Kleine Rede an der Abschlussfeier am 16. Juni 2000
Ludwig Hasler

In zwiespältigen Zeiten hilft allein die feine Nase.
Ein Plädoyer für Geschmack als journalistische Kerntugend.

Liebe junge Kolleginnen und Kollegen
Meine Damen und Herren

Ich gebe gerne zu: Ich komme mir hier einigermassen überflüssig vor. Denn ich gehe von zwei Gewissheiten aus:

1. Alles, was zum Rüstzeug journalistischer Tüchtigkeit gehört, haben Sie gelernt; die handwerklichen Fertigkeiten, die theoretischen Begriffe, die normativen, also ethischen Gesichtspunkte - das haben Sie, grosso modo, intus.

2. Was auch immer Sie von diesem Abschlusstag erwarten - sicher nicht noch eine, eine allerletzte Lektion.

Wozu also diese Rede? Es hilft auch nichts, wenn ich sage: Ich kann nichts dafür, schuld ist Sylvia Egli von Matt, die meinen argumentativen Widerstand mit Charme gebrochen hat; mir falle doch zu allem irgendetwas ein, ich solle mich bloss nicht zieren.

Es muss also sein. Nämlich dies: eine kleine Rede über eine vergessene Tugend im Journalismus: die Tugend des Geschmacks. Titel: "In zwiespältigen Zeiten hilft allein die feine Nase. Ein Plädoyer für Geschmack als journalistische Kerntugend". Das fand ich im Verzeichnis der MAZ-Kurse bisher nicht. Verstehe ich auch: Geschmack lässt sich weder lehren noch lernen. Dennoch meine ich allen Ernstes: Ohne Geschmack keine tüchtige Journalistin, kein passionierter Journalist, keine brillante Journalistin.

Was verstehe ich unter Geschmack? Lassen Sie mich mit Oscar Wilde beginnen. Der wurde mal gefragt: Warum eigentlich ist Amerika ein derart gewalttätiges Land? Seine Antwort: Weil die Amerikaner so hässliche Tapeten haben!

Eine sagenhafte Antwort. Sie meint: Nicht weil wir schlechte Menschen sind, läuft so manches schief, sondern weil wir in hässlichen Tapeten leben, also in geschmacklosen Milieus. Nicht ein Manko an Moral führt uns in die Irre, sondern ein Mangel an Geschmack. Also: Vergessen wir den Tugendwandel - betreiben wir Tapetenwechsel! Wir sollen nicht krampfhaft gute Menschen sein wollen, sondern Menschen mit Geschmack. Denn vor Geschmacklosen ist nichts sicher, nicht der Verleger, nicht die Kolleginnen, nicht das Publikum, sie sind nicht einmal vor sich selber sicher; ihre hässlichen Tapeten machen sie rasend oder deprimiert, in beiden Fällen zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiko. Wogegen Journalistinnen mit Geschmack von selbst alles richtig machen.

Funktioniert der Ansatz? Kurze Stichprobe. Ich behaupte: Ein bisschen Geschmack hätte uns die Story um Bundesrat Villiger und die Prostituierte Dolder erspart. Das publizistische Kalkül durfte zwar hoffen, mit der Sensation Kasse zu machen. Der Geschmack dagegen hätte gewarnt, denn er weiss instinktiv: Diese Rechnung geht nie auf; Taktlosigkeiten holen uns früher oder später ein und lädieren unsere Kreditwürdigkeit. Ich behaupte zweitens: Bei etwas mehr Geschmack wären wir im Ranking des Berufsprestiges besser platziert. Zwar mag uns die Mediendramaturgie empfehlen, stets mit den Wölfen zu heulen: Roy Hodgson ist der Grösste, er muss GC-Trainer werden! Nach dem siebten Spiel aber: Hodgson ist eine Null, ein Säufer, ein Abzocker! Der Geschmack hätte geraten, von Beginn weg Stärken wie Schwächen des Mannes zu klären, und hätte damit unsere Glaubwürdigkeit gewahrt. Ich behaupte drittens: Hätten die beiden Chefs des Magazins der "Süddeutschen" dem Geschmack vertraut, wären sie nicht entlassen worden. Sie stolperten über die gefälschten Star-Interviews des Hollywood-Reporters Tom Kummer. Der Hang zum Kapriolen-Journalismus vernebelte ihnen die publizistische Klarsicht. Der Geschmack hätte die Interviews vielleicht auch publiziert, doch zumindest listig deklariert - und damit verhindert, dass das ganze Magazin in Misskredit gerät.

Drei Beispiele, nichts als der Versuch, Sie auf den Geschmack an meiner Geschmacks-These zu bringen. Journalisten brauchen allerlei spezifische Kompetenzen: handwerkliche, fachliche, sachliche, ethische. Was herausragende Journalisten den mediokren indes voraushaben, ist eine ganz unspezifische Eignung. Ich will sie vorläufig mal die "kulturelle Kompetenz" nennen: eine allgemeine Zeitaufgeschlossenheit, eine Wachheit der Sinne, eine Inspiriertheit des Intellekts, ein kreatives Weltinteresse, eine geschärfte Sensibilität für den Lauf der Dinge und die Geschicke der Menschen. Die Krux unseres Berufs besteht ja darin, dass wir immer schreiben oder reden müssen, bevor wir die Wahrheit kennen. Wir müssen die Sachverhalte beschreiben, bevor sie klar sind. Wir müssen Turbulenzen diskutieren, bevor sie geglättet sind. Wir müssen Irrungen und Wirrungen deuten, solange sie zwiespältig sind. Kurz, journalistisch arbeiten heisst: Realitätsbruchstücke vermitteln, die wir nicht durchschauen. Dazu aber reicht der geschulteste Verstand nicht hin. Dazu brauchen wir so etwas wie ein Gespür, einen Sinn, sozusagen eine Nase: für das, was noch gar nicht richtig greifbar ist, sondern in der Luft liegt.

Das interessiert mich: die seltsam undefinierbare feine Nase. Was gibt ihr die instinktive Witterung? Wer macht sie urteilssicher? Nicht die Publizistikwissenschaft; die kommt stets zu spät. Eher die Erfahrung, also Klugheit. Wo aber Klugheit versagt: vielleicht die Ethik, also Moral. Am sichersten jedoch, behaupte ich, die Tapete, also der Geschmack.

Lassen Sie mich meine kleine Theorie der Nase nun systematischer skizzieren. In drei Anläufen:

1. Moral,
2. Klugheit,
3. Geschmack.

ERSTER ANLAUF: MORAL

Wann reden wir von Ethik? Wenn die Lage brenzlig wird. Nach dem Geiseldrama von Gladbeck, nach dem Paparazzi-Debakel um Diana, nach der Clinton-Lewinski-Affäre, nach dem Villiger-Dolder-Skandal, nach Tom Kummer... Also immer dann, wenn der Schlamassel schon da ist. Wenn die klassischen Steuerungsinstanzen, der Markt und das Gesetz versagt haben. Jetzt soll Ethik es richten. Bloss wie? Als Appell? Als Mahntante? Als Notbremse?

Ich behaupte: Diese Ethik taugt bloss als ein nachträgliches Instrument zur Schadensbegrenzung. Nachdem die Medien Clintons Affäre mit Monica Lewinski monatelang ausgeschlachtet hatten, merkten sie plötzlich: Sie ruinieren ja ihren eigenen Ruf, schon wendet das Publikum sich degoutiert ab. Sofort riefen alle: Ethik! Verantwortung, Persönlichkeitsschutz, Anstand! Was mit Moral nicht das geringste zu tun hatte. Es war ganz einfach der ökonomische Reflex, die Geschäfte zu retten. Ethik als Krisenmanagement.

Dass Ethik heute Konjunktur hat, überrascht nicht. Seit wir die Welt deregulieren, kommt uns der Aussenhalt abhanden. Das müssen wir durch Innenhalt kompensieren. Also mehr Privatmoral: Tugend, Treue, Redlichkeit. Sind die Märkte erst entfesselt, muss man die Leute innerlich, also moralisch bändigen. Der Neoliberalismus braucht den Neomoralismus, sozusagen als Schutzengel. Auch auf dem medialen Terrain. Je ungehemmter Medien dem Gesetz des Marktes folgen, desto unverzichtbarer die innere Hemmung der Journalisten. Weil sonst das Geschäft zu riskant würde. Das ist zwar auffällig schizophren. Doch so sind nun mal unsere Zeiten. Hier die tägliche Vermarktung von Gefühlen und Begierden - dort die saisonale ethisch eingefärbte Qualitätsdebatte. So leben wir im Dauerkonflikt zwischen besserem Wissen und opportunem Mitmachen. Wir wissen, was wir tun, doch wir tun es, weil Sachzwänge und Selbsterhaltungstriebe auf kurze Sicht dieselbe Sprache sprechen und uns sagen, es müsse sein. Andere würden es ohnehin tun, vermutlich schlechter.

In dieser zwiespältigen Situation taugt Ethik nur, wo sie sanktionsfähig wird, sich also in Standes- oder Gruppenregeln verfestigt. Als Instanz der individuell feinen Nase vergessen wir Ethik besser. Von moralischen Verbotstafeln wird diese Nase nicht spürsinniger. Was sie braucht, ist ein kreatives Sensorium. Deshalb ein kurzer zweiter Anlauf:

ZWEITER ANLAUF: KLUGHEIT

Wie kann Klugheit die Witterung der journalistischen Nase verfeinern? Nehmen wir irgendeine Zeitungsredaktion. Die will beim Publikum ankommen. Klar. Fragt sich nur wie. Sie kann Billigware auf den Markt werfen, kann die Empfangskanäle der Leute mit stupiden Sensationen verstopfen. Das brächte vielleicht sogar schnellen Erfolg. Die kluge Redaktion wird es gleichwohl nicht tun. Weiss sie doch: Will sie langfristig im Geschäft bleiben, darf sie nicht bloss akute Begierden befriedigen. Mit journalistischem Schnellfrass erzöge sie das Publikum zu Analphabeten, sägte also am Ast, auf dem sie sitzt. Nein, sie muss ihren Lesermarkt kultivieren, nicht bloss abfüllen. Sie muss die Leute auf den Geschmack am Lesen bringen, muss die Nachfrage für qualifizierte Angebote erzeugen. Sonst verdirbt sie den Lesern den Geschmack - und sich selber den Markt, also das Geschäft. Es ist wie mit James Last und der Musik. Man kann den Leuten das Gehör abstumpfen und alles - Bach, Miles Davis, Appenzeller Streichmusik - im immer selben Weichspühler zum musikalischen Einheitsbrei mischen. Nur darf man sich dann nicht wundern, wenn den Massen der Sinn vergeht für authentischen Bach, Miles Davis und Alder.

Die kluge Redaktion überlegt sich ein weiteres: Ohne Qualitäts-Zeitung keine wohlinformierten Köpfe. Ohne wohlinformierte Köpfe kein qualifizierter Nachwuchs für die Wirtschaft. Ohne qualifizierten Nachwuchs keine wirtschaftliche Zukunft in der Region. Ohne wirtschaftliche Zukunft keine wachsendes Werbevolumen. Ohne Werbevolumen kein Zeitungsgeschäft. - Also: Wir können zwar die Zeitung aufs niedrigste Anspruchsniveau absenken. Doch wir zerstören damit langfristig unseren eigenen Spielraum. Es ist wie auf dem Gastromarkt. Nur das vielseitige Angebot - von exquisit bis ordinär, von sündenteuer bis schnipo-billig - hält den Geschmack der Gesellschaft auf Trab.

Das nenne ich Klugheit: das Bewusstsein, dass Journalismus genau so lange floriert, wie auch die Gesellschaft in Form bleibt. Kluge Journalisten fassen bei allem, was sie tun und lassen, stets auch den Nutzen der Gesellschaft ins Auge - nicht aus Altruismus, sondern aus wohlverstandenem Eigennutzen. Weil wir langfristig nur mit Leuten ins Geschäft kommen, die auf der Höhe der Zeit, bei Laune und bei Kasse sind.

Klugheit ist der Sinn, seine Interessen weitsichtig zu wahren. So könnte Klugheit als probater Kompass für die feine journalistische Nase funktionieren. Das Problem ist nur: Heute gerät diese Klugheit unter die Räder des Veränderungstempos. Was gestern galt, ist morgen schon Schrott. Da wird die kluge Weitsicht rasch überfordert. Also wären wir besser dran, wir hätten nebst der verständigen Klugheit noch ein instinktives Urteil, auf das wir uns blind verlassen können. Haben wir: den Geschmack.

DRITTER ANLAUF: GESCHMACK

Was verstehe ich unter Geschmack? Als ich noch jung war und dem Geheimnis der Frauen ziemlich hilflos ausgeliefert, erfand ich folgende List: Kam ich einer Frau näher, lud ich sie zum Streifzug durch Möbelhäuser. Welches Sofa, welche Lampe, welcher Schreibtisch? Ich tat, als bräuchte ich die Dinge. Indem wir die ausgestellten Objekte zu zweit betrachteten, über sie redeten und urteilten, kam absichtslos zur Sprache, was sonst unausgesprochen bleibt, worauf es aber ankommt: der Geschmack, anders gesagt, das ganze Individuum mit seiner Lebensart, seinem Menschenbild, seiner Weltvista. - Nach dem Streifzug war dann meist Schluss mit der Liaison.

Was ich damit sagen will: Geschmack ist mehr als ästhetische Vorliebe - er durchdringt die ganze Person. Dass sich über Geschmack nicht streiten lasse, ist eine Erfindung der Geschmacklosen. Geschmack ist gelebte Wahnehmungskunst. Und darüber lässt sich bestens streiten. Denn Wahrnehmungskunst hat er ein paar allgemeine Merkmale, im Leben wie im Journalismus. Mindestens fünf: 1. Eleganz, 2. Distanz, 3. Nüance, 4. der autonome Blick, 5. Humor. Diese fünf Geschmacks-Merkmale will ich abschliessend anschaulich - und Ihnen hoffentlich beliebt machen.

1. Eleganz - oder: das feine Besteck

Die Briten sagen: Ein Gentleman ist, wer die Butter mit dem Buttermesser nimmt, selbst wenn er allein speist. Bitte wischen Sie das nicht als sture Regelkonformität vom Tisch. Es kommt nicht aufs Ritual an, entscheidend ist die Haltung: eine Höflichkeit, ja Zärtlichkeit noch zu den banalen Dingen des Alltagslebens; dass man der Butter die "Ehre" erweist, ihn nicht mit einem Allerweltswerkzeug traktiert, sondern mit dem spezifischen Besteck, dass man also in der Behandlung der Dinge wählerisch ist, sich so als differenziertes Wesen bewährt, als unterscheidungsbewusstes Individuum, nicht allein im Urteil, sondern in der ganzen Lebensart.

So. Und nun wir. Verfeinern wir unser jounralistisches Besteck - oder vergröbern wir es? Ich will nicht verallgemeinern, aber der erste Eindruck sagt mir doch: Statt unser Vokabular zu bereichern, dampfen wir es ein. Banales Beispiel: Alles, was schiefläuft, muss "platzen". 6.4.2000. In allen deutschsprachigen Blättern (sogar in der NZZ) die Schlagzeile: "Geplatzte Bankenfusion in Deutschland". Die Deutsche und die Dresdner Bank wollten nicht zusammenkommen. Wie aber kann platzen, was noch gar nicht beisammen war? Statt der Sache gerecht zu werden, lassen wir sie knallen.

Ganz ähnlich auf dem Feld der Politik. Ich habe in den letzten Tagen die Berichte über die Europa-Debatte im Parlament in Bern verfolgt, und diese Berichterstattung suggeriert mir den Kampf zwischen lauter "Euroturbos" und "Ewiggestrigen" - wozu die NZZ noch den Begriff der "Ewigmorgigen" besteuert. Die ganze Diskussion ein Hickhack zwischen "Bremsern" und "Überfliegern"? Ist das sachgerecht? Kaum. Hier werden die Differenzen mit einem journalistischen Allerweltsbesteck nicht bezeichnet, sondern eingeebnet. Auch ich kenne ein paar Parlamentarier, dumpfe, aber auch helle. Und bei ihnen versagt der rituelle Zweitakt von Ja- und Neinsagern. Diese Leute sind zu differenziert für den Zweihänder. Und vielleicht sind wir Journalisten mitschuld an der unsäglichen Primitivität, an der Sach- und Problemfremdheit der gegenwärtigen Europa-Diskussion. Weil wir die Argumention zu plump moderieren, weil wir sie zu rasch auf die Pseudo-Dramaturgie Ja/Nein bringen.

Weil wir, allgemein formuliert, die Eleganz des sachspezifischen Bestecks vernachlässigen. In anderen Sparten noch ungleich häufiger, zum Beispiel im Sportjournalismus. "Anke Hubers traurige Augen schrieen nach Ruhe. " Ouuu! "Die Piste ist schon nach der zehnten Fahrerin in Mitleidenschaft gezogen." Die in Mitleidenschaft gezogene Piste! "Alex Zülle hat sich seiner Jacke wieder entledigt." Entledigt! "Seine Laufbahn ist mit zahlreichen Ausfällen gekrönt." Und die armen Sportler müssen alles immerzu verzeichnen: "Roger Federer verzeichnet schon die vierte Erstrunden-Niederlage."

So viel zum journalistischen Geschmacks-Merkmal eins, zur Eleganz des wählerischen Wortgebrauchs. Und jetzt zum Merkmal zwei.

2. Distanz - oder: im Zweifelsfall für eingelaufene Schuhe

Noch eine britische Episode: Von den alteingesessenen Lords wird berichtet, sie hätten nur Diener mit derselben Schuhgrösse eingestellt: damit diese ihre allenfalls mal nötigen neuen Schuhe eintragen konnten; denn: neue Schuhe zu tragen galt ihnen als ordinär.

Wir aber laufen, wenn irgend möglich, in den allerneuesten Schuhen umher. Jeder Mode rennen wir nach, werden geradezu fromm, wenn es darum geht, einen neuen Trend zu propagieren. Nur zum Beispiel. Ich frage mich seit Jahren: Wo eigentlich findet die kritische Diskussion der so genannten Informationstechnologie (Internet, Handys etc.) in der Schweiz statt? Ich sehe sie nirgends. Statt dessen ein einziger marktschreierischer Kampagne-Journalismus, als stünden wir alle auf Bill Gates` Gehaltliste. Darüber reiben sich natürlich die Verlage die Hände; solche Gratispropaganda bringt Anzeigen. Journalistisch jedoch ist die Sache geschmacklos. Ohne Leidenschaft zu unterscheiden (zwischen digitalen Optionen und individuellen Konditionen), ohne Lust an der Debatte über gesellschaftliche Konsequenzen (z.B. werden die neuen virtuellen Arbeitsplätze zuhause blind belobigt, ohne Blick für die parallel stattfindende Entsozialisierung der Arbeitswelt). Nur wenn dann ein Computervirus seinen Unfug treibt, gebärden sich alle empört. Als wäre diese Attacke nicht systemimmanent, also voraussehbar gewesen. Man kann nämlich nicht im selben System zu jedem Allotria auffordern - und gleichzeitig Disziplin, Anstand, Respekt vor Regeln erwarten. Internet war von Beginn weg eine Einladung zum Wildern. Also wildert man. Logisch. Noch die Empörung war geschmacklos: ohne Gespür für die ganz spezielle Atmosphäre in diesem labyrinthischen Netz.

In zwiespältigen Zeiten empfiehlt sich Skepsis. Nichts gegen Neuerungen. Jede neue Technik bringt die Lösung eines alten Problems - und schafft ein paar neue Probleme. Journalisten mit Geschmack erkennen diese Zwiespältigkeit. Sie halten es für spiessig, also geschmacklos, jeder Neuerung trommelnd hinterher zu hecheln.

3. Nuance - oder: der Eigengeschmack der Dinge

Geschmack im Journalismus funktioniert wie beim Weintrinken. Erst wer wahrnimmt, dass Sancerre nach Holunder schmeckt und Beaujolais nouveau veilchenartig, kann den Genuss steigern - und andern vermitteln. Nur Journalisten, die den Eigengeschmack einer Sache schmecken, können auch ihr Publikum auf den Geschmack bringen.

Ich wähle als Beispiel die Fernseh-Mode "Robinson"/"Big Brother". Dazu habe ich einen ganzen Strauss geschmacksarmer Reaktionen gelesen. Zunächst die Pfui-Reaktion: Billigstes Niveau! Menschenexperiment! Untergang des Abendlandes! Verbieten! Ja, ja. Nur ist diese Reaktion genauso billig. Denn die einzig interessante Frage ist doch: Warum funktioniert dieses Billigniveau?

Wie stets kam dann die Konterattacke - im Stile: Lasst doch den Leuten ihren Spass, ihr Ewiggestrigen, ihr Kulturpessimisten! Auch diese Position ist gratis, lässt sich auf den Geschmack der Sendung gar nicht ein.

Unvermeidlich dann der Konzernjournalismus - nach dem Motto: Ihr könnt gegen den Stumpfsinn von Robinson sagen, was ihr wollt, aber seht mal her: die Quote stimmt! Und als Ende Mai bekannt wurde, der Privatkanal TV 3 wolle es nicht bei "Robinson" bewenden lassen, sondern im Herbst eine "Big Brother"-Sendung starten, da setzte der "Zürcher Express" diese Nachricht an die Spitze der Frontseite - und der erste Satz im Lead hiess: "TV 3 verstärkt seine Kernkompetenz"! Die Kernkompetenz im Einkaufen von Schmuddelsendungen!

Den Vogel schoss mein einstiges Leibblatt "St.Galler Tagblatt" ab. Nachdem die Teilnehmer der zweiten Staffel "Robinson" ausgewählt waren, publizierte es einen empörten Artikel unter dem Titel "Kein einziger Ostschweizer dabei". Als ob der helvetische Föderalismus vom Robinson-Proporz lebte.

Auf den Eigengeschmack von "Big Brother"/"Robinson" kommt nur, wer diese Sendungen ins Verhältnis bringt zu aktuellen gesellschaftlichen Konditionen: zu akuten Wirklichkeitsverlusten zum Beispiel, zur Verwischung der Grenze zwischen Privat und Öffentlich, zur kapitalistischen Forderung, seine Haut hemmungslos zu Markte zu tragen. Es hat sich im Zuge der Globalisierung vieles verschoben in der Conditio humana. "Robinson" ist eine Offerte in dieser prekären Lage. Eine idiotische Offerte, klar. Doch solange wir sie nicht als zeitgemässe Offerte verstehen, kapieren wir gar nichts an diesen Sendungen. Meine ich jedenfalls. Wir müssten den Eigengeschmack, diese diffuse Sphäre der Zeitvibrationen in und um "Big Brother" erspüren - und dann urteilen.

4. Der autonome Blick - oder: wider die opportune Betriebsblindheit

Leute mit Geschmack fallen auf durch ihr unabhängiges Urteil, durch originelle Gesichtspunkte. Also durch ihre Skepsis gegen Gemeinplätze. Warum eigentlich finden es praktisch alle o.k., dass ein Grossteil der Goldreserven in die AHV fliessen soll? Ich finde es geschmacklos. Ich halte es für Unsinn, Volkskapital in einmalige Ausgaben zu stecken - statt in Investitionen. Investieren aber kann man nur in Zukunft, also in die Jugend, also vorzugsweise in Bildung.

Deshalb behaupte ich: In dieser und anderen Angelegenheiten fehlt Journalisten der autonome Blick. Zuviel Konventionalblick, zuviel obligater Seniorenkult, zuviel gedankenloser Opportunismus. Wir schimpfen blocher u.Co. zwar gerne als "Populisten" - doch wie halten es wir es mit unserem eigenen Populismus.

Auch in Weltanschauungsfragen. Als kürzlich der US-Staat Kansas entschied, Darwins Evolutionstheorie an den Schulen nicht länger als alleinseligmachende Naturerklärung gelten zu lassen, sondern die biblische Genesis als gleichberechtigten Mythos zu lehren, fielen die Reaktionen wütend aus: "Rückfall ins Mittelalter", "Hinterwäldler", "Fundamentalisten", schimpften die Medien drauflos. Es war kein Beleg für unseren autonomen Blick, eher für unsere modernistische Betriebsblindheit. Denn jeder reflektierte Biologe sagt uns: Darwinismus ist eine Hypothese, eine fruchtbare durchaus, aber noch lange keine Theorie mit universalem Deutungsanspruch. Mit souveränem Blick hätten wir die Hinterweltler beglückwünscht: Sie bringen das eine Welterklärungsdogma (Darwin) mit dem andern (Schöpfungslehre) in Konkurrenz. Perfekt postmodern.

5. Humor - oder: die Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das ist zwar blöd, dennoch nicht ganz falsch. Humor ist der exzellente Sinn fürs Zwiespältige im Menschenleben. Ein Sinn fürs Ungereimte im Menschlich allzu Menschlichen. Und zwar so, dass er sich diesen Ungereimtheiten lachend stellt. Anders als der Fanatiker, der sie nicht erträgt - und gewaltsam beseitigen will. Und anders als der Zyniker, der seinen Sinn für Ungereimtheiten abstumpft. Der Zyniker grinst, der Fanatiker schäumt. Leute mit Humor bleiben wach für die Unstimmigkeiten - und suchen die Spannung zwischen dem, was ist, und dem sein sollte, produktiv spannend zu machen.

Journalistisch nimmt dieser Humor sehr unterschiedliche Formen an. Mich bringt stets zum Lachen, wie der "Blick" gewisse Pseudo-Sensationen aufmacht, den Kitsch auf die Spitze treibt und ihn gleichzeitig knickt. Beispiel: Am 1. März verlobte sich Anna Kurnikowa, das Sexygirl auf dem Tennisplatz. "Blick" beschreibt das so: "Männer, haltet euch fest! Anna Kurnikowa, das heisseste Girl in der Welt des Sports, ist vergeben... In einem In-Restaurant in Miami passierte es. Pavel Bure, der Hockey-Gott, fiel auf die Knie, reichte der blonden Schönheit ein Rose und fragte: Willst du mich heiraten? Tennis-Zuckerhexe Anna hauchte bloss: Ja." - Das finde ich hinreissend. Absoluter Kitsch. Doch die erheiternde Verkitschung bricht den falschen Ernst.

Ein ganz anderes Beispiel. Als das erste Computer-Virus "I love You" grassierte, gab es grosso modo zwei Reaktionen. Die einen schäumten (z.B. FAZ): Terroristen, Polizei, Strafverfolgung! Andere grinsten (z.B. Süddeutsche): "Viren sind menschlich". Das klassische Rollenspiel zwischen Fanatikern und Zynikern. Die "Weltwoche" versuchte es mit Humor: Das Problem sind nicht eigentlich die Viren, gegen die ohnehin kein Kraut gewachsen ist. Das Problem ist die Hohlköpfigkeit einer Zivilisation, die ihr gesamtes Wissen in digitale Speicher füttert. Und nun in Dauerpanik lebt, dieses ausgelagerte Wissen könne abhanden kommen. Was auch jederzeit passieren kann. Weshalb es für das Problem nur eine Lösung gäbe: die Umverteilung des Wissens von den Speichern in die Köpfe. - Das war zwar nicht umwerfend lustig. Der Humor aber steckte darin, dass die angebotene Lösung (das Wissen zurück in die Köpfe!) gleichzeitig ein Witz ist (weil sowieso keiner daran glaubt) - und bitterernst (weil keine andere Lösung das System sicher macht). Humor hält die Ungereimtheit aus: in diesem Falle die Ungereimtheit zwischen Sicherheitsbedürfnis und prinzipieller Unsicherheit.

Jetzt aber Schluss. Das Ganze war nicht als Lektion gedacht. Wenn ich Ihnen meine Geschmacks-These gerne vorgetragen haben, dann nicht aus Belehrungs-Ambitionen, sondern aus purem Eigennutzen. Ich finde: In Gesellschaft geschmackstüchtiger Menschen lässt es sich ganz einfach besser leben. Vergnügter, neugieriger, ernster, heiterer, genussreicher, eleganter. Und ganz ohne anstrengende Moral.

Ludwig Hasler

 

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