt Vorgesetzte,  Vorgesetzte der Vorgesetzten und es gibt eine Zeitung, die jeden Tag raus muss.

Die Unterschiede sind klein.

Die Computer sind älter. Laos ist eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Ein üppiges Menü für vier Personen in einem der besseren Restaurants der Stadt kostet umgerechnet 30 Franken.  Ein Bürger verdient 200 Dollar pro Monat – im Schnitt. Da arbeitet natürlich auch die staatliche Zeitung nicht mit dem neusten Gerät. Die Abläufe aber ähneln sich stark. Die Journalisten schreiben und geben den Text ab. Denn wird der Text von einem Vorgesetzten gelesen, wie es auch in einer Schweizer Zeitung normalerweise geschieht.

Die Unterschiede sind klein.

Der Text wird dann weitergereich an einen englischsprachigen Korrektor. Fünf Korrektoren hat die VT, Australier oder Briten. Die Texte müssen komplett umgeschrieben werden. Satz für Satz. Laos hat ein marodes Bildungssystem, schon seit sich die Franzosen das Land als Hinterhof von Indochina hielten. Sie nahmen kostbare Tropenhölzer mit, ausser ein paar Villen liessen sie wenig zurück. Gerade einmal ein Lycée haben sie im ganzen Land aufgestellt. Heute sprechen zwar viele ein paar Brocken englisch, aber praktisch niemand schreibt zeitungsreif. Die Alphabetisierungsrate liegt bei 73 Prozent. Laos grenzt an Vietnam, das ebenfalls eine französische Kolonie war. Die Franzosen bauten Schulen, versuchten so eine Elite von Vasallen heranzuzüchten. Stattdessen schufen sie eine gebildete Unabhängigkeitsbewegung. Heute ist Vietnam ein Boomland.

Die Unterschiede sind klein.

Wenn die englischsprachigen Korrektoren ihre Arbeit getan haben, geht der Text zur Layouterin. Danach wird der Text nochmals gelesen, von den leitenden Redaktoren. „To make sure, everything ist ok“, sagte eine von Ihnen und nur ihr vielsagendes Lächeln macht klar, dass es dabei um mehr als vorbildliche Qualitätssicherung geht. In Laos herrscht ein strenges ein-Parteien-System, in dem der Kapitalismus längst den Kommunismus abgelöst hat. Nur die Machthaber, Hammer und Sichel im Parteilogo und die staatliche Zensur sind geblieben. Und diese Zensur kommt ganz unschuldig und charmant, mit einem sanften Lächeln daher. Es ist der feine, aber entscheidende Unterschied.

 

8.11.2011

Es ist Bun Pha That Luang in Vientiane, das wichtigste buddhistische Fest in Laos. Sechs Tage dauert es. Tausende strömen aus allen Landesteilen in die Hauptstadt, um den Mönchen Almosen zu spenden. Der Höhepunkt des Festes bildet ein Umzug mit tausenden Mönchen, die zum Pha That Luang, dem Nationalsymbol Laos‘ ziehen und von der Bevölkerung beschenkt werden. Doch schon während der ganzen Woche finden in den verschiedenen Buddhistischen Klöstern der Stadt Zeremonien statt. So auch an diesem Abend im Vat Simeuang, einem kleineren Tempel rund einen Kilometer ausserhalb des Zentrums.

Schon auf dem Weg dorthin überholen mich hunderte Roller, dutzende Pick-Ups, die Ladeflächen voller Menschen in Festmontur. Bun Pha That Luang ist auch ein sozialer Event. Männer und Frauen tragen ihre besten Kleider und sind festlich herausgeputzt. Bun Pha That Luang wird auch ordentlich begossen. Seit Tagen warnt die Vientiane Times in Kommentaren und Artikeln vor betrunkenen Roller- und Autofahrern.  Je näher ich dem Tempel komme, desto dichter wird der Verkehr. Am Strassenrand stehen Stände, wo Blumenarrangements gekauft werden können. Manche klein und zierlich, andere mannshoch und mit Geldnoten geschmückt. Sie werden in das Kloster getragen.

Im Tempel spielt sich ein wirklich wunderbares Schauspiel ab: Hunderte Gläubige umkreisen das innerste Gebäude des Tempel mit ihren Kerzen und Blumenarrangements. Aus dem Inneren des Gebäudes dringen buddhistische Gebetsgesänge. Die Stimmung ist ausgelassen, Kinder kreischen, die Menschen sind fröhlich. Und die paar westlichen Touristen, die hier sind, sehen ebenfalls glücklich aus und lassen die Kameras klicken.

 

10.11.2011 - Buddhismus und Konsum


Gläubige warten auf den Beginn der Almosen-Zeremonie.

Text: Es war noch dunkel, aber das Gebiet rund um den That Luang war bereits voller Menschen. Das nationale Wahrzeichen von Laos, eine riesige Stupa, leuchtete golden in die dunkle Nacht. In den Strässchen der Parks rund um den That Luang hatten sich schon um kurz vor 5 Uhr hunderte Familien auf Teppichen niedergelassen. Vor sich handgefertigte Schüsseln aus Silber, in denen sie die Almosen für die Mönche bereithielten. Das ist das That Luang Festival. Der Tag, an dem das Volk seinen Mönchen Almosen spendet. Reis, Früchte, Süssigkeit, Geld.
Tausende Leute.  Und trotzdem Ruhe. Ohne Buddhist zu sein oder werden zu wollen: Über dem Gelände lag eine eigenartig ruhige und festliche Atmosphäre – trotz Massenereignis. Je mehr die Sonne hinter dem Stupa des That Luang aufging, desto offensichtlicher wurde, wie viele Menschen da waren. Jeder versiegelte Flecken war von den Teppichen mit Opfergabe belegt, offen blieben nur schmale Gassen für die Mönche und Novizen. Alle Menschen waren in ihren traditionellen Festkleidern da.
Und dann begann die Prozession der Mönche. Orange Menschenketten glitten langsam durch das Labyrinth der Teppiche und Almosen. Durch die Lautsprecher erklangen religiöse Klänge und Gebetsgemurmel. Eine Szene, wie aus einem Meditationsvideo.
SCHNITT.


Ovaltine? Ovaltine

Nachmittag. Hundert Meter von der That Luang Stupa entfernt. Bass wummert. Stampft. Überschlägt. Ein Irrgarten aus Verkaufsständen. Red Bull! LG! Oishi! Toyota! That Luang Faire. Die kapitalistische Version der Opfergabe.  Alles, was in Laos mit Verkaufen Geld verdient, ist da. Alle Telekomfirmen. Sie bieten Iphones. Und Internet. Daneben koreanische  Flachbildschirm-TV’s. Frauen in kurzen Röcken werben für Axe-Deodarants. Ein junger Mann schreit Werbesprüche für Knorr in ein Mikrofon, seine Stimme explodiert aus einem drei Meter  hohen Boxenturm. Das Getränk Ovaltine soll Kraft geben. Sieht aus wie Ovomaltine.  Der Verbrauchsgüter-Multi  Unilever hat Güter zum Verbrauch. „Po-Po-Pokerface“. Aus den Boxen überschlägt Lady Gaga. Jeder Stand hat monströse Boxentürme aufgestellt, es ist als wollten sie die laute Stille des frühen Morgen übertönen.

Da Publikum hier ist ein anderes als am frühen Morgen an der Zeremonie. Es sind vor allem junge Menschen. In hipper Kleidung .Mit Sonnenbrillen, Gel im Haar, engen Jeans. Hier lockt eine andere Religion, die Religion des Konsums. Uns die Anziehungskraft ist hoch. Noch mehr Menschen hat es allerdings in den Ständen hinter den grossen Firmen, da wo die normalen Händler ihre Alltagsgegenstände anbieten. Zu erschwinglichen Preisen. Umgerechnet achtzig Rappen für ein Shirt.  Um die Ecke kostet der Flachbildschirm 2000 Franken. So viel wie ein Laote durchschnittlich etwa in einem Jahr verdient. Denn was vorne schreit und wummert, wirkt zwar vielleicht für viele Junge anziehend, leisten kann es sich aber höchsten die berüchtigte wohlhabende Minderheit.

 

11.11.2011 - Eine Woche bei der VT ist vorüber. Und das Bild gewinnt an Kontrasten.

Als ich am Montag begann, war die VT für mich eine stramme Regierungszeitung, ein Sprachrohr der Partei, das Infoorgan für die grosse Expat-Community in Laos. Seit meiner Ankunft hatte ich die Zeitung während fünf Tagen  gelesen. Meine Nervosität wurde dadurch nicht kleiner.

Und die ersten Eindrücke passten. Auf der Redaktion war es stiller als ich es gewohnt war. An der Wand hing ein Bild des Zentralbüros. Zwanzig Arbeitsplätze, in U-Form angeordnet, Bildschirme zur Wand. Die Männer gut angezogen, Hemd, lange Stoffhosen, die Frauen traditionelle Röcke und Blusen. Eine Klimaanlage summte. Ab und an ein Telefon. Ich sass auf Nadeln.  Anfangs. Nicht wegen den Menschen, den Kollegen: Der Empfang war warm gewesen, ohne grosse Worte zwar, aber herzlich. Scheu auf beiden Seiten, aber wohlwollend.

Eine Woche ist seither vergangen. Das Bild hat an Kontrasten gewonnen.

Sicher, die VT ist eine Regierungszeitung. Sicher, es geht vor allem um Vertragsunterzeichnungen, Eröffnungen, Abkommen. Um Zeichen des Fortschritts, die Laos der Partei zu verdanken hat.  Aber. Es gibt zumindest ein „Aber..“.

Es gibt da auch F. Den jungen Journalisten. Der mich für die Rubrik, in der Menschen von der Strasse, zu aktuellen Themen befragt werden, interviewt hat. Er hat nicht studiert, ist direkt über ein Praktikum in den Journalismus eingestiegen. Wie ich. Das verbindet schon mal. F. spricht ein langsames Englisch, nicht weil er es nicht kann, sondern weil er sich Zeit nimmt für die Formulierung. Er hat einen grossen Wortschatz. F. arbeitet seit zwei Jahren für die VT. Vor kurzem war er für fünf Wochen in Pnomh Penh, Kambodscha. Dem kleineren, aber bevölkerungsreicheren Nachbarland von Laos. F. arbeitete dort für die Pnomh Penh Post, englischsprachige Zeitung, 200 Redaktoren, modern gemacht, mit vielen Westlern auf der Redaktion. Ich fragte F. ob es dort anders sei. Viel anders, sagt er. „Wir gehen hier bloss an Pressekonferenzen. Dort wird recherchiert. They follow the news.“ Die seien halt privat, das hier sei staatlich.

Dann gibt es Dr. W., den australischen Börsenspezialisten. Ja, Börsenspezialisten. Seit Anfang Jahr hat Laos eine Stockexchange, zwei Titel werden gehandelt. Dr. W. berichtet darüber und über die Weltwirtschaft in seinem täglichen Business Report. W. sieht aus wie Oswald Grübel. Ein grosser Mann, Mitte fünfzig, schlurfender Gang. An seinem Gurt hängt ein USB-Stick. „Let me show you what i do“, sagt er und winkt mich zu sich hin. Das Büro ist noch leer, bis auf uns zwei. Dr. W. weiht mich ein.  Und lächelt das Oswald Grübel Lächeln.

Auf dem Stick befindet sich ein Wust aus Excel-Dateien, Grafiken, Tabellen, Berechnungen. Alles über den Handel an der laotischen Börse. Plus Rohstoffpreise. Plus Wechselkurse.. „I know more than the Stockexchange“, sagt er und grübelt verschmitzt. Vor kurzem habe er die Leitung der Börse in seinem Artikel kritisiert. Am nächsten Tag klingelte das Telefon bei der Redaktionsleitung. Das Ministerium wollte eine Entschuldigung. „Ich ging dann hin um die Sache zu beruhigen“, sagt Dr. W. Er habe seinen Lebenslauf mitgebracht und dem Chef der Börse gesagt: „Ich tue das seit 30 Jahren und sie?“. Wieder verschmitztes Grübeln. Aber immer kann auch er es sich nicht erlauben. Man müsse vorsichtig sein, sich manchmal auf die Zunge beissen.

Und es gibt die vielen kleinen Arten der leisen Kritik. Je grösser das Problem, desto gedämpfter die Kritik. Besonders in Erinnerung bleibt der Leserbrief eines Jack Johnson, der sich in harschen Worten über den schlechten Zustand einer Ausfallstrasse in den Norden beschwert. Wie könne es sein, dass die Partei in dieser Zeitung immer betone, die Entwicklung des Landes müsse zum Wohle des Volkes  erfolgen, und sich trotzdem nicht einmal um die  Basis-Infrastruktur kümmere, obwohl sie durch das Wachstum bei der Energieproduktion und den Minen-Boom über ausreichend Mittel verfügen müsse. Harsche Worte.

Ob es J. J. gibt weiss ich nicht. Aber der Brief ist im Blatt.

Und es gibt den fast schon poetischen Artikel über „The River of life“. In dem eine Journalistin in der Ich-Form aus der Perspektive des Nam Song-Flusses schreibt. Zuerst harmlos und schön, wie der Fluss seit Jahrhunderten Lebensraum bietet für Menschen, Tiere, Pflanzen. Doch in der zweiten Hälfte kommt der Schnitt: Seit ein Damm den Fluss zur Energiegewinnung staut, ist der Fluss nur noch ein Rinnsal und vergiftet. „Wenn die Menschen in mir baden, haben sie danach rote, juckende Punkte auf der Haut“.

Energiegewinnung  durch Wasserkraftwerke ist Big Business in Laos. 10 Prozent der staatlichen Einnahmen kommen aus dem Sektor. Viele weitere Projekte am Mekong und seinen Zuflüssen sind geplant. Der Strom wird praktisch ausschliesslich exportiert, vor allem ins energiehungrige  Thailand.  Wasserkraft ist ein Fokus der laotischen Wirtschaftspolitik. Umso bedeutender ist dieser als poetisches Stück getarnte Stück.

Die Kontraste nehmen zu. Und es ist erst eine Woche vorbei.

 

13.11.2011 - Der Hinterhof

Vom Balkon meiner Wohnung sieht man in den Innenhof. Hier hinten trifft aufeinander, was von der Strasse her nichts miteinander zu tun hat. Rechts das Hotel, mit den aus Tiekholz geschnitzten Löwenstatuen vor dem Eingang. Neokolonialer Look. Morgens laden dort koreanische Busse chinesische Touristen ab. Der Pool des Hotels ist im ersten Stock. Westliche Touristen baden dort ihre Sonnenbrände, ohne dass Einheimischen zusehen müssen. Der Pool  füllt das Treppenhaus meines Apartmentgebäudes mit Chlorgeruch.

Frontal vor dem Balkon liegt ein kleines Wohnhaus. Ohne direkten Zugang zur Strasse. Das Haus ist kleiner als alle Gebäude rund herum. Älter auch. Aber herzig wirkt es. Abends dringen durch die dünnen Wände die Stimmen einer Familie. Morgens klimpert das Geschirr und der Hahn kräht. Das Haus wirkt wie ein Pflänzchen, das von kräftigen Bäumen umgeben, kaum mehr Licht abbekommt.

Denn hinter dem kleinen Wohnhaus steht ein grosses, mächtiges, siebenstöckiges Haus im Rohbau. Jeder Stock mit einem grosszügigen Balkon ausgestattet, mit Holzgeländer, alles den landesüblichen Stil imitierend. Wie ein Chalet Neubau im Berner Oberland. Wahrscheinlich werden es Wohnungen für Ausländer. Wie in meinem Apartmenthaus. WC-Schüssel „American Standard“, Flachbildschirm, Klimaanlage, spiegelnde Steinböden, zentrale Lage. Da kann man etwas verlangen. Und für die Ausländer ist es immer noch wenig. 500 Dollar im Monat. Putzfrau inklusive.

Links unter dem Balkon liegt die Wäscherei. Man sieht sie nicht, riecht sie nur. Den Weichspüler und das Waschmittel. Völkerverbindender  Frische-Duft. 1.20 Fr. das Kilo Wäsche, inklusive Bügeln. Die Besitzerfamilie wohnt über der Wäscherei. Am Sonntag wäscht der leicht übergewichtige Vater seinen Toyota Pick-Up mit Seife. Das Geschäft scheint zu laufen.

Hier hinten im Hinterhof kommt alles zusammen. Das Grossprojekt im Rohbau, das Hotel für die Chinesen, die gutlaufende Wäscherei, das top moderne Apartmenthaus, das eingezwängte Wohnhaus. Ein ganz normaler Hinterhof im Zentrum Vientianes, der Hauptstadt von Laos. Ein Hof wie Südostasien. Mit Laos, als kleines, herziges Haus eingeschlossen von mächtigen Nachbarn, Vietnam, Thailand, China, und ohne Zugang zum Meer. Die Touristen lieben die Authentizität und damit eigentlich die Armut und die eigene Kaufkraft. Das Land schaut um sich und will auch „American Standard“ und Flachbildschirm. Oder zumindest einen kleinen Wohlstandsranzen und einen Pickup.

 

20.11.2011 -  Die kranke Station

Eigentlich sollte eine Krankenstation ein Ort der Hoffnung sein. Doch vor diesem Haus fürchten sich die Menschen. Die windschiefe Bretterbude steht am Eingang zur Stadt Thakhek, zentral Laos. Die Holzlatten sind von Würmern zerfressen, jeder Balken biegt sich beim betreten. Die Behandlungszimmer sind ein Alptraum: durchbrochene Bodenplatten, kaum Licht, kaum Material. Die Toilette, ein Plumpsklo, ist 20 Meter vom Haus entfernt. Vor 30 Jahren hat der Staat das Zentrum gebaut, seither ist nicht mehr viel passiert. Das Dach ist zwar neu, dafür bricht der Boden weg. Rund 3000 Menschen aus 19 Dörfern sollen hier medizinische Grundversorgung erhalten. Aber es kommen immer weniger. Vor kurzem ist die Treppe unter einer Patientin weggebrochen. Die Frauen gebären jetzt lieber zu Hause. Und das in einem Land in der die Mutterkind-Sterblichkeit immer noch ausgesprochen hoch ist. Von 1000 Säuglingen sterben knapp 60 im ersten Lebensjahr. Die drei Krankenschwestern, die hier mit einem Arzt die Stellung halten, kichern verlegen beim Rundgang durch ihre Arbeitsräume. Sie schämen sich. Es ist eine Schande.

Laos könnte ein reiches Land sein, stattdessen ist ein Land mit Reichen. Das Gesundheitssystem der Volksrepublik ist miserabel, besonders ausserhalb der Hauptstadt. Jeder der auch nur ein wenig Geld hat, geht zur Behandlung ins Ausland. Ausländer reisen schon bei Grippesymptomen aus. Andere sozialistische Länder können sich rühmen Gesundheitsversorgung und Bildung für alle ins Land gebracht zu haben. Laos nicht. Und das, obwohl Geld da wäre. Gold- und Kupferminen spülen Devisen ins Land, auch Wasserkraftwerke bringen Millionen von Dollars. In der Hauptstadt fährt der Reichtum in Form von japanischen Gelände- und Luxuswagen durch die Strassen. Doch vom Geldregen profitiert bloss eine Minderheit. Die Schere öffnet sich, trotz Hammer und Sichel. Das Land hängt am Tropf der internationalen Hilfe.

Kaum einen Kilometer von der lokalen Krankenstation in Thakhek entfernt, steht ein frisch gebautes Health-Center, eingebettet in ein lokales Internat. Finanziert hat den Bau ein Verein aus dem Kanton Schwyz, ein erfahrener Schweizer Arzt stand beratend zur Seite. 90 000 Franken hat das Zentrum gekostet. Jetzt steht dort ein Haus mit 10 Krankenbetten. Sauber, modern, gut ausgestattet. Fast zu gut. Das Geld hätte auch für mehrere, bescheidenere Station gereicht. Aber das Haus hat eine Vorbildfunktion. Und hoffentlich bald ein paar Nachahmer. Mit dem Geld für einen Lexus könnten drei davon gebaut werden.
www.swisslaos.ch
www.laos-hilfe.ch


Die offizielle Krankenstation.


Das neugebaute Health Center, finanziert durch Schweizer Spenden.

 

23.11.2011 - Miss Laos

Es gibt nicht viele Parallelen zwischen Laos und der Schweiz. Arm, reich. Demokratie, Diktatur, tropisches Klima, kontinentales Klima, freundliche Menschen, unfreundliche Menschen. Eigentlich gibt es keine. Fast keine. Ausser den Miss Wahlen. Sie haben sowohl in Laos wie auch in der Schweiz einen hohen Stellenwert. Ein Show-Event, bei dem das ganze Land mitfiebert, mit tippt, mit lästert. Die Wahlen werden mit grossen Zeitungsinseraten und riesigen Werbeplakaten beworben. Jede erfolgreiche Firma (leider nicht sehr viele) tritt als Sponsor auf, am prominentesten Beerlao, DIE Biermarke des Landes und grösster privater Arbeitgeber.

Co-Sponsor der Show, die am 28 November steigt, ist auch die Vientiane Times, meine Zeitung. Deshalb kam gestern Besuch: 20 Miss-Kandidatinnen schritten in einer nicht enden wollenden Reihe durch die Redaktion. Der Schweizer Praktikant wurde persönlich vorgestellt, worauf eine Kandidatin nach der anderen sich landestypisch vor mir verneigte und mich grüsste. Nun. Es war eine leicht skurrile Situation, aber auch nicht wirklich unangenehm. 

Ein Blick auf die Kandidatinnen genügt, um die Schönheitsideale zu erfassen: Möglichst gross, möglichst weiss. In Laos, einem Land mit über 90 Ethnien gibt es von Menschen mit heller Hautfarbe bis zu sehr dunklen Hauttönen alle Nuancen. Bei den Miss-Kandidatinnen nicht.

Schön waren Sie trotzdem alle.


Miss Lao-Kandidatinnen zu Besuch auf der Redaktion.

 

27.11.2011 - Zwei Geschichten

Zwei weitere Artikel sind erschienen diese Woche. Einer über die Eröffnung eines Gesundheitszentrums in Thakhek, 350 Kilometer südlich von Vientiane, der andere über die Erlebnisse eines Schweizer Manga/Comic-Künstlers in Vientiane.

Unterschiedliche Artikel, die unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nahmen. Für den Artikel über das Gesundheitszentrum bin ich am Wochenende 350 Kilometer in den Süden gereist, zusammen mit einer Gruppe Innerschweizern rund um den laotischen Honorarkonsul, Guido Käppeli, und den Schwyzer Anwalt Alois Kessler. Kessler, der Präsident eines Vereins ist, der Projekte in Laos finanziert, hatte das Gesundheitszentrum gespendet. 

Sechs Stunden Busfahrt durch die Mekong-Ebene in Mitten einer Innerschweizer Gruppe: Eine kontrastreiche Fahrt. Aber spannend.

Die Einweihung des Gesundheitszentrums wurde mit einem traditionellen Basi abgerundet, einer buddhistisch/animistischen Dankeszeremonie, bei der den Gästen weisse Schnüre ums Handgelenk gebunden werden, als Ausdruck für gute Wünsche.

Nach einer Nacht in Thakhek fuhr ich am nächsten Morgen zurück nach Vientiane mit dem Bus, ohne Innerschweizer. Ein Wochenende für einen Artikel in der VT. Viel Aufwand. Aber es hat sich gelohnt: Aus den Eindrücken entstanden zwei Kolumnen für die az und viele weitere Ideen für Geschichten.

Der Artikel über Marc Boller, einen Schweizer Manga-Künstler, der während eines Comic-Festivals in Vientiane eine Woche Kunststudenten unterrichtete, bedeutet weniger Arbeit. Und war politisch auch weniger heikel.

Denn die Geschichte über das Gesundheitszentrum hatte einige Fallen. Bei der feierlichen Eröffnung waren auch offizielle Regierungsvertreter dabei. Unter Ihnen auch Dr. Boupha, eine hohes Mitglied der Partei und ehemalige Vorsitzende der wichtige Frauengewerkschaft. Bis vor kurzem war die Frau Direktorin des Gesundheitsausschusses. So stand es dann auch in meinem Artikel. Es machte ja Sinn, dass eine Trägerin dieses Amtes zur Einweihung eines Health-Centers erscheint.

Kurz bevor der Artikel in Druck ging (fünf Tage nach der Einweihung), machte mich mein lieber Büronachbar Xayxana, Gesundheitsexperte der VT, darauf aufmerksam, dass Dr. Boupha eine neue Position innehat. Im letzten Frühjahr war nämlich der neunte Parteikongress: Nach diesem beginnt jeweils die grosse Ämterrochade. Dr. Boupha ist neu stellvertretende Vorsitzende der Kommission für auswärtige Angelegenheiten der Nationalversammlung (Deputy Head of Foreign Affairs Commission of the National Assembly ). Alleine der Titel beanspruchte schon zweieinhalb Zeilen des Artikels. Egal. Danke Xayxana.

 

Laos 2.0

Laos ist im Facebook. Gut, das ist vielleicht etwas zugespitzt, aber jedenfalls boomt das soziale Netzwerk in Laos, wie verrückt. Und verzeichnet eine famose Wachstumsrate. Innerhalb  von sechs Monaten hat sich die Mitgliederzahl fast verdoppelt: Von 60000 auf 109180. Jede dritte Person mit Internet-Zugang ist Mitglied. Das ist bemerkenswert, denn die Web-Verbreitung ist immer noch sehr tief. Nur 4.9 Prozent der Bevölkerung ist online. Doch diejenigen die dabei sind, nutzen ihre Freiheiten.  Auch auf der Redaktion der Regierungszeitung. Alle sind dabei, ausser mir. Im Büro der az habe ich noch ein, zwei Verbündete. Hier nicht. Mein laotischer Kollege B hat mich nur entgeistert angestarrt, als ich ihm sagte, dass er mich auf Facebook nicht zu seinem Freund machen könne. „WHY!?“ Ich habe dann nicht mit Datenschutz sondern mit Ablenkung argumentiert, was ja auch stimmt, aber auch nicht verstanden wurde.

Nun: Jedenfalls habe ich einen Artikel über Facebook in der VT vorgeschlagen und meine Chefin fand die Idee gut. Ich solle ihn schreiben und vielleicht auch noch die positiven Einflüsse auf die laotische Gesellschaft hervorheben: Vor kurzem hatte die VT über ein laotisches Spendernetzwerk berichtet, dass sich ausschliessliche über Facebook organisiert. Ich nahm den Aspekt in den Artikel rein. „Contribution to Socio-Economic-Development“, das schadet nie.

Das Facebook in Laos kein ganz einfaches Thema ist, war mir klar. Der arabische Frühling hat jedem autoritären Staat die Augen geöffnet. Die Partei weiss auch in Laos ganz genau woher Gefahr kommen könnte. Und gibt es auch offen zu: In einem Workshop betonten Regierungskreise, dass soziale Netzwerke ein gutes „Management“ von Seiten des Staats benötigen, aus Gründen der nationalen Sicherheit. Und so wurde dann auch zum ersten Mal in einem meiner Artikel ein Wörtchen rausgestrichen.

Um darauf hinzuweisen, dass VT bereits über das Facebook Spendennetzwerk geschrieben hat, fügte ich ein „(..)the positive effects of Facebook are undeniable, as Vientiane Times reported in an earlier edition“. Das liess der zuständige Redaktor streichen. Und zwar, weil es so ausgesehen hätte, als ob die Vientiane Times Facebook unterstütze. Ein Detail. Und für mich kein entscheidendes. Der Artikel ist erschienen. Ein harmloser Artikel der zeigt, dass eine wachsende Zahl von Laoten übers Web miteinander kommuniziert. Und die Regierung lässt sie gewähren. Und die Regierungszeitung kann darüber schreiben. Eigentlich selbstverständlich, aber eben auch nicht. Noch vor sieben bis acht Jahren, war das ganz anders sagen jene, die es wissen müssen.

 

14.12.2011 - Reise auf den Mond


Ein Blindgänger-Experte bringt steckt einen Zünder in 200 Gramm TNT.


UXO-Laos Experten scannen den Boden auf Blindgänger.

Die Xiengkhouan Provinz liegt im Norden von Laos, auf einem Hochplateau. Die Gegend um die Provinzhauptstadt Phonsavan ist hart und karg. Die Temperaturen sind im Winter tief, jedenfalls für laotische Verhältnisse. Meine Kollegen in Vientiane blickten mich vor meiner Abreise mitleidig an. Und es ist tatsächlich kalt. 12-15 Grad am Tag. In der Nacht unter fünf. Klingt erträglich. Doch die Häuser sind nicht isoliert und nicht geheizt.

Die Provinzhauptstadt Phonsavan liegt auf rund 1100 Meter und ist nicht schön. Um ehrlich zu sein: Phonsavan ist hässlich. Die Stadt dehnt sich über Kilometer aus, hat 60000 Einwohner, kein Zentrum, ein paar Hotels, schlechte Restaurants und den Charme eine Frontier-Stadt im Wilden Westen. Dreckig und staubig. Der Grund für die Hässlichkeit und den unfertigen Charakter der Stadt ist ein einfacher: Die Amerikaner haben hier zwischen 1964 und 1974 alles weggebombt was es wegzubomben gab. Hier hatten sich die Phatet Lao Kämpfer, das Pendant zur Vietcong, festgesetzt. Wer diese Gegend kontrolliert, kontrolliert Indochina, hiess es. Also liessen es die Amerikaner Bomben regnen, Jahre lang, Tag und Nacht, grosse Bomben, kleine Bomben, Streumunition, Phosphor-Bomben, Granaten, Raketen…. alles was ihr Waffenarsenals hergab. 40 Jahre nach Kriegsende sterben die Menschen noch immer an der amerikanischen Hinterlassenschaft und tapfere Blindgänger-Spezialisten kämpfen einen ungleichen Kampf und versuchen die Erde von ihrer tödlichen Saat zu befreien. In dieser Umgebung kann keine schöne Stadt entstehen.

Ich kam nach Xiengkhouan für eine Reportage über Streubomben (nächste Woche in der az). Am 21. Dezember stimmt der Nationalrat über die Ratifizierung eines internationalen Streubombenverbots ab. Die Sicherheitskommission war der Meinung, die Armee brauche Kanistermuntion, wie sie in der Schweiz heisst. Um die Leventina unpassierbar zu machen. Nach fünf Tagen in Xiengkhouan klingt das wie ein schlechter Scherz. Die Räumung der von Blindgängern durchzogenen Landschaft ist eine unendlich zeitraubende Arbeit und wird noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Seit dem Krieg hat die Streumunition hier über 50000 Opfer gefordert, Tote und Verletzte. Aber die Schweiz braucht die Kanistermunition für die Leventina…

Auf dem Rückflug von Xiengkhouan nach Vientiane sah ich nochmals deutlich, welche Narben die USA hier hinterlassen haben. Die Erde ist übersäht von Bombenkrater und kahlen Stellen. Die erste Nation auf dem Mond hat hier ein Mond auf der Erde geschaffen.

PS: Es gibt auch Sehenswertes in der Gegend.

 

Der Lohn im Tank

Die Schlange an der Tankstelle wurde länger und länger und länger. Die Liter-Anzeige des Zapfhahns drehte und drehte und drehte. Die Rollerfahrerin rechts von mir reckte den Kopf Richtung Preisanzeige und der Tuk Tuk-Fahrer links von mir grinste mich kopfschüttelnd an. Das Benzin floss und floss und floss.

Der Tank der weissen Lexus-Karosse muss noch leer gewesen sein. Die Schutzbezüge aus durchsichtigem Plastik waren jedenfalls noch über die bordeaux roten Ledersitze gezogen. Eine Erstbefüllung an der Tanke. Der Besitzer des weissen Lexus sass derweil hinter dem Steuer und fuchtelte mit den Armen. Freisprech-Pantomime. Er muss den SUV frisch gekauft haben. Ein teurer Spass, so ein Lexus, besonders in Laos. Kostenpunkt: Rund 400 000 US Dollar. Auf importierte Autos zahlen Laoten bis zu 100% Steuern.

Als der Tank nach etwa sechs Minuten endlich voll war, zeigte die Zapfsäule etwas mehr als 800 000 Kip an, das sind umgerechnet etwa 93 Franken. Das ist in etwa das Monatseinkommen des Tuk Tuk-Fahrers links von mir oder der einer einfachen Angestellten. Die Rollerfahrerin rechts von mir könnte damit 32 Mal ihren Tank füllen. Manche sind halt etwas gleicher. Auch an der Tankstelle.

 


Die Dorfchefs und Regierungsmitarbeiter diskutieren über den Grenzverlauf.


Dongkham: 861 Einwohner, 165 Familien und viel selbstgebrannter Schnaps.


Der Fluss ist Dongkhams Trinkwasserquelle, weil das Grundwasser versiegte.

Ich kann nicht sagen, dass ich Grenzerfahrungen suche, aber ich fand sie.

Es war wohl die letzte Reportage-Reise während meiner Stage: 35 Minuten Flug von Vientiane nach Luang Prabang. Dort nahmen mich Choi und zwei seiner Mitarbeiter auf.  Die drei arbeiten für TABI (The Agro Biodiversity Initiative), ein Projekt, das die Deza mitfanziert. Tabi ist ein Programm, das ich jetzt nicht erklären werde, da sonst keiner weiterliest, wen es interessiert der drückt hier. Mit einem Toyota-Geländewagen ging es von Luang Prabang weiter, die Strassen wurden von Stunde zu Stunde schlechter. Die Regierung ist gerade daran die Strasse zu teeren. Wir passierten grosse Baumaschinen, die Strasse war da schon längst nicht mehr asphaltiert, jedoch durch das schwere Gerät verbreitert Bessere Strassen sind gut für die Bevölkerung im gebirgigen Norden von Laos. Sie verkürzen die Wege. Kürzere Wege sind aber auch gut für Investoren, die im grossen Stil Land für Plantagen kaufen wollen. Was dann aber wiederum schlecht ist für die Landbevölkerung. Zweischneidig.

Nach rund fünf Stunden Fahrt im Toyota Schüttelbecher kamen wir in Donkham an. 861 Einwohner, 165 Familien. Das Dorf machte einen grossen Eindruck für eine derart schlechte Zufahrtsstrasse, die in der Schweiz sogar von Wanderern als Frechheit empfunden würde. Die Häuser in Donkham stehen dichtbeieinander. Die Häuser sind sehr traditionell, manche aus Holz andere mit Backstein Fundament. Immer nach demselben Muster: Unten Aufenthaltsraum, oben Schlafräume, angebaut eine Küche mit offenem Feuer und ein WC.

Im Gemeindezentrum in der Mitte des  Dorfes waren die Dorfvorsteher aus den umliegenden Dörfern bereits versammelt. Um Grenzen zu ziehen. Laos hat vieles aufzuholen, unter anderem auch die Kartografie. Auf Dorfebene fehlen schlicht… Grenzen. Also ziehen im Rahmen des Tabi-Projektes die Dörfer ihre Grenzen neu. In dem kahlen Raum, 20 auf 20 Meter, an dessen oberen Ende Zertifikate und Auszeichnungen der revolutionären Partei hängen, steht in der Mitte des Raumes ein Tisch, um den sich die die Vertreter von Dongkham und fünf weiteren Dörfern versammelt haben, plus ein 10 köpfiges Team von jungen Angestellten des Landwirtschaftsministeriums und des Ministeriums für Landplanung. Sie verhandeln.

Bei den Grenzziehungen geht es um mehr als die Verhinderung von Dorfstreitereien. Es geht auch darum, den Dörfern ein Mittel gegen den Ausverkauf ihres Landes zu geben. Ausverkauf des Landes: Was in der Schweiz nach populistischem Slogan klingt, ist in Laos Realität. Rund 21 Prozent von Laos gehört nicht mehr Laos. Land, verschachert an Investoren. Der grösste Teil an Minen-Unternehmer, die auf dem Gebiet Rohstoffe suchen. Rund 6,6  Prozent des Landes gehören jedoch industriellen Landwirtschaftsunternehmen (vor allem chinesische). Das bedeutet: Grossplantagen. Durch diese Monokulturen verliert die Bevölkerung den Zugang zu ihrem Land und schlussendlich zu ihrer Lebensgrundlage, denn für die Bauern im Norden von Laos ist der Wald eine wichtige Nahrungsquelle. Diese geht durch die Plantagen verloren.  („Land Grabbing“, dazu bald mehr in der az).

Nach fünf Stunden waren die Verhandlungen im Gemeindezentrum abgeschlossen. Choi, seine zwei Teammitglieder und ich gingen zum Fluss runter für die Abendtoilette. Der Fluss Nam Khan vollzieht unterhalb des Dorfes eine sanfte Kurve. Dort wäscht sich das Dorf und es gibt eine Fähre, welche Autos und Kleinlaster, welche Vieh nach Vietnam transportieren über den Fluss setzen. Klischee-Südostasien. Wunderschön.

Danach ging man, wie man so schön sagt, zum gemütlichen Teil über. Viel essen. Noch mehr Schnaps. Choi, sein Team und ich wurden von Haus zu Haus weitergereicht. Überall wartete Reis, eine Suppe und Fleischspeisen. Dazu servierten die Hausherren Lao Lao, einen selbstgebrannten Reisschnaps. Teufelszeug. Nicht unähnlich dem selbstgebrannten Klaren, den fast jeder Schweizer Landwirt im Regal stehen hat. Wir übernachteten im Haus des Dorfvorstehers und am nächsten Morgen ging das Ritual weiter beim Frühstück (ohne Schnaps). Von Haus zu Haus. Dreimal Morgenessen (inklusive Hirschfleisch). Ich habe danach den ganzen Tag keine Mahlzeit mehr zu mir genommen.

 

20. Januar 2012 - De Letscht

Der stellvertretende Chefredaktor hielt eine Rede, ich bedankte mich für die gute Zeit, eröffnete das Buffet und dann gab es Bier.

Mein letzter Tag auf der Redaktion der Vientiane Times folgte denselben Spielregeln wie „de letscht“ in der Schweiz. Und doch war ich gerührt. Speziell wegen des Bieres. Ein Kollege sagte mir, dass es das erste Mal sei, das die Zeitung bei einer Abschiedsfeier für einen ausländischen Kollegen Bier spendiert. Was bleibt mir da anderes übrig als gerührt zu sein.

Ich war nur drei Monate Teil der Redaktion und offenbar trotzdem Teil des Teams geworden. Und so fühlte ich mich auch, nach einer kurzen Zeit des Eingewöhnens: Als Teil des Teams.

Diese Redaktion ist eine tolle Gruppe, die hier in einem schwierigen, zeitungsfeindlichen Umfeld versucht ein Blatt rauszubringen, das nach einigermassen journalistischen Kriterien funktioniert. Und sie schaffen es oft. Nicht immer, aber oft. Das verdient Bewunderung und Respekt.

Das ist die professionelle Seite. Der andere, noch wichtigere Teil ist der menschliche. Und hier ist die Vientiane Times unschlagbar. Eine Gruppe voller warmherziger, liebenswürdigen Menschen, die Feste feiern, die auch die wildeste Schweizer Redaktion wie eine Gruppe Chorknaben aussehen lässt.

Es fällt schwer zu gehen. Auch weil der Winter im Mittelland kein Magnet ist, aber vor allem weil mir diese Menschen fehlen werden.

 
Fortsetzung folgt...  
 
  MAZ - aktuell
Aktuell Journalismus
Neu
Masterclass - Eine Woche mit Dominc Nahr, MAGNUM PHOTOS
Leadership & Medienmanagement 2012
Change Management: Steuern und Leiten von Veränderungen
Konfliktmanagement: Neue Strategien zur Konfliktlösung anwenden lernen
Webprogrammierung für Journalisten – das Web als Werkstück
Drehbuchschreiben - Für Journalistinnen und Journalisten
Recherche mit Facebook, Twitter &. Co
Schnell und professionell: Statements und Interviews fürs Webvideo
Zwischen Chaos und Genie - Führen von kreativen Mitarbeitern
Eyecatcher - Die Macht der Videobilder
Überraschend und anders – So drehe ich Geschichten weiter
 
Freie Plätze
MAS New Media Journalism 2012-2014
Kompaktkurs Social Media 2012_2
CAS Wissenschaftsjournalismus 2012
CAS Fachjournalismus 2012/2013
Kompaktkurs Multimedia Storytelling
Kompaktkurs Lokaljournalismus 2012
Weiterbildung Lokaljournalismus 2012
Redaktionsmanagement – Führen in den Medien 2012
Magazinjournalismus – Analysieren, erzählen, überraschen
Kreatives Schreiben – Tipps und Tricks für tolle Texte
Society- und Lifestyle-Texte – Journalistisch professionell
VJ für EinsteigerInnen - Drehen, schneiden, texten
 
 
 
 
 
 
Copyright © 2012 MAZ