Hertha Ochsner war 81, als sie starb. Die Wohnung, in der sie gelebt hat, die Dinge, die sie benutzt, und die Kleider, die sie getragen hat: Ursula Müller dokumentiert diese Spuren in einer eindrücklichen Arbeit. Ihre Fotos sind seit 12. April in der neuen MAZ Galerie zu sehen, unter dem Titel «Was bleibt?»
Ursula Müller hat die Protagonistin ihres Projektes nicht persönlich gekannt. Hertha Ochsner war die Mutter einer Nachbarin. Nach ihrem Tod durfte die Fotografin sie doch noch kennenlernen, auf ganz eigene Weise: durch ihre Räume, ihre Kleider, durch die Gegenstände des Alltags.
Es ist, als würden diese Dinge des alltäglichen Gebrauchs posthum geadelt durch die Fotos von Ursula Müller. Wir machen uns ein Bild von Hertha Ochsner. Eine Frau mit klaren Vorstellungen wird sie gewesen sein. Wohl eher asketisch, aber mit einem Sinn für Ästhetik. Und mit einer Schwäche für Schuhe und Kleider von Qualität. Sie hielt diese Schwäche stets unter Kontrolle, denn: Geld für Luxus war in diesem Haushalt nicht vorhanden, sagen uns die Bilder. Ein Besuch bei Harrods in London, von dem eine Einkaufstasche zeugt, dürfte eine grosse Ausnahme in einem arbeitsreichen Leben gewesen sein.
Die Ausstellung dokumentiert nicht nur einen Ausschnitt aus Hertha Ochsners Alltag. Sie zeigt auch eine Welt, die es bald nicht mehr zu sehen gibt, weil mit dieser Generation auch ihre typischen Wohnungen und Möbel verschwinden. Wir sehen Elektroleitungen über Tapeten verlegt. Eine Seifenschale mit Nagelbürste. Über den Ehebetten ein Heiligenbild hinter Glas, exakt gemittet. Und auf einer Pinwand aus Kork eine Meldung, aus der Zeitung gerissen: «Gymnastische Übungen gegen Hexenschuss».

Sylvia Egli von Matt, Direktorin MAZ
«Ich meine, Hertha Ochsner schon irgendwie zu kennen», sagte Sylvia Egli von Matt zur Ausstellungseröffnung. «Sie hat einfach, ästhetisch und sorgfältig gelebt». Die MAZ-Direktorin betonte den Stellenwert, den die Fotografie seit über zehn Jahren am MAZ einnimmt. «Und sie gewinnt weiter an Bedeutung in Zeiten des visuellen Journalismus».
Für Reto Camenisch, Studienleiter Redaktionelle Fotografie, markiert «Was bleibt?» auch den Start der MAZ Galerie, dem von ihm entwickelten neuen Ausstellungsprojekt. Es geht dabei um die «Auseinandersetzung mit fotografischen Positionen zwischen Redaktioneller Fotografie und bildender Kunst.» Zeitgenössische Fotografinnen und Fotografen sollen eine Plattform erhalten, aber auch in Archiven verschwundene Bilder.
Ein wichtiges Standbein des Projekts sind Partner, welche die MAZ Galerie nicht nur materiell, sondern vor allem auch ideell unterstützen: «Sie alle zeichnen sich durch eine Leidenschaft für Fotografie aus. Und sie sind untereinander vernetzt, arbeiten teilweise zusammen,» sagt Camenisch. Ein Beispiel: So porträtiert Camenisch seit fünf Jahren jene Weinproduzenten, die an die Weinhandlung am Küferweg liefern. Diese wiederum arbeitet mit der Engelberger Druckerei zusammen, die den Katalog der Ausstellung gestaltet. Und wenn Camenisch bald auch Fotografien ausstellen will, die in Archiven schlummern, dann denkt er nicht zuletzt an die Agentur Keystone und ihr Glasplatten-Negativ-Archiv.

Reto Camenisch, Studienleiter MAZ, und Ursula Müller, Fotografin
Ursula Müller
«Ich habe Hertha Ochsner nicht gekannt. Gesehen habe ich sie vier oder fünf Mal vielleicht, im Vorbeigehen, in ihrem dunkelgrünen Mantel, das graue Haar hochgesteckt», sagt die Fotografin über die Protagonistin ihrer Arbeit. «Und doch durfte ich sie kennenlernen, auf ganz eigene Weise. Durch ihr Haus nämlich, die Räume, die sie bewohnte...» Ursula Müllers Fotografien zeugen vom sorgfältigen Umgang und Blick einer Fotografin, die ihr eigenes Wesen unaufdringlich und zurückhaltend in die Bilder einzubringen vermag.


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