| Liebe Kolleginnen und Kollegen,
geschätzte MAZ-Leitung, werte Gäste.
Ich wurde gefragt, hier aus der Sicht von uns Abgeschlossenen etwas zu
sagen. Dazu habe ich mir ein paar Sachen aufgeschrieben. Obwohl es sich
dabei um einen Text handelt, möchte ich betonen: Es gilt das gesprochene
Wort.
Schnupperkurs im Medienpalast
An prächtiger Lage, in einer Villa mit Bucht am Vierwaldstättersee,
haben 35 junge JournalistInnen zwei Jahre lang die Facetten der
Medienlandschaft erkundet.
Was sie daraus für Schlüsse ziehen, bleibt ihnen selbst überlassen.
Der Studierende betritt den Medienpark des MAZ durch eine eiserne
Pforte. Hinter sich lässt er die heimatliche Hektik seiner Redaktion und
einen Bus, mit Erstklässlern vollgestopft. Vor sich sieht er erstmals die
ganze Palette der journalistischen Ausdrucksmöglichkeiten - in Form einer
steil abfallenden Allee.
Hier wachsen sie alle, die Bäume des nationalen Publikationswaldes. Die
einen links, die anderen rechts. Die mächtige Eiche des Staatlichen
Fernsehens. Daneben dünnere Privatradio- und Lokalblatt-Espen. Grosse
Monopolbuchen, die den kleinen in der Sonne stehen. Es hat auch Lücken
dazwischen. Dann hochgeschossene Hochglanzmagazin-Pappeln, zum Teil frisch
umgepflanzt und zurecht geköppelt.
An all diesen potentiellen Arbeitgebern orientiert sich der junge
Journalist, während er ehrfurchtsvoll zum Herz des Medienparks, der Villa
Krämerstein wandelt.
Der Eingang zum Journalismus! - voller Enthusiasmus tritt er ein.
1. Lektion: Journalistisches Texten I.
Die Fächer heissen Texten I und Texten II, Interview mit Block, mit
Mikrofon und vor der Kamera. Man lernt sprechen, telefonieren und
fotografieren. Auch Ethik gibts, Gottseidank! Und eine rechte Portion
Medienrecht. Von der Globalisierung ganz tief unten in der dunklen
Bibliothek geht es sportjournalistisch drei Treppen hinauf bis zu den
hellen Grundkursen in Demokratie. Dort verkünden auch Stargäste ihre
Weisheiten: Darunter ein feuriger Altbundesrat, der einst freudig
herrschte. Ein zukünftiger Berliner Ex-Botschafter, sowie ein frisch
gebackener Parteipräsident, der sich freisinnig als Lokomotivführer
bezeichnet.
So viel wertvoller Stoff kommt da zusammen, dass unser angehender
Journalist ein paar Schadstoffe braucht. Es zieht ihn für eine Zigipause
an die frische Luft. Atem und Stimme, heisst der Kurs dazu.
Ein Schaufenster der Karrieren
Auf dem Balkon sieht er erstmals auch die Kehrseite der MAZ-Medienfabrik.
Aha, das erwartet ihn also, wenn er da durch ist: Unendliche Weiten.
Der breite journalistische Horizont eines Diplomierten. Ein paradiesisches
Panorama - kaum in eine Bildlegende zu fassen. Hinten, weit ennet dem See,
die unerforschten Rigimassive der Reise- und Auslandreportagen. Rechts
ragt hoch oben: der Gipfel des Bürgenstocks (der politische Leitartikel).
Daran angelehnt ist seine hübsche Schwester, die Kolumne (der
Bürgenstocklift).
Vor solchen Aussichten entschliesst sich der junge Schreiber, die
folgenden Lektionen zu überspringen. Mut zur Form, hiess mal ein Kurs. So
wagt er sich für eine praktische Recherche in den Park. (Schliesslich ist
der Eintrittspreis im Kursgeld inbegriffen).
Die Medienlandschaft unter der Lupe
Hartnäckig und aufsässig recherchiert er sich durch die verschlungenen
Pfade. Scharf beobachtet er die mediale Fauna und Flora. Blüht auf dieser
mit Verlautbarungen übersäten Wiese vielleicht ein Primeur? Oder ist
hinter dem verschwiegenen Busch ein grausiger Skandal vergraben? Kritisch
betrachtet er die giftigen Tendenzen, die da wuchern. Er bestimmt
journalistische Auswüchse und Blühten: Verdrehte Heucheleien, haltlose
Unterstellungen. Und die blutigroten, pietätlosen Rosen. Unten am Ufer
blühen Gefälligkeiten. Als er eine pflücken will, sticht ihm ein übler
Geruch in die Nase.
Voller Abscheu springt er in den See des redaktionellen Alltags.
Das Wasser ist zuerst erfrischend, aber bald schon etwas lau.
Der junge Journalist versucht, alle Enten grossräumig zu umschwimmen und
verdrängt den Gedanken, dass in der Tiefe der Druckteufel lauert.
Erleichtert atmet er auf, als er wieder Boden unter den Füssen hat.
"Feet back", nennt man das.
Mittagstisch im Pförtnerhaus
Das Lernen und Recherchieren macht hungrig, und unser junger Journi begibt
sich zum Essen in die Kantine. Auf dem Menü steht währschafter Boulevard
an einer formatierten Radiosauce.
Zum Dessert eine saftige Portion Sex & Crime.
Mm, schon lange nicht mehr gehabt, denkt er sich und schlägt sich den
Magen voll. Doch der Magen schlägt voll zurück.
So ist er gezwungen, den Rest des Tages verdauend auf der Terrasse zu
verbringen. Dort sonnt er sich in Satire und Rethorik-Kursen, telefoniert
mit seinem Meersäuli und übt sich im porträtieren von Dozenten.
Im Park spielt eine glückliche Gruppe Kollegen -
eine Schreibwerkstatt.
Meine Redezeit ist leider um, für die Moral bleibt kein Platz mehr,
sonst ist der Wortanteil zu hoch.
Wie es weiter geht, müsst ihr euch selbst zusammen reimen.
Claudio Zemp, dipl. Jour. MAZ, 20. Juni 2002 |
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